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eISBN: 978-3-649-63105-7

© 2018 für die deutschsprachige Ausgabe

Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG, Hafenweg 30, 48155 Münster

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise

Originalcopyright:

SON OF THE BLACK STALLION © 1971 by Walter Farley

Copyright renewed 1999 by Rosemary Farley, Steve Farley, Alice Farley, and Tim Farley

Copyright © 2015 Farley Enterprises LLC, all rights reserved worldwide

Aus dem Amerikanischen von Marga Ruperti

Umschlagillustration: Bente Schlick

Umschlagtypografie: Britta Paus

Lektorat: Sara Mehring

Satz: Arnold & Domnick

www.coppenrath.de

Walter Farley

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DER SOHN DES SCHWARZEN HENGSTES

Aus dem Amerikanischen von Marga Ruperti

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Inhalt

DER SOHN DER WÜSTE

DER LANG ERSEHNTE BRIEF

UNHEIMLICHE AUGEN

VULKAN

DER KAUFVERTRAG

DER ERSTE TAG IN FREIHEIT

SCHWELENDE GLUT

RÜCKSCHLAG AUF WILDE AHNEN

DER ZWEITE JANUAR

KILLER

PETER BOLDT

EIN KAMPF AUF TOD UND LEBEN

MIT HÄNGENDEM KOPF

DAS TRAINING BEGINNT

DIE PEITSCHE

DAS SANFORD-RENNEN

PETER BOLDTS PLAN

ALECS MUTTER GREIFT EIN

HEUTE IST DER TAG!

DAS GROSSE RENNEN

image DER SOHN DER WÜSTE

Seit Tagen ritt der kleine Beduinentrupp durch die unendliche Weite der Großen Arabischen Wüste. Das gleichmäßig-rhythmische Trappeln der Pferdehufe hinterließ eine Wolke von aufgewirbeltem Sandstaub. Die weiß gekleideten Gestalten ritten in zwangloser Reihenfolge neben- und hintereinander und sie hielten auch ihre Gewehre nicht mehr schussbereit, denn die Gefahr eines plötzlichen Überfalls durch räuberische Banden lag hinter ihnen. Unmittelbar vor ihnen lag ihr Ziel: Aden, die Hafenstadt am Roten Meer.

Die zwanzig Reiter saßen ruhig und aufrecht im Sattel, während sich ihre Pferde mühelos durch den Sand bewegten und auf ihren Gebissen kauten, als wären sie ungeduldig, endlich losjagen zu dürfen, nachdem sie seit so vielen Tagen zu langsamer Gangart gezwungen worden waren. Die Reiter schienen ebenso ungeduldig wie ihre Schimmel, Rappen, Grauen und Braunen, denn zehn Tage hatte es sie gekostet, die Große Arabische Wüste zu durchqueren, zehn volle Tage! Bei anderen Reisen von dem fern im Gebirge gelegenen Reich ihres Scheichs Abu Jakub ben Isaak bis zur Küste hatten sie nur vier gebraucht! Zehn Tage waren sie diesmal ununterbrochen geritten; nur zu den Gebetsstunden hatten sie kurz angehalten, um sich kniend gegen Mekka hin zu verneigen mit dem ehrfurchtsvoll gemurmelten Gebet: „Allah ist Allah, und Mohammed ist sein Prophet!“ Dann waren sie gleich wieder im Sattel, die geschmeidigen Körper in die weißen Gewänder gehüllt, die sie vor dem staubfeinen Sand schützten. Und während sie so dahinritten, gingen ihre Augen von ihrem Scheich, der ihnen auf seinem mächtigen schwarzen Hengst Scheitan voranritt, zu dem kleinen schwarzen Fohlen, das dem Hengst wie ein Hündchen folgte. Hin und wieder zerrte es aufsässig an dem langen Lederriemen, den der Scheich an seinem Sattel befestigt hatte. Dieses Fohlen war es – auf seinen hohen, noch schonungsbedürftigen dünnen Beinen –, dem zuliebe dieser Ritt, der für die Schnelligkeit gewohnten Wüstenreiter so anstrengend langweilig war, unternommen wurde! Wegen des schwarzen Fohlens und seines Vaters, des berühmten schwarzen Hengstes Scheitan, hatten sie außerdem während der ganzen Reise ihre Waffen schussbereit halten müssen. Beide waren für die Beduinen von schier unschätzbarem Wert, und es lag daher nahe, dass ein anderer Stamm den Versuch machen würde, den Hengst und seinen Erstgeborenen zu rauben. Aber Scheich Abu Jakub ben Isaak und seine Männer waren wachsam gewesen und jetzt war der gefährliche Teil der Reise vorbei. Sie hatten den Hafen von Addis erreicht und damit das Schiff, mit dem das Fohlen über das weite Meer nach Amerika gebracht werden sollte.

Als sie sich der Vorstadt näherten, hob der Scheich sein Gewehr hoch in die Luft und hängte es sich danach über die Schulter – es war das Zeichen für seine Männer, dasselbe zu tun. Dann bildeten sie eine Doppelreihe und ritten so die Straße entlang, die zum Hafen führte, und zu dem Schiff, das den Sohn Scheitans erwartete.

Nachdem die „Königin von Indien“ im Hafen von Aden vor Anker gegangen war, waren zwei Heizer über die aus dem Kesselraum an Deck führende eiserne Leiter heraufgeklettert, um Luft zu schöpfen. Der eine wischte sich mit seiner kohleverschmierten Hand über die schweißnasse Stirn und hinterließ dabei einen schwarzen Streifen.

„Hier ist es ja genauso heiß wie unten, Morgan!“, stöhnte er, während beide an die Reling gingen und sich müde darauf stützten. Unter ihnen auf dem Kai herrschte lebhaftes Treiben. Händler riefen ihre Waren aus. Dockarbeiter, müßige Gaffer, Hafenbeamte quirlten durcheinander. Kamele und Esel, schwer beladen mit den Waren des Landes, wurden durch das Gewühl getrieben. Die hellen, kreischenden Stimmen der Treiber schrillten durch die Luft.

