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W enn du dein Schicksal verändern könntest, würdest du es tun?

W enn der Himmel einen Menschen liebt, dann lässt er ihm einen Freund begegnen.
(Aus China)


1


Die Hecke war dicht und schien mir undurchdringlich. Ich musste mich auf die Zehenspitzen stellen, um einen Blick auf Felix und die anderen Jungen, mit denen er im Garten Fußball spielte, erhaschen zu können.

Gestern beim Abendbrot hatte ich mit angehört, wie sich meine Eltern über die neue Familie nebenan unterhielten. Felix’ Mama war einfach abgehauen, hatte meine Mutter erzählt, und hatte den armen Mann mit dem kleinen Jungen sitzen lassen.

Ich verstand nicht so richtig, was sie damit meinte und warum sie sich so darüber aufregte. Und dass der arme Junge sich bestimmt die Augen nach seiner Mama ausheulte, das konnte ich auch nicht feststellen. Felix stürmte lachend durch den Garten, den Fußball immer fest im Visier.

Wie gern hätte ich in diesem Moment mit ihm getauscht, denn ich steckte mitten in der schrecklichsten Geburtstagsfeier meines siebenjährigen Lebens fest. Meine Mutter hatte tatsächlich geglaubt, ich würde mich über eine Barbie-Party mit Jana, Ellen, Chiara und Emily freuen. Allesamt in Rosa, versteht sich. Ich wollte aber nicht mit Barbiepuppen spielen, und erst recht nicht in Rosa gehüllt. Ich hasste Barbie!

Es war 2001, ein glühend heißer Samstagnachmittag im August, und ich wünschte mir nichts mehr, als mit Felix in dem Baumhaus zu hocken, das sein Vater, gleich nachdem sie nebenan eingezogen waren, in die gewaltige Eiche gezimmert hatte

Es sollte jedoch noch fast zwei Wochen dauern, bis ich das erste Mal mit leicht zittrigen Knien die schmalen Holzstufen hinaufklettern durfte. Zwei Schokoriegel und eine Tüte Gummibärchen hatte mich das gekostet.

Felix stopfte sich gerade den zweiten Riegel rein, als ich oben ankam und mich staunend neben ihn auf die Bank plumpsen ließ.

»Cool, was?«, fragte er mich mampfend.

Ich nickte schüchtern.

»Mein Vater sagt, hier oben bin ich sicher.«

»Wovor?«

Ich rechnete damit, dass er nun von Löwen und Tigern oder möglicherweise von wieder zum Leben erwachten Dinosauriern erzählen würde.

Doch Felix legte den Kopf ein wenig schief und erklärte: »Vor meinen Gefühlen. Immer, wenn es mir nicht so gut geht, klettere ich hier hoch. Es ist nämlich ein Zauberbaumhaus.«

Ich begriff nicht, was er meinte, und ärgerte mich über meine Dummheit. Felix war nur ein Jahr älter als ich und redete von Dingen, die ich nicht verstand.

»Meine Mutter hat immer gesagt, wenn ich die Kirschkerne mit runterschlucke, würde da drin bald ein gewaltiger Kirschbaum wachsen.« Er tippte sich mit dem Zeigefinger gegen den Bauch und schaute mich fragend an. »Und? Siehst du einen Kirschbaum?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Die Erwachsenen sagen vieles, was nicht stimmt. Bei meiner Mutter war es der Kirschbaum.« Er blinzelte und fügte leise hinzu: »Und dass sie mich lieb hat.«

Ich wollte etwas sagen. Aber ich wusste nicht, was. Ich hatte keine Ahnung, wie ich ihn trösten konnte und ob er das überhaupt wollte. Ich war ja nur ein siebenjähriges Mädchen, das Barbiepuppen hasste und unbedingt Felix zum Freund haben wollte. Und das nicht nur wegen seines Baumhauses.

Felix schaute auf seine Füße und ich betrachtete ihn von der Seite. Wie gern hätte ich ihm gesagt, dass ich seine beste Freundin sein wollte, doch ich traute mich nicht. Und da, plötzlich, als hätte er meinen scheuen Blick erahnt, hob er den Kopf und sah mir direkt in die Augen. Mein erster Impuls war, schleunigst wegzugucken. Stattdessen lächelte ich und erschrak prompt über mich selbst.

