ISBN eBook: 978-3-649-62524-7

© 2017 Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG,

Hafenweg 30, 48155 Münster

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise

Text: Antje Szillat

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur

Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen

Umschlagfoto: Anna Neumann

Umschlagmotiv: Unter Verwendung von Motiven

von Shutterstock, © Chiociolla, 293831192

Innenseiten: Rustic wood planks: fotolia, © John Smith, 121864672;

Pins: fotolia, © realstockvector, 97681217,

Polaroid-Bilder und Papier: © Kathrin Schüler

Lektorat: Jutta Knollmann

www.coppenrath.de

Das Buch erscheint unter der ISBN 978-3-649-62207-9

Antje Szillat

Tessa
Entscheidung des Herzens

The eyes of a horse
tell us a story

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»Kurz vor dem Hof saß ich ab und führte die alte Stute zurück. Wir gingen langsam, unsere beiden Köpfe dicht nebeneinander – wie zwei gute Freundinnen.«

In diesem Sommer ändert sich für Jana alles: Nach der Realschule wollte sie eigentlich feiern, relaxen und dann ihr Fachabi machen. Doch mit einem Mal werden alte Freunde fremd, ihre erste Liebe zerbricht und schließlich muss Jana sich auch noch von ihrem Pflegepferd Djego trennen.

Kurzentschlossen schmeißt sie alles hin und beginnt eine Ausbildung zur Pferdewirtin. Reiten als Beruf – kann es etwas Schöneres geben? Schon bald merkt Jana allerdings, dass man vor der Vergangenheit nicht einfach davonlaufen kann …

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Es war früh am Morgen auf dem Wichmann Hof und die Sonne hatte es noch nicht über die Baumwipfel der großen Eichen geschafft.

»Schön«, murmelte ich und ließ meinen Blick vom großen Hauptstall hinüber zum Gutshaus schweifen, in dem die Familie Bender wohnte. Ich liebte die besondere Stimmung hier um diese Tageszeit.

Eine Schubkarre, randvoll mit Mist gefüllt, stand neben der halbhohen Mauer, die das Gutshaus vom Hof abgrenzte. Tja, da hatte einer von den Einstellern wohl gestern Abend vergessen, sie auf den Misthaufen zu schieben. Wenn Herr Bender das sehen würde, wäre er nicht gerade erfreut.

Als hätte er meine Gedanken gehört, kam der Gutsbesitzer in diesem Moment auch schon um die Ecke gebogen und schüttelte prompt den Kopf, als er die Schubkarre entdeckte.

Er atmete tief ein und blies die Luft langsam wieder aus. Im schwachen Licht der Hoflampen sah sein Atemnebel aus wie eine Wolke, die ihn umhüllte.

Fröstelnd schlug er seinen Jackenkragen hoch und schob dann die Schubkarre rüber zum Misthaufen. Dabei blickte er demonstrativ nach rechts, wo vorm Hauptstall trotz der frühen Morgenstunde bereits einiges los war.

Am Anbindebalken entdeckte ich Sandra und ihre Mutter, die gerade damit beschäftigt waren, Golden Grace zu putzen. Mit etwas Sicherheitsabstand zu der manchmal sehr launischen Ponystute waren Meike und Christina dabei, ihre beiden Wallache einzudecken und ihnen die Transportgamaschen anzulegen.

»Tja, so wie es aussieht, sind wir nicht die Einzigen, die heute Morgen losfahren. Ob nun zum Kreislehrgang oder zum Turnier«, stellte meine Mutter fest, während sie unser Auto im Schritttempo über den Hof lenkte.

Mein Magen zog sich leicht zusammen. Einerseits freute ich mich wie verrückt auf den Lehrgang. Doch zugleich machte ich mir Sorgen, ob Carlos und ich nach der langen Pause schon wieder richtig in Form waren.

Zumindest so weit, dass wir dem kritischen Blick des Lehrgangstrainers standhalten konnten.

