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Kapitel 1
Die Abenteuerschachteln

Ein Taxi hielt vor einem schmalen Haus, dessen verglastes Eingangsportal sich prunkvoll vor dem bewölkten Nachthimmel abhob.

»Sind Sie sicher, dass dies die richtige Adresse ist?«

Die linke Wagentür öffnete sich einen Spalt weit und der Fahrgast sah sich um. Genau in diesem Augenblick löste sich eine Gestalt aus dem Schatten der Hecke und kam auf das Taxi zu.

»Willkommen, Doktor Voynich«, grüßte eine schneidende Stimme.

»Warten Sie hier«, befahl Voynich dem Taxifahrer. Er ließ sich von dem Mann, der aus dem Schatten getreten war, die Tür aufhalten und stieg aus.

Der Mann wich einen halben Schritt zurück. Er streckte die Hand aus, ließ sie aber gleich darauf wieder sinken. Ihm war eingefallen, dass Voynich nie jemandem die Hand gab.

Er geduldete sich, bis der Präsident des Klubs der Brandstifter sich die Melone aufgesetzt und die Spitze seines Regenschirms auf dem Gehsteig aufgestützt hatte.

»Ein furchtbarer Ort«, befand Voynich.

»Es ist eine der begehrtesten Wohnlagen …«

Voynich schwenkte seinen Schirm durch die Luft. »Pfui Teufel! Bürgerliche Architektur, gespickt mit überflüssigen Schnörkeln! Die Schnörkel und Simse schützen nicht vor Regen oder Kälte. Aber lassen Sie uns hineingehen und uns diese unnütze neue Erfindung anschauen.«

Der Mann ging Voynich zu dem Gartentor voraus. »Es handelt sich um die Werke des Herrn Farrinor«, flüsterte er und hielt dem anderen eine Visitenkarte hin, auf der geschrieben stand:


Hopper Farrinor
Abenteuerschachteln


»Ja und?«

»Ich würde so weit gehen, sie als interessant zu bezeichnen.«

Wieder ein gereiztes Schwenken des Schirms. »Interessant. Das ist so gut wie eine Kriegserklärung.«

»Bilden Sie sich selbst ein Urteil, Doktor Voynich.«

Der untersetzte Mann im schwarzen Anzug und einer Melone, die der von Voynich wie ein Ei dem anderen glich, trat durch das Gartentor auf die Haustür zu. »Mister Farrinor wartet in seinem Wohnzimmer auf uns. Er hat schon mal Tee gekocht …«

»Ich trinke keinen Tee. Mit Ausnahme von Rhabarbertee natürlich.«

Ohne ein weiteres Wort zu wechseln, betraten die beiden Männer das Haus. Sie durchquerten die elegant eingerichtete Eingangshalle und erreichten das Wohnzimmer. Hopper Farrinor sprang augenblicklich vom Sofa auf. Er war ein sehr dünner Mann.

»Doktor Voynich!«, rief er aufgeregt. »Ich hätte mir nie träumen lassen, eines Tages die Ehre zu haben, Sie …«

»Wir wissen beide, warum ich hier bin.« Malarius Voynich nahm seine Melone ab und lehnte seinen Schirm gegen einen Tisch. Er sah sich um. »Ersparen Sie sich und uns die Höflichkeitsfloskeln, Mister Farrinor.«

»Natürlich. Der bedeutendste Literaturkritiker der Welt fährt nicht in der Gegend herum, um Artigkeiten auszutauschen«, erwiderte Farrinor.

»Richtig. Wo also sind sie, Ihre Werke?«

»Auf dem Tisch dort, genau vor Ihnen«, erwiderte Mister Farrinor. »Ich habe sie Abenteuerschachteln genannt.«

Mit einem hämischen Grinsen nickte Malarius Voynich dem anderen Brandstifter zu. »Mister Farrinor ist bescheiden, nicht wahr?«

Ohne eine Antwort abzuwarten, ging er zu dem Tisch hinüber und studierte die seltsamen Objekte darauf. Auf den ersten Blick sahen sie wie Bücher in unterschiedlichen Formaten aus. Bei genauerer Betrachtung aber merkte er, dass sie aus Holz geschnitzt waren. Voynich nahm die Wilde Reise der Familie Windlich in die Hand und begutachtete die Holzschachtel von allen Seiten. Mit einem Klicken sprang sie auf, und zum Vorschein kamen beschriebene Seiten und Illustrationen, die wie alte Postkarten aussahen.

