image

Contents

»Ey, Luc, wetten, du traust dich nicht?!«, röhrt Cassy quer durch die BMX-Halle.

Der Letzte, von dem ich mich provozieren lasse, ist diese Angeberbacke! Da kann er noch so dämlich grinsen.

Vergiss es!

Ich winke einfach nur gelangweilt ab und rolle Richtung Rampe davon, während er weiter auf seinem Hinterrad durch die Gegend hüpft und so tut, als wäre das weiß Gott wie gefährlich.

»Voll das nervige Großmaul«, regt Pepe sich neben mir auf. »Wenn ich so astrein jumpen könnte wie du, Luc, dann würde ich dem glatt ’ne Lektion erteilen, die ihm ein für alle Mal seine große Klappe stopft.«

»Genau«, mischt sich nun auch David ein, »du musst mal ein paar krasse Manöver zeigen, und zwar so stylisch, dass Cassy davon die Augen brennen.«

Nachdenklich kratze ich mich am Kinn. »Ihr meint, ein bisschen Freestyle vom Feinsten?«

Meine beiden Kumpels nicken im Takt.

»Vielleicht am Hauptbahnhof …?«, überlege ich weiter und spüre urplötzlich das altbekannte Kribbeln in mir.

»Okay, Cassy«, rufe ich ihm zu, »worum wetten wir?!«

Er glotzt, als ob ihm ein ICE über den Fuß gerauscht wäre. »Ähem … was?«

Ich grinse. »Wir klären jetzt endgültig, wer von uns der bessere Biker ist.«

»Okaaay«, sagt Cassy gedehnt, »wenn du dich unbedingt bis auf die Boxershorts blamieren willst …«

Meine Jungs lachen sich fast kringelig.

»Klar doch, Cassy«, johlt Pepe. »Wie lautet wohl der Name desjenigen, der gleich den Hintern blankziehen darf …?«

»Äh … lass mich mal scharf nachdenken«, macht David weiter, »hm … ja, klar doch, ich tippe auf … CASSY!«

Ich höre gar nicht mehr zu, was Cassy darauf erwidert. Ich habe nämlich beschlossen, diese Sache, die nun schon seit fast einem Jahr zwischen ihm und mir abgeht, zu klären. Und zwar mit dem Jump meines Lebens.

Ohne mich noch einmal zu den anderen umzudrehen, düse ich Richtung Hamburger Hauptbahnhof los.

Kaum dort angekommen, werden wir von einer Omi angepflaumt. Von wegen, dass wir gefälligst nicht so eine Randale machen sollen und so ’n Gelaber. Dabei habe ich nur einen Hangover Toothpick* hingelegt, weil sich die kniehohe Absperrung vorm Bahnhof korrekt dafür angeboten hat.

Die Jungs johlen und Pepe pfeift sogar schrill auf den Fingern, da flippt die Omi so richtig aus. Auweia, die geht ab wie ’n Zäpfchen. Wir haben keine Lust auf Stress und düsen in den Bahnhof hinein.

»Und nun?«, nervt Cassy rum. Er ist direkt an meiner Seite. Sein Blick haftet an mir wie klebriger Honig. »Sei ehrlich: Du hast keinen Plan!«

»Wenn du meinst«, gebe ich zurück und zucke mit den Schultern. Vergiss es, das Großmaul hat mich durchschaut. Einen konkreten Plan hab ich echt nicht. Ich weiß nur, dass ich irgendeinen total abgefahrenen Sprung zeigen will …

Zu allem Überfluss probiert Cassy sich jetzt auch noch an ein paar kleinen Hindernissen und reißt damit die Poleposition an sich.

Erst hüpft er über einen Koffer. Dann nimmt er sich gleich zwei auf einmal vor und kurvt anschließend direkt auf einen dieser halbhoch hängenden abgeranzten Mülleimer zu.

Doch gerade als ich denke: Hölle, die Flachbirne stiehlt mir die Show!, da bleibt er mit dem rechten Pedal am Korb hängen und legt sich volle Kanne aufs Mett.

