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Kristina Dunker

Ins Blaue hinein

Kristina Dunker

Ins Blaue
hinein

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ISBN 978-3-6496-2525-4

Das Buch erscheint unter der ISBN 978-3-6496-6988-3.

© 2017 Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG,

www.coppenrath.de

Für Paul L. Janssen

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Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

1

Die obersten Zweige der Bäume schaukeln im Fenster, als winkten sie mir zum Abschied. Hausgiebel ziehen vorbei, Tauben, dann blaue Schilder. Wir fahren: Mama lenkt das Auto, ich liege auf der Rückbank.

Mama möchte mich wegbringen, ich möchte bleiben. Mama ist nach einer kalten Dusche und zwei Tassen Kaffee wach, ich habe geweint und bin müde.

Ich hab’s immer gemocht, während langer Fahrten träumend in den Himmel im Seitenfenster über mir zu schauen. Vorne sprachen leise Mama und Papa, draußen änderte sich die Landschaft, aus Tag wurde Nacht – nur die Lichtspiegelungen, die unser Radio auf die Scheibe warf, blieben gleich. Der blaue Mond des Lautstärkerädchens und das Sternbild des Displays begleiteten mich.

Heute früh bleibt das Radio aus.

Papa ist nicht mit dabei, und Mama weiß, dass ich unglücklich bin.

»Merle, freu dich doch, du fährst in den Urlaub!« Sie streckt den Arm nach hinten, versucht, mir einen Klaps zu geben, erreicht mich aber nicht. Sie ist nicht so beweglich wie sonst, was daran liegt, dass sie bald nicht mehr nur meine Mama allein sein wird.

Eine Kurve.

Ich werde gegen die Lehne gedrückt, richte mich lieber auf. Wir fahren auf die Autobahn. Längs davon Felder, buttrig gelb und sommergrün unter wolkenlosem Himmel. Auch Mamas Augen im Rückspiegel strahlen blau. Es wird ein heißer Tag werden, so einer, bei dem die Luft über dem Asphalt flirrt und wir bei Chiara den Rasensprenger aufstellen. Zum Kreischen und Radschlagen – so eine prickelnde Tröpfchendusche auf weich getrampeltem Matschrasen!

In diesem Sommer habe ich sogar einen ganzen See zum Abkühlen. Chiara nicht. Mit ihr und mir ist es leider nicht mehr so wie früher, und jetzt muss ich auch noch weg. Ich will nicht.

Mamas Hand sucht meine. Ich reiche ihr nur den Zeigefinger; das ist zehn mal mehr, als sie erwarten kann.

»Wird schon«, sagt sie.

»Was?«

»Alles!«

Ich lasse einen Seufzer hören, der sich nach ausgehendem Staubsauger anhört. Mama lacht, das Auto schnurrt, die Sonne steigt höher und bricht durch die Windschutzscheibe. Ich blinzle. Bevor mir die Augen zu tränen beginnen, mache ich sie lieber zu. Schläfrig. Werde hoffentlich nicht von einem Salzsee träumen.

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Wir biegen auf einen Rastplatz, rollen an Lastwagen und Picknicktischen aus Beton vorbei. Auf dem ersten liegt Müll, auf dem zweiten ein trauriges Tier.

»Ach, was machst du denn da so allein?«, rufe ich und spüre, wie mein Herz förmlich über den hässlichen Parkplatz hüpft und dem leuchtend grünen Plastiktier zufliegt. Der arme Kerl sucht dringend ein neues Zuhause … genau wie ich.

Mama hat es glatt übersehen, dabei handelt es sich um ein wirklich stattliches Schwimmkrokodil.

»Musst du auch zur Toilette, Merle?«

»Das wurde ausgesetzt, Mama!«

Sie schaltet den Motor aus, wirft einen unwilligen Blick zurück. »Na, es wird wohl jemandem gehören.«

Blödsinn! Kein Kind würde sein Spieltier hier allein lassen, zumindest nicht freiwillig.

Mama runzelt die Stirn, ich ebenfalls. Sie wird nicht erlauben, dass ich es mitnehme. Dabei ist es groß genug, um zwei Personen einen Sitzplatz zu bieten. Wie ein kleines Boot. Wahrscheinlich noch nass vom letzten Seeabenteuer.

»Du musst also nicht?« Mama denkt immer zuerst an das Praktische.