»Schauen Sie, Doktor Voynich, es ist so … Vom Papier zum Holz und vom Holz zum Papier … So etwas wie eine Reise zurück in die Zeit und durch das Reich der Fantasie. Das Holz soll an den Rohstoff der Literatur erinnern, an deren Grundlagen, an das, was die Kunst des Erzählens überhaupt möglich macht. Das Holz soll die Fantasie schützen und … «

»Man kann damit ein schönes Feuer machen«, fiel Voynich ihm ins Wort.

Mr Farrinor zuckte kaum merklich zusammen. »Ja natürlich, Holz für ein Feuer, das das Herz erwärmt …«

Ungeduldig fuchtelte Malarius Voynich mit den Händen in der Luft herum. »Hören Sie doch auf mit all diesen aufgeblasenen Kunsttheorien! Wenn ich Feuer sage, Mister Farrinor, dann meine ich ein Feuer, das brennt, das alles Überflüssige zerstört und einen schönen Haufen Asche übrig lässt.« Er warf einen Blick auf die Holzbücher auf der Tischplatte.

»Meine Abenteuerschachteln gefallen Ihnen nicht …«

»Aber ganz im Gegenteil, Mister Farrinor. Ich finde sie unglaublich … originell.« Voynich trommelte mit den Fingern auf einem anderen Holzbuch herum.

Es trug den Titel Die Reisende Stadt. Er schlug es auf: Darin waren beschriebene Seiten, ein Kompass und ein Zirkel.

»Ist Ihnen das Quietschen des Scharniers aufgefallen?«, fragte Hopper Farrinor leise. »Ich habe es eingebaut, um die Sache geheimnisvoller erscheinen zu lassen. Und der Kompass ist natürlich für jene Leser gedacht, die nach der Reisenden Stadt suchen möchten.«

Malarius Voynich ließ die Schachtel zuschnappen. »Das reicht!«, rief er gereizt. »Sind das hier die einzigen existierenden Exemplare?«

»Ja. Sie sind alle von Hand gefertigt.«

»Perfekt.« Malarius Voynich begann, im Wohnzimmer umherzugehen, und schien sich jedes einzelne Detail einprägen zu wollen. »Es kommt mir vor, als würden Sie gerne reisen, Mister Farrinor. Stimmt das?«

»Oh ja, natürlich, natürlich Mister …« Hopper Farrinor hüstelte. »Pardon, ich wollte sagen: Doktor Voynich. Wann immer ich kann, Doktor Voynich. Wann immer ich kann.«

Malarius Voynich blieb vor einer afrikanischen Maske stehen, die über dem Kamin hing.

»Dogon«, sagte Mr Farrinor.

»Wie bitte?«

»Die Maske da vor ihnen ist eine Maske der Dogon. Sie sind ein Volk in Westafrika, das … Aber Sie sind selbst vielleicht schon einmal dorthin gereist.«

Malarius Voynich drehte sich zu ihm um. »Machen Sie sich über mich lustig, Mister Farrinor? Ich reise nicht. Ich hasse Reisen. Reisen ist für mich gleichbedeutend mit Unbequemlichkeiten, Unvorhergesehenem, Behelfslösungen. Es ist vergeudete Zeit. Und ich habe keine Zeit zu vergeuden. Vor allem jetzt nicht, wo ich mich um Leute wie Sie kümmern muss. Aber etwas beschäftigt mich doch. Haben Sie all das hier selbst geschaffen? In diesen Holzschachteln sind nicht nur … Wörter … sondern auch Dinge. Wirkliche Dinge. Sie spielen mit der Wirklichkeit.«

»Aber ja, ganz genau, Doktor Voynich!«, jubelte Mr Farrinor. »Ich hätte es selbst nicht besser ausdrücken können. Ich spiele mit der Wirklichkeit. Meine Idee besteht darin, eine Abenteuergeschichte zu verwandeln, daraus …«

»Ihre Idee! Ihre Idee! Und das nennen Sie Idee?« Voynich war vor Wut ganz außer sich. »Wie alt sind Sie, Mister Farrinor?«

»Ich werde nächste Woche zweiundzwanzig.«

»Eben! Und Sie glauben wirklich, mit zweiundzwanzig Jahren bereits eine Idee haben zu können? Schreiben und schnitzen und mit der Wirklichkeit herumspielen zu können? Mit zweiundzwanzig Jahren?«

