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ISBN 978-3-649-61139-4 (eBook)

eBook © 2013 für die deutschsprachige Ausgabe

Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG, Münster

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise

eBook-Produktion: book2look Publishing 2013


ISBN 978-3-649-60585-0 (Buch)

© 2012 für die deutschsprachige Ausgabe

Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG, Münster

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise

Text by Pierdomenico Baccalario

Original cover and Illustrations by Iacopo Bruno

Graphics by Iacopo Bruno

© 2009 Edizioni Piemme S.p.A. Via Tiziano 32, 20145 Milan, Italy

Original Title: Ulysses Moore – Il Labirinto d’Ombra

Translation: Cornelia Panzacchi

www.ulyssesmoore.it

No part of this book may be stored, reproduced or transmitted in any form or by any means, electronic or mechanical, including photocopying, recording, or by any information storage and retrieval system, without written permission from the copyright holder. For information address Edizioni Piemme S.p.A., Italy

Redaktion: Isabelle Ickrath

Satz: Sabine Conrad, Rosbach

www.coppenrath.de

Kapitel 1

Die drei Spione

Es war spät am Nachmittag und die Sonne tauchte die Dächer von Kilmore Cove in ein goldenes Licht. Die Schatten zwischen den Häusern wurden länger und in den Gassen herrschte eine beinahe vollkommene Stille.

Besser gesagt: in allen Gassen, außer in einer.

Mit dem Rücken an eine Hauswand angelehnt, atmeten die drei Flint-Cousins laut und keuchend, als könnten sie in ihre brennenden und schmerzenden Lungen einfach nicht genügend Luft hineinpumpen.

»Habt ihr es auch gesehen?«, fragte der große Flint, ohne die Straßenecke aus den Augen zu lassen, um die sie auf ihrer Flucht vor dem seltsamen, unheimlichen Wesen soeben geflitzt waren.

»Glaubst du vielleicht, dass wir es nicht auch gesehen haben?«, stieß der kleine Flint zwischen zwei hastigen Atemzügen hervor.

»Ja, glaubst du das vielleicht?«, wiederholte der mittlere Flint.

»Natürlich haben wir es gesehen«, keuchte der kleine Flint. »Sonst wären wir ja nicht weggelaufen. Oder jedenfalls nicht so schnell gelaufen.«

»Ja, nicht so schnell.«

Der mittlere Flint ließ sich zu Boden gleiten, sodass sein durchgeschwitzter Rücken an der Hauswand einen feuchten Streifen hinterließ. Er fasste sich an den Kopf und wimmerte: »Aber was war das bloß? Was ist das bloß gewesen?«

»Ich weiß es nicht«, sagte der kleine Flint.

»Woher sollen wir das auch wissen?«, fügte der große Flint hinzu. »Wir sind doch weggelaufen, ohne uns umzudrehen!«

»Ich bin nicht weggelaufen«, betonte der kleine Flint. »Ihr seid weggelaufen und ich wollte euch nicht alleinelassen!«

Der große Flint hob den Kopf. »Was? Was sagst du da? Du bist doch als Erster abgehauen!«

»Das ist nicht wahr!«

»Doch, das ist wahr!«, behauptete der große Flint. »Ich habe gesehen, wie du neben mir losgerannt bist wie ein Angsthase. Ich habe ja gar nicht gewusst, warum du so rennst, und ich habe mir gesagt: ›Wenn er wegrennt, renne ich auch weg!‹ Aber davor sind wir eigentlich hinter diesem Mädchen hergerannt, und dann …«

»Dieses Mädchen hat einen Namen, es heißt Julia«, verbesserte ihn der kleine Flint. »Julia Covenant.«

»Ja, und dir gefällt sie wohl, diese Julia«, sagte der große Flint mit einem frechen Lächeln.

Das erhitzte und gerötete Gesicht des kleinen Flint wurde noch röter. »Und was geht dich das an?«

»Hast du das gehört, Cousin? Er hat es nicht einmal abgestritten!«

»Darum geht es doch gar nicht!«, brüllte der kleine Flint. »Es geht darum, dass wir hinter Julia Covenant hergewesen sind …«

»Wie verliebt du das sagst:Julia Covenant …«

»Ey, du bist so bescheuert, Cousin!«

Alle drei Flints schrien sich jetzt gegenseitig an. Der mittlere Cousin fing plötzlich an zu treten und der große schlug zurück, und ein paar Sekunden später war schon eine Schlägerei daraus geworden.

»Aua!«

»Lass mich los! Du tust mir weh!«

Irgendwann packte der kleine Flint seine beiden Cousins an den Haaren. »Hört auf damit! Sofort!«, herrschte er sie an.

»Ich höre doch schon auf!«

»Ja, ich auch, aber lass mich los!«

Sie setzten sich wieder nebeneinander an die Wand. Der große Flint rieb sich mit schmerzverzerrtem Gesicht den Schädel, und der mittlere kontrollierte, ob seine beiden Ohren noch dort saßen, wo sie hingehörten. Der kleine Flint hatte die Arme vor der Brust gekreuzt und stierte wütend vor sich hin.

