Kapitel 1

Die Tür zur Goldenen Stadt

Die Tür im Flur der Konditorei Chubber knarzte. Es war eine alte Holztür, die sich auf den ersten Blick in keiner Weise von anderen alten Holztüren zu unterscheiden schien. Ihre einzige Besonderheit, die man aber erst auf den zweiten Blick hin entdeckte, war das kunstvoll gearbeitete Schloss. Es war in Form eines Blattes geschmiedet, und als die Tür erneut knarzte und dabei erbebte, blitzten die ranken- und spiralförmigen Ornamente kurz im schwachen Licht des Flurs auf.

Das Knarzen hallte in den leeren Räumen der Konditorei wider.

Es war mitten in der Nacht. In einer Ecke des Verkaufs- und Gastraums waren kleine Tische und Stühle aufgestapelt. Eine fingerdicke, von den Abdrücken zahlloser Schuhe durchsetzte Schlammschicht bedeckte den Fußboden. Auf der Ladentheke standen Silbertabletts und Backbleche, auf denen nur noch Krümel lagen. In der Luft hing der Duft von Rosinen und Kuchen. Die Eingangstür war nur angelehnt und draußen war niemand zu sehen.

In den Straßen und Gassen, die zu dem kleinen Hafen hinunterführten, befanden sich noch immer Trümmer und Geröll. Nirgendwo in Kilmore Cove brannte Licht. Die Straßenlaternen, die Fenster der Häuser, auch der sonst hell angestrahlte Kirchturm waren dunkel. Sogar der grelle Lichtstrahl des Leuchtturms vorn auf der Halbinsel fehlte. Im Schein des abnehmenden Mondes waren nur die hellen Schaumkronen der Wellen auf dem Meer zu erkennen.

Eines der wenigen Geräusche, das man in dieser Finsternis wahrnehmen konnte, war das Knarzen, das immer noch von der Konditorei Chubber zu hören war.

Dann ein lauter Schlag.

Und noch einer.

Beim dritten Schlag gegen die alte Holztür sprang sie auf. Tausende von Mücken flogen heraus, gefolgt von einem Schwall feuchtwarmer, stickiger Luft.

Zuletzt kamen zwei Jungen zum Vorschein. Sie schwankten zur gegenüberliegenden Wand und lehnten sich erschöpft an sie.

Ohne ein Wort zu sagen, stießen sie die Tür kurz darauf mit einem Fußtritt zu und versuchten vergeblich, mit wedelnden Handbewegungen die Insekten zu verscheuchen.

Einer der beiden hatte einen seltsamen, an einer Seite eingedrückten Helm auf dem Kopf, dessen Form an die einer Kokosnuss erinnerte. Er trug eine knielange Pumphose mit roten und gelben Längsstreifen, aber weder Strümpfe noch Schuhe. Seine Unterschenkel waren von Kratzern und Insektenstichen übersät und an seinen Füßen klebte Schlamm.

»Sie fressen mich bei lebendigem Leibe auf!«, rief der andere und kratzte sich hektisch an Hals und Armen. Was er anhatte, konnte man nur noch als Lumpen bezeichnen: ein Hemd, eine Hose (oder was davon übrig geblieben war) und uralte Ledersandalen. »Das sind die schlimmsten Mücken, die ich jemals erlebt habe!«

Der andere Junge nickte nur und lief los. Der in Fetzen gekleidete Junge folgte ihm.

Am Ende des Flurs angelangt, schoben sie den schweren Vorhang beiseite, der den Flur vom Verkaufsraum trennte. Sie durchquerten ihn, und nachdem sie sich vergewissert hatten, dass auf der Straße niemand war, rannten sie nach draußen und schlugen die Richtung zum Strand ein.

»Ich halte es nicht mehr aus!«, rief der Junge in Lumpen und riss sich diese im Laufen vom Leib. Bei besserem Licht hätte man auf seiner blassen Haut die vielen kleinen, geröteten Schwellungen erkennen können. Er kletterte über die Bretterstapel am Rande der Küstenstraße und rannte über den kalten Sand. Nur knapp wich er einem Sessel und einer quer stehenden Bank aus.

Endlich stürzte er sich ins Meer.

Der andere bewegte sich langsamer. Er nahm den verbeulten Helm ab, fuhr sich mit der Hand durch das rote Haar und ging gemächlich aufs Wasser zu. »Geht es dir jetzt besser?«, fragte er, als der andere wieder auftauchte.