»Ich …«

Zischend fuhr Voynichs Schirm durch die Luft und seine Spitze blieb wenige Zentimeter vor Farrinors Nase stehen. »Wissen Sie denn nicht, mein junger Freund, dass man mit der Wirklichkeit nicht herumspielen darf?« Der Schirm senkte sich. Der zornige Literaturkritiker drehte sich auf dem Absatz um, schnappte sich seine Melone und stürmte aus dem Wohnzimmer. »Folgen Sie mir, Mister Farrinor.«

»Wo wollen Sie denn hin?«

»Beeilen Sie sich!«, donnerte der Kritiker. Während Farrinor seinen Mantel holen ging, trat Voynich schon hinaus in die feuchte Londoner Nacht.

Er blieb vor dem Eingangsportal stehen und sagte an den anderen Brandstifter gewandt: »Überzeugend und entsetzlich verträumt. Tragen Sie seinen Namen in die Liste der gefährlichen Personen ein und beseitigen Sie sämtliche Originale.«

Der Mann nickte energisch. »Gasexplosion?«

In der Ferne donnerte es.

Malarius Voynich schaute zu den schweren Wolken hinauf. »Nein. Lieber ein guter alter Blitzschlag.«

»Hier bin ich!«, rief der junge Autor und lief neben Malarius Voynich her zu dem Taxi, das vor dem Haus gewartet hatte. Sie setzten sich beide auf die Rückbank und hatten das Viertel bald hinter sich gelassen.

»Oh nein!«, rief Farrinor auf einmal aus. »Ich habe die Schlüssel vergessen.« Dann kicherte er. »Ich lasse sie oft zu Hause liegen, wenn ich es eilig habe.«

»Leben Sie allein, Mister Farrinor?«

»Ja, warum?«

»Ach, ich bin nur neugierig.«

»Apropos Neugier … Würden Sie mir bitte sagen, wo wir so spät nachts eigentlich hinfahren?«

»Ist Ihnen William Turner ein Begriff, Mister Farrinor?«

»Der Maler?«

»Genau der. Ich nehme an, dass sie auch sein großartiges Gemälde Der Brand der Parlamentsgebäude in London kennen.«

»Ich habe es wohl ein paar Dutzend Male betrachtet.«

»Und wissen Sie, warum dieses Feuer damals ausgebrochen ist?«

»Nein, ich glaube nicht.«

»Weil jemand eine Idee gehabt hatte«, erwiderte Malarius Voynich und legte die Hände auf den Griff seines Schirms.


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Kapitel 2
Aufbruch

Das Taxi fuhr schnell durch die Nacht, die allmählich der Morgendämmerung wich. Rick Banner konnte den Blick nicht von dem abwenden, was er durch das Seitenfenster sah.

Er fühlte sich so, wie sich wohl ein Fisch fühlt, der plötzlich aus der Enge seines Aquariums ins Meer entlassen worden ist.

Sein Meer war London, die gigantische Hauptstadt Großbritanniens.

Und der riesige Bahnhof, vor dem lange Schlangen von Taxis auf Fahrgäste warteten.

Und dann all diese vielen Straßen, die massigen Häuser, der Verkehr, die Wolkenkratzer. Die Leuchtschilder von Lokalen. Die Menschen, die im Dunkeln unterwegs waren. Die Themse. Der Turm mit der großen Uhr.

»Wow!« Rick lehnte sich zurück. »Ich hätte nicht gedacht, dass London so groß ist.«

Er fühlte sich in dem Taxi nicht besonders wohl: Auf der Glasscheibe, die sie vom Fahrer trennte, klebten Sticker mit Telefonnummern, kleine Stadtpläne, die Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Taxifahrervereinigung, eine Aufstellung der Rechte des Fahrgasts und Werbung für das angeblich beste indische Restaurant der Stadt. Zu viele Informationen.

»Beeindruckt dich diese große Stadt denn gar nicht?«, fragte Rick seinen Freund.

Jason, der neben ihm saß, schüttelte den Kopf. »Nein. Schließlich bin ich hier aufgewachsen.«

»Aber sie fehlt dir auch nicht, oder?«

»Doch, manchmal ein bisschen … Aber ich würde niemals von Kilmore Cove weggehen, um hierher zurückzukehren.«

»Wirklich nicht?«

Jason schüttelte den Kopf.

Plötzlich zerriss ein fernes Sirenengeheul die Stille. Irgendwo in der Stadt brannte es.

