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Dieses Buch ist für meine Mama.
Sie hat damit angefangen.

PS: Die Einträge in Morice Moreaus Notizbuch sind inspiriert durch das Buch »Von Atlantis bis Utopia. Ein Führer zu den imaginären Schauplätzen der Weltliteratur« von Gianni Guadalupi und Alberto Manguel. Frankfurt: Ullstein 1984.


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Kapitel 1
Eine Katze aus Venedig



»Mioli?«, rief Anita leise. »Mioli?«

Sie stand auf Zehenspitzen im Gras und lauschte. Doch von dem Kater war weder was zu sehen noch zu hören.

Anita zog das Band ab, das ihr dunkles schulterlanges Haar zusammengehalten hatte und biss sich auf die Unterlippe – unentschlossen, ob sie sich ärgern oder sich Sorgen machen sollte. Es war schon spät. Der Junihimmel hatte sich bereits tieforange verfärbt und von der Lagune wehte ein frischer Wind herüber. Er bewegte die Zweige der Glyzinien und trug ihren süßen Blütenduft mit sich.

»Mioli?«, rief Anita erneut, obwohl sie wusste, dass es keinen Sinn machte, draußen weiterzusuchen. Vermutlich war der Kater einen der gewundenen Glyzinienstämme hinaufgeklettert, am Rand der Pergola entlangbalanciert und über die Gartenmauer gesprungen. Und sie hatte es nicht gemerkt, obwohl sie den ganzen Nachmittag am Tisch auf dem Rasen gesessen und ihre Hausaufgaben erledigt hatte.

»Verflixt!«

Der Wind blätterte durch die Seiten ihres Geschichtsbuchs.

»Verflixt und zugenäht!«, schimpfte sie ein zweites Mal. Wann hatte sie Mioli zuletzt gesehen?

Sie schnappte sich Buch, Hefte und Füller, stopfte alles in ihren Schulrucksack und lief den langen, schmalen Hofgang entlang. Über ihr ragte das alte, dreistöckige Haus mit seinem abbröckelnden Verputz und den schmalen, steinernen Spitzbögen auf. Anita ging hinein und lehnte sich gegen das Geländer der engen Treppe, die in den ersten Stock hinaufführte.

Wie aus weiter Ferne vernahm sie die vertrauten Klänge klassischer Musik, die ihre Mutter wie immer bei der Arbeit hörte. Die Wände im Treppenhaus waren von oben bis unten mit Fresken bemalt: dunkle Gestalten und Gesichter von Menschen und Tieren, die in den Schatten des düsteren Aufgangs verschwammen. Die Decke in der zweiten Etage leuchtete in einem intensiven Goldton und wurde von einem quer verlaufenden dunklen Riss durchbrochen.

Anita erinnerte dieser an die Wurzel eines Baumes.

Wenn sie mit den Augen dem gezackten Riss folgte, der in einem dunklen Fleck endete, glaubte sie, darin kleine silberne Blättchen zu erkennen.

Am Fuß der Treppe kniete sie sich hin und rief wieder: »Mioli?«

Sie hörte aber nur die Geigenmusik aus dem Radio ihrer Mutter und Stimmen, die von draußen kommen mussten, aus der Gasse oder vom Kanal her.

Anita rannte die Stufen hoch, ohne weiter auf die Gesichter an der Wand zu achten.

Im zweiten Stock angelangt, kletterte sie über mehrere auf dem Boden liegende Bretter. In dieser Etage waren in allen Räumen Gerüste aufgebaut worden, die bis zur Decke hinaufreichten.

Ganz oben auf einem dieser Gerüste stand Anitas Mutter. Sie trug einen schmutzigen Arbeitskittel, eine Plastikhaube und eine große gelbe Schutzbrille, die sie wie ein seltsames Insekt aussehen ließ.

Mrs Bloom war Restauratorin. Vor einigen Wochen war sie von London nach Venedig gerufen worden, um in der Ca’ degli Sgorbi die vom Boden bis unter die Decke bemalten Räume zu restaurieren.

Mit Unmengen von Pinseln, Messern, Wattebäuschen und destilliertem Wasser ausgerüstet, nahm sie sich geduldig eine Wand nach der anderen vor, um die verblassten Fresken wieder zum Vorschein zu bringen. Es würde mindestens ein Jahr dauern, bis alles wieder in alter Pracht erstrahlte.

