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ISBN 978-3-649-61245-2 (eBook)

eBook © 2013 für die deutschsprachige Ausgabe

Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG, Münster

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise

eBook-Produktion: book2look Publishing 2013


ISBN 978-3-649-61055-7 (Buch)

© 2012 für die deutschsprachige Ausgabe

Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG, Münster

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise

Text by Pierdomenico Baccalario

Original cover and illustrations by Iacopo Bruno

Graphics by Iacopo Bruno

© 2010 Edizioni Piemme S.p.A. Via Tiziano 32 – 20145 Milan – Italy

International Rights © Atlantyca S.p.A., Via Leopardi 8 –

Original Title: Ulysses Moore – Il Paese di Ghiaccio

Translation by: Cornelia Panzacchi

www.ulyssesmoore.it

No part of this book may be stored, reproduced or transmitted in any form or by any means, electronic or mechanical, including photocopying, recording, or by any information storage and retrieval system, without written permission from the copyright holder. For information address Atlantyca S.p.A., Via Leopardi 8 – 20123 Milan, Italy – foreignrights@atlantyca.it –

www.atlantyca.com

Redaktion: Isabelle Ickrath

Satz: Sabine Conrad, Rosbach

www.coppenrath.de

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Kapitel 1

Der Schiffbrüchige

Es war überall nur Wasser zu sehen, so weit das Auge reichte. Eine endlose bleigraue Fläche. Aber sie war nicht glatt: Unendlich viele Wellen hoben und senkten sich unendlich oft, hoben und senkten sich, hoben und senkten sich …

Eine plötzliche Bewegung unterbrach diese Eintönigkeit. Etwas Weißes. Eine Möwe mit ausgebreiteten Flügeln. Ein krächzender, schriller Schrei. Dann ein Platschen: Die Möwe war ins Wasser getaucht, um sich einen Fisch zu schnappen.

Der graue Himmel war jedoch noch viel eintöniger als das Meer. Die dicke Wolkendecke filterte das Licht der Sonne wie ein Vorhang.

Tommaso Ranieri Strambi brauchte eine Weile, um zu begreifen, dass er diese Landschaft nicht in einem Film sah, sondern dass sie real war. Und dass er mittendrin steckte. Besser gesagt, er schwamm in dem dunklen, eiskalten Wasser.

In den Wellen, die sich mit ihm hoben und senkten.

Wieder hörte er das schrille Krächzen. Dieses Mal war es weiter entfernt. Er sah die Möwe wieder auffliegen, mit einem zappelnden Fisch im Schnabel. Und auf einmal war alles noch viel echter als vorhin, denn eine Welle überspülte ihn und er geriet mit dem Kopf unter Wasser.

An die Stelle des Himmels war eine flüssige, dunkle Masse getreten. Es wurde für Tommaso immer mühsamer, gegen das Gewicht der mit Wasser vollgesogenen Kleidung anzukämpfen, das ihn in die Tiefe zog.

Er hob den Kopf und sah über sich viele kleine Inseln, die an der Meeresoberfläche schwammen. Er kniff die Augen zusammen und erkannte schwimmende Bücher. Einen Koffer. Einen Schaukelstuhl. Ein Tischchen. Er merkte, dass die Gegenstände kleiner wurden, je tiefer er sank.

Wenige Meter von ihm entfernt blitzten kurz die silbrigen Schuppen eines Fischs auf, der sofort wieder in der Tiefe verschwand. Aber war es wirklich ein Fisch gewesen? War es dafür nicht viel zu groß? Eigentlich hatte es mehr wie ein Klavier ausgesehen, ein großer Flügel. Ein Konzertflügel? Doch hier, im Meer?

Als wäre plötzlich ein Schalter angeknipst worden, brachen Tommasos Erinnerungen über ihn herein. Die Welle, die in Kalypsos Buchladen über ihm zusammengestürzt war. Eine Flut, die ihn mit sich gerissen hatte. Einen Augenblick zuvor hatte Tommaso noch versucht, die Flints davon abzubringen, eine Tür mit dem Schlüssel, der einen Griff in Form eines Wals hatte, zu öffnen. Es war vergeblich gewesen.

Er zwang sich dazu, die Arme zu bewegen. Gleichzeitig holte er mit Beinen und Rücken Schwung und fand sich einen halben Meter weiter oben wieder. Einen Augenblick lang hörten die Gegenstände, die über seinem Kopf an der Oberfläche trieben, zu schrumpfen auf.

Tommaso wiederholte den Bewegungsablauf. Erst einmal und dann immer häufiger und kräftiger. Er verspürte den Drang, seine Lunge mit Luft zu füllen.