„Sie erinnern mich an die Lockvögel vor den Vergnügungsbuden in Coney Island, Harrity“, sagte der Heizer Morgan voller Heimweh.

Harrity antwortete nicht, denn sein Blick war die lange, enge Straße entlanggewandert, die vom Kai in die Stadt hineinführte, und er hatte dort den Reitertrupp entdeckt, der auf das Schiff zukam. Selbst aus dieser Entfernung konnte man feststellen, dass die Männer, die in den Sätteln saßen, den übrigen Einheimischen nicht glichen. Die Reiter sahen weder nach rechts noch nach links, sondern hochmütig geradeaus. Die Hufe ihrer Pferde klapperten auf den Steinen. Nur kurz musterte Harrity sie und ihre flatternden weißen Gewänder; dann wurden seine Augen von den herrlichen Pferden gefesselt, die sie ritten. Er hatte Berichte über solche Pferde gelesen, die den gefürchteten, wenig bekannten Beduinenstämmen gehörten, den Königen der Wüste. Doch noch nie während all der Jahre, die er an den Küsten Arabiens mit seinem Steamer entlanggefahren war, hatte er diese sagenhaften Reiter zu Gesicht bekommen. Bis heute! Als sie näher kamen, fiel Harritys Blick auf den großen schwarzen Hengst, den der Führer des Trupps ritt. Nirgendwo auf der Welt hatte er jemals ein Pferd gesehen, das diesem glich, dachte er bewundernd. Es war größer als alle anderen und sein muskulöser Körper war eine Augenweide! Wie würden diese Hufe donnern, wenn sie in vollem Galopp dahinrasten!

Er hörte Morgan sagen: „Sieh doch mal dort, die Beduinen!“

Ohne den Blick von dem Rappen zu lösen, gab er zurück: „Sieh dir vor allem ihre Pferde an, ihre herrlichen Pferde!“

„Donnerwetter!“, staunte der andere. „Und ich dachte, die Vollblüter auf den Rennplätzen zu Hause in Amerika wären die schönsten Pferde der Welt!“

„Bis heute hab ich das ebenfalls geglaubt!“ Harrity holte tief Luft. „Wirf einen Blick auf den schwarzen Hengst an der Spitze, Morgan! Ich will meinen Hut fressen, wenn es ein schöneres Pferd auf der Welt gibt. Und Temperament hat er! Sieh bloß den kleinen Kopf mit den wilden Augen! Morgan, schau! Jetzt bäumt er sich auf, er will nicht näher an die Menschenmenge heran! Der Araber auf seinem Rücken scheint wirklich ein guter Reiter zu sein, aber diesem Teufel ist er kaum gewachsen und der weiß das! Siehst du, was ich gesagt habe: Sie müssen anhalten, er kann ihn nicht bändigen! Er wird absteigen müssen!“

Plötzlich merkte Harrity, dass die schrillen Stimmen der Händler und der übrigen Einheimischen verstummt waren. Der Hafen war fast unnatürlich still. Offenbar hatten jetzt alle die Beduinen bemerkt. Einige hatten sich aus der Menge gelöst und waren auf den Reitertrupp zugelaufen, doch waren sie respektvoll ein Stück davor wieder stehen geblieben. Kein Zweifel, dass ihnen die Reiter bekannt waren.

Harritys Blick verweilte noch immer auf dem schwarzen Hengst und dem weißbärtigen Scheich, der tatsächlich abgesessen war und jetzt neben ihm stand. Das Pferd schnaubte unwillig, stieg, keilte aus, er ließ es sich austoben und passte den richtigen Moment ab, es wieder unter Kontrolle zu bekommen.

„Ein schwarzer Teufel!“, murmelte Harrity. „Ein ungezähmter schwarzer Teufel!“

„Ja.“ Morgan machte eine kurze Pause und sagte dann: „Und hast du schon den kleinen Schwarzen hinter dem großen bemerkt? Der ist auch kaum zu bändigen.“ Harrity hatte gar nicht auf das Fohlen geachtet, doch jetzt sah er es. Einer der Beduinen hatte große Mühe, es zu halten, es stieg und bäumte sich auf und seine kleinen Hufe trommelten zornig auf den Boden. Es war vielleicht fünf Monate alt. Unruhig tänzelte es hin und her und versuchte, von dem Mann wegzukommen, der es hielt, es schien dem großen Hengst alle Unarten nachzumachen. Der Beduine war es offensichtlich gewohnt, mit ihm umzugehen, denn er wich den kleinen Hufen geschickt aus, bekam es dann fest am Kopf zu packen und beruhigte es.

„So wie die zwei sich aufführen“, sagte Morgan und lachte, „sind es wohl Vater und Sohn!“

Harrity meinte, er glaube das auch, denn sie glichen sich auch äußerlich wie ein Ei dem andern: beide kohlschwarz bis auf ein kleines weißes Abzeichen auf der Stirn des Fohlens, beide wundervoll gebaut.

Der Beduine führte das junge Pferd jetzt von der Gruppe fort auf die „Königin von Indien“ zu.

„Holla!“, rief Morgan aufgeregt. „Das sieht ja fast so aus, als ob der Kleine auf unser Schiff gebracht würde!“

„Kann gut sein“, mutmaßte Harrity. „Wenn Beduinen hierherkommen, haben sie ganz sicher einen besonderen Grund. Also wollen sie vielleicht das Fohlen nach Amerika schicken!“

Die Einheimischen hatten eine Gasse gebildet und der Beduine führte das junge Pferd hindurch. Es wieherte und bäumte sich auf, fügte sich dann aber, als sein Führer es fest am Halfter packte und dabei wieder geschickt den schlagenden Hufen auswich.

