ISBN eBook: 978-3-649-62325-0

© 2016 Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG,

Hafenweg 30, 48155 Münster

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise

Text: Kai Lüftner,

vertreten durch: Literatur Agentur Hanauer, München

Illustrationen: Fréderic Bertrand

Lektorat: Jutta Knollmann

www.coppenrath.de

Das Buch (Hardcover) erscheint unter der ISBN 978-3-649-61908-6

Ork-Alarm

Stellt euch vor, ihr begegnet morgens auf dem Weg zur Schule einem leibhaftigen Ork.

Vermutlich wärt ihr ziemlich überrascht. Und mit ziemlicher Sicherheit würdet ihr laut kreischend das Weite suchen.

Wenn ihr diesem Ork dann am nächsten Tag noch mal begegnet – was ja voraussetzt, dass er euch gestern nicht gefressen hat –, wärt ihr sicher schon ein bisschen weniger ängstlich und würdet beim Weglaufen nicht mehr ganz so laut schreien.

Könnt ihr mir folgen?

Dann stellt euch jetzt mal vor, ihr begegnet diesem Ork jeden Tag. Schlimmer noch, er geht in dieselbe Klasse wie ihr. Horror, oder? Willkommen in meinem Leben!

Aber ich kann euch beruhigen. Es klingt vielleicht bekloppt, doch irgendwann gewöhnt man sich sogar an einen Ork. Ehrlich!

Er ist immer noch hässlich und gruselig, und er hat auch immer noch dieses riesige Matschgesicht, bei dem man nicht weiß, wo man im Notfall zuerst hinschlagen soll. Und es wird auch niemals wirklich angenehm sein, neben ihm zu stehen oder vor ihm zu sitzen – das ist eben wie mit Zahnarztterminen. Immer blöd!

Aber eines kann ich euch versprechen: Es wird nie wieder so schlimm wie beim allerersten Mal.

Ihr wollt wissen, wer dieser Ork ist?

Er heißt Aaron Bärbach. Und nur wenige haben wohl die Gabe (wenn man das so nennen will!), in ihm das zu erkennen, was er wirklich ist. Statt Buckel, Warzen, schiefen Zähnen und einem blutrünstigen Grinsen sehen die meisten nämlich nur einen reichen Schnösel sohn mit blonder Schmalztolle, einem neckischen Lächeln und strahlend blauen Augen. Einige Mädchen aus der Schule finden Aaron sogar »voll niedlich«. Aber er ist ein hundertprozentiger Ork – und es macht ihm einen Heidenspaß, Schwächere zu quälen.

Leider bin ich nicht nur einer dieser Schwächeren, sondern auch noch der Neue in der Klasse. Und nur weil ich mich leider auch absolut nicht als Sportskanone bezeichnen kann, renne ich nicht weg, wenn der Ork und seine Bande mir wieder mal Popel an den Kopf schnipsen, meine Bücher zerreißen, meine Pausenbrote zermatschen oder mir einen Bart malen.

Viele nennen mich einen Freak und vielleicht bin ich sogar einer. Immerhin sind die anderen in der Überzahl, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass es stimmt, ja ziemlich hoch.

Ich dagegen bin allein.

Na gut, ganz allein bin ich nicht, da ist noch Franz Ferdinand. Aber Franz Ferdinand … na, sagen wir mal so: Sein Name ist nicht das Merkwürdigste an ihm.

Mit absoluter Zielsicherheit hat sich der Einzige, der noch mehr Außenseiter ist als ich, in den Kopf gesetzt, mein Kumpel sein zu wollen. Nur weil das meinem Ansehen nicht wirklich schaden kann, nehme ich das bisher hin und versuche, den zweiten Freak aus der Klasse zu akzeptieren, wie er ist – und zu verstehen.

Das ist nicht immer leicht, denn Franz Ferdinand schert sich einen Dreck darum, ob er von anderen verstanden oder gemocht wird. Dafür bewundere ich ihn sogar heimlich ein bisschen.

Und leider ist Franz ebenfalls weder besonders stark noch besonders gut aussehend. Eher das Gegenteil von beidem.

