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Ein Auszug von "Dark Village Band 1" von Kjetil Johnsen:


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Ein Ort, in dem das Böse lauert. Vier Freundinnen, so verschieden und doch unzertrennlich. Bis eine von ihnen tot aufgefunden wird. Nackt im See treibend. In Plastikfolie eingewickelt. Ermordet von jemandem, den sie kannte.

21 Tage vor dem Mord

I just wanna feel real love
in a life ever after
There’s a hole in my soul
You can see it in my face
It’s a real big place

Feel, Robbie Williams

1

„Das können wir nicht machen“, sagte Nora.

„Doch“, sagte Vilde.

„Das können wir nicht machen“, wiederholte Nora.

„Klar können wir.“ Vilde stemmte die Hände in die Hüften.

„Aber wie genau stellst du dir das vor?“, fragte Nora.

„Da hast du es“, sagte Vilde. „Du beschwerst dich, bevor du weißt, worum es genau geht.“

„Quatsch.“ Nora knetete ihre Finger. Sie saß auf ihrem Bett.

Vilde stand am Fenster und rauchte. Sie war groß und dünn und hatte schwarze Klamotten an – Hose, Top und Jacke. Ihre Haare trug sie zu einem losen Pferdeschwanz zusammengebunden, seitlich ihres Gesichts hingen ein paar rausgerutschte lange Locken. Sie war ungeschminkt.

Nora wandte den Blick ab und richtete sich auf. Sie fühlte sich so klein und unbeholfen und hässlich. Warum hatte ausgerechnet Vilde so viel von allem? Ihr war es ja nicht einmal wichtig.

„Das ist wieder typisch“, sagte Vilde.

„Was?“

„Du machst aus allem ein Problem, bevor du überhaupt weißt, was läuft. Du bist so abartig vorsichtig.“

„Bin ich gar nicht.“

„Das warst du schon immer. Dauernd musst du alles drei Mal überdenken.“

„Überdenken?“ Am liebsten hätte Nora irgendwas gegen die Wand geworfen. Den Aschenbecher vielleicht, den Vilde aufs Fensterbrett gestellt hatte. Aber so was tat Nora nicht. Trotzdem konnte sie nicht verbergen, dass sie sich ärgerte.

„Ich bin also vorsichtig und das ist jetzt das Riesenproblem, ja? Ich denke nach, ach wie schrecklich! Du denkst dir doch immer einen Haufen Mist aus – und irgendwer muss dann auch mal den Kopf einschalten, du tust es schließlich nicht. Ich meine, du denkst NIE nach. Wenn wir alles gemacht hätten, was du dir immer so ausgedacht hast …“

„Hallooooo.“ Vilde blies den Rauch aus dem Fenster. „Du weißt nicht mal, was ich vorhabe.“

„Doch!“

„Ach ja?“

„Du willst, dass wir uns Synnøve Viksveen vorknöpfen.“

„Ja. Ja.“

„Eben.“

„Und wo liegt das Problem?“

„Sie ist unsere Lehrerin!“

„Sie ist eine dumme Kuh. Sie stellt Leute bloß.“

„Ja, aber …“

„Und es macht ihr auch noch Spaß. Sie ist eine Sadistin.“

„Sie ist neu an der Schule. Vielleicht versteht sie nicht …“

„Nimmst du sie jetzt etwa in Schutz? Echt. Nora. Bist du total plemplem? Wer hat denn geheult wie ein …“

„Ich habe nicht geheult!“

„Und wie du geheult hast! Du kannst doch nicht zulassen, dass sie dich derartig lächerlich macht. Du kannst doch jetzt nicht rumlaufen und von der aaaarmen Synnøve Viksveen sprechen , die ja noch neu ist und nicht weiß, was sie tut.“

Nein, nein. Nora winkte ab. Es ärgerte sie, dass Vilde recht hatte. Ihr erster Impuls war, das Verhalten der Lehrerin tatsächlich zu entschuldigen, obwohl Synnøve Viksveen total schrecklich zu ihr gewesen war und sie vollständig fertig gemacht hatte.

„So habe ich das nicht gemeint. Ich finde es nicht in Ordnung, was sie getan hat. Das meine ich nicht.“

„Was meinst du dann?“

„Tja.“ Nora zuckte die Schultern. „Sie ist immerhin Lehrerin, oder? Wir müssen aufpassen.“

„Vorsichtig, vorsichtig.“ Vilde hob den Zeigefinger.

„Vilde!“

„Aufpassen, aufpassen“, grinste Vilde.

„Jetzt lass mich in Ruhe!“

Es war Dienstagnachmittag. Vor einer Woche und zwei Tagen waren sie in die Zehnte gekommen.

In den Sommerferien hatte ihr alter Klassenlehrer – Sigmund Shaky Kristoffersen – endlich eingesehen, dass er nicht mehr in der Lage war, seinen Job zu machen, und war in Frührente gegangen.

Aber die Freude darüber, den präsenilen Kerl los zu sein und stattdessen von einer frisch ausgebildeten, jungen, gut aussehenden Lehrerin unterrichtet zu werden, war nur von kurzer Dauer gewesen. Synnøve Viksveen zeigte ihnen von der ersten Stunde an, dass sie ihnen nichts durchgehen ließ. Den Mädchen.

Die Jungs konnten tun und lassen, was sie wollten. Sie ernteten höchstens ein leicht zurechtweisendes Lächeln, wohingegen die Mädchen ohne den geringsten Anlass einen Rüffel bekamen.

Erst dachten alle, es wäre Zufall. Vielleicht hatte Synnøve Viksveen einfach einen schlechten Tag – und dann noch einen und noch einen. PMS wie Sau, hatte Vilde gesagt. Aber am Ende der ersten Woche hatte die ganze Klasse begriffen, dass bei der Viksveen eine ganze Menge nicht stimmte.

Und jetzt war es Zeit, etwas zu unternehmen. Irgendwas. Jedenfalls konnten sie nicht länger rumsitzen und sich alles gefallen lassen!