Deshalb sind wir ja überhaupt losgefahren, weil es »unpraktisch« ist, wenn ich beim Umzug dabei bin. Angeblich würde ich mich auf der Baustelle nur langweilen. Stimmt überhaupt nicht: Ich finde halbe Häuser richtig spannend, die noch nicht fertigen genauso wie die schon verfallenen. Mit Chiara und ihrem Bruder bin ich vor ein paar Monaten sogar heimlich in ein Abbruchhaus geklettert. Es macht Spaß zu schauen, was da noch für scheußliche Tapeten an den Wänden kleben und was von den Bewohnern sonst so übrig geblieben ist. Ich stöbere gern in alten Sachen und habe dabei sogar schon eine Spieluhr mit roten Holzpferdchen gefunden. Die steckt längst in einer Umzugskiste. In einer, auf der »Mama« steht, denn ihr habe ich meinen Fund geschenkt.

Und jetzt habe ich wieder etwas Tolles entdeckt: ein Krokodilsboot!

Mama steigt aus.

Mein Entschluss steht fest. Meine Gedanken rasen. Unser Auto ist groß, das ist gut. Doch der Kofferraum ist voll, da krieg ich das Krokodil aufgepumpt nicht rein. Hinter den Sitzen ist mehr Platz. Aber was, wenn Mama es entdeckt? Ihren Seidenschal drüber ausbreiten? Nicht gut. Die Luft rauslassen? Dauert zu lange. Ich will es aber haben!

Also los.

Das Krokodil wartet schon, schaut mich mit seinen großen runden Comicaugen hoffnungsfroh an. Ein pausierender Lasterfahrer sieht mich auch. Er schnippt seine Zigarette weg und steuert aus der anderen Richtung auf das Krokodil zu. Wir erreichen es im gleichen Augenblick.

»Moment mal«, sagt er von der gegenüberliegenden Tischseite. »Das kannst du nicht einfach so mitnehmen!«

»Warum nicht?!«

Weit und breit ist keine Familie, kein Kind zu sehen; niemand da, der einen Anspruch darauf erheben könnte. Ich ergreife die glatten grasgrünen Tatzen. Leicht ist so ein Schwimmtier ja, aber dieses lässt sich leider nicht einfach in Besitz nehmen, denn der Mann hält die Hinterbeine fest.

»Weil ich mich mit dem Kollegen schon angefreundet habe. Der liegt seit gestern Abend hier, und ich frage mich die ganze Zeit, ob ich ihn nicht als Maskottchen in meinem Truck mitfahren lasse.«

»Nein, ich nehme es!«

Ich ziehe am Krokodil. Doch ein Ruck von dem Mann, und ich lasse lieber los, sonst liege ich gleich auf dem Tisch.

Der Lasterfahrer lacht überlegen und verschränkt die Arme vor der Brust. Sie sind muskulös und Furcht einflößend tätowiert. Die Haut ist komplett von einem dunklen Gestrüpp aus Rosen, Spinnen und Totenköpfen überwuchert; es sieht aus wie ein Urwald voller fleischfressender Pflanzen.

»Das ist ein Kinderboot!«, rufe ich verzweifelt. »Sind Sie etwa ein Kind? Fahren Sie an einen See? Sind Sie traurig und verlassen?«

Die letzte Frage überrascht ihn. Er sackt ein wenig in sich zusammen, reibt sich die Augen. Ob er sich manchmal vor seinen eigenen zugewachsenen Armen erschrickt? Morgens vorm Spiegel, wenn er noch nicht ganz wach ist? Ob er dann denkt, der schwarze Skorpion da, darauf hätte ich lieber verzichten sollen?

»Verlassen?«, wiederholt er jetzt.

Ich nicke und nutze die Chance. Schnappe mir die Beute und flüchte. Ich will das Boot jetzt noch dringender besitzen als zuvor!

Auch das Krokodil weiß, zu wem es besser passt: Während ich laufe, drängt es sich an mich, nimmt mir, unhandlich und rutschig, wie es ist, in seinem Überschwang die Sicht und malt mit seinem grasigen Unterbauch grüne Streifen auf mein T-Shirt.

»Zwei Freunde fürs Leben!« Der Lasterfahrer hinter mir lacht wieder, jedoch so, als würde er über eine Holperstrecke fahren. »Aber im Leben wird man verlassen, das weißt du schon, du kleines Raubtier, ja?!«

Kleines Raubtier?

So hat mich noch niemand genannt. Die Worte schmecken intensiv süß und zugleich etwas streng, wie bittere Orangenmarmelade. Ist etwas falsch an ihnen?

