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Ebenfalls im
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als eBook erschienen:


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Ein Auszug von "Wie ein Flügelschlag" von Jutta Wilke:


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Ein Stipendium an einem der renommiertesten Sportinternate! Für die sechzehnjährige Jana geht damit ein großer Traum in Erfüllung. Bis sie eines Tages ihre Freundin Melanie leblos im Schwimmbecken findet und sich alles in einen Albtraum verwandelt. Jana will nicht glauben, dass Mel an plötzlichem Herzversagen gestorben ist. Aber egal, an wen sie sich wendet, überall stößt sie auf eine Mauer des Schweigens. Schließlich versucht sie, auf eigene Faust herauszufinden, was hinter den Machenschaften im Internat steckt, und kommt zusammen mit Mels Bruder Mika der schrecklichen Wahrheit auf die Spur ...

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Wenn ich hier fertig bin, bringe ich sie um. Eigenhändig.

Noch vierundzwanzig Runden.


I came to win, to fight …


Rihanna in meinen Ohren gibt mir den Takt vor.

Noch dreiundzwanzig Runden.

»He, Jana. Viel Spaß noch!«

Ich beiße die Zähne zusammen. Drehe die Lautstärke höher.


I came to fly …


Halt dich da raus, Nora. Sonst bring ich dich gleich mit um.

Noch zweiundzwanzig Runden.

Ich schaue den anderen nach. Meine Finger sind steif vor Kälte. So gut es geht, ziehe ich die Ärmel meines Sweatshirts über die geballten Fäuste. Meine Handschuhe sind spurlos verschwunden. Wieder mal.

»Heute gibt's Rührei. Soll ich deine Portion gleich mitessen?«

Bea. Die frisst doch sowieso schon für drei. Nur nicht reagieren. Laufen. Einfach weiterlaufen und nicht hinhören. Die anderen interessieren mich nicht. Mir geht es nur um Melanie. Melanie Wieland.

Noch einundzwanzig Runden.

Sie hatte versprochen zu kommen. Hatte versprochen, mir zuzuhören. Die halbe Nacht habe ich wach gelegen, mir die Worte zurechtgelegt, einen Ausweg gesucht. Aber es gibt nur diese eine Möglichkeit.

Noch zwanzig Runden.

Wir hatten nicht miteinander gesprochen, aber ihre SMS war eindeutig. Okay, lass uns reden. Ich komme zur Bushaltestelle. Mel

Die anderen trafen sich auf dem Schulhof. Die Haltestelle war eine gute Idee. Dort in dem Wartehäuschen würde uns niemand sehen.

Ich war bereit gewesen. Hatte meine Entscheidung getroffen. Fragte mich inzwischen sogar, warum ich so lange dafür gebraucht hatte.

Ich hasse dieses Stadion. Es ist stockdunkel. Flutlicht gibt es nicht. Und der Untergrund ist vereist vom festgetretenen Schnee. Zehn Kilometer hat Drexler mir aufgebrummt. Zehn Kilometer, hübsch aufgeteilt in 400-Meter-Runden. Sechs Runden habe ich schon hinter mir. Fehlen nur noch neunzehn Runden auf dieser verdammten Bahn.

Mein Atem malt weiße Wolken in die Luft. Der Schnee knirscht unter meinen Füßen. Es ist immer noch dunkel, und ich muss höllisch aufpassen, dass ich nicht ausrutsche.

Noch achtzehn Runden.

»Geht's ein bisschen flotter? Was soll das werden? Ein Winterspaziergang?«

Drexler. Der Duft von frischem Kaffee steigt mir in die Nase. Verdammt. Wo hat der Kerl jetzt einen Kaffee her? Ich ziehe das Tempo ein wenig an.

Noch siebzehn Runden.

Es fängt an zu dämmern. Die Ersten kommen aus dem Wohntrakt, frisch geduscht, die Klamotten gewechselt. In der Mensa brennt Licht.