Er ist ungefähr doppelt so dick und halb so klein wie ich – und ich bin nicht gerade ein Riese.

Er trägt eine Brille, von der er behauptet, er bräuchte sie nicht. (Das ist auch so eine Sache, die ich nicht wirklich nachvollziehen kann. Wieso trägt man eine Brille, wenn man sie angeblich nicht braucht? Man geht ja auch nicht auf Toilette, obwohl man nicht muss!)

Außerdem macht Franz Ferdinand lauter uncoole Dinge und versucht nicht mal, das zu verbergen.

Wie kann man in der 6. Klasse offen zugeben, dass man gestreifte Tomaten züchtet oder die Titanic aus Streichhölzern nachbaut oder Computerspiele auf uralten Konsolen zockt, die schon vor 20 Jahren langweilig waren? So was macht Franz einfach.

Dadurch bekommt man nicht unbedingt viele Freunde, aber irgendwie macht ihn genau das so besonders und einzigartig, wie er eben ist.

Manchmal glaube ich, dass ich ihn gerade deswegen mag. Vielleicht ist er sogar tatsächlich so was wie mein Freund.

Ach ja, mein Name ist übrigens Fred.

Ich wohne seit knapp drei Monaten mit Baba, meiner Mutter, auf einem Waldfriedhof mitten in Berlin. In Köpenick, dem letzten Wurstzipfel dieser riesigen Stadt. Und ehrlich, es ist ein echter Waldfriedhof, von dem ich da rede. Überwucherte Grabsteine, zugemauerte Gruften, Heckenlabyrinthe, verschlossene Katakomben und ein rostiger, mannshoher Zaun drumherum – die volle Packung Grusel also! Und das alles in direkter Nähe zu einer großen Straße, der Wuhlheide, und einem noch viel größeren Industrie- und Wohngebiet.

Baba arbeitet auf genau diesem Waldfriedhof. Sie ist die Friedhofswärterin und das bedeutet, sie ist so was wie das Mädchen für alles. Deshalb wohnen wir hier auch. Bot sich eben an.

Und wenn der Ork aus meiner Klasse besonders witzig sein will, nennen er und seine Bande mich »den Jungen vom Fredhof«. Ein Wortspiel, haha, nicht schlecht. Das ist für ihre Verhältnisse eine echte Meisterleistung.

Man könnte also zusammenfassend sagen, dass mein neues Leben in dieser riesigen Stadt im Augenblick ziemlich anstrengend ist und die Welt um mich herum total verrückt. Dabei hatte ich bisher nicht mal den Hauch einer Ahnung, wie verrückt sie wirklich ist …

Das Franz-Ferdinand-Projekt

Aber nun zu meiner Geschichte. Ich glaube, alles begann damit, dass ich eines Tages in der Besenkammer der Mädchenumkleide landete. Das ist normalerweise nicht gerade der tollste Ort der Welt – abgesehen davon, dass es sich um die Besenkammer in der Mädchenumkleide handelte. In dem Moment jedoch erschien er mir wie eine rettende Insel inmitten des weiten Ozeans. Endlich war ich meinen Verfolgern entkommen! Keuchend beugte ich mich vor und presste mein Ohr gegen die Tür. Schritte waren zu hören, die durch den Flur an mir vorbeihallten.

Ihr wollt wissen, was zur Hölle ich denn in der Besenkammer machte – eingeklemmt zwischen drei Regalen voller Scheuermilch, Wischmopps, Schrubbern und Eimern wie in einer Dose Heringsfilet mit Tomatensoße?

Tja, daran war Franz Ferdinand schuld – zumindest ein bisschen.

Als Strafe für ein eigenmächtig durchgeführtes und fehlgeschlagenes Experiment in Chemie (eine verätzte Tischplatte spielte hier die Hauptrolle) hatte sich Franz nämlich eine Strafe für sich selbst ausdenken müssen.

Wichtig sei dabei, dass es der Schule und den Schülern zugutekomme, hatte Frau Wolf, die Direktorin, gesagt.

Und Franz hatte die seiner Meinung nach geniale Idee gehabt, einmal die Woche ein Schulradio anzubieten.