So lange würde sie in Venedig bleiben − und Anita mit ihr. Ihr Vater war schweren Herzens in England geblieben. Er war in einer Bank angestellt und an seinen Arbeitsplatz in London gebunden. Er wollte sie aber, sooft es ging, besuchen kommen.

Anita hatte sich über den Umzug nach Venedig gefreut und fand es schön, ihre Hausaufgaben nachmittags im Garten der alten Stadtvilla erledigen zu können. Es war natürlich nicht ihr Haus, aber weil sie beinahe jede freie Minute hier verbrachte, fühlte es sich inzwischen wie ein Zuhause an.

»Mama!« Anita betrat das Zimmer. »Hast du Mioli gesehen?«

Mrs Bloom war so in ihre Arbeit vertieft, dass sie ihre Tochter gar nicht hörte. Anita rief erneut nach ihr. Dann gab sie es auf. Sie legte ihren Rucksack an eine gut sichtbare Stelle neben der Tür, damit ihre Mutter sehen konnte, dass sie da gewesen war. Anschließend lief sie wieder die Treppe hinunter in den Garten, öffnete das Tor zur Straße und ging hinaus auf die Gasse, die von den letzten Sonnenstrahlen des Tages in ein goldenes Licht getaucht wurde.

Anita spähte in jede Ecke hinein, lugte durch offen stehende Türen, suchte die Kletterpflanzen ab, sah zu den Dächern hinauf. Sie fragte jeden, dem sie begegnete, ob ihm eine schwarz-weiße Katze mit einem Fleck am Auge über den Weg gelaufen sei, aber niemand hatte Mioli gesehen.

Ich benötige Hilfe, dachte Anita und rannte zum Haus Nummer 173, das links von Nummer 14 und rechts von Nummer 78 stand. Sie hatte lange gebraucht, sich in dem Labyrinth aus kleinen Straßen in Venedig zurechtzufinden. Dass die Vergabe der Hausnummern jeglicher Logik entbehrte, hatte es nicht gerade einfacher gemacht. Anscheinend waren nur die Briefträger in das verwirrende System eingeweiht.

Als sie vor Nummer 173 stand, schaute Anita nach oben und trat ein paar Schritte zurück. Das von hellen Steinsimsen eingerahmte Fenster im zweiten Stock stand offen. Auf dem Balkon nebenan blühten üppige Geranien, deren scharfer Geruch die Mücken fernhielt.

An der Haustür gab es keine Klingel. Deshalb legte Anita die Hände an den Mund und rief: »Tommi!«

Bald darauf lehnte sich ein Junge mit braunem Haarschopf aus dem Fenster. »Anita!«, begrüßte er sie. »Warte, ich komme schnell runter und mache dir auf!«

»Ich suche Mioli!«

»Schon wieder?«

»Ja, schon wieder«, stöhnte Anita. »Kannst du mir helfen, oder hast du gerade keine Zeit?«

Tommaso Ranieri Strambi lehnte sich noch weiter aus dem Fenster. »Aber klar, bin sofort bei dir!«

Anita hörte ihren Freund die Treppe herunterrennen. Kurz darauf wurde die Haustür aufgerissen.

»Wann ist er denn dieses Mal verschwunden?«, japste Tommaso und zog sich einen Pullover über.

»Ich weiß es nicht genau. Vor ein oder zwei Stunden. Vielleicht auch vor drei.«

»Oje.« Tommaso steckte die Hände in die Hosentaschen und brachte nach und nach deren Inhalt zum Vorschein: einen Kompass, eine Uhr, ein paar Angelhaken mitsamt Schnüren, eine Schachtel Streichhölzer, ein Schweizer Taschenmesser und eine Blechdose voller Vanillekekse. »Zum Glück«, sagte er und reichte Anita die Dose, »ist Mioli so eine Naschkatze.«

»Hast du eine Idee, wo er sich versteckt haben könnte?«

Tommaso wiegte den Kopf hin und her. »Ich wette, dass er sich wieder irgendwo bei euch im Haus verkrochen hat. Und mit diesen Keksen locken wir ihn aus seinem Versteck hervor.«

Vor der Ca’ degli Sgorbi blieb Tommaso wie immer erst einmal stehen. Er betrachtete die Fassade. Mit den vielen Rissen und Löchern im Verputz sah sie wie die Schatzkarte eines Piraten aus, mit eingezeichneten Küsten, Inseln und geheimen Buchten.