»Ich gehe jetzt frühstücken. Du läufst die zehn zu Ende. Und pass auf, dass du nicht einschläfst dabei.«

Ich schlucke meine Antwort hinunter. Mit dir lege ich mich nicht an. Noch nicht. Erst will ich mit Melanie reden.

»Nächstes Mal kommst du pünktlich zum Morgentraining. Dafür sorge ich schon, Jana Schwarzer.«

Ich erreiche die Kurve und höre Drexlers Stimme nur noch im Rücken. Sie berührt mich nicht. Soll er toben. Wenn er erfährt, was ich Melanie sagen will, wird er noch viel mehr toben. In meinem MP3-Player hat Nicki Minaj übernommen. Singt gegen Rihanna an.


I wish today it will rain all day …


Noch sechzehn Runden.

Melanie. Vermutlich liegt sie noch zu Hause im Federbett und träumt von Pokalen. Es kommt häufiger vor, dass sie das Morgentraining schwänzt. Die Externen nehmen es mit dem Frühsport nicht so genau. Melanie musste noch nie Strafrunden laufen. Dafür sorgt ihr Vater schon.

Noch fünfzehn Runden.

Ich habe kein Problem damit, vor dem Frühstück zu trainieren. Meistens bin ich sowieso schon wach und die Waldläufe machen mir Spaß. Im Wald ist es anders als auf der Bahn. Vor allem im Winter. Die Stämme der grauen Bäume glitzern jetzt silbern in der Dunkelheit. Der Frost der letzten Nacht hat alles mit einer schützenden Haut überzogen. Ich stelle mir vor, einer von ihnen zu sein. Stark und unbeweglich …

Auch heute war ich früh wach, stand wie vereinbart pünktlich am Bushäuschen und habe gewartet. Wer nicht kam, war Mel. Bis mir endlich klar wurde, dass sie mich einfach versetzt hat, war Drexler mit den anderen längst weg. Ich hab noch versucht, Mel auf dem Handy zu erreichen. Ohne Erfolg. Schließlich hab ich nichts mehr gemacht. Nur gewartet. Als Drexler mit der Gruppe aus dem Wald zurückkam und mich mit Kopfhörern im Ohr an der Bushaltestelle sitzen sah, ist er explodiert. Hat total die Kontrolle verloren und rumgeschrien. Die anderen standen dabei und grinsten. Dann hat mich Drexler auf die Bahn geschickt.

Noch vierzehn Runden.

Der Schweiß läuft mir übers Gesicht, meine Kopfhaut juckt unter der Wollmütze. Ich wische mir mit dem Ärmel über die Augen. Mit jedem Atemzug strömt eisige Luft in meine Lungen.

Noch dreizehn Runden.

Das Erste, was ich sehe, ist ein blaues Leuchten. Der Schnee unter meinen Füßen flackert rhythmisch auf.

Blau – weiß – blau – weiß.

Ich passe mein Lauftempo dem Farbwechsel an.

Links – rechts – links – rechts.

Dann sehe ich den Krankenwagen. Er steht auf dem Schulhof und sein Blaulicht spiegelt sich in den Fenstern. Neben dem Krankenwagen hält ein weiteres Auto. Ich werde langsamer.

Noch zwölf Runden.

Zwei Männer steigen aus dem Auto. Erste Gesichter tauchen hinter den Scheiben der Mensa auf. Kurz darauf verschwinden sie wieder und die Jalousien werden zugezogen. Die Männer laufen zum Hallenbad. Die Sanitäter holen eine Trage aus dem Krankenwagen.

Noch elf Runden.

Drexler sprintet aus der Mensa. Ich fange an zu gehen. Bernges erscheint jetzt auch auf dem Schulhof, will ebenfalls zum Hallenbad. Ich bleibe stehen. Was hat er dort zu suchen?

Ich warte darauf, dass mein Atem sich beruhigt.

Immer noch elf Runden.

Im Hallenbad wird es hell. Jemand hat Licht gemacht. Die Putzfrau. So früh am Morgen kann höchstens die Putzfrau in der Halle sein. Vielleicht ist sie ausgerutscht. Deshalb der Krankenwagen. So muss es sein.