Eine Möwe flog knapp über ihren Köpfen vorbei und hielt heiser schreiend auf die Hügel zu.

»Ich hatte gesagt«, meinte der kleine Flint, der immer noch außer Puste war, »dass wir, als wir Ju… als wir sie beinahe schon erwischt hatten …«

Die beiden anderen hielten vorsichtshalber den Mund.

»… plötzlich vor diesem … diesem Monster standen.«

»Ja, es kam aus dem Nichts«, bestätigte der große Flint und nickte energisch.

»Ich habe es ja gar nicht richtig gesehen«, sagte der mittlere Flint. »Ihr hattet mich abgehängt, und …«

»Klar hatten wir dich abgehängt, Fettkloß«, spottete der große Flint.

»Wenn ich ein Fettkloß bin, dann bist du eine Bohnenstange!«

»RUHE!«, brüllte der kleine Flint. »Haltet doch mal die Klappe, ich muss nachdenken!« Dann sah er den großen Flint an. »Hast du das Monster wenigstens gesehen?«

»Ja. Ich glaube schon.«

»Und wie sah es aus?«

»Es war ein Monster.«

»Genau«, bestätigte der kleine Flint. »Ein Monster. Genau dasselbe habe ich auch gedacht. Aber erinnerst du dich noch an Einzelheiten?«

»Es war nicht besonders groß«, sagte der große Flint.

»Nein, fand ich auch nicht. Mehr oder weniger so groß wie wir«, meinte der kleine Flint.

»So groß wie ich oder so groß wie du?«

»Na ja, so ungefähr dazwischen. Aber das, was ich wirklich furchterregend fand, war das Gesicht.«

»Ja. Das Gesicht.«

»Es war irgendwie … Ich weiß nicht, wie ich sagen soll … so ein Monstergesicht.«

»Aber wie sah es aus?«, schaltete sich der mittlere Flint ein.

Der kleine Flint tat, als hätte er anstatt der Nase einen langen Schnabel, und strich mit den Fingern darüber. »Es sah aus wie das Gesicht eines Raben. Eines riesigen Raben. Ein riesiger Mann mit einem riesigen Rabengesicht.«

»Wahnsinn!«, rief der große Flint aus und spürte, wie ihm ein eisiger Schauer den Rücken hinablief. »Aber was will so ein Ungeheuer hier?«

»Woher sollen wir das wissen? Wir sind ja weggelaufen.«

»Ja, woher sollen wir das wissen?«, plapperte der mittlere Flint nach.

Sie schwiegen eine Weile. Dann meinte der kleine Flint nachdenklich: »Wir haben den Auftrag, die Covenants zu beobachten. Vielleicht hat dieser Rabenmensch ja etwas mit ihnen zu tun, und wir müssen herausfinden, was das ist.«

»Ja, vielleicht müssten wir das herausfinden«, stimmte der mittlere Flint zu.

»Dann hätten wir aber nicht davonlaufen dürfen«, sagte der große Flint.

»Wir müssen sofort zurückkehren«, beschloss der kleine Flint. »Und herausfinden, was da los ist.«

»Vielleicht ist das Monster ja inzwischen essen gegangen«, sagte der mittlere Flint. »Es ist jetzt nämlich Essenszeit.«

»Kannst du endlich mal den Mund halten«, schimpfte sein kleiner Cousin. Dann räusperte er sich und sagte in sehr ernsthaftem Ton: »Wir wollen mal zusammenfassen. Erstens: Zwei Typen mit einem Aston Martin fahren uns in ihrem Auto spazieren und verlangen dafür, dass wir die Covenants beobachten. Zweitens: Rick Banner ist gestern um Mitternacht von zu Hause weggegangen und nicht mehr zurückgekehrt. Drittens: Ebenfalls gestern hat uns Jason Covenant diese Münze zugeworfen …« Er nahm die kleine goldene Münze aus der Tasche, hielt sie hoch und steckte sie dann schnell wieder ein. »Auch er ist nicht mehr zurückgekommen. Dafür erscheint heute ein Monster in unserer Stadt, ein Monster mit einem Rabengesicht, und läuft Julia Covenant entgegen.«

»Zwei sind gegangen, einer ist gekommen«, sagte der große Flint mit einer Miene, als habe er soeben ein außerordentlich schweres mathematisches Problem gelöst.

»Ja und?«

»Ach, nichts. Es ist mir nur aufgefallen.«

»Und was soll das alles?«, fragte der mittlere Flint, der eigentlich immer noch nichts kapiert hatte und ungeduldig darauf wartete, sich endlich etwas Essbares beschaffen zu können.

»Jedenfalls werden wir jetzt umkehren und herauszufinden versuchen, wo dieses Ungeheuer hingegangen ist. Und was mit Julia passiert ist«, sagte der kleine Flint.