»Hoffentlich ist das für Carlos nicht zu viel«, sagte ich leise. »Ich möchte ihn nicht gleich überfordern.«

Mama seufzte tief. »Herrje, Tessa, nun mach dich doch nicht schon wieder verrückt. Frau Dr. Drögemüller hat grünes Licht für den Lehrgang gegeben, und das hätte sie sicher nicht getan, wenn sie der Meinung wäre, dass Carlos damit überfordert ist.«

Sie stoppte den Wagen vor dem kleinen Stall, in dem mein Pony untergebracht war, und ließ mich aussteigen.

Während ich die schwere Holztür aufzog, fuhr meine Mutter zu den Pferdeanhängern rüber, um unseren anzukuppeln.

»Guten Morgen, Jungs!«, begrüßte ich die vier Pferde fröhlich.

Ein einheitlich dumpfes Wiehern erklang. Gleich darauf begann eines der Pferde, mit dem Vorderhuf gegen die Boxentür zu treten. Obwohl die Stallgasse im Dunkeln lag und nur etwas Licht vom Hof durch die Fenster hineinfiel, wusste ich sofort, dass es Tandrino war, der da so bollerte. Typisch, sobald jemand den Stall betrat, versuchte er, auf sich aufmerksam zu machen. Ich kannte kein Pferd, das so vehement nach Futter bettelte wie er. Anka, seine Besitzerin, hatte uns allen strengstens verboten, seinem lautstarken Betteln nachzugeben. Dennoch hielt sich niemand daran, weil es einfach nicht auszuhalten war. So wie auch jetzt: Tandrino bollerte und bollerte und bollerte – bis ich eine Handvoll Müsli aus der Futtertonne holte und in seinen Trog warf.

»Na, mein Süßer, wie geht es dir heute Morgen?«, begrüßte ich meinen dunkelbraunen Ponywallach Carlos und strich ihm über die warmen Nüstern. Er sah mich aus seinen sanften braunen Augen aufmerksam an, so als ob er jedes meiner Worte verstehen würde.

Mein Pony und ich waren in den letzten Jahren so eng zusammengewachsen, dass ich manchmal dachte, gleich antwortet er mir. Es hätte mich echt nicht gewundert, denn Carlos war nicht nur ein sehr schönes Pony, mit seiner Laternenblesse, den vier weißen Fesseln und den wachen Augen, sondern auch ein überaus intelligentes. Deshalb bedurfte es eigentlich auch nicht vieler Worte zwischen uns. Ich wusste, wie er tickte, was ihm gefiel, was er nicht ausstehen konnte, was ihm unheimlich war und wie sehr er es liebte, wenn ich ihn hinter den Ohren kraulte. Und dass er nach dem Reiten, wenn die Trense runter war, gern das Gesicht mit einem weichen Tuch abgerieben bekam. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte ich das stundenlang machen können.

»Bist du bereit für den Lehrgang? Hast du Lust?«

Carlos schnaubte und ich lachte – ja, wir waren bestimmt Seelenverwandte, mein Pony und ich. »Ich fasse das jetzt mal als ein Ja auf.«

Kurz darauf wurde die Tür aufgeschoben.

»Huch, Tessa, warum hast du denn kein Licht angemacht? Hier drinnen ist es ja stockdunkel«, sagte meine Mutter.

Im nächsten Moment begannen die Strahler unter der Decke zu flackern, bevor sie den Stall in grelles Licht hüllten.

Die plötzliche Helligkeit blendete mich und ich kniff für einen Moment die Augen zusammen.

»Alles klar bei dir, Schatz?«, erkundigte sich meine Mutter.

Ich nickte. »Natürlich! Was soll denn nicht klar sein?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht. Du kommst mir die ganze Zeit schon so komisch vor. Irgendwie in dich gekehrt. Stimmt was nicht?«

Ich winkte ab. »Was du dir immer einbildest …«

Dann nahm ich Carlos’ Halfter vom Haken und öffnete die Boxentür. Zärtlich klopfte ich ihm den Hals und legte ihm das Halfter an.