Ich verlasse die Bahn und gehe langsam zum Schulhof hinüber. Niemand sagt etwas dagegen. Keiner hält mich auf und schickt mich zurück. Hinter den Jalousien ist es still. Eine Putzfrau ist uninteressant.

Ich könnte jetzt auch frühstücken gehen. Drexler hat mich längst vergessen. Ich sollte beruhigt sein, dass es nur um eine Putzfrau geht, die zu unvorsichtig war und auf dem nassen Hallenfußboden ausgerutscht ist. Aber was wollen Drexler und Bernges in der Halle? Und was sind das für Männer? Der eine könnte ein Notarzt sein? Und der andere?

Ich wiederhole mein Mantra: nur eine Putzfrau, nur eine Putzfrau. Gleich werden die Sanitäter mit der Trage herauskommen, die Putzfrau in den Krankenwagen schieben und ich kann endlich frühstücken.

Mein Kopf sagt mir, ich soll jetzt rübergehen und die Reste vom Rührei essen, solange es noch warm ist. Meine Beine bleiben einfach stehen. Die Sanitäter kommen mit der Trage aus dem Hallenbad, schieben sie mit kräftigen Stößen über den Schnee. Warum atmet mein Brustkorb nicht erleichtert aus? Ich halte die Luft an.

Die Trage ist leer. Unbenutzt. Die Männer schieben sie zurück in den Krankenwagen.

Blau – weiß – blau – weiß – blau – weiß.

»Macht endlich das Scheißlicht aus, verdammt!«

Ein Schrei zerreißt die Stille des frühen Wintermorgens. Ich zucke zusammen. Die Sanitäter fahren herum und starren mich an. Erst jetzt wird mir klar, dass ich es war, die geschrien hat.

Einer der beiden geht auf mich zu und packt mich am Arm.

»Fass mich nicht an, Mann!«

»Du gehst jetzt besser ins Haus.«

»Ich hab gesagt, du sollst mich nicht anfassen!« Ich reiße mich los.

Aus der Halle kommt eine Frau. Sie wird von einem der anderen Männer geführt. Die Putzfrau. Also doch ein Unfall. Zum Glück scheint ihr nicht viel passiert zu sein. Sie setzen sie in das Auto und bringen ihr eine Decke. Wo bleiben Drexler und Bernges? Seit wann interessiert sich Drexler für die Putzfrauen an unserer Schule?

Der Sanitäter zuckt mit den Schultern und geht zurück zu seinem Krankenwagen. Ich schaue hinüber zur Halle. Obwohl sie jetzt hell erleuchtet ist, kann ich nichts erkennen. Das Blaulicht flackert weiter in den großen Scheiben. Langsam nähere ich mich der Längsseite. Das Glas ist beschlagen, die warme, feuchte Schwimmbadluft bricht sich an den kalten Fensterfronten und perlt in dünnen Rinnsalen an ihnen hinunter. Schweißtropfen laufen mir über die Stirn und brennen in den Augen. Ich presse erst meine Hände, dann das Gesicht gegen das Glas. Ich versuche, das Brennen wegzublinzeln. Die Mütze auf meinem Kopf kratzt. Warum war die Trage leer? Und was ist mit Drexler und Bernges? Was geht da drin vor sich?

Ich öffne die Augen wieder und langsam gewöhnen sie sich an das Licht. Irgendetwas zieht mich in das Innere der Halle. Ich stemme mich gegen die Scheibe, will dem Sog nicht nachgeben, aber mein Blick gleitet schon suchend über das Becken. Auch das Wasser leuchtet im Rhythmus. Einen Moment betrachte ich die Wasseroberfläche, dann taste ich die Konturen des Beckens ab. Ich sehe die Startblöcke, den Beckenrand, sehe Drexler, der auf dem Boden kniet. Neben ihm Bernges und ein weiterer Mann. Ich presse mich fester gegen die Scheibe. Der Mann läuft jetzt auf und ab, gestikuliert wild und schreit in sein Handy. Drexler steht auf, stopft die zu Fäusten geballten Hände in die Taschen seiner ausgebeulten Trainingshose. Auf einmal hebt Bernges den Blick und wendet sich mir zu. Ich starre ihm ins Gesicht. Er starrt zurück. Dann schüttelt er den Kopf und schaut wieder dahin, wo Drexler eben noch gekniet hat. Meine Augen folgen seinem Blick, mein Herz schlägt bis zum Hals.