Neuerdings bin ich mir nicht mehr sicher, welchen Wörtern ich über den Weg trauen kann. Überall tun sich Fallgruben auf. Letztens hat die ganze Klasse über mich gelacht, als ich erzählt habe, dass ein gestörter Köter dem Hund meiner Tante den Schwanz abgebissen hat. Dabei war das eine Tatsache!

Ich bin froh, das Auto zu erreichen. »Wir haben’s gleich geschafft«, rede ich dem sonnenwarmen Grüntier zu und schon hat’s sich gedreht und schlüpft mit dem Kopf voran auf die Rückbank.

Doch Mama naht mit energischem Schritt und packt das Ungetüm. »Was hab ich dir gesagt, Merle?«

»Gar nichts«, protestiere ich und stelle mir vor, wie das arme, ausgestoßene Krokodil verzweifelt versucht, sich an den Sitzen festzuhalten. Keine Chance, es hat nicht mal Krallen! Nur andeutungsweise Zähne – dafür aber aufgemalte Zacken.

»Dieses schmutzige Teil kommt mir nicht mit!«

»Das hast du nicht gesagt!«

»Das konntest du dir aber denken.« Sie stampft zornig mit dem Fuß auf. »Mensch!«

Wenn meine Mutter mich darauf hinweist, dass ich weder Tier noch Pflanze bin, sondern der Gattung der zweibeinigen Alles-besser-Wisser angehöre, ist höchste Vorsicht geboten. Es ist sozusagen eine letzte Warnung an meine Vernunft.

Normalerweise würde ich nun klein beigeben.

Aber heute nicht.

Ich wollte nicht umziehen und ich wollte während der Ferien nicht abgeschoben werden. Dann will ich jetzt wenigstens das Krokodilsboot. Es ist praktisch und außerdem genau wie ich: verloren und traurig. Schon wie es den Kopf unter meine Jacke schiebt, die auf dem Sitz liegt!

Nein, ich gebe es nicht her. Ich habe etwas riskiert, hab es vor dem tätowierten Trucker gerettet und vorm Verrotten an der Autobahn. Ich bleibe lieber selbst hier und verrotte, oder ich kriege einen Schreikrampf, dass man es bis zur nächsten Abfahrt hört!

»Bitte, lass es mich behalten! Es ist gar nicht so dreckig und am See werde ich’s sofort waschen. Hier hinten ist auch genug Platz für uns zwei. Du hast doch sowieso gesagt, es ist nicht mehr weit.«

Mama öffnet den Mund, aber ich spreche schneller und lauter als sie: »Außerdem braucht es dich gar nicht zu stören, denn du gibst mich ja nur ab und fährst dann gleich wieder.«

»Merle«, sagt sie sanft, »meinst du nicht, du bist zu alt dafür?«

Pffff. Das ist ein Argument, dem ich so schnell nichts entgegensetzen kann. Schließlich werde ich bald schon dreizehn und befürchte ja selbst, dass ich mich blamieren könnte. Wie neulich auf Tessas Geburtstagsfeier: Da habe ich mich beim Wettschminken als Schamanin eines unentdeckten Dschungelstamms angemalt – das war eine denkbar schlechte Idee. Seitdem kritisiert Tessa mich dauernd. Sie sagt zum Beispiel, ich würde mein Pausenbrot wie ein Bauarbeiter halten; keine Ahnung, wie sie das meint und warum sie sogar meine Ringelsocken zu bunt und kindisch findet. Ich würde sowieso viel zu oft Geringeltes tragen, sagt sie, ein Streifenhörnchen sei ich, und das finden alle witzig, auch Chiara. Aber Chiara will, glaube ich, jetzt sowieso lieber mit Tessa befreundet sein.

Das alles weiß Mama nicht, aber vielleicht ahnt sie’s. Sie murmelt: »Du bist doch kein Baby mehr«, und zerrt das Krokodil von der Rückbank. Seine Schnauze streicht an meinen Beinen vorbei, lässt dann Mamas Schlüsselbund klappern. Der Anhänger ist ein plüschiges rosa Schweinchen.

»Und was ist das?«, rufe ich und zeige darauf. »Bist du nicht auch zu alt dafür?«

Mama stutzt. »Das hat mir Papa geschenkt als Glücksbringer fürs Baby. Das ist doch was ganz anderes, das ist ein nettes, kleines …«

»Und das hier ist ein nettes, großes Boot. Damit kann man mehr anfangen als mit dem Stoffschwein da, von dem du zuerst gesagt hast, dass es deine Handtasche verstopft. Das Boot hab ich mir selbst geschenkt. Einer muss sich ja um mich kümmern, wenn du dich nur um dein neues Baby kümmerst.«

Mama erschrickt. Dabei müsste sie wissen, dass Baby momentan ein Reizwort für mich ist. Um das Baby dreht sich alles.

