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eBook ISBN 978-3-649-67063-6

© 2016 Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG, Hafenweg 30, 48155 Münster

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise

Text: Marion und Derek Meister

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen

Lektorat: Sara Mehring

www.coppenrath.de

Das Buch (Hardcover) erscheint unter der ISBN 978-3-649-66853-4

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Eine seltsame Katze in einem seltsamen Haus

Vom See kroch Nebel herauf und legte seine federleichten Schleier über den gewundenen Uferweg. Alex Viante roch das Wasser und den Wald und genoss die abendliche Frische, als er das Autofenster weiter herunterkurbelte. Sommerferien. Vierzehn Tage im riesigen See schwimmen und die Wälder erforschen, vierzehn Tage fernab von Hausaufgaben und nervigem Zimmeraufräumen.

Alex konnte es kaum erwarten, endlich das Haus seines Großvaters zu erreichen.

»Warum ist Odysseus bloß in diese menschenleere Ecke gezogen?« Neben ihm auf der Rückbank betrachtete seine Schwester Lizzy skeptisch die vorbeiziehende Wildnis, durch die ihr Vater sie kutschierte. Seit vier Stunden hatten sie keine Ortschaft mehr gesehen.

»Das ist doch klasse hier«, juchzte Alex. »Wir können im See schwimmen. Und angeln gehen. He! Opa hat bestimmt ein Boot!« Voller Vorfreude auf das Wiedersehen mit seinem Großvater zog sich der elfjährige Junge halb aus dem Fenster nach draußen. »Schau dir das an«, rief er und ließ einen Freudenschrei über den See hallen.

»Lass das«, ermahnte ihn sein Vater, bevor Lizzy ihren Bruder packte und am Gürtel zurück in den Sitz zog.

»Aber guck doch mal, Lizzy, das Haus!«

Seine Schwester brummelte etwas Unverständliches und ließ eine Kaugummiblase platzen, drückte dann aber doch ihre Nase an die Scheibe.

Das war typisch Lizzy. Sie gab sich ganz cool, aber Alex merkte ihr an, dass sie es kaum erwarten konnte, sich auf irgendeine halsbrecherische Expedition zu begeben. Obwohl Alex zehn Monate älter war, war sie diejenige, die sich sofort in jedes Abenteuer stürzte. Sie spielte Feldhockey, trainierte Taekwondo und konnte auch mal ordentlich einstecken.

Alex dagegen malte sich jetzt schon aus, was für komplizierte Wasserräder er am Seeufer austüfteln konnte. Er liebte Erfindungen, fantastische Schmöker und knobelte gern an fitzefatzeligen Denksportaufgaben.

Wahrscheinlich waren sie deswegen ein perfektes Team: Wenn Alex’ Unterseeboote gerettet oder eines seiner selbst gebauten Fluggeräte geborgen werden musste, sprang Lizzy in jeden Fluss und kletterte auf jeden Baum. Und wann immer Lizzy einmal neue Schlachtpläne beim Hockey oder Hilfe bei kniffligen Matheaufgaben brauchte, zückte Alex Stift und Laptop.

»He!«, entfuhr es nun auch Lizzy, die noch immer suchend nach draußen starrte. »Das ist ja echt genial! Das ist …«, begann sie.

»Das ist ...«, nahm Alex ihren Satz auf.

»Maximalo-riskanto!«, riefen sie beide lachend.

Zwischen den Bäumen war das Haus von Odysseus Viante aufgetaucht. Windschief reckte es sich zum See, als habe ein Riese ihm einen Stups gegeben. Seine abgeblätterte blau-weiße Farbe schimmerte verblichen im letzten Abendlicht. Hinter dem Haus konnte Alex in der Dämmerung einen verwitterten Holzsteg erkennen, der in den See führte. Er war genau richtig, um ein paar Sprünge zu wagen.

»Ihr sollt das doch nicht immer sagen«, tadelte ihr Vater sie, weil er es nicht mochte, wenn seine Kinder ihn mit seiner Arbeit aufzogen. Robert Viante arbeitete Tag und Nacht für eine Versicherung, hockte tagein, tagaus vor seinem Laptop und versuchte verzweifelt, die Risiken irgendwelcher Gefahren auszurechnen.