„Na, der Bursche kann mit wilden Pferden umgehen!“, stellte Morgan fest, während sie die Szene beobachteten.

„Ja“, pflichtete Harrity bei, „obwohl das Tier ja noch zu jung ist, um ihn ernstlich zu verletzen.“

„Es hätte schon Kraft genug, um ihm ordentlich eins auszuwischen“, meinte Morgan. „Ich möchte jedenfalls kein Andenken von ihm verpasst kriegen! Wenn sich das Bürschchen jetzt schon so gebärdet, stell dir vor, wie es in ein paar Monaten sein wird, wenn es größer und kräftiger geworden ist!“ Morgan verstummte, seine Augen gingen zu dem großen schwarzen Hengst zurück, der erregt um den weißbärtigen Scheich herumtanzte. „Mir scheint“, fuhr er dann fort, „der Kleine wird mal genauso teuflisch wie sein Vater. Na, ich halte mich doch lieber an die Netten und Zahmen!“

Kurz bevor der Beduine mit dem Fohlen die Gangway des Schiffes erreichte, begann der kleine Kerl wieder zu toben. Wieder ließ der Beduine das Fohlen erst gewähren, um dann im richtigen Augenblick den Halfterstrick kurz zu fassen; doch dieses Mal fletschte es die Zähne, als es die Vorderhufe wieder auf den Boden setzen musste, und biss nach dem Mann. Kein Schmerzenslaut kam von den Lippen des Beduinen, als die Zähne des Fohlens sich in seine Schulter gruben; nur die in der Nähe stehenden Leute konnten erkennen, dass er unter seiner dunklen Haut erblasste. Mit ruhigem, festem Griff packte er das Maul des Fohlens und machte sich frei.

Der Scheich hatte einem seiner Männer einen Wink gegeben, daraufhin eilte dieser dem anderen zu Hilfe. Er ergriff das Halfter von der anderen Seite, worauf beide das Fohlen über die Gangway in die Laderäume des Schiffes führten.

„Das war’s dann also“, murmelte Morgan, „verladen als Frachtgut für New York! – Da bin ich aber neugierig, wer der glückliche Empfänger ist!“, fügte er ironisch hinzu.

„Ich auch“, stimmte Harrity zu. „Wie ich gelesen habe, schätzen diese Beduinen ihre Pferde höher als ihr Leben. Nur ganz selten verlassen gute Pferde Arabien.“

„Also kann’s sein, dass das Fohlen gar nichts taugt“, grübelte Morgan. „Aber vor allem würde ich zu gerne wissen, wem die Wüstensöhne diesen kleinen Wildfang zugedacht haben! Es ist bestimmt keiner zufällig vorbeigekommen und hat ihnen mal eben ein Pferd abgekauft. Ich gehe kurz runter und erkundige mich, was es damit auf sich hat. Sam ist im Laderaum, der wird’s schon wissen.“

Bald nachdem Morgan gegangen war, tauchten die beiden Beduinen wieder auf, schritten schnell über die Landebrücken und eilten, ohne sich umzusehen, zu der Reitergruppe zurück. Dort sprachen sie einige Worte mit dem Scheich und bestiegen dann ihre Pferde. Schweigend verharrte der Trupp an Ort und Stelle, bis die letzte Fracht im Bauch der „Königin von Indien“ verstaut war und die Dockarbeiter die Trossen gelöst hatten, mit denen das Schiff am Kai vertäut war.

Harrity hätte eigentlich längst wieder unten im Kesselraum sein müssen, aber der Anblick der Beduinen, die wie Statuen gelassen auf ihren prächtigen Pferden saßen, ließ ihn nicht los. Das Schiff hatte sich bereits vom Kai gelöst, als Morgan zurückkam.

„Sam hat mir alles gesagt, was er selber wusste“, berichtete er. „Du wirst staunen! Das Fohlen ist nicht etwa für eins der großen Gestüte in Kentucky bestimmt, sondern für einen jungen Menschen namens Alec Ramsay. Und stell dir vor: Er wohnt in dem New Yorker Vorort Flushing! Na! Das ist nicht viel anders, als wenn der kleine Wildhengst in mein Viertel käme – nach Brooklyn!“

„Doch! Ganz anders!“, widersprach Harrity. „Flushing ist viel kleiner und liegt weiter draußen! Hat auch mehr Platz, wo sich ein Pferd tummeln kann.“

Sie wandten sich der Luke zu, von der aus eine Leiter in den Kesselraum hinunterführte. Harrity blieb plötzlich stehen. „Alec Ramsay hast du gesagt?“

„Ja, so heißt der Empfänger. Warum fragst du?“

„Dieser Name. Den habe ich schon mal irgendwo gehört“, sagte Harrity mehr zu sich selbst als zu Morgan, wandte sich noch einmal um und blickte zu dem großen schwarzen Hengst zurück. Der Scheich war inzwischen wieder aufgesessen, aber der Trupp verharrte noch immer am gleichen Fleck. Der Hengst hielt den Kopf hoch, seine Ohren spielten und er blickte wie die Reiter dem abfahrenden Schiff nach. Dann warf er den Kopf noch höher und ließ ein schrilles Wiehern ertönen, das in der unbewegten heißen Luft widerhallte. Der Schrei eines Wildhengstes! Etwas Ähnliches hatte Harrity noch nie gehört. Und die Menschen auf dem Schiff und im Hafen vermutlich ebenso wenig. Es war ein langer hoher Schrei, der einem durch Mark und Bein fuhr, geisterhaft und erschreckend.