Nur wegen des Babys ziehen wir um.

Und das Baby macht mir auch noch aus anderen Gründen Bauchschmerzen. Ich habe Angst, dass sich etwas ändern wird zwischen mir und meinen Eltern. Besonders zwischen mir und Papa.

»Bitte, tu, was du willst!«, sagt Mama beleidigt (und vielleicht auch ein bisschen traurig).

Mit rotem Kopf stopft sie das Krokodilsboot wieder auf die Rückbank, marschiert ums Auto herum und befiehlt mir, mich anzuschnallen. Den Rest der Fahrt würdigt sie mich keines Wortes mehr.

2

Bei der Ankunft herrscht noch immer Schweigen zwischen uns. Das ist nicht gut, denn ich wollte Mama überreden, wenigstens eine Nacht noch zu bleiben. Damit ich mir nicht so abgeschoben vorkomme.

Genauso fühle ich mich aber, zumal Mama »So, Endstation« sagt, bevor wir unter den Nadelbäumen ruckelnd stehen bleiben. Dass es Nadelbäume sind, kann ich riechen, als Mama die Tür öffnet und erleichtert »Ah!« macht.

Nadelbäume riechen an heißen Tagen irgendwie besonders intensiv nach Wald, finde ich. Sehen kann ich gerade nicht so viel, was vor allem an meinem voluminösen Fundtier liegt, in dessen Flanke ich meine Nase drücke, als sei sie der Stöpsel, der das Loch zum Aufpusten verschließt. Ich stelle mir vor, wenn ich meine Nase wegnehme, entweicht die ganze im Krokodil gesammelte Luft auf einmal, und das Ballonboot schießt aus dem Auto, um Mama umzuschubsen. Dann würde es weitersausen und dabei kleiner und immer kleiner werden und schließlich zwischen den Bäumen verschwinden, wo es noch ewig lang umhersirrt, hummelgroß maximal. Eine Hummel fliegt auch hier gerade herum; ich kann sie nicht sehen, aber dafür hören.

»Anja! Wie schön! Komm, lass dich drücken!«

Die helle, singende Stimme ist Omas. Eigentlich wird sie bloß die Oma des Babys sein, von mir ist sie streng genommen nur Adoptivoma. Ihr Sohn Nikolaus Kuchendorf ist zwar »mein Papa«, aber nicht mein leiblicher. Als ich zwei Jahre alt war, hat er Mama geheiratet und mich adoptiert. Die Frage ist, ob seine Eltern mich damals automatisch mitadoptiert haben?

Ich zähle die Zacken auf dem Krokodilsrücken: Gerade Summe heißt Ja, ich gehöre dazu, ungerade …

Jemand klopft ans Fenster. Adoptivoma oder -opa?

»Was ist denn da drin?«, ruft eine unbekannte Stimme. »Ist das etwa ein Drachenboot? Hammerhart! So was wollte ich auch immer haben! Damit können wir bis zur Pirateninsel paddeln!«

»Ja, Felix, das könnt ihr sicher machen, aber jetzt lassen wir Merle erst mal ankommen, hm?«

Opas Stimme ist so leise, wie ich sie in Erinnerung habe. Immer, wenn ich ihm und Oma begegnet bin, hat er viel gelächelt, aber nur wenig gesprochen. Er ist fast etwas schüchtern. Heute kommt mein Adoptivopa mir außerdem ein bisschen älter, dünner und durchscheinender vor. Seine Augen sind ganz hell, wie der Himmel am Morgen. Lächeln tut er, zaghaft.

Der fremde Junge dagegen ist sommerbraun und leicht rundlich. Als ich die Tür öffne, springt er vor Freude wie ein Flummi in die Höhe.

»Hallo, Merle, jetzt komm endlich raus aus der heißen Blechkiste!«

»Felix«, sagt Opa wieder, diesmal etwas strenger. »Das ist unser Besuch. Wir haben lange drum bitten müssen, dass Merle bei uns Ferien macht. Du musst also warten, bis du mit dem Begrüßen an der Reihe bist.«

Felix lacht.

»Okay. Zuerst die VIPs.« Er zwinkert mir zu und lässt Opa den Vortritt. »Ich freu mich auf unsere Fahrt mit dem Panzerechsenboot!«, fügt er aber noch hinzu.