»Ey, du bist so verpeilt«, amüsiert sich Pepe und knallt vor Lachen fast selbst hin.

Cassy schüttelt sich kurz, schwingt sich wieder auf den Sattel und düst weiter zu den Bahnsteigen.

Okay, jetzt ist er wütend, und zwar so richtig. Und ich weiß, wenn man ’ne Mordswut im Bauch hat, dann will man es den anderen erst recht zeigen. Da sind Cassy und ich uns verdammt ähnlich. Also muss ich handeln. Sofort!

Ich schaue mich um – suchend, fieberhaft – und dann ist es plötzlich da: das Treppengeländer. Es ist grandios. Einfach perfekt.

Klar, um mich herum herrscht Trubel ohne Ende. Die Leute rennen hektisch hin und her – und es sind wirklich viele. Eigentlich kein guter Zeitpunkt.

Doch es lächelt mich an, fordert mich heraus, flüstert mir beschwörend zu: Komm, Luc, wag es! Zeig es Cassy und den anderen.

Also trete ich in die Pedale, hänge mich voll rein, spanne die Muskeln an, spüre die Kraft, den festen Willen und hebe ab.

image

Für einen Moment denke ich, ich fliege. Als könnten mein BMX und ich für alle Zeiten durch die Luft schweben. Über allem und jedem. Oh ja … auch über den fett beladenen Gepäckwagen hinweg, der da gerade im Weg steht. Und dann lande ich – butterweich – nur wenige Zentimeter dahinter auf meinen Reifen.

Den Jungs bleibt locker die Spucke weg.

Sogar Cassy ruft anerkennend: »Wow, Alter! Luc, du bist der Überflieger – und zwar so was von …«

Und dann höre ich sie klatschen. Jawohl. Total begeistert! Glaubt es mir, das ist der Burner.

Im Nachhinein wünschte ich, ich wäre gestürzt, wäre voll mit dem Gesicht über den harten Asphalt geschrammt. Alles wäre besser gewesen als der Crash, der mir dann passiert ist. Und der meinem genialen Großstadtleben ein knallhartes und extrem brutales Ende gesetzt hat …

Ich bin Luc, der Überflieger, und das ist meine Story!

Oh Mann, das Redline Flight BMX ist mein Traum. Ja, und jeder, der das nicht in seinen Schädel kriegt, tut mir gigantisch leid!

Doch, Leute, es hilft nichts, in diesem verpeilten Moment, also gerade jetzt, tue ich mir extrem leid. – Trotz des bestimmt fettesten Geschenks meines Lebens.

Ich stehe mitten in der Pampa, und mir fallen vor Schock fast die Augen aus, weil meine Eltern es tatsächlich getan haben. Bis gestern habe ich noch felsenfest daran geglaubt, dass sie mal wieder nur eine von ihren hirnrissigen Tagtraum-Spinnereien von sich geben würden. Echt, Mann! Bis vor 24 Stunden habe ich mich an diesen Gedanken geklammert wie an einen ausgedörrten Grashalm kurz vorm Abknicken.

Dann kam der Umzugswagen und der Halm war umgeknickt – und zwar so was von …

»Und, Luc, freust du dich?« Meine Mutter legt mir die Hand auf die Schulter und grinst mich an – Marke Breitmaulfrosch, ich mach dir Konkurrenz.

»Nö!«, knurre ich.

Wer jetzt glaubt, meine Mutter würde schwer besorgt wissen wollen, was für ’n fieser Wurm ihrem einzigen Sohn in seinen jugendlichen Magen zwickt – VERGISS ES!

Sie marschiert einfach seelenruhig zum Umzugswagen und schnappt sich die nächste Kiste, um sie ins Haus zu schleppen.

In das neue Haus.

In unser neues Zuhause.

Am Rande einer Vorstadtsiedlung, die so spießig ist, dass sich der Mief bereits nach wenigen Minuten tief in meinen Poren festgesetzt hat.

»Kannst du vielleicht auch mal mithelfen?«, pampt Klaus mich an.