Während er zur Oberfläche schwamm, fiel ihm wieder ein, wie ihn das Wasser in die Höhe gehoben hatte und er durch die Luft gewirbelt worden war. Er erinnerte sich an ein Durcheinander von Armen und Beinen und daran, dass es nicht nur seine eigenen gewesen waren. Auch die drei Flint-Cousins waren in den Strudel geraten. Genauso wie das Mädchen, das Kalypso im Laden vertrat. Wie hatte sie geheißen? In Ulysses Moores Büchern hatte er ihren Namen nie gelesen.

Inzwischen konnte er schon die Sonnenstrahlen sehen, spürte aber noch nicht ihre Wärme. Seine Lunge brannte und seine Augen taten ihm weh.

Wie war er bloß ins offene Meer geraten?

So genau konnte er sich nicht mehr daran erinnern, aber er nahm an, dass ihn die mächtige Welle gemeinsam mit den Dingen, die jetzt über ihm im Wasser trieben, hinaus in die Straßen von Kilmore Cove gespült haben musste. Er erkannte die Tischchen der Gaststätte am Strand wieder und auch deren Stühle und Sonnenschirme. Zwischen ihnen schwammen auch noch ganz andere Dinge herum: Schirme, eine Melone, zwei Nachtschränkchen, eine Lampe, Decken und Teile von Möbeln.

Mit einem Schrei durchbrach Tommaso die Wasseroberfläche. Er riss den Mund auf und sog gierig die Luft ein. Als er wieder zu Kräften gekommen war, ließ er sich mit ausgebreiteten Armen und Beinen auf dem Rücken treiben. Plötzlich wurde ihm bewusst, dass er tatsächlich noch lebte, und er bekam einen Lachanfall.

Er sah sich um und konnte ringsherum nur das Meer sehen. Nirgendwo war eine Küstenlinie oder ein Schiff zu erkennen. Nur Wasser, wohin er auch schaute. Doch in wenigen Metern Entfernung schwamm ein großer Lederkoffer wie eine Boje halb über und halb unter der Wasseroberfläche.

Seltsamerweise kam ihm der Koffer bekannt vor. Er erinnerte sich daran, dass er in den letzten wirren, dunklen Augenblicken an etwas hängen geblieben war, das sich gleichzeitig massiv und weich angefühlt hatte. Es hatte ihn vor Stößen bewahrt und ihn in dem Wirbel, der ihn mit sich gerissen hatte, an der Oberfläche gehalten.

Mit ein paar Schwimmstößen erreichte er den Gegenstand, der ihm vermutlich das Leben gerettet hatte. Er war beinahe so groß wie er selbst. Tommaso kletterte hinauf. Der Koffer sank ein paar Zentimeter tiefer ins Wasser, ohne unterzugehen.

Was für eine Katastrophe!, dachte Tommaso und betrachtete das Durcheinander umhertreibender Dinge. Anhand der Farbe des Wassers versuchte er herauszufinden, in welcher Richtung die Küste lag: In Landnähe war das Wasser gewöhnlich trüber und es schwamm mehr darin herum. Dann sah er zur Sonne hinauf, aber es gelang ihm nicht, von ihrem Stand die Tageszeit abzulesen.

In Gedanken ging er all das durch, was er in den letzten Tagen erlebt hatte. Er dachte an seine Eltern in Venedig und daran, dass sie sich wohl inzwischen furchtbare Sorgen um ihn machten. Dann dachte er an Anita, die irgendwo in den Pyrenäen herumirrte. Und schließlich an Julia.

Als an seinem Kofferboot ein Kleiderbügel vorbeischwamm, fischte er ihn aus dem Wasser und setzte ihn als Ruder ein. Er versuchte, damit gegen die Strömung anzurudern und in die Richtung zu steuern, in der er das Festland vermutete.

Bald musste er feststellen, dass das Rudern auf offener See wesentlich anstrengender war als in der Lagune von Venedig. Jedes Mal wenn er eine kurze Pause einlegte, trieben ihn die Wellen unerbittlich wieder zurück.

Manchmal hörte er ein Plumpsen, das sich anhörte, als würde etwas ins Wasser fallen. Einen Augenblick lang fragte er sich, ob das, was ihm vorhin wie ein sinkender Konzertflügel vorgekommen war, vielleicht ein Meeresbewohner gewesen sein könnte. Ein Wal zum Beispiel. Oder ein großer Hai.

Es gibt hier gar keine Haie, beruhigte er sich. Doch dann fiel ihm ein, dass der Leuchtturmwächter von Kilmore Cove genau in diesem Meer von einem Hai angegriffen worden war. Zumindest hatte er das in den Büchern von Ulysses Moore gelesen.

Er schloss die Augen und schob sich das nasse, mit Sand verklebte Haar aus der Stirn. Dann ruderte er verbissen weiter.

