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Für Marco.
Irgendwo da draußen
.

Die Arbeit an diesem Buch wurde mit einem Stipendium des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst gefördert.

ISBN: 978-3-649-62703-6

© 2017 Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG,

Hafenweg 30, 48155 Münster

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise

Text: Jutta Wilke

Umschlaggestaltung: Frauke Maydorn, unter Verwendung
von Motiven von © Blaze986, © nenetus, © Dusan Petkovic,

© Vytautas Kielaitis/www.shutterstock.com

Motivnutzung mit freundlicher Genehmigung von

Commerzbank AG und Deutsche Bank

Lektorat: Sara Mehring

Satz: Sabine Conrad, Bad Nauheim

www.coppenrath.de

Das Buch erscheint unter der ISBN: 978-3-649-61509-5.

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Inhalt

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Nikolas

Kapitel 3

Nikolas

Kapitel 4

Kapitel 5

Nikolas

Kapitel 6

Kapitel 7

Nikolas

Kapitel 8

Kapitel 9

Nikolas

Kapitel 10

Nikolas

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Nikolas

Kapitel 15

Nikolas

Kapitel 16

Kapitel 17

Nikolas

Kapitel 18

Nikolas

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Epilog

Denn mit Göttern

Soll sich nicht messen

Irgendein Mensch.

Hebt er sich aufwärts

Und berührt

Mit dem Scheitel die Sterne,

Nirgends haften dann

Die unsichern Sohlen,

Und mit ihm spielen

Wolken und Winde.

(aus: Grenzen der Menschheit,
Johann Wolfgang von Goethe)

Eine Geschichte vom Himmel,
die doch eigentlich
die Geschichte eines Buches ist
.

Prolog

Am Anfang ist graues Rauschen. Dann ein Flimmern, endlich ein Bild: ins Dunkel wachsende Wände mit gähnenden Höhlen, Eisenträger, ein Stapel Bohlen, Zementreste, Kippen, eine Schubkarre, eine Kabeltrommel, leere Bierflaschen.

Turnschuhe lösen sich aus dem Schatten der Container, laufen über den Beton bis zu dem stählernen Baukran, Hände greifen nach den Sprossen, ziehen sich hoch, greifen wieder, ziehen sich hoch, nachfassen, ziehen, nachfassen, ziehen. Sie klettern so schnell, dass die Kamera Mühe hat, ihnen zu folgen.

Einer gewinnt an Tempo, springt, landet auf einem Balkon, noch ohne Geländer. Dann von einer Betonplatte zur nächsten. Fünfzig, sechzig Meter über dem Boden, als gäbe es für ihn keine Schwerkraft und zwischen den Platten keine gähnende Leere. Dann der Zweite. Laufen, springen, laufen, springen, nur wenige Meter liegen zwischen ihnen.

Jemand schreit. Die Kamera verirrt sich, einer fällt aus dem Bild, das verwackelt. Für einen kurzen Moment ist da wieder nur das graue Flimmern, dann ist die Kamera ganz nah, befindet sich mit ihnen auf einer Höhe. Kurz sieht man ihre Augen, Blicke wie Eis krachen aufeinander, sofort wenden sie sich wieder ab. Ein Schwenk auf die Füße des einen, zwei ausgetretene Schuhe verharren kurz auf dem Gerüst, setzen sich dann in Bewegung. Schritt für Schritt legt er auf dem Träger zurück, unter ihm nichts als ein paar Zentimeter Eisen, gerade breit genug, dass ein Fuß darauf Platz findet, darüber nichts als der nächtliche Himmel. Sein T-Shirt flattert im Wind.

Für einen Moment wackelt das Bild wieder; als die Kamera endlich den anderen eingefangen hat, steht der noch höher, noch weiter draußen, die Füße parallel nebeneinander, die Arme ausgebreitet, als ob er der Stadt seinen Segen erteilen wolle. Die Kamera folgt seinem Blick, langsam, in Zeitlupe der Schwenk nach unten, es dauert einen Moment, bis die Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt haben. Weit unter ihm pulsiert das Leben, tausend kleine weiße Lichtpunkte, zu weit weg, als dass sie ihn hier oben wahrnehmen könnten. Seinen Körper verschluckt die Dunkelheit, lässt ihn eins werden mit dem Stahlträger, mit dem Beton, mit dem Wind, der an seinen Haaren zieht.

Seine Füße, immer noch parallel, wippen vor und zurück, vor und zurück, dann – plötzlich – stellt er sich auf die Zehenspitzen, wirft den Kopf in den Nacken, lacht laut und springt …

1

Sonntag, 13. November

Vielleicht hört es jetzt auf.

Vielleicht hört dieser ganze Wahnsinn jetzt endlich auf.

Ich lehne meinen Kopf an die Scheibe und sehe Nikolas nach, wie er davongeht. Ich wünschte, er wäre geblieben. Es hat sich gut angefühlt, ihn hier zu haben. Richtig irgendwie. Mit jedem Meter, den er sich entfernt, kehrt die Kälte in mir zurück. Mit jedem Meter fühle ich mich einsamer. Und ich will jetzt nicht allein sein. Ich will überhaupt nie mehr allein sein.

