Nicholas Gannon

Die höchst

wundersame Reise

zum Ende der Welt

Für meine Mutter
Cathleen Gannon

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image Das grosse weisse Nichts image

Unter den Tausenden von Kindern, die jeden Tag geboren werden, ist mindestens eins, das sich als Träumer entpuppt. Am 5. Mai lag ein solches Kind in Zimmer 37E im Krankenhaus von Rosewood und sein Name lautete Archer Benjamin Helmsley.

Nein, es bestand kein Zweifel. Der Arzt sah es, die Krankenschwester sah es und die Mutter sah es zu ihrem großen Kummer auch.

Sogar eine Taube, die in das Kinderzimmer auf der Babystation stakste, sah es.

Der kleine Archer B. Helmsley lag ganz still in seinem Bettchen und starrte an die Decke.

Er wusste nicht, dass es eine Decke war.

Er wusste nämlich noch gar nichts.

Trotzdem lag Archer da und starrte in das große weiße Nichts, als plötzlich zwei Köpfe darin auftauchten.

»Na, wen haben wir denn da?«, sagte einer der Köpfe. »Du bist bestimmt Archer.«

»Ja«, sagte der zweite Kopf. »Das ist ganz bestimmt Archer.«

Bestimmt oder ganz bestimmt, Archer war Archer, auch wenn er es selbst noch gar nicht wusste.

»Weißt du, wer wir sind?«, fragte der erste Kopf.

»Woher soll er das wissen?«, sagte der zweite. »Er ist erst achtundvierzig Stunden alt.«

Der erste Kopf nickte. »In diesem Fall sollten wir uns erst einmal vorstellen. Ich bin dein Opa Helmsley und das – das ist deine Oma Helmsley.«

Archer gab keine Antwort, weil er noch keine Antwort geben konnte. Wenn man erst achtundvierzig Stunden alt ist, kann man nämlich nicht viel tun.

Doch die beiden Köpfe redeten weiter über dies und das und Archer schaute von einem zum anderen und verstand kein einziges Wort. Dann tauchte ein dritter Kopf aus dem Nichts auf, und alle drei verschwanden so schnell, wie sie gekommen waren. Archer blieb allein zurück und starrte an die Decke.

imageDie Helmsleys aus der Weidengasse Nummer 375image

Drei Tage später wurde Archer aus dem Krankenhaus von Rosewood entlassen und zu einem hohen, schmalen Haus in einer engen, verwinkelten Straße in einem ruhigen Viertel in einer nicht ganz so ruhigen Stadt gebracht.

Archer war zu klein, um zu bemerken, dass alle Häuser in der Weidengasse hoch und schmal waren und wie eine Reihe Zinnsoldaten nebeneinanderstanden. Und Archer war auch zu klein, um zu wissen, dass das Haus mit der Nummer 375 häufig mit einem Museum verwechselt wurde. Das Haus von Archer gehörte nämlich seinen Großeltern, den berühmten Naturforschern Ralph und Rachel Helmsley.

imageWandern & Wundernimage

Es gibt Eltern, die ihr Kind aus dem Krankenhaus nach Hause bringen und sich vielleicht wundern, ob es tatsächlich das richtige ist. Falls Mr und Mrs Helmsley sich jemals diese Frage gestellt hatten, wurden ihre Zweifel schnell ausgeräumt. Von Anfang an deutete nämlich alles darauf hin, dass Archer ein echter Helmsley war.

In den ersten Jahren führte Archer ein absolut perfektes Leben. Zum Glück blieb sein Leben nicht sehr lange absolut perfekt. Warum ist das ein Glück?

Wir alle kennen absolut perfekte Jungen und Mädchen. Sie wohnen in absolut perfekten Häusern, die ihren absolut perfekten Eltern gehören. Sie ziehen sich absolut perfekt an, benehmen sich absolut perfekt und führen ein absolut perfektes Leben. Das ist absolut schrecklich. Sie sind nämlich absolut langweilig. Und deshalb ist es ein Glück, dass diese Geschichte nicht von so einem Kind handelt.

Dies ist die Geschichte von Archer Benjamin Helmsley.

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imageDas Haus Der Helmsleys image

Archer hatte keinen Hund und keine Katze wie andere Kinder, dafür besaß er unter anderem einen Strauß, einen Dachs und eine Giraffe. Auf allen vier Etagen und in sämtlichen Zimmern im Haus der Helmsleys wimmelte es von Tieren. Sie säumten die engen Treppen und die noch engeren Flure. Alle waren mit Flocken ausgestopft und konnten rein gar nichts tun, aber das störte Archer nicht. Und weil er keine Geschwister hatte, sprach Archer eben mit den Tieren.

»Guten Morgen, Dachs«, sagte Archer auf dem Weg in die Küche. »Wie ist das Wetter?«

»Leider nehmen die Herbststürme kein Ende«, antwortete der Dachs. »Diese Feuchtigkeit setzt dem Fell schrecklich zu. Schau nur, es ist ganz verfilzt.«

Archer tätschelte dem Dachs den Kopf. »Das wäre mir gar nicht aufgefallen«, log er. (Bei hoher Luftfeuchtigkeit sah das Fell vom Dachs immer furchtbar zerrupft aus.)