Nach gut zehn Minuten merkte er, dass er vollkommen erschöpft war. In seinen Ohren pfiff es, und sein Kopf fühlte sich an, als würde er gleich platzen. Der Kleiderbügel rutschte ihm aus den Händen. Verzweifelt versuchte Tommaso, ihn wieder aus dem Wasser zu angeln, aber er war so kraftlos, dass er seinen eigenen Körper nicht mehr steuern konnte.

Erschöpft ließ er sich auf den Koffer sinken. Er umfasste ihn mit beiden Armen, um nicht ins Wasser abzurutschen, und sagte sich: »Nur einen Augenblick. Ich ruhe mich nur einen Augenblick lang aus, und …«

Und dann verlor er das Bewusstsein. Die Strömung trieb ihn auf dem schwarzen Koffer vor sich her.

Kapitel 2

Auf der Küstenstraße

Sechs Paar Beine liefen, so schnell sie konnten, auf der Küstenstraße nach Kilmore Cove hinunter. Weiter unterhalb, auf der Höhe des Hafens, ergoss sich der Strom aus Wasser und Schlamm ins Meer und nahm alles mit, was er auf den Straßen gefunden hatte. Das Wasser war in der Altstadt entsprungen und von dort in die Hauptstraße geflossen, die es augenblicklich in ein Flussbett verwandelt hatte.

Auf dem Hauptplatz stand das Wasser mindestens zwei Meter hoch und umspülte die Füße der Statue von William V. Die Häuser an der Promenade sahen aus, als wären sie ins Meer hineingebaut worden, und die Stühle, Sonnenschirme und Tische der Gaststätte am Strand waren zusammen mit Teilen der Terrasse einfach fortgespült worden. In der Bucht schaukelten umgestürzte Boote, abgerissene Stücke von Tauen und Netzen, und Tausend andere Dinge.

Die sechs Personen sprachen kein Wort miteinander. Ohne den Blick von der Verwüstung abwenden zu können, konzentrierten sie sich ganz allein darauf weiterzurennen, ohne langsamer zu werden.

Vorne an der Spitze der kleinen Gruppe befand sich Jason Covenant. Sein Haar war zerzaust, seine Kleidung zerrissen und völlig verdreckt. Doch trotz der Abenteuer und Strapazen der letzten Tage war sein Blick gefasst, und seine Bewegungen verrieten nicht die Müdigkeit, die ihm in den Knochen steckte.

Hinter ihm lief Anita Bloom, das Mädchen aus Venedig. Ihr langes schwarzes Haar wehte im Wind und ihre Augen waren angstvoll aufgerissen.

Es folgten Jasons Schwester Julia, die das Tempo der anderen halten konnte, obwohl sie so lange krank gewesen war, und Rick Banner, der seine Ausdauer wohl seinem beinahe schon professionellen Radfahrertraining verdankte.

Die beiden erwachsenen Männer, die das Ende der kleinen Gruppe bildeten, schienen etwas Mühe zu haben, sich nicht abhängen zu lassen. Nur zwei Tage zuvor hatten ihre maßgeschneiderten Anzüge noch sehr elegant ausgesehen und ihre Lederschuhe geglänzt, sie waren glatt rasiert und parfümiert gewesen. Inzwischen aber trug der Blonde (dem es gelang, vor dem anderen einen kleinen Vorsprung zu behaupten) stachelige Bartstoppeln. Seine Hose hing in Fetzen von seinem Körper, und die Schuhe sahen aus, als würden sie jeden Augenblick auseinanderfallen. Der andere hinkte beim Laufen ein wenig und hatte den rechten Ärmel seines Jacketts verloren. Das sonst so sorgfältig zum Lockenkopf frisierte Haar sah wie verstaubte graue Zuckerwatte aus.

Die Sträucher am Straßenrand bogen sich im Wind. Je näher die sechs dem Städtchen kamen, desto lauter wurde das Rauschen des Wassers, und allmählich konnten sie auch die Schreie der Bewohner von Kilmore Cove hören.

Als sie die letzte Kurve erreicht hatten, stoppte Julia abrupt. »Leute, halt! Wartet bitte kurz!«, bat sie. An den Stamm eines Baums gelehnt, rang sie mühsam nach Luft.

»Was ist denn? Wir sind doch fast schon da!«, sagte Jason verärgert und blieb widerwillig stehen.

Anstatt zu antworten, ließ Julia sich zu Boden fallen. »Ich kann nicht mehr … Mir platzt gleich die Lunge …«

»Wir sind doch nur die Straße hinuntergelaufen«, widersprach ihr Bruder.

»Ja, aber ich hatte praktisch bis vorhin Keuchhusten«, entgegnete Julia gereizt und bekam wie auf ein Stichwort einen heftigen Hustenanfall.