Ich starre ihm so lange hinterher, bis die Nacht ihn endgültig verschluckt hat.

Kurz schließe ich die Augen, bevor ich mich vom Fenster losreiße und zu dem wimmernden Etwas gehe, das da in meinem Bett liegt und nach dem ich jetzt die Hand ausstrecke. Als könne meine Hand noch irgendwas ändern.

»Ist ja gut«, murmele ich und streiche vorsichtig über die Bettdecke. Immer wieder. »Ist ja alles gut.«

Dabei ist nichts gut. Gar nichts.

Wie ein verwundetes Tier liegt Nasti da, die Beine eng an den Körper gezogen, der die ganze Zeit zittert.

Ich habe keine Ahnung, wie spät es ist, wie lange ich jetzt schon neben ihr sitze und darauf warte, dass sie sich endlich beruhigt, dass dieses Zittern und Wimmern endlich nachlässt und sie einschläft.

Ich greife nach meinem Handy. Warum ruft Mara nicht an? Sie hat versprochen, sich sofort zu melden. Ich habe das Handy lautlos gestellt, damit Nasti es nicht hört. Erst will ich allein mit Mara sprechen.

Bestimmt ist es ein gutes Zeichen, dass sie noch nicht angerufen hat. Es muss ein gutes Zeichen sein. Bestimmt wird sie noch gebraucht. Für irgendwelchen Papierkram vielleicht. Aber dauert das wirklich so lange?

Mein Handy vibriert. Ich zucke zusammen. Starre auf das Display.

Yannik.

Nicht Mara.

Hast du was gehört?

Nein. Noch nichts.

Meine Finger zittern so, dass ich beim Tippen kaum die Buchstaben treffe.

Ich hätte es verhindern müssen. Ich hätte irgendetwas tun müssen, um es zu stoppen.

Man musste doch etwas tun. Man konnte doch nicht einfach nur zusehen.

Aber genau das habt ihr getan, flüstert die Stimme in mir. Ihr habt zugesehen. Alle. Immer wieder.

Die Kälte in mir kommt zurückgekrochen. Gnadenlos dringt sie durch meine Kleider, unter meine Haut, in meinen Körper.

Ich greife zu der Tasse auf dem Nachttisch. Der Kaffee ist nur noch lauwarm. Ich starre in die schwarze Brühe. Sehe wieder den Fluss vor mir. Sehe den Kranz aus Plastikblumen, der auf dem Wasser schwimmt. Dunkles träges Wasser. In meinem Kopf dreht sich alles.

Ich falle. Stürze einfach weiter ins Bodenlose. Unter mir nur das Nichts.

Ein Ton begleitet meinen Fall. Ein langer, quälender, nicht enden wollender Ton.

Die Tasse in meiner Hand kippt sanft nach vorn, rutscht fast in Zeitlupe vom Bett. Die schwarze Flüssigkeit läuft über meine Beine, tropft auf den Fußboden und versickert in dem Bündel, das auf dem Teppich liegt. Nastis Jeans. Ihr Sweatshirt. Und ihre Jacke.

Ich balle die Hände zu Fäusten und presse sie gegen meine Schläfen. Nasti stöhnt, bewegt sich unter der Decke. Und da weiß ich, dass sie den Ton auch hört. Den Ton, der in meinem Kopf anschwillt wie das Heulen einer Sirene, immer lauter.

Rote Turnschuhe, denke ich, rote Turnschuhe. Rote. Turnschuhe. Und dann, plötzlich, begreife ich, dass gar nicht ich es bin, die da fällt. Wie in Zeitlupe segeln die roten Turnschuhe an mir vorbei, drehen sich vor meinem Gesicht.

DAS bin nicht ich, das bin gar nicht ICH.

Die Sirene in meinem Kopf verstummt. Einen Moment herrscht Stille. Totenstille. Und dann … lauter als alles andere auf dieser Welt … das klatschende Geräusch eines Körpers, der auf Asphalt knallt.

Dann ist da nichts mehr.

Einfach nichts.

Eiskaltes schlammiges Wasser steigt aus meiner Kehle in meinen Mund. Der Fluss bahnt sich seinen Weg zurück. Ich stürze aus meinem Zimmer ins Bad, fast zu spät, hänge mit dem Kopf über der Schüssel, würge und würge, aber es kommt nichts. Krämpfe jagen durch meinen Körper und auf meiner Stirn steht kalter Schweiß. Alles in mir ist Schmerz. Ich rolle mich auf dem Fußboden zusammen, will am liebsten nie wieder aufstehen.

Du darfst jetzt nicht zusammenbrechen. Ich kann aber nicht mehr, ich will zusammenbrechen. Ich höre mich atmen, fühle meinen Herzschlag. Immerhin, mein Herz schlägt noch.