Die Scheibe scheint unter dem Druck meiner Hände und meiner Stirn nachzugeben. Ich spüre, wie sich all meine Gedanken, meine Fragen und meine Wut in mir zu einem einzigen Klumpen zusammenballen. Einem dicken eiskalten Klumpen, der immer größer wird, erst meinen Hals ausfüllt, dann meinen Magen, dann meinen ganzen Bauch.

Alles fühlt sich falsch an. Ganz falsch. Ich werde keine Silberhaut bekommen wie meine Bäume im Wald. Die Kälte muss von außen kommen, um zu schützen. Nicht von innen.

Und während sich dieser eisige Klumpen in mir ausbreitet, wandert mein Blick zu dem Körper auf dem Hallenboden. Hält sich an den Füßen fest, will nicht über die nackten Beine nach oben wandern, über den schwarzen Schwimmanzug, den flachen Bauch, und wird doch von diesem eisigen Klumpen immer weiter gezogen, über den Brustkorb, der vollkommen bewegungslos ist, bis zu dem Gesicht, das mir zugewandt am Boden liegt, eingerahmt von nassen Locken.

Ein Engel mit gebrochenen Flügeln.

Der Klumpen in mir zerspringt, und tausend kleine Eissplitter durchbohren mein Herz, als ich kurz in die starren Augen sehe, bevor einer der Männer eine Decke darüberlegt.

Melanie. Melanie Wieland.

»Du blöde Kuh! Du gottverdammte elende blöde Kuh!«

Diesmal weiß ich, dass ich es bin, die schreit. Die Starre fällt von mir ab, meine Hände lösen sich, meine Fäuste trommeln gegen die Scheibe, als müsste ich nur fest genug auf sie einschlagen und laut genug schreien, damit Mel wach wird, die Decke von sich wirft und aufsteht.

Blau – weiß – blau – weiß.

Und Nicki in meinem Kopf singt:

But I think I'm still an angel away …


Nein! Nein! Nein! Nein! Warum hast du das gemacht? Warum? Ich reiße mir die Kopfhörer runter. Meine Stirn schlägt im gleichen Rhythmus wie meine Fäuste gegen das Glas. In der Halle geraten sie in Bewegung, Drexler, die beiden Männer, Bernges, alle rühren sich, nur Melanie nicht. Die liegt weiter unter ihrer Decke wie Dornröschen, träumt meine Träume, lacht im Schlaf über mich und verhöhnt meinen Ehrgeiz.

Ich rutsche an der Glasscheibe hinunter in den Schnee. Die Eissplitter in mir haben keinen Platz mehr und endlich finden sie ihren Weg nach draußen.

Ich kotze mir meine ganze beschissene Seele aus dem Leib.

Melanie Wieland ist tot. Und ich –

habe sie umgebracht.

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»Nein, nein, NEIN!« Drexlers Faust donnerte auf den Startblock. »Verdammt noch mal, Uhland, was war DAS? Beweg deinen Hintern aus dem Wasser! Sofort! Schwarzer! Komm her! Zeig uns, wie man eine ordentliche Rollwende macht!«

Ich stöhnte. Nicht schon wieder. Nora kletterte aus dem Becken und verschränkte die Arme vor der Brust. Sie sah mich mit diesem Blick an, der sagte: Du blödes Arschloch, was hast du eigentlich hier zu suchen? Verschwinde wieder dahin, wo du hergekommen bist!