Ich hatte noch nie einen Jungen zum Freund gehabt. Ging das überhaupt? Würde das nicht gleichzeitig bedeuten, dass wir ein Liebespaar waren? Müssten wir uns dann vielleicht sogar küssen? Oh Mann, ich wollte keinen Jungen küssen. Auch nicht Felix.

Hilfe suchend sah ich ihn an.

Er grinste schief, und als ob er meine Gedanken erraten hätte, meinte er: »Mit Küssen habe ich es nicht so. Ich habe nämlich mal gehört, dass man dabei die Zunge des anderen runterschlucken muss.«

»Bäh«, machte ich und schüttelte mich angewidert. »Das ist ja eklig. Ich werde niemals jemanden küssen. Im Leben nicht!«

»Ich auch nicht«, sagte Felix noch breiter grinsend und hielt mir die Tüte mit den Gummibärchen hin.

Ich zögerte. Schließlich waren die Gummibärchen mein Eintritt ins Baumhaus gewesen.

»Nimm schon. Wir sind doch jetzt Freunde.«

Mein Herz machte einen wilden Sprung.

Aber Felix wackelte einfach mit den Schultern, schaute nach oben und sog die Luft tief durch die Nase ein. »Riecht nach Regen.«

Als Minuten später die ersten schweren Tropfen auf das Dach des Baumhauses klopften, konnte ich nur noch über seine Klugheit staunen.

»Komm«, rief Felix und sprang auf. »Wir machen einen Regentanz unten im Garten!«

Ich nickte begeistert, und dann vollführten wir den tollsten Regentanz, den die Welt je gesehen hatte. Felix drehte sich im Kreis, schmiss die Arme in die Luft und hüpfte auf der Stelle. Ich streckte meine Arme weit zur Seite aus, legte den Kopf in den Nacken und wirbelte dabei um mich selbst, bis mir ganz schwindelig wurde. Mein Herz wummerte wie verrückt, und das Gefühl, vor Glück platzen zu müssen, kribbelte in mir.

Wir tanzten so lange barfuß durch den Garten, bis der Regen nachließ und nur noch sein schwerer Dunst in der Luft lag.

Der Rasen dampfte und unsere Klamotten pappten an unseren Körpern, als wir uns keuchend der Länge nach auf den Boden fallen ließen. Seite an Seite. Kaum eine Handbreit, die zwischen uns gepasst hätte.

Da schloss ich die Augen und dachte: So soll es bleiben. Am besten für immer!

Tatsächlich wurde mir in den nächsten zehn Jahren niemand so vertraut wie Felix.

Er verstand mich, ohne dass ich ein Wort sagen musste. Er war mein Seelenverwandter, mein Beschützer, mein Held! Stark, mutig und zweifelsohne gut aussehend, was ich mit zunehmendem Alter an den Mädchen bemerkte, die Felix umschwirrten wie die Motten das Licht.

Trotzdem war ich nie eifersüchtig. Warum auch? Wir waren ja kein Paar. Jedenfalls kein Liebespaar. Wir waren Freunde. Die allerbesten. Natürlich fiel mir auf, wie schnell er den Mädchen den Kopf verdrehte. Das gelang ihm genauso mühelos wie Fußball spielen. Dennoch war ich immer wieder überrascht, wie leicht er sie dazu brachte, ihn anzuhimmeln. Ein Blick aus Felix’ leuchtend hellblauen Augen genügte und die Mädchen schienen darin zu versinken.

Doch ich wusste, dass Felix nur mit ihnen spielte. Er blendete sie, die Tanjas, Melanies und Sophias, zog sich eine fremde Haut über, damit keine von ihnen auf den Grund seiner Seele sehen konnte. Das war nur mir vorbehalten – nur für mich öffnete Felix sein Herz.

In dieser Gewissheit schaute ich fast ein wenig mitleidig auf die Mädchen, die beim Fußball am Rand des Grüns herumlungerten, mit feuchten Händen und klopfenden Herzen, in der Hoffnung, Felix würde ihnen einen Blick schenken. Nur einen einzigen Blick.