Neben all seinen merkwürdigen und teilweise fragwürdigen Hobbys war er nämlich unter anderem auch Amateur-Funker und Computerspezialist und besaß eine amtliche Ausrüstung aus allen möglichen Sendern, Empfängern und für mich absolut unverständlichen anderen Technik-Dingen. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, schlug er Frau Wolf vor, mich, den Neuen aus seiner Klasse, »in die Arbeit mit einzubeziehen, um ihm die Eingewöhnung zu erleichtern«!

Wenn ich über diese Frechheit nicht so erstaunt gewesen wäre, wäre ich vermutlich sauer geworden. Irgendwie hatte ich wohl auch nicht richtig zugehört, als Frau Wolf mich fragte, ob ich damit einverstanden wäre, und hatte stattdessen einfach nur blöd genickt. – So kam es zum Unvermeidlichen.

Franz hatte keine Kosten und Mühen gescheut und sich unfassbar professionell auf unseren ersten Auftritt vorbereitet. In diesem Zuge lernte ich auch Franz' Eltern kennen, die ihn in all seinen verrückten Aktionen total selbstlos unterstützten.

Franz' Vater baute einen seiner diversen Computer um, der so was wie ein kleines mobiles Sendestudio wurde.

Vater und Sohn spielten gemeinsam und mit beneidenswerter Hingabe unendlich viele Songs auf die Fest platte – vor allem Zeug, das in den Sechzigern und Siebzigern mal in den Charts war. Und zu guter Letzt kramte Herr Ferdinand ein altes Studiomikrofon aus irgendwelchen Kisten.

»Das ist für dich!«, sagte er feierlich und der Rest der Familie grinste mich motivierend an. Frau Ferdinand streckte mir sogar beide Daumen entgegen, als sei sie bereit für einen Raketenstart in die Umlaufbahn.

Ich weiß nicht mehr genau, wie ich geguckt habe, aber es muss tierisch dämlich ausgesehen haben. Mein Mund stand jedenfalls so lange offen, dass ich gut und gern als eine etwas merkwürdige Statue durchgegangen wäre.

»Hä?«, brachte ich nach einer gefühlten Ewigkeit heraus und starrte abwechselnd auf Frau Ferdinands immer noch erhobene Daumen und in die grinsenden Gesichter von Vater und Sohn.

Schließlich übernahm Herr Ferdinand das Wort: »Na, moderieren!«, sagte er. Die Daumen von Mutter Ferdinand dirigierten ihren Mann.

»Wer«?, fragte ich und hoffte, etwas anderes zu hören als das, was ich befürchtete.

Die Ferdinands schauten sich an, als wäre ich leicht zurückgeblieben … oder schwer zurückgeblieben.

»Also, der Franz ist ja schon für die Technik zuständig …«, sagte Franz' Vater sehr langsam und betont.

»Und für die Musik!«, sagte Franz.

»Und für die Musik!«, wiederholte Franz' Mutter.

»Na und einer muss moderieren«, übernahm wieder Herr Ferdinand. »Und wie sich das für Freunde gehört, die zusammen etwas auf die Beine stellen wollen …«

Der Satz blieb unbeendet, aber nun machte Frau Ferdinand derart intensive Bewegungen mit den Augenbrauen, dass ich nur mit Mühe den Impuls unterdrücken konnte, einfach abzuhauen.

Es war zwecklos, mich weiterhin blöd zu stellen.

Bevor mir allerdings irgendein kluges Gegen argument einfiel oder ich protestieren konnte, meinte Franz' Mutter auf einmal noch, dass ich ja eine unfassbar tolle Mode ratorenstimme hätte – und die Bühnen der Welt geradezu auf mich warteten.

Alle drei Ferdinands grinsten begeistert und reckten ihre diversen Daumen in die Luft.

Wirklich, beinahe hätte ich mir was im Gesicht gebrochen, als ich schließlich ein Lächeln zustande brachte und so leicht nickte, dass es eigentlich kaum zu sehen war. Da war keine Überzeugung in diesem Lächeln, nur das Gefühl, nicht Franz' Familie enttäuschen zu wollen – weil sie allesamt bereits jetzt schon so stolz auf mich waren.