»Sie haben mich beinahe in den Wahnsinn getrieben!«

»Im Urwald gibt es eben Insekten.«

»Ja schon, aber …« Der Junge sah zu dem würfelförmigen, mit geschnitzten Schmuckbändern verzierten Gebäude der Konditorei Chubber hinüber. »Ich hätte nie gedacht, dass sie derartig ausgehungert sind. Sieh nur, wie viele Stiche ich habe!«

Der Rothaarige gähnte. Während er darauf wartete, dass sein Freund aus dem Wasser kam, rieb er sich die müden Augen. »Können wir jetzt gehen?«, fragte er schließlich. »Ich bin so müde, dass ich gleich umfalle.«

Der andere nickte. Er sammelte seine Lumpen auf, klopfte den Sand heraus und zog sie wieder an. Schweigend gingen die beiden Freunde die Hauptstraße hinauf.

Plötzlich erklang ein Geräusch. Tlang!Es schien aus dem Inneren der Konditorei zu kommen.

»Hast du das gehört?«, meinte der Rothaarige und blieb stehen.

Der Schrei einer Möwe. Das leise Rauschen der Wellen.

Ansonsten war alles still.

»Was hätte ich hören sollen?«

Der Rothaarige gab dem anderen Jungen ein Zeichen, stehen zu bleiben und auf ihn zu warten. Leise schlich er zum Schaufenster der Konditorei.

Die Hauptstraße führte hinauf zum Zentrum von Kilmore Cove und dann weiter nach oben, bis zu dem verlassenen Bahnhof. Alle Fensterläden waren geschlossen, nur in den Fenstern der Tierklinik leuchtete vereinzelt das flackernde Licht von Kerzen und Öllampen. Hier waren nach der Flut die zahlreichen Verletzten untergebracht worden. Und weil es im ganzen Ort keinen Strom mehr gab, hatte man auf andere Beleuchtungsmittel zurückgegriffen.

Obwohl die Konditorei an einer Straßenecke lag, hatte sie die Flut einigermaßen unbeschadet überstanden.

Tlang!

Wieder kam aus dem Inneren des Gebäudes dieses Geräusch.

Die beiden Jungen wechselten einen Blick und kehrten in die Konditorei zurück. Auf der Ladentheke bewegte sich etwas.

»Ich fasse es nicht!«, rief der Rothaarige aus.

»Wie kann er uns nur bis hierher gefolgt sein?«, fragte der andere ungläubig.

Auf einem der Silbertabletts saß ein pelziges Etwas, das so zufrieden aussah, als habe es gerade die köstlichste Puddingfüllung von ganz Großbritannien aufgeleckt.

Ein kleiner Puma.

»Er muss, kurz bevor wir die Tür geschlossen haben, noch durchgeschlüpft sein!«

Das Puma-Junge sprang von der Theke herunter und rieb sich glücklich an den Beinen des in Lumpen gekleideten Jungen.

»Das glaub ich nicht!«, seufzte dieser und ließ sich gegen den Türrahmen fallen.

»Tja, erst die Insekten und dann noch der hier …«, sagte der Rothaarige und setzte seinen Helm wieder auf. »Ich beginne mich zu fragen, ob diese Zeitreisen vielleicht doch nicht so dein Ding sind.«

»Was machen wir jetzt bloß mit dem?«, fragte sein Freund und betrachtete sorgenvoll den kleinen Puma, der vor seinen Füßen auf dem Boden herumrollte.

»Na ja, hier in der Konditorei kannst du ihn schlecht lassen«, erwiderte der andere. Er hockte sich hin und packte den kleinen Puma blitzschnell an einer Pfote. Dieser zeigte die Krallen, beruhigte sich aber bald wieder. Er schien vor den Jungen keine Angst zu haben.

»Brav, Kleiner. Jetzt bringe ich dich zu deinem neuen Herrchen.«

»Ich bin nicht sein Herrchen«, protestierte der in Lumpen gekleidete Junge. Trotzdem hatte er im nächsten Augenblick den Puma im Arm. »Rick, bitte, ich will ihn nicht haben! Ich weiß überhaupt nicht, was ich mit einem Tier anfangen soll.«

Der Puma schmiegte sich schnurrend an ihn.

Der Junge mit dem zerbeulten Helm grinste. »Aber offenbar mag er dich, Tommi.«

Kapitel 2

Am Bahnhof

»Aber nicht einmal im Traum!«, donnerte Black Vulcano, kaum dass Rick Banner und Tommaso Ranieri Strambi über seine Türschwelle getreten waren. Der verlassene Bahnhof von Kilmore Cove bestand aus einer großen verglasten Halle im viktorianischen Stil, in deren Innerem von allein ein kleiner Wald gewachsen war. Black Vulcano, der ehemalige Stationsvorsteher, hatte zwar hier und da etwas gekürzt und beschnitten und nur Efeu und Dornenranken entfernt, aber die Bäume stehen lassen.