Mein Blick fällt auf die Dusche und auf einmal sehne ich mich nur noch nach warmem Wasser.

Ich ziehe mich aus, streife ein Kleidungsstück nach dem anderen ab, falte es, lege es ordentlich zusammen, stapele ein Teil auf das andere. Mechanisch, wie in Zeitlupe.

Als ich endlich unter der Dusche stehe, erwarte ich fast, dass auch das Wasser sich nur in Zeitlupe bewegt. Ich drehe die Temperatur so hoch, dass ich es gerade noch aushalte, und beobachte, wie meine Haut krebsrot wird. Als ich fertig bin, greife ich nach einem großen Badehandtuch, wickele mich darin ein und gehe zurück in mein Zimmer.

Ich will in meinem Bett sein. Will eingekuschelt unter der Decke neben Nasti liegen. Will die Zeit zurückdrehen und einfach nur schlafen.

Behutsam setze ich mich aufs Bett, hebe die Decke ein Stückchen an, suche nach ihrem Körper, nach ihrer Wärme, nach ihrer Nähe. Aber da ist nichts.

»Nasti?« Nur ein Krächzen. Meine Stimme gehorcht mir nicht. Mit einem Ruck ziehe ich die Bettdecke weg, verstehe nicht, was ich sehe, verstehe nicht, dass ich nichts sehe, nichts, außer einem Blatt Papier, säuberlich herausgetrennt aus einem Buch. Aus einem alten, in braunes Leinen gebundenen Buch. Das weiß ich sofort. Deutsche Gedichte. Nikolas’ Buch.

In meinem Kopf dreht sich alles. Warum liegt da eine Seite aus diesem Buch? Was hat Nasti damit zu tun? Und es dauert einen Moment, bis die Bilder in meinem Kopf an den richtigen Platz fallen.

»Warum?«, flüstere ich und ahne doch, dass ich die Antwort schon kenne. Das Bündel vor meinem Bett ist verschwunden. Die Jeans, das Sweatshirt und die Jacke sind nicht mehr da.

Aber sie sind doch nass. Der Kaffee. Ihre Sachen sind doch nass vom kalten Kaffee. Sie kann doch nicht einfach die nassen Sachen angezogen haben und weg sein. Ich starre wieder auf die Stelle im Bett, an der meine Freundin eben noch gelegen hat. Ihr Körper hat eine Kuhle in meiner Matratze hinterlassen.

»Nasti?!« Diesmal schreie ich.

Reiße das Blatt an mich. Lese.

Über allen Gipfeln

Ist Ruh,

In allen Wipfeln

Spürest du

Kaum einen Hauch;

Die Vögel schweigen im Walde.

Warte nur, balde

Ruhest du auch.

Und in meinem Kopf klatscht ein Körper auf Asphalt. In Endlosschleife. Immer wieder.

Einige Tage zuvor

2

Die fünf Euro hätte ich mir sparen können. Von dem fettigen Zeug wurde mir nur schlecht. Die Taube vor meinen Füßen hüpfte enttäuscht weiter, als ich den Döner zurück in die Folie wickelte.

»Alice!« Nasti stieß mich an. »Hast du mir überhaupt zugehört?«

»Tut mir leid. Was hast du gesagt?«

Sie hielt mir ihr Smartphone unter die Nase.

»Sie haben es bei YouTube hochgeladen. Du musst dir das angucken!«

Ich hatte keine Ahnung, wovon Nasti redete, aber ich wollte sie nicht verletzen. Sie am allerwenigsten.

Ich legte meinen Arm um ihre Schultern und kniff die Augen zusammen. Erst als ich das Display mit der freien Hand vor der Helligkeit abschirmte, konnte ich überhaupt etwas erkennen. Ich sah jemanden an einem Baugerüst hochklettern. Konnte auch ein Kran sein. Dann sprang er auf etwas, das aussah wie eine Betonplatte. Die Kamera versuchte, ihm zu folgen. Dabei verwackelte das Bild immer wieder. Keine Ahnung, was das sollte.

»Ja und?« Ich schob das Smartphone zur Seite.

»Nee, warte! Der spannende Teil kommt doch erst noch!«

Spannend? Na ja.

Jetzt wurde das Bild zwar wieder schärfer, aber ich konnte trotzdem nicht viel erkennen, nur diesen Typ, der über Beton lief.

»Cool, oder?« Erwartungsvoll sah Nasti mich an.

»Was macht der da?«

»Wart’s ab!« Nasti rückte noch ein Stück näher. Kopf an Kopf starrten wir jetzt auf das Display.

Der Junge war inzwischen stehen geblieben. Die Kamera zoomte an ihn heran und machte dann einen Schwenk zur Seite.

Jetzt endlich erkannte ich, wo das war. Auf einem Gebäude hoch über der Stadt. Im Hintergrund sah ich die Skyline, den Dom, den Messeturm, weiter rechts die gläserne Fassade der europäischen Zentralbank. Vor dieser Kulisse floss träge der Main, auf dem Wasser der rötliche Himmel einer untergehenden Sonne.