Seit diesem Tag war ich also der Moderator vom Schulradio, für das Franz auch schon einen – wie er fand – coolen Namen hatte: Antenne Ballaballa!

Meine Nase fing an zu jucken, weil einer dieser Reiniger in der Besenkammer ganz übel nach Chlor roch.

»Hier is keena!«, schrie einer aus der Ork- Bande quer über den Flur. Zum Glück, denn so ging mein erster Nieser relativ glimpflich im allgemeinen Gewusel unter.

Aber leider juckte meine Nase immer noch, als die Schritte wieder näher kamen, und ich wäre vor Schreck beinahe gestorben, weil ich die grunzende Stimme von Ober-Ork Aaron hörte, die direkt vor der Tür brüllte: »Habta eijentlich schon inna Besenkammer nachjekiekt?«

Es fühlt sich ein bisschen so an, als würde einer einen Zeitlupenknopf drücken, wenn das Herz kurz stehen bleibt. Eigentlich ist es gar nicht mal so unangenehm, sondern eher interessant, dieses Gefühl. Darüber konnte ich aber gerade nicht weiter nachdenken. Mir gingen andere Sachen durch den Kopf. Absurderweise keine Sachen, die mir im Moment helfen konnten, sondern völliger Blödsinn.

Zum Beispiel, dass ich Baba heute Morgen zum Abschied nicht so richtig fest gedrückt hatte und es nun wohl nie wieder würde tun können. Oder dass ich noch nicht alle Teile von Indianer Jones gesehen hatte. Und dass ich unfassbar gern mal wieder Käse-Nudeln essen wollte.

Und mir fiel ein, dass ich noch nie ein Mädchen geküsst hatte …

Antenne Ballaballa

Ich hörte auf zu atmen und mobilisierte alle meine Kräfte, um Aaron irgendwie daran zu hindern, die Klinke zur Besenkammer herunterzudrücken.

Leise verfluchte ich mich – und vor allem auch Franz, ohne den ich nicht in diese brenzlige Lage gekommen wäre. Wieso hatte ich mich nur zu dieser hirnrissigen Schulradio-Aktion breitschlagen lassen?!

Es war unser erster Aufritt in der großen Schulpause gewesen. Wir, die Macher von Antenne Ballaballa, hatten uns im Erdgeschoss in einem kleinen Nebenraum der Werkstatt ein Studio eingerichtet. Normalerweise fanden hier Bastelarbeiten oder so was statt. Die Wände waren voller Vogelbilder, was dem Raum aber trotzdem keinen fröhlichen, sondern eher einen trostlosen Anschein gab. Bei mir jedenfalls löste es unter anderem die seltsame Erkenntnis aus, wie wenig ich über Vögel wusste, und das wiederum ließ meine Aufregung in ungeahnte Höhen schießen.

Franz hatte zwei Boxen in die Fenster gestellt, und ich versuchte schon die ganze Zeit, die kleineren Kinder aus den 1. und 2. Klassen zu ignorieren, die uns fröhlich an- oder auslachten und dabei die Leberwurstseiten ihrer Stullen gegen die Fensterscheiben schmierten.

Franz hatte gerade drei Songs gespielt. Und ich hatte mich mehr schlecht als recht durch die ersten Moderationen gestottert. (Mir war schon nach »Hallo, hier ist Antenne Blabla … äh, Ballaballa …« klar geworden, dass ich später keine Karriere in diesem Bereich machen würde.) Jedenfalls wollte Franz, dass ich nach dem nächsten Lied »ein bisschen was über mich selbst erzählte«, damit die anderen Schüler mich besser kennenlernten. – Aber das konnte er absolut vergessen!

»Nun hab dich nicht so!«, meinte Franz.

»Wie hab ich mich denn?«, fragte ich.

»Na, wenn du immer so verklemmt bist, wirst du nicht wirklich beliebter!«

»Sagt ja genau der Richtige!«

»Wenn ich wollte, könnte ich aber beliebt sein!« Franz verschränkte die Arme vor der Brust.