„So kann es nicht weitergehen“, sagte Vilde. „Damit können wir kein ganzes Jahr leben. Stell dir das mal vor!“ Sie zog an ihrer Zigarette, sodass die Glut aufleuchtete. „Die ganze Zehnte! Das geht auf keinen Fall.“

„Und wie ist also dein Plan?“

Vilde schaute auf den digitalen Wecker im Regal über Noras Bett. „Wollten Benedicte und Trine nicht schon längst hier sein?“

„Ich glaube, schon.“ Nora sah ebenfalls auf die Uhr. „Also, wie ist dein Plan? Du meintest doch, du hättest dir was ausgedacht.“

„Na ja.“ Vilde drückte die Zigarette im Aschenbecher aus. „Wir müssen jedenfalls mal anfangen, uns was auszudenken.“

„Dann hast du gar keinen Plan? Du tönst hier rum, dass wir uns Synnøve Viksveen vorknöpfen müssen und so, und dabei hast du gar keinen Plan?“

„Reg dich ab.“ Vilde klopfte mit dem Feuerzeug an den Fensterrahmen. „Uns fällt schon was ein.“

Uns?“

„Ja, verdammt. Wir müssen zuerst ein bisschen was über sie rausfinden.“ Vilde runzelte die Stirn. „Wen sie hier kennt. Was sie in ihrer Freizeit unternimmt. Wie sie ist, also eigentlich. Und wenn wir das wissen, dann machen wir einen Plan, einen anständigen Plan. Und dann kriegen wir sie dran, dass es kracht.“

„Und wie sollen wir das alles rausfinden?“

„Wir wissen immerhin, dass sie das alte Haus von Gulbrandsen gemietet hat. Wir gehen hin und schauen uns ein bisschen um. Wie es da so ist und wer da ein und aus geht.“

„Wir sollen sie ausspionieren?“

„Wir sehen uns um, lassen uns inspirieren.“

„Die Lehrerin ausspionieren. Mann, das ist echte Teeniekacke“, sagte Nora.

2

„Cool“, sagte Trine.

„Also, ich weiß nicht.“ Benedicte schüttelte den Kopf.

„Ach, komm“, sagte Vilde.

„Was meinst du denn, Nora?“, fragte Benedicte.

Alle sahen Nora an. So endete es eigentlich jedes Mal: Vilde, Benedicte und Trine warteten auf Noras Zustimmung. Undenkbar, dass sie etwas ohne Nora entschieden. Die vier hatten schon immer zusammengehalten. Immer.

„Es war dein Schulkalender“, sagte Benedicte.

„Sie hat auch ein paar andere Mädchen bloßgestellt“, warf Vilde ein. „Und sie wird den Rest von uns über kurz oder lang auch in die Pfanne hauen, genauso schlimm wie Nora.“

Nora seufzte. „Ich habe auch mitten in der Stunde angefangen zu schreiben.“

„Jetzt entschuldigst du sie schon wieder! Kannst du das nicht mal lassen? Sie hat dein Liebesgedicht vorgelesen.“

„Es kam ja kein Name drin vor“, erwiderte Nora zahm. Außerdem war sie gar nicht verliebt. Sie fand es einfach nur schön, sich vorzustellen, wie es sein würde, wenn sie sich verliebte.

„Das kann sie nicht tun“, sagte Vilde. „Darum geht es doch. Sie kann nicht mal eben die Mädchen lächerlich machen und sich eine Sekunde später wieder an die Jungs ranwanzen. Mann, das ist doch krank. Sie ist erwachsen, warum schmeißt sie sich an den Hals von fünfzehnjährigen Jungs?“

„Irgendwie schon cool“, sagte Benedicte und kicherte.

„Was?“ Vilde stöhnte. „Wie meinst du das?“

„Dass wir Synnøve Viksveen ausspionieren. Ich meine, das ist ganz schön kindisch, superkindisch, aber irgendwie auch cool.“

„Wir spionieren nicht, wir behalten sie nur ein bisschen im Auge.“

„Und wo ist da der Unterschied?“ Benedicte lachte.

„Abgemacht“, sagte Trine. „Wir sind uns einig, dass Synnøve Viksveen eine blöde Zicke ist. Also tun wir es. Es ist nichts dabei, solange wir nicht auffliegen. Es ist nicht schlimm, wir tun an sich nichts Falsches.“

„Die Luft ist ja für alle da“, grinste Vilde.

Wieder sahen sie Nora an.

„Tja“, sagte Nora.

„Tja – was?“, fragte Vilde.

„Natürlich ist es nicht schlimm.“ Nora hob abwehrend die Hände.

„Eben“, sagte Trine. „Es tut keinem weh. Wir schaden niemandem. Wir … gucken bloß. Das ist erlaubt.“

„Na ja“, sagte Nora. „Irgendwie schon.“

„Du machst also mit?“, fragte Trine.

Nora nickte. „Ja, ja.“

„Yes!“ Vilde schlug mit der Faust gegen den Fensterrahmen. Ihr Blick wanderte von einer zu anderen. „Dann sind alle einverstanden?“

Sie nickten.

Vilde sah Trine direkt an. „Einverstanden, Trine?“

„Du liebe Güte!“, unterbrach Benedicte sie. „Fang jetzt bloß nicht mit dieser Einer-für-alle-Nummer an.“

„Habe ich das etwa gesagt?“, fragte Vilde und errötete.

„Es hörte sich an, als wärst du kurz davor.“

„Habe ich es vielleicht gesagt?“

„Du warst kurz davor. Garantiert. Du wolltest bestimmt jede einzeln fragen: Bist du dabei? Und dann wolltest du Einer für alle, alle …“

„Ich habe nichts davon gesagt!“

„Genau wie …“

„Ich habe es nicht gesagt!“

„Ja, ja, klar.“

„Ich hatte auch nicht vor, das zu sagen.“

„Ich muss erst noch zum Training“, warf Trine ein.

„Natürlich.“ Benedicte fasste sich unbewusst in ihr blondes, perfekt gestyltes Haar.

Trine guckte sie an. „Wag es bloß nicht.“

„Was denn?“, fragte Benedicte überrascht.

„Komm nicht auf die Idee, wieder davon anzufangen, dass Fußball nichts für Mädels ist.“

„Ich habe doch gar nicht …“

„Nicht alle haben Lust, den halben Tag vor dem Spiegel zu stehen“, sagte Trine und strich mit der Hand an ihrer alten Trainingsjacke hinunter. „Ich muss zum Fußball, ja?!“

Benedicte zuckte die Schultern. „So what? Was hat das denn mit mir zu tun?“

„Wir holen dich nach dem Training vom Platz ab“, mischte sich Vilde ein.

„Ich habe es dir angesehen, Benedicte“, sagte Trine. „Du bist so durchschaubar, weißt du.“

„Durchschaubar?“ Mit einem Wovon-zum-Teufel-redet-die-eigentlich-Blick sah Benedicte von Vilde zu Nora und wieder zurück. „Jetzt bin ich auch noch durchschaubar, ja? Durchschaubar!?!“

„Wann bist du fertig?“ Vilde sah Trine an. „Halb acht, acht?“

„Ja“, antwortete Trine. „So ungefähr halb acht.“

„Gut.“ Vilde blickte wieder von einer zur anderen. „Benedicte. Halb acht am Platz?“

Benedicte nickte.

„Nora. Halb acht?“

Nora musste lächeln. „Einer für alle und alle …“

„Das habe ich nicht gesagt!“

Kjetil Johnsen

Dark Village Bd. 1

Das Böse vergisst nie

ISBN (Buch) 978-3-649-61301-5

ISBN (eBook) 978-3-649-61528-6

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Plötzlich, mitten im September: ein heißer Tag.