»Was hat er vor?«

Nasti antwortete nicht.

Es gab eine Menge unscharfer Bilder, dann beruhigten die Aufnahmen sich wieder. Auf dem Display war ein Eisenträger zu erkennen, der von dem Gebäude weg einfach ins Nichts ragte. Keine Ahnung, was das mal werden sollte. Vielleicht ein Balkon oder so. Der Typ stand neben dem Träger, für einen kurzen Moment schaute er in die Kamera, zu kurz, um sein Gesicht zu erkennen, aber den gestreckten Daumen, den er hochhielt, konnte ich sehen. Dann drehte er sich um und setzte einen Fuß auf den Träger.

»Sag, dass er das jetzt nicht tut«, flüsterte ich und griff nach Nastis Arm. Der Junge hob den zweiten Fuß vom Boden. Breitete die Arme aus.

War der Typ total durchgeknallt? Unter ihm lagen bestimmt dreißig Meter. Oder noch mehr.

Die Kamera hatte ihn jetzt fest im Visier. Zentimeter für Zentimeter bewegte er sich auf dem Träger vorwärts. Ihm fehlten nur noch ein, zwei Schritte, dann hatte er die Stelle erreicht, an der das Ding vom Gebäude weg ragte. Darunter befand sich nur noch das Nichts … und irgendwo darunter der nackte Asphalt eines Parkplatzes.

Mit angehaltenem Atem beobachtete ich, wie er den nächsten Schritt machte. Jetzt stand er am Rand des Gebäudes. Ich wollte die Augen schließen, aber etwas in mir zwang mich, diesem Irren weiter zuzuschauen. Ich sah den frei schwebenden Eisenträger. Sah seine Füße, die sich Stückchen für Stückchen vorwärtstasteten, sah seine ausgebreiteten Arme, sah seinen Blick, stur nach vorn gerichtet.

Dann hatte er das Ende des Trägers erreicht. Die Kamera schwenkte langsam an seinem Körper hinunter auf seine Schuhe. Ganz still standen sie nebeneinander auf dem letzten bisschen festen Bodens, das aus nichts bestand als aus einem Stück Eisen hoch über der Stadt.

Das Bild verschwamm für einen Moment und fuhr dann an den Beinen des Jungen wieder nach oben. Ich erkannte, dass er seine Arme jetzt nicht mehr ausgebreitet hatte, sondern sie rechts und links herunterhängen ließ und die Hände fest an den Körper presste. Er stand da wie ein Turmspringer kurz vor dem Sprung ins Wasser. Ich hielt die Luft an.

Was sollte das? Was war das für ein Clip? Zum ersten Mal fragte ich mich, wer das da eigentlich die ganze Zeit filmte. Ich wollte das nicht sehen. Aber anstatt einfach die Augen zu schließen, starrte ich fasziniert weiter auf das Display.

Er hatte jetzt seine Position verändert. Hatte die Arme wieder gehoben und seitlich ausgestreckt. Wie in Zeitlupe bewegte er sich. Ich biss mir auf die Lippen, als ich sah, wie die Fersen des Jungen sich vom Boden hoben. Jetzt stand er auf den Zehenspitzen. Und dann verwackelte das Bild wieder vor meinen Augen.

»Was ist jetzt? Ist er …?« Plötzlich wurde das Bild wieder scharf. Die Kamera war auf die Füße des Jungen gerichtet. Er stand immer noch auf den Zehenspitzen.

Rote Turnschuhe, dachte ich, der Typ trägt rote Turnschuhe.

Jetzt, ganz langsam, vollführten diese roten Turnschuhe eine Drehung. Die Bewegung erinnerte mich an die Ballettstunden, die ich als kleines Mädchen bekommen hatte. Damals, als mir die Welt noch leicht und rosa erschienen war, so leicht, dass man sie auf Zehenspitzen aushalten konnte.

Die Kamera zoomte wieder zurück. Der Junge hatte sich komplett gedreht und trat offenbar den Rückweg an. Erst jetzt merkte ich, wie lange ich die Luft angehalten hatte. Ich atmete ein. Noch war die Gefahr nicht gebannt. Der Verrückte befand sich schließlich immer noch auf einem frei schwebenden Stück Eisen, irgendwo hoch über der Stadt.

Mit ausgebreiteten Armen kam er zurück. Schritt für Schritt näherten sich die roten Turnschuhe dem sicheren Boden. Der Typ würde es tatsächlich packen. Ich entspannte mich. Wer war das? Wer war so krank, erst sein Leben aufs Spiel zu setzen und dann auch noch den Clip bei YouTube hochzuladen? Jetzt hatte er es gleich geschafft. Ihm fehlte vielleicht noch ein halber Meter.