Ich sah den Mittelfinger, den sie hinter Drexlers Rücken hob, und tauchte ab. Unter Wasser war Drexlers Gebrüll nur noch ein Dröhnen. Ich versuchte, Noras Blick aus meinem Kopf zu kriegen. Schwimmen. Linker Arm, rechter Arm, atmen. Links. Rechts. Atmen. Unter mir nur das Wasser und die Markierung. Kopf senken. Kinn zur Brust. Leichter Delfinbeinschlag. In der Drehung Nase zu den Knien, Ferse zum Hintern. Beine nicht durchstrecken. Obwohl ich ihn nicht hörte, kannte ich Drexlers Kommentare. Nicht auf dem Bauch abstoßen. Auf dem Rücken.

Vor der Wende nicht nach vorne schauen. Kein Blick nach vorne. Nach dem Abstoßen mindestens einen Armzug nicht atmen. Und wieder. Nicht nach vorne schauen. Denk an die Gleitphase. Ich schwamm. Links, rechts, atmen. Links, rechts, atmen. Und Wende. Meine Grenze war der Beckenrand. Dazwischen war ich frei.

Drexler pfiff. Das war's für heute. Mittagspause. Die anderen waren schon auf dem Weg zu den Duschen, als ich aus dem Wasser stieg.

»Beweg deinen Hintern aus dem Wasser, beweg deinen Hintern aus dem Wasser!«, hörte ich Bea grölen.

»Halt's Maul!« Nasse Handtücher klatschten auf nackte Haut. Klatsch, klatsch. Eine brüllte. Bea vermutlich. Jemand anders lachte. Am liebsten wäre ich im Wasser geblieben, weitergeschwommen. Im Wasser konnte ich atmen, draußen war die Luft so dünn. Aber während der Mittagspause war die Halle geschlossen. Keine Ahnung, warum. Hunger hatte ich sowieso keinen.

Endlich wurde es ruhiger. Die anderen waren schon in der Umkleide, als ich duschen ging.

»Ach, da bist du ja.« Jemand kam noch mal zurück. Es war Melanie. »Ich habe mich schon gefragt, wo du bleibst.«

Ich tat so, als ob ich sie nicht gehört hätte. Hielt den Kopf weiter unter den heißen Wasserstrahl.

»Mach dir nichts draus«, sagte sie, bevor sie ging, »die meinen es nicht so.«

Ich antwortete nicht. Was hätte ich auch sagen sollen?

Klar meinten die das so. Trotzdem versuchte ich, mir nichts daraus zu machen. Sollten sie reden. Ich wusste, dass ich ohne das Stipendium nicht hier wäre. Aber ich war hier. Ich war nicht hier, weil ich Geld hatte. Ich war hier, weil ich schwimmen konnte. Und das allein zählte. Für mich jedenfalls.

Ich kann nichts – außer schlafen, essen und schwimmen. Das soll Michael Phelps einmal gesagt haben. Über meinem Schreibtisch hängt ein Foto von dem amerikanischen Superschwimmer, den Spruch habe ich druntergeschrieben.

Ich trocknete mich ab, ging in die Umkleide und öffnete meinen Spind. Verdammte Scheiße. Meine Sachen waren weg. Scheiße, Scheiße, Scheiße. Sicherheitshalber schaute ich in die anderen Fächer. Obwohl ich wusste, dass ich da nichts finden würde. Kroch zwischen den Bänken rum. Kleine Steinchen bohrten sich in meine nackten Knie. Nichts. Meine Sachen waren weg. Und draußen fünf Grad minus.

Barfuß, mit meinem nassen Handtuch um den Körper, machte ich mich auf den Weg von der Halle zum Wohntrakt. Einmal quer über den Hof. Ein paar Jungs grinsten. In der kahlen Linde flatterten Wäschestücke. Meine Sachen.

Als ich mir endlich was Frisches angezogen hatte und in die Mensa kam, waren die anderen schon fast fertig. Ich nahm mir ein Tablett und suchte mir einen freien Tisch. Es machte mir nichts aus, allein zu essen. Aber es machte mir etwas aus, wenn sie mir dabei zusahen.