Während der Fahrt hatte sich seine Laune sowieso schon getrübt, weil er mit Odysseus, seinem Vater, möglichst wenig zu tun haben wollte. Schon als Kind war er wegen seiner komplett langweiligen – oder besser gesagt risikoarmen – Art bei seinem Vater angeeckt. Und deshalb war es auch nur Alex’ Hungerstreik zu verdanken, dass Robert die Einladung von Odysseus angenommen hatte und mit seinen Kindern in die Wildnis gefahren war.

Roberts uralter Kombi bog in eine unbefestigte Auffahrt ein, die sich zum Anwesen schlängelte, als sein Handy klingelte.

»Achtundzwanzig«, meine Lizzy prompt.

»Nein. Neunundzwanzig. Wenn du das eine Klingeln mitzählst, bei dem Papa aus Versehen sein Handy auf dem Beifahrersitz in sein Käsebrötchen geschoben hat.«

»Das zählt nicht, da war nicht Papas Chef dran.«

»Zählen wir Klingler oder wie oft Papas Chef nervt?«

»Klingler.«

»Also. Dann zählt’s!«

»Du bist so ein Klugscheißer, Hirni«, maulte Lizzy. »Na gut. Neunundzwanzig Klingler in sieben Stunden Fahrt. Moment mal, da haben wir ja …«

»… einen neuen Rekord!« Alex klatschte Lizzy ab.

Anscheinend war ihr Vater der beste Mitarbeiter. Oder einfach derjenige, der nie Nein sagen konnte, dachte Alex bei sich.

Robert ließ den Kombi ausrollen, schaltete das Licht ab und stieg telefonierend aus. »Ja, natürlich, kein Problem, Herr Brechtmeyer. Die Risikoanalyse liegt morgen in ihrem Postfach. Sicher. Nein. Ich hab Zeit. Sicher.« Er lachte gekünstelt.

Die Viante-Geschwister hingegen stürmten los, um sich das Haus genauer anzusehen.

»Was für eine Hütte«, stellte Lizzy anerkennend fest. Das Holzhaus wirkte, als sei es aus der Zeit gefallen und hier am See vergessen worden. Ihr Großvater war wirklich ein Einsiedler.

»Opa?«, brüllte Alex und sprang die Stufen zur Veranda hoch, deren Holzplanken ächzten.

»Och, komm schon. Ist der alte Wirrkopf etwa gar nicht da?« Robert hatte inzwischen das Gespräch beendet und schon zwei Reisetaschen aus dem Kofferraum gewuchtet. »Das wär ja mal wieder typisch«, knurrte er und schleppte das Gepäck zur Eingangstür.

Sie war nur angelehnt. Vorsichtig stieß Alex sie auf. Die rostigen Angeln knarzten schaurig.

»Opa?« Seine Worte wurden von der staubigen Dämmerung im Inneren des Hauses geschluckt. »Oooooodysssseuuuuus!«

»Vater! Wo bist du?! Verflucht! … haaaallooo? Wir sind da!« Mit den Taschen über der Schulter zwängte sich Robert ins Haus. Staub tanzte im spärlichen Licht, das durch die herabgezogenen Jalousien sickerte.

»Komm, wir gucken draußen nach.« Lizzy sprang mit einem einzigen Satz über das Verandageländer und flitzte zum See.

Alex hatte Mühe, hinter ihr herzukommen.

Am Steg lag ein Ruderboot vertäut, doch an ihm wuchsen bereits Muscheln. Von ihrem Großvater fehlte jede Spur.

»Odysseus!«, rief Lizzy und steuerte auf einen windschiefen Schuppen zu, der unter drei Kiefern an der Rückseite des Hauses stand. Sie rüttelte an der Klinke, doch das Häuschen war verschlossen. Als Alex durch die Scheiben spähte, konnte er jede Menge Maschinenteile erkennen: Zahnräder, Rohre, Trichter, Pumpen.

»Wozu braucht Opa denn den ganzen Kram?«

»Wahrscheinlich will er ein Bewässerungssystem bauen. Die Tomaten hätten jedenfalls eins nötig.« Lizzy stand in einem verwilderten Gemüsebeet. Verschrumpelte, von Vögeln angepickte Tomaten hingen neben einem verwelkten Bohnenstrauch.

»Eigenartig«, meinte Alex. »Sieht aus, als wäre hier seit Wochen keiner gewesen.« Er holte den Brief heraus, den sie letzten Monat von Odysseus bekommen hatten.

»Na ja ... nach großer Eile und, äh, ›Verzweifelungheitigkeit‹ sieht das jetzt aber auch nicht aus.« Alex versuchte, seine Enttäuschung zu verbergen.