»Ach so, ja, das Mädchen. Glaubst du, dass …?«

»Nein«, unterbrach der kleine Flint den großen.

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Kapitel 2

Der goldene Riese

Der Riese erreichte die Schwelle der Elfenbeintür. Seine dunkle Gestalt füllte die Tür vollkommen aus.

Er war sehr groß, gut über zwei Meter.

Eingeschüchtert wichen Anita und Rick einen Schritt zurück. Plötzlich waren die dunkle Nacht, die noch dunkleren Schatten in dem seltsamen runden Gebäude, das Prasseln des Regens und das Donnern und Grollen des Gewitters noch beängstigender geworden.

Der Riese blieb auf der Schwelle der Tür zur Zeit von Arcadia stehen und sah sich um. Dann streckte er eine Hand aus und bewegte sie, als würde er mit ihr über einen Spiegel streichen. Ein leises Rauschen erklang, und es schien, als tanze um seine Hand feiner goldener Staub.

Anita merkte, dass sie die Luft angehalten hatte. Sie atmete aus und versuchte, sich zu entspannen. Es war viel passiert, und das in so kurzer Zeit! Ultima, die Frau, die sie hierher gebracht hatte, war wieder verschwunden. Sie hatte Anita den Schlüssel mit dem Griff in Form eines Raben gegeben und sie dazu aufgefordert, die Elfenbeintür aufzuschließen. Dann war Jason über die Schwelle getreten. Anita hatte ihn an der Hand gehalten, während er sich in der Dunkelheit vorangetastet hatte, und dann … dann war ihr seine Hand entglitten, Sekundenbruchteile bevor die Tür zugeschlagen war.

Und als sie und Rick die Tür wieder geöffnet hatten, war auf der anderen Seite der Schwelle nicht mehr Jason, sondern dieser Riese gestanden. Ein Riese, der aus der Nähe betrachtet nicht einmal so gefährlich aussah.

Er war wie ein alter Grieche angezogen, mit einem kurzen Rock anstelle einer Hose und mit niedrigen Lederstiefeln. Er hatte ein Horn und einen Beutel umgehängt. An seinem Gürtel hing ein Schwert. Er war vollkommen kahl und hatte schmale Schultern und lange, magere Arme. An seinen Fingern blitzten Ringe auf.

Endlich hörte er auf, mit der Hand herumzuwedeln, und sagte: »Ich sehe euch. Könnt ihr mich auch sehen? Euch beide meine ich, ich sehe euch dort stehen.« Er hatte eine tiefe Stimme und sprach eigenartig, so als würde er etwas auswendig Gelerntes aufsagen.

Anita rührte sich nicht, in der Hoffnung, dass er sie vielleicht im Schatten nicht gesehen hatte. Doch der Riese fuhr fort: »Ein Mädchen, ganz in Schwarz gekleidet, und ein rothaariger Junge, der sie begleitet.« Dann neigte er den Kopf, als wolle er sich bücken und durch die Tür gehen, blieb jedoch stehen und sah die beiden neugierig an.

Rick nahm den Arm herunter, den er beschützend um Anita gelegt hatte, und ging einen Schritt vorwärts. Anita wollte ihn aufhalten, doch Rick bedeutete ihr mit einem Blick, dass er mit dem Fremden sprechen wollte.

Er ging einen weiteren Schritt auf ihn zu. »Wer bist du?«, fragte er und bemühte sich dabei, seine Stimme ruhig klingen zu lassen.

»So ist dir also doch die Gabe des Sprechens gegeben, du unbekanntes kleines rothaariges Menschenwesen.«

Obwohl er diese Antwort sehr seltsam fand, machte Rick einen weiteren Schritt auf den Riesen zu. »Musst du auf diese komische Art mit mir sprechen?«

»Was ist es, was dich daran stört?«, fragte der Riese erstaunt. »Meine Stimme, das, was ich sage, oder der Reim?«

»Der Reim«, sagte Rick. »Ich kann Reime nicht ausstehen.«

Der Riese grinste und stemmte die Hände in die Hüften.

»Außerdem hast du mir noch nicht gesagt, wer du bist«, sagte Rick und ging einen weiteren vorsichtigen Schritt auf ihn zu. »Und auch nicht, wo Jason hingegangen ist.«

»Jason? Wer ist Jason?«

Anita, die immer noch weiter hinten im Schatten stand, konnte sich nicht mehr beherrschen und platzte heraus: »Er wollte doch gerade durch diese Tür gehen! Du musst ihn gesehen haben!«

»Auch du, junge Maid, bist sehr ärgerlich heut«, rief der Riese aus und musste laut lachen.

»Jason ist ein Freund von uns«, versuchte Rick zu erklären. »Und er ist gerade da gestanden, wo du dich jetzt befindest.«

»Ach, der Knabe ganz gewiss hinter mich getreten ist.«

»Bitte … bitte «, rief Rick genervt aus.

»Was willst du mich bitten, was wohlgelitten?«

»Hör mit diesen Reimen auf«, rief Anita, die es auch nicht mehr ertrug.