Jemand zog einen Stuhl zurück und setzte sich zu mir. Melanie. »Tut mir leid wegen vorhin«, sagte sie. »Aber ich konnte nichts machen. Die anderen haben deine Sachen einfach geschnappt und sind rausgerannt.«

»Schon gut.«

Klar konnte sie nichts machen. Was sollte Melanie auch machen? Melanie, die Queen. Die Vorzeigeathletin. Sie liebten sie. Sie vergötterten sie. Sie wollten nicht, dass sie sich mit mir abgab. Aber das war Mel egal. So ein Blödsinn, sagte sie immer. Du gehörst doch zu uns. Sie kapierte nicht, dass so eine wie ich nie dazugehörte.

Ich hatte Melanie gleich am ersten Schultag nach den Sommerferien kennengelernt. Ich stand damals ziemlich verloren auf dem Schulhof und versuchte, mich zu orientieren. Wo die Schwimmhalle war, war klar, auch die Sporthalle war nicht zu übersehen. Den Wohntrakt und das Schulgebäude konnte ich am Anfang aber kaum auseinanderhalten. Außerdem hat die Schule zwei Eingänge, von denen der eine zu den Klassenräumen und der andere in den naturwissenschaftlichen Trakt führt. Ich hatte in der ersten Stunde Chemie, so stand es zumindest auf meinem Stundenplan, aber ich hatte keinen blassen Schimmer, wohin genau ich gehen musste.

Die Schüler rannten an mir vorbei, und ich überlegte gerade, wen ich ansprechen und um Hilfe bitten könnte, da betrat Melanie den Schulhof. Sie kam nicht aus der Mensa wie die anderen, sondern sie war einem schwarzen Auto entstiegen, das genau vor dem Schulhof gehalten hatte. Dass Melanie eine Externe war und jeden Tag zur Schule gebracht wurde, wusste ich damals noch nicht. Dass sie etwas Besonderes war, sah ich dagegen auf den ersten Blick.

Sie trug eine weiße Jeans und darüber eine Bluse im Shabby- Look. Ihre schulterlangen Locken hatte sie offen und ihre hellen Haare glänzten in der Sonne wie Gold. Ihre Augen verbarg sie hinter einer schwarzen Sonnenbrille, die sie in dem Moment, in dem sie den Schulhof betrat, langsam abnahm. Sofort scharten sich einige Mädchen um sie, und ich konnte nicht damit aufhören, sie anzustarren.

Was macht so eine an einem Internat für Leistungssportler?, fragte ich mich. Ich traute ihr bestenfalls einen Platz in einer Cheerleadergruppe zu.

Melanie musste bemerkt haben, wie ich sie anstarrte. Jedenfalls ließ sie ihre Groupies einfach stehen und schlenderte zu mir herüber.

»Du bist neu hier, oder?«

Ich nickte.

»Du siehst ein bisschen verloren aus. Suchst du was?«

So viel Freundlichkeit auf einmal verunsicherte mich total. Ich schwieg.

»Kann ich dir irgendwie helfen?«

Als ich endlich meine Sprache wiedergefunden hatte, stellte sich heraus, dass wir in die gleiche Klasse gingen. Und nicht nur das, Melanie erzählte mir auch, dass sie ebenfalls der Leistungsgruppe Schwimmen angehörte. Noch am gleichen Tag, während des Nachmittagstrainings, wurde mir klar, dass ich zum ersten Mal ernsthafte Konkurrenz bekommen hatte. Melanie Wieland hatte nicht nur einen sehr sauberen Stil, sie schwamm auch echt schnell. Ich musste mich richtig anstrengen, um an ihr dranzubleiben.