Mrs Helmsley streckte den Kopf aus der Küchentür.

»Mit wem redest du da?«, fragte sie.

»Ach, mit niemandem«, antwortete er. »Nur mit mir selbst.«

Unter dem nachdenklichen Blick seiner Mutter trat Archer in die Küche.

Nachdem er sein Frühstück aus Tee mit Milch und zwei Scheiben Toast mit Marmelade beendet hatte, begann Archer seine Erkundungstour. Er wanderte durch den Flur im Erdgeschoss zum Wintergarten, einem Raum ganz aus Glas, der bis in den Garten hineinreichte und in dem etliche Schaukästen aufgestellt waren. Archer presste das Gesicht an einen Kasten, der mit seltsamen Dschungel-Insekten angefüllt war.

Gut, dass die tot sind, dachte er. Eines, da war er sich sicher, musste nur in seinen Zeh beißen und schon würde sein Gesicht dunkelrot anlaufen. Ein anderes, vermutete er, könnte sich durch seine Haut bohren und im Inneren seines Körpers beschließen, eine Familie zu gründen. Wirklich gut, dass die tot sind.

An den Wänden standen noch mehr Glaskästen mit fein säuberlich aufgereihten Schmetterlingen. Archer stellte fest, dass einige nicht zu der Sorte gehörten, für die man sich interessieren und denen man nachjagen sollte. Ganz im Gegenteil, sie sahen eher so aus, als könnten sie sich für dich interessieren und dir nachjagen.

»Diesen Schmetterlingen sollte man besser aus dem Weg gehen«, sagte er zur Giraffe.

»Eine kluge Entscheidung«, erwiderte die Giraffe. »Ich schaudere jedes Mal, wenn ich sie nur ansehe.«

»Glaubst du, man sollte sie überhaupt Schmetterlinge nennen?«, fragte er.

»Vielleicht würde ein Name wie Schauderlinge besser passen«, sagte die Giraffe.

Archer grinste. »Ja. Das sind ganz bestimmt Schauderlinge.«

Er drehte sich um und wollte gehen, erschrak aber ganz fürchterlich, weil seine Mutter hinter ihm stand. Sie hatte die Hände fest in die Hüften gestemmt.

»Mit wem redest du da?«, fragte sie wieder.

»Ach, mit niemandem«, antwortete er. »Nur mit mir selbst.«

Archer schlich unter dem nachdenklichen Blick seiner Mutter weiter und setzte seinen Rundgang fort.

imageRockenschaub & Ringelpiez image

Die Mutter von Archer, Helena E. Helmsley, richtete häufig festliche Abendessen aus. Die Gäste freuten sich immer darauf, das Haus der berühmten Forscher zu besichtigen. Archer dagegen freute sich nicht besonders auf Gäste.

»Heute Abend wird es richtig voll«, sagte er und klopfte dem Strauß tröstend auf den Rücken.

»Fass mich nicht an«, fauchte der Strauß. »Ich habe dir doch gesagt, du sollst mir mit deinen schmutzigen Händen nicht zu nahe kommen.«

Archer entschuldigte sich und zog sich zurück. (Manchmal war der Strauß eben so.)

Erwachsene schauen Kinder ja häufig an, als wären sie seltsame Ausstellungsstücke in einem Museum. Aber für einen Jungen wie Archer, der in einem Haus wie diesem wohnte, war es noch schlimmer. Viel schlimmer. Deshalb versuchte er an solchen Abenden immer, nach oben zu entwischen – oft mit wenig Erfolg.

»Archer«, sagte Mrs Helmsley, als er gerade den Fuß auf die Treppe setzen wollte. »Ich würde dir gern Mr Rockenschaub vorstellen.«

Archer drehte sich um und ging zu dem schnauzbärtigen Mann, der aussah, als müsse er niesen.

»Guten Abend, Mr Trockenstaub«, sagte er.

Mr Rockenschaub runzelte die Stirn. Mr Helmsley hielt nur mit Mühe ein Lachen zurück, was Mrs Helmsley ohne Mühe gelang.

»Rockenschaub« sagte sie mit Nachdruck. »Ihm gehört in Deutschland eine preisgekrönte Werkzeugfabrik.«

»Korrekt«, schnaubte Mr Rockenschaub.

Archer war froh, dass der Mann nicht Trockenstaub hieß. Mit einem solchen Namen hätte er es sicherlich nicht zu einer eigenen Werkzeugfabrik gebracht.

»Entschuldigung, Mr Klopfundschraub«, sagte er.

Mr Helmsley platzte fast vor Lachen. Mrs Helmsley nahm Archer beim Arm und zog ihn von Mr Rockenschaub fort. Sie erteilte ihm den Auftrag, den Gästen auf einem Tablett Gurken anzubieten.