Hilfe! Warum hat mir niemand etwas von diesem Wirbelsturm von Jungen gesagt? Was macht der hier? Ich bin nicht darauf eingerichtet, mich mit einem dicklichen, dauerredenden Jungen auf mein Krokodil zu quetschen.

»Das ist unser Nachbar.« Opa wirft mir heimlich einen um Verständnis bittenden Blick zu. »Felix ist wie unser Hirtenhund früher, erinnerst du dich noch? Ein richtiges Energiebündel. Aber du wirst sehen, er wird auch genauso schnell wieder müde, legt sich auf die Ofenbank und hechelt nach Limonade.«

»Ein Hund, der Limonade trinkt?«

»Hm.« Opa kratzt sich am Kopf und grinst. Dann streckt er die Hände aus. »Darf ich dir und deinem Krokodil aus dem Wagen helfen?«

Gemeinsam betten wir es auf ein schattiges Stück Rasen unter den Bäumen.

Oma legt von hinten ihre Arme um mich. »Hallo, mein Schatz. Was hast du uns denn da mitgebracht?«

Mama fasst sich an die Stirn. »Das lag auf einem Autobahnrastplatz. Ich konnte sie nicht davon abbringen, es mitzunehmen. Glaub mir, Maria, ich versuche so sehr, meine Tochter mal für Dinge zu interessieren, die ich in ihrem Alter mochte. Aber Merle macht nur, was sie will!«

»Das hat sie von Niko«, folgert Oma, was mir richtig gut gefällt, denn so viel verstehe ich von Biologie, dass man Eigenschaften natürlich nur erben kann, wenn man miteinander verwandt ist.

»Wir streiten uns sogar deswegen!« Mama lacht mir zu und streckt versöhnlich die Hand nach mir aus, aber ich patsche nur darauf und bleibe erst mal bei Oma.

Dabei trifft mein Blick den des Jungen. Felix-Hirtenhund hat den Kopf schief gelegt und betrachtet mich ausgiebig.

Was guckste?! Ich schenke ihm ein Grinsen, das auch ein Zähnefletschen sein könnte.

Er antwortet ebenfalls mit einer Grimasse, macht dann eine Armbewegung, als wolle er mir einen kleinen Ball zuwerfen, und ruft ausgelassen: »Uuund: hepp!«, was ausnahmslos alle sehr verwundert.

»Hepp?«, fragt Opa.

»Sagt mein Tennistrainer immer, wenn ich den Ball schlagen soll.«

»Du spielst Tennis?«

Der Junge sieht ja nicht direkt unsportlich aus, dennoch hätte ich darauf nicht gerade getippt.

»Meine ganze Familie spielt Tennis. Papa ist Vizevereinsvorsitzender. Und meine Brüder sind richtig gut.« Das Strahlen auf seinem Gesicht verblasst etwas. »Ich schlage mich so durch.«

Jetzt bekommt er ein offenes Lächeln von mir.

Mama klopft ihm sogar kurz auf die Schulter und begleitet dann Oma ins Haus, das sich hinter Kiefern, Sträuchern, buschigen Hecken und Hortensien mit dicken blauen Blüten versteckt. Mama muss sich bücken, um von den tief hängenden Zweigen nicht gestreift zu werden. Gleich darauf höre ich nur noch ihre Stimme: »Ihr solltet doch für mich nichts vorbereiten! Ich fahr doch gleich wieder.«

Unschlüssig stehe ich da. Das Ich-weiß-nicht-ob-ich-hierbleiben-will-Gefühl ist zurück.

»Wie heißt das Drachenboot eigentlich? Wenn’s noch keinen Namen hat, könnten wir’s doch Zacki nennen, was meinst du?«

Ich sehe Felix an, bin mit der Frage völlig überfordert. So, wie wenn du im Unterricht geträumt hast, und plötzlich ruft dich der Lehrer auf. Dabei hat der Junge überhaupt nichts Erschreckendes an sich – eher etwas Überraschendes.

»Das klingt nett«, antwortet Opa an meiner Stelle. »Aber unser Zacki scheint mir etwas erschöpft von der Fahrt zu sein und sollte dringend aufgepumpt werden. Übernimmst du das?« Opas Blick wandert von Felix zu mir. »In Ordnung, Merle?«

Ich nicke.

»Und dann besuchst du uns nach dem Mittagessen wieder, Felix, ja?« Opa räuspert sich. »Bei euch gibt’s sicher auch bald was, oder?«

»Nudelsalat. Bei uns gibt’s immer Nudelsalat.«

»Ja, dann iss du mal deinen Nudelsalat und …«

»Aber Paul«, unterbricht Felix ihn, »ich wollte Merle erst noch zeigen, dass sie von ihrem Zimmer aus mein Fenster und den See sehen kann!«

Opa holt tief Luft, um gegen Felix’ Begeisterungssturm anzukommen.