So nah unsere Leistungen im Schwimmen auch beieinanderlagen, so verschieden waren wir sonst. Vermutlich hatte diese Schule kaum zwei unterschiedlichere Menschen zu bieten als uns beide. Melanie, der blonde Rauschgoldengel, trug fast immer weiße oder helle Klamotten. Ich dagegen hatte fast nur dunkle Sachen, so schwarz wie meine raspelkurzen Haare, die meist in alle Richtungen von meinem Kopf abstanden. Wo Mel auftauchte, wurde sie sofort von ihren Fans umringt, die sie umflatterten wie die Motten das Licht. Ich erkannte schnell, dass sie diese Bewunderung nicht wirklich genoss. Vielleicht war das der Grund, warum ich mich von Anfang an zu ihr hingezogen gefühlt hatte. Melanie nahm es hin, weil es zu ihrem Leben dazugehörte. Mehr nicht. Sie wirkte auf mich manchmal wie ein Wesen von einem fernen Planeten, das nur ganz zufällig mitten in dieses Internat geplumpst war und jetzt eben versuchte, das Beste daraus zu machen. Und wie aus einer fremden Welt fühlte ich mich ja auch oft genug. Nur mit dem Unterschied, dass die anderen mich in der Regel ignorierten.

Manchmal ließ Mel sie einfach stehen und setzte sich zu mir. Dann wurden wir stets argwöhnisch beobachtet. Es gefiel ihnen nicht, wenn Mel mit mir sprach. Auch jetzt folgten ihr wieder die Blicke von Nora und Bea, als sie an meinem Tisch Platz genommen hatte.

»Hast du Mathe schon?«, fragte sie.

Ich nickte. Klar, hatte ich. Ich zog das Heft aus dem Rucksack und schob es ihr rüber.

»Danke!« Sie freute sich wirklich. »Ich hab gleich noch Theater-AG, da schaff ich Mathe nicht mehr. Ist echt nett von dir.«

»Kein Problem. Was spielt ihr in diesem Jahr?«

»Das Leben ein Traum«, sagte Melanie und steckte mein Matheheft ein.

Ich verstand nicht.

»›Das Leben ein Traum‹ von Calderón de la Barca, das spielen wir.« Sie stand auf. »Handelt von einem Vater, der seinen Sohn in einen Turm sperrt, um ihn von der Welt fernzuhalten. Oder die Welt von ihm. Wie im echten Leben halt. Komm doch mal zu den Proben und schau's dir an.«

»Wie im echten Leben? Sperrt dich dein Vater auch in einen Turm? Vielleicht bist du Rapunzel?« Ich lachte.

»Okay, der Turm ist ein großes Haus. Aber ich fühle mich trotzdem oft eingesperrt.« Sie klang traurig, als sie das sagte.

»Dann müssen wir dringend einen Prinzen für dich finden, der dich befreit.« Ich zwinkerte Mel zu. Aber sie zuckte nur mit den Schultern. Dann ging sie.

Ich schob die letzten Nudeln auf die Gabel. In einem Turm lebte Melanie sicher nicht. Eher in einer Villa. Draußen am Stadtrand. Ihr Vater war Arzt und als stellvertretender Leiter des Stadtklinikums ein richtig hohes Tier.

»Hey!«, rief Bea. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie sie Jonas einen Stoß versetzte. »Hey, zeig uns mal 'ne ordentliche Wende, Mann!« Jonas torkelte gegen meinen Tisch. Riss das Glas um.

»Verdammt!« Ich sprang auf, aber es war schon zu spät. »Hast du keine Augen im Kopf?«

»Hey, pass auf, was du sagst.« Jonas Matthies war einen Kopf größer als ich, und obwohl wir jetzt schon ein halbes Jahr in der gleichen Klasse saßen, wusste ich fast nichts über ihn. Mit seinem breiten Brustkorb und den kurz rasierten dunklen Haaren hätte er gut in eine amerikanische Footballmannschaft gepasst, tatsächlich gehörte er aber ebenfalls zu den Schwimmern. Er stand wie alle hier auf Mel, das war nicht zu übersehen, aber bisher hatte sie seine Annäherungsversuche einfach ignoriert.