Vor dem Fahrkartenschalter, wo früher ein gefliester Fußboden gewesen war, hatte sich ein weicher Moosteppich gebildet.

»Hör mal, Black …«, meinte Rick seufzend.

»Nein, ihr solltet lieber mir zuhören! Ich bin müde und mir ist kalt. Verdammt kalt. Und außerdem habe ich eine Katzenallergie. Wenn ihr hier reinwollt, müsst ihr das Tier draußen lassen.«

»Aber es ist ein Puma!«

»Auch wenn es ein Känguru wäre: Es haart und deshalb kommt es mir nicht ins Haus!«

Als ob er verstanden hätte, dass sie von ihm sprachen, schmiegte sich der junge Puma noch enger an Tommaso. Es schien, als bemühe er sich, niedlich auszusehen.

»Du machst es dir leicht«, flüsterte Tommaso dem Tier zu.

Black sah Rick streng an. »Überhaupt frage ich mich, warum ihr diesen verflixten Puma eigentlich mitgenommen habt.«

»Wir haben ihn nicht mitgenommen. Er ist uns gefolgt. Besser gesagt: Er ist ihmgefolgt.«

Tommaso lächelte verlegen. »Es tut mir leid. Ich weiß wirklich nicht, was ich mit ihm machen soll.«

Black schnaubte und fluchte. Nach einer Weile trat er aber doch beiseite, um sie hereinzulassen. »Schaut mal, ob er hier unten bei den Pflanzen bleibt. Aber in mein Wohnzimmer kommt er mir auf gar keinen Fall!«

Sie durchquerten den früheren Bahnhofswartesaal. Im Mondlicht sah das Innere mit seinen Bäumen und Farnen noch unwirklicher aus als tagsüber.

Black ging voraus. Mit seiner kurzen Hose und den dicken Fellpantoffeln gab er eine seltsame Erscheinung ab. Er öffnete eine Tür, die gegenüber dem Zugang zu den Gleisen lag, und stieg die Treppe ins obere Stockwerk hinauf.

»Keine Katze!«, erinnerte er Tommaso, ohne sich umzudrehen.

Der Junge erwiderte nichts. Er brauchte eine Weile, bis er die Krallen des Pumas von seinem Hemd gelöst hatte. Dann setzte er das Tier zwischen den Bäumen ab und lief zu der Tür, die Rick sofort hinter ihm schloss.

Sie hörten das Puma-Junge jaulend an der Tür kratzen, widerstanden jedoch der Versuchung, ihm aufzumachen. Stattdessen folgten sie Black die Treppe hinauf.

Aus der halb offenen Tür drang helles Kerzenlicht.

»Dürfen wir reinkommen?«, fragte Rick, als sie den Treppenabsatz erreicht hatten.

Als sie die Tür ganz öffneten, schlug ihnen eine Wolke aus intensiv nach Eukalyptus riechendem Wasserdampf entgegen. Die beiden mussten sofort husten. Ohne auf eine Antwort zu warten, betrat Rick das Zimmer. Mitten im Raum standen zwei große, mit heißem Wasser gefüllte Wannen. Black war bereits aus seinen Pantoffeln geschlüpft und hatte seine Füße in einen der Behälter getaucht. Der andere war für Julia Covenant.

Julia saß mit geschlossenen Augen auf der Vorderkante eines alten, durchgesessenen Sofas und atmete konzentriert den heilsamen Dampf ein, der von ihrer Wanne aufstieg. Sie hatte sich in eine karierte Wolldecke gewickelt, und sogar im schwachen Kerzenlicht konnte man sehen, dass sie zitterte.

»Julia!«, rief Rick und sie schlug die Augen auf. Er ging ein wenig verlegen auf sie zu, setzte sich neben sie und legte ihr einen Arm um die Schultern. Eine liebevolle, aber für einen so zurückhaltenden Jungen wie ihn auch eine ziemlich mutige Geste. »Wie ist es gelaufen?«

»Ach«, murmelte sie und rückte ein wenig näher an ihn heran. »Es war eine ziemliche Katastrophe, würde ich sagen.«

Tommaso war noch ein paar Sekunden lang auf dem Treppenabsatz stehen geblieben, um zu lauschen. Als das Kratzen und Jaulen leiser wurde, kam auch er ins Wohnzimmer und suchte sogleich nach etwas zum Trinken.

»Auf dem Tisch steht eine Teekanne. Die silberne da«, sagte Black zu ihm. »Ich glaube kaum, dass du dir eine derartige Eiseskälte überhaupt vorstellen kannst«, meinte er zu Rick, während er sich eine Decke um die Beine wickelte und sich den Bart rieb. »Ich bin mir sicher, dass wir an dem Ort waren, an dem man sie erfunden hat.«

»Haaaatschiii!«, nieste Julia, so als wolle sie Blacks Behauptung bekräftigen, und lehnte den Kopf zurück.