Die anderen standen im Halbkreis um Julia herum und warteten ungeduldig darauf, dass sie weiterlaufen konnte.

»Hey! Hört ihr das auch?«, fragte plötzlich Rick.

In der Ferne erklang eine Glocke. Die einzelnen Schläge wurden immer lauter und zahlreicher, als wollten sie vor einer drohenden Gefahr warnen.

»Das sind die Glocken von St. Jacob’s«, murmelte Jason. Dann klatschte er energisch in die Hände. »Los! Wir müssen nachschauen, was passiert ist.«

Doch der Mann mit der Zuckerwattefrisur wies mit dem Kinn auf Julia. »Nur die Ruhe, Junge. Ich finde auch, wir können eine kurze Pause gebrauchen.«

Die Augen zu schmalen Schlitzen zusammengekniffen, sah Jason ihn wütend an. Auch wenn sie jetzt so taten, als ob sie alle alte Freunde seien, waren die beiden Männer doch Brandstifter und würden es immer bleiben. Und somit potenzielle Feinde. Ratlos breitete er die Arme aus.

Die Glocke schlug wie verrückt. Und auch das Rauschen des Wassers war keineswegs leiser geworden.

»Ich halte es nicht mehr aus, hier herumzustehen«, sagte Jason schließlich. »Die Menschen im Ort könnten Hilfe brauchen. Wir sehen uns bei der Kirche, Julia. Wenn du wieder laufen kannst.«

Julia musste so heftig husten, dass sie ihm nicht antworten konnte.

Rick schaute sich unschlüssig um. Am liebsten wäre er auch weitergelaufen, um sich zu vergewissern, dass es seiner Mutter gut ging. Dann aber sah er Julia an und beschloss, dass er sie in diesem Zustand nicht alleinlassen konnte. Von der Küstenstraße bog rechts ein Sträßchen ab. Ein handgemaltes Schild trug die Aufschrift »Hummingbird Alley«. Es war die Straße, die zum Haus von Dr. Bowen führte. »Ich könnte einen Arzt holen …«, schlug er vor.

Julia warf ihm einen wütenden Blick zu. »Ich brauche keinen Arzt«, protestierte sie hustend. »Ich muss einfach nur … verschnaufen. Außerdem ist der Doktor sicher schon längst unten im Ort.«

»Oder er hat noch nicht gemerkt, dass etwas passiert ist«, widersprach Rick. »Und deshalb läutet Pater Phoenix Sturm!«

Wieder musste Julia husten.

»Aber wenn wir schon mal hier sind und warten«, fuhr Rick fort, »können wir ja auch schnell rüberlaufen und ihn holen.« Er wandte sich an die beiden Brandstifter und an Anita, die sich nicht entscheiden konnte, ob sie Jason folgen sollte oder nicht. »Geht ruhig. Wir kommen gleich nach.«

Anita ließ sich das nicht zweimal sagen und rannte in die Richtung, in die Jason verschwunden war. Währenddessen gingen Rick und Julia, die sich über ihre körperliche Schwäche ärgerte, auf das Haus des Arztes zu.

Die beiden Brandstifter, die an der Küstenstraße zurückgeblieben waren, sahen einander nachdenklich an.

»Was machen wir hier eigentlich?«, fragte sich der Blonde.

»Irgendwo da unten könnte sich unser Chef befinden«, erinnerte ihn sein Bruder.

»Genau. Wenn er herausbekommt, was wir getan haben …«

»Und vor allem, was wir nicht getan haben …«

Sie schwiegen beide.

»Tja, wenn er uns fragt, wieso wir eigentlich hier sein können, wenn unser Auto am Londoner Flughafen steht und wir einen Flug nach Toulouse gebucht haben, was sagen wir ihm dann?«

Der andere kratzte sich am Kopf. »Hmmm … Ich fürchte, wir müssen uns etwas besonders Glaubhaftes einfallen lassen. Was unter den gegebenen Umständen nicht gerade einfach ist.« Doch der Blonde gab ihm keine Antwort. Stattdessen setzte er sich langsam wieder in Bewegung und lief auf den Ort zu. Sein Bruder folgte ihm, und bald darauf erreichten sie eine Treppe, die hinunter ins Zentrum von Kilmore Cove führte. Am Fuße der Treppe trafen sie auf drei von Kopf bis Fuß mit Schlamm bedeckte Gestalten. Eine davon schien an einer Straßenlaterne festgenagelt zu sein, während sich die beiden anderen an das Kopfteil eines Betts klammerten, das zwischen Blumenkübeln aus Beton stecken geblieben war.

