Es war Heiligabend. Am Nachmittag hatte es gefroren. Die Welt war so glasig, hart und glatt wie eine Perle, die Sonne so bleich und dünn wie eine Scheibe aus Eis in einem Himmel, der so weiß wie die verschneite Erde schimmerte. Irina ging vor ihrer Mutter und ihrem Vater auf dem Wege her, der durch die Felder zur Stadt führte. Sie hatte eine Lammfelljacke an, steckte in Stiefeln und Fausthandschuhen und trug eine Lammfellkappe. Ihr langer blonder Zopf hing ihr den Rücken herab. Die Kälte biss ihr in die mageren Wangen, und die Bäume zu beiden Seiten des Weges stießen mit ihren schwarzen Fingern durch den Nebelfrost, als ob sie die Vorübergehenden umklammern wollten.

Noch ehe sie die ersten Häuser am Stadtrand erreichten, vernahm Irina die fernen Klänge von Weihnachtsliedern, die eine Kapelle spielte. Sie schaute aber nicht auf. Sie drehte sich auch nicht zu den Eltern um und sagte: »Hört mal!« Sie ging nur schweigend weiter und starrte auf ihre dicken Stiefel, die auf den knirschenden Schnee traten. Irina mochte Weihnachten nicht.

Als sie die Stadt erreicht hatten, waren schon alle Schaufenster hell erleuchtet und strahlten im Nebeldunst. Auf dem verschneiten Marktplatz, wo Musikanten unter dem Weihnachtsbaum spielten, hingen überall bunte Lichterketten. Aber Irina und ihre Eltern blieben nicht stehen, um sich die Weihnachtslieder anzuhören, denn sie hatten zu viel zu erledigen. Sie kamen von einem Bauernhof, und zu Weihnachten brauchten alle Kunden mehr Sahne und Eier und Milch, und außerdem mussten sie rechtzeitig wieder daheim sein, um die Tiere zu füttern. Deshalb trennten sie sich. Der Vater verhandelte mit dem Milchmann vom Eckladen, während Irina mit der Mutter weiterging, um ihr bei den Besorgungen zu helfen.

Sie gingen zum Bäcker, um Brot und Mehl zu kaufen, und mussten in einer langen Schlange stehen und warten.

Am Anfang der Schlange stellte sich ein Mädchen, das viel kleiner als Irina war, auf die Zehenspitzen und deutete auf die Kuchen und auf die kleinen Pasteten, die mit Puderzucker bestreut waren. »Und davon auch welche«, rief das kleine Mädchen. »Für Oma. Und dann den großen Kuchen! Opa mag so gerne Kuchen! Den großen Kuchen!«

Irina beobachtete sie genau und merkte sich jedes Wort, aber als ihre Mutter an der Reihe war, bat sie um nichts. Sie war dünn, sie hatte auch nie viel Appetit, und außerdem gab es keine Großeltern, die zum Weihnachtsessen kamen.

Danach gingen sie ins Gemüsegeschäft und warteten wieder in einer langen Schlange.

Ein kleiner pummeliger Junge, der sich seinen roten Schal ein paarmal um den Hals gewickelt hatte, zankte sich mit seiner älteren Schwester. »Ich mag aber Datteln am liebsten!«, protestierte er.

»Ach, red doch nicht«, sagte seine Schwester. »Du bist bloß scharf auf die Schachtel mit dem Bild drauf. Aber wir kaufen nur Feigen und Nüsse und Mandarinen, und damit basta.«

Doch ihre Mutter zwinkerte der Gemüsefrau zu und kaufte Feigen und Nüsse und Mandarinen und Datteln.

Irina beobachtete sie genau und merkte sich jedes Wort, aber als ihre Mutter an der Reihe war, bat sie um nichts. Sie hatte keine Geschwister, mit denen sie sich hätte zanken können.

Die Musikkapelle auf dem Marktplatz fing an, Kommet ihr Hirten, ihr Männer und Fraun zu spielen, und der pummelige kleine Junge mit dem roten Schal und seine Schwester fielen gerade in die Melodie ein, als Irina und ihre Mutter aus dem Laden kamen.

Es begann, dunkel zu werden, und vor den schneeigen Schatten funkelten die bunten Lichter noch heller. An der Straßenecke vor dem Gemüseladen verkaufte eine dicke Frau in Schürze und warmen Handschuhen Weihnachtsbäume.

Ein magerer Junge, etwas größer als Irina, suchte sich mit seinem Vater einen aus. »Den da! Nein, lieber den da, nein, doch diesen, ja, diesen hier, das ist der Größte!«

Sein Vater lachte und sagte: »Und wie sollen wir den da nach Hause schaffen?« Aber er kaufte ihn, kaufte ihn trotzdem, und die dicke Frau umwickelte ihn mit einem festen Strick, sodass sie ihn besser tragen konnten.