Rick legte ihr eine Hand auf die Stirn. Sie glühte.

Offenbar war es keine gute Idee gewesen, sie und Black durch jene Tür zur Zeit zu schicken, die sich im Keller des Leuchtturms von Kilmore Cove befand. Diese Tür führte nach Thule, eine sagenumwobene Insel im prähistorischen Sibirien, die in einer Region gelegen haben soll, die heute als Franz-Josef-Land bezeichnet wird. Dort herrschten arktische Temperaturen.

»Habt ihr irgendeine Spur von Nestor gefunden?«, fragte Rick hoffnungsvoll.

Black Vulcano massierte sich unter Wasser die Zehen. »Ach was, nicht einmal die Spur einer Spur. Nichts als Schnee, Wind und Eis.«

Tommaso goss sich eine Tasse heißen Tee ein und griff nach einem Blatt, das neben der Teekanne auf dem Tisch lag. Darauf waren alle Traumorte mit den dazugehörigen Ausgangsstationen aufgelistet, die man mit den vorhandenen Schlüsseln erreichen konnte:

Thule – Keller des Leuchtturms

Eldorado – Flur der Konditorei Chubber

Venedig – Haus der Spiegel

Agarthi – Turtle Park

Der erste Eintrag auf der Liste, Garten des Priesters Johannes, war durchgestrichen worden: Black war bereits dort gewesen und hatte keinerlei Hinweise finden können, dass sich Nestor an diesem Ort aufgehalten hätte. Dann war da noch Atlantis, allerdings erschien es ihnen nach der Flut, die beinahe ganz Kilmore Cove ins Meer hinaus gespült hatte, klüger, diese Tür nicht mehr zu öffnen. Der Schlüssel mit der Katze, der in das Schloss von Miss Biggles’ Haustür passte, fehlte – ebenso wie die vier Schlüssel für den Eingang in der Villa Argo. Sie gingen davon aus, dass Ulysses – oder Nestor, wie sie ihn aus Gewohnheit immer noch nannten – sie mitgenommen hatte. Sie gehörten zu der versengten und zerkratzten Tür, durch die man zu dem unterirdischen See und dem Schiff Metis gelangte. Von dort aus konnte man zu allen Traumorten reisen.

Aber für welchen dieser Orte mochte sich Nestor nur entschieden haben? Er war losgezogen, ohne irgendjemandem Bescheid zu sagen oder eine Nachricht zu hinterlassen. Als seine Freunde am vorigen Abend in die Villa Argo zurückgekehrt waren, hatten sie dort die Schatulle mit den Schlüsseln vorgefunden. Aber die vier Schlüssel der Villa Argo fehlten – und sie hatten sofort begriffen, dass sich Nestor auf die Suche nach seiner Frau Penelope gemacht hatte. Vermutlich hatte er sofort beschlossen, nach ihr zu fahnden, als er erfahren hatte, dass sie noch lebte. Aber er war nicht mehr der Jüngste und auch nicht gut zu Fuß, und es gab keinen Traumort, an dem nicht eine Gefahr lauerte. Deshalb hatten sie noch am selben Abend entschieden, Nestor zu folgen und ihm bei der Suche nach Penelope zu helfen. Doch anscheinend hatte er sich in Luft aufgelöst.

»Durch die Tür im Keller des Leuchtturms gelangt man in den hinteren Teil einer Höhle …«, erzählte Black gerade.

»Haaaatschiii!«, unterbrach ihn Julia.

»… die in der Nähe eines Dorfes liegt, das von Riesen bewohnt wird«, fuhr der ehemalige Stationsvorsteher fort, während er das Mädchen besorgt ansah.

»Riesen?«, fragte Rick nach, der neugierig geworden war.

»Hyperboreer: hochgewachsene, sehr dünne Menschen mit blonden Haaren, die in Felle gekleidet sind, Amulette tragen und ihre Waffen aus Knochen anfertigen. Als Haustiere halten sie sich Mammuts …« Black warf Tommaso einen vielsagenden Blick zu. »Mammuts, die es zum Glück vorgezogen haben, uns nicht zu folgen.«

»Sehr witzig«, murmelte der Junge aus Venedig.

»Jedenfalls ist Nestor dort nicht vorbeigekommen«, schloss Black. »Und wenn er doch in Thule war, ohne das Dorf aufzusuchen, dann müsste er inzwischen zu einem Eisblock erstarrt sein.«

Alle schwiegen eine Weile. Tommaso strich auf der Liste zwei weitere Orte durch: Thule und Eldorado.