Ab und zu tat er ihnen den Gefallen. Dann standen sie regungslos da. Ich glaubte, ihre Herzen schlagen zu hören. Da-dumm, da-dumm, da-dumm. Ich konnte spüren, wie ihnen förmlich die Luft wegblieb. Der Mund sich trocken, die Kehle rau anfühlte. Ich sah die Halbmonde von Schweiß unter den Achseln ihrer Shirts und sie taten mir leid. Denn mehr als das, den Hauch eines Moments, in dem die Welt für sie stehen zu bleiben schien, würde Felix ihnen nicht schenken.

»Aus der Ferne betrachtet, mögen Frauen toll sein, und es kommt einem faszinierend vor, sich auf sie einzulassen. Aber von Nahem erkennt man ihr wahres Gesicht und ist verloren, wenn man ihnen glaubt.«

Ich wusste, dass Felix über seine Mutter sprach, als er dies zu mir sagte. Dass sie der Grund war, warum er sich als achtjähriger Junge geschworen hatte, sich niemals zu verlieben. Denn wer nicht liebt, der kann auch nicht verletzt und verlassen werden.

So einfach ist das.

N imm dir Zeit, um zu träumen;
das ist der Weg zu den Sternen.
(Aus Irland)


2


Die Luft war so heiß, dass es beim Einatmen ein wenig schmerzte. Sie flirrte über den grauen Asphalt des Bahnsteigs, auf dem ich stand und auf den Zug wartete.

»Nun mach nicht so ein Gesicht.« Mein Vater knuffte mir aufmunternd in die Seite. »So schlimm wird es schon nicht werden. Außerdem soll es auf Usedom wirklich schön sein.«

»Na prima, dann fahr du doch hin!« Meine Stimme triefte vor Sarkasmus, was meinen Vater zu einem tiefen Seufzer veranlasste.

»Ach, Leni, das haben wir nun doch schon tausendmal diskutiert.«

Oh ja, und wie wir das hatten. Wenn auch mit ungerecht verteilten Rollen, denn ich hatte von vornherein keine Chance gegen die Entscheidung meiner Eltern gehabt, dass ich die ersten drei Wochen meiner Sommerferien bei meiner Tante Clara auf Usedom verbringen sollte.

So wenig, wie ich auf diese Insel wollte, so wenig kannte ich meine Tante Clara. Sie war praktisch eine Fremde für mich. Beim letzten Mal, als ich sie gesehen hatte, war ich zwei Jahre alt gewesen – und daran konnte ich mich natürlich nicht mehr erinnern!

Meine Mutter und sie verstanden sich nicht sonderlich gut. Irgendein Streit war schuld daran. Er lag zwar schon viele Jahre zurück, war aber wohl so heftig gewesen, dass seitdem ziemliche Funkstille zwischen ihnen herrschte.

Das Einzige, was ich darüber wusste, war, dass meine Mutter sich nach dem frühen Tod meiner Großeltern um ihre zehn Jahre jüngere Schwester gekümmert hatte. Die Zeiten damals müssen sehr hart für die beiden gewesen sein. Doch am meisten hatte es meine Mutter wohl getroffen, dass Clara sich, kaum dass sie volljährig war, zu einem Wochenendtrip nach London verabschiedet hatte, aus dem dann dreizehn Jahre geworden waren.

Nun war Clara wieder zurück. Seit eineinhalb Jahren lebte sie zusammen mit ihrem englischen Freund Jamie McCourtney auf der Ostseeinsel Usedom und betrieb dort eine kleine Bed-and-Breakfast-Pension.

Meine Mutter machte keinen Hehl daraus, dass sie noch immer schwer enttäuscht von Clara war und dass sie sie für egoistisch und extrem verantwortungslos hielt.

Warum sie dann ausgerechnet mich, ihre einzige Tochter, in die Höhle des Löwen oder in diesem Fall in die Höhle der Egoistin schickte, sollte ihr Geheimnis bleiben. Egal, wie sehr ich mich dagegen wehrte, sie war unerbittlich.