»Na, wen haben wir denn da?«, sagte der Blonde. »Irre ich mich, oder sind das nicht die drei kleinen Ganoven, die wir hier bei unserem ersten Besuch kennengelernt haben?«

Kapitel 3

Ein Saboteur

Hinkend durchquerte Nestor den Garten der Villa Argo. Sein Bein schmerzte heftiger als sonst, aber er achtete kaum darauf. Dazu war er einfach viel zu schockiert.

Aber nicht etwa wegen dem, was gerade unten im Ort geschah. Nicht eine Sekunde lang hatte er das Bedürfnis verspürt, über die Ursachen oder die Folgen der Überschwemmung nachzudenken. Auf seinem Weg durch den Garten hatte er nicht einmal einen Blick auf die Flutwelle geworfen, die Menschen und Gegenstände mit sich ins Meer hinausriss.

Wie ferngesteuert war er in das Gärtnerhaus hineingegangen, hatte den Brief seiner Frau auf den Tisch gelegt und ihn im Stehen ein zweites Mal gelesen. Immer noch hatte er Mühe zu glauben, was darin geschrieben stand.

»Sie lebt?« Jahrelang hatte er Blumen auf ein Grab gelegt, für dessen Existenz es keinen Grund gab. Und hatte mit einem Tod gehadert, zu dem es offenbar gar nicht gekommen war. Er hatte um einen Menschen getrauert, der gar nicht gestorben war.

Instinktiv legte er eine Hand auf den Mund. Er hatte Angst, angesichts dieser aufwühlenden Entdeckung die Kontrolle über sich zu verlieren. Penelope war in jener Nacht gar nicht von den Klippen gestürzt. Sie war mit einem von Peter konstruierten Heißluftballon auf den Grund des Felsspalts unter der Villa Argo hinuntergeschwebt, nachdem sie bei Pater Phoenix gebeichtet hatte.

Beide hatten es gewusst und keiner der beiden hatte ihm etwas gesagt. Warum nur?

Jemand … Jemand, der mit dir nicht vollkommen einer Meinung war. Jemand, der verdeckt gegen dich arbeitete.

Penelope hatte vermutet, dass unter den Freunden des Großen Sommers ein Verräter sein müsse. Aber wer könnte das sein?

Und warum hatte sie ihm nie davon erzählt? Warum nur?

Doch wenn er ehrlich war, kannte Nestor die Antwort auf diese Frage.

Er zog einen Stuhl heran und setzte sich. Hinter ihm begann das schwarze Telefon schrill zu läuten, aber er hörte es nicht einmal.

Du hast mir nicht mehr vertraut. Ich war derjenige, der unser Projekt sabotierte.

Er zog vier Schlüssel aus der Tasche. Bevor Jason und die anderen in den Ort hinuntergelaufen waren, hatte er sie gebeten, sie ihm zu geben. »Ich muss etwas nachsehen«, hatte er sie angelogen. Tatsächlich hatte er schon zu diesem Zeitpunkt vorgehabt, die Tür zur Zeit der Villa Argo aufzuschließen und nach Penelope zu suchen.

Er legte die vier Schlüssel vor sich auf den Tisch: Dachs, Reh, Esel und Hase. Mithilfe dieser Schlüssel waren Nestor und sein Vater vor vielen, vielen Jahren ins Venedig des Jahres 1751 gelangt.

Doch es war nicht das historische Jahr 1751 gewesen. Sondern ein Venedig außerhalb der Zeit, ein Funken unveränderlicher Schönheit, der von dem wirklichen Venedig aufgestiegen war und sich nie in die moderne, von Motorbooten und Touristen heimgesuchte Stadt verwandelt hatte.

Es war das perfekte Venedig, so wie Kilmore Cove das perfekte Städtchen war. Ein Städtchen in Cornwall, wie es nur in Träumen existierte. Zwei Orte, die nur mutige Traumreisende erreichen konnten.

In jenem Venedig hatte sich Ulysses Moore in die perfekte Frau verliebt. Er hatte sie geheiratet und zu sich nach Hause gebracht. Die beiden hatten keine Kinder bekommen, aber weite Reisen unternommen und von den mystischen Orten, die sie besuchten, fantastische Dinge in die Villa Argo mitgebracht. Sie waren unendlich oft durch die Türen zur Zeit gegangen, allein oder gemeinsam mit ihren Freunden. Es waren die Bekannten von Ulysses gewesen, aber bald waren sie auch zu Penelopes Freunden geworden: der verwegene Leonard, der resolute Black, der geniale Peter und viele andere. In der Villa Argo hatten sie jenen Klub der Traumreisenden wiederauferstehen lassen, den Nestors Großvater in London viele Jahre zuvor aufgelöst hatte.