Die Wärme hält sich bis in den Abend. Sie gehen spazieren. Nur sie beide, Hand in Hand.

Es fühlt sich groß an.

Ein anderes Wort fällt ihr dafür nicht ein.

Groß.

Sie gehen in den Wald.

Obwohl sie es nicht abgesprochen oder geplant haben, kommen sie beim See raus. Alle nennen ihn „den See“, dabei ist es eigentlich nur ein zugewachsener Teich.

Und er schlägt vor, baden zu gehen.

Rund um den See stehen große, dichte, grüne Bäume.

Sie legen sich auf den kleinen Grasstrand.

Tief aus dem Wald dringt ein Geräusch, eine Art Summen. Seltsam, findet sie.

Ein Vogelschwarm fliegt auf, aber nicht da, wo sie sind. Sie haben ihn nicht aufgeschreckt.

Er bemerkt es nicht, jedenfalls macht es nicht den Eindruck. Sie schiebt den Gedanken zur Seite. Jetzt nur nichts kaputt machen, wo es doch gerade so schön ist.

„Sollen wir baden?“, fragt er.

„Baden?“ Sie dreht den Kopf und das Gras pikst sie in die Wange. Er liegt neben ihr auf dem Rücken.

Mit der Hand schirmt sie die Augen gegen die Abendsonne ab und guckt ihn an.

„Wenn, dann jetzt“, sagt er. „Es wird kalt, sobald die Sonne weg ist.“

„Ich habe nichts dabei“, sagt sie.

„Ach, komm.“ Er setzt sich auf, umschlingt die Knie mit den Armen. „Das letzte Bad des Jahres!“

Sie betrachtet seinen Rücken. Er wirkt unglaublich dünn, wie er so dasitzt. Dünn und sehnig und ein bisschen gefährlich, wie ein gespannter Bogen.

Ihr fällt ein, dass sie keinen BH anhat. Kurz bevor sie losgegangen ist, hat sie überlegt, ob sie einen anziehen soll, und sich dann dagegen entschieden. Warum, weiß sie nicht mehr. Vielleicht, weil sie dachte, dass es ohne sexier ist. Oder weil es in dem Moment schön war, sich frei zu fühlen. Jetzt findet sie es nur noch blöd.

Sie will nicht mit ihrem Top ins Wasser. Es ist ihr bestes und sie will es nicht ruinieren. Aber oben ohne zu gehen und ihm ihre Brüste zu präsentieren …

Als sie daran denkt, jagt ein aufgeregtes Kribbeln durch ihren Körper. Gleichzeitig hat sie Angst. Sie wünschte, es gäbe einen einfachen Ausweg aus dieser Situation. Andererseits hat sie ja genau darauf gewartet, gehofft, dafür gebetet! Mit ihm – dem Einzigen, aus dem sie sich was macht!

Sie lässt ihren Blick am Seeufer entlangschweifen. Zwischen den Bäumen liegen tiefe Schatten. An manchen Stellen hängen die Äste bis ins Wasser. Kleine Fliegen und Mücken schwirren umher. Sie bekommt eine Gänsehaut.

„Es sieht schrecklich kalt aus“, sagt sie.

„Ach, Unsinn.“

„Ich habe kein Badezeug dabei.“

„Wir gehen einfach nackt.“

„Red keinen Quatsch.“

„Außer uns ist hier doch niemand“, lacht er.

Ja, genau. Nur wir beide. Soll ich mich vor dir ausziehen? Und was bedeutet das dann? Dass wir danach miteinander schlafen? Oder später, bei dir oder bei mir zu Hause? Oder das nächste Mal am See? Und wenn ich jetzt Nein sage? Gibt es dann überhaupt ein nächstes Mal?

„Ich weiß nicht“, flüstert sie.

„Du.“ Er beugt sich über sie. Sie liegt flach auf dem Rücken. Vorsichtig küsst er ihre Lippen und streichelt mit einer Hand über ihre Hüfte, genau in der Lücke zwischen Minirock und Top. Seine Finger berühren ihre nackte Haut, die beinahe aufseufzt und sich ihm entgegenstreckt.

Als würde er ihre Unterlippe kosten wollen, weich und langsam, beendet er den Kuss.

Dann reibt er vorsichtig seine Wange an ihrer.

Sie räuspert sich nervös.

„Hast du keine Lust?“, will er wissen.

Sie kann jetzt nichts sagen. Sie weiß genau, dass ihre Stimme heiser und zittrig ist. Darum schließt sie nur die Augen, riecht sein Haar, angenehm und frisch. Und er ist warm, unglaublich warm. Wieder und wieder streichelt er an ihrer Hüfte entlang.

Lust?, denkt sie. Mann, ich habe seit ewigen Zeiten Lust. Aber sie schweigt.

„Oder im Slip?“, fragt er. „Wir brauchen ja nicht nackt zu sein. Wir gehen in Unterwäsche ins Wasser.“

Er stützt sich auf den Unterarm, schaut sie an und lächelt.

Er sieht schrecklich gut aus. Aber sie hat keinen BH an.

„He.“ Er lässt den Finger federleicht über ihren Bauch gleiten. „Komm doch mit. Wir sind ganz allein.“

Sie nickt. Nicht, weil sie sich entschieden hat – das hat sie nämlich nicht –, sondern weil es sich anfühlt wie die einzige Möglichkeit. Weil er sie so anguckt und weil es mit ihm zusammen schön ist. Er ist der Beste, den sie je kennengelernt hat, und jedes Mal küsst er sie, als ob er sie liebt.

Plötzlich willigt sie ein. Sie will eigentlich gar nicht, es rutscht ihr einfach so raus.

Sein Gesicht leuchtet. Er steht auf und streift das T-Shirt über den Kopf.

Sie steht auch auf, schaut an sich herunter. Wenn sie doch ein bisschen hübscher wäre … Alles wäre so viel einfacher, wenn sie hübscher wäre!

Er zieht seine kurze Hose aus, darunter trägt er weite Boxershorts. Genauso gut hätte er die Hose anbehalten können. Er gibt eigentlich nichts von sich preis.

Sie schluckt. Es brennt sauer in ihrem Hals. Irgendwie fühlt sie sich von ihm gelinkt. Er hat seine riesigen Boxershorts an und sie steht im Tanga da und ihr BH liegt zu Hause auf dem Bett.

Scheiße.

Er rennt los, und als ihm das Wasser bis zu den Knien reicht, taucht er mit einem Hechtsprung ein. Ein paar Sekunden ist er unter Wasser, dann schießt er hoch und wirft den Kopf zurück. Sein Hals und seine Schultern sind kräftig. Das Wasser perlt durch die Luft, er ist braun gebrannt und seine Zähne glänzen weiß.

Er sieht schrecklich gut aus!