»Los, Tommi!«, drängelte Anita. Sie öffnete das quietschende Tor und wartete darauf, dass ihr Freund ihr endlich folgte. »Was ist denn schon wieder?«, fragte sie ungeduldig.

»Das weißt du doch ganz genau. Dieses Haus hat einfach keinen guten Ruf.«

»Also Tommaso, ich bitte dich!«, rief Anita, während sie ihren Freund hinter sich her in den Flur zog.

Tommaso sah sich argwöhnisch um. Die Fresken an den Wänden machten ihm Angst.

»Wann gibst du endlich diesen dummen Aberglauben auf?«

»Das ist kein Aberglaube. Vergiss nicht, dass dies hier die Ca’ degli Sgorbi ist, und …«

»Mama sagt, dass man das Haus auch Maison Morice Moreau nennt«, unterbrach Anita ihn.

Tommaso zuckte mit den Schultern. »Die Venezianer nennen es Ca’ degli Sgorbi«, fuhr er unbeirrt fort, »wegen all der sgorbi, der Ungeheuer an den Wänden.«

»Aber Morice Moreau war ein Künstler«, warf Anita ein. »Ein großer französischer Maler und Illustrator. Mama meint, dass er sieben Jahre brauchte, um alle Wände zu bemalen.«

»Ja. Und dann hat er sich aufgehängt.«

»Tommaso!«

»Das ist die reine Wahrheit!«

»Nein, ist es nicht!«, widersprach Anita ihm energisch. »Er ist an Altersschwäche gestorben.«

»Und wer soll dann sein Atelier angezündet haben, da oben im Dachgeschoss?«

Anita sagte nichts. In der Etage über der goldenen Decke, dem großen Riss und dem dunklen Fleck waren immer noch alle Wände und Decken über und über verrußt.

In jenem Teil des Hauses musste es also tatsächlich einmal gebrannt haben. Aber wer konnte schon sagen, wielange das her war. Und mit Sicherheit ließ sich heute nicht mehr feststellen, wie der Brand ausgebrochen war.

»Bist du eigentlich schon mal im Atelier gewesen?«, fragte Tommaso.

Anita schüttelte den Kopf. »Mama sagt, es sei zu gefährlich. Da gibt es Balken, die einstürzen könnten. Der Dachstuhl muss erst in Ordnung gebracht werden.«

Sie schwiegen eine Weile. Schließlich holte Tommaso einen Keks aus der Dose.

»Richtig. Wir müssen Mioli finden!«, rief Anita. »Ich hoffe nur, ihm ist nichts passiert.«

»Ganz sicher nicht.«

»Er könnte sich irgendwo im ersten Stock versteckt haben«, sagte Anita und setzte einen Fuß auf die Treppe.

»Deine Mutter will da oben doch niemanden haben«, gab Tommaso zu bedenken.

Anita sah ihren Freund stirnrunzelnd an. »Ach, das ist doch nur wieder eine von deinen Ausreden. Du willst nicht da rauf, stimmt’s?«

Tommaso blickte zu den grotesken Gesichtern an der gegenüberliegenden Wand hinüber. Ein einäugiges Ungeheuer, das vielleicht der Zyklop aus der Odyssee sein sollte, die ausgestreckten Tentakel eines Kraken, schroffe Klippen, zwischen denen ein Schiff versank …

Er schüttelte den Kopf. »Ja, vielleicht ist es eine Ausrede«, gab er zu. »Aber es heißt, dass in diesem Haus seltsame Dinge geschehen sind und …« Tommaso verstummte schlagartig und riss erschrocken die Augen auf.

Eine weiße Gestalt mit riesigen gelben Augen war auf dem Treppenabsatz des ersten Stocks erschienen.

»Pass auf!«, rief Tommaso seiner Freundin zu und wich einen Schritt zurück.

»Ich bin es doch, Tommaso!«, rief Anitas Mutter und nahm lächelnd die Schutzbrille ab. »Jetzt ist Schluss mit der Arbeit! Für heute bin ich fertig.« Sie riss sich die Plastikhaube vom Kopf, knöpfte den Arbeitskittel auf, zog die Handschuhe aus und warf sie auf den Boden.