Als ich ihn zum Anbindebalken führte, verschwand meine Mutter gerade in der Sattelkammer.

»Ich räume schon mal den Anhänger ein!«, hörte ich sie rufen.

»Alles klar«, entgegnete ich und machte mich daran, Carlos zu putzen.

Wie immer konnte er nicht stillstehen. Er schabte mit dem Vorderhuf, während er zeitgleich am Strick herumknabberte.

»Carlos, lass das«, schimpfte ich ihn leise aus und klopfte ihm leicht aufs Vorderbein. Daraufhin stellte er das Schaben ein und sah mich unschuldig an. Ganz nach dem Motto: Ist was? Also ich bin’s jedenfalls nicht gewesen!

»Spinner«, sagte ich liebevoll und drückte ihm einen schnellen Kuss auf die weiche Ponynase.

Während ich das Stroh aus seinem dicken Schweif heraussuchte und ihn anschließend kräftig durchbürstete, schabte Carlos längst wieder fröhlich weiter.

Mein Pony stand einfach nicht gern still. Dafür war es viel zu temperamentvoll. Carlos brauchte stets Abwechslung und vor allem viel Bewegung. In den Wintermonaten, wenn die Weiden nicht freigegeben waren und die Pferde des Wichmann Hofs nur für einige Stunden am Tag auf den Paddock konnten, merkte man ihm das deutlich an.

Meine Mutter hatte mal gemeint, dass für Carlos ein Platz im Offenstall das Beste wäre. Nur leider gab es bei uns im näheren Umkreis keine Reitanlage, die Offenstallplätze anbot und gleichzeitig über eine Reithalle verfügte, sodass wir auch bei schlechterem Wetter vernünftig trainieren konnten.

»Na, wie sieht es aus, Tessa, brauchst du noch lange?«, riss meine Mutter mich aus meinen Gedanken. Sie war mit den Transportgamaschen in den Händen neben Carlos und mich getreten.

»Ich muss nur noch die Hufe auskratzen«, erklärte ich und machte mich auch schon an die Arbeit.

Kurz darauf war Carlos verladen und meine Mutter lenkte das Gespann vom Hof.

Herr Bender stand neben dem Tor und hob die Hand zum Abschied. Ich sah, wie er mit den Lippen ein »Viel Glück!« formte, und lehnte mich in wohliger Erwartung auf das kommende Training in den Sitz zurück.

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Der Kreislehrgang fand ganz in der Nähe statt, wir brauchten nur eine knappe halbe Stunde zu fahren, dann hatten wir den Reitverein Hubertus Marienwald erreicht. Die Anlage war wirklich wunderschön. Das Erste, was ich sah, als wir durch das große gusseiserne Gatter fuhren, war ein kleiner Ententeich, der sich in der Mitte des Innenhofs befand. Dahinter lag das riesige alte Gutshaus. Links und rechts schlossen sich die Stallungen an. Die große Reithalle, in der der Lehrgang durchgeführt wurde, befand sich direkt hinter dem linken Stalltrakt.

»Schade, dass die keine Weiden haben«, seufzte Mama und stellte den Motor aus. »Es ist so schön hier, aber dass die Pferde überwiegend in ihren Boxen stehen, ist ein echtes Manko.«

»Stell dir mal vor, Carlos müsste immer in seiner Box sein«, sagte ich.

Meine Mutter grinste. »Spätestens nach drei Tagen würde er explodieren.«

Ich nickte, denn das mit dem Explodieren war nicht nur so dahergeredet, wir sprachen da aus echter Erfahrung. Carlos hatte erst neulich ein Hufgeschwür gehabt und von unserer Tierärztin strengste Boxenruhe verordnet bekommen. Obwohl er garantiert schlimme Schmerzen hatte, war er fast verrückt geworden ohne seinen täglichen mehrstündigen Weide- oder Paddockgang. Am dritten Tag hatten meine Mutter und ich es nicht mehr mit ansehen können und beschlossen, ihn wenigstens für eine halbe Stunde rauszulassen. Carlos war so abgeschossen, buckelnd und hakenschlagend über den Paddock gedonnert, dass das Geschwür aufgegangen war und sich danach erst so richtig entzündet hatte.