Irina beobachtete sie genau und merkte sich jedes Wort, aber sie bat um nichts. Schon vor Jahren hatte ihre Mutter gesagt: »Du bist jetzt zu alt für das Theater mit dem Weihnachtsbaum. Das ist nur Geldverschwendung. Du kannst dir stattdessen was Vernünftiges wünschen.«

So marschierten sie an den Weihnachtsbäumen vorbei und gingen quer über den Platz zur anderen Seite. Dort gab es ein Spielzeuggeschäft und direkt daneben einen düsteren Trödelladen. Ein verstaubter Mistelstrauß hing im Schaufenster, und nebenan war eine Boutique, in der wunderschöne Abendkleider mit üppigen Samtröcken ausgestellt waren.

Irina blieb neben ihrer Mutter stehen und starrte mit glänzenden Augen auf die Auslagen, ohne ein Wort zu sagen. Was hätte es für einen Sinn, sich ein schönes Kleid zu wünschen, wenn sie so weit von der Stadt entfernt wohnte, dass sie nie zu einer Party ging? Und was hätten Spielsachen für einen Sinn, wenn es keine Kinder in der Nähe gab, mit denen sie hätte spielen können?

»Hast du dich schon entschieden, was du dir wünschst?«, fragte ihre Mutter. »Du weißt doch, wir müssen uns beeilen, wir haben noch viel zu erledigen.«

Irina versuchte, ihre Gedanken zu sammeln. Es ist schön, wenn man sich etwas wünschen kann, aber noch schöner, wenn das Geschenk eine Überraschung ist. So starrte sie nur die großen Puppen in den Kartons an und dann die Kleider und dann das Lametta und die Silberglöckchen, die die Schaufenster schmückten. Sie suchte einen Wunsch, der auch ihrer Mutter gefallen würde. Dann fiel ihr der dicke kleine Junge wieder ein und sein roter Schal, und weil sie nicht wollte, dass ihre Mutter warten musste und ärgerlich wurde, sagte sie: »Ich wünsche mir das rote Samtkleid …«

»Was hast du dir da bloß eingebildet! Wo willst du denn damit hin?«, fragte ihre Mutter ungeduldig.

»Ich weiß nicht …«

Es ist schwierig, einer Mutter zu gefallen, wenn man nicht genau weiß, was sie von einem erwartet. Da drehte Irina sich um und sah ihren Vater kommen.

»Na?«, fragte er. »Fertig mit euren Einkäufen?

Wird Zeit, dass wir umkehren.«

»Irina hat sich noch kein Geschenk ausgesucht «, erwiderte ihre Mutter ärgerlich. »Sieh nur, was sie für ein Gesicht zieht. Als ob's eine Strafe wäre und kein Vergnügen.«

Irina hätte am liebsten gesagt: ›Ich will gar nichts. Ich mag nicht betteln. Ich will nur nach Hause.‹ Aber das wagte sie nicht.

Dann sagte der Vater: »Na komm, schauen wir noch einmal in den Spielzeugladen. Da muss es doch was für dich geben.«

»Sie ist verwöhnt, das ist es nämlich«, sagte ihre Mutter. »Sie hat gar keine Ahnung, was es heißt, sich etwas zu wünschen.«

Die Musikanten auf dem Marktplatz spielten jetzt ganz leise Stille Nacht. Die gefühlvolle Melodie, die zunehmende Dunkelheit und die Heiterkeit all der anderen Familien ließen Irina fast in Tränen ausbrechen.

»Ich will gar nichts«, murmelte sie heftig. »Ich will …« Doch kurz vor dem Spielzeuggeschäft blieb sie stehen.

»Komm weiter«, sagte ihr Vater. »Hier findest du bestimmt nichts.«

Aber Irina rührte sich nicht von der Stelle. Sie starrte durch das Schaufenster des Trödelladens und versuchte, etwas in der Dunkelheit zu erkennen.

»Irina!«, sagte ihre Mutter. »Um Himmels willen, wir müssen nach Hause.«

Aber Irina, die sonst immer so gehorsam war, kümmerte sich nicht darum. »Das Pferd …«, sagte sie. »Schaut euch das arme Pferd an!«

»Was für ein Pferd?«, fragte ihr Vater.

»Ich kann da kein Pferd erkennen«, sagte ihre Mutter und spähte mit dem Vater auf das düstere Gerümpel. Unter einem Durcheinander von verstaubten Möbelstücken konnten sie nur den Kopf und die verfilzte Mähne von etwas erkennen, das ein Schaukelpferd sein mochte.