»Fantasie ist nicht jedermanns Sache«, hatte Penelope immer gesagt, wenn sie sich versammelten, um eine neue Reise zu planen. Und tatsächlich waren nicht alle Freunde – so wie sie – unverbesserliche Träumer geblieben. Manche hatten es vorgezogen, erwachsen zu werden und Verantwortung zu übernehmen. Sie hatten aufgehört, sich nach den wundersamen Orten und Dingen zu sehnen, die sich jenseits der Türen zur Zeit befanden. So wie Pater Phoenix, der inzwischen Pfarrer von Kilmore Cove war. Oder wie die Biggles-Schwestern, Cleopatra und Klytämnestra, die ihr Leben der Aufgabe gewidmet hatten, für Kinder und Katzen zu sorgen.

Eine Flut schmerzhafter Erinnerungen zog vor dem geistigen Auge des Gärtners vorbei. Er nahm die Schachtel mit den übrigen Schlüsseln und stellte sie neben die vier aufgereihten Schlüssel der Villa Argo. Während er mit dem Finger an ihnen entlangfuhr, rief er sich die Nacht ins Gedächtnis zurück, in der er seine Frau verloren hatte.

Peter war vor Kurzem nach Venedig geflohen. Und Black war aufgebrochen, um irgendwo genau diese Schachtel zu verstecken, die jetzt vor Nestor auf dem Tisch stand.

Leonard und Ulysses hatten sich wieder einmal gestritten. Es ging immer um dasselbe: Leonard bestand darauf, die Türen offen zu halten und weiterzuforschen, während Ulysses die ganze Sache ein für alle Mal abschließen wollte. Und Penelope war es wieder einmal nicht gelungen, sich Gehör zu verschaffen.

Nestor fasste sich ans Kinn. »Dummkopf! Idiot!«, beschimpfte er sich selbst. »Du hast ihr nie zugehört und deshalb hast du sie verloren.«

Dann fiel ihm der Augenblick ein, in dem er sie zuletzt gesehen hatte. Die Erinnerung daran traf ihn wie ein Faustschlag in den Magen.

Es war in einer Gewitternacht passiert. Penelope hatte sich einen Mantel übergezogen und war aus der Küche der Villa Argo hinaus in den Garten gegangen. Vom Himmel stürzte eisiger Regen herab. Immer wieder zuckten grelle Blitze.

Nestor war ihr nicht gefolgt. Er hatte sich einen Cognac eingeschenkt und darauf gewartet, dass sie zurückkam. Dann würde er sich dafür entschuldigen, dass er vorhin bei dem Streit zu laut geworden war. Er hatte es nicht hinnehmen können, dass sie Leonard recht gegeben hatte.

Aber Penelope war nicht mehr zurückgekehrt.

Schließlich war Nestor hinausgegangen und hatte nach ihr gerufen, immer und immer wieder. Aber sie hatte nicht geantwortet. Da war nur das unaufhörliche Prasseln des Regens gewesen. Beunruhigt hatte er die anderen angerufen. »Habt ihr Penelope gesehen?« – »War sie bei dir?« – »Hat sie vielleicht bei Ihnen vorbeigeschaut, Mistress Bowen?«

Nein.

Nein.

Und abermals nein.

So war er aufgebrochen, um sie zu suchen, als es dafür schon viel zu spät gewesen war. Der Regen war ihm kalt in den Kragen gelaufen. Wo steckte Penelope nur? Das Motorrad mit dem Beiwagen stand in der Garage. Die Fahrräder waren ebenfalls dort. Das Gartentor war verschlossen. Die Dachfenster der Villa waren dunkel. Der einzige Ort, der übrig blieb und an dem er noch nachsehen konnte, war …

Die Treppe in den Klippen.

Nestor schloss die Augen. Er wusste noch genau, wie sich das Geräusch angehört hatte, das Penelopes im Wind flatternder Mantel verursachte. Er war an einem Felsvorsprung hängen geblieben.

Die Treppenstufen waren nass und rutschig. Als er sie hinunterlief, wäre Nestor ein paar Mal beinahe abgestürzt. Wieder und wieder rief er nach Penelope, aber alles, was er hörte, waren der trommelnde Regen und das Rauschen des Meeres.

In jener Nacht hatte er Penelope nicht gefunden. Und am darauffolgenden Tag hatte Dr. Bowen die Blutspuren an den Klippen entdeckt.

Der alte Gärtner riss den Kopf hoch. Jemand, der gegen dich arbeitet. Er lief wieder hinaus in den Garten.