Meinem Vater gelang es schließlich, mich umzustimmen.

»Leni, glaub mir, wenn es nicht so enorm wichtig für deine Mutter wäre, würde ich ihren Entschluss nicht unterstützen. Dass Clara dich eingeladen hat, ist so etwas wie ein erster Schritt zur Versöhnung, denke ich.«

»Aber warum lädt sie euch beide dann nicht gleich mit ein? Und überhaupt: Mama kann ihre Schwester doch nicht ausstehen?!«

Mein Vater hatte mich wehmütig angelächelt. »Ja, das behauptet sie immer. Aber die Wirklichkeit sieht ganz anders aus, Leni.«

Schließlich hatte ich eingelenkt. Zähneknirschend und eigentlich nur, weil mein Vater mich so inständig darum gebeten hatte. Ihm konnte ich nichts abschlagen. Das war schon immer so gewesen. Je öfter ich mich gegen meine Mutter aufgelehnt, mich über ihre beherrschte und manchmal auch sehr kühle Art aufgeregt hatte, desto mehr sah ich meinen Vater als meinen heimlichen Verbündeten, meinen Freund, mit dem ich über alles reden konnte …

Mit einem lauten Quietschen kam der Zug zum Stehen und gleich darauf öffneten sich die Türen.

»Dein Sitzplatz befindet sich in Wagen acht!«, rief mein Vater, während er schon mit meinem Rollkoffer im Schlepptau den Bahnsteig entlangeilte.

Ich folgte ihm mürrisch.

»Leni, jetzt komm schon!« Mein Vater stand auf den Stufen. Den Koffer hatte er bereits in den Zug gehievt. »Gleich fährt er ohne dich ab.«

Umso besser!

Ich drängte mich an ihm vorbei in den Waggon und wollte nach dem Koffer fassen, doch mein Vater bestand darauf, mich bis zu meinem Platz zu bringen. Allerdings änderte er sein Vorhaben schnell, als er einen Blick in den menschenverstopften Gang vor uns warf.

»Okay, Leni, Schätzchen. Dann steige ich jetzt wohl doch lieber wieder aus.« Er grinste, während er mich in die Arme zog. »Sonst hast du mich womöglich bis zum nächsten Halt auf deinem Schoß sitzen.«

Ich erwiderte nichts. Schließlich war längst alles gesagt, und auch wenn er nun einen auf gute Stimmung machte, war nichts gut. Nur war es total sinnlos und überflüssig, erneut davon anzufangen.

Also ließ ich mich von ihm auf beide Wangen küssen und hob zum Abschied die Hand, als er bereits wieder auf den Zugstufen stand und mir zurief: »Bis in drei Wochen. Pass gut auf dich auf. Ich hab dich lieb, Leni!«

Ich dich auch, Paps, dachte ich. Obwohl ich gerade nicht mehr weiß, warum eigentlich.

Es dauerte eine ganze Weile, bis ich mich zu meinem reservierten Sitzplatz vorgekämpft hatte und es mir gelungen war, den Koffer in die Ablage über mir zu verfrachten.

Als ich endlich saß, hatte sich der Zug schon wieder in Bewegung gesetzt.

Ich blickte aus dem Fenster. Sah die Landschaft an mir vorbeifliegen. Dachte kurz an Usedom und was mich dort wohl erwartete. Wie meine Tante sein würde. Ob es zwischen uns total verkrampft wäre und ich vor Heimweh fast umkommen würde. Und war dann irgendwann bei dem Thema angelangt, um das meine Gedanken seit gestern Abend fast ununterbrochen kreisten. Bei Felix, meinem besten Freund, und dem, was gestern zwischen uns geschehen war.

Ich hatte ihn zum Fußballspiel begleitet wie schon unzählige Male zuvor. Doch diesmal war alles anders gewesen. Ein Talentscout des Hamburger SV hatte sich unter die Zuschauer gemischt, der eigens wegen Felix angereist war. Und ich hatte meinem Freund dabei zusehen müssen, wie er seinem Traum nachjagte. Wie er übers Spielfeld wirbelte, geduldig und zäh seine Gegner bedrängend, ohne Rücksicht auf Verluste. Das Ziel vor Augen, es vom holprigen Platz der A-Jugend auf das gepflegte Grün eines Bundesligavereins zu schaffen.