»Bin ich eigentlich dieses ›so‹?«

»Hä?«

»Na, da steht: ›Lieber Alex und so‹ … Wieso will er eigentlich nur dich sehen? Und warum ist sein Telefon weg?«

Alex zuckte mit den Achseln. Dies war sein erster Besuch bei Odysseus. Er mochte seinen Großvater sehr, denn immer, wenn dieser bei einer Familienfeier oder Weihnachten aufkreuzte, wirkte die Luft wie elektrisiert. Es gab nichts Schöneres, als beim Kaminfeuer oder bei einem Grillabend seinen Geschichten zu lauschen. Lustiges, gruseliges und manchmal auch richtig ekeliges Astronautengarn über Ungeheuer, glupschäugige Außerirdische und exotische Kinder fernab unserer Erde. »Was ein echter Raumfahrer ist«, pflegte Odysseus stets zu sagen, »der muss auch ordentliche Abenteuer bestehen!«

Ja, der grauhaarige, stämmige Mann mit dem Bürstenschnitt und den geheimnisvollen Tätowierungen auf Hals und Schulter hatte Alex von klein auf beeindruckt.

Lizzy riss ihren Bruder aus den Gedanken. »Und wieso«, fragte sie, »heißt es in dem Brief: ›Ich erwarte dich im Fluge‹? Ist Opa vielleicht wirklich ein bisschen …« Lizzy deutete mit dem Finger ein ›verrückt‹ an.

»Keine Ahnung. Vermutlich meinte er ›schnell‹. Aber merkwürdig ist das alles schon.«

Der Nebel verfing sich in den verdorrten Tomaten und legte sich allmählich um das Haus. Mittlerweile war der Mond hinter dem Wald aufgegangen. Seine schmale Sichel leuchtete golden und tauchte alles in kühles Licht.

Während sie noch unschlüssig hinter dem Schuppen herumstanden, bemerkten die Geschwister nicht, dass sich ein Schatten durch die Nebelschwaden näherte und sich zwischen die Tomatensträucher schob. Orangerote Augen beobachteten jede ihrer Bewegungen …

»Kinder? Helft mal mit! Wo seid ihr?«, riss Robert die beiden aus ihren Gedanken.

Lizzy verdrehte die Augen und meinte nachäffend: »Seid bitte vorsichtig, Kinder.«

»Seid bitte vorsichtig, Kinder«, rief Robert prompt und Alex prustete los.

In einem Wettrennen sprinteten die zwei direkt am Schatten vorbei und zurück zum Haus.

»Wir haben nur Opa gesucht«, erklärte Alex seinem Vater, der begonnen hatte, die braun gekachelte Küche zu durchforsten.

»Viel Glück! Wahrscheinlich taucht er nackt im See oder springt mit einem Bungeeseil von irgendwelchen Klippen oder boxt gegen ein Känguru oder … Ach, was weiß ich …« Robert winkte kopfschüttelnd ab. Im Küchenschrank, den er geöffnet hatte, reihten sich fein säuberlich über hundert Packungen Astronautennahrung aneinander.

Gefrustet packte Robert einen schweren Korb mit Essen, den er vorsichtshalber von zu Hause mitgebracht hatte, auf die Ablage und begann, den mannshohen Kühlschrank einzuräumen.

Für Alex’ Vater war Odysseus lediglich ein alter Mann. Unzuverlässig und wirr im Kopf. Dabei war er doch berühmt. Odysseus Viante hatte am längsten von allen auf der internationalen Raumstation gelebt und vier Astronauten in einer gefährlichen Mission vom Mond gerettet. Nach einigen weiteren Flügen ins All hatte er allerdings den Dienst als Astronaut aufgegeben. Mit der Begründung, Angelegenheiten auf der Erde bräuchten nun seine Aufmerksamkeit. Doch anstatt mit Robert und seiner Familie Kontakt zu halten, war er in die Einöde gezogen, in dieses Haus am Ende der Welt. Nur er selbst wusste, warum.

»Seltsam«, murmelte Alex in Gedanken versunken.

»Was ist seltsam?« Robert hatte einen zweiten Schrank geöffnet. Auch hier hatte Odysseus Essen in Aluverpackungen gelagert.

»Nichts. Schon gut«, würgte Alex die Nachfrage ab und flitzte hinter Lizzy her, die bereits halb die Holztreppe in den ersten Stock hinaufgegangen war.