»Aber seid ihr nicht Kinder klein?«, wunderte sich der Riese. »Man sagte mir, man muss sie wiegen fein, mit Reimen und Spielen, die ihnen sehr gefielen.«

»Wir sind keine kleinen Kinder!«, zischte Rick und bemühte sich, ruhig zu bleiben. »Und bitte, sprich nicht so zu uns, es ist nicht auszuhalten!«

Der Riese machte ein Gesicht, als hätten ihn Ricks Worte zutiefst verletzt. »Doch einst sollten wir so sprechen, das verlangten die Leute. Ist denn jetzt alles anders, wollt ihr es nicht mehr heute?«

Ein unglaublich lauter Knall ließ das ganze Gebäude erzittern. Der Blitz musste direkt neben dem Haus eingeschlagen sein. In dem kurzen Augenblick, in dem es hell wurde, konnte Rick die Augen des Riesen sehen. Sie waren groß und golden, wie die Augen mancher Katzen. Aber sie sahen sehr traurig aus und so, als fühle sich der Riese sehr einsam, und das schon seit langer Zeit.

»Ich heiße Rick«, stellte der Junge sich vor. »Rick Banner. Warte, unterbrich mich nicht. Ich weiß immer noch nicht, wer du bist und was du hier machst, aber ich habe nicht den Eindruck, dass du uns umbringen willst. Stimmt das?«

Der Riese machte den Mund auf, hielt sich aber im letzten Augenblick zurück und nickte nur.

»Kannst du uns jetzt bitte sagen, wer du bist?«

Die Riese holte tief Luft. »Zephir, zu euren Diensten«, sagte er und machte eine knappe Verbeugung. »Seit vielen Jahren leide ich und in der Stille gräme ich mich. Hab so lange, ach, gerufen, musste suchen, musste suchen. Alle, alle waren fort – und auf einmal steht ihr dort!«

»Und jetzt hast du hoffentlich deinen Vorrat an Reimen aufgebraucht.«

Der Riese zuckte nur mit den Schultern und antwortete nicht.

»Jedenfalls bin ich Rick und sie heißt Anita.« Er drehte sich um und bedeutete dem Mädchen, näher zu kommen.

Unsicher trat Anita aus dem Schatten. Es donnerte wieder, aber nicht mehr ganz so laut wie vorhin.

»Es ist mir eine Ehre, Prinzessin.« Man sah Zephir deutlich an, wie schwer es ihm fiel, einen ungereimten Satz herauszubringen.

»Ausgezeichnet. Jetzt wo wir uns einander vorgestellt haben, können wir vielleicht versuchen herauszufinden, was wir hier eigentlich machen«, schlug Rick vor.

»Warum können wir Jason nicht sehen?«, fragte Anita, die verzweifelt versuchte, hinter den Riesen zu spähen. Zephir trat beiseite, aber alles, was sie sehen konnten, war der goldene Staub, der sich von seiner Haut löste und in der Dunkelheit davonschwebte.

»Jason!«, rief Anita.

»Er ist hier bei mir, Prinzessin. Und er redet. Er redet eigentlich schon die ganze Zeit.«

»Aber wir können ihn weder sehen noch hören«, erklärte Rick ihm.

»Euer Freund«, sagte Zephir, »möchte, dass ihr zu ihm auf die andere Seite kommt.«

Der Riese sprach jetzt langsamer und war bemüht, sich auszudrücken, ohne Verse zu schmieden.

»Könnt ihr nicht stattdessen beide da rauskommen?«, fragte Anita.

»Nein, nein«, sagte Zephir lächelnd und bewegte wieder die ausgestreckten Hände vor seinem Gesicht. »Seht ihr? Sobald man hier einmal eingetreten ist, kann man nicht mehr zurückkehren.«

Erstaunt starrten Anita und Rick ihn an.

»Was soll das heißen, man kann nicht mehr zurückkehren?«

»Das heißt, dass niemand, der schon auf dieser Seite ist, wieder über die Schwelle treten kann.«

»Und warum ist das so?«

»Den Grund dafür kenne ich nicht, mein Freund.«

Rick ballte die Fäuste. Er kannte den Grund dafür. Es lag daran, dass sie den Kontakt zu Jasons Hand verloren hatten, als die Tür plötzlich zuschlug. Und weil diese Tür eine unvollständige Tür war. Durch sie war ein Großteil der Einwohner von Arcadia getreten und niemand von ihnen war wieder zurückgekehrt.

»Du lügst!«, sagte Anita laut.

»Aber warum sollte ich lügen, Prinzessin?«

»Jason!«, schrie das Mädchen und beugte sich über die Schwelle. »Kannst du mich hören?«

Rick hinderte sie daran, über die Schwelle zu laufen.

»Du bemühst dich umsonst, Prinzessin. Er kann euch nicht hören, so wie ihr ihn nicht hören könnt. Aber wenn ihr wollt, kann ich euch als Vermittler dienen.«

»Aber wie kommt es, dass du mit beiden Seiten reden kannst?«, fragte Rick mit gerunzelter Stirn.