„Los, komm!“, ruft er. „Es ist total schön!“

Sie wendet ihm den Rücken zu, zieht sich das Top aus und bedeckt ihre Brüste mit einem Arm. Dann dreht sie sich wieder um und schlüpft aus dem Minirock, sodass er ihren Hintern nicht sehen kann, wenigstens jetzt noch nicht.

Langsam watet sie ins Wasser. Die Handfläche bedeckt die eine, der Unterarm die andere Brust. Sie drückt fest. Die Schauspielerinnen im Film machen es auch immer so. Meistens quillt der Busen dann oben und unten ein bisschen raus, vielleicht kann er also doch was sehen. Jedenfalls starrt er sie an. Mit großen Augen.

Sie bereut es. Und wie sie es bereut!

Auf dem Grund liegen Steine, kleine harte und große glatte. Es ist schwierig, mit einer Hand an den Körper gepresst zu balancieren. Sie rutscht auf einem großen Kiesel aus und rudert mit beiden Armen, um nicht hinzufallen.

Ihm steht der Mund offen.

Als sie das Gleichgewicht wiederfindet, bedeckt sie ihre Brüste schnell. Verdammter Mist!

Er gafft sie noch immer an.

Er sieht blöd aus.

Zum ersten Mal denkt sie so über ihn. Am liebsten würde sie ihn auslachen, aber das schafft sie nicht. Sie weiß, dass ihr das Ganze eigentlich peinlich sein müsste.

Sicher glaubt er, dass ich es mit Absicht gemacht habe. Dass ich ihm meine Titten zeigen wollte.

Unsicher stakst sie weiter, bis ihr das Wasser an die Oberschenkel reicht. Dann taucht sie unter.

Sie kneift die Augen zusammen. Sie spürt die Tropfen im Gesicht und wie sich das Wasser um ihren Hals schließt. Ein paar Sekunden bekommt sie keine Luft, fast so, als hielte sie jemand im Würgegriff und würde das Leben aus ihr herausquetschen.

Sie schlingt sich die Arme um die Schultern und klappert mit den Zähnen.

Mit einem Kopfsprung taucht er unter. Sie sieht seinen flimmernden Schatten im Wasser. Er schießt auf sie zu, umfasst ihre Oberarme und zieht sie an sich.

Als er wieder hochkommt, holt er tief Luft, dann lacht er, und schließlich drückt er sie ganz eng an sich und küsst sie, als gäbe es sonst nichts auf der Welt.

Der Kuss ist lang und intensiv und tief.

Er hält sie so fest umklammert, dass es beinahe wehtut, aber es gefällt ihr, sie liebt es. Er soll sie nie mehr loslassen!

Sie will doch, dass es heute passiert, denkt sie. Wenn er jetzt fragt, wenn er sagt „Willst du mit mir schlafen?“, wird sie Ja sagen.

Warum nicht? Sie ist in ihn verliebt. Sie sind zwar noch nicht sehr lange zusammen, aber er ist was Besonderes. Sie ist sich sicher, dass es schön wird. Dass es richtig ist.

Ohne es zu bemerken, haben sie sich ein Stück weiter in den See bewegt. Hier ist es tiefer. Obwohl sie aufrecht steht, reicht ihr das Wasser bis zu den Schulterblättern. Sie mag das nicht. Sie hat Wasser noch nie gemocht.

Er merkt, dass sie zögert.

„Komm, wir gehen wieder raus“, sagt er.

Sie nickt.

Sie küssen sich mit offenen Lippen. Er ist gierig und wild. Dann schwimmen sie an Land. Er schnell vorweg, sie mit langsamen Zügen hinterher.

Als er das Ufer erreicht, dreht er sich um, schaut sie an und winkt ihr.

Sie schwimmt ein bisschen schneller. Durch ihre Bewegungen haben sich auf dem Wasser kleine Wellen gebildet. Die Schatten am Ufer, wo die Äste der Bäume bis in den Teich hängen, werden lebendig.

Da kommt auf der linken Seite etwas zum Vorschein, langsam treibt es auf sie zu.

Er bemerkt es zuerst.

Sie sieht es an seiner Reaktion, daran, wie er plötzlich an ihr vorbeischaut. Unwillkürlich dreht sie den Kopf.

Es liegt schwer im Wasser.

Groß und lang und seltsam schimmernd dümpelt es auf sie zu. Die Sonne steht schon tief und an manchen Stellen tanzen die Strahlen auf der glänzenden Oberfläche wie kleine Flammen.

„Was ist das?“, fragt er. „Kannst du was erkennen?“ Er kommt zurück ins Wasser.

Sie schüttelt den Kopf.

Er macht einen Schritt nach vorn. Dann noch einen.

„Ich guck nach, was es ist“, sagt er, bewegt sich aber nicht.

Sie tritt dicht hinter ihn. „Okay“, flüstert sie. Als ob das Ding gefährlich ist und sie hören könnte.

Er begreift nicht, wovor er mit einem Mal Angst hat. Da treibt doch bloß irgendwas im Wasser. „Verdammt …“

Jetzt ist es nur noch wenige Meter entfernt und es kommt immer näher. Es sieht aus wie ein Raubtier. Wie ein Krokodil mit der Schnauze unter Wasser, als könnte es keiner Fliege etwas zuleide tun, dabei wartet es in Wirklichkeit darauf, einem von einer Sekunde auf die andere die Hand abzureißen.

Die Vögel sind verstummt. Plötzlich ist der Wald völlig still.

Er holt scharf Luft und ist überrascht, wie kalt sie ist. Dann schließt er die Augen, beugt sich vor und streckt die rechte Hand aus.

Das Mädchen sieht es zuerst.

Sie steht immer noch hinter ihm und guckt ihm über die Schulter. Dann vergisst sie, ihre Brüste zu verdecken, und hebt langsam beide Arme. Das kann nicht … das ist nicht möglich! Um Himmels willen, das kann nicht wahr sein!

Aber es ist wahr. Sie schlägt die Hände vors Gesicht und schreit.

Genau in diesem Augenblick berühren seine Fingerspitzen etwas Weiches. Er öffnet die Augen und zieht die Hand zurück, als hätte er sich verbrannt.

Es dauert ein paar Sekunden, bis er begreift, was er da vor sich hat.

Er hat so etwas noch nie gesehen, nicht in echt. Das gehört nicht in seine Welt. Da, wo er lebt, gibt es so was nicht. So was passiert nicht.

Aber langsam klärt sich das Bild.

Und langsam muss sein Gehirn akzeptieren, dass es doch so etwas gibt, dass es doch passiert ist. Jetzt hört er auch, was sie schreit.

Es ist ein Name. Ein Name, den er sehr gut kennt. Der Name des Menschen, der dort vor ihm im Wasser treibt. Jetzt erkennt er es, plötzlich sieht er jedes kleinste Detail.