»Äh … Guten Abend, Signora Bloom«, stotterte Tommaso, während Anitas Mutter die Treppe herunterkam.

»Was treibt ihr beiden denn gerade?«, fragte sie und strich ihrer Tochter übers Haar.

»Wir suchen Mioli«, antwortete Anita.

»Ach, dieser Kater!«, stöhnte ihre Mutter. »Hat er sich schon wieder versteckt?«

»Ja, wenigstens nehmen wir das an.« Anita verdrehte die Augen.

»Na ja, entführt worden ist er bestimmt nicht.« Ihre Mutter sah sie lächelnd an. »Wo auch immer er sich verkrochen hat … Es reicht, wenn wir morgen nach ihm suchen.«

»Aber …«

»Oh nein, Anita.« Ihre Mutter seufzte. »Heute Abend gibt es keine Katzenjagd mehr. Ich habe den ganzen Tag gearbeitet. Ich bin müde und schmutzig und freue mich auf eine Dusche. Danach muss ich sofort etwas essen.«

Anita schaute betrübt die Treppe hinauf.

»Er kommt schon wieder, du wirst sehen«, versuchte ihre Mutter sie zu trösten.

»Das hat Tommi auch gesagt.«

»Und er hat recht. Morgen Nachmittag, wenn du herkommst, um deine Hausaufgaben zu machen, wartet er bestimmt schon im Garten auf dich.«

Fragend sah Anita zu Tommaso hinüber, aber ihrem Freund war es so furchtbar peinlich, Mrs Bloom für ein Gespenst gehalten zu haben, dass er mit hochrotem Kopf auf den Boden starrte und ungeduldig darauf wartete, endlich gehen zu können.

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Kapitel 2
Mysteriöse Umstände



Sie verließen zusammen das Haus und Anitas Mutter verriegelte hinter ihnen das Schloss der Eingangstür. Der Wind, der von der Lagune kam, war inzwischen stärker geworden. Er trug die Gerüche der Insel Giudecca und kleine Papierfetzen mit sich, die wild vor ihnen durch die Luft wirbelten. Tommaso war erleichtert, wieder heil aus dem unheimlichen Haus herausgekommen zu sein.

Für Anita dagegen war das Maison Morice Moreau wie ein lebendiges Wesen, wie eine echte Persönlichkeit: die sechs Kamine waren zerzauste Haarsträhnen, der Balkon ein lächelnder Mund, die beiden Anbauten seitlich der Eingangstür die runden Wangen eines frechen Gesichts.

»Tommaso hat mir erzählt, dass sich der frühere Besitzer des Hauses im obersten Stockwerk aufgehängt hat«, sagte Anita unvermittelt.

»Anita!«, protestierte ihr Freund, dem die Situation sofort peinlich war. »Das ist nicht wahr!«

»Du hast es aber gesagt!« Sie sah ihre Mutter an. »Stimmt das?«

»Nein. Das ist nur Gerede!«, erwiderte diese lachend. »Wo hast du das denn her, Tommaso?«

»Das habe ich gehört«, stammelte er beschämt.

»Dann hat er sich also nicht aufgehängt?« Jetzt wollte Anita es unbedingt wissen.

Ihre Mutter schüttelte den Kopf. »Nein, das ist Unsinn! Morice Moreau ist in seinem Haus an Altersschwäche gestorben, genau so, wie er es sich immer gewünscht hatte.« Sie blieb stehen, drehte sich noch einmal nach dem Haus um und zeigte zum Giebelfenster hinauf. »Er ist dort oben gestorben, in seinem Atelier, nachdem er seinen Tee getrunken hatte.«

»Tommaso sagt, das Haus bringe Unglück.«

»Anita!« Tommaso bekam schon wieder ein rotes Gesicht.

»Hast du das wirklich gesagt?«

»Nein, Signora Bloom«, schwindelte er. »Doch … also natürlich, bevor Sie gekommen sind … Jedenfalls hieß es immer, wir sollten nicht in der Nähe der Ungeheuer spielen. Ich meine, in der Nähe von diesem Haus … auch wegen des Affen.«

»Was für ein Affe?«, wollte Anita wissen.