»Nein!« Ich packte Nastis Schulter wieder fester, als könnte ich so auch den Jungen festhalten, der jetzt nur noch mit einem Bein auf dem Träger stand. Ein Fuß war abgerutscht. Was machte er denn da? Und wieso filmte der Kerl mit der Kamera in aller Seelenruhe einfach weiter? Plötzlich kippte der Junge zur Seite, auch sein zweiter Fuß hatte sich vom Eisenträger gelöst. Dann verwackelte das Bild, man konnte nichts mehr erkennen, alles war dunkel, ein zu einem undurchdringlichen Grau eingefrorenes Standbild, so als ob jemand die Kamera einfach auf den Boden geworfen hatte.

»Was … was ist jetzt?« Ich konnte kaum sprechen.

»Warte.« Nasti griff ungerührt nach den Resten meines Döners und wickelte ihn aus. Wie konnte sie jetzt etwas essen? Ich nahm das Smartphone an mich und starrte wieder auf den Bildschirm. Der kleine grüne Balken lief weiter, der Clip war noch nicht zu Ende.

Dann wurde das Bild wieder klarer und ich sah die roten Turnschuhe. Fest und sicher standen sie auf dem Boden, die Kamera schwenkte langsam nach oben, fing das Gesicht des Jungen ein. Er hatte sich ein Tuch vor den Mund gezogen, aber ich sah trotzdem, dass er grinste, dann zoomte die Kamera zurück. Er verbeugte sich mit einer eleganten Bewegung nach allen Seiten wie ein Artist in einem Zirkus. Das Display wurde schwarz.

»Das war …«

»Absicht. Klar!« Nasti wischte sich mit dem Handrücken über den Mund.

»Aber warum?« Mein Herz klopfte immer noch bis zum Hals.

»Warum? Na, um es spannender zu machen.«

»Nein, ich meine, warum macht der Typ das überhaupt? Das ist doch totaler Irrsinn!«

Nasti neben mir steckte das Handy wieder ein. »Er ist ein Roofer.«

»Ein was?«

»Ein Roofer. Jemand, der auf Dächern rumturnt. Na ja, oder eben auf Baustellen.«

»Aha.« Ich verstand nur Bahnhof. »Und warum tut er das?«

Nasti zuckte mit den Schultern. »Vermutlich, weil es Spaß macht. Aber das kannst du ihn am besten selbst fragen.«

»Ich? Ich kenne den Typ doch gar nicht.« Ich wischte mir die Hände an den Jeans ab und stand auf.

Nasti sprang ebenfalls auf. »Aber ich kenne ihn. Er heißt Trasher. Okay, das ist nicht sein richtiger Name, aber alle nennen ihn so«, setzte sie schnell hinzu.

»Du kennst ihn? Woher denn?« Erstaunt sah ich Nasti an. »Was ist das überhaupt für ein Name? Trasher. Heißt trash nicht Müll?«

»Ist doch egal.« Nasti zuckte mit den Schultern. »Ich habe ihn beim Skaten kennengelernt. Unten am Main. Na ja, eigentlich habe ich ein paar seiner Kumpels getroffen. Aber Trasher war auch da. Er hat mir ’ne Cola spendiert.«

Sie knüllte die leere Alufolie zusammen und zielte damit auf die Taube, die wieder zurückgekommen war und aufgeregt um sie herumtrippelte. Sie traf nicht. Der Vogel machte einen kleinen Hüpfer zur Seite und warf Nasti einen missbilligenden Blick zu.

Ich nickte. Nasti war oft auf der Skateranlage am Osthafen. Viel öfter als ich. Ich machte mir nicht so viel aus Betonrampen und waghalsigen Sprüngen.

»Und was ist das mit euch? Trefft ihr euch wieder?« Im gleichen Moment, in dem ich die Frage stellte, bereute ich sie auch schon. Nasti ist meine beste Freundin. Ich hatte überhaupt keinen Grund, ihr zu misstrauen. Und ich wollte auch echt nicht als eifersüchtige Glucke rüberkommen. Nasti antwortete gar nicht erst. Sie beobachtete nur weiter die Taube und drehte eine ihrer Dreadlocks zwischen den Fingern. Schnell versuchte ich, das Thema zu wechseln, und sah demonstrativ auf die Uhr. »Scheiße, so spät schon?«

»He, ist alles in Ordnung?«

»Ja klar, ich muss nur los.« Ich zog Nasti an mich und gab ihr einen schnellen Kuss. »Wann lerne ich ihn denn kennen, deinen neuen Freund?« Langsam war ich echt neugierig auf diesen Trasher. »Auf dem Video konnte man außer seinen roten Turnschuhen ja nicht viel erkennen.« Ich grinste.

»Die Clique trifft sich abends unten am Main.« Nasti zog ein Päckchen Kaugummis aus der Hosentasche und hielt es mir hin. »Aber heute kann ich nicht. Und hey«, sie hakte sich bei mir ein, »ich habe gar nicht gesagt, dass er mein Freund ist.«

Ich zog meinen Arm zurück. »Aber du hast doch …«

»Na ja, ich finde ihn süß«, gab Nasti zu. »Sehr süß sogar.« Sie gab mir ebenfalls einen Kuss auf die Wange. »Schau ihn dir einfach mal an.«

»Okay, aber jetzt muss ich echt nach Hause. Dicke Luft, du weißt schon.«

Besorgt musterte sie mich. »Bist du dir sicher, dass du dir das jetzt antun willst?«

»Meine Mum braucht mich. Es geht ihr nicht gut.«

»Hat der Scheißtyp sie schon wieder betrogen?«

Ich antwortete nicht.