Die blauen Lippen. Den dünnen Streifen getrocknetes Blut, der sich vom Mundwinkel bis hinunter zum Kinn zieht. Er sieht den Kopf eines Mädchens, das er kannte.

Sie ist jung.

Sie ist tot.

Sie ist nackt und in dünne, durchsichtige Plastikfolie eingewickelt.

Regen ist für vieles gut.

Die Stechpalmen und Buchen um mich herum brauchen ihn, um zu wachsen und zu gedeihen.

Fährten und Fußabdrücke werden verwischt. Spuren lassen sich schwerer verfolgen, was heute ein Vorteil ist.

Vor allem aber wäscht er meine Haut und meine Kleider von dem Blut rein. Zitternd stehe ich da, als sich die Schleusen öffnen. Ich strecke meine Hände und Arme aus und reibe sie im eiskalten Regen immer wieder aneinander, obwohl die tiefroten Spritzer längst verschwunden sind. Doch auch meine Seele ist blutbefleckt. Und die lässt sich nicht so einfach reinwaschen, aber dann fällt mir wieder ein, wie es geht. Erinnerungen können verschnürt werden, in Angst und Verleugnung verpackt und hinter Mauern weggesperrt werden. Hinter Steinwänden, wie die, die Wayne gebaut hat.

Ist er tot? Stirbt er gerade? Ich zittere nicht nur wegen der Kälte. Habe ich ihn leidend zurückgelassen? Soll ich umkehren, um ihm zu helfen? Egal, wer er ist oder was er getan hat – hat er es wirklich verdient, dort allein und mit Schmerzen zu liegen?

Wenn allerdings jemand herausfindet, was ich getan habe, bin ich erledigt. Denn eigentlich sollte ich gar nicht imstande sein, jemanden zu verletzen – auch wenn ich mich nur verteidigt habe, weil Wayne mich angegriffen hat. Slater sind nämlich nicht in der Lage, Gewalt anzuwenden, aber ich habe es trotzdem getan. Genauso wie Slater nichts mehr von ihrer Vergangenheit wissen, ich mich aber erinnern kann. Die Lorder werden mich holen. Wahrscheinlich werden sie mein Gehirn auseinandernehmen, um herauszufinden, was bei mir schiefgegangen ist und warum mein Levo mich nicht im Griff hat. Vielleicht sogar bei lebendigem Leib.

Niemand darf jemals erfahren, was passiert ist. Ich hätte mich vergewissern müssen, dass er tot ist, aber jetzt ist es zu spät. Ich kann nicht riskieren, noch einmal zurückzugehen. Du konntest ihn in dem Moment nicht umbringen, warum solltest du es dann jetzt tun können?, höhnt eine Stimme in mir.

Taubheit fährt mir in die Glieder, in die Muskeln und in die Knochen. Es ist so kalt. An einen Baum gelehnt, lasse ich mich zu Boden gleiten. Ich will mich ausruhen. Mich ausruhen und nicht mehr bewegen. Nicht mehr denken, fühlen oder Schmerzen empfinden, nie mehr wieder.

Bis die Lorder kommen.

Lauf!

Ich stehe auf, setze stolpernd einen Fuß vor den anderen. Dann beginne ich zu joggen, und schließlich fliege ich über den Pfad, der mich aus dem Wald hinaus zu den Feldern führt. Hin zu der Straße, wo ein weißer Lieferwagen die Stelle markiert, an der Wayne verschwunden ist: Best Builders steht auf der einen Wagenseite. Ich bekomme Panik, dass jemand sehen könnte, wie ich zwischen den Bäumen neben seinem Wagen auftauche – an dem Ort, an dem sie ihre Suche beginnen werden, sobald sie sein Verschwinden bemerken. Aber da es gewittert, ist die Straße menschenleer, und Regentropfen fallen so schwer auf den Asphalt, dass sie von dort wieder hochspritzen.

Regen. Er ist noch für etwas anderes gut, hat noch eine weitere Bedeutung. Aber diese andere Bedeutung verschwindet, ehe ich sie greifen kann.

Bevor ich die Tür öffnen kann, geht sie auch schon auf. Mit besorgtem Blick zieht Mum mich ins Haus.

Sie darf nichts erfahren. Vor ein paar Stunden hätte ich meine Gefühle noch nicht verbergen können, ich hätte nicht gewusst, wie das geht. Jetzt setze ich ein neutrales Gesicht auf und lasse die Panik aus meinen Augen verschwinden. Mein Ausdruck wird leer, wie das bei einem Slater der Fall sein sollte.

»Kyla, du bist ja völlig durchnässt.« Tröstend streicht sie mir über die Wange und schaut mich besorgt an. »Ist dein Level in Ordnung?«, fragt sie, nimmt mein Handgelenk, um mein Levo zu prüfen, und auch ich starre gebannt darauf. Es sollte niedrig sein, sogar gefährlich niedrig. Aber jetzt ist alles anders.

6,3. Es hält mich für glücklich. Puh!

Ich werde zu einem heißen Bad verdonnert, dort versuche ich es noch einmal mit Nachdenken. Das Wasser in der Wanne dampft und ich entspanne mich, aber ich bin immer noch völlig benommen und zittere weiterhin am ganzen Körper. Obgleich mich die Wärme beruhigt, sind meine Gedanken ein einziges, wirres Durcheinander.

Was ist nur passiert?

Alles, was vor meiner Begegnung mit Wayne geschehen ist, verschwimmt in meinem Kopf wie durch Milchglas. Als würde ich auf einen anderen Menschen schauen, der von außen genauso aussieht wie ich: Kyla, etwa 1,50 m groß, grüne Augen, blondes Haar. Geslated. Vielleicht unterscheide ich mich ein bisschen von anderen Slatern, denn ich bin aufmerksamer und schwieriger zu kontrollieren, aber ich wurde geslated: Als Strafe für Verbrechen, an die ich mich nicht mehr entsinnen kann, haben die Lorder mein Hirn leer gefegt. Meine Erinnerungen und meine Vergangenheit sollten für immer vergessen sein. Was ist also passiert?

Diesen Nachmittag war ich spazieren – das ist passiert. Ich wollte über Ben nachdenken. Bei dem Gedanken an ihn überkommt mich unendlicher Schmerz, schlimmer noch als zuvor, am liebsten würde ich laut aufschreien.

Konzentrier dich. Was ist dann passiert?

Wayne, dieser Abschaum, ist mir in den Wald gefolgt. Ich zwinge mich, daran zu denken, was er getan hat und wie er mich gepackt hat. Angst und Wut steigen wieder in mir hoch. Ich war so wütend auf ihn, so unglaublich wütend, dass ich um mich geschlagen habe, ohne nachzudenken. Und etwas in mir hat sich verändert. Ist eingestürzt und hat sich neu zusammengesetzt. Ich sehe seinen blutenden Körper vor mir und zucke zusammen: War das tatsächlich ich? Irgendwie ist ein Slater – ich – gewalttätig geworden. Und das war nicht alles. Ich konnte mich plötzlich an Gefühle und Bilder aus meiner Vergangenheit erinnern. Aus der Zeit, bevor ich geslated wurde. Dabei ist das unmöglich!