Ich helfe ihm besser. »Zeig’s mir heut Nachmittag, wenn Zacki versorgt ist, okay?«

»Heißt das, du findest den Namen gut?«

»Ja.«

»Uuund: hepp!« Siegesgewiss schmettert Felix’ Arm einen weiteren unsichtbaren Ball in die Luft, dann läuft er zwischen den Bäumen davon – sicher, um irgendwoher einen Blasebalg zu besorgen.

Opa tut so, als wische er sich den Schweiß von der Stirn. »Ein paar Minuten Ruhe.«

»Wirklich: wie ein junger Hirtenhund!«, flüstere ich.

»Ein guter Vergleich, ja?« Opa freut sich. »Ganz so aufgedreht ist er normalerweise aber nicht, keine Sorge. Das ist nur deinetwegen.«

»Meinetwegen?«

»Na, du bist neu für ihn, aufregend.«

»Für mich ist es ja wohl viel aufregender als für ihn! Ich bin hier fremd und ich wollte auch gar nicht …«

Opa unterbricht mich schnell: »Du hast dir doch Begleitschutz mitgebracht.«

»Ach«, sage ich, fast entschuldigend (und in dem Moment verstehe ich wirklich kaum, warum ich unbedingt dieses riesige Plastikvieh mitschleppen musste), »Zacki sah so traurig aus und war so alleine.«

»Das wirst du hier nicht sein«, verspricht Opa, und seine Stimme klingt wie kaum hörbar knackende Kiefernnadeln. Er legt seine Hand auf meine Schulter und schiebt mich durch das Heckentor. »Komm. Ich zeig dir dein Zuhause für diesen Sommer. Du warst ja ein paar Jahre nicht hier.«

3

Das Haus ist klein und ganz aus Holz. Es knarrt bei jedem meiner Schritte, als würde es mir antworten. Es duftet auch sehr angenehm.

»Weil es lebt«, erklärt mir Oma. »Es umgarnt uns wie eine Katze, es wärmt und schnurrt, streckt sich und knurrt, und wenn der Wind durch die Ritzen pfeift, faucht es. Dein Opa nennt es unser Hexenhäuschen

Mama lacht. »Das ist aber nicht sehr nett.«

»Meinst du, weil ich dann die böse Hexe bin?« Oma tritt zum Herd, greift nach einer Bratpfanne und wiegt sie in der Hand, als überlege sie, jemanden damit zu vertrimmen.

»So habe ich das nicht gemeint«, verteidigt sich Opa. »Es gibt auch nette Hexen. Solche, die die besten Blaubeerpfannkuchen der Welt zaubern und Herzen zum Hüpfen bringen.«

»Oioioi«, juchzt Mama, »hör dir das an, Maria!«

»Immer noch der alte Charmeur.« Oma grinst breit, dreht sich um und gießt den Teig für Papas Lieblingsnachtisch in die Pfanne. »Wir hatten gedacht, Niko käme vielleicht doch …«, erklärt sie.

»Wollte er gern!« Mama nutzt die Gelegenheit, endlich von Papas Einsatz und den Fortschritten auf der Baustelle zu berichten. Die schweren Vokabeln der letzten Monate, Stahlträger, Steine, Estrich, Zement, plumpsen aus ihrem Mund und stapeln sich in der Wohnküche, die mir plötzlich eng vorkommt, als sei kein Platz für mich hier drin.

Opa stupst mich an. »Komm, ich zeig dir deine Etage.«

Er steigt vor mir die breite Leiter zur offenen Galerie hinauf. Oben fühle ich mich gleich freier. Übers Geländer blicke ich hinab auf die Nacken der Frauen (Omas deutlich brauner als Mamas), auf die Vitrine mit dem bunten Sammelsurium an Geschirr, das überquellende Bücherregal, den staubigen Kachelofen, vor dem auch jetzt, im Hochsommer, Holzsplitter liegen, auf die Schwarz-Weiß-Fotos von Städten an den Wänden (hat meine Cousine geknipst), den großen Tisch mit Laptop und Blumenvase (der Rand abgesprungen, der Inhalt selbst gepflückte Wiesenmischung) und auf die Eckbank mit den zerknautschten Kissen. Alles gefällt mir, denn hier wird nicht gebaut, hier plant und erwartet man nichts Neues, hier verändert sich seit Jahren nichts, wird (zum Glück) nicht mal groß geputzt.