»Okay, hat er also. Warum schmeißt deine Mutter den Kerl nicht raus?«

Ich zuckte mit den Schultern. Das war eine Frage, die ich meiner Mutter nicht stellte. Einmal hatte ich es versucht, hatte es sogar gefordert. »Schick ihn weg«, hatte ich gesagt. »Wir brauchen ihn nicht.«

Den stundenlangen Beschimpfungen meiner Mutter hatte ich damals nur entgehen können, indem ich mich in mein Zimmer eingeschlossen hatte. Undankbar hatte sie mich genannt. Eine Frau mit Kind nimmt nicht jeder. Aus ihrem Mund hatte das Wort ›Kind‹ wie eine ansteckende Krankheit geklungen.

»Bis morgen«, sagte ich deshalb nur. Ich umarmte Nasti kurz und ließ sie dann einfach stehen.

Nikolas

Es war Mittwoch, als Nikolas Carter das Buch fand.

Normalerweise spielte Zeit keine Rolle für ihn. Seine Uhr war der Lärm in den Straßen und der Rhythmus seines Lebens wurde bestimmt durch seinen Hunger und seine Müdigkeit.

Wochentage interessierten ihn nicht.

Mit Ausnahme des Mittwochs.

Mittwochs stand er auf, lange bevor sich die ersten Autos Stoßstange an Stoßstange durch die Straßen schoben.

Er packte die Tüten mit den Flaschen zusammen, stopfte das, was er an Wäsche hatte, dazu – viel war es nicht – und stieg vorn in die leere S-Bahn ein.

Nach vier Stationen musste er aussteigen und dann waren es nur noch wenige Meter bis zum Haus von Granny.

Wie jeden Mittwoch stand Granny schon in der offenen Tür und wartete darauf, dass er endlich seine sperrigen Tüten fünf Stockwerke nach oben geschleppt hatte. Sie umarmte ihn und küsste ihn und er ließ es geschehen. Wenn man sonst nie umarmt wurde, konnte man einmal in der Woche ein paar Zärtlichkeiten gut aushalten.

In der Küche dampfte schon ein Kaffee und auf dem Tisch stand ein Teller mit Butterbroten. Er setzte sich und verzehrte sein Mittwochsfrühstück, während Granny die Tüten leerte, die Flaschen sortierte und seine beiden Shirts und die Hosen in der Spüle auswusch.

Er zwang sich, langsam zu essen. So wie er nicht wissen sollte, dass Granny sich dieses Frühstück vom eigenen Mund abgespart hatte, musste Granny nicht wissen, dass dies seine erste richtige Mahlzeit seit zwei Tagen war. Und natürlich kannten beide die Wahrheit.

Er schaute ihr zu, wie sie die leeren Pfandflaschen in einen großen Plastiksack umfüllte, jede einzelne so behutsam hineinlegte, als seien es rohe Eier. Sie verlor kein Wort darüber, dass es weniger waren als letzten Mittwoch.

Seine Wäsche hing inzwischen über der Heizung.

Granny fischte zwei saubere Shirts und etwas Unterwäsche aus dem Schrank, faltete sie sorgfältig und schob sie in eine der leeren Tüten, packte die anderen Tüten dazu und reichte sie ihm. Er wusste, dass er die fünf Euro irgendwo zwischen der Wäsche finden würde, fünf Euro wie jeden Mittwoch. Fünf Euro, das reichte für Kekse, zwei, drei Packungen von dem Toastbrot und ein paar Tüten Milch. Und vielleicht sprang noch ein Päckchen Kaugummi dabei heraus.

Er wischte mit feuchten Fingern die letzten Krümel auf dem Teller zusammen, schob sie sich in den Mund und stand auf.

»Ich muss dann zur Schule.«

Sie wussten beide, dass das eine Lüge war, und wie jeden Mittwoch war er ihr dankbar, dass sie nichts sagte.

Auf dem Rückweg machte er noch einen Abstecher zum Papiercontainer. Die Nächte in der Unterführung waren kalt und ein paar zusätzliche Pappschichten konnten nicht schaden.

Er schob seinen rechten Arm durch die schmale Öffnung.

Zwei oder drei Stücke Karton schienen ihm brauchbar; er zog sie vorsichtig heraus. Dann versenkte er seinen Arm noch einmal im Dunkeln. Vielleicht hatte er Glück und erwischte noch ein paar Comics. Seine Finger gruben sich durch Papier, bis er plötzlich etwas anderes berührte. Ein Buch. Ein ziemlich dickes Buch sogar.