Morgan war gleichfalls stehen geblieben. „Was war denn das?“, fragte er. „Kam der Ton etwa von dem schwarzen Hengst?“

Harrity nickte stumm. Morgan sagte: „Das war seltsamer als alles, was wir jemals in Indien gehört haben.“

Sie sahen jetzt, wie sich der Rappe auf der Hinterhand erhob, bis er fast senkrecht stand. Der auf ihm sitzende Scheich presste seine langen Beine wie Stahlklammern um den Körper des Pferdes, das im Herunterkommen mit den Vorderhufen in die Luft schlug und schnaubte. Dann schrie es noch einmal. Sein Reiter gab jetzt mit der Hand ein Zeichen, auf das hin seine Männer ihre Pferde wendeten. Während der Beduinentrupp die Straße zurückritt, die sie wieder in die Wüste führte, hörten die beiden Heizer den angstvollen Antwortschrei des Fohlens, der aus der Box unten im Laderaum des Schiffes kam.

Morgan sagte: „Ich glaube, das war das Ende der Vorstellung. Also los, an die Arbeit.“

Harrity nickte und folgte ihm gedankenverloren. Sie waren gerade zur Hälfte die Eisentreppe hinuntergestiegen, da blieb er plötzlich stehen, packte Morgan am Arm und rief halblaut: „Jetzt weiß ich es wieder! Erinnerst du dich noch an unsere Fahrt vor anderthalb oder zwei Jahren, als plötzlich einer unserer Kessel versagte und wir mit halber Kraft langsam nach New York zurückschleichen mussten, um ihn zu reparieren?“

„Daran erinnere ich mich gar nicht gern“, brummte Morgan, „denn sie schoben uns die Schuld in die Schuhe!“

Harrity schüttelte den Kopf: „Darum geht es jetzt nicht. Wir kamen gerade rechtzeitig in den Hafen, um die Nachrichten über ein außergewöhnlich spannendes Rennen mit anzuhören, das in Chicago gelaufen wurde. Ich weiß es noch genau, Morgan, denn jeder, mit dem man sprach, war daran interessiert. Alle Zeitungen waren voll davon, man kam an keinem Radio vorbei, ohne die neuesten Meldungen zu hören.“

Morgan nickte: „Ja, jetzt fällt es mir wieder ein. Das Rennen war angesetzt worden, um die beiden Favoriten gegeneinander laufen zu lassen, Donnerkeil und Zyklon. Junge, konnten die rennen! Hatten bis dahin jeden Rekord gebrochen!“ Ohne auf Harritys Antwort zu warten, fuhr er fort: „Alles sprach davon und fragte sich, was wohl passieren würde, wenn diese beiden Feger in Chicago aufeinandertreffen würden. Dann kam das große Rennen und …“ Morgan runzelte die Stirn und fing Harritys Blick auf. „Und dann … und dann … jetzt weiß ich es wieder! Keiner von ihnen hat gewonnen! Sie wurden beide von diesem Wunderpferd geschlagen, das erst in letzter Minute gemeldet worden war. Der Name liegt mir auf der Zunge …“

Als Morgan verstummte, fiel Harrity ein: „Das Pferd hieß Blitz, Morgan! Und es wurde von einem jungen Kerl geritten, der Alec Ramsay hieß!“ Harritys Stimme überschlug sich vor Erregung. „Und dieser Blitz, ein schwarzer Hengst, rannte Zyklon und Donnerkeil in Grund und Boden.“

„Ja, so war es! Du hast recht!“, fiel Morgan ein. „Alec Ramsay war der Name! Und dann gab es noch eine seltsame Geschichte, wie er zu dem schwarzen Hengst gekommen war. Die Zeitungen machten das alles groß auf!“

„Stimmt! Und wir haben guten Grund, uns daran zu erinnern“, sagte Harrity, seine Stimme senkend. „Der Junge war auf der ‚Drake‘ aus Indien zurückgekommen, die vor der portugiesischen Küste in einem Sturm mit Mann und Maus sank. Der schwarze Hengst war an Bord gewesen, eingeladen in Aden … dem Hafen, in dem wir eben waren. Und das Pferd rettete dem Jungen das Leben, indem es ihn an einem Strick durch die tobende See bis zu einer der kleinen unbewohnten Inseln vor der portugiesischen Küste zog. Ungefähr einen Monat später, nachdem bereits alle Hoffnung aufgegeben worden war, noch einen der Schiffbrüchigen lebend zu bergen, wurden der Junge und das Pferd gefunden und nach New York gebracht.“

„Später dann nach Flushing“, fügte Morgan hinzu. „Alec Ramsay, Flushing bei New York.” Er deutete mit einer Kopfbewegung in Richtung Laderaum: „Und genau dahin reist dieser kleine Teufel hier!“ Morgan kletterte die Treppe weiter hinunter, gefolgt von seinem Freund. „Hast du später noch einmal etwas von diesem Alec Ramsay und seinem Pferd gehört?“, fragte er. „Nach jenem Rennen, meine ich?“

„Nein“, erwiderte Harrity. „Als unser Kessel wieder in Ordnung war, traten wir doch diese lange afrikanische Reise an. Ich habe gar nichts mehr gehört.“

„Ich dachte nur gerade an diesen schwarzen Hengst, den wir im Hafen gesehen haben“, murmelte Morgan. „Er sah genauso aus, wie ich mir diesen Blitz immer vorgestellt habe. Nach allem, was ich über ihn gelesen habe, jedenfalls.“

Harrity zuckte die Schultern. „Ich habe genau dasselbe gedacht wie du, aber es kann nicht stimmen, denn das Pferd kann ja nicht gleichzeitig in Arabien und in Flushing sein! Und was ist mit dem kleinen Schwarzen unten im Laderaum? Wo kommt der ins Spiel?“

„Vergiss es!“, riet Morgan. „Wir haben Arbeit genug bis New York, da kannst du dich nicht noch mit Rätselraten abgeben. Ich jedenfalls bin heilfroh, dass ich Morgan heiße und nicht Ramsay – diesen Satansbraten da unten wollte ich nicht mal geschenkt haben.“

„Hast ganz recht“, gab Harrity zu, „ich sehe mir Rennpferde auch lieber von der Tribüne aus an! Nein, dieser Alec Ramsay ist nicht zu beneiden!“

image DER LANG ERSEHNTE BRIEF

„Wohnt hier ein Alec Ramsay?“, fragte der Mann die untersetzte kleine Frau, die gerade die Stufen zur Veranda ihres Hauses herunterkam.