Rick sah auf die Uhr. »Wie lange brauchen wir zum Flughafen?«

»Ungefähr zwanzig Minuten.«

»Gut.« Rick nickte. »Wenn nichts Unvorhergesehenes passiert, haben wir noch viel Zeit.«

»Stimmt.« Jason sah zwei Löschfahrzeuge der Feuerwehr näher kommen.

Der Taxifahrer ging vom Gas runter, lenkte den Wagen an den Straßenrand, um sie vorbeizulassen, und fuhr dann wieder weiter. Das blinkende Blaulicht verlor sich im Gewirr der Straßen.

»Dumme Sache«, sagte Rick, der ebenso wie Jason sofort an den Klub der Brandstifter gedacht hatte.

»Vielleicht ist es ja nur wegen einer Katze, die nicht mehr vom Baum runterkommt.«

»Oder wegen einer alten Dame, die sich ausgesperrt hat.«

Sie lachten, obwohl ihnen beiden insgeheim nicht nach Lachen zumute war. Sie versuchten, irgendwo dort draußen Rauch oder den Widerschein eines Feuers auszumachen, konnten aber nichts entdecken.


Als sie den Flughafen Heathrow erreichten, nieselte es.

»Kann ich mit Goldmünzen bezahlen?«, fragte Jason den Taxifahrer, während er in dem Rucksack herumwühlte, in den Nestor ihre Ausrüstung für Imaginäre Reisende gepackt hatte.

Der Mann antwortete in einer schwer verständlichen Mischung aus Englisch und irgendeiner indischen Sprache. Jason begriff, dass es nicht der richtige Moment war, um Witzchen zu machen. Aus seinem Geldbeutel holte er die wenigen ihm verbliebenen Pfund und bezahlte die Fahrt.

Er bat noch um die Quittung und stieg dann aus. Sie befanden sich vor dem Eingang zur Abflughalle und Rick stand da wie angewurzelt.

»Müssen wir warten, bis wir nass bis auf die Knochen sind, oder können wir vielleicht vorher reingehen?« Jason zog eine Augenbraue hoch.

Rick zwinkerte, weil ihm Wasser ins Auge gelaufen war. »Fliegen die Flugzeuge trotzdem? Auch wenn es regnet?«

Jason lachte. »Au Mann, Rick, das sind doch keine Papierflieger!«

Rick seufzte, schulterte seinen Rucksack und folgte Jason durch die auseinandergleitenden Glastüren. Doch als er sich in der weitläufigen Halle wiederfand, blieb er abermals stehen und packte seinen Freund am Arm. »Bevor wir noch einen Schritt weitergehen, solltest du wissen, dass ich in meinem ganzen Leben noch nie geflogen bin.«

»Ich doch auch nicht.«

»Und du hast keine Angst?«

»Nein.«

»Du Glücklicher! Mir kommt es irrsinnig vor, so etwas zu tun.«

»Mach dir keine Sorgen. Los, wir müssen auf der Tafel mit den Abflugzeiten nach unserem Flug suchen. Es ist die Tafel dort oben. Siehst du sie?«

»Und welcher ist unser Flug?«

»London–Toulouse.«

Rick brauchte eine Weile, bis er ihn auf der Tafel gefunden hatte. »Check-in 15. Was bedeutet das?«

»Dass wir zu der jungen Dame gehen, die dort drüben am Schalter 15 sitzt und gähnt, und ihr unsere Pässe und Tickets zeigen, damit sie weiß, dass wir auch wirklich mit diesem Flug mitfliegen wollen.«

»Warum? Könnten wir es auch bleiben lassen?«

»Rick!«

Sie reihten sich hinten in der kleinen Schlange ein, die sich vor Schalter 15 gebildet hatte, und holten ihre Pässe heraus.

»Zeig mal dein Foto«, bat Jason.

Rick versteckte seinen Pass schnell hinter dem Rücken. »Auf gar keinen Fall! Nestor hat ein ganz furchtbares Bild von mir gemacht.«

Jason entwand ihm den Pass und sah nach. »Oje, das stimmt. Egal. Wir checken jetzt ein und dann warten wir dort drüben in dem Café auf Anita und gönnen uns eine Tasse heiße Schokolade und ein Stück Kuchen. Was hältst du davon?«

»Ich finde, das ist eine ausgezeichnete Idee.«

»Ich hoffe nur, dass sie Goldmünzen akzeptieren«, sagte Jason grinsend.