»Haaaatschiii!«, machte Julia nochmals. »Und … und ihr?«

»Wir haben uns fast von Insekten auffressen lassen«, antwortete Rick und kratzte sich reflexartig am Arm. »Und nachdem wir den schier undurchdringlichen tropischen Regenwald durchquert hatten, sind wir in die Goldene Stadt zurückgekehrt. Obwohl wir eigentlich gerade mit Voynich dort gewesen sind, hat uns die Stadt wieder unheimlich beeindruckt …«

»Ja, stimmt«, sagte Tommaso leise und sah auf einmal diesen verzauberten Ort vor sich. Die Goldene Stadt. Eine glänzende, glitzernde, prachtvolle Stadt, deren Gebäude mit Seilen und anderen Dingen verziert sind, sodass sie wie vornehme, Schmuck tragende Damen aussehen. Und dann die Türme am See und dieses eigenartige Rauschen, das Tausende und Abertausende von goldenen Blättern erzeugten, wenn der Wind durch sie fuhr …

»Jedenfalls«, berichtete Rick an Black Vulcano gewandt, »sind wir zu dem Konquistador gegangen, von dem du uns erzählt hast.«

»Lebt er denn noch?«

»Ja, doch. Er war quicklebendig.«

Der alte Eisenbahner rieb sich die Hände, bis sie ganz rot waren. »Der gute alte Francisco Bizarro de la Vega. Der faulste Eroberer der Geschichte! Weißt du, was er uns einmal erzählt hat?«, erinnerte Black sich grinsend. »›Warum soll ich noch einmal durch den Dschungel und dann nach Spanien zurück, wenn ich in aller Ruhe hierbleiben und im Goldenen See angeln kann?‹«

»Ein wahrer Philosoph, dieser Mann.«

»Genau. Nur leider hat er dann …« Black beendete den Satz nicht.

»Was dann?«

»Ach, lassen wir das lieber. Das sind böse Erinnerungen an schlimme Leute. Was hat er euch denn erzählt?«

»Dass er Ulysses Moore schon seit Jahren nicht mehr gesehen hat – und auch keinen anderen von euch. Seit mindestens zehn Jahren.«

»Zwölf«, präzisierte Black.

Wieder wurde länger geschwiegen und in der Stille hörte man den jungen Puma maunzen. Offenbar beschäftigte er sich mit den Bäumen unten in der Wartehalle.

»Was sind das für Geräusche?«, fragte Julia überrascht.

»Tommasos Puma«, erwiderte Rick mit einem amüsierten Blick auf seinen Freund.

»Er ist uns heimlich gefolgt«, erklärte Tommaso.

»Ein junger Puma? Aber das ist doch wunderbar!«, rief Julia begeistert. »Warum habt ihr ihn denn nicht hier rauuuu – tschiii?«

»Das kommt gar nicht infrage!«, schaltete Black Vulcano sich ein. »Und wehe, er zerbricht mir da unten eine Glasscheibe!«, fügte er vorwurfsvoll an Tommaso gewandt hinzu.

»Im Grunde gibt es drei Möglichkeiten«, fasste Rick nachdenklich zusammen. »Erstens: Nestor befindet sich an keinem der Plätze, die man mit unseren Schlüsseln erreichen kann, sondern irgendwo, wo man nur mit der Metishinkommt. Zweitens: Er ist zwar an einem der Orte vorbeigekommen, aber die Leute, die wir gefragt haben, haben ihn nicht gesehen …«

»Und drittens?«, fragte Tommaso.

»Drittens besteht die Möglichkeit, dass Nestor sie dazu gebracht hat, uns zu verschweigen, dass er dort war«, antwortete Julia an Ricks Stelle.

»Warum hätte er so etwas denn tun sollen?« Tommaso wirkte immer verwirrter.

Black schüttelte den Kopf. »Das alte Hinkebein ist mir schon immer ein Rätsel gewesen.« Wütend schlug er mit der Faust auf das Wasser in seiner Wanne. »Er könnte sonst wohin gegangen sein. Und wenn ich sonst wohin sage, dann meine ich tatsächlich … sonst wohin.«

Die Anwesenden wechselten betroffene Blicke.

»Okay, belassen wir es dabei«, fuhr Black nach einer Weile fort. »Jetzt gehen wir erst einmal alle schlafen. Und morgen fahren wir mit unseren Nachforschungen fort.«

»Darf ich hier übernachten?«, erkundigte sich Tommaso gähnend.

»Klar«, erwiderte Black knapp. »Aber morgen zieht der Puma hier aus. Notfalls muss er eben in seinen Urwald zurück.«

Rick half Julia aufzustehen. »Alles in Ordnung mit dir?«, fragte er besorgt.

Julia nickte bibbernd und schmiegte sich enger an ihn.