Nur wenige Tage vorm Kreislehrgang hatte Frau Drögemüller ihn endlich gesundgeschrieben, sodass der Schmied ihm wieder die Eisen auf die Vorderhufe hatte setzen können. Dennoch machte ich mir Sorgen, ob die drei Tage Training am Stück nicht zu viel für ihn waren.

Ich kletterte vorn durch die Klappe auf den Anhänger und band Carlos los.

»Alles klar?«, fragte meine Mutter, und als ich mit Ja antwortete, ließ sie die Anhängerklappe runter und öffnete die Stange.

Wie immer hatte Carlos es sehr eilig, vom Anhänger zu kommen und sich sogleich in all seiner Ponywallachpracht aufzubauen. Schnaufend sah er sich auf dem Hof um.

»So ein Spinner!« Mama lachte und ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen.

Carlos war wirklich ein Angeber. Sobald er in eine neue Umgebung kam, wurde er um drei, vier Zentimeter größer. Alle sollten ihn anschauen, jeder sollte ihn bewundern. Mein Pony war ein richtiges Showpferd.

»Ja, ja, mein Junge, alle haben dich gesehen und finden dich toll.« Ich tätschelte ihm die breite Stirn unter seinem dichten schwarzen Schopf und führte ihn um den Anhänger herum.

Meine Mutter half mir beim Satteln und Auftrensen und verstaute die Transportgamaschen in der Sattelkammer, während ich mit Carlos schon rüber zur Halle ging.

In meinem Magen begann es zu kribbeln, freudige Aufregung, ich mochte das Gefühl und konnte es gleichzeitig nicht aushalten.

»Auf geht’s, mein Süßer«, sagte ich zu Carlos und klopfte ihm aufmunternd den Hals.

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Außer Carlos und mir war noch niemand in der großen Reithalle. So wie mein Pony eben auf dem Anhängerparkplatz größer und größer geworden war und sich allen hatte zeigen wollen, so klein und unsicher gab es sich jetzt. Als ich Carlos noch eine Runde im Kreis führte, damit er Luft abließ und ich nachgurten konnte, drückte er sich so eng an mich, dass ich aufpassen musste, damit er mir nicht auf die Füße trat.

»Alles gut, Carlos, gleich kommen die anderen, und außerdem lauern hier ganz bestimmt keine gefährlichen Monster hinter der Bande, die nur darauf warten, dich armes, kleines Pony aufzufressen.«

Doch all meine Beruhigungsversuche halfen nichts, Carlos war die große, leere Halle einfach unheimlich. Er schnaubte aufgeregt, erschrak immer wieder über Dinge, die nur er sehen konnte, und war dabei spannig bis zum Gehtnichtmehr.

Erst als sich ein Mädchen mit einem Schimmel zu uns gesellte, beruhigte er sich ein wenig, sodass ich ihn zur Aufsteighilfe führen konnte. Kaum stellte ich jedoch meinen Fuß in den Steigbügel, machte er einen hektischen Sprung zur Seite. Im letzten Moment konnte ich den Fuß zurückziehen, sonst wäre ich wohl der Länge nach auf den Hallenboden geknallt. Kein guter Start ins Lehrgangswochenende!

»Was ist denn jetzt schon wieder?«, fragte ich ihn kopfschüttelnd.

Der zweite Aufstiegsversuch glückte und kurz darauf ritt ich am langen Zügel im Schritt durch die Halle.

Das Mädchen mit dem Schimmel kannte ich nicht. Und sie machte mir auch nicht den Eindruck, als ob sie daran etwas ändern wollte. Ganz im Gegenteil, sie kam mir ziemlich abweisend vor, besser gesagt, extrem hochnäsig. Also drehte ich mit Carlos meine Schrittrunden und ignorierte sie so gut wie möglich. Was die konnte, das konnte ich schon lange.