Kapitel 4

Ein Meer aus Schlamm

Die Überschwemmung verschwand ebenso rasch wieder, wie sie entstanden war. Als sich das Wasser zurückzog, sah der Platz vor der Kirche St. Jacob’s aus wie der Austragungsort einer Schlammschlacht. Die Flutwelle, die in der Altstadt entsprungen war, hatte sich einen Weg durch alle Straßen und Gassen gebahnt, die von dem Platz zwischen Buchgeschäft und Postamt ausgingen, und war auf der linken Seite der Kirche aufgeschlagen – mit so viel Wucht, dass das Wasser bis zum Kirchendach hinaufgespritzt war. Danach hatte sich die Flut in die Hauptstraße, die Pembley Road, ergossen und eine dicke Schicht Schlick und Schlamm voller Algen und lebender, zappelnder Fische zurückgelassen.

Die Hauswände sahen aus, als wäre ein riesiger Pinsel darübergefahren. Blumenkästen, Fensterläden und alles, was sich unterhalb des ersten Stockwerks befunden hatte, war mitgerissen worden.

Anita und Jason waren entsetzt über den Anblick, der sich ihnen hier bot.

Das Kirchentor war aufgesprungen und gab den Blick auf einen Sumpf frei. In allen Straßen floss das Wasser in braunen Rinnsalen, in denen Holzanker, Tonscherben und herausgerissene Buchseiten schwammen, in Richtung Meer. Und überall waren zerrissene Buchseiten zu sehen: Sie klebten an Haustüren und lagen sogar auf den Balkonen.

»Komm!«, sagte Jason plötzlich und ging auf den oberen Teil des Platzes und die Kirche zu.

Anita folgte ihm. Von überall her drangen Schreie zu ihnen herüber, die Geräusche von Türen und Fenstern, die geöffnet wurden, das Hupen von Autos und das Jaulen von Reifen, die im weichen Schlamm durchdrehten. Auf dem höher gelegenen Teil des Platzes versanken sie bis zu den Knöcheln im Schlamm, an manchen Stellen sogar bis zu den Knien.

Besorgt suchte Anita die Gesichter der Leute ab, die sich durch den Matsch quälten, in der Hoffnung, unter ihnen ihren Vater oder Tommaso zu entdecken.

Endlich erreichten sie die Kirche. Hier stand das Wasser nur wenige Zentimeter hoch, und einige Frauen hatten bereits damit begonnen, es mit Strohbesen hinauszukehren. Pater Phoenix stand vor dem Altar und erteilte Befehle. »Zur Krankenstation! Sofort! Wir stellen gerade in der Klinik auf der anderen Straßenseite Betten auf«, rief er gerade.

Manche Leute hatten sich am Arm verletzt, andere an der Stirn. Die Schwerverletzten hatte man auf die Kirchenbänke gelegt. Ein Chor aus Klagelauten und Schmerzensschreien hallte im Kirchenschiff wider.

Niemand konnte mit Sicherheit sagen, was eigentlich passiert war. Vor zwanzig Minuten war aus dem Nichts plötzlich eine Flutwelle durch Kilmore Cove gerollt, die alles überschwemmt hatte.

»Können wir etwas tun?«, fragte Jason, nachdem es ihm gelungen war, den Pfarrer auf sich aufmerksam zu machen.

»Ihr habt die Qual der Wahl! Ihr könnt mir hier helfen, die Bänke umzustellen, oder in der Klinik nachsehen, wie sie mit den Betten vorankommen. Oder aber ihr geht durch den Ort und seht nach, ob jemand im Schlamm feststeckt. Macht irgendetwas, aber macht was!«

Dann krempelte sich Pater Phoenix die Ärmel seiner Kutte hoch, hob die erste Bank vorne vor dem Altar in die Höhe und stellte sie an der Seite ab, als ob sie federleicht wäre.

Anita und Jason entschieden sich dafür, im alten Ortskern nachzusehen, dort, wo die Flutwelle entstanden war. Darauf bedacht, nicht auszurutschen, gingen sie die Gassen hinauf, bis sie meinten, ganz in der Nähe jemanden rufen zu hören. Je näher sie kamen, desto deutlicher hörten sie es. Die beiden bahnten sich zwischen den Trümmern ihren Weg und erreichten so das Haus der alten Miss Biggles.

Auch hier hatte das Wasser gewütet. Die Straßenlaterne vor dem Haus sah aus wie ein geknickter Strohhalm und das ganze Geländer des Balkons im ersten Stock war zerstört. Die Flut hatte die Fenster im Erdgeschoss eingedrückt, war in Küche und Wohnzimmer geströmt und hatte Töpfe, Geschirr und sogar das große geblümte Sofa nach draußen geschwemmt. Das Sofa war weiter unten in der Gasse hängen geblieben und Miss Biggles war auf das Dach geklettert. Hier hockte sie nun und schrie aus vollem Halse um Hilfe, von einer Schar maunzender und miauender Katzen unterstützt.

Jason rief zu ihr hinauf, aber sie schien ihn gar nicht zu hören.