»Vielleicht, weil ich auf dieser Seite geboren bin.«

Rick wusste nicht, was er darauf sagen sollte, aber im Grunde klang diese Erklärung gar nicht so unvernünftig.

»Wenn ihr mir nicht glaubt, dass er hier ist und dass es ihm gut geht«, fuhr Zephir fort, »dann stellt doch eine Frage, deren richtige Antwort nur euer Freund kennt.«

Rick brauchte nicht lange nachzudenken. »Frag ihn, wie seine Lieblingscomics heißen.«

Der Riese nickte und drehte sich um. Wenige Augenblicke später wandte er sich wieder Rick zu. »Er sagt, sie heißen X-Men und dass ihr euch endlich einen Ruck geben und nachkommen sollt, weil er keine Lust hat, noch viel länger auf euch zu warten.«

Rick nickte. »Das hört sich ganz nach Jason an.«

Anita spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Es war, als hallten die Worte des Riesen in ihrem Kopf nach.

»Euer Freund drängt«, sagte Zephir und sah sie mit seinen großen goldenen Augen an. »Er sagt, dort wo er sei, befänden sich die Dinge, die ihr sucht. Nein, er verbessert sich. Er sagt, er weiß nicht, ob sie dort sind, aber er sei sich ziemlich sicher.«

»Von welchen Dingen spricht er eigentlich?«, fragte Rick.

Zephirs Antwort ließ eine Weile auf sich warten. »Es sind die Dinge, die euch helfen werden, Ultima und das Sterbende Dorf zu retten. Und schnell wieder nach Hause zu kommen.«

Kapitel 3

Tee und Vanillehörnchen

»Es ist der Mann dort drüben.« Julia zeigte zu der Stelle der Straße, an der das Motorrad mit dem Beiwagen stand.

»Ich kann’s noch gar nicht glauben«, murmelte Tommaso. Er klemmte sich den zusammengefalteten Mantel des Grafen Cenere, die venezianische Maske und den Ordner mit den Fotos der Ca’ degli Sgorbi unter den Arm, schaffte es vor lauter Staunen und Ehrfurcht aber nicht, auch nur einen einzigen Schritt weiter zu gehen. »Irre! Das ist Ulysses Moore?«

»Pssst!«, machte Julia. »Bist du verrückt geworden?«

Sie sah sich beunruhigt um, entdeckte zum Glück aber niemanden, der ihn gehört haben könnte. »Du darfst ihn hier nicht so nennen!«

»Tut mir leid. Ich bin nur so aufgeregt, weil ich doch alle seine Bücher gelesen habe … Und jetzt finde ich es ganz schön spannend, nur wenige Schritte entfernt von seinem berühmten Motorrad zu stehen.«

»Ach das!«, meinte Julia leichthin. »Die alte Schrottmühle.«

»Also, ich weiß nicht, was ich darum geben würde, mal eine Runde auf der alten Schrottmühle mitfahren zu dürfen.«

Ohne es sich so richtig erklären zu können, ärgerte sich Julia über diese Antwort. Sie hatte von Anita erfahren, dass es Bücher gab, die Ulysses Moore geschrieben hatte und in denen es um Kilmore Cove, die Schlüssel und die Türen zur Zeit ging und auch um sie und ihren Bruder. Es war ihr ziemlich unangenehm, dass irgendjemand auf diese Weise ihr Leben öffentlich bekannt gemacht hatte.

Aber schließlich konnte Tommaso nichts dafür. Geduldig erklärte sie ihm noch mal, dass er den Namen ›Ulysses Moore‹ in Kilmore Cove niemals nennen durfte. »Niemand weiß, dass er das ist. Es ist ein Geheimnis.«

Der Junge aus Venedig war sehr bestürzt darüber, dass er so gedankenlos den Namen von Ulysses Moore ausgesprochen hatte. »Okay. Ich verspreche, es nie wieder zu tun. Wie soll ich ihn denn nennen?«

Tommaso war vor ungefähr zwanzig Minuten in dem langen schwarzen Mantel und mit der Vogelmaske vor dem Gesicht auf der Küstenstraße von Kilmore Cove aufgetaucht. Mantel und Maske hatten dem Grafen Cenere aus dem Venedig des Jahres 1751 gehört. Trotz seines seltsamen Aufzugs war Tommaso bei dieser ersten Begegnung keineswegs verlegen gewesen. Er hatte gesagt, er habe sich die Stadt wesentlich kleiner vorgestellt und er hätte entdeckt, wie die Türen zur Zeit konstruiert worden waren.

Julia hatte beschlossen, ihm lieber nicht allzu viele Fragen zu stellen, und ihn zu der Stelle mitgenommen, an der sie sich mit Nestor verabredet hatte. Auch sie hatte etwas ganz Besonderes dabei: ein in Leder gebundenes Notizbuch, von dem nur wenige Seiten beschrieben oder mit Abbildungen versehen waren, das aber trotzdem ein sehr wichtiges kleines Buch war.