Rick gab ihr einen zarten Kuss auf die Stirn. »Ich bringe dich nach Hause«, sagte er sanft.

Als Julia warm genug angezogen war, um hinaus in die kalte Nacht zu gehen, verabschiedeten sich die beiden von den anderen.

Doch Black nahm gar nicht wahr, dass die Kinder das Bahnhofsgebäude längst verlassen hatten. »Er könnte sonst wo sein …«, murmelte er immer wieder vor sich hin. Er schien auch gar nicht zu merken, dass sein Fußbad nur noch lauwarm war.

 

Kapitel 3

Die Geheimnisvolle Insel

Schwarzer Sand, mit dunkelvioletten Muscheln übersät, so weit das Auge reichte. Ein metallisch-grauer Himmel. Ein stetiger, eisiger Nordwind, der die Palmen der Insel verkrüppelt und verbogen hatte.

Nestor fuhr sich mit der Hand durchs Haar und verzog den Mund.

Diese verfluchte Insel sah noch wesentlich ungemütlicher aus, als er sie in Erinnerung gehabt hatte.

Als er mit größerem Kraftaufwand die hellblau lackierte Tür aufgedrückt hatte, konnte er sofort das Rauschen des Meeres hören, das Heulen des Windes, der den Sand aufwirbelte, und die schrillen Schreie der Vögel. Lauschend war er auf der Schwelle stehen geblieben.

Sei vorsichtig, hatte er sich gesagt. Er hatte keine Waffen dabei, um sich gegen eventuelle Angriffe zu verteidigen. Und er hatte keine Ahnung, was ihn erwarten würde.

Schließlich war er über die Schwelle getreten, hatte sich umgedreht und die Tür angesehen, einen großen Stein genommen und ihn so zwischen Rahmen und Tür gelegt, dass sie nicht zuschlagen konnte. Denn verlassen konnte man die Insel nur durch diesen Eingang.

Es war heiß. Eine schwüle, stickige, tropische Hitze. Er zog seinen Pullover aus und ging los, durch das Gewirr von Gräsern und Pflanzen, die sich in der Ruine angesiedelt hatten. Das Haus war im 17. Jahrhundert erbaut worden und von den einst verputzten Wänden waren nur noch nackte, bröckelnde Mauerreste übrig.

An einer Wand sah er eine eingestürzte, offene Feuerstelle und darüber einen Spiegel.

Und unzählige Kritzeleien.

Hineingekratzte Worte und Flüche. Unverständliche Worte. Seltsame Zeichnungen, die mit einem spitzen Stein oder einer Metallspitze hineingeritzt worden waren.

Festgehaltene Wutausbrüche. Hasserfüllte Graffitis.

Er blieb stehen und überlegte lange, ob es nicht klüger wäre umzukehren. Er konnte sich denken, wer für diese Graffitis verantwortlich war.

Zwischen all den Flüchen und Worten hatte er auch seinen Namen entdeckt: Ulysses Moore.

Er war unterstrichen und von Kreuzen eingerahmt. Es waren Kreuze, wie man sie auf dem Lageplan eines Friedhofs sehen konnte. Auch die Namen der anderen standen da: Penelope, Peter, Black und Leonard. In großen, eckigen Buchstaben. Und der Totenschädel mit den gekreuzten Knochen, der unter der Liste der Namen stand, konnte nur eines bedeuten: Rache.

Wehe, wenn du es gewesen bist, dachte Nestor. Ohne weiter zu zögern, war er aus der Ruine hinaus ins Freie gegangen.

Weil das Geräusch der Wellen, die auf den Strand aufschlugen, und das Heulen des Windes hier wesentlich lauter waren als in der Ruine, hatte Nestor nicht gehört, wie die Tür zur Zeit zugeschlagen war. Jemand hatte den Stein beiseitegeschoben, der sie offen gehalten hatte.

Ich hätte eine Waffe mitnehmen sollen, dachte Nestor, während er am Strand entlanghinkte. Etwas, das ihn gefährlicher aussehen ließ, falls er ihn traf. Einen Degen oder eine Pistole … Lieber eine Pistole, wenn er an das dachte, was letztes Mal passiert war.

Doch er hatte keine Waffe dabei. Er war überstürzt aufgebrochen, mit nichts als Notizbüchern und kleinen Holzschiffen im Rucksack, den Kopf voller wirrer Ideen.

Zuerst hatte er auch überlegt, die Schatulle mit den Schlüsseln mitzunehmen, um die anderen daran zu hindern, ihm zu folgen. Doch dann war er wieder von diesem Gedanken abgekommen. Sollten sie doch machen, was sie wollten, hatte er sich gesagt, das war schließlich nicht sein Problem. Nichts und niemand konnte ihn mehr von seinem Ziel abbringen: Er wollte Penelope finden, koste es, was es wolle.

