image

Contents

Butterweich segelte der Ball vors Tor. Eine absolute Maßflanke! Tom schraubte sich in die Höhe. Den köpfe ich rein!, dachte er dabei.

In derselben Sekunde spürte er den Ellbogen des Verteidigers an seinen Rippen. Böses Foul! Schon kippte Tom leicht nach hinten, erwischte die Kugel aber dennoch mit der Stirn. In einem Bogen flog das Leder auf den Kasten zu, über den herausstürzenden Torwart hinweg. Der Ball sprang kurz vor der in den heißen Sand gezogenen Linie auf.

Tom landete unsanft auf dem Strand, doch er spürte keinen Schmerz – er hatte nur Augen für den Ball, der jetzt in die leere Kiste kullerte! Der Pfiff des Schiedsrichters ertönte.

„Tor!“, brüllten die Samba Kicker.

Tom rappelte sich auf, wischte sich den Sand von den Knien und rannte zu Larissa, die gerade die herrliche Flanke gegeben hatte. Julia und Adriano, die anderen beiden Samba Kicker, stürmten hinzu und die Freunde klatschten sich ab.

Die zahlreichen Zuschauer applaudierten. Die meisten von ihnen trugen Fußballtrikots ihrer Lieblingsteams. Gelb und Blau, die Farben der brasilianischen Nationalmannschaft, überwogen deutlich. Auch Julias Vater Pedro, der sich nach seinem Feierabend unter die Fans gemischt hatte, trug ein solches T-Shirt mit dem Namen und der Rückennummer des trickreichen Stars Neymar. Aber auch das deutsche Trikot war zu sehen, genauso wie das französische und das von Portugal oder spanien. Kein Wunder, schließlich fand gerade die Fußballweltmeisterschaft in Brasilien statt, und Fans aus aller Welt bevölkerten die Millionen-Metropole Rio de Janeiro. In wenigen Tagen, am 15. Juni, wurde hier im Maracanã-Stadion das erste Spiel der Gruppe F angepfiffen.

„Jetzt führen wir mit 4:1, das dürfte ja wohl reichen“, rief Tom überglücklich.

„Freu dich nicht zu früh“, mahnte Julia. „Das Spiel ist noch nicht zu Ende!“

Doch Tom schwebte auf Wolke sieben. Er hatte heute schon drei Tore gemacht, er war einfach super in Form und dieses Match würden sie nicht mehr aus der Hand geben. Niemals!

Wieder ein kurzer Pfiff, die anderen hatten Anstoß. Tom orientierte sich auf seiner Position auf der linken Seite. Der kräftige Adriano ging in die Mitte, seine quirlige Cousine Julia nach rechts. Larissa, die nicht nur gut flanken, sondern auch sehr gut verteidigen konnte und im Tor tolle Reflexe zeigte, blieb erst einmal hinten.

Der Ball rauschte zu Toms Gegenspieler, einem kleinen Typ mit lockigem Haar. Tom stellte sich ihm entgegen. Der andere Junge schaute kurz zur Mitte, und Tom ging davon aus, dass der Lockenkopf gleich genau dorthin flanken würde.

Irrtum! Der Kleine kickte die Murmel durch Toms Beine und sprintete locker an ihm vorbei.

Ein Tunnel, die Höchststrafe!

Fluchend rannte Tom seinem wieselflinken Gegner hinterher, konnte aber nicht verhindern, dass dieser den Ball fast von der Grundlinie ins Zentrum zurücklegte.

Adriano versuchte noch, den Stürmer der gegnerischen Mannschaft abzublocken, aber er kam zu spät.

Wuuuuusch! Das Leder rauschte an der chancenlosen Larissa vorbei ins Tor.

„Konzentriert euch!“, brüllte Julia.

Tom schaute bedröppelt zu Boden. Das war ganz klar sein Fehler gewesen, er hätte den Pass verhindern müssen. Da spürte er Larissas Hand auf der Schulter.

„Egal“, sagte sie. „Dafür haust du denen jetzt gleich wieder einen rein.“

Der Junge nickte entschlossen. Sie würden auch dieses Spiel gewinnen! Die Samba Kicker mischten heute bei einem Jugendturnier mit. Es fand an der Copacabana statt, dem berühmten Strand von Rio. Vier Mannschaften waren am Start. Das erste Match hatten die Freunde bereits mit 5:1 gewonnen, und wenn sie auch bei diesem Spiel triumphieren sollten, hatten sie gute Chancen auf den Gesamtsieg.