»Wir … Wir glaubten, dass dort ein Affe lebt.«

Dieses Mal lachte Anita. »Ein Affe? In Venedig? Das ist ein Scherz!«

»Nein, das stimmt«, widersprach ihre Mutter.

Erstaunt riss Tommaso die Augen auf.

»Morice Moreau besaß tatsächlich einen Affen, als er hierher zog«, erklärte Mrs Bloom. Es war ein Berberaffe, an dem er sehr hing. Er hatte ihn so gerne, dass er ihn sogar auf einer Wand porträtiert hat.«

»Das wusste ich ja gar nicht!«, sagte Anita. Ihr Interesse war schlagartig geweckt. »Wo denn?«

»Genau an der Stelle, die ich gerade bearbeite. Und das ist noch nicht alles. Als Moreau dort oben in seinem Sessel starb, war es der Affe, der die Nachbarn holte …«

»Was für eine Geschichte …«, murmelte Tommaso.

»Und was ist mit dem Affen passiert?«, fragte Anita.

Ihre Mutter zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Manche sagen, dass es das allein zurückgebliebene Tier war, das den Brand im Atelier verursachte.«

»Donnerwetter!«, rutschte es Anita heraus. Dann blieb sie abrupt stehen. Ihr Rucksack fehlte! Sie schaute ihre Mutter an, doch diese hatte ihn auch nicht mitgenommen.

»Es hat in dem Haus also wirklich gebrannt?«, wollte Tommaso wissen.

»Allerdings. Und man kann von Glück sagen, dass …« Anitas Mutter brach jäh ab. »Warum zupfst du an meinem Ärmel herum, Anita?«

»Gib mir bitte die Schlüssel. Ich habe meinen Rucksack vergessen.«

»Brauchst du ihn denn unbedingt heute Abend noch?«

»Da sind meine Hausaufgaben für morgen drin.«

Inzwischen hatte sich der Himmel violett gefärbt. An seinen Rändern zeigte sich schon das abendliche Grau. Deutlich hob sich davor die noch blasse Sichel des Mondes ab.

»Ich will endlich nach Hause, Liebling.«

»Ich kann allein zurückgehen.«

»Du bekommst das Schloss nicht auf.«

»Doch, ganz bestimmt.« Anita streckte die Hand aus.

»Ich beeile mich auch, versprochen! Glaub mir, ich werde noch vor dir zu Hause sein.«

Die Schlüssel wechselten von Mrs Blooms Tasche in die Hand ihrer Tochter.

»Pass auf der Treppe auf. Im Haus ist kein Licht.«

Anita warf Tommaso einen Blick zu, aber der schüttelte den Kopf und Anita machte sich allein auf den Weg zurück zur Ca’ degli Sgorbi.

Lautlos öffnete sich das Tor und schlüpfte in das kühle, finstere Treppenhaus. Ohne die Radiomusik kam ihr Morice Moreaus Haus plötzlich riesig vor. Es war, als würde es in der Dunkelheit wachsen und die Figuren an den Wänden zum Leben erwecken. Anitas Herz fing an zu rasen. Sie redete sich gut zu und stieg langsam die Treppe hinauf. Immer wieder wurde ihr Blick jedoch von den großen Schlangen an den Wänden gefangen genommen, die mit ihren langen Körpern die Fenster des ersten Stocks zu umklammern schienen. Ihre Mutter hatte ihr erklärt, dass die Malereien eigentlich keine Schlangen darstellen sollten, sondern mythologische Wesen: die Ungeheuer Skylla und Charybdis.

Anita ließ die erste Etage hinter sich und erreichte die zweite Ebene des Hauses. Dort standen die Gerüste, die gegen das schwach von draußen einfallende Licht der Laternen wie eiserne Riesen aussahen.

Während die Decken im ersten Stock ziemlich niedrig waren, reichten die des zweiten Obergeschosses mindestens dreieinhalb Meter hoch. Ihre Mutter arbeitete seit einigen Tagen an dem großen Salon, der sich auf der einen Seite zum Garten und auf der anderen Seite zum Canal di Borgo hin öffnete. Es war der eindrucksvollste Raum des Hauses.

Anita kniff die Augen zusammen und versuchte, im Dämmerlicht etwas zu erkennen. Zum Glück war ihr Rucksack noch dort, wo sie ihn abgestellt hatte.