Und außerdem reiste er ohnehin am liebsten mit leichtem Gepäck.

Auf jeden Fall aber war er naiv gewesen. Er hatte gehandelt, ohne vorher nachzudenken oder sich einen Plan zu überlegen. Und um ehrlich zu sein, hatte er gar nicht vorgehabt, sich zu dieser Insel bringen zu lassen. Er hatte sich erst im letzten Augenblick dazu entschlossen: In dem Moment, in dem er sich an Bord der Metis befunden und die Finger um die Knüppel des Steuerrads gelegt hatte, war ihm ein äußerst beunruhigender Gedanke gekommen.

Und nun war er also hier.

Jenseits der Reihe der bogenförmig gekrümmten Palmen lag das Meer, das in diesem Augenblick wie eine riesige Schlammlache aussah. Die Strandgräser waren nass: Vor Kurzem musste ein tropisches Gewitter vorbeigezogen sein.

Nestor stieg über einen angespülten Baumstamm und ging zu anderen entwurzelten Bäumen hinüber, die von der Sonne so ausgebleicht waren, dass sie an Walskelette erinnerten.

Er fragte sich, ob er ihn wohl gerade beobachtete.

Lebte er noch?

Und Penelope?

Ein Vogel stieß einen Schrei aus. Erschrocken sah Nestor sich um. Dann ging er weiter. Hinter einer Landzunge stieß er auf die Überreste eines verlassenen Dorfes. Alte, eingestürzte Holzhütten. Ein Bootsanlegesteg. Zehn verrostete Glieder einer Ankerkette.

Während Nestor von Palme zu Palme schlich, schaute er sich ständig nach allen Seiten um. Ihm fielen die zahllosen Löcher im Sand auf – Eingänge zu den Unterschlüpfen von Krebsen. Nach einer Weile lehnte er sich erschöpft und leise fluchend gegen eine Palme.

Ich bin zu alt für diese Art von Abenteuern, sagte er sich. Und zu ungeduldig.

Er beschloss, lieber auf übertriebene und anstrengende Vorsichtsmaßnahmen zu verzichten, und ging ganz normal weiter. Wenn an diesem gottverlassenen Ort außer ihm noch jemand anders sein sollte, dann war es wohl besser, ihm gleich zu begegnen. Gleichgültig, ob dieser jemand nun er war – oder Penelope.

Während er weiterging, versuchte er, sich die Form der Insel und die Positionen der alten Siedlungen ins Gedächtnis zu rufen. »Das dort müsste das verlassene Piratendorf sein und somit …«

Er drehte sich um, weil er ein Geräusch gehört hatte.

Er lauschte angestrengt. Aber alles, was er hörte, war der eigene Herzschlag, der in seinen Ohren pochte.

»Hey!«, rief er wütend. »Ich weiß, dass du da bist.«

Doch es kam keine Antwort. Die Wedel der Palmen wiegten sich im Wind. Vielleicht war nur eine Kokosnuss hinuntergefallen. Das Geräusch könnte auch von einem Tier gewesen sein, einem Vogel oder Affen, die oben in den Palmen saßen, oder vielleicht …

»Bleib jetzt ruhig«, sagte er leise zu sich selbst. »Rede dir nichts ein.«

Nestor krempelte sich die Ärmel hoch. Er hatte angefangen zu schwitzen. Dann nahm er seinen Rucksack ab und holte die Notizbücher heraus. Er versuchte, sich zu erinnern, ob in einem davon eine Karte der Insel war.

Er nahm sich ein paar Minuten Zeit, um die Bücher durchzublättern, die ihm geblieben waren. Er stieß auf Notizen zum Land Punt, zu Atlantis, Thule und Eldorado … und hatte schließlich Glück: In einem der Hefte war ein Entwurf für eine Karte jener Insel, die sie immer nur »Geheimnisvolle Insel« genannt hatten.

Der alte Mann musste lächeln, als er diese Aufzeichnungen durchsah. Sie waren nicht von ihm gemacht worden, sondern von Penelope.

Er stand auf und packte alles wieder ein, außer dem Notizbuch mit der Karte, das er aufgeschlagen in der Hand hielt, während er am Strand entlang wieder in die andere Richtung ging, am Piratendorf vorbei. Er passierte mehrere umgestürzte Bäume und eine weitere Landzunge mit einem niedrigen, mit Muscheln übersäten Riff. Er erreichte den nächsten Strand, der die Form einer großen, offenen Klammer hatte.

Nestor wusste, dass er schon fast am Ziel war.

Er zog Schuhe und Strümpfe aus und ging ein paar Schritte weit ins seichte Wasser hinein, um jenseits der Palmenreihe weitere markante Punkte des Inselinneren zu erspähen.