Anstoß, diesmal für die Samba Kicker. Adriano hatte den Ball und leitete ihn sofort weiter zu Julia, die schon gestartet war. Der Pass war einen Tick zu ungenau, ein Verteidiger ging dazwischen und fing die Murmel ab.

„Mist!“, fluchte Julia.

Ein schneller Flügelwechsel der Gegner, ein gekonnter Drehschuss – der Ball zischte ins Tor! Jubelnd drehten die anderen Spieler ab.

„Das darf doch wohl nicht wahr sein!“, schimpfte Larissa, aus deren Augen Zorn sprühte. „Nur noch 4:3!“

„Gebt Gas!“, brüllte Pedro von der Seitenlinie. Julias Vater war ebenfalls ein glühender Fußballfan und beim

brasilianischen Fußballverband Confederação Brasileira de Futebol angestellt. Zu seinen Aufgaben gehörte unter anderem die Organisation der sieben von insgesamt 64 WM-Spielen, die in Rio stattfanden. Das Endspiel wurde ebenfalls im örtlichen Maracanã-Stadion angepfiffen.

Hier, in Sichtweite des Zuckerhuts, gab es den nächsten Pfiff. Wieder Anstoß für die Samba Kicker, 90 Sekunden vor dem Ende der Partie.

Tom hatte den Ball, doch er fand vorne keine Anspielstation. Julia und Adriano waren beide eng gedeckt.

Bleib cool, halte den Ball und schinde Zeit, dachte Tom konzentriert.

Lässig passte er zurück auf Larissa. Die Gegner setzten der Kugel wütend und entschlossen nach. Sie wollten wenigstens noch den Ausgleich erzielen.

Larissa stoppte die Murmel elegant – und zögerte.

„Spiel ab!“, kreischte Julia.

Zwei Jungs der gegnerischen Mannschaft schossen auf Larissa zu.

„Her mit dem Ball!“, brüllte nun auch Adriano. „Mach keinen Quatsch!“

Tom schwieg. Er starrte auf Larissa. Das Mädchen hatte nicht nur eine unglaublich große Klappe, es hatte oft auch völlig verrückte Ideen. Und Larissa liebte das Risiko.

So auch diesmal.

Grinsend ließ sie die beiden Jungs herankommen. Dann lupfte sie die Murmel aus dem Stand über sie hinweg und sauste an ihnen vorbei. Nur noch zwei Gegenspieler, ein schneller Pass zu Tom, der rübergab zu Adriano – und der Junge feuerte die Kugel ab. Ein knallharter Schuss, der Torwart war geschlagen! Doch der Ball donnerte an den Pfosten!

„Nein!“, schrie Adriano und fasste sich ungläubig an den Kopf.

Die Kugel prallte zurück aufs Feld und alle stürzten sich darauf. Vier Spieler gingen zu Boden, darunter auch Tom und Adriano. Aber die Pfeife des Schiris blieb stumm – offenbar hatte auch er den Überblick verloren. Irgendwie rutschte der Ball aus dem Getümmel und landete genau vor den Füßen der aufgerückten Larissa.

Sie spitzelte die Kugel an dem Spielerknäuel vorbei zu Julia, die den Ball im gegnerischen Kasten versenkte.

5:3 – das war natürlich so kurz vor Schluss der Partie die Entscheidung!

Kurz darauf saßen die Samba Kicker nach einem erfrischenden Bad im Atlantik am Strand. Auch Pedro war bei ihnen.

„Klasse Leistung!“, lobte er das Team. „Jetzt habt ihr schon zweimal gewonnen!“

„Genau!“, rief Julia. „Und deshalb stehen wir im Endspiel!“

„Wann ist das?“, wollte ihr Vater wissen.

„Übermorgen um 15 Uhr!“, kam es prompt zurück.

Pedro nickte. „Ich werde versuchen, dabei zu sein und euch anzufeuern. Gibt es bei dem Turnier eigentlich einen Preis zu gewinnen?“

„Na klar, einen Pokal!“, erwiderte Tom und deutete auf eine Bude am Strand in der Nähe. „Der Besitzer von dem Kiosk da drüben hat ihn spendiert, weil er immer Getränke an die Leute verkauft, die uns und anderen Spielern beim Kicken zuschauen.“ Er lachte. „Wir sind gut für sein Geschäft!“

Julias Vater schürzte die Unterlippe. Dann schnippte er mit den Fingern. „Ich habe vielleicht auch einen kleinen Preis für eure beiden ersten Siege …“

Gespannt schauten ihn die Samba Kicker an.