Ich atme auf.

»Hm?« Opa hat es gehört.

»Alles in Ordnung«, antworte ich. Doch er wirkt nicht überzeugt. Und weil ich nicht möchte, dass er denkt, ich fühlte mich bei ihnen nicht wohl, füge ich hinzu: »Ich hab nur an was gedacht.«

»Das ist gut.« Er sieht mich weiter fragend an.

Und ich: »Wusstest du eigentlich, dass Wörter im Weg rumstehen können wie Steine, Klötze und Hindernisse? Und wenn du sie siehst, also hörst, bekommst du Kopfschmerzen?«

Opa legt den Zeigefinger an den Mund. Er sieht dabei wie ein Schuljunge aus, der am Bleistift kaut. »Worte haben Macht. Meinst du das?«

»Sie verursachen schlechte Gefühle. Und sie sind tückisch! Täuschen eine falsche Bedeutung vor. Zum Beispiel Hexe oder Raubtier. Ist es freundlich, wenn jemand kleines Raubtier zu dir sagt, oder ist es eher gefährlich, Opa?«

Jetzt kräuselt sich seine Stirn. »Das kommt auf die Situation an.«

Ich weiß nicht, ob ich ihm von dem Lasterfahrer berichten soll, das ist nun wirklich unwichtig, und doch … es ist wie eines der Malbuchbilder, dessen Form erst erkennbar wird, wenn man alle Punkte zu Linien verbunden hat.

Ich sähe schon gern klarer.

Unschlüssig gehe ich am Bett vorbei (auf meinem Kopfkissen liegt ein Geschenk) und öffne das Giebelfenster: ein auffliegender Buchfink, Kiefernzweige, die ich mit ausgestrecktem Arm berühren kann – und weit hinten, nur hier und da zwischen den Bäumen sichtbar, aber verlockend glitzernd, der See.

Opa zeigt in die andere Richtung. »Dort wohnt dein neuer Freund.«

»Ich weiß doch noch gar nicht, ob Felix und ich Freunde werden!«

»Doch, da bin ich mir sicher.«

Wir schweigen einen Moment.

»Ich glaube, wenn Felix zu dir kleines Raubtier sagen würde, wäre das in Ordnung. Wenn es aber jemand, der groß und stark ist, zu jemandem sagt, der schwächer ist, vielleicht zu einem Kind, dann …«

Opa hustet trocken.

»… weiß man es nicht so genau«, ergänze ich.

Er nickt.

»Es war nichts …«, sage ich. »Es ist nur manchmal so kompliziert alles.«

Oma und Mama klappern auf der Veranda mit Geschirr.

Eine Meise flötet, fliegt auf einen nahen Zweig, sodass ich ihr aufmerksames Gesicht und das blaue Mützchen sehe. Der Kopf neigt sich zu mir.

Ich hole tief Luft. Und dann erzähle ich, schnell und sprunghaft, von verunsichernden Wörtern und veränderten Menschen, auch vom Umzug, alles kurz, hastig und durcheinander – nur die Tattoos des Lasterfahrers, die beschreibe ich ausgiebig.

»Ein gruseliges Durcheinander«, sage ich zum Schluss (und meine alles), aber wir lachen, Opa und ich, beide erleichtert. Bis er mir plötzlich zuzwinkert und gesteht:

»Ich wollte mir immer eine Tätowierung stechen lassen, weißt du? Deine Oma ist dagegen. Dabei wusste ich schon als Junge, wie sie aussehen soll. Eines Tages mache ich es noch.« Er nickt vor sich hin. »Ich mach’s einfach. Aber sag’s Oma nicht. Sie redet’s mir sonst aus.«

Ich sehe ihn bewundernd an. Das hätte ich nicht gedacht!

»Ich sage nichts«, verspreche ich. Und dann, neugierig, muss ich aber einfach fragen: »Was willst du dir denn tätowieren lassen?«

Opa wiegt den Kopf hin und her. »Ein Tier.« Er grinst mich verschmitzt an. »Nicht das kleine Raubtier, das dir kein Kopfzerbrechen mehr bereiten sollte. Du hast ein gutes Gespür für Wörter, lass dich nicht verunsichern!« Er wuselt mir durchs Haar. »Aber es ist immer gut, vorsichtig zu sein. Gerade, wenn du Leute nicht kennst.« Opa räuspert sich, überlegt wohl, ob er noch mehr sagen soll, zögert.