Klaus ist mein Stiefvater. Schon seit zehn Jahren. Er findet es okay, dass ich ihn Klaus nenne. Hey, wäre ja auch irgendwie komisch, wenn ich Papa zu ihm sage, wo er es doch gar nicht ist.

Im Grunde genommen ist Klaus voll okay, und die meiste Zeit bin ich ziemlich zufrieden damit, dass meine Mutter ihn als neuen Mann ausgesucht hat. Nachdem sich mein echter Vater kurz nach meiner Geburt zurück ins warme Italien verdrückt hat und seitdem den Weg nach Hamburg nicht mehr findet.

Hin und wieder kommt ein Fresspaket bei uns an – das war’s. Von la nonna Poggianella, meiner Oma aus Salemi. Das ist das Heimatdorf meiner sizilianischen Familie, die ich allerdings nur von den Fotos her kenne, die regelmäßig in diesen Paketen an mich liegen.

»Luuuuc! Schwing die Hufe!«, motzt Klaus und holt mich damit aus dem sonnigen Bella Italia zurück an den schrecklichsten Ort der Welt.

Angefressen schiebe ich mein nagelneues BMX die lange Einfahrt entlang. Zwischen den Gewächshäusern zur linken und dem Blumenladen zur rechten Seite direkt auf den weiß verputzten Bungalow zu, der etwas unterhalb der Gärtnerei liegt.

Hölle, ist das öde hier! Nur Grünzeug, Büsche, Bäume, Beete – dahinter Acker, so weit das Auge reicht.

»Schatz, atme mal richtig tief durch …« Meine Mutter ist aus dem Haus gestiefelt, um die nächste Kiste vom Umzugswagen zu holen. Doch bevor sie weitermacht, bleibt sie einen Moment neben mir stehen. »Weißt du, davon habe ich seit deiner Geburt geträumt. Endlich raus aus der Großstadt und ab ins Grüne.«

Ich kann sie nur kopfschüttelnd anschauen. Zu mehr bin ich nicht imstande.

»Hach, Luc, hier draußen ist die Welt noch ein Stück weit in Ordnung.«

Gleich kotze ich, denke ich und schiebe mein Bike ins Haus.

Auf der Türschwelle pflaumt Klaus mich zum dritten Mal an. »Du willst ja wohl nicht das Rad ins Haus bringen?!«

Ich zucke mit den Schultern. »Ähm … hallo? Wohin sonst? Und außerdem, das ist kein Rad, sondern das Redline Flight Expert XL BMX Bike!«

»Hat es zwei Reifen, einen Lenker und einen Sattel?«

»Logo!«, nicke ich.

»Dann ist es auch ein Rad. Also, ab damit in die Garage. Jetzt haben wir schließlich jede Menge Platz.«

»Ey, Mann, bestimmt nicht«, beschwere ich mich. »Da wird es von Mäusen angepinkelt. Hier in der Pampa gibt’s garantiert Tausende davon.«

Klaus zeigt mir einen Vogel, bevor er hinter meiner Mutter zum Umzugswagen zurückschlappt. »Leg mal endlich einen Zahn zu und hilf uns!«, ruft er noch.

»Nö«, murmele ich und schiebe mein Bike ins Haus.

Kein einfaches Vorhaben, denn der schmale Flur, an dessen Ende sich mein neues Zimmer befindet, ist mit unzähligen Kisten und Möbelstücken zugestellt. Ein paarmal muss ich mein Rad anheben, wobei eine von Klaus’ heiß geliebten Skulpturen zu Bruch geht. Dann habe ich es in den Raum geschafft, den meine Mutter mir vorhin breit grinsend als Lucs neues Reich präsentiert hat.

image

Klar, es ist ein Wahnsinnszimmer. Aber das ist mir absolut egal. Außer meinem Bett und dem Kleiderschrank ist es hier drinnen noch leer. Und wenn es nach mir ginge, würde sich an diesem Zustand auch nichts ändern. Doch seitdem meine Mutter und Klaus den Zuschlag für die Gärtnerei am Arsch der Welt bekommen haben, interessiert sich kein Popel mehr dafür, was ich will.

