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Ortwin Ramadan

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Ortwin Ramadan

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© Foto: Ortwin Ramadan

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Ortwin Ramadan hat deutsch-ägyptische Wurzeln und wurde in Aachen geboren. Nach seinem Politik- und Ethnologiestudium arbeitete er zunächst als Journalist und Redakteur, bevor er als Drehbuchautor die Lust am Bücherschreiben entdeckte. Er lebt mit seiner Familie südlich von München.

Impressum

© 2017

Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG,

Hafenweg 30, 48155 Münster

www.coppenrath.de

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

ISBN 978-3-649-62516-2

Text: Ortwin Ramadan

Umschlaggestaltung: Kerstin Schürmann, formlabor, München

Lektorat: Sara Mehring

Satz: Da-TeX, www.da-tex.de

Printed in Germany

www.coppenrath.de

Inhalt
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Der Kopf klatschte auf den Boden ...
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Leseprobe

2 Mark fuhr sich mit einem Schraubenschlüssel in der Hand über die ölverschmierte Stirn.

„Was willst du denn hier?“, brummte er genervt. „Ich habe keine Zeit zum Babysitten!“

Dann tauchte er wieder in den Motorraum ab. Die Sonne brannte durch das Glasdach, wodurch es in der Werkstatt unerträglich heiß war.

„Ich muss mit dir reden“, sagte Oleg. „Kannst du nicht ’ne Pause machen?“

„Nicht jetzt …“ Die Antwort kam irgendwo aus der Tiefe des Motors. „Wir sehen uns nachher, okay? Bei Digger.“

„Geht ihr heute Nacht etwa wieder auf Tour? Ich meine, Digger und du?“

Ein metallisches Klirren, gefolgt von einem Schmerzensschrei. Mark tauchte mit einem gequetschten Finger im Mund aus dem Motorraum auf und blickte sich hastig um.

„Bis du bescheuert?“, zischte er Oleg an, der einen halben Kopf kleiner war als er. „Ahmed läuft hier irgendwo rum, also halt gefälligst deine Klappe! Du weißt, dass er überall seine Nase reinsteckt!“

Abu Ahmed bin Salah El Mansour war gebürtiger Libanese. Niemand kannte sein genaues Alter oder wusste, was er früher gemacht hatte. Ihm gehörte nicht nur der Schrottplatz draußen, sondern auch die überaus lukrative Autowerkstatt, die er auf dem Gelände betrieb. Schwarz, versteht sich. Wollte man eine lästige Karosserienummer verschwinden lassen oder auch nur seinen Tacho manipulieren – für Dienstleistungen dieser Art war Abu Ahmed stets die richtige Adresse.

„Komm schon! Ahmed ist taub wie eine Nuss!“, verteidigte sich Oleg. „Und die Illegalen verstehen kein Wort.“ Er deutete auf die beiden Männer, die ein paar Meter weiter an einem Ford herumwerkelten.

Oleg trat von einem Fuß auf den anderen. Schließlich gab er sich einen Ruck.

„Sie haben mich rausgeschmissen“, sagte er.

„Was meinst du damit?“

„Sie haben mir einen Tritt in den Arsch verpasst – das meine ich!“

Mark starrte seinen Bruder an, dann verdrehte er die Augen.

„Was hast du diesmal gemacht?“, stöhnte er.

„Nichts.“

„Wegen nichts fliegt man nicht raus! Und schon gar nicht nach einer Woche!“

„Ich musste nur mal pinkeln, ehrlich! Das ist alles!“

Sein Bruder sah ihn prüfend an. Plötzlich hallte eine schrille Stimme durch die Werkstatt. Sie klang wie das heisere Krächzen eines Raubvogels: „Was gibt es da zu besprechen?

Abu Ahmed stand auf seinen Stock gestützt in dem offenen Werkstatttor und reckte neugierig seinen haarlosen Schrumpfkopf.

„Nichts, was dich interessieren könnte!“, rief ihm Mark zu. Dann wandte er sich wieder an seinen Bruder. „Willst du, dass sie Papa das Sorgerecht entziehen? Du weißt, dass sie dich dann in ein Heim sperren!“ Er fluchte. „Mann, du hättest doch nur bis zu dem Gerichtstermin durchhalten müssen!“

Oleg ballte die Fäuste.

„Das ist doch ätzend“, stieß er wütend hervor. „Wenn ich achtzehn wäre, könnten die mich mal! Dieser fette Arsch vom Jugendamt soll mich einfach in Ruhe lassen!“

„Tut er aber nicht!“, entgegnete Mark verärgert. „Und jetzt hau endlich ab! Wir treffen uns nachher!“

Nachdem sein Bruder wieder unter der Motorhaube verschwunden war, verließ Oleg schweren Herzens die Werkstatt. Als er den Schrottplatz überquerte, musste er unweigerlich an Abu Ahmed vorbei, der wieder vor der Bürobaracke auf seiner mit Teppichen belegten Holzbank Platz genommen hatte. Wahrscheinlich würde er auf der Bank irgendwann auch abkratzen, dachte Oleg. Dann konnte man die Teppiche gleich zum Einwickeln benutzen.

„Hallo, Abu Ahmed!“, grüßte er, als er an dem Alten vorbeikam. „Alles klar?“

„Salam aleikum, du Taugenichts!“, erwiderte der Greis. „Die Hölle wartet auf dich!“

Seine hinter einem milchigen Schleier verborgenen Augen schienen durch Oleg hindurchzusehen.

„Wenn das so ist, kannst du mir ja einen Platz freihalten!“, gab Oleg zurück. Bei dem verrückten Alten drehte sich alles um Himmel und Hölle. Es sei denn, es ging um ein gutes Geschäft. In dem Fall zählte weder das eine noch das andere.

In diesem Moment entdeckte Oleg ein schrottreifes Fahrrad, das an der Wand der schäbigen Baracke lehnte.

„Hey, das leihe ich mir!“, sagte er, während er sich das Rad schnappte. Es hatte tatsächlich noch Luft in den Reifen.

„Hundert Euro!“, murmelte der Alte, ohne eine Miene zu verziehen.

„Dieser Schrotthaufen ist nicht mal fünf wert!“, protestierte Oleg. „Außerdem bekommst du ihn morgen wieder zurück. Also entspann dich!“

Das Rad war zwar absolut peinlich, aber es war immer noch besser, als zu Fuß zu gehen. Also schwang er sich auf den quietschenden Sattel und strampelte los. Bis sein Bruder Feierabend machte, musste er irgendwie die Zeit totschlagen. Und er wusste auch schon, wie. Schließlich hatte er sich letzte Woche schwer verliebt.

Oleg bog in die kleine Sackgasse. Als er sicher war, dass ihn niemand beobachtete, schmiss er das schrottreife Fahrrad über einen Bauzaun und ging zu Fuß weiter. In der Fußgängerzone brauchte ihn niemand mit dem peinlichen Drahtesel zu sehen. Als er das Geschäft betrat, in dem er die Jacke vor einer Woche zufällig entdeckt hatte, warf ihm die Verkäuferin an der Kasse sofort einen misstrauischen Blick zu. Oleg beachtete sie nicht weiter. Wenn man in seinem Viertel aufwuchs, war man diese besondere Art von Aufmerksamkeit gewohnt. Stattdessen steuerte er zielstrebig auf den Ständer zu. Und tatsächlich, da war sie: die ultimative Jacke!

Die richtige Farbe, der richtige Schnitt, die richtige Größe – nur leider der falsche Preis. Das Teil kostete glatte dreihundertfünfzig Euro, und er besaß gerade einmal den Hunderter, den er für seinen Sklavenjob in der Ekelfabrik bekommen hatte. Er nahm die Jacke vom Bügel, zog sie über sein schwarzes Spider-T-Shirt und trat vor den Spiegel. Sie passte wie angegossen. Für einen kurzen Moment war er versucht, einfach aus dem Laden zu rennen. Aber als er sich unauffällig umblickte, bemerkte er, dass ihn die Verkäuferin an der Kasse nicht aus den Augen ließ. Während sie die Kundenschlange weiter abkassierte, winkte sie unauffällig eine Kollegin zu sich.

Plötzlich kam ein pickeliger Typ in Begleitung seiner Mutter auf ihn zu. Quer durch den Laden. Klamotten und Haarschnitt ließen keinen Zweifel daran, dass er zu der Art von Made gehörte, die sich von Mama alles kaufen ließ – und auch noch stolz darauf war.

„Die Jacke da gefällt mir!“ Der Typ deutete genau auf Olegs Herz.

„Kommt nicht infrage!“, befand seine Bonzenmutter, nachdem sie die Wahl ihres Sohnes mit hochgezogenen Augenbrauen begutachtet hatte. „Die sieht billig aus!“

Oleg schien für die beiden gar nicht zu existieren.

„Sieh doch mal: Die hier ist viel schöner!“ Lackierte Finger fuhren in den Kleiderständer, schoben die Bügel geübt auseinander. „Die steht dir bestimmt!“

„Eine andere will ich nicht.“ Der Scheißer grinste Oleg mit verschränkten Armen an. Der spürte, wie ihm das Blut in den Kopf stieg, doch bevor er noch etwas sagen konnte, grapschte die Alte tatsächlich nach dem Preisschild an seinem Kragen. „Was kostet dieses Ding denn?“

„Ey …“, protestierte Oleg, aber er schien weiterhin aus Luft zu bestehen.

„Ach, nur dreihundertfünzig!“, stellte die Frau erleichtert fest. „Also schön, wenn du dieses scheußliche Etwas unbedingt haben möchtest … Aber ich warne dich: Wenn du dieses Ding nicht anziehst, wandert es sofort in den Kleidercontainer!“

Dann wandte sie sich an Oleg. Es war, als würde sie ihn zum ersten Mal wahrnehmen.

„Mein Sohn hätte gerne diese Jacke“, sagte sie. „Würdest du sie bitte ausziehen?“

Oleg war sprachlos. Die großflächige Narbe, die sich von seiner linken Achsel bis hinunter auf die Hüfte zog, juckte und brannte wie verrückt. Das tat sie immer, wenn er wütend wurde. Wenn nicht in diesem Moment eine Verkäuferin auf sie zugehuscht wäre, hätte er dem dauergrinsenden Streuselbrötchen unter Garantie ein blaues Auge verpasst.

„Kann ich vielleicht helfen?“, erkundigte sich die Verkäuferin spitz. Sie war nicht gerade freundlich.

„Wie schön, dass Sie sich endlich um Ihre Kunden kümmern. Wir hätten gerne diese Jacke da!“ Die Mutter nickte in Olegs Richtung. „Es ist die einzige in Größe M. Und wie Sie sehen, benötigt mein Sohn Größe M.“

Die Verkäuferin wandte sich mit einem falschen Lächeln an Oleg: „Willst du diese Jacke kaufen?“

„Ja. Äh, nein.“

„Was denn nun?“

„Nein.“

Oleg kochte. Die Tussi wusste bestimmt, dass er sich die Jacke nicht leisten konnte.

„Sehen Sie, Sie haben es selbst gehört!“, mischte sich die Madenmutter ein. „Also sorgen Sie gefälligst dafür, dass dieser, äh, junge Mann die Jacke auszieht. Wir haben nicht ewig Zeit!“

Oleg zog die Schultern hoch und spannte seine Muskeln an. Doch in der Sekunde, in der er losrennen wollte, versperrte ihm ein uniformierter Sicherheitsmann den Fluchtweg. Wusste der Teufel, wie der Schrank so plötzlich auf der Bildfläche erschienen war. Oleg blieb nichts anderes übrig, als zähneknirschend die Jacke auszuziehen.

„Na also, es geht doch!“, sagte der Junge und nahm die Jacke in Empfang.

Als Oleg das triumphierende Gesicht sah, machte es Peng. Ihm knallte die Sicherung durch. Ohne nachzudenken, trat er der kleinen Made so fest gegen das Schienbein, dass die laut aufheulte. Danach stürmte er los. Hinter ihm schrien die Mutter und die Verkäuferin im Duett nach der Polizei, und als ihn der Sicherheitsmann an der Tür zu packen versuchte, flutschte er unter seinen Armen hindurch ins Freie. Kaum war er aus dem Geschäft, tauchte er in der Menschenmenge unter, die sich wie ein stetiger Strom die Fußgängerzone entlangschob. Erst als er sicher war, dass ihn niemand verfolgte, wurde er langsamer.

Sein Herzschlag beruhigte sich wieder und auch seine vernarbte Körperseite hörte auf zu brennen. Warum konnte so eine kleine Memme sich alles erlauben, nur weil seine Mami mit ein paar Scheinchen winkte. Er spuckte im Gehen auf den Asphalt und verfehlte dabei nur knapp ein Paar Sandalen. Der Mann, offenbar ein Tourist, blieb stehen und schickte ihm irgendwelche ausländischen Schimpfwörter hinterher, was Oleg allerdings nicht weiter kümmerte. Stattdessen hockte er sich schlecht gelaunt auf den Rand eines Pflanzenkübels, der vermutlich dazu gedacht war, der Betonwüste ringsherum ein wenig Natur einzuhauchen. Bei genauerem Hinsehen waren die kümmerlichen Blumen jedoch längst verwelkt und in dem Kübel sammelten sich die Zigarettenkippen.

Während Oleg nur so dasaß und die Leute beobachtete, die sich mit prallvollen Einkaufstüten an ihm vorbeischoben, fiel ihm auf, dass einige einen unauffälligen Bogen um ihn machten. So, als wollten sie ihm auf keinen Fall zu nahe kommen. Oleg zog die Beine an und schlang die nackten Arme darum. Im Schatten der Bürotürme und Kaufhäuser war es unangenehm kalt. Während er weiter die vorbeiziehenden Gesichter betrachtete, fragte er sich, warum die Leute ihn immer wie einen Aussätzigen behandelten. Oleg riss eine der verdorrten Blumen aus, die neben ihm über den Betonrand hing, und schmiss sie wütend von sich.

Diese Welt war nicht gerecht.

5 Nachdem sie an den vergitterten Fenstern vorbeigehuscht waren, die zum Garten hinausgingen, gelangten sie zu einer ausgetretenen Steintreppe. Sie führte in den Keller.

„Hier ist es!“, flüsterte Mark, der die Führung übernommen hatte.

„Hier ist was?“, fragte Oleg leise.

„Laut Sascha ist die Tür da unten nie abgeschlossen. Das Schloss ist kaputt.“

Oleg wunderte sich. „Keine Alarmanlage, eine unverschlossene Tür – und das bei so einer Angeberhütte?“

„Es hat dich keiner gebeten mitzukommen“, fuhr ihn sein Bruder an. Er war noch immer stinkwütend.

„Und warum macht Sascha den Bruch dann nicht selbst?“, flüsterte Oleg.

„Weil er ein Weichei ist! Genauso wie du!“

„Fangt ihr schon wieder an?“, stöhnte Digger genervt. „Mann, das ist jetzt echt der falsche Zeitpunkt!“

Er überraschte Oleg immer wieder, denn für gewöhnlich war Digger etwas wirr im Kopf. Und das war noch vorsichtig ausgedrückt.

Aber wenn es hart auf hart kam, behielt er meist den Überblick. So als wirke das Adrenalin in seinen Adern wie ein Beruhigungsmittel.

„Ich verspür echt keinen Drang, wegen euch wieder in den Knast zu gehen!“, schimpfte er leise. „Also reißt euch endlich zusammen!“

Er kratzte sich den verwaschenen Schlangenkopf auf seinem Unterarm.

Mark brummte verächtlich, erwiderte aber nichts. Stattdessen begann er damit, sich vorsichtig die glitschigen Steinstufen hinabzutasten. Die Tür an ihrem Ende wirkte massiv und abweisend, aber sie war tatsächlich unverschlossen.

„Wo bleibt ihr?“, rief Mark leise nach oben.

Nachdem Oleg und Digger zu ihm aufgeschlossen hatten, schlüpften sie in den Keller. Mark zückte eine Taschenlampe und knipste sie an.

Der Lichtstrahl fiel auf verstaubte Regale voller Gerümpel und jede Menge Flaschen, die so dicht mit Spinnweben überzogen waren, dass sie kaum noch zu erkennen waren. Diesen Keller schien seit Jahrhunderten niemand mehr betreten zu haben. Hier unten konnte man sicher noch besser Leichen verschwinden lassen als unter den Blumenbeeten oben in dem großen Garten, schoss es Oleg durch den Kopf.

„Okay, da geht’s raus!“, sagte Mark. Der tanzende Lichtstrahl hatte eine zweite Tür erfasst.

„Shit, hast du die vielen Flaschen gesehen?“, flüsterte Digger aufgeregt. „Die sind bestimmt ein Vermögen wert!“

„Und wie willst du die Dinger transportieren?“ Mark leuchtete Digger ins Gesicht. „Außerdem gibt es hier garantiert mehr zu holen als vergammelte Flaschen!“

„Alter, du hast doch keine Ahnung“, widersprach Digger energisch. „Wein gammelt nicht. Mein Vater …“

„Okay, okay!“, unterbrach ihn Mark. Wenn Digger von seinem Vater anfing, brachte man ihn besser schnell auf andere Gedanken. „Wir nehmen auf dem Rückweg ein paar Flaschen mit – zufrieden? Und jetzt lass uns endlich weitermachen! Ich wette, hier gibt’s noch ganz andere Sachen. Also los!“

Wie sich herausstellte, war auch die zweite Tür unverschlossen. Dahinter befand sich allerdings nur ein weiterer Kellerraum mit noch mehr Gerümpel. Wer so viel zum Wegschmeißen hatte, musste wirklich schweinereich sein, dachte Oleg. Und so einer hatte es nicht anders verdient, als dass man ihm ein bisschen was von seinem Reichtum wegnahm. Das war nur gerecht. Wer nichts besaß, dem wurde auch nichts geklaut – das hatte Mark ihm früher schon gepredigt.

Gemeinsam mit Digger tapste Oleg hinter seinem Bruder her. Wieder ein neuer Kellerraum. Und noch einer. Dieses uralte Gewölbe schien überhaupt keinen Ausgang zu besitzen. Oleg fühlte sich mehr und mehr wie eine Ratte in einem Labyrinth. Endlich öffnete Mark eine Tür, hinter der eine schmale Stiege nach oben führte.

„Wurde auch Zeit!“, sagte er mit gesenkter Stimme und leuchtete die Stufen hinauf. „Ich dachte schon, wir setzen hier unten Spinnweben an …“

„Immerhin wären wir nicht verdurstet!“, kicherte Digger.

In diesem Moment hallte ein gellender Schrei durch das Kellergewölbe, gefolgt von einem hysterischen Lachen. Oleg tastete nach seinem Handy und schaltete es hastig aus. Anschließend ließ er es schnell wieder in seiner Hosentasche verschwinden.

„Sorry“, sagte er leise. „Der Akku ist leer.“

Mark leuchtete ihn an: „Bist du irre?!

„Mann, ich hab fast einen Herzinfarkt bekommen!“, stöhnte Digger.

Oleg schirmte seine Augen gegen die Lampe ab.

„Hör auf damit!“, beschwerte er sich. „Du blendest mich!“

Mark zögerte, so als wolle er etwas darauf entgegnen, aber dann schaltete er die Lampe aus und stieg die Stufen hinauf. Kurz darauf standen sie in einer riesigen Halle. Das Mondlicht, das durch die meterhohen Fenster fiel, tauchte den Raum in bleiches Zwielicht, wodurch er nur noch unheimlicher wirkte. Als Oleg den Kopf in den Nacken legte, erkannte er im Halbdunkel das geschnitzte Geländer einer Empore, die über ihren Köpfen zu schweben schien. Und nicht nur das: Von überall her glotzten Tierköpfe auf sie herab, die Furcht einflößend Schatten an die Wände warfen. Dazwischen hingen jede Menge Gemälde mit schweren goldenen Rahmen. Soweit er es in dem diffusen Licht erkennen konnte, waren auf den meisten Bildern komisch kostümierte Männer mit tuntigen Perücken abgebildet.

Plötzlich rempelte ihn Digger an: „Dahinten steht jemand!“, flüsterte er. Er klang angespannt.

„Wo?“, erkundigte sich Mark leise.

„Na, dahinten, Mann!“

Mark knipste die Lampe an und wieder aus.

„Das ist nur eine bescheuerte Ritterrüstung“, sagte er mit gesenkter Stimme. „Also bleib locker!“

Dann übernahm er wieder die Führung.

„Ey, seht mal!“, raunte Digger nach wenigen Metern.

„Was ist jetzt schon wieder?“

„Leuchte mal!“, zischte Digger. „Da liegt ein Laptop. Das Teil schnapp ich mir!“

Mark schaltete die Lampe ein. Auf dem Tischchen lag tatsächlich ein Notebook, ein ziemlich neues Modell.

„Ich dachte, hier wohnt nur so ein alter Knacker“, flüsterte Oleg. „Was macht der mit so einem nagelneuen Computer?“

„Vielleicht surft er ja auf irgendwelchen Pornoseiten“, feixte Digger, während er sich den Laptop unter den Arm klemmte. „Ein alter Knacker braucht schließlich auch mal seinen Spaß!“

Oleg und Mark wechselten kurz vielsagende Blicke. Manchmal nervte Diggers Pornomacke gewaltig.

„Also weiter!“, entschied Mark. „Irgendwo muss es Geld geben. Oder Schmuck. Ich wette, hier gibt es jede Menge uralten Schmuck! Und zwar echten, nicht diesen Pseudokram wie beim letzten Mal!“

Die Erinnerung an diesen Reinfall wurmte Mark noch immer. Ahmed, dem er den billigen Plunder hatte andrehen wollen, hatte ihn lauthals ausgelacht. Und der alte Libanese lachte nicht oft.

„Okay“, sagte Mark. „Schlage vor, wir fangen mit diesem Zimmer hier an!“

Oleg stellte sich dicht hinter seinen Bruder. Noch bevor er jedoch die Tür öffnen konnte, erklang hinter ihnen ein ohrenbetäubendes Scheppern.

Mark fuhr herum und knipste die Taschenlampe an. Digger war im Dunkeln gegen die Ritterrüstung geprallt; jetzt saß er auf seinem Hintern und hob zur Entschuldigung stumm die Schultern. Dann passierte es. Sie alle sahen es sofort: Im oberen Stockwerk ging ein Licht an. Es brannte nur für Sekunden, dann war es wieder erloschen.

Oleg war der Erste, der wieder zu atmen wagte.

„Vielleicht ist der Alte wach geworden!“, flüsterte er heiser.

„Und wenn schon“, erwiderte Digger. „Mit dem werden wir fertig!“

„Vielleicht hat der Typ eine Knarre!“, raunte Oleg. „Seht euch nur die Tierkadaver an der Wand an! Vielleicht sollten wir besser den Rückzug antreten!“

Aber es war zu spät. Die Schritte waren deutlich zu hören. Jemand kam die Treppe herunter!

„Los, wir verstecken uns!“, zischte Mark. „Der Opa geht sicher gleich wieder ins Bett!“

Da sie nicht mehr in den Keller zurückkonnten, versuchten sie ihr Glück in der anderen Richtung. In dem Haus war es stockfinster und niemand wusste so recht, wohin. Der Flur schien überhaupt kein Ende zu nehmen und dann waren Digger und Mark mit einem Mal weg. Oleg rief leise ihre Namen, aber er erhielt keine Antwort. Und dann ging plötzlich das Licht an. Oleg blickte sich panisch nach einem Versteck um, aber außer den bodenlangen Vorhängen vor dem Fenster gab es nichts. Also schlüpfte er blitzschnell dahinter und hielt den Atem an.

Hinter dem bleischweren Stoffvorhang roch es wie in der Kleiderkammer der Caritas. Feucht und irgendwie schimmelig. Als sie noch klein gewesen waren, hatte ihre Mutter ihn und seinen Bruder häufig dort eingekleidet. Oleg lauschte. Geräusche drangen nur gedämpft durch den muffigen Stoff, dennoch vernahm er ein merkwürdiges Surren. Es klang wie ein Schwarm Bienen im Angriffsmodus. Sekunden später hörte er, wie sich nur ein paar Meter den Flur runter Schritte näherten. Olegs Puls raste. Bildete er sich das ein oder stand jetzt tatsächlich jemand direkt vor ihm auf der anderen Seite des Vorhangs?

Vorsichtshalber spannte er seine Muskeln an. Notfalls würde er den Opa einfach über den Haufen rennen. Auf keinen Fall würde er sich von einem alten Knacker erwischen lassen, so viel stand fest!

Plötzlich entfernten sich die Schritte wieder. Zuerst glaubte Oleg, er würde sich täuschen, aber bald war er sich sicher. Er ließ die angehaltene Luft langsam entweichen und konnte sein Glück kaum fassen, da hörte er mit einem Mal Geschrei. Durch den dicken Vorhangstoff klang zwar alles gedämpft, aber es war eindeutig Diggers Stimme. Glas klirrte, gefolgt von dumpfem Gepolter. Oleg zwang sich, ruhig zu bleiben. Er musste schnellstens einen Weg finden, um aus diesem verfluchten Horrorhaus rauszukommen. Vorsichtig schob er den Vorhang ein winziges Stück zur Seite und lugte durch den Spalt. Der Flur war noch immer hell beleuchtet, aber er war leer. Oleg ließ den Vorhang an seinen Platz zurückgleiten und holte mehrmals tief Luft. Als er endlich bereit war, sich aus seinem Versteck zu wagen, fuhr direkt vor seinem Gesicht eine leichenblasse Hand durch den Stoff und riss den Vorhang mit einem Ruck zur Seite.

1 Der Kopf klatschte auf den Boden, kullerte über die Fliesen, auf denen er eine blutige Spur hinterließ, und knallte gegen den Putz­eimer.

Oleg fluchte. Als er sich bückte, starrten ihn die leeren Augenhöhlen an. Er schüttelte sich, dann packte er den Schafskopf und beförderte ihn mit Schwung in den großen Trichter, wo er zusammen mit den anderen Schlachtabfällen zu einem undefinierbaren Brei zerquetscht wurde. Angewidert wischte Oleg sich die Hände an seiner Plastikschürze ab. Dabei waren diese Köpfe nicht einmal das Schlimmste, wie er inzwischen herausgefunden hatte. Die Innereien waren noch viel schlimmer. Vor allem die Kuhmägen waren so ziemlich das Übelste, was seiner Nase jemals untergekommen war.

Oleg atmete tief durch und schob den geleerten Rollcontainer an die Wand. Als er sich gerade davonstehlen wollte, pfiff ihn eine dröhnende Stimme zurück:

„Hey, wo willst du hin?“

Oleg fuhr in den quietschenden Gummistiefeln herum. Die rotierende Knochenmühle röchelte inzwischen laut nach Nachschub und so hatte er den Produktionsleiter nicht kommen ­hören.

„Du sollst zum Chef!“, brüllte ihn dieser an. „Und setz bloß deine Haube richtig auf!“

Eigentlich hieß der Produktionsleiter mit richtigem Namen Petermann, aber alle nannten ihn nur den „Feldwebel“. Weil er früher angeblich einmal Ausbilder beim Militär gewesen war. Äußerlich erinnerte er Oleg eher an einen Orang-Utan. Kleiner Kopf, massige Statur und der rechte Arm, der fast bis zum Boden reichte. Der andere war ihm bei einem Auslandseinsatz abhanden­gekommen. Das wusste Oleg von dem Polen, der seit dreißig Jahren den Kocher bediente, in dem die meisten Schlachthofabfälle vor ihrer weiteren Verwendung erhitzt wurden.

Trotzdem war es ratsam, sich vor diesem Chef-Choleriker in Acht zu nehmen. Ein Orang-Utan-Arm war schließlich gefährlich genug.

„Ich sage es dir nicht noch einmal!“, brüllte der Produktionsleiter. „Setz die Kopfbedeckung richtig auf! Die Hygiene-Vorschriften gelten auch für dich!“

Oleg stopfte sich die schwarze Haarsträhne betont langsam unter die Arbeitshaube. Er hasste diese muffigen Stoffdinger. Man sah nicht nur beknackt darin aus, sie ruinierten einem zudem die Frisur.

„Kriege ich endlich meine Kohle?“, fragte er, während er in seinen Gummistiefeln hinter dem Produktionsleiter herwatschelte. Er wusste, was jetzt kommen würde. Und er wurde nicht enttäuscht: Sein Begleiter blieb wie vom Blitz getroffen stehen.

„Vorsicht, Bürschchen!“, schnaufte er. Sein einer Zeigefinger schoss wie ein Rammbock auf Olegs Herz zu. „Du kannst froh sein, dass der Chef einem Nichtsnutz wie dir überhaupt eine Chance gegeben hat! Wenn es nach mir gegangen wäre, ich hätte so etwas wie dich niemals eingestellt. Auch nicht zur Probe!“

Oleg hätte kotzen können. So wie an seinem ersten Tag, als einer der Container ausgelaufen war und er knöcheltief in glitschigen Hühnerdärmen gestanden hatte. Wenn da nicht diese blöde Sache mit dem Jugendamt wäre, hätte er diesen Job bereits am ersten Tag wieder hingeschmissen. Er wäre einfach gegangen.

Während er dem Produktionsleiter weiter durch die große Halle folgte, bemerkte er, dass ihm die rumänischen Arbeiter an den Fließbändern verstohlene Blicke zuwarfen. Einige begannen sogar zu tuscheln, als er an ihnen vorbeikam, und je länger das so ging, desto beunruhigter wurde Oleg. Was war hier los? Als er im Schlepptau des einarmigen Orang-Utans die Treppe am Ende der Fabrikhalle hinaufstieg und sie vor dem Büro des Direktors haltmachten, befand er sich endgültig im Alarmmodus.

Der Produktionsleiter klopfte, öffnete die verglaste Tür und platzierte ihn vor dem monströsen Glasschreibtisch des Direktors. Der trug wie immer einen piekfeinen Anzug, während an seinem Handgelenk eine goldene Uhr funkelte. Schon bei ihrer ersten Begegnung hatte Oleg sich gewundert, wie jung dieser Typ war – bis er erfahren hatte, dass er der Sohn des Firmengründers war. Alles in den Arsch geschoben also. Dementsprechend war auch sein Büro eingerichtet. Teure Designermöbel und -lampen, die ein ganzes Monatsgehalt kosteten. Mit der Schürze, den Gummistiefeln und der Sklavenkappe auf dem Kopf fühlte sich Oleg wie ein Vollidiot.

Der Direktor beugte sich über seine Papiere und deutete, ohne aufzublicken, auf einen durchsichtigen Designerstuhl.

„Nimm Platz!“

Als Oleg nicht sofort reagierte, senkte sich eine riesige Affenpranke auf seine Schulter und drückte ihn auf den Stuhl. Auf der anderen Seite des Tisches lehnte sich der Direktor zurück. Er legte die manikürten Fingerspitzen aneinander und musterte Oleg.

„Wie alt bist du?“, fragte er schließlich.

Oleg rutschte auf der Stuhlkante hin und her. Was sollte das? Der Typ kannte sein Alter doch aus seiner Bewerbung und dem Vorstellungsgespräch.

„Äh, sechzehn“, erwiderte er. „Glaube ich jedenfalls. Am besten, Sie fragen den Jesus vom Jugendamt. Mit dem sind Sie doch so gut befreundet.“

Der Direktor warf seinem Produktionsleiter einen irritierten Blick zu.

„Er macht sich über uns lustig!“, versicherte dieser eilig. „Ich habe Sie ja gewarnt!“

Der junge Direktor ruckelte an seinem Krawattenknoten und räusperte sich. Oleg ging jede Wette ein, dass die Bonzeneltern dieser Made nicht nur den roten Porsche draußen auf dem Hof bezahlt hatten. Bestimmt hatten sie ihren Sprössling auf ein Super-Internat geschickt, damit er auf einer Super-Universität studieren und nun jede Menge Kohle fürs Rumsitzen kassieren konnte. Und währenddessen schufteten sich die Rumänen, Bulgaren und all die anderen Sklaven unten in der Produktionshalle zu Tode.

Schließlich seufzte der Direktor, als liege alles Elend dieser Welt auf seinen Schultern.

„Leider habe ich mich in dir getäuscht“, sagte er. „Ich wollte dir eine Chance geben, aber offensichtlich bist du nicht bereit, Verantwortung zu übernehmen. “

Was für eine Chance?, dachte Oleg grimmig. Und welche Verantwortung? Er hatte den Job nie gewollt. Er war nur hier, weil ihm ein fester Job vielleicht das Jugendheim ersparen konnte. Sein Blick schweifte durch das blitzsaubere Büro.

„Warum bin ich eigentlich hier?“, fragte er. „Kriege ich endlich ’ne Gehaltserhöhung?“

Hinter ihm holte der Orang-Utan hörbar Luft, während sein Chef ein verkniffenes Gesicht machte. Er beugte sich über den Tisch, klappte einen Laptop auf und tippte auf der Tastatur herum. Anschließend drehte er den Rechner wortlos in Olegs Richtung.

Zuerst blieb der Bildschirm schwarz, und Oleg fragte sich bereits, was der Quatsch sollte. Bis die Aufzeichnung einer Überwachungskamera startete und er sich selbst ins Bild laufen sah. In diesem Moment wusste er, dass er ein Problem hatte. Eine lange Minute geschah nicht viel. Man konnte lediglich sehen, wie er unaufhörlich Knochenabfälle in die Zerkleinerungsmaschine stopfte. Aber dann konnte man erkennen, wie er innehielt und sich verstohlen umblickte. Dann sah man, wie er die blutverschmierte Plastikschürze hob, den Reißverschluss seiner Hose öffnete und im hohen Bogen in den großen Metalltrichter pinkelte. Sogar das Abschütteln war perfekt im Bild festgehalten.

„Kannst du mir das erklären?“, fragte ihn der Direktor scharf und klappte den Laptop zu. „Ich bin auf deine Antwort gespannt!“

Oleg zuckte mit den Achseln. Er hatte die Kameras gar nicht bemerkt.

„Wie soll man die Arbeit sonst schaffen?“, fragte er. „Die Toilette ist endlos weit weg. Und die Viecher, die das ganze Zeug am Ende fressen, wird es schon nicht umbringen.“

Jetzt schnappte auch der Direktor hörbar nach Luft. Währenddessen rechnete Oleg jeden Moment damit, dass ihm der Orang-Utan den Hals umdrehte. Aber nichts dergleichen geschah. Statt eines Genickbruchs verpasste man ihm lediglich einen Abgang erster Klasse.

„Es ist besser, du packst auf der Stelle deine Sachen!“, entschied der Direktor, nachdem er sich wieder gefangen hatte. „Ich fürchte, du bist ein hoffnungsloser Fall.“

„Das sind sie alle!“, mischte sich sein Produktionsleiter ein. „Sie hätten …“

Sein Chef schnitt ihm mit einer wirschen Geste das Wort ab.

„Ich weiß selbst, was ich hätte tun sollen!“, sagte er. Dann zog er ein vorbereitetes Papier hervor und reichte es über die Tischplatte.

„Was soll ich damit?“ Oleg nahm das Schriftstück zögernd entgegen.

„Das ist dein Arbeitszeugnis“, erklärte der Direktor. „Du hast ein Recht darauf, und ich will sichergehen, dass ich dich nie wiedersehe!“ Er wandte sich an seinen einarmigen Produktionsleiter. „Sorgen Sie dafür, dass er seinen ausstehenden Lohn ausgezahlt bekommt. Und danach begleiten Sie ihn nach draußen! Persönlich!“

Die Affenpranke senkte sich erneut auf Olegs Schulter, und für einen kurzen Moment war er versucht, sich zu wehren. Er konnte es nicht ausstehen, wenn man ihn anfasste. Aber dann fiel ihm das Geld ein. Also steckte er den bescheuerten Wisch ein und ließ sich wie ein Schwerverbrecher zu seinem Spind führen. Nachdem er sich umgezogen hatte und sich wieder wie ein Mensch fühlen durfte, führte ihn der Orang-Utan zur Rechnungsstelle, wo ihm die Sekretärin mit gerümpfter Nase hundert Euro in kleinen Scheinen aus einer Stahlkassette abzählte. Anschließend führte ihn der Orang-Utan über den Hof, auf dem die Kühl-Lkws unaufhörlich ihre widerliche Fracht anlieferten. Als sie das mannshohe Firmentor erreicht hatten, baute sich sein Aufpasser vor ihm auf: „Lass dich nie wieder hier blicken!“, drohte er. „Drückeberger wie du haben in dieser Firma nichts verloren! Merk dir das!“

Der Menschenschinder gab dem Pförtner in dem Glaskasten ein Zeichen und das Stahltor setzte sich mit einem erbärmlichen Kreischen in Bewegung. Oleg zog die Nase hoch.

„Bevor ich gehe, müssen Sie mir unbedingt noch eine Frage beantworten“, sagte er. „Das beschäftigt mich schon eine ganze Weile …“

Der einarmige Produktionsleiter musterte ihn verdutzt von oben herab. Er war misstrauisch.

Oleg grinste. „Ich frage mich die ganze Zeit: Was machen Sie eigentlich, wenn Sie sich in der Nase bohren und gleichzeitig juckt es Sie am Sack?“

Die Adern auf der Schläfe des Mannes schwollen von einer Sekunde zur anderen bedenklich an, was für Oleg wiederum das Zeichen war, sich schleunigst abzusetzen. Er huschte vom Firmengelände, und als sich das Tor hinter ihm schloss, ohne dass etwas passiert war, atmete er erleichtert auf.

Irgendwie erinnerte ihn der Moment an seine Entlassung aus dem Jugendarrest. Obwohl sie ihm wegen der Führerscheinsache nur zwei Wochen aufgebrummt hatten, hatte er sich wie ein zum Tode Verurteilter gefühlt, dessen Strafe im letzten Moment aufgehoben worden war. Jetzt war es nicht anders. Die Frage war nur, was unerträglicher war: der Knast oder die Kuhmägen?

Er blinzelte in die Sonne und überlegte, was er jetzt tun sollte. Nach Hause konnte er nicht. Dafür war es zu früh. Es war erst Mittag und um diese Uhrzeit war sein Vater noch zu Hause. Also blieb ihm nur eine Möglichkeit. Er überquerte die vierspurige Ausfallstraße, an der die Fabrik zur Tierkörperverwertung lag, danach machte er sich zu Fuß auf den Weg in Richtung Innenstadt.

3 Die letzten Stufen der Rolltreppe nahm Oleg mit einem großen Satz. Der rumänische Bettler am Ausgang der U-Bahn-Station schob offenbar mal wieder eine Spätschicht. Oleg überquerte die Straße, ohne auf die rote Ampel zu achten, dann nahm er die Abkürzung durch die Grünanlage, wobei er versuchte, in der Dämmerung nicht in einen der Millionen Hundehaufen zu treten.

Nachdem er den Spielplatz hinter sich gelassen hatte, auf dem sich trotz der einbrechenden Dunkelheit noch immer lauter Kanakenzwerge unter der Aufsicht ihrer Kopftuchmuttis tummelten, schwenkte er in Richtung Kanal. Kurz darauf kam er an dem zehnstöckigen Wohnblock vorbei, in dem er zusammen mit seinem Vater und seinem Bruder lebte. Er blickte an der mit Satellitenschüsseln bestückten Fassade hinauf in den siebten Stock.

Für einen kurzen Moment war er versucht, hinaufzugehen und nachzusehen, ob vielleicht etwas im Kühlschrank war, denn sein leerer Magen rumorte inzwischen gewaltig. Seit dem Frühstück in der Fabrikkantine hatte er nichts mehr zwischen die Zähne bekommen. Auf der anderen Seite war die Wahrscheinlichkeit, dass sein Vater eingekauft hatte, gleich null. Vermutlich wurde er gerade erst nüchtern, um seine Nachtschicht anzutreten, und in dieser Phase war er besonders unerträglich. Also verwarf Oleg den Gedanken wieder.

Er durchquerte die Siedlung mit ihren kasernenartigen Wohnblöcken, und als er den alten Kanal erreicht hatte, trottete er so lange am Ufer entlang, bis ihm ein Maschendrahtzaun den Weg versperrte. Oleg stemmte sich, ohne zu zögern, gegen das Drahttor, und kaum quietschte es in den Angeln, schossen sechzig Kilo geballte Muskeln aus dem Halbdunkel auf ihn zu.

Oleg blieb keine Zeit zur Gegenwehr. Das Kraftpaket sprang schwanzwedelnd an ihm hoch und schleckte ihm quer durch das Gesicht.

„Hey!“, lachte Oleg. „Nicht so stürmisch!“

Er versuchte, die sabbernde Zunge abzuwehren und dabei sein Gleichgewicht nicht zu verlieren. „Ich freue mich ja auch, dich zu sehen! Mach Sitz! Aus!“

Als der Bullmastiff endlich von ihm abließ, tätschelte er ihm den riesenhaften, kantigen Schädel. Der Hund knurrte vor Wonne, während von seinen Lefzen eine dicke Speichelspur tropfte.

„Das machst du sehr gut!“, lobte Oleg ihn überschwänglich. „Und jetzt pass weiter auf! Vielleicht spielen wir nachher noch ’ne Runde.“

Spielen war vielleicht das falsche Wort, denn die Lieblingsbeschäftigung des Hundes bestand darin, alles Mögliche in seine Einzelteile zu zerlegen. Vorzugsweise Puppen oder Kaninchen. Und Letztere gab es auf dem verwilderten Grundstück genug.

Oleg wandte sich dem Backsteingebäude zu, in dem einst der Schleusenwärter seinen Dienst verrichtet hatte. Die Schiffsschleuse selbst war schon lange nicht mehr in Betrieb. Ihre offen stehenden Holztore waren verfault, und das Stahlgerüst, das den Kanal überspannte und die beiden Ufer miteinander verband, überzog eine rostige Patina. Vor Jahrzehnten hatte der Wasserstand in dem angrenzenden See aus unerfindlichen Gründen zu sinken begonnen und darum war die gesamte Anlage aufgegeben worden. Sie war schlichtweg überflüssig, und als am Ende auch noch die Frachtschiffe verschwanden, geriet sie endgültig in Vergessenheit. Jetzt standen die technische Anlage und das ehemalige Wärterhaus unter Denkmalschutz.

Oleg hatte sich schon oft gefragt, warum sich Diggers Vater diese Ruine überhaupt gekauft hatte. Industriedenkmal hin oder her – kaputt war kaputt. Jedenfalls hatte er sich die Bruchbude als „Investition in die Zukunft“ aufschwatzen lassen, wie Digger einmal erklärt hatte. Kein Wunder, dass sich sein Vater irgendwann umgebracht hatte, dachte Oleg. Nun gehörte das Ganze Digger, dem Glückpilz. Das Dumme war nur, dass er mit am Küchentisch gesessen hatte, als sich sein Vater die Kugel verpasst hatte. Seitdem war er manchmal ein bisschen komisch.

Oleg erklomm die Metalltreppe, die sich an der Außenmauer des turmartigen Gebäudes emporwand, und hämmerte das vereinbarte Klopfzeichen an die Stahltür. Endlich hörte er, wie der Riegel von innen beiseitegeschoben wurde.

„Ey, Kleiner!“, begrüßte ihn Digger. „Alles klar?“

Er trug ein ärmelloses T-Shirt und seine strähnigen, aschblonden Haare standen wie immer in alle Richtungen. Bei seinem spindeldürren Körper drängte sich einem unweigerlich der Vergleich mit einem tätowierten Streichholz auf. Diggers Arme waren mit Tattoos übersät, wobei er sich die meisten im Jugendknast eingefangen hatte, was wiederum erklärte, warum sie nicht besonders gelungen waren. Oleg wusste, dass man ihn besser nicht darauf ansprach. Weder auf die Zeit im Knast noch auf die misslungenen Tattoos.

„Nenn mich nicht Kleiner!“, brummte Oleg. „Ist Mark da?“

Er hörte seinen Bruder im Hintergrund.

„Wer ist da?“, rief Mark.

„Nur der Zwerg!“, erwiderte Digger über seine Schulter. Dann, an Oleg gewandt: „Komm rein, wir essen gerade! Wie ich dich kenne, hast du garantiert Hunger.“

Oleg ließ sich nicht zweimal bitten. Nachdem Digger die schwere Tür wieder verriegelt hatte, folgte er ihm in den einstigen Kon­trollraum des Schleusenwärters. Abgesehen von der zertrümmerten Schalttafel und der großen, über Eck laufenden Fensterfront, von der aus man auf den Kanal und die Schleusenkammern hinuntersehen konnte, war jedoch nicht mehr viel von dem ursprünglichen Inventar übrig. Stattdessen hatte Digger sich hier häuslich eingerichtet. Zumindest war es das, was er unter Einrichten und häuslich verstand. Er hatte ein ausgeleiertes Sofa angeschleppt, dazu einen uralten Sessel, in dem für gewöhnlich der Mastiff nächtigte. Ein niedriger Tisch und ein abschließbarer Metallschrank, von dem niemand wusste, was drin war, vervollständigten die Sperrmüllsammlung. Das Einzige im Raum, das wirklich Wert besaß, war der gigantische Flachbildschirm an der unverputzten Ziegelwand.

Wenn er Diggers privates Reich betrat, wurde Oleg stets ein wenig neidisch. In dem heruntergekommenen Gemäuer mochte es nicht besonders gemütlich sein, aber hier fühlte man sich irgendwie sicher. Hier konnte man tun und lassen, was man wollte. Nicht einmal die Bullen konnten einem hier reinreden. Sorry, Privatbesitz! Nicht übel, wenn man bedachte, dass Digger gerade erst zwanzig Jahre alt geworden war.

„Hey, alles klar?“, schmatzte Mark. Er hockte auf dem Sofa und hielt seinem Bruder ein Stück Pizza hin: „Hier, nimm! Sonst ist es weg!“

Oleg griff nach dem labberigen Teigstück, dann ließ er sich in den Hundesessel fallen und biss hinein. Es tat echt gut, endlich etwas zwischen die Zähne zu bekommen.

„Willst du auch ein Kaltgetränk?“, rief Digger aus der Küche. Obwohl ‚Küche’ nicht wirklich zutraf, denn bis auf ein Waschbecken mit fließendem, kaltem Wasser und einem wackelnden Kühlschrank war der Raum leer.

„Ein Bier nehme ich immer!“, rief Oleg zurück und leckte sich die Finger. Leider waren die Pizzakartons auf dem Tisch bereits abgegrast. Er war definitiv zu spät gekommen.

„Kommst du von zu Hause?“, fragte sein Bruder.

Oleg schüttelte den Kopf und schob sich den letzten Bissen in den Mund. Digger reichte ihm eine Dose von hinten über die hohe Sessellehne.

„Hier, dein Bier!“

Danach ließ er sich mit zwei weiteren Dosen auf das Sofa fallen. Nachdem er eine davon an Mark weitergereicht hatte, riss er den Verschluss seiner eigenen Dose auf und prostete in die Luft: „Auf heute Nacht!“

Dann nahm er einen tiefen Schluck.

„Auf heute Nacht!“, erwiderte Mark und tat es ihm gleich.

„Was ist denn heute Nacht?“, erkundigte sich Oleg, während er die Kohlensäure mit einem Zischen aus seiner Bierdose entweichen ließ.

Er bemühte sich, nicht allzu neugierig zu klingen.

Digger rülpste genüsslich und wischte sich über den Mund.

„Heute Nacht werden wir schweinereich!“, sagte er.

„Und ich fliege morgen zum Mars!“, lästerte Oleg. Er nahm einen Schluck.

„Nein, im Ernst“, erwiderte Digger. „Diesmal knacken wir den Jackpot. Frag Mark!“

„Etwa so wie letzte Woche?“ Oleg konnte sich den Spott nicht verkneifen, denn die letzte, angeblich ‚todsichere’ Aktion war in einem Desaster geendet.

Zum Schluss hatten die beiden nicht einmal ihr Taxigeld wieder rausbekommen.

„Digger hat ausnahmsweise mal recht“, mischte sich Mark ein. „Diesmal sind wir ganz nah dran am Hauptgewinn! Du kennst doch Sascha?“

„Der Bruder von dieser Brünetten … Jana?“ Oleg versuchte, beiläufig zu klingen, aber Digger hatte ihn gleich durchschaut.

„Jetzt sieh einer an!“, feixte Digger. „Ich wusste gar nicht, dass sich der Kleine schon für Muschis interessiert.“

Oleg lief rot an. Er hatte schon seit Wochen ein Auge auf Jana geworfen, aber um sie anzusprechen, fehlte ihm bislang einfach der Mut. Wenn Digger und sein Bruder jetzt Wind davon bekamen, würden sie ihn garantiert bis in alle Ewigkeit damit aufziehen.

„Ihr könnt mich mal!“, schimpfte er. „Alle beide! Sagt mir lieber, was heute Nacht abgeht!“

Mark zuckte mit seinen Schultern und wurde ernst, obwohl das Grinsen nicht wirklich aus seinem Gesicht verschwand. „Also schön, aber du behältst die Sache für dich. Okay!?“

Als Oleg genervt nickte, fuhr er fort. „Also, wie du vielleicht schon mitbekommen hast, arbeitet Sascha bei so ’ner Firma, die macht Gärten.“

„Und Pools!“, warf Digger ein. „Vergiss die verdammten Pools nicht!“

Er bekräftigte seinen Geistesblitz mit einem Schluck aus der Bierdose.

Mark nickte. „Und Pools. Und um genau die geht’s.“

Oleg verstand nur Bahnhof.

Als sein Bruder sein dummes Gesicht sah, lachte er: „Die Sache ist ganz einfach: Wer sich einen Pool leisten kann, hat mindestens ’ne Million. Also gibt es da, wo Swimmingpools sind, auch jede Menge für uns zu holen.“

„Und es kommt noch besser!“, ergänzte Digger. „Seit Neuestem putzt Sascha einmal die Woche den Pool von einer riesigen Villa. Angeblich wohnt da nur ein alter Knacker. Und der soll schon so gut wie unter der Erde sein.“

Digger zerknüllte seine inzwischen geleerte Bierdose und schmiss sie auf den Müllhaufen, der sich unter der kaputten Steuertafel der stillgelegten Schleuse türmte.

„Und sonst wohnt niemand dort?“, wunderte sich Oleg. „Nur ein alter Opa?“

„Bis jetzt hat Sascha nie jemand anderen gesehen“, erklärte sein Bruder. „Das behauptet er zumindest.“

„Und wo ist diese Villa?“

„Wir haben die Adresse“, wich Mark plötzlich aus. „Mehr brauchst du nicht zu wissen.“

Oleg hasste es, wenn ihn sein Bruder wie ein Kleinkind behandelte.

„Und was ist mit der Alarmanlage?“, wollte er wissen. „Diese Bonzen haben immer eine Alarmanlage.“

„Das genau ist der Punkt!“, erwiderte Mark triumphierend. „Es gibt keine!“

„Keine Alarmanlage?“, fragte Oleg ungläubig.

„Sascha schwört beim Leben seiner Großmutter, dass er nie eine gesehen hat. Und er hat extra danach gesucht. Die Sache ist also todsicher.“

Mark zerknüllte seine Bierdose und schmiss sie ebenfalls auf den Haufen unter dem Pult. Danach entstand eine Pause, in der Oleg den Eindruck hatte, als würden sich Digger und sein Bruder bereits in Australien wähnen. Das war nämlich ihr gemeinsamer großer Traum. Sie hatten sich geschworen, irgendwann abzuhauen. Und zwar möglichst weit weg.

„Wisst ihr, was ich komisch finde?“, durchbrach Oleg das Schweigen.

„Was denn?“

„Wozu braucht ein alter Knacker überhaupt einen Pool? Ich meine, wenn sonst keiner da wohnt?“

„Ach, was weiß ich!“, winkte Mark ab. „Uns kann es jedenfalls egal sein.“

„Und was will Sascha dafür?“, erkundigte sich Oleg. „Die Adresse hat er doch nicht umsonst rausgerückt.“

„Vierzig Prozent. Von allem.“

„Das ist Beschiss!“

„Ohne seine Info hätten wir gar nichts“, hielt Mark verärgert dagegen.

Digger nickte wichtigtuerisch. „Isso! Außerdem bleiben uns immer noch sechzig. Also dreißig für jeden!“, rechnete er an seinen beringten Fingern vor.

„Zwanzig!“, widersprach Oleg. „Du hast dich verrechnet – ich komme nämlich mit.“

„No way!“ Mark machte mal wieder einen auf großen Bruder. „Der Typ vom Jugendamt wartet doch nur darauf, Papa etwas anzuhängen, damit sie ihm das Sorgerecht für dich wegnehmen können. Und was dann? Willst du etwa in ein Heim oder in irgendeine beknackte Pflegefamilie?“ Mark fluchte. „Scheiße, du hättest wenigstens bis nach dem Gerichtstermin diesen verdammten Job machen können!“

Mark war mit einem Mal richtig sauer.

„Vergiss es, das war ein Fuckjob!“, gab Oleg wütend zurück. „Außerdem will ich heute Nacht mitkommen!“

„Auf keinen Fall!“ Mark schüttelte erneut den Kopf. „Frag Digger: Das ist ’ne Zwei-Mann-Sache!“

Oleg brauchte Diggers Kommentar gar nicht abzuwarten. Es war klüger, ein wenig Dampf abzulassen, sonst würde er gar nichts erfahren.

„Entspannt euch, okay?“, sagte er. „Erzählt mir lieber, wie ihr es machen wollt. Wie wollt ihr den Alten in der Villa ausschalten?“

„Gar nicht“, erwiderte sein Bruder. „Wenn der Typ wirklich so alt ist, wie Sascha behauptet, ist er garantiert schwerhörig. Er wird gar nicht erst mitbekommen, wenn wir ihm die Bude leer räumen.“

„Yepp“, ergänzte Digger. „Wir werden wie die Ninjas sein, Kleiner! Unsichtbar wie die schwarze Nacht!“

Er vollführte ein paar Pseudo-Karate-Schläge, wobei er Mark, der neben ihm auf den Sofa hockte, beinahe eine aufs Ohr verpasst hätte.

„Nenn mich nicht Kleiner!“, ärgerte sich Oleg. „Warum lasst ihr mich nicht mitkommen? Ich brauche die Kohle genauso wie ihr. Ich kann ja Schmiere stehen!“

„Eigentlich ist das mit dem Schmierestehen gar nicht so blöd …“, setzte Digger an, aber Mark schnitt ihm sofort das Wort ab.

„Was ich sage, meine ich auch – der Kleine bleibt hier! Übertragung beendet!“

Oleg hätte kotzen können. Aber mit einem winzigen Stück lauwarmer Pizza im Magen ging nicht einmal das.

„Und was soll ich währenddessen machen?“, beschwerte er sich. „Ich habe keinen Bock, nach Hause zu gehen!“

„Du kannst ja hierbleiben und ein bisschen aufräumen“, schlug Digger vor. Er zeigte auf den Müll und die zerknüllten Dosen. „Und danach ziehst du dir einfach einen heißen Film von der Festplatte rein. Aber mach mir ja keine Flecken auf das Polster!“

Er tätschelte grinsend sein Sofa.

„Haha …“, gab Oleg zurück. „Ich piss mir vor Lachen in die Hose!“

Er schnellte aus dem Sessel und kickte wütend die leeren Pizzakartons von dem niedrigen Tisch.

„Ihr könnt mich mal!“, erregte er sich. „Und wisst ihr was: Ihr seid genauso feige Arschlöcher wie alle anderen! Ohne euch komme ich viel besser klar!“

Was natürlich nicht stimmte, aber im Moment hatte er die Nase gestrichen voll. Es machte ihn rasend, wenn ihn die beiden ausschlossen und wie einen Anfänger behandelten. Was machten schon drei Jahre Altersunterschied? Was sollte dieser Bullshit? Oleg hätte vor Wut laut schreien können. Er stapfte zur Tür, schob den schweren Riegel beiseite und trat in die Nacht hinaus. Dann knallte er die Metalltür, so fest er konnte, hinter sich ins Schloss. Als er die letzte Stufe der Außentreppe hinunterstieg, kam der Hund bereits schwanzwedelnd auf ihn zugeschossen. Diesmal trug der Mastiff etwas zwischen seinen Kiefern, das vermutlich einmal eine Babypuppe gewesen war. Weiß der Teufel, woher er das Ding hatte. Oleg entwand dem Tier den Plastikkadaver und schleuderte ihn in die Dunkelheit. Der Hund fuhr auf seinen Hinterläufen herum und sprintete los.