All die Mädchen, die in den letzten zwei, drei Jahren an der Seitenlinie herumgelungert hatten, waren mir nicht annähernd so bedrohlich vorgekommen wie der hochgewachsene, dunkelhaarige Mann auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes.

Ich wusste, dass dem Talentscout gefiel, was er da von Felix geboten bekam. Wenn der Mann seinen Job auch nur ansatzweise verstand, konnte er nicht anders, als ihn auf der Stelle für seinen Verein zu verpflichten. Und das war auch der Grund, warum sich mein Magen schmerzhaft zusammenzog und sich ein banges Gefühl in meinem Körper ausbreitete. Felix würde fortgehen. Wenn nicht heute mit diesem Talentscout nach Hamburg, dann ohne Frage morgen oder übermorgen zu einem anderen Verein.

Ja, ja, du treuloser Kerl, zeig ihnen, wie talentiert du bist!, schoss es mir voller Zorn durch den Kopf, und das erste Mal, seitdem ich Felix kannte, spürte ich, wie die Eifersucht kochend heiß in mir loderte.

Nach dem Spiel waren wir zusammen mit der Mannschaft und einigen anderen Vereinsmitgliedern ins Clubhaus gegangen. Felix’ Vater wollte es sich nicht nehmen lassen, eine Runde auszugeben. Der Talentscout hatte Felix zum Sichtungstermin nach Hamburg eingeladen und das musste natürlich ausgiebig gefeiert werden.

Je mehr Bier floss, desto lauter und ausgelassener wurde die Stimmung und die Luft im kleinen Clubhaus von Minute zu Minute schlechter. Zum Zerschneiden dick.

In meinem Kopf begann es zu pochen, und es flimmerte vor meinen Augen, als ob lauter kleine Blitze davor tanzen würden.

Unauffällig massierte ich mir mit den Zeigefingern die Schläfen. Doch Felix, der direkt neben mir saß, hatte es natürlich bemerkt.

»Hast du Kopfschmerzen? Bist du deshalb so still?«, fragte er mich besorgt.

Ich schaute ihn an. In seinen Augen lag so viel Freude, seine Wangen waren vor Aufregung gerötet. – Nein, so egoistisch konnte ich nicht sein!

Plötzlich schämte ich mich. Wie konnte ich Felix nur diesen Moment vermiesen? Ihm womöglich ein schlechtes Gewissen machen, nur weil ich nicht damit klarkam, dass sich sein Leben verändern würde?

»Nein, nein, alles okay«, sagte ich und bemühte mich zu lächeln.

Felix blickte mich forschend an. Dann hob er die Hand und strich mir eine lange blonde Haarsträhne aus der Stirn. »Sollen wir lieber gehen?«

Ich beeilte mich, den Kopf zu schütteln, was den Schmerz noch verstärkte. »Quatsch! Es ist nicht so schlimm«, murmelte ich.

Doch Felix konnte ich nichts vormachen. »Es geht dir nicht gut. Das sehe ich dir an. Komm, lass uns hier abhauen. Ich brauche auch dringend frische Luft.«

Er erhob sich, aber ich zögerte noch. »Und dein Vater?«

Felix warf einen kurzen Blick ans gegenüberliegende Tischende. Doch sein Vater hatte noch nicht einmal bemerkt, dass er aufgestanden war, so sehr war er in das Gespräch mit den Männern um ihn herum vertieft.

Felix grinste mich an. »Ich glaube, um den brauchen wir uns keine Sorgen zu machen. Der ist glücklich, dass er mit mir angeben kann.« Dann ergriff er meine Hand und zog mich mit sich aus dem Clubhaus und ich ließ es einfach geschehen.

Eine Weile gingen wir schweigend nebeneinander durch die Dämmerung, bis Felix schließlich die ungewohnte Stille zwischen uns durchbrach. »Möchtest du mir nicht verraten, was eigentlich mit dir los ist?«

»Hab ich doch«, erwiderte ich eine Spur zu heftig. »Ich habe nur ein wenig Kopfschmerzen.« Was ja noch nicht einmal gelogen war. Dennoch klang es in meinen Ohren nach einer lahmen Ausrede.