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»Du lächelst und nickst einfach nur«, sagte sie und ihre nussbraunen Augen blickten furchtbar ernst. »Du musst heute Abend nichts mehr sagen.«

Während er seine Gurkenrunde drehte, entdeckte Archer einen zotteligen, älteren Mann, der in den Fluren herumschlich, als würde er sich bestens darin auskennen. Neugierig folgte er dem Mann und beobachtete, wie dieser in ein leeres Zimmer humpelte. Archer steckte vorsichtig den Kopf zur Tür herein und hätte beinahe aufgeschrien und die Gurken fallen gelassen, weil der Mann genau vor ihm stand und ihn anstarrte. Er bedeutete Archer mit einem Nicken hereinzukommen, bevor er sich auf einen Sessel setzte.

Schweigend stand Archer vor dem Fremden und dachte, dass dieser beim festlichen Abendessen seiner Mutter völlig fehl am Platz wirkte. Aber obwohl der Mann schon sehr alt war, sprühten seine hellgrünen Augen vor Leben.

»Du bist bestimmt Archer Helmsley«, sagte der Mann lächelnd. »Der wunderbare Enkel von Ralph und Rachel Helmsley. Und wie ich sehe, bringst du Geschenke.«

Archer hob das Tablett in die Höhe. »Möchten Sie eine Gurke?«, fragte er.

»Danke, aber ich mag sie nicht besonders«, gestand der Mann und schüttelte den Kopf, ohne Archer dabei aus den Augen zu lassen. »Deine Großeltern haben ein herrliches Haus. Was hältst du von ihnen?«

Archer zuckte die Schultern. »Ich habe sie nie getroffen.«

Der Mann nickte. »Das überrascht mich kaum, aber ich bin überzeugt, du wirst sie schon bald kennenlernen.« Obwohl sonst niemand im Zimmer war, senkte er die Stimme. »Unter uns: Sie wären nicht gerade begeistert, dass im berühmten Haus der Helmsleys so ein öder Ringelpiez veranstaltet wird.«

Archer wusste zwar nicht, was Ringelpiez genau bedeutete, musste bei dem Wort aber lächeln. Und er freute sich, dass seine Großeltern auch nichts von den festlichen Abendessen hielten.

»Dort draußen wartet eine faszinierende Welt, Archer Helmsley«, fuhr der Mann fort. »Obwohl man das nicht vermuten würde, wenn man sich die Leute hier anschaut.« Er sah auf seine Uhr. »Ich fürchte, ich muss jetzt los. Ob ich mich wohl auf deine Schulter stützen darf?«

Archer senkte das Tablett.

»Wir gehen am besten so schnell und heimlich wie möglich vor«, sagte der Mann, stand auf und hielt sich an Archers Schulter fest. »Wir wollen ja nicht, dass deine ...« Er sprach nicht weiter.

Archer schaute zu ihm hoch. »Wer soll was nicht?«, fragte er.

Der Mann lächelte und schüttelte den Kopf. »Ach, niemand«, antwortete er. »Wir wollen uns nur nicht in ein unerfreuliches Gespräch verwickeln lassen.«

Archer nickte. An solchen Abenden gab es davon nämlich mehr als genug. Weil er sich im Haus bestens auskannte, führte er den Mann durch leere Flure und über Hintertreppen bis zur Haustür, ohne dass sie jemand bemerkt hätte.

Der Mann blieb in der Haustür stehen und schaute auf Archer hinunter. Im silbernen Schein der Straßenlaterne sah sein Körper aus wie ein Scherenschnitt.

»Putzen sie dich immer wie einen Weihnachtsbaum heraus?«, fragte er.

In seinem grünen Samtanzug und der rot gepunkteten Fliege wirkte Archer in der Tat ziemlich feierlich. Mrs Helmsley fand, dass er wie ein feiner Herr aussah, aber Archer musste dem Fremden recht geben. Er sah aus wie ein Weihnachtsbaum.

Der Mann legte eine Hand auf Archers Schulter. »Du bist ein Helmsley, Archer, vergiss das nie. Denn ein Helmsley zu sein, das heißt schon was.«

Er wollte gehen, doch Archer hielt ihn mit einer Frage zurück. »Woher kennen Sie meine Großeltern?«

»Das ist eine lange Geschichte«, antwortete der Mann, ohne sich umzudrehen. »Erinnere mich beim nächsten Mal daran, dass ich sie dir erzähle.«

Archer schaute zu, wie der alte Mann den Bürgersteig entlanghumpelte, und war leicht besorgt, er könnte in den entgegenkommenden Verkehr stolpern. Da erschien eine Hand und schloss die Tür.

»Wer war das?«, fragte Mrs Helmsley.

»Keine Ahnung«, sagte Archer. »Aber er kennt Oma und Opa.«

Archer wünschte, er hätte so viel Glück wie der Mann. Er hatte seine Großeltern nie gesehen. Seit seiner Geburt waren sie durch die Welt