Hier oben funktionierte das Licht nicht. Alex versuchte ein paar Schalter, aber da hatte Lizzy schon ihr Handy gezückt und benutzte dieses als Taschenlampe.

Von einem schmalen Flur gingen drei Zimmer ab. Merkwürdigerweise fanden sie statt eines Schlafzimmers in den ersten beiden Räumen bloß einen Umkleide- und einen Fitnessraum mit Hängematte vor. Lizzy leuchtete auf die abgegriffene Messingklinke der dritten Tür am Flurende.

Alex öffnete sie, wollte eintreten und wäre beinahe gefallen.

»Wow!«, stieß er angesichts der zahlreichen Kartons aus, die Odysseus hier hineingestopft hatte. Manche waren durchwühlt worden, andere noch zugeklebt. Als Lizzy den Lichtstrahl ihres Handys darübergleiten ließ, konnten die Viante-Geschwister auf vielen eine dicke, jahrzehntealte Staubschicht erkennen.

Alle Kartons trugen die typischen vier Buchstaben der NASA, der nationalen Luft- und Raumfahrtbehörde der USA.

»Maximalo-riskanto«, hauchte Lizzy, während sie andächtig ein gerahmtes Bild aus einer der Kisten zog. »Ist das Odysseus?«

»Zeig mal.« Auf dem Foto posierte ein Astronaut im Raumanzug. Den Helm unter den Arm geklemmt, lächelte er schelmisch in die Kamera. »Ja! Klar! Das ist er. Cool, oder?« Für Alex war sein Großvater ein Held und er wusste über Odysseus’ sämtliche Missionen Bescheid. Jeden Artikel und jeden Bericht, der jemals über seinen Großvater verfasst worden war, hatte er gesammelt.

»Hier ist noch eins.« Lizzy pustete Staub von einem weiteren Bild und ließ das Licht darübergleiten. Diesmal stand Odysseus mit drei anderen Astronauten vor einer winzigen silbernen Kapsel. Das Ding hing an Fallschirmen von einem Kran, und Alex wusste, dass es sich um eine Rettungskapsel handelte, die die NASA-Astronauten für ihren Rückweg zur Erde benutzten.

Er drehte das Foto um. Auf der Rückseite hatte Odysseus mit Füller geschrieben:

10.09.1989 - Mission Roter Fleck

»Roter Fleck?«, fragte Lizzy. »Was soll denn das sein?«

»Hm … Auf dem Jupiter gibt es den Großen Roten Fleck. Das ist ein Wirbelsturm, der schon seit Jahrhunderten tobt. In den Sturm passt unsere Erde zweimal rein!« Alex winkte ab. »Der Jupiter ist aber ziemlich weit weg. Das schafft kein Raumschiff und 1989 schon gar nicht. Keine Ahnung.«

Alex’ Blick glitt an den Kartons vorbei zum Fenster. In der Dunkelheit konnte er draußen den See erahnen. Er quetschte sich am Kartonstapel vorbei Richtung Fenster und sah hinauf in den Nachthimmel. Wie winzige Diamanten glitzerten die Sterne und die Milchstraße zog sich als dicht gesprenkeltes Band über das Firmament. Wunderschön.

»Ich frage mich, ob ihm etwas passiert ist«, flüsterte Alex in die schummrige Dunkelheit.

»Opa war mal Astronaut. Was soll dem schon passiert sein?«

»Aber inzwischen ist er ein alter Mann. Er kann sich ein Bein gebrochen haben.«

Lizzy schwieg. »Morgen früh fahren wir in die Stadt und fragen nach ihm … Hier muss doch irgendein Ort in der Nähe sein, oder?«

Alex nickte und sah noch einmal nachdenklich zu den Sternen. Da spürte er plötzlich einen Schauer im Nacken. Er hatte das Gefühl, dass ihn jemand beobachtete, und plötzlich schien irgendwer leise seinen Namen zu flüstern.

Alex riss den Kopf herum und …

»Was ist?« Vor Schreck entglitt Lizzy das Handy. Es fiel zwischen die Kartons und allein das Licht der Sterne erhellte noch den Raum.

Aus dem Flur starrten orangefarbene Augen die Geschwister an. Alex konnte den Umriss einer großen Katze erkennen, die reglos vor der Tür saß. Für eine Sekunde hatte Alex das Gefühl, das Tier mustere ihn streng, dann war die Katze mit wenigen Sprüngen in der Dunkelheit verschwunden.