»Nenne ihn doch einfach so wie wir: Nestor.« Mit gesenkter Stimme fügte sie hinzu: »Und du musst ihn duzen, sonst kommt er sich so alt vor. Und vergiss den anderen Namen am besten gleich wieder. Ulysses Moore ist tot und begraben.«

Verwirrt sah Tommaso sie an. »Aber warum … warum …?«

»Warum was?«

»Warum sollen denn dann alle Bücher über Kilmore Cove angeblich von Ulysses Moore geschrieben worden sein?«

»Ich habe keine Ahnung. Und ich glaube auch nicht, dass dies der richtige Moment ist, um darüber zu sprechen.«

»Okay, es ist nur …« Tommaso sah die Straße hinunter, die zu dem kleinen Hafen und dann immer weiter an der Küste entlangführte. Er schien zu überlegen, wie er fortfahren sollte. »Es kommt mir alles so verrückt vor. Ich meine, ich habe seine Bücher gelesen, oder besser gesagt, ich habe sie verschlungen. Ich hätte nie geglaubt, ihm einmal tatsächlich zu begegnen. Ich habe ihn mir immer wie eine Romanfigur vorgestellt, nicht wie einen richtigen Menschen aus Fleisch und Blut.«

»Der außerdem auch noch so eine alte Schrottmühle fährt«, ergänzte Julia.

»Der so eine legendäre alte Schrottmühle fährt«, verbesserte Tommaso Ranieri Strambi sie.

»Nestor, das hier ist Tommaso.«

Der Gärtner der Villa Argo verstand nicht ganz, warum ihm der Junge vorgestellt wurde. Er war soeben von Leonard Minaxos Leuchtturm zurückgekehrt und hatte dort nicht viel ausrichten können. Der Leuchtturmwärter und seine Frau Kalypso reisten wer weiß wo herum, und Nestor konnte nur hoffen, dass sie nicht wieder einmal versuchten, etwas über die Erbauer der Türen herauszufinden.

»Er ist der Freund von Anita«, erklärte Julia, die gemerkt hatte, dass Nestor mit der ersten Information nichts anfangen konnte.

Nestor sah sie nur finster an. Genauso finster wie vorhin oder noch etwas finsterer.

»Er ist soeben aus Venedig gekommen«, fuhr Julia fort. »Aus dem Venedig.«

»Welches Venedig meinst du genau?«, knurrte der alte Mann.

»Ich komme direkt aus dem Haus der Spiegel, Sir«, antwortete Tommaso an Julias Stelle. »Und ich bin sehr froh darüber, dass es doch nicht vollkommen zerstört wurde.«

Langsam nahm Nestor den Motorradhelm ab. Der Wind fuhr ihm durch das weiße Haar. Schweigend sah er zum Meer hinüber.

»Die Tür war offen«, erklärte Tommaso weiter. »Ich wohne in Venedig. Ich meine, ich wohne heute in Venedig. Ich komme nicht aus dem Jahr 1751 wie Ihre Frau, Sir. Ich meine, wie die Frau von Mister Moore, Sir.«

Julia legte eine Hand auf Tommasos Arm. »Vielleicht ist es besser, wenn du mich weiterreden lässt.«

»Nein, Julia, lass ihn doch erzählen.« Zu Tommaso gewandt sagte Nestor: »Du wohnst also im heutigen Venedig, wenn ich das richtig verstanden habe. Und wie hast du es dann geschafft, hierherzukommen?«

»Als Erstes habe ich die Calle dell’Amor degli Amici gefunden, in der sich Peter Dedalus’ Tür zur Zeit befindet. Ich muss zugeben, dass ich dafür eine Weile gebraucht habe, aber … ich hatte gedacht, dass es diese Gasse gar nicht wirklich gibt, dass sie nur erfunden ist. Aber dann habe ich sie doch entdeckt, allerdings nur, weil ich in der Gondel Ihres Freundes Peter dorthin gefahren bin. Das ist die Gondel, die auch in dem Buch über die Insel der Masken vorkommt. Sie war in der Nähe vom Arsenal. Die Affen haben mich dorthin gelockt und mir auch geholfen, dem Brandstifter zu entkommen, der mich entführt hatte …«

Während Tommaso erzählte, hatte Nestor angefangen, nervös auf seinem Motorradhelm herumzutrommeln. Plötzlich hatte er aufgeschaut und sich umgesehen, denn er hatte den köstlichen Duft bemerkt, der soeben der Konditorei Chubber entströmte. Der Duft von frisch aus dem Ofen gekommenen Hörnchen. Er brachte ihn auf eine gute und naheliegende Idee.

»Wir sollten uns die ganze Angelegenheit ein wenig versüßen«, unterbrach Nestor Tommaso und hinkte auf die Konditorei zu.