Fluchend versuchte ich, den Orangensaftsee mit meiner Serviette vom Tisch zu wischen, machte aber alles nur noch schlimmer. Umziehen konnte ich mich jetzt auch gleich noch einmal.

»Du kannst doch schwimmen, was regst du dich so auf?«, feixte Nora.

»He, Leute, was soll das?« Tom fummelte ein Päckchen Taschentücher aus seinem Rucksack und reichte es mir. »Lasst sie in Ruhe. Jana kann doch nichts dafür, dass Drexler sich wie ein Idiot benimmt.«

Ich tat so, als hätte ich die Taschentücher nicht gesehen. Nicht, weil ich Tom nicht mochte. Er war in Ordnung. Aber ich wollte nur weg hier. Ich hatte im Moment keinen Bedarf, noch mehr Zeit mit Bea, Nora und Co. zu verbringen. Rasch räumte ich meinen Kram zusammen, schnappte das Tablett und schob mich an den anderen vorbei.

Im Hof sah ich Melanie mit Bernges sprechen. Er unterrichtete Deutsch und Latein. Früher war ich nie besonders gut in Deutsch, aber seit ich Bernges als Lehrer hatte, war es mein Lieblingsfach geworden. Neben Sport natürlich.

Langsam näherte ich mich den beiden. Soweit ich wusste, war Bernges erst kurz vor mir an diese Schule gekommen. Manchmal schien es mir, dass er der Außenseiter unter den Lehrern war. Er saß oft allein am Tisch, während die anderen in Grüppchen zusammenstanden. Schon dadurch fühlte ich mich zu ihm hingezogen. Aber ich war nicht die Einzige, die ihn mochte. Obwohl er noch neu hier war, wurde er gleich im ersten Schuljahr von den Schülern zum Vertrauenslehrer gewählt. Seine Art, mit den Leuten zu reden, gefiel allen, nicht nur mir. Ich hätte ihn gern meiner Mutter vorgestellt. Am Tag der offenen Tür vor den Weihnachtsferien wollte ich ihr die Schule zeigen und vor allem sollte sie Bernges kennenlernen. Aber meine Mutter kam nicht.

»Ich denke nicht daran, mich auch noch bei den Leuten zu bedanken, die mir mein Kind weggenommen haben«, sagte sie und damit war das Thema für sie erledigt.


»Soll ich noch mal mit deinen Eltern sprechen?« Fragend blickte Bernges Melanie an.

»Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist. Ich krieg das schon hin.« Melanie stopfte einen Stapel Papier in ihren Rucksack. Sie sah kurz zu mir rüber, um gleich wieder wegzuschauen. Mel sprach nicht gern über ihre Eltern. So viel wusste ich schon. Wenn Bernges mit ihnen reden wollte, ging es sicher um die Theater-AG. Melanie hatte mir einmal anvertraut, dass ihr Vater alles andere als erbaut davon gewesen war, dass sie eine der Hauptrollen bei der nächsten Aufführung spielen sollte. Aber Melanie hatte sich durchgesetzt. Und jetzt gab es offensichtlich wieder Stress.

Ich wollte einen großen Bogen um die beiden machen, doch Bernges winkte mich zu sich heran.

»Hallo, Jana, kein Training mehr heute?«

Ich schüttelte den Kopf. Drexler hatte das Nachmittagstraining abgesetzt und überließ es uns, ob wir noch mal ins Wasser wollten. Normalerweise hielt mich nichts vom Schwimmtraining ab, aber ich hatte mitbekommen, dass Nora und die anderen sich zum Wasserballspielen verabredet hatten, und darauf hatte ich keine Lust.

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»Also dann. Schau mal vorbei.« Bernges riss mich aus meinen Gedanken. Bevor ich etwas antworten konnte, wendete er seinen Rollstuhl und fuhr davon.

Jutta Wilke

Wie ein Flügelschlag

Jugendbuch

ISBN (Buch) 978-3-649-60566-9

ISBN (eBook) 978-3-649-61138-7

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