Er stieß seine Schulter noch ein Stück tiefer in den Container, um seinen Fund besser fassen zu können. Seine Finger schrammten an den scharfen Metallkanten vorbei durch die Öffnung, aber er ließ nicht los. Behutsam zog er das Buch heraus. »Deutsche Gedichte« entzifferte er. Die geprägten Buchstaben schimmerten golden in der Morgendämmerung.

3

»Was ist? Willst du gar nicht reingehen? Ist doch ganz kalt heute.«

Ich antwortete nicht.

Die Frau schüttelte den Kopf und zog ihren Hund weiter hinter sich her, der japste und keuchte; vielleicht war er schon alt, vielleicht hatte er aber auch einfach nur keine Lust, sich von ihr durch die Gegend zerren zu lassen. Kurz sah ich den beiden nach. Mir war wirklich kalt, aber mit dem Wetter hatte das nichts zu tun.

Ich hätte bei Nasti bleiben sollen. Solange ich mit ihr zusammen war, fühlte ich mich gut. Frei und stark irgendwie. Und ungebunden. Aber sobald ich in unsere Straße einbog, war dieses Gefühl weg. Es war, als ob eine graue Wolke unser Haus und alle, die darin lebten, einhüllte. Eine Wolke aus Traurigkeit. Und aus Angst. So gut es ging, zog ich die Ärmel meiner Jacke über die Fäuste.

Nasti. Sie war vor etwas über einem Jahr mit ihrer Mutter von Berlin nach Frankfurt gezogen und hatte deshalb mitten im Jahr die Schule wechseln müssen. Wir schrieben gerade einen Mathetest, als sie plötzlich im Klassenzimmer stand. Und obwohl Frankfurt alles andere als langweilig ist, fühlte ich mich bei Nastis Anblick sofort klein, grau und unglaublich spießig. Sie trug eine von diesen indischen Pluderhosen, die aussehen, als seien sie aus hundert verschiedenen bunten Flicken zusammengesetzt worden. Darüber hatte sie ein schwarzes Top an, das mit einer silbernen Stickerei verziert war. Ihre feuerroten Haare fielen in wilden Dreadlocks auf ihre Schultern und um einzelne Strähnen hatte sie buntes Garn gewickelt. Ich glaube, es gab niemanden in unserer Klasse, der sie nicht mit offenem Mund anstarrte, als sie den Raum betrat.

Nasti wartete gar nicht erst ab, bis unsere Lehrerin ihr einen Platz zuwies, sondern ließ Frau Bockelmann einfach stehen, schlenderte zu mir rüber und pflanzte sich neben mich auf den freien Stuhl.

»Hi, ich bin Nasti«, sagte sie und schob mir eine Packung Zimtkaugummis rüber. Von diesem Moment an waren wir in der Schule fast nur noch zu zweit unterwegs. Vorausgesetzt, Nasti kam überhaupt in die Schule. Dazu hatte sie nämlich immer häufiger keine Lust und die Ermahnungen und Drohbriefe der Lehrer quittierte sie stets nur mit einem Lächeln oder der gefälschten Unterschrift ihrer Mutter.

Auch heute war der Platz neben mir leer geblieben, und obwohl ich nicht halb so cool war wie meine Freundin, hatte ich es nach der vierten Stunde nicht mehr ausgehalten und war statt in den Matheunterricht in die Stadt gelaufen, um Nasti zu treffen. Mir war klar, dass ich mir damit noch einen Haufen Ärger einhandeln würde, aber das war es mir wert. Warum war ich danach nur nach Hause gegangen?

Mein Blick fiel auf das Auto. Groß und schwarz parkte es vor dem Haus, fast wie ein böses Tier, das lauerte und nur auf mich wartete. Das Auto gehörte Ralph, und ich fragte mich, was er um diese Uhrzeit hier zu suchen hatte. Normalerweise kam er nie mittags nach Hause. Ganz egal, was er hier wollte, es konnte nichts Gutes sein. Ich schlang die Arme enger um meinen Körper und trat von einem Fuß auf den anderen. Besser wurde nichts davon.

Ich sehnte mich nach einer heißen Dusche und nach meinem Bett. Dazu hätte ich nur rübergehen, die Haustür aufschließen und an all den knallenden Türen und stummen Wänden vorbei in mein Zimmer schleichen müssen.

Stattdessen stand ich hier auf der anderen Straßenseite und wartete. Ralph war der Letzte, dem ich jetzt begegnen wollte. Er war überhaupt der Letzte, dem ich irgendwo begegnen wollte.

Ich schaute auf die Uhr. Vielleicht hatte ich ja Glück und er war in seinem Arbeitszimmer. Langsam überquerte ich die Straße. Ich musste nur leise genug sein.

Die Tür wurde aufgerissen, noch bevor ich den Schlüssel ins Schloss stecken konnte.

»Wo kommst du jetzt her?« Ralph musterte mich von oben bis unten. Der Geruch seines Rasierwassers verursachte mir sofort Übelkeit. Ich versuchte, mich an ihm vorbeizudrängen, aber seine Hand packte mich am Oberarm. »Ich habe dich gefragt, wo du jetzt herkommst?«

»Aus der Schule, wieso?« Ich versuchte, meinen Arm zu befreien, aber Ralph hielt mich fest.