Die Konditorei Chubber sah genauso aus, wie Tommaso sie sich immer vorgestellt hatte. Sie hatte sich anscheinend seit hundert Jahren nicht verändert. Tag für Tag waren ihre Kunden vor derselben Auslage von bunt glasierten Törtchen, duftenden Milchbrötchen, Scones, mit Sahne gefüllten Blätterteigröllchen und vielen anderen Köstlichkeiten gestanden. Sämtliche Möbel, ja sogar die Wände dufteten inzwischen nach Schokolade und Vanille, und man hatte den Eindruck, als erzählten sie von verregneten Nachmittagen und stürmischen Wochenenden, die von unzähligen Kunden hier bei Tee und Kuchen verbracht worden waren.

»Hallo Nestor«, begrüßte die Besitzerin der Konditorei den alten Gärtner. »Wie geht es dir? Wir haben uns schon lange nicht mehr gesehen.«

Nestor hinkte zu der Theke hinüber und zuckte mit den Schultern. »Na ja, ich werde alt.«

»Ist oben in der Villa alles in Ordnung?«

»Man kann sich nicht beklagen. Du kennst doch Julia, nicht wahr?«

»Ja sicher«, sagte die Konditorin und lächelte Julia zu. »Wie geht es deinem Bruder? Den habe ich auch schon lange nicht mehr gesehen.«

Sie unterhielten sich eine Weile über Jason und seine Vorliebe für alles, was mit Pudding, Creme oder Sahne gefüllt war, und entdeckten dann, dass sich Tommaso inzwischen drei riesige gefüllte Teilchen ausgesucht und bereits ins erste hineingebissen hatte.

»Entschuldigt bitte«, murmelte er undeutlich zwischen zwei Bissen. »Ich habe seit gestern Mittag nichts mehr gegessen.«

Sie setzten sich zusammen an einen Tisch, der nur wenige Schritte von dem karierten Vorhang entfernt stand, der den Raum vom Flur trennte. Nestor nahm den Vorhang beiseite, um sich zu vergewissern, dass dahinter niemand war. »Besser, auf Nummer sicher zu gehen«, brummelte er vor sich hin. Dann fragte er Tommaso: »Also, wie viele kommen denn noch von euch?«

Überrascht hob der Junge den Kopf. »Wie meinen Sie das?«

»Zuerst Anita. Dann du. Wie viele Kinder aus Venedig werden denn noch nach Kilmore Cove kommen?«

»Keine, Sir … glaube ich jedenfalls«, antwortete Tommaso peinlich berührt.

»Kannst du das beweisen?«

Tommaso wartete, bis der Tee serviert worden war, und erzählte dann ausführlich seine ganze Geschichte: von dem Brandstifter, der in der Ca’ degli Sgorbi auf ihn gewartet hatte, vom Verhör im Arsenal, von der Ankunft der Affen, der Flucht in der mechanischen Gondel von Peter Dedalus … und seinem genialen Einfall, wie er nach Kilmore Cove gelangen könnte.

»Ich war überzeugt, dass, wenn ich die Tür finden würde, sie offen stände. Da war ich mir ganz sicher.«

»Warum denn?«

»Weil am Ende des Buchs erwähnt wurde, dass Fred Halbwach sie geöffnet hatte, um Ferien zu machen. Ich hoffte, dass er noch nicht aus seinem Urlaub zurückgekehrt war.«

Verblüfft sah Julia Nestor an. »Fred?«

»Was hat denn Fred Halbwach mit dieser Geschichte zu tun?«, wollte Nestor wissen.

»Na ja, Fred hat doch den Ersten Schlüssel«, erwiderte Tommaso. »Habt ihr das nicht gewusst?«

Als er merkte, wie überrascht die beiden anderen über diese Information waren, wurde Tommaso unsicher. »Aber, also … Alles andere stimmt. Es ist genau so, wie es in den Büchern steht.«

»Du hast … du hast wirklich in meinen Büchern über den Ersten Schlüssel gelesen?«

»Ja, im allerletzten. Und um ehrlich zu sein, Mister Nestor …«

»Sag bitte nicht Mister zu mir und sag du. Sonst komme ich mir so alt vor.«

Julia verdrehte die Augen, so als wolle sie sagen: Das hatte ich dir doch schon erklärt!