Das Wasser war trüb und kalt. Die Strömung spülte Muschelschalen an, die an seinen Füßen kitzelten.

Als das Wasser ungefähr hüfthoch war, blieb er stehen. Er wusste, ab welchem Punkt man von der Strömung hinaus ins offene Meer gerissen wurde. Als er den Kopf in den Nacken legte, sah er den Kegel des Vulkans. Er thronte in ungefähr einem Kilometer Entfernung über dem Wald.

Mit einem Blick auf die Karte vergewisserte er sich, dass es zum Gefängnis des Gouverneurs nicht mehr weit war.

Nachdenklich kehrte er zum Ufer zurück. Er sammelte Schuhe und Strümpfe ein, während kleine Krebse in alle Richtungen vor ihm flohen. Die Wellen rollten über seine Fußspuren hinweg und löschten sie aus.

Kapitel 4

Ein böses Erwachen

»Es brennt!«, schrie Jason Covenant und wachte schweißgebadet auf.

Es dauerte einige Sekunden, bevor ihm bewusst wurde, dass er sich in seinem Zimmer in der Villa Argo befand.

Sein Herz raste und er erinnerte sich an ein beklemmendes Gefühl von Furcht. Doch er wusste nicht mehr, wovor er Angst gehabt hatte, denn als er aufgewacht war, hatte er den Albtraum schon wieder vergessen. Vergeblich versuchte er, ihn sich wieder ins Gedächtnis zu rufen.

Jetzt erst merkte er, dass er sich im Schlaf seine Kleider ausgezogen hatte. Sie lagen zusammengeknüllt am Fußende. Als er unter die Bettdecke kroch, um sie zu holen, verspürte er plötzlich entsetzliche Schmerzen am Rücken.

Er wartete einige Sekunden lang reglos ab, doch von allein ließ der Schmerz nicht nach. Also streckte er sich aus, schloss die Augen und verschränkte die Arme vor der Brust.

Von seiner Reise nach Agarthi wusste er nicht mehr allzu viel. Doch sein Körper schien sich noch sehr gut daran erinnern zu können. Nach seiner Rückkehr war er von der körperlichen Anstrengung und der Kälte so ausgelaugt gewesen, dass er nicht mehr in der Lage gewesen war, den anderen bei der Suche nach Nestor zu helfen. Stattdessen war er ins Bett gefallen und eingeschlafen.

Jason wartete, bis es ihm besser ging, und angelte dann nach seinem Pyjama. Ein paar Sekunden später setzte er sich vorsichtig auf.

Mit schleppenden Schritten ging er zum Fenster und öffnete die Fensterläden. Wie spät mochte es wohl sein? Vielleicht war es bereits Vormittag.

Hinten am Horizont sammelten sich dunkle Wolken, aber über Kilmore Cove schien die Sonne. Über den Bäumen des Gartens der Villa kreisten Möwen. Das Meer glitzerte im Sonnenschein. Und es stank nach Rauch.

Nach Rauch und Verbranntem.

Nach Rauch, Verbranntem … und nach Benzin.

Er rieb sich die Augen und sah zu dem hinüber, was von Nestors Gärtnerhaus übrig geblieben war: ein Skelett aus verkohlten Balken. Und viel Asche. Überall Asche, die der Wind herumwirbelte und über den ganzen Garten verteilte.

Erst jetzt fiel es ihm wieder ein: Am gestrigen Tag hatte Bowen die Villa Argo in Brand gesteckt – oder es zumindest versucht. Dann hatte der Doktor im Haus mit dem Ersten Schlüssel die Tür zur Zeit geöffnet. Er war bis zur Brücke mit den steinernen Wächtern hinuntergegangen. Aufgrund einer unglücklichen Verkettung von Umständen war er dort in den tiefen Abgrund gestürzt, der die Gänge in den Klippen mit dem unterirdischen Labyrinth verband. Die anderen hatten es Jason nach seiner Rückkehr aus Agarthi so erzählt.

»Na ja, kein wirklich großer Verlust …«, murmelte der Junge. »Jason?«, hörte er plötzlich hinter sich Julia. Er drehte sich nach ihr um: Sie stand in der halb geöffneten Tür. »Hallo, Schwesterchen!«

»Bist du schon wach?«

»Ich glaube, schon. Los, komm rein.«

Das Mädchen schloss die Tür hinter sich. »Wie geht es dir?«

»Hm, ging mir schon mal besser. Mir ist so komisch wirr im Kopf und alles tut weh.«

»Das ist der Preis für deinen Ausflug nach Agarthi. Du hättest dich vielleicht etwas wärmer anziehen sol… haaatschiii!«