„Ja, er wohnt hier. Aber er ist im Moment nicht daheim!“, antwortete sie, während sie ihre Einkaufstasche an den Arm hängte.

„Ich bringe ein Einschreiben für ihn“, erklärte der Mann und hielt ihr einen großen Umschlag hin.

„Ich unterschreibe für ihn!“, erbot sich die Frau.

„Sind Sie seine Frau?“

„Nein“, sagte sie lachend, „seine Mutter!“

„Entschuldigen Sie bitte!“ Der Bote grinste und reichte ihr sein Quittungsbuch. „Sicher ein sehr wichtiger Brief, der eine weite Reise hinter sich hat.“ Er betrachtete den Umschlag und fuhr fort: „Er kommt aus Arabien! Von jemand, der Abu Jakub ben Isaak heißt! Was für ein monströser Name.“

Bei den Worten des Boten verlor sich das Lächeln um den Mund der Frau.

„Stimmt was nicht?“, fragte der Bote, als sie den Umschlag entgegennahm. „Nein“, antwortete sie, noch immer auf den Umschlag blickend, „…es ist schon gut.“ Sie wandte sich zum Haus und fügte hinzu: „Vielen Dank.“

Langsam ging sie zum Haus zurück und die Stufen hinauf, um den Brief, ohne noch einen Blick darauf zu werfen, auf einen kleinen Tisch auf der Veranda zu legen.

Einen Augenblick lang blieb sie nachdenklich davor stehen, bevor sie das Haus wieder verließ. An der Tür sprang ihr ein kleiner Hund mit braunem Zottelfell bellend entgegen und versuchte, mit der Nase die Fliegentür aufzudrücken. Sie lächelte, machte die Tür auf und sagte: „Lauf, Sebastian, such Alec! Sag ihm, dass die Nachricht gekommen ist, auf die er schon so lange wartet!“

Als ob der kleine Kerl sie verstanden hätte, rannte er mit fliegenden Ohren in der Richtung davon, in der er seinen jungen Herrn zu finden hoffte. Die Frau sah dem Hund nach, wie er die Stufen hinunter und über den Hof flitzte, und ging dann davon, um ihre Einkäufe zu erledigen.

Sebastian rannte, so schnell ihn seine kurzen Beine trugen, über die Straße bis zu dem hohen Eisenzaun, der ein ausgedehntes Gelände mit einem Stallgebäude umgab. Dort schnüffelte er und fand eine Stelle, die unten einen schmalen Zwischenraum ließ. Sein Kopf passte leicht durch, aber dann steckte er fest. Er hielt einen Augenblick inne, halb drin, halb draußen. Seine dunklen braunen Augen richteten sich auf den alten Stall, der ein paar hundert Yards weiter auf der Wiese stand. Japsend quetschte er sich durch den Zaun. Mit einem kurzen freudigen Bellen rannte er dann den Kiesweg entlang und stürmte in die Scheune. Drinnen blieb er stehen, lauschend und mit witternder Nase. Das sanfte Wiehern eines Pferdes aus einer der Boxen begrüßte ihn; das war sein Freund, der alte graue Wallach Napoleon, und rasch schlüpfte er durch die nur angelehnte Tür der Box, um Guten Tag zu sagen. Das Pferd beugte den Kopf hinunter und Sebastian leckte sein weiches Maul. Dann wandte Napoleon sich wieder dem Hafer in seiner Krippe zu, während Sebastian die Box verließ, um durch das große leere Stallgebäude bis zur Sattelkammer zu rennen, wo er seinen jungen Herrn vermutete. Er fand jedoch nur den Besitzer Napoleons vor, den alten italienischen Straßenhändler Tony, der das Geschirr des Wallachs putzte. „Komm her, Sebastian“, sagte Tony freundlich und kraulte den zutraulich auf seine Knie steigenden Hund am Kopf. „Wie kann ein so kleiner Hund wie du nur so große Ohren haben? Hast wohl ein wenig von einem Bluthund mitbekommen, wie?“, murmelte er liebevoll. Der Hund bellte, als ob er etwas fragen wollte, und seine munteren Augen suchten dabei den ganzen Raum ab. Dann sprang er plötzlich auf und flitzte so schnell wieder davon, wie er hereingekommen war. Draußen im hellen Sonnenlicht hielt er inne, als müsse er sich erst überlegen, in welcher Richtung er jetzt suchen sollte. Zweifelnd sah er zu dem braunen Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite zurück, aus dem er gekommen war, dann in die entgegengesetzte Richtung über das grasbewachsene Gelände hin, das sich weit hinter dem Stallgebäude erstreckte. Seine Augen folgten dem Holzzaun, der es umgab, bis zu der Senke am südlichen Ende. Ohne noch länger zu zögern, rannte er darauf zu. Am Rand der Senke bellte er und sein Ringelschwanz wedelte heftig. Dann lief er hinunter zu dem Jungen, der dort im Gras saß, und sprang an ihm hoch.