Von wegen. Es ist passiert.

Jetzt bin ich nicht mehr nur Kyla – der Name, der mir vor einem knappen Jahr im Krankenhaus gegeben wurde. Ich bin etwas, jemand anders. Und ich bin mir nicht sicher, ob mir das gefällt.

Rat-a-tat-tat!

Ich fahre aus dem Wasser hoch und es schwappt auf den Boden.

»Kyla, ist bei dir da drin alles in Ordnung?«

Die Tür. Mum hat an die Tür geklopft, das war alles. Vorsichtig löse ich die geballten Fäuste.

Beruhige dich.

»Alles gut«, schaffe ich es zu antworten.

»Deine Haut wird ganz schrumpelig, wenn du da noch länger drin bleibst. Essen ist fertig.«

Unten sind außer Mum noch meine Schwester Amy und ihr Freund Jazz da. Amy wurde ebenfalls geslated und genau wie ich der Familie Davis zugewiesen, aber sie ist in vielerlei Hinsicht völlig anders als ich. Immer heiter, voller Leben und plappert den ganzen Tag. Amy ist groß und ihre Haut hat die Farbe von Schokolade, ich dagegen bin klein, hellblond und schweigsam. Ihr Freund Jazz ist normal, also nicht geslated. Und ganz vernünftig, wenn er die hübsche Amy nicht gerade verträumt anstarrt. Ich bin froh, dass Dad nicht da ist, denn dann brauche ich seinen wachsamen Blick nicht zu fürchten, der einen abmisst, beurteilt und dafür sorgt, dass man keinen falschen Schritt macht.

Das Gespräch beim Essen dreht sich um Amys Kurse und Jazz’ neue Kamera. Amy erzählt aufgeregt, dass sie gefragt wurde, ob sie nach der Schule in der Arztpraxis aushelfen möchte, wo sie zuvor ein Praktikum gemacht hat.

Mum schaut mich an und meint: »Wir werden sehen.« Doch ich weiß schon, was dahintersteckt. Sie möchte nicht, dass ich nach der Schule allein bin.

»Ich brauche keinen Babysitter«, sage ich, obwohl ich nicht ganz sicher bin, ob das stimmt.

Langsam geht der Abend zu Ende und ich laufe nach oben. Ich putze mir die Zähne und blicke in den Spiegel. Grüne Augen starren zurück, groß und vertraut, aber sie sehen Dinge, die ihnen zuvor entgangen sind.

Normale Dinge, aber nichts ist mehr normal.

Ein stechender Schmerz in meinem Knöchel zwingt mich stehen zu bleiben. Mein Verfolger ist in weiter Ferne, aber er kommt immer näher. Er wird nicht aufgeben.

Ich muss mich verstecken!

Ich tauche ins Dickicht ab und wate durch einen eiskalten Bach, um meine Spuren zu verwischen. Dann robbe ich auf dem Bauch durch dichtes Gestrüpp, ungeachtet der Dornen, die sich in meinem Haar und meinen Kleidern verfangen. Schmerz durchfährt mich, als sich ein Dorn in meinen Arm bohrt.

Er darf mich nicht finden. Nicht noch mal.

Ich grabe mich in den Boden ein, bedecke meine Arme und Beine mit den kalten und fauligen Blättern auf dem Waldboden. Ein Lichtkegel fällt durch die Bäume über mir. Ich erstarre. Er wandert immer tiefer, direkt über mein Versteck hinweg. Erst als das Licht, ohne innezuhalten, an mir vorüberschwenkt, atme ich weiter.

Schritte. Sie nähern sich, gehen vorbei, werden leiser und entfernen sich, bis ich nichts mehr höre.

Nun muss ich warten. Ich zähle eine Stunde ab, während ich starr vor Kälte in feuchten Kleidern auf dem Boden liege. Bei jeder vorbeihuschenden Kreatur, jedem Zweig, der sich im Wind bewegt, zucke ich ängstlich zusammen. Aber je mehr Zeit vergeht, umso mehr glaube ich daran, dass es mir diesmal vielleicht gelingt.

In der Morgendämmerung krieche ich vorsichtig aus meinem Versteck, Zentimeter um Zentimeter. Die Vögel singen und ich jubiliere mit ihnen. Habe ich endlich bei Nicos Version von Verstecken gewonnen? Könnte ich die Erste sein?

Licht blendet mich.

»Hier bist du also!« Nico packt mich am Arm, reißt mich auf die Beine, und ich schreie wegen meines schmerzenden Knöchels auf, aber er brennt nicht so sehr wie die Enttäuschung, die heiß und bitter in mir aufsteigt. Wieder habe ich versagt.

Er streicht mir Blätter von den Kleidern, legt mir einen Arm um die Hüfte und stützt mich, damit ich es ins Lager zurückschaffe. Trotz allem tut mir seine Nähe gut.

»Du weißt doch, dass du nie entkommen kannst, oder?«, sagt er. Innerlich triumphiert er, gleichzeitig ist er aber enttäuscht von mir, alles auf einmal. »Ich werde dich immer finden.« Nico beugt sich zu mir und küsst meine Stirn. Eine seltene Geste der Zuneigung, von der ich weiß, dass sie die Strafe, die er sich für mich ausdenken wird, in keiner Weise mildert.

Ich kann niemals entkommen.

Er wird mich überall finden …

Irgendwo klingelt es. Ich bin noch halb am Träumen und weiß nicht, wo ich bin. Langsam drifte ich wieder in den Schlaf.

Erneut klingelt es.

Was soll das?

Mit einem Schlag bin ich wach und springe auf, aber etwas hält mich zurück und ich schreie fast. Ich ringe damit, werfe es zu Boden und kauere in Kampfstellung. Bereit für den Angriff. Bereit für alles …

Aber nicht dafür. Vor meinen Augen werden aus fremden, bedrohlichen Dingen Alltagsgegenstände. Ein Bett. Ein Wecker, der immer noch auf meinem Nachttisch klingelt. Der Gegner entpuppt sich als meine Bettdecke, die ich um mich geschlungen hatte. Trübes Licht fällt durchs offene Fenster. Vor mir sitzt ein verstimmter Kater, der aus Protest laut maunzt, weil er sich in der Decke auf dem Boden verheddert hat.

Reiß dich zusammen.

Ich schalte den Wecker aus und zwinge mich, ruhiger zu atmen – ein, aus, ein, aus –, um mein pochendes Herz zu beruhigen, aber meine Nerven sind gespannt wie Drahtseile.

Sebastian starrt mich mit gesträubtem Fell an.