In meiner Jeans vibriert es. Ich lehne das Bike an die kahle Wand, zerre mein Handy aus der Hosentasche und sinke rückwärts aufs Bett.

»Yes!«, melde ich mich.

»Ey, du Pfeife, wo steckst du? Wir warten auf dich. Cassy hat ’nen verdammt crazy Jump vorgelegt. Der Überflieger muss seine Ehre verteidigen.«

Es ist Pepe, mein Kumpel aus Hamburg und ebenso fanatischer Biker wie ich.

»Schon vergessen, Paulchen Panther? Ich bin zum größten Loser des Universums mutiert«, stöhne ich ins Handy.

»Wie? Jetzt echt? Ich dachte, du bluffst. Junge, du kannst doch nicht einfach abhauen und dich zu den Bauern verpieseln. Hier tobt das Leben! Hier brauchen wir dich!«

Ich kratze mich am Kinn, wie immer, wenn ich scharf nachdenke. »In sechs Jahren, Pepe, – und das kannst du auch den anderen sagen – spätestens in sechs Jahren bin ich zurück. Bis dahin soll Cassy ordentlich üben. Der Überflieger kommt wieder. Das schwöre ich!«

»Mann … das ist aber krass lange …«, höre ich Pepe gerade noch fassungslos ins Handy keuchen. Dann lege ich auf. Was zu viel ist, ist zu viel.

Hierherziehen zu müssen, raus aus der Großstadt, knapp 300 Kilometer weg von meiner Biker-Truppe und den anderen Kumpels, ist schon bitterböse genug. Aber mir Pepes Gejammer zu geben und mit anhören zu müssen, dass Cassy dabei ist, meinen übelst besten Sprung zu toppen – vergiss es!

Vom Flur her höre ich Klaus’ entgeisterte Stimme. Er muss seine olle Tonskulptur entdeckt haben. Bevor er mir die Scherben unter die Nase halten kann, beschließe ich, die Biege zu machen.

Das Fenster ist zum Glück extrem breit. Endlich mal was Positives. Kurzerhand hebe ich das BMX raus und klettere hinterher. In Hamburg haben wir im dritten Stock gewohnt. Da wäre so was nur mit Feuerleiter drin gewesen.

Ich schiebe mein Bike die paar Meter ums Haus herum und linse zum Eingang. Die Luft ist rein. Bestimmt kniet Klaus gerade fluchend neben seiner Skulptur, während meine Mutter mit Sekundenkleber zu retten versucht, was sowieso nicht mehr zu retten ist.

Es dauert keine Minute, dann habe ich mich in den Sattel geschwungen und bin aus der Einfahrt rausgeschossen. Kaum spüre ich den Fahrtwind an den Schläfen, geht es mir besser.

image

Ich trete wie wild in die Pedale – lasse meinen ganzen Frust daran aus – und rase die Landstraße entlang. Über die Felder hinweg, direkt ins Neubaugebiet, in dem mich ein großes Schild mit der Aufschrift »Willkommen im Sonnenkamp!« empfängt.

Ich düse durch die Straßen, ohne eines der vielen Häuser richtig wahrzunehmen, strampele und strampele. Hechele, keuche, schwitze und gebe noch mehr Gas.

Erst als ich das letzte Gebäude hinter mir gelassen habe und nichts als freier Acker um mich herum ist, die Sonne wie blöd auf meiner kochend heißen Haut brennt, mir der Schweiß in Rinnsalen aus den Haaren läuft, halte ich an und schreie meinen Frust, meinen Schmerz, den ganzen Dreck in den Wind.

Was für ein absolut beschissener Tag! – Und morgen darf ich auch noch das erste Mal in diese total verpeilte Schule gehen. Ob ich will oder nicht. Ich bin jetzt hier gefangen und sitze für eine verdammt lange Zeit fest. Hocke in einer ebenso aussichtslosen Situation wie ein Tiger im viel zu engen Zookäfig. Und ich kann nichts, absolut gar nichts dagegen tun.