Alec Ramsay zog den Hund auf seinen Schoß, Sebastians lange Zunge fuhr ihm ins Gesicht. Er drehte ihn auf den Rücken, hielt ihn zwischen den Knien und kraulte ihn am Bauch. „He, Seb!“ Er lachte. „Du solltest doch heute eigentlich noch gar nicht aus dem Haus; es ist zu heiß für dich, du darfst uns doch nicht wieder krank werden!“ Seb fand es herrlich, so liebkost zu werden, er lag ganz still. Beide verharrten so eine ganze Weile, während der Junge, ohne mit dem Kraulen aufzuhören, seinen Blick über das hohe, ungemähte Gras wandern ließ bis zu dem dichten Unterholz, das am niedrigsten Punkt der Senke wucherte. Eine Unmenge Disteln hatte sich angesiedelt, er würde sie ausreißen müssen, bevor sein neues Pferd hier weiden konnte, wie es Blitz getan hatte. Ach, würde er überhaupt jemals wieder ein Pferd, das ihm gehörte, über dieses Feld galoppieren sehen? Ob Scheich Abu wirklich sein Wort halten würde und ihm das erste Fohlen von Blitz – von Scheitan, wie der Scheich ihn nannte – schicken? Scheitan war das arabische Wort für Teufel, aber Blitz war kein Teufel, zu Alec war er stets sanft und anschmiegsam gewesen. Es war nun schon viele Monate her, seit Alec Arabien verlassen hatte, und nicht die geringste Nachricht hatte er in der Zwischenzeit von Scheich Abu ben Isaak erhalten. Doch der Scheich hatte ihm sein Versprechen in vollem Ernst gegeben, Alec konnte nicht glauben, dass er nicht zu seinem Wort stehen würde.

„Komm jetzt, Seb“, sagte der Junge und setzte den Hund auf den Boden. „Es ist Zeit, nach Hause zu gehen!“

Alec Ramsays Kraft lag in seinen breiten Schultern, der Brust und den Armen; in den Hüften war er schmal; Schenkel und Beine waren muskulös, aber schlank. Seine hellen blauen Augen suchten das Stallgebäude, als er jetzt von seinem Hund gefolgt über das Feld ging. Er wollte Tony Guten Tag sagen, denn er hatte ihn schon länger nicht mehr gesehen, und er wusste, dass Tony und sein altes Pferd Napoleon ihre Runde meist um diese Zeit beendeten.

Die Sonne meinte es an diesem Augusttag besonders gut; der Schweiß rann Alec von der Stirn. Er wischte ihn mit der Hand ab und strich gleichzeitig sein zerzaustes rotes Haar zurück. Als er den Stall betrat, kam Napoleon mit seinem grauen Kopf über die Tür seiner Box und wieherte. Alec streichelte ihn und holte ein paar Zuckerstücke aus der Tasche seiner Reithose. Auf einmal wurde die Stille durch Tonys lauten Gesang unterbrochen: „Auf in den Kampf, To-re-e-e-ro!“, schallte es durch den Stall. Der Junge lächelte, verabschiedete sich mit einem weiteren Streicheln von Napoleon und ging in die Sattelkammer.

„Hallo, Tony“, begrüßte er ihn. „Bist du fleißig?“

„Hallo, Alec!“, gab der Händler zurück. „Ja, mein Nappy soll morgen früh wieder gut aussehen! Aber ich bin gerade fertig!“ Er stand auf und hängte das Lederzeug über einen hölzernen Pflock. Dabei streiften seine blanken schwarzen Augen den leichten Rennsattel, der gleich daneben hing. Er strich ehrfürchtig mit der Hand darüber. „Du hältst ihn gut in Schuss, wie?“, fragte er, ohne seinen jungen Freund anzusehen.

„Warum soll ich ihn verkommen lassen, es ist ja ein sehr guter Sattel“, antwortete Alec.

Es entstand eine kurze Pause, bevor Tony wieder zu sprechen begann: „Hast du von dem Mann aus Arabien immer noch nichts gehört? Wie heißt er doch gleich? Ab … Abu …“

„Du meinst Abu Jakub ben Isaak“, ergänzte Alec.

„Ja, den meine ich!“ Der kleine Italiener nickte.

„Nein“, erwiderte Alec, „ich habe noch nichts von ihm gehört.“

„Glaubst du denn, dass er dir wirklich ein junges Pferd schicken wird, wie er es dir damals nach deinem Besuch bei ihm in Arabien versprochen hat?“

Alec setzte sich auf den Stuhl, von dem Tony eben aufgestanden war, und strich Sebastian mit der Hand übers Fell, ehe er antwortete: „Ja, ich glaube daran, Tony.“

„Wenn nicht, dann ist er ein gemeiner Lügner“, sagte Tony ärgerlich. „Du hast dir damals mit Blitz so viel Mühe gegeben, als der Mann dachte, das Pferd wäre mit der ‚Drake‘ untergegangen, und auf einmal kommt dann dieser Mr Abu daherspaziert und sagt zu dem Hengst: Du kommst mit mir, du gehörst mir! Und weg sind sie! Und du guckst in die Röhre!“

„Aber Blitz gehörte ihm ja wirklich, Tony …“, widersprach Alec.

Der kleine Straßenhändler richtete seine lebhaften Augen auf Alec: „Blitz wird immer dir gehören, Alec; sein Herz gehört dir. Das ist das Entscheidende! Und nicht, was auf dem Papier steht!“

„Hast schon recht, Tony“, sagte Alec traurig, „in diesem Sinn gehört Blitz mir und ich habe ihn auch so sehr geliebt! Nachdem ich alle Zusammenhänge kenne, sehe ich ihn aber selbst lieber in Arabien, denn das ist seine Heimat, dort gehört er hin.“ Seine Augen begegneten denen Tonys, als er fortfuhr: „Scheich Abu Jakub ben Isaak ist ein sehr guter, vornehmer Mann. Er liebt Blitz genauso, wie ich ihn liebe. Er braucht ihn aber als Deckhengst, um ihn zum Vater vieler anderer Pferde zu machen, die ihm ähneln … Dazu wäre ich nicht in der Lage gewesen, denn es ist sehr teuer, Pferde zu züchten, Tony.“ Alec verstummte und setzte nach einer Weile hinzu: „Jedenfalls ist es besser so, wie es jetzt ist, das weiß ich.“

Es folgten mehrere Minuten des Schweigens, ehe Tony sagte: „Und Abu hat dir eins von diesen feinen Pferden versprochen, als du in Arabien warst und mit Blitz das große Rennen für den Scheich gewonnen hast. So war es doch?“

„Ja“, bestätigte Alec, die Augen auf Sebastian gerichtet, „er sagte, er würde mir das erste Fohlen schicken. Ein Hengst – oder ein Stutfohlen … ich bin sehr gespannt, was es sein wird!“

Tony fragte, ob Alecs Freund Henry dabei gewesen sei, als der Scheich ihm das Versprechen gegeben hätte.