»Jetzt schon? Und wie läufst du überhaupt wieder rum?«

»Das geht dich einen Sch…« Ich schluckte die letzten Worte runter. Was hätte ich auch sagen sollen?

»Ich muss zurück ins Büro.« Plötzlich ließ Ralph mich los und schob sich an mir vorbei. So schnell ich konnte, schlüpfte ich ins Haus.

»Kümmer dich um deine Mutter«, hörte ich noch, bevor die Tür endlich ins Schloss fiel. Ich fing erst wieder an zu atmen, als ich hörte, wie er das Auto aus der Einfahrt fuhr.

»Mama?« Ich durchquerte den Flur, warf einen Blick ins Wohnzimmer. Nichts. Auch die Küche war leer. Steril und aufgeräumt wie ein OP-Saal. Der Kaffee, der gestern von der Wand getropft war, war längst weggewischt, die Scherben der Tasse zusammengefegt. Ein perfektes, glückliches Leben in einer perfekt geputzten Küche.

Ich lief die geschwungene Marmortreppe nach oben.

»Mama, wo bist du?«

Leises Stöhnen aus dem Schlafzimmer. Für einen Augenblick überlegte ich, es einfach zu ignorieren und gleich im Bad zu verschwinden. Kümmer dich um deine Mutter. Die Tür zum Schlafzimmer war nur angelehnt.

»Mama, ist alles in Ordnung?«

Das Stöhnen hörte auf. Meine Mutter lag auf dem Bett. Angezogen. Die Augen mit einem gefalteten Waschlappen bedeckt. Migräne. Wieder mal.

Ich wusste, dass sie nicht schlief. Und ich wünschte, sie würde das lassen. Es war so sinnlos, sich schlafend zu stellen, während die Welt um einen herum in tausend Stücke zerbrach. Ich zog die Tür leise hinter mir zu und ging ins Bad. Dort griff ich nach meinem Honigshampoo und wusch mir die Haare. Erst als das heiße Wasser restlos aufgebraucht war, verließ ich die Dusche wieder. Kalt war mir trotzdem noch.

In meinem Zimmer fiel mein Blick auf das Bild auf meiner Kommode. Meine Konfirmation. Meine Mutter, Ralph und dazwischen ich. Zwei Jahre war das jetzt her. Ich hatte mich verändert. Alles hatte sich verändert. Aber war das nicht immer so? Der Augenblick, in dem man auf den Auslöser drückte, war im gleichen Moment schon Vergangenheit. Ein Bild aus einer anderen Zeit.

Ralph. Er sah gut aus. Keine Frage. Meine Freundinnen beneideten mich oft um diesen Stiefvater. Dabei hatten sie keine Ahnung. Gar keine.

Nur Nasti hatte Ralph von Anfang an nicht leiden können. Die Abneigung beruhte auf Gegenseitigkeit. »Was treibst du dich mit einer wie der rum?« war eine von Ralphs Lieblingsfragen.

An dem Tag, an dem das Doppelleben meines Stiefvaters ans Licht gekommen war, war Nasti zu meiner besten Freundin geworden. Ich musste wieder an das Video denken und fragte mich, wann sie diesen Jungen wohl kennengelernt hatte. Wir unternahmen schließlich so gut wie alles gemeinsam. Beim Skaten, hatte sie gesagt. Ich ließ mich aufs Bett fallen und schloss die Augen. Das hatte ich jetzt davon, dass ich Nasti letzte Woche versetzt hatte. Ich war echt gespannt, wen meine Freundin da wieder aufgerissen hatte.

Nasti schleppte öfter mal die unmöglichsten Typen an. »Just for fun«, sagte sie immer. Für mich war das okay. Ich wusste auch so, dass uns nie jemand auseinanderbringen konnte. Wie hatte sie ihn genannt? Trasher? Was für ein bescheuerter Name. Ich gähnte und drehte mich auf die Seite.

Ein unangenehmes Geräusch bohrte sich in meinen Kopf und ließ mich hochschrecken. Es dauerte einen Moment, bis ich realisierte, dass es das Klingeln meines Handys war. Draußen wurde es bereits dunkel. Verschlafen warf ich einen Blick auf das Display.

»Nasti, was …«

»Alice! Du musst kommen, schnell!« Ihre Stimme überschlug sich. Sofort war ich hellwach.

»Was? Nasti? Was ist passiert?«

»Die bringen sich um!«

»Wer? Wer bringt sich um? Nasti? Hallo??«

Ich hörte nur lautes Rauschen. Dann ein Schluchzen.

»Ich habe Angst! Bitte!«

»Nasti, wo bist du? Was ist los?«

»Trasher. Und Adrian. Die beiden sind völlig durchgeknallt. Alice, bitte komm. Du musst mir helfen, sie da runterzuholen. Bitte!«