»Wörter sind verräterisch«, beende ich das Thema.

»Ja.« Er lacht. »Sie verraten oft mehr über die Absichten der Menschen, als die eigentlich preisgeben wollen. Du hast das gut beobachtet. Aber Wörter können auch Gutes tun.«

»Was denn?«

In diesem Moment ruft Mama von unten: »Essen!«

»Das«, Opa schnipst mit den Fingern, »ist zum Beispiel ein sehr gutes Wort, eins der besten, die ich kenne.«

Wir lachen uns an.

Der Zeitabstand, in dem wir uns nicht gesehen haben, die Wochen und Monate zwischen Geburtstagen und Weihnachten schrumpfen zusammen und verschwinden ganz. Wir kennen uns, sind uns vertraut, das ist mein Opa.

Opa und Oma.

Auch wenn ich sie ewig nicht mehr in ihrem Ferienhaus besucht habe: Ich bin zu Hause. Angekommen.

»Welches Tier ist es?«, drängle ich. »Ich sag’s auch bestimmt nicht weiter.«

»Du wirst es gleich Felix erzählen!«

»Warum sollte ich?«

»Weil ihr sicher Freunde werdet. Das habe ich im Gefühl. Na, du darfst es ruhig sagen, es ist kein Geheimnis.«

»Aber doch etwas, das du nicht jedem erzählst.«

»Das allerdings«, bestätigt Opa, legt mir verschwörerisch den Arm um die Schultern und senkt die Stimme. »Also gut, Merle. Ich lasse mir einen Fisch tätowieren. Einen besonderen Fisch. Einen, den ich schon lange kenne, der sozusagen mein alter Freund ist.« Opa zeigt aus dem Fenster. »Er wohnt dort im See. Wenn du willst, erzähle ich dir später von ihm.«

4

Wir sitzen auf der schattigen Veranda, die Richtung See liegt, und essen Pfannkuchen (erst deftige mit Ratatouille, dann süße). Etwa zwei Dutzend Blockhäuser zählt der Ferienpark, der sich auf einem schmalen Uferstück den dicht bewaldeten Hügel hinaufzieht. Unseres liegt weit oben. Wie in einer Theaterloge blicke ich über Dächer, Fahnen und Hecken hinweg auf den Streifen Wasser, hinter dem, hellgrün mit grauen Felsen, das Südufer aufragt.

Mama, die neben mir auf der Bank sitzt, lehnt ihren Kopf an meinen. »Ich wollte dir vorhin nicht den Spaß verderben. Aber ich wusste von Oma, dass du hier von anderen Jugendlichen erwartet wirst, und wollte nicht, dass du womöglich einen falschen ersten Eindruck machst. Du sollst doch schöne Ferien haben und eine glückliche große Schwester sein.« Sie nimmt meine Hand und legt sie auf ihren Kugelbauch. »Wieder gut zwischen uns?«

»Zwischen uns dreien?«, frage ich.

»Ja.« Sie gibt mir einen Kuss mit ihrer kaffeeduftigen, blaubeerfarbenen Schnute.

»Nur, wenn du noch ein bisschen bleibst, Mama.«

»Ach, Schätzchen«, gluckst sie und drückt ihre Nase in mein Haar.

Oma fragt: »Du wirst aber kein Heimweh bekommen, oder?«

»Heimweh, nach was denn? Unsere Wohnung ist ja nicht mehr mein Zuhause, wenn ich zurückkomme.«

Mama zieht die Luft ein. Gleich wird sie wieder ihre Argumente aufzählen: Nur Vorteile im neuen Haus! Ein Zimmer, doppelt so groß wie mein altes. Endlich Platz für das Hochbett, das ich mir schon lange wünsche. Ein eigener Garten.

Klar kann ich meine Freundinnen, die nun nicht mehr eine Treppe tiefer oder höher wohnen, auch in das neue Haus einladen. Wenn sie denn kommen wollen, vierzig Minuten mit dem Bus.

»Wir wissen ja, dass du den Umzug nicht gut findest, Merle. Aber den Urlaub?« Oma sieht mich bittend an. Opa, dessen Blick auf mich durch Mama verdeckt wird, beugt sich vor. Mama scheint den Atem anzuhalten. Stille am Tisch, Ruhe insgesamt, nur hinterm Haus ertönt jetzt ein gleichmäßiges Schnaufen. »Das wäre schade«, fährt Oma fort, »wenn du nicht gern hierbleiben würdest. Wir freuen uns sehr, dass du da bist; deine Mutter können wir dir aber natürlich nicht ersetzen.«