»Aha«, sagte Felix und danach herrschte erneut diese undurchdringliche Stille zwischen uns.

Ich schämte mich für meine Kopfschmerzen, weil sie mir so vorgeschoben, so herbeigewünscht vorkamen, weil ich nicht in der Lage war, mich für Felix zu freuen. Aus purem Egoismus.

Als ob ich laut gedacht hätte, blieb Felix mit einem Mal stehen. »Weißt du eigentlich, dass ich manchmal ganz schön eifersüchtig auf Geena bin?«, sagte er.

Ich schüttelte den Kopf, verwundert darüber, was meine beste Freundin mit dieser Sache zu tun hatte.

Er seufzte tief. »Geena ist klasse, bestimmt. Aber gerade, wenn ihr beide so eng aufeinanderhockt, habe ich das Gefühl, dass da kein Platz mehr für mich ist.«

»Ach, ich dachte …«

»Ich will jetzt auch gar kein großes Ding daraus machen«, unterbrach er mich. »Trotzdem habe ich ab und zu echt Angst, meine beste Freundin zu verlieren.«

Ich schluckte schwer. »Da geht es dir wie mir«, gab ich leise zu. Ich biss mir auf die Unterlippe, wusste nicht, ob ich Felix die Wahrheit sagen sollte, doch dann fasste ich mir ein Herz. »Ich mache mir tierische Sorgen wegen diesem blöden Talentscout. Ich habe Angst, dass du weggehst und mich vergisst. Dass unsere Freundschaft zu Ende ist, wenn du bei irgend so einem Bundesligaverein Karriere machst. Ich gönne es dir, wirklich! Und dennoch wünsche ich mir, dass alles so bleibt, wie es ist. Aber mir ist klar, dass das nicht geht … Wir werden älter und vielleicht …«

Ich brach ab, denn ich spürte, wenn ich weiterredete, würde ich die Tränen nicht länger zurückhalten können, die mir schon die ganze Zeit in den Augen brannten.

Felix sah mich einen Moment schweigend an, bevor er langsam den Kopf schüttelte und mich in die Arme zog. »Leni, Leni … wie kannst du nur so etwas denken …«, flüsterte er mir ins Haar.

Ich stand da und konnte mich kaum rühren. Jeder Zentimeter meines Körpers hielt inne – in der Gewissheit, dass wir uns auch ohne Worte verstanden. Jetzt endlich wusste ich es wieder.

Keine Ahnung, wie lange wir so verharrten. Es kam mir lange vor, wie viele, viele Stunden. Und dennoch waren es nur wenige Augenblicke, bevor ich mich aus seiner Umarmung löste.

»Was hältst du von Schwimmen im See?«, schlug ich betont heiter vor.

Felix grinste und zwinkerte mir zu. »Eindeutig der beste Gedanke, den du heute hattest.« Er verpasste mir einen freundschaftlichen Knuff gegen den Oberarm.

»Wer zuerst da ist!«, rief ich und flitzte los.

Felix war wie immer schneller. Er nannte mich eine lahme Ente, während er rasch aus seinen Klamotten schlüpfte und in Boxershorts über den schmalen Grasstreifen zum Steg lief.

Ich zog mich bis auf BH und Slip aus und folgte ihm.

Eine Böe fuhr durch mein Haar und streifte meine Haut. Mit einem Mal waren die Kopfschmerzen wie weggefegt, als ob der Wind sie mit sich fortgenommen hätte.

Felix griff nach meiner Hand. »Bei eins!«

Ich nickte und er begann zu zählen: »Drei … zwei … eins!« Dann ließ er meine Hand los und sprang kopfüber in den See.

Ich zögerte kurz, bevor ich ihm mit einem weitaus weniger eleganten Poklatscher folgte.