„Nein, ich habe ihm erst auf unsrer Rückreise von Arabien davon erzählt“, erwiderte Alec und lächelte. „Zeugen für das Versprechen existieren nicht, wenn es das ist, worauf du anspielst! Ich könnte ihn sowieso nicht dazu zwingen, es liegt ganz in seiner Hand! Aber ich glaube an sein Wort!“

Um das Thema zu wechseln, fuhr er fort: „Henry hat mir letztens wieder geschrieben. Seine Arbeit scheint ihm Spaß zu machen.“

„Das freut mich!“, gab Tony zurück. „Er trainiert wieder Rennpferde, nicht wahr?“

„Er arbeitet in Kalifornien bei Peter Boldt, der einen der besten und größten Rennställe besitzt“, erzählte ihm Alec. „Boldt hat Henry den Posten angeboten, kurz nachdem wir mit Mr Volence aus Arabien zurückgekommen sind. Es ist eine gut bezahlte Stelle.“

„Ich bin froh, dass es ihm gut geht, Alec! Wenn alte Männer wie Henry und ich glücklich sind, dann können wir es nämlich sogar mit euch jungen Kerlen noch aufnehmen, musst du wissen!“ Er lachte, nahm seine fadenscheinige Mütze und ging zur Tür. „Und du wirst auch wieder fröhlich werden, wenn dein neues Pferd ankommt! Sicher wird es eines Tages da sein, jetzt glaube ich so fest daran wie du!“

„Danke dir, Tony!“ Alec lächelte über die ermutigenden Worte seines Freundes; dann verließen sie zusammen den Stall. Vor dem Eisentor trennten sie sich. Alec sah Tony noch eine Weile nach, wie er die von Bäumen beschattete Straße entlangwanderte, dann folgte er Sebastian, der auf sein Elternhaus zustrebte.

Er wünschte, er hätte wirklich so viel Vertrauen in Abu Jakubs Wort, wie er behauptete. Es stimmte, er betrachtete den Scheich als seinen Freund, und er hatte ihm geglaubt an diesem Tag in Arabien, als er gesagt hatte: „Das erste Fohlen des Schwarzen gehört dir, Alec, und ich werde es dir schicken.“

Wie gut er sich an diese Worte erinnerte! Wie viele Träume, Hoffnungen und Pläne gründeten auf ihnen! Sie hatten ihm den Abschied von Blitz erleichtert, denn er wusste, dass in nicht allzu langer Zeit ein Pferd zu ihm kommen würde, in dessen Adern das Blut des großen schwarzen Hengstes floss. Und dieses Pferd würde ihm allein gehören. Er würde es lieben, wie er dessen Vater geliebt hatte, er würde es pflegen und großziehen und für die Rennbahn trainieren! In seinen Träumen hatte er es schon in hundert Rennen geritten, hatte es mit fliegenden Hufen an den sieggewohnten Turfkönigen vorbeigetrieben und das Zielband weit vor ihnen passiert … Nur Henry wusste von diesen Zukunftsträumen. Gemeinsam hatten sie besprochen, wie sie das Pferd zureiten wollten, nicht nur auf der langen Rückreise damals von Arabien nach Amerika, sondern auch in den Briefen, die sie sich während all der Monate, die inzwischen vergangen waren, geschrieben hatten. Der alte Mann geriet ebenso ins Schwärmen wie der Junge, wenn die Rede auf ihr zukünftiges Pferd kam. In der letzten Zeit waren Henrys Briefe allerdings immer seltener geworden. Alec vermutete, dass er mit Arbeit überhäuft war, denn Peter Boldt besaß den größten Rennstall des Landes und hatte alle Spitzenrennen des letzten Jahres gewonnen. Ja, sagte Alec zu sich selbst, als er die Stufen zu der Veranda an seinem Elternhaus hinaufging, Henry hatte mehr zu tun, als ihm zu schreiben, obwohl er nur „einer von Boldts vier Trainern“ war, wie er so oft in seinen Briefen betont hatte. Die Anstellung bei Boldt war eine gute Gelegenheit für Henry gewesen, Geld zu verdienen; jeder hätte da zugegriffen. Aber Alec vermisste ihn sehr.

Auf der Veranda warf er sich in einen Liegestuhl und Sebastian sprang ihm auf den Schoß. Alec wusste, dass seine Mutter weggegangen war, um einzukaufen, und dass sein Vater frühestens in einer Stunde aus dem Büro heimkehren würde. So hatte er Zeit, wieder einmal ungestört von seinem Pferd zu träumen und Luftschlösser zu bauen … In diesem Augenblick entdeckte er den Brief, der auf dem kleinen Tisch gegen eine Blumenvase gelehnt war. Er sprang auf und betrachtete die Adresse. Einige Sekunden lang tanzten ihm die Buchstaben vor den Augen, dann erst konnte er seinen Namen und den des Absenders entziffern … Langsam ging er zu dem Liegestuhl zurück, schob den winselnden Hund zur Seite und öffnete den Umschlag. Mehrere Schriftstücke kamen zum Vorschein, als Erstes eine kurze Notiz mit den ihm wohlbekannten Schriftzügen Abus, datiert vom 14. Juni:

Lieber Alec, wie ich Dir versprochen habe, schicke ich Dir jetzt das erste Fohlen von Scheitan. Es reist mit der „Königin von Indien“, die am 30. Juni von Aden abfährt und am 28. August in New York ankommen soll. Alle notwendigen Papiere füge ich diesem Schreiben bei: die Eigentumsüberschreibung, den Stammbaum, eingetragen im Arabischen Gestütbuch, sowie ein Doppel des Frachtbriefs, damit Du Scheitans Sohn bei seiner Ankunft in New York am Schiff abholen kannst. Ja, Alec, es ist ein Hengstfohlen, kohlschwarz wie sein Vater, nur mit einem kleinen weißen Fleck in Form eines Sterns auf der Stirn … Allah sei mit Dir! Und möge das Fohlen Deine Zuneigung gewinnen wie einst sein schöner Vater! Mit vielen Grüßen von uns allen! Abu Jakub ben Isaak

Alecs Augen waren feucht, als er den Brief gelesen hatte. Er schämte sich, daran zu denken, dass es Augenblicke gegeben hatte, in denen er dem Versprechen des Scheichs misstraut hatte. Während er die beigefügten Dokumente durchlas, winselte Sebastian, der sich vernachlässigt fühlte. Alec streichelte ihn geistesabwesend. Ja, alles war vorhanden, wie es der Scheich angegeben hatte. Alles, was notwendig war, um das Fohlen als sein Eigentum auszuweisen. Nun war alles doch genauso gekommen, wie er und Henry es sich erträumt hatten! Dies war der Anfang! Alec sprang plötzlich auf und schrie so laut „Hurra!“, dass der Hund zu bellen begann; dann folgte er Alec, der über die Veranda rannte. Als er die Tür zur Diele aufstieß, bückte er sich und gab dem von seiner Aufregung angesteckten Sebastian einen Klaps auf das Hinterteil. „Jetzt bekommst du bald einen Spielgefährten!“, rief er glücklich. „Und was für einen!“ Von Sebastian begleitet, stürzte er die Treppe hinauf in sein Zimmer, legte auf dem Schreibtisch einen Briefbogen zurecht und nahm den Füller zur Hand. Bevor er zu schreiben begann, ging sein Blick zum Fenster hinaus und blieb an dem alten Stallgebäude gegenüber hängen und dem weiten grünen Feld dahinter. Jetzt würde es nicht mehr lange dauern, bis dort wieder ein Pferd weiden würde, sein Pferd! Und der alte Napoleon würde wieder einen Kameraden in der Box neben der seinen haben! Abu Jakub hatte geschrieben, das Schiff würde am Achtundzwanzigsten ankommen, und heute war der Dreiundzwanzigste! Eifrig wandte sich Alec dem bereitgelegten Briefbogen zu und fing an zu schreiben: „Lieber Henry …“

image UNHEIMLICHE AUGEN

Alecs Mutter wartete schweigend auf der Veranda, während ihr Mann und ihr Sohn zu der kleinen schwarzen Limousine gingen, die vor ihrem Haus geparkt war. Ihr Blick schweifte von dem Auto hinüber zu dem Stallgebäude und dem Feld auf der anderen Straßenseite und kehrte zurück, als der Motor ansprang. Sie hatte Angst. Angst vor dem, was das neue Pferd mit sich bringen würde. Schon zweimal zuvor war Alec, ihr einziger Sohn, durch ein Pferd – SEIN Pferd – in Unternehmungen gestürzt worden, wie sie nur sehr wenige Menschen jemals durchgestanden hatten. Für ihn selber waren es Abenteuer gewesen, aber für seine Eltern hatten sie monatelange Qual und Ungewissheit bedeutet.

Sie schloss die Augen und rief sich ins Gedächtnis, was ihr Mann heute Morgen zu ihr gesagt hatte: „Sein Pferd ist seine Welt, Belle! Das dürfen wir ihm nicht austreiben, sondern wir müssen uns damit abfinden.“ Sie hatte den Anflug von Stolz in seiner Stimme gehört, als er hinzufügte: „Und du erinnerst dich sicher, wie der sonst so unbändig wilde Hengst ihn liebte und ihm gehorchte! Henry hat doch wirklich Erfahrung mit Pferden, und er sagte mir, dass er etwas Ähnliches noch nie im Leben gesehen habe. Und wie Alec ihn reiten konnte! Keiner unserer zahmen amerikanischen Vollblüter konnte die beiden auf der Rennbahn einholen! Und, Belle, er ist doch förmlich gewachsen auf dem Rücken dieses Pferdes – ich meine, zum Mann geworden, ernst, zielbewusst …“ Dann, als er sich zu ihr umgewandt und den besorgten Ausdruck in ihrem Gesicht bemerkt hatte, hatte er ihre Hand genommen, sie gestreichelt und tröstend gesagt, da wäre doch zunächst einmal überhaupt kein Grund, sich zu ängstigen, denn was da heute ankäme, das wäre ja noch ein Fohlen, ein niedliches Pony, an dem sie sicherlich genauso viel Spaß haben würden wie an Sebastian.

Ihre Augen folgten dem davonfahrenden Wagen. Ja, ja, dachte sie, jetzt ist es noch ein Fohlen, aber wie lange dauert es, und es ist ein ausgewachsenes Pferd! Mit dem Blut dieses wilden schwarzen Hengstes Blitz in den Adern!

Alec blickte zu seiner Mutter zurück, bis der Wagen um die Straßenecke bog. Dann legte er seinen Arm um Sebastian, der artig zwischen ihnen saß.

„Deine Mutter ist ziemlich besorgt wegen des Fohlens“, sagte Mr Ramsay seufzend.

„Ich weiß, Vater. Aber das ist doch völlig unnötig!“