»Wie Sie möchten. Ich meine, wie du möchtest. Ich wollte gerade sagen, dass ich zugeben muss, dass ich dieses Ende ziemlich lahm fand. Es war so, als ob … als ob es nicht das richtige Ende gewesen wäre.«

»Das war es auch nicht.«

Tommaso hatte vor Aufregung einen trockenen Hals bekommen. Er trank in einem Zug eine Tasse Tee, bevor er fragte: »Dann hat Fred den Ersten Schlüssel gar nicht?«

»Auf gar keinen Fall. Und ich habe in meinen Notizbüchern auch gar nichts weiter darüber geschrieben. Tatsächlich war es nämlich so, dass der Schlüssel zwar von Ricks Vater gefunden wurde, dass sich seine Spuren danach aber verloren. Nur eines ist sicher: Fred Halbwach hat diesen Schlüssel nicht.«

Verwundert riss Tommaso die Augen auf: »Bist du dir da ganz sicher?«

»So sicher, wie ich weiß, dass ich gerade hier sitze und dass ich zwanzig Jahre lang Tagebuch geführt habe, in der Hoffnung, dass mir diese Tagebücher eines Tages nützlich werden könnten.«

Eine Weile schwiegen sie. Dann fiel Nestor plötzlich etwas ein. Es war eine Sache, über die er schon länger nachgedacht hatte. »Deine Freundin Anita«, sagte er, »hat mir erzählt, dass es da noch so etwas wie einen Übersetzer gibt. Jemanden, der meine Tagebücher zu Abenteuerromanen umgeschrieben hat.«

»Ja, den gibt es.«

»Kannst du dich erinnern, wie er heißt?«

»Na ja, eigentlich ist es ja nicht nur einer«, meinte Tommaso. »Die Bücher sind in viele Sprachen übersetzt worden, von verschiedenen Übersetzern. Ich habe das im Internet nachgesehen. Aber wenn du den meinst, mit dem wir uns in Venedig getroffen haben … Ich hatte gedacht, du und er … also, ihr würdet euch kennen.«

»So ein Unsinn! Wie bist du denn bloß darauf gekommen?«

»Er hat uns erzählt, dass er in Kilmore Cove gewesen ist. Und er hat Anita auch eine Anleitung gegeben, um die Stadt zu erreichen.«

»Ach was. Wenn er hier gewesen wäre, hätte ich das mitbekommen.«

»Aber wer war es denn dann?«

»Also entweder hat dieser Übersetzer alles erfunden, einschließlich des Schlusses, oder …« Nestor lehnte sich zurück und kratzte sich nachdenklich am Bart. Oder es gab eine bestimmte Person, die ihm erklären konnte, was geschehen war. Und warum.

Besser gesagt: zwei Personen.

Leonard und Kalypso.

Wieder herrschte eine Weile Schweigen und man hörte nur das Klappern von Geschirr und Besteck.

»Jedenfalls ist Fred nicht mehr hier in der Stadt«, sagte Julia, nachdem sie darüber nachgedacht hatte.

Tommaso schluckte.

Nestor hob eine Augenbraue an.

»Sein Bruder behauptet, nichts darüber zu wissen«, fuhr das Mädchen fort. »Aber wenn es stimmt, dass Fred den Ersten Schlüssel hatte und nach Venedig gegangen ist …«

Nestor wirkte immer stärker irritiert. Irritiert und unsicher. Er machte ein so komisches Gesicht, dass Julia gar nicht wusste, was sie jetzt tun sollte.

Sie hatte sich inzwischen an die Ruppigkeit des alten Gärtners gewöhnt, an seine zynischen Bemerkungen, an die Art, etwas zu sagen, ohne es deutlich auszusprechen, an seinen geizigen Umgang mit Informationen. All das gefiel ihr nicht wirklich, aber sie fand es immer noch besser als den verunsicherten Ausdruck, den der alte Mann im Moment zur Schau trug.

»Ja, also … Ich wollte jetzt eigentlich nicht über den Buchladen reden, sondern euch erzählen, dass ich bei Kalypsos Mutter war und bei ihr Moreaus Notizbuch gefunden habe.«

»Moreaus Notizbuch? Und wo war es?«, fragte Nestor ganz aufgeregt.

»In der Nachttischschublade von Kalypsos Mutter«, erwiderte Julia und merkte, dass sie allein bei der Erinnerung an die Begegnung mit der alten Frau eine Gänsehaut bekam. »Ich nehme an, dass es das Buch ist, das in deiner Bibliothek fehlt«, sagte sie und reichte Nestor das Notizbuch, das er sofort wiedererkannte.

»Aber wie ist es bloß dorthin gekommen?«, fragte Nestor und sah sich das Buch von allen Seiten an. Ganz unvermittelt stand er vom Tisch auf. »Ich muss etwas herausfinden. Und zwar sofort.«

»Wo gehen wir hin?«

»Nach Hause«, antwortete Nestor. »Wir müssen sofort versuchen, über Moreaus Notizbuch Kontakt mit den anderen aufzunehmen und …«

Julia hielt Tommasos Ordner hoch. »Außerdem hat Tommaso uns etwas mitgebracht, das wir uns vielleicht anschauen sollten …«

Nestor nickte. »Ich zahle mal.«

»Und ich gehe mal kurz zur Toilette«, sagte Tommaso. »Da war ich schon seit 1751 nicht mehr.«

Er schlüpfte am Vorhang vorbei in den engen Gang dahinter und fand auch gleich die Toiletten. Auf einmal war es, als hörte er Lärm, der von draußen kam. Und jemanden, der »Los! Los, los!« rief.

Das Fenster der Herrentoilette stand sperrangelweit offen.