»Kennst du mich noch, Kater?«, flüstere ich und strecke ihm die Hand hin, damit er daran riechen kann. Dann streichle ich ihn, um uns beide zu beruhigen. Ich lege die Decke wieder ordentlich aufs Bett und er springt darauf. Schließlich legt er sich hin, lässt die Augen aber halb geöffnet. Zur Sicherheit.

Beim Aufwachen dachte ich, ich wäre dort. Im Halbschlaf war mir jedes Detail vertraut: die provisorischen Unterkünfte, die Zelte, die Luft war feucht und kühl, der Rauch von Holzfeuern lag in der Luft und man konnte das Rauschen der Bäume, die Vögel und leise Stimmen hören. Doch je wacher ich werde, umso mehr verschwimmen die Einzelheiten. Habe ich nur geträumt oder gibt es diesen Ort wirklich?

Mein Levo liegt mit 5,8 im mittleren Bereich, und das, obwohl mein Herz immer noch schnell schlägt. Nach dem, was gerade passiert ist, hätte mein Level eigentlich steil abfallen müssen. Ich ziehe an meinem Levo, ziemlich fest sogar, doch nichts passiert. Zumindest sollte es Schmerz verursachen. Geslatete Straftäter können weder sich selbst noch anderen Gewalt antun, nicht mit einem Levo, das jede Stimmungsschwankung misst. Und zu Ohnmacht oder Tod führt, wenn sich der Träger zu sehr aufregt oder wütend wird. Eigentlich hätte ich bei dem Vorfall gestern sterben müssen. Der Chip, der beim Slating in meinem Gehirn eingepflanzt wurde, hätte mich ausschalten sollen.

In mir klingt noch der gestrige Albtraum nach: Ich kann niemals entkommen. Er wird mich überall finden …

Nico! So heißt er. Er ist keine flüchtige Traumgestalt. Es gibt ihn wirklich. Ich sehe seine blassblauen Augen vor mir, Augen, die binnen einer Sekunde von kalt zu heiß wechseln können. Er wird wissen, was all das zu bedeuten hat. Denn als lebendiger Teil meiner Vergangenheit ist er plötzlich in meinem jetzigen Leben aufgetaucht – ausgerechnet als mein Bio-Lehrer. Eine seltsame Wandlung von … von … was eigentlich? Die Erinnerungen entgleiten mir. Wütend balle ich die Fäuste. Ich hatte ihn vor mir, klar und deutlich – und dann? Nichts.

Nico kennt die Antwort. Aber soll ich ihn fragen? Eines weiß ich nämlich sicher: Er ist gefährlich. Wenn ich nur an seinen Namen denke, verkrampft sich mein Magen vor Angst und vor Sehnsucht. Ich möchte um jeden Preis bei ihm sein, koste es, was es wolle.

Er wird mich überall finden.

Es klopft an der Tür. »Kyla, bist du wach? Du kommst noch zu spät zur Schule.«

»Ihr Wagen, die Damen«, sagt Jazz und verbeugt sich. Er stemmt einen Fuß gegen das Auto, um die Tür aufzureißen. Ich klettere auf den Rücksitz, Amy steigt vorn ein. Und obwohl es sich wie ein Ritual anfühlt, das sich jeden Morgen wiederholt, ist es mir fremd. Eine Monotonie, die mir zu schaffen macht.

Unterwegs schaue ich aus dem Fenster, Bauernhöfe und Stoppelfelder ziehen an uns vorüber. Kühe und Schafe stieren friedlich kauend vor sich hin. Wie unterscheiden wir uns eigentlich von ihnen? Auch wir werden wie eine Viehherde jeden Morgen zur Schule gekarrt und bewegen uns auf vorgeschriebenen Bahnen, ohne je das Warum zu hinterfragen.

»Kyla? Erde an Kyla.«

Amy hat sich in ihrem Sitz herumgedreht.

»Sorry. Hast du was gesagt?«

»Ich hab gefragt, ob es dir was ausmacht, wenn ich nach der Schule arbeiten gehe? Vier Tage die Woche, von Montag bis Donnerstag. Mum ist sich nicht sicher, ob es gut ist, wenn du so viel allein bist. Sie wollte noch mit dir darüber reden.«

»Kein Problem, wirklich. Es macht mir nichts aus. Wann fängst du an?«

»Morgen«, sagt sie mit schuldbewusstem Blick.

»Du hast doch ohnehin schon zugesagt, oder?«, frage ich.

»Erwischt!«, meint Jazz. »Aber was ist mit mir? Wann hast du überhaupt Zeit für mich?« Die restliche Fahrt über tun sie so, als würden sie sich deshalb streiten.

Der Vormittag rauscht einfach so an mir vorbei. Ich scanne meinen Schülerausweis vor jeder Stunde ein und tue im Unterricht so, als würde ich zuhören. Versuche auszusehen, als wäre ich aufmerksam und lernwillig, damit niemand Grund hat, mich genauer ins Visier zu nehmen. Nach der Stunde scanne ich meine Karte dann wieder. Ich esse allein, und wie üblich werde ich von den anderen Schülern ignoriert, die sich von den Slatern fernhalten. Ben mochten die meisten, aber ich bin nicht besonders beliebt. Vor allem jetzt nicht mehr, seit er verschwunden ist.

Ben, wo bist du? Sein Lächeln, das warme, sichere Gefühl seiner Hand in meiner, das Leuchten in seinen Augen – die Erinnerung schmerzt, als würde mir jemand ein Messer in den Bauch rammen. Der Schmerz ist so real, dass ich die Arme um mich schlingen muss, um nicht laut loszuschreien.

Insgeheim weiß ich aber, dass ich das nicht mehr viel länger aushalte. Gefühle lassen sich nicht für immer verschließen.

Aber nicht hier. Nicht jetzt.

Dann ist es endlich Zeit für den Biounterricht. Mein Unbehagen wächst auf dem Weg zum Labor. Was, wenn ich durchgedreht bin und er gar nicht Nico ist? Gibt es ihn überhaupt?

Was, wenn er es ist? Was dann?

Ich lese meine Karte an der Tür ein, gehe nach hinten und setze mich, bevor ich es wage aufzublicken. Vielleicht hätten mir die Beine versagt, wenn ich ihn, der mir ständig im Kopf herumspukt, nun in natura vor mir sehe.

Und da ist er: Mr Hatten, unser Biolehrer. Ich starre ihn an, aber das ist nichts Außergewöhnliches, denn das tun alle Mädchen. Er ist nicht nur zu jung und zu gut aussehend für einen Lehrer. Er hat etwas Besonderes an sich. Und das hängt nicht nur mit den schönen Augen, dem welligen, blond gesträhnten Haar, das für einen Lehrer ziemlich lang ist, oder seiner großen, durchtrainierten Gestalt zusammen. Es liegt vielmehr an seinem Auftreten: ruhig, aber immer alarmbereit wie ein Gepard, der auf den Sprung wartet. Alles an ihm verströmt Gefahr.