Sie schnappte ihn sich und wollte gerade wieder die Treppe hinuntergehen, als ihr so war, als hätte sie ein Maunzen gehört.

Wie angewurzelt blieb sie auf dem Treppenabsatz stehen. »Mioli?«, flüsterte sie kaum hörbar, da streifte ein Lufthauch ihre Wange. Vor Schreck hielt sie sich die Hand vor den Mund.

War noch jemand im Haus?

Anita ließ ihren Blick nach oben wandern, als sie erneut ein Maunzen vernahm.

»Dummer Kater«, murmelte sie und biss sich grimmig auf die Lippen. »Sag bloß nicht, dass du da hinaufgeklettert bist!«

Unter dem Dach war das Atelier des Malers. Der Raum, in dem es gebrannt hatte.

Anita stützte sich mit der Hand am Geländer ab und stellte sich auf die erste Stufe.

Ihr Herz begann heftig zu schlagen und pochte als dumpfer Puls in ihren Ohren. Sie schlich in der Dunkelheit vorsichtig die Stufen hinauf, ohne das Geländer loszulassen. Als sie fast den Absatz in der Mitte der Treppe erreicht hatte, hörte sie das Maunzen zum dritten Mal. Anita wollte nach Mioli rufen, brachte aber keinen Ton heraus.

Unter der Tür zum Atelier drang ein schwacher Lichtschein hervor. Es waren die letzten Sonnenstrahlen des Tages, die noch von den höchsten Fenstern des Hauses eingefangen wurden.

Der Kater musste hinter der Tür zum Atelier sein. Anita hörte, wie er von innen an dem Holz kratzte.

In dem schwindenden Licht sah sie schnell die Schlüssel in ihrer Hand durch. Ihr Herzschlag dröhnte in ihrem Kopf. Was, wenn gar nicht ihr Kater auf der anderen Seite auf sie wartete?

Sie sog tief die Luft ein. »Mioli, bist du das? Mach dir keine Sorgen«, sagte sie. »Ich hol dich da raus. Ich muss nur noch den richtigen Schlüssel finden, dann können wir nach Hause gehen.«

Nach Hause, dachte sie, wenn sie doch nur schon dort wäre!

Sie steckte einen Schlüssel ins Schloss, aber er ließ sich nicht drehen. Hektisch probierte Anita einen Schlüssel nach dem anderen aus. »Verflixt!«, rief sie und trat mit aller Kraft gegen die Tür. Der Schlag hallte lautstark im ganzen Haus wider.

Inzwischen war die Sonne untergegangen. Durch den Spalt unter der Tür drang kein Licht mehr ins Treppenhaus.

Anitas Sinne waren zum Zerreißen gespannt, da meinte sie plötzlich, Schritte zu hören.

Kalter Schweiß lief ihr den Rücken hinunter, sie sank auf die Knie und nahm aus den Augenwinkeln plötzlich einen Schatten wahr, der die Treppe heraufkam.

»Anita! Was ist los? Ist dir was passiert?«, rief ihr eine wohlvertraute Stimme zu.

Tommi, dachte Anita erleichtert. »Was machst du denn hier?«, fragte sie atemlos.

»Du hast so lange gebraucht. Deshalb wollte ich mal nachschauen, wo du bleibst.«

»Er ist hier hinter der Tür.«

»Wer ist hinter der Tür?«

»Mioli. Ich habe ihn maunzen hören.«

Tommaso seufzte. »Na, dann holen wir ihn mal da raus. Und zwar schnell. Man sieht ja schon gar nichts mehr.«

»Die Tür ist abgesperrt.« Anita reichte ihm den Schlüsselbund.

Tommaso nahm seine Taschenlampe aus der Hose und hatte in kürzester Zeit den richtigen Schlüssel gefunden. Er öffnete die Tür gerade so weit, dass der Kater zu ihnen herausspringen konnte.

»Da bist du ja endlich!«, flüsterte Anita erleichtert. Schutz suchend schmiegte sich Mioli an sie.

Ohne in den Raum zu blicken, schloss Tommaso die Tür wieder und ließ das Vorhängeschloss zuschnappen.

Wenige Augenblicke später waren sie draußen in der kühlen Abendluft und liefen am Kanal entlang nach Hause.