»Schon wieder Wasser! Schon wieder!«, schluchzte sie verzweifelt. Sie putzte sich die Nase, verlor dabei ihren Halt und rutschte ein Stück weit ab. Ein paar Katzen wagten sich bis zur Dachrinne vor und inspizierten von dort aus misstrauisch die Überreste der Terrasse unter ihnen. »Oktavian, um Himmels willen, komm sofort zurück! Mark Aurel, nein! Bleibt hier bei mir!«

»Miss Biggles, ich komme rauf zu Ihnen! Ich hole Sie da runter!«, versuchte es Jason nochmals. »Es ist vorbei. Das Wasser ist verschwunden!«

»Und mein Haus gleich mit!«, jammerte die alte Dame.

Tatsächlich war vom Erdgeschoss des kleinen Holzhauses nur noch wenig übrig und die Reste waren von einem Mosaik aus herausgerissenen Buchseiten bedeckt.

Von einer der Regenrinnen kam ein bedenklich klingendes Knarzen.

»Bleiben Sie, wo Sie sind, Miss Biggles!«, rief Jason. »Ich bin gleich bei Ihnen!«

In dem Schlamm vorwärtszukommen, der das gesamte Erdgeschoss bedeckte, war alles andere als leicht. Aber Anita und Jason gelang es schließlich, die Treppe zu erreichen, die in den ersten Stock und zum Dachboden hinaufführte. Durch ein Dachfenster kletterte Jason hinaus. Von fauchenden Katzen umgeben, musste er viel Überzeugungskraft aufbringen, bis die alte Dame endlich einwilligte, wieder ins Haus zurückzukehren.

»Du lieber Junge«, meinte sie seufzend, während Jason ihr durch das Fenster half. »Dieses Mal dachte ich wirklich, das Wasser würde uns alle mit sich fortreißen.«

»Dieses Mal, Miss Biggles?«, fragte Jason, der sie auf dem Gang die Treppe hinunter stützen musste und das ziemlich anstrengend fand.

»Ja, ja! Du bist jung und hast das Unglück nicht miterlebt, aber es ist schon mal passiert! Und es ist sogar genauso gewesen wie heute: In einem Augenblick ist alles wie immer und im nächsten bricht eine Flut aus schmutzigem Wasser über uns herein und nimmt alles mit sich mit!«

Sie wankten aus dem Haus. Die Katzen folgten, nervös und sprungbereit und über und über mit Schlamm verklebt.

»Wir gehen hier entlang, Miss Biggles … « Anita und Jason schlugen die Richtung zur Klinik ein.

»Ach du lieber Himmel! Mein schönes Sofa!«

»Machen Sie sich keine Sorgen, das wird schon wieder«, versuchte Anita sie zu beruhigen und errötete, weil sie wusste, dass das eine Lüge war.

Mühsam und in ständiger Gefahr, das Gleichgewicht zu verlieren, stapften sie durch den Schlamm und erreichten endlich die Klinik. Vor dem Gartentor warteten bereits viele Menschen in einer langen Schlange. Auf einem Schild am Zaun stand:

Dr. Pinklewire
Tierklinik

Die Tierklinik war das einzige Gebäude im Ort, das genügend Raum bot, um die Klappbetten und Rollliegen unterzubringen, die für den Katastrophenfall auf dem Dachboden des Gebäudes aufbewahrt wurden. »Sind Sie sicher, dass so etwas schon einmal passiert ist?«, vergewisserte sich Anita, während sie mit Miss Biggles auf die Eingangstür zugingen.

»Ach, es ist schon so viele Jahre her«, erinnerte sich die alte Frau. »Aber damals war es nicht so viel Wasser. Und außerdem war es Sonntag. Sonntagabend. Und im Grunde merkte es niemand. Erst am nächsten Tag. Also, ich und meine Katzen, wir haben es gleich mitbekommen, aber uns hört ja keiner zu.« Sie zeigte auf ein Haus an der Hauptstraße. »Seht ihr das Haus da drüben? An jenem Sonntag ist Mister Thomson wie immer nach den Abendessen spazieren gegangen und hat gar nicht gemerkt, dass zwischen seinen Knien Fische herumschwammen.«

»Fische?«

»So große Fische!«, erwiderte Miss Biggles, befreite sich aus dem stützenden Griff ihrer beiden Begleiter und breitete die Arme aus.

»Vorsicht, Miss Biggles!«, rief Jason und fing sie gerade noch rechtzeitig auf. Beinahe wäre die alte Dame im Schlamm ausgerutscht.

Jason hatte einen plötzlichen Einfall. Er bückte sich, tauchte einen Finger in ein Rinnsal und leckte mit der Zungenspitze daran.

»Wahnsinn!«, rief er aus. »Es ist salzig!«