Kaltes Wasser und Dunkelheit umschlossen mich. Mit kräftigen Zügen beförderte ich mich zurück an die Wasseroberfläche. Als ich auftauchte, war Felix nur ein paar Meter von mir entfernt. Der Mondschein spiegelte sich in seinem Gesicht wider, sodass es sich deutlich von der Schwärze des Sees absetzte.

Ich schwamm zu ihm hinüber und wie auf ein geheimes Kommando hin fingen wir zu kraulen an. Seite an Seite durchpflügten wir den nächtlichen See – ohne ein Wort zu sprechen. Nur das gleichmäßige Plätschern war zu hören, als unsere Arme im ruhigen, kraftvollen Rhythmus ins Wasser tauchten.

Etwas später lagen wir rücklings auf dem Holzsteg und träumten uns, jeder für sich, woandershin und doch in dieselbe Richtung. Hinüber über den See, weit über die Stadtgrenzen hinaus, in eine andere Welt oder möglicherweise genau an den Ort, an dem wir uns gerade befanden.

Felix streckte die Hand nach mir aus. Strich mit den Fingerspitzen sanft über meinen Oberarm. Es war ein vertrautes Gefühl, und doch schwang etwas Neues darin mit, das meine Haut zum Kribbeln brachte.

»Du zitterst ja. Ist dir kalt?« Felix richtete sich auf. »Soll ich dich wärmen?«

Plötzlich spürte ich einen dicken Kloß im Hals. Bestimmt klang meine Stimme deshalb so fremd, als ich erwiderte: »Ich weiß nicht, ob das gut wäre …«

Felix schwieg, schaute mich nur unverwandt an, mit einem Blick, den ich nicht kannte. Da war so ein Blitzen in seinen Augen. Er lachte leise auf, bevor er sich zu mir hinabbeugte und mir spielerisch in die Schulter biss.

Eine jähe Woge der Zuneigung durchströmte mich, so heftig, dass mir der Atem stockte und mein Herz für ein paar Schläge aussetzte.

Ich stützte mich auf, machte ein ernstes Gesicht, denn die Heftigkeit meiner Gefühle überraschte und verwirrte mich.

War das noch Freundschaft, die ich für Felix empfand? Oder Liebe? Und wenn ja, wann war aus Vertrautheit Zuneigung erwacht? Oder bildete ich mir das alles nur ein, weil ich Angst hatte, Felix zu verlieren? Aber warum kam er mir plötzlich so fremd vor? Wieso schämte ich mich mit einem Mal meiner nassen Unterwäsche?

»Felix, was …«, krächzte ich. Aber er bremste mich. Behutsam umfasste er meinen Hinterkopf und kam mit seinem Gesicht so dicht an meins, dass ich seinen Atem spüren konnte.

»Leni«, raunte er mit einer Stimme, die mir durch und durch ging. »Bist du meine Freundin?«

Ich formte mit den Lippen ein Ja, aber einen Laut brachte ich nicht hervor.

Felix’ Mund wanderte zu meinem linken Ohrläppchen, küsste es sanft, bevor seine Lippen über meine Wange strichen. Nur ein Hauch, wie eine Feder – zart und doch so voller Leidenschaft, dass ich das Gefühl hatte, innerlich zu verbrennen.

Oh Gott, ja, ich war seine Freundin. Aber anders als noch vor ein paar Tagen, Stunden, Minuten. Zum ersten Mal, seit ich Felix kannte, wollte ich ihn spüren. Sehnte mich körperlich nach ihm. Nicht als meinen allerbesten Freund, meinen Kumpel. Ich war bereit, auch wenn ich keine Ahnung hatte, wie der nächste Schritt aussehen würde.

Aber Felix wusste, wie das ging. Wonach ich verlangte. Was er wollte. Seine Lippen fanden meine und seine Zunge bahnte sich einen Weg in meinen Mund. So zärtlich, so unfassbar liebevoll, dass mir die Luft wegblieb. Ich war wie paralysiert. Unfähig, mich zu bewegen, lag ich einfach nur da und genoss diesen Kuss und Felix’ Nähe mit jeder Faser meines Körpers.