»Jetzt seh ich's auch«, sagte ihr Vater. »Na gut, komm weiter. Wir müssen los. Das alte Zeug wirst du dir wohl nicht zu Weihnachten wünschen.«

»Das will ich nicht hoffen«, sagte ihre Mutter. »So verdreckt, wie das aussieht.«

Irina aber blickte mit glänzenden Augen zuihnen empor und die Tränen, die ihr bei dem schwermütigen Weihnachtslied und der wachsenden Dunkelheit und der Fröhlichkeit der anderen Familien in die Augen gestiegen waren, liefen jetzt über und kullerten ihr die Wangen hinunter.

»Es ist verletzt«, sagte sie weinend. »Es ist einsam und verlassen und hat Angst und wird unter all den anderen Sachen zerdrückt!« Und ehe ihre Eltern etwas einwenden konnten, stürzte sie in den Trödelladen, sodass ihnen nichts anderes übrig blieb, als ihr zu folgen.

Drinnen blieb Irina stehen und überlegte, was sie als Nächstes tun sollte.

Sie hatte noch nie so ein Durcheinander in einem Laden gesehen. Die aufeinandergestapelten Möbel reichten bis an die Decke, und es war gar nicht so einfach, sich zwischen diesen Türmen hindurchzuwinden. Es gab darüber hinaus Zierrat und Nippes jeder Art, Messingeimer und Lampenständer und alte Öfen und Schreibmaschinen und Gegenstände, deren Zweck verborgen war. Alles war mit einer dicken Staubschicht bedeckt, selbst die eine einzige nackte Birne, die den größten Teil des Raumes im Schatten ließ.

»Was kann ich für dich tun?«, fragte eine Stimme aus der Finsternis.

Irina schaute sich um, konnte aber niemanden erkennen. Sie hatte etwas Angst, blieb jedoch stehen, wo sie war, und wartete.

»Ist wer zu Hause?«, fragte die Stimme ihres Vaters hinter ihr.

Die erste Stimme kicherte. »Ich«, sagte sie. »Falls Sie dies hier ein Zuhause nennen wollen. Hinter der Kommode zu Ihrer Linken.«

Irina schaute sich um. Zuerst konnte sie nichts ausmachen, aber dann bemerkte sie einen großen geschnitzten Lehnsessel, so groß wie ein Thron, und, gerade noch erkennbar, den Kopf eines Mannes im Profil.

»Sehen Sie mich jetzt?« Doch der Kopf drehte sich dabei nicht um, und die Augen blieben geschlossen. »Es wird wahrscheinlich schon dunkel, aber ich bin blind, und ich sehe nicht ein, warum ich mein gutes Geld zum Fenster hinauswerfen soll, damit andere etwas sehen. Ich hab auch nicht viel, was des Betrachtens wert wäre, obwohl ich sozusagen davon lebe. Was möchten Sie denn gern?«

»Das Schaukelpferd«, sagte Irina so laut, wie sie es wagte, und sie trat näher zu dem großen geschnitzten Sessel.

Der Mann darin war nicht viel größer und ebenso schmal wie sie, und seine geschlossenen Augen waren so tief in die Höhlen seines weißen Gesichtes gesunken, dass er gar keine zu haben schien. Er trug einen schwarzen Overall, und seine bleichen Hände lagen mucksmäuschenstill auf seinen Knien.

»Irina …«, mahnte ihre Mutter in ärgerlichem Flüsterton.

Irina aber rührte sich nicht und ballte nur die Fäuste voll Angst und Entschlossenheit.

»Sie hat das Pferd in der Auslage gesehen …«, begann Irinas Vater, aber der Blinde kümmerte sich gar nicht um ihn.

»Wie heißt du?«, fragte er und wandte sein Antlitz zu Irina.

»Irina.«

»Irina«, flüsterte er, »komm näher zu mir.«

Irina fürchtete sich vor dem Blinden, aber sie wollte das Pferd retten. Sie trat dichter an ihn heran.

Der Blinde hob seine mauseleisen Hände und berührte ihr Gesicht, betastete nacheinander ihre Augen, ihre schmalen Wangen, ihren Mund und ihr Kinn. »Irina«, wiederholte er und streichelte sanft ihr Gesicht, »du bist ein sehr trauriges kleines Mädchen. Warum spielst du nicht und bist glücklich?«

»Weil ich niemanden zum Spielen habe«, antwortete Irina.

»Und deshalb möchtest du Bella haben? Um mit ihr zu spielen?«