»Ach ja?«

»Auf jeden Fall!«

»Na, vielleicht will ich ja gar nicht so unglaublich beliebt sein wie du!«

Eine kurze Pause entstand und das Lied von den Beatles oder den Rolling Stones oder irgend so einer Uralt- Rock-Band dudelte belanglos vor sich hin.

»Na los«, fing Franz wieder an, »erzähl doch einfach was darüber, wo du herkommst. Von Stralsund oder der Ostsee. Dann lernt Aaron vielleicht noch was dazu!«

»Äh? Mir doch egal, ob der was lernt. Erzähl du ihm doch was von deinen Hobbys!« Ich stützte mich auf das Pult vor mir und funkelte ihn herausfordernd an.

Franz gluckste. »Genau. Ich mag zum Beispiel ORKester- Besuche!«

Ich grinste. »Und ORKane, oder?«

Wir beömmelten uns tierisch, nachdem wir uns gerade noch gestritten hatten, und ich redete mich richtig in Fahrt.

Dass ich Aaron Bärbach als hässlichen Ork mit Pickelfresse und Glupschaugen bezeichnete, der sich sogar in einem Dixi-Klo verlaufen würde, war noch milde. Einige Sprüche über seine geistige Minderbemittlung und seine Affen-Statur kamen dazu. Und auch Aarons Kumpels kriegten ihr Fett weg.

Ich war so vertieft in meine Beschreibungen, dass ich erst bemerkte, dass etwas nicht stimmte, als plötzlich nicht mehr die Kleinen aus der 1. und 2. Klasse vor unseren Fenstern standen, sondern der Ork mit angeblicher Pickelfresse und Glupschaugen und seine gesamte Bande. Und keiner von denen schmierte seine Leberwurststulle an die Scheibe oder schaute auch nur im Ansatz freundlich. Das Gegenteil war der Fall.

Franz und ich sahen uns an, dann machte Franz ein seltsames Gesicht und deutete auf mein Handgelenk, mit dem ich mich versehentlich auf den Talkback-Knopf gelehnt hatte. So nennt man den Einschalter am Sockel eines Studiomikrofons.

Mir schnürte sich die Kehle zusammen, als mir klar wurde, was geschehen war. Zeit, darüber nachzudenken, womit genau ich gerade den ganzen Schulhof beschallt hatte, blieb mir nicht. Im selben Moment, als ich den Talkback-Knopf losließ, stürmten Aaron und seine Freunde bereits ins Schulgebäude. Ziemlich sicher in Richtung unseres improvisierten Antenne- Ballaballa- Studios.

Ich sprang auf, warf Franz einen Blick zu, der wütend und gleichzeitig entschuldigend war, und nahm die Beine in die Hand.

Raus aus dem Vogel-Bilder-Bastel-Raum, weg von den heranstürmenden Orks – irgendwohin, vielleicht am besten gleich wieder in mein altes Dorf in der Nähe von Stralsund. Dort, wo es mehr Kühe als Einwohner gab, der Bus nur zweimal am Tag fuhr und wo die meisten Alten in denselben Schürzen starben, mit denen sie vor sechzig Jahren angefangen hatten, ihre Mais- und Roggenfelder zu bestellen.

Hauptsache weg!

Franz blieb. Er hatte eine ganz eigene Strategie entwickelt, um den Schlägen und Peinigungen von Aaron und seiner Gang zu entgehen. Entweder er täuschte einen epileptischen Anfall vor, oder er fing einfach an zu sabbern und machte Geräusche wie ein Zombie, bis ihn der Ork und seine Mitläufer in Ruhe ließen, weil sie sich vor ihm ekelten.

Es war auch absolut nicht auszuschließen, dass Franz in seiner seltsamen Art auf die anderen irgendwie bedrohlich, zumindest aber unberechenbar wirkte.

Ich allerdings hatte kein derartiges Talent, und so kam es, dass ich in der Besenkammer der Mädchenumkleide – meiner Rettungsinsel – gelandet war, wo in genau diesem Moment mit roher Gewalt an der Klinke gerüttelt wurde.