Genauso plötzlich, wie er mich geküsst hatte, löste er sich wieder von mir und sah mich eindringlich an. »Du hast mich schon als achtjährigen Jungen total umgehauen. Als du auf einmal vor unserer Tür standest und unbedingt in mein Baumhaus wolltest. Wie du mich angeschaut hast, dein Lachen mit dieser breiten Zahnlücke, die unzähligen Sommersprossen und deine Fröhlichkeit. Weißt du …« Er hielt kurz inne, fasste meine Hand, führte sie an seinen Mund und küsste sie. So viel tiefe Zuneigung steckte in dieser Geste, dass es meinem Herzen einen Stich versetzte. »… du hast mich mit deiner lockeren Art einfach von den Socken gehauen. Es war so ein unvermittelter Schlag, so mitten rein in die Magengrube. Ich fühlte mich mickrig und groß zugleich. Und da habe ich es gespürt: Du bist meine Rettung.«

»Warum … hast du nie etwas gesagt?«, stammelte ich.

Für den Bruchteil einer Sekunde schlich sich ein Hauch von Wehmut in Felix’ Miene. »Ich wollte mich doch nicht verlieben. Niemals.«

»Und jetzt ist es trotzdem passiert?«, fragte ich beklommen.

Felix schmunzelte. »Nein, ich bin nicht verliebt. Ich liebe dich, Leni. Schon immer. Das ist ein großer Unterschied.«

»Felix …«

Sein Name hatte sich in ein Flüstern verwandelt. Noch bevor ich ihn ganz ausgesprochen hatte, riss er mich in seine Arme und küsste mich. Und dieses Mal blieb ich nicht wie angewurzelt liegen. Ich schmiegte mich in seine Umarmung und tauchte hinein in diesen Kuss, so tief, dass ich glaubte, unsere Seelen würden sich berühren. Felix presste mich an sich, als ob er mich nie wieder loslassen wollte, fuhr mit den Händen durch meine Haare, küsste meine Wangen, meinen Hals, fand meinen Mund … bis ich schließlich nach Atem ringend den Kopf zurückbog und in seine unglaublich blauen Augen sah.

Eine Weile schwiegen wir, unsere Blicke fest ineinander verflochten, tief und innig, so wunderbar vertraut und gleichzeitig so fremd. Und ich konnte mich nicht sattsehen an ihm.

Plötzlich stahl sich ein Lächeln auf meine Lippen. »Meine Zunge ist übrigens noch da«, sagte ich mit gespielter Empörung. »Du hast mich also angelogen.«

Felix zog erstaunt die rechte Braue hoch. »Was?«

»Felix, Felix, kannst du dich denn nicht mehr erinnern?« Ich lachte auf und wuschelte ihm durch das feuchte Haar. »Als wir uns kennenlernten, hast du behauptet, dass man beim Küssen die Zunge des anderen verschlucken würde. Das war ja wohl eine glatte Lüge!« Ich streckte ihm meine zum Beweis entgegen.

Jetzt lachte auch Felix. Erleichtert, frei, übermütig, glücklich – all das lag in diesem Lachen. »Stimmt. Aber nur, weil ich nicht wollte, dass du einen anderen küsst. Wenn schon Zunge weg, dann bitte schön mit mir.«

Seine Augen blitzten vor Vergnügen. Wieder lachten wir. Wie befreit. Alles anders. Noch mal von vorn. Leni und Felix.

»Die Fahrkarten, bitte.«

Ich schreckte auf, wie aus einem tiefen Schlaf gerissen. Zunächst verstand ich nicht, schaute nur reichlich verwirrt in ein dunkles Augenpaar, das irgendwie ausdruckslos auf mich gerichtet war.

»Die Fahrkarten, bitte«, wiederholte der Mann vor mir geduldig, und langsam wurde mir wieder bewusst, wo ich mich befand.

Hektisch sprang ich von meinem Sitz auf. »Entschuldigung, ähm, Moment, bitte. Ich muss an meinen Koffer.«

Der Schaffner nickte und trat einen Schritt zurück, damit ich an die Gepäckablage herankam.

Wenige Minuten später saß ich wieder auf meinem Platz und sah zum Fenster hinaus. Keine halbe Stunde mehr, dann würde ich meiner Tante gegenüberstehen.