Nico. Es ist Nico, keine Frage, kein Zweifel. Seine unvergesslich hellblauen Augen mit den dunklen Rändern schweifen durch den Raum. Unsere Blicke begegnen sich. Wir sehen uns an und seine Augen bekommen einen warmen Ausdruck. Wir erkennen uns wieder, und es ist fast wie ein körperlicher Schock, der alles real macht. Als er den Blick schließlich löst, fühlt es sich an, als würde er mich aus einer Umarmung entlassen.

Das bilde ich mir nicht ein. Genau in diesem Moment steht er, Nico, auf der anderen Seite des Raums. Bislang habe ich es nur geahnt, doch jetzt, mit meinem neu erwachten Bewusstsein, bin ich mir hundertprozentig sicher.

Dann fällt mir ein, dass ihn zwar die anderen Schülerinnen anstarren, ich das aber normalerweise nicht tue. Zumindest nicht so auffällig.

Also versuche ich, es während des Unterrichts nicht zu tun, aber vergeblich. Seine Augen suchen immer wieder meine. Lese ich darin Neugierde, Fragen? Amüsiertes Interesse?

Vorsicht. Er darf nicht wissen, dass sich etwas verändert hat, ehe ich nicht herausgefunden habe, wer er ist und was er will. Ich zwinge mich, auf das Heft und den Stift vor mir zu schauen, der über die Seite fliegt und wie zufällig blaue Wirbel und halb fertige Skizzen hinterlässt, wo eigentlich Notizen stehen sollten. Als würde meine Hand ein Eigenleben führen.

Der Stift, die Hand – die linke Hand. Ohne nachzudenken, halte ich ihn in der linken Hand.

Aber ich bin Rechtshänderin. Oder?

Ich muss Rechtshänderin sein!

Mir stockt der Atem und ich bekomme Angst. Ich zittere.

Alles um mich herum wird schwarz.

Sie streckt die Hand aus. Die rechte Hand. Tränen laufen ihr übers Gesicht. »Bitte hilf mir …«

Sie ist so jung, noch ein Kind. Ein solch bettelnder, flehentlicher Ausdruck liegt in ihren Augen, dass ich alles tun würde, um ihr zu helfen, aber ich erreiche sie einfach nicht. Je näher ich komme und umso mehr ich versuche, nach ihrer Hand zu fassen, desto weiter ist sie von dort entfernt, wo sie zu sein scheint. Durch irgendeinen optischen Trick rutscht sie mehr und mehr nach rechts. Und immer ist sie ein Stück zu weit weg, um nach ihr greifen zu können.

»Bitte hilf mir …«

»Gib mir deine andere Hand!«, sage ich, doch sie schüttelt den Kopf und reißt die Augen weit auf. Aber ich wiederhole die Bitte, bis sie schließlich die linke Hand hebt, die bislang neben ihrem Körper lag, sodass ich sie nicht sehen konnte.

Die Finger sind gekrümmt und blutig. Gebrochen. Eine plötzliche Erinnerung schießt mir durch den Kopf – ein Ziegel. Finger, die von einem Ziegel zertrümmert werden. Ich keuche auf.

So verletzt, wie sie ist, kann ich ihre Hand nicht anfassen.

Ihre Hände sinken nach unten. Sie schüttelt den Kopf und ihr Körper verblasst. Sie löst sich allmählich auf, bis ich durch sie hindurchsehen kann wie durch feinen Nebel.

Ich will sie festhalten, aber es ist zu spät.

Sie ist weg.

»Mir geht’s schon wieder gut. Ich habe letzte Nacht einfach zu wenig geschlafen, das ist alles. Mir geht’s wirklich gut«, beteuere ich. »Kann ich jetzt in meine letzte Stunde gehen?«

Die Schulschwester schenkt mir nicht mal ein Lächeln. »Diese Entscheidung musst du schon mir überlassen«, sagt sie.

Stirnrunzelnd scannt sie mein Levo. Mein Magen verkrampft sich, weil ich Angst habe, dass alles auffliegt. Nach dem, was passiert ist, hätte mein Level fallen müssen. Als das Levo noch richtig funktioniert hat, bin ich manchmal selbst von Albträumen ohnmächtig geworden. Aber wer weiß, was es jetzt anzeigt?

»Sieht aus, als ob du einfach nur umgekippt bist. Dein Level ist in Ordnung. Es ist sogar ganz gut. Hast du zu Mittag gegessen?«

Sie braucht einen Grund.

»Nein. Ich war nicht hungrig«, lüge ich.

Sie schüttelt den Kopf. »Kyla, du musst essen.« Sie hält mir einen Vortrag über Blutzucker, gibt mir Tee und Kekse, und ehe sie durch die Tür verschwindet, befiehlt sie mir, dass ich bis zum Unterrichtsende in ihrem Büro bleiben soll.

Als ich allein bin, gerate ich wieder ins Grübeln. Das Mädchen mit der gebrochenen Hand in diesem Albtraum, dieser Vision oder was es auch war … Ich weiß, wer sie ist. Ich erkenne sie als eine jüngere Version von mir selbst. Sie hat meine Augen, meinen Körperbau, alles. Lucy Connor: vor Jahren aus ihrer Schule in Keswick verschwunden. Laut MIA war sie zu diesem Zeitpunkt zehn Jahre alt. Missing In Action, so heißt die illegale Webseite, die ich vor Wochen bei Jazz’ Cousin gesehen habe. Lucy war ein Teil von mir, bevor ich geslated wurde. Aber selbst mit meinen neuen Erinnerungen kann ich mich nicht mehr in Lucy hineinversetzen und weiß nicht, wie ihr Leben ausgesehen hat. Ich kann sie mir noch nicht einmal als »ich« oder »mich« vorstellen. Sie ist anders, unabhängig, losgelöst von mir.

Wie passt Lucy in das Chaos in meinem Gehirn? Frustriert trete ich gegen den Tisch. Es gibt so viele Dinge, die ich nur halb verstehe. Ich habe das Gefühl, dass ich bestimmte Sachen weiß, aber wenn ich mich auf die Details konzentriere, entgleiten sie mir, lösen sich auf.

Als mir bewusst wurde, dass ich mit der linken Hand schreibe, kamen all diese Erinnerungen auf einmal wieder in mir hoch. Hat Nico etwas gemerkt? Falls er mitbekommen hat, dass ich mit links schreibe, weiß er, dass sich etwas verändert hat. Ich müsste Rechtshänderin sein und es ist wichtig, so wichtig … Warum ist es so wichtig, dass ich Rechtshänderin bin, warum war ich das vorher und warum jetzt nicht mehr? Es fällt mir einfach nicht ein. Die Erinnerung ist so deformiert wie die Finger, die von einem Ziegel zertrümmert wurden.