Eigentlich wurde in den Gruppen zu dritt geritten, zumindest hatte es so in der Ausschreibung des Kreislehrgangs gestanden. Doch als unser Trainer Marko Scholz um kurz vor acht Uhr in die Halle marschiert kam, waren wir noch immer zu zweit.

Ich kannte ihn vom letzten Lehrgang, war mir aber sicher, dass er sich nicht mehr an mich erinnerte. Schließlich war er einer der gefragtesten Trainer in unserer Region und hatte etliche Reitschüler.

Als er mich nun freundlich anlächelte und sagte: »Tessa, super, dass du auch wieder dabei bist!«, war ich so perplex, dass ich nur stumm nicken konnte.

Dann wandte er sich an das andere Mädchen, das auf einmal doch reden konnte. Und zwar wie ein Wasserfall!

»Ich bin die Lisa-Marie Mendes und das ist mein neues Pony Grenbour’s Daimon. Zu Hause habe ich noch zwei andere, aber dies hier hat im letzten Jahr mit seiner alten Reiterin den Vogeley Cup gewonnen und ist schon mehrfach in M platziert.«

Oh Mann, was für ’ne Angeberin!, konnte ich nur denken, während sie weiterplapperte und Marko lang und breit erklärte, was sie dieses Jahr so alles mit ihrem Superpony reiten und natürlich auch gewinnen würde. Ihre Eltern standen wohlwollend lächelnd daneben und nickten immerzu.

Was für eine blöde Kuh! Und mit der durfte ich nun drei Tage lang in einer Gruppe reiten. Na super.

»Tja, so wie es aussieht, kommt unsere dritte Reiterin wohl nicht mehr.« Marko warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Zehn nach acht. Ich würde sagen, wir fangen an. Schritt seid ihr beiden lange genug geritten?«

Während ich nickte, rief Lisa-Marie: »Schon eine halbe Ewigkeit! Mein Pony ist langsam, aber sicher warm genug.«

Am liebsten hätte ich gesagt, dass Mrs Wichtigtuerin mit ihren teuren Lackreitstiefeln zwar Schritt geritten war, aber ihr armes Pony nicht ein einziges Mal losgelassen hatte. Seitdem sie in die Halle gekommen war, hatte sie die Zügel kurz gehalten und dem Schimmel nicht die Chance gegeben, sich zu lösen, lang zu machen und tief zu kommen. Diese Lisa-Marie wurde mir von Minute zu Minute unerträglicher.

Mein Blick wanderte zur Tribüne rüber, wo meine Mutter saß und hundertprozentig dasselbe dachte. Sie konnte solche Glitzer-Animo-Tussis genauso wenig ausstehen wie ich.

Marko forderte uns auf, anzutraben und dann langsam unsere Pferde aufzunehmen. Zum Glück hatte Carlos sich inzwischen an die Halle gewöhnt, aber guckig war er trotzdem noch. Immer wieder brachte ihn ein unerwartetes Geräusch aus der Fassung, und es bereitete mir alle Mühe, ihn bei der Sache zu halten.

»Beschäftige ihn, Tessa. Reite nicht nur geradeaus, sondern immer wieder mal eine große Volte, auf dem Zirkel, aus dem Zirkel wechseln, einfache Schlangenlinien, sodass er gar keine Zeit hat, nervös zu werden.«

Ich tat, was Marko mir gesagt hatte, und schon nach kurzer Zeit spürte ich, wie Carlos sich entspannte, immer lockerer und durchlässiger wurde. Wir nahmen den Galopp dazu, und nach einer Weile fand Marko, dass unsere Ponys nun wirklich gut gelöst waren und wir mit der eigentlichen Arbeit beginnen konnten.

Schulterherein, Schenkelweichen und Travers im Schritt, danach Trab-Traversalen … Anschließend übten wir noch den Außengalopp und die Übergänge. Ich war so konzentriert bei der Sache, dass ich es kaum fassen konnte, als die erste Stunde schon vorbei war.

»Zügel aus der Hand kauen lassen, abtraben und die Pferde loben!«, rief uns Marko zu. »Eure Ponys haben einen richtig guten Job gemacht.« Er grinste und fügte nach einer kleinen Pause hinzu: »Ihr natürlich auch. Ich bin hochzufrieden. Sehr gutes Reiten heute Morgen.«

Stolz kraulte ich Carlos den Hals und flüsterte ihm zu: »Du bist das beste Pony der Welt, mein Süßer. Danke …«

Er spitzte die Ohren und schnaubte zufrieden.

Nach einigen Schrittrunden am langen Zügel kam meine Mutter mit der Abschwitzdecke in die Bahn und legte sie ihm über das Hinterteil. Ich stellte mich leicht im Sattel auf und zog die Decke unter mich, sodass sie Carlos bis zur Schulter bedeckte.

»Das war richtig klasse, Tessa«, sagte sie und tätschelte erst mein Bein und dann Carlos’ Hals. »Die Pause hat euch beiden gutgetan. So locker und entspannt habe ich euch lange nicht mehr erlebt. Sehr harmonisch und wirklich schön anzusehen.«

Ich nickte überglücklich. »Ja, es hat sich auch total gut angefühlt. Er war unheimlich motiviert, nachdem die Spannung erst mal nachgelassen hatte.«

Aus dem Augenwinkel sah ich, dass Marko inzwischen von Lisa-Maries Eltern belagert wurde. Sie redeten auf ihn ein und lachten dabei übertrieben laut. Wenn mich nicht alles täuschte, dann war Marko ziemlich genervt von ihnen. Denn obwohl ich nur jedes dritte Wort mitbekam, ahnte ich, dass es ausschweifende Lobeshymnen auf die einzigartige, weltallerbeste Lisa-Marie waren, die natürlich demnächst in den Kader der Ponydressurreiter berufen werden würde. Bei dem erstklassigen Ponymaterial, das man zu Hause im Stall stehen hätte, säuselte die Mutter, war alles andere einfach nur undenkbar.

»Meine Güte, haben die mich eben genervt«, raunte meine Mutter mir zu, während wir geradewegs auf den Hallenausgang zusteuerten. »Wie teuer das Pony war und wie talentiert ihre Tochter ist und dass die Welt ja nur auf die beiden warten würde … zum Weglaufen!«

»Diese Lisa-Marie hat nicht ein Wort mit mir gesprochen« erwiderte ich. »Wahrscheinlich sind Carlos und ich unter ihrem Niveau.«

Meine Mutter verzog das Gesicht. »Oder die unter unserem?!« Wir schauten uns an und grinsten.

Als meine Mutter die Bandentür für Carlos und mich öffnete, war Marko auf einmal neben uns.

»Wartet bitte noch mal«, bat er.

Ich war ziemlich baff, dass es ihm gelungen war, sich aus den Fängen dieser schrecklichen Familie zu befreien.

»Das war sehr gut heute, Tessa. Ich mag die Ruhe, die du Carlos vermittelst und die sich automatisch auf ihn überträgt. Ganz feines Reiten, was du da zeigst, das gefällt mir sehr. Du hast das richtige Feeling für dein Pony.«

Ich spürte, wie mir vor Freude die Röte ins Gesicht stieg. »Danke«, murmelte ich und tätschelte verlegen Carlos’ Hals.

Marko lächelte. »Eigentlich wollte ich dich beim letzten Kreislehrgang schon darauf ansprechen, aber dann bin ich irgendwie darüber hinweggekommen.«

»Auf was denn?«, fragte meine Mutter. Sie war stolz wie sonst was auf Carlos und mich, das sah man.

»Meine Frau ist Mitglied im Jugend- und Sportausschuss und zuständig für den Nachwuchs im Reitsportverband. Ich finde, sie sollte sich dich und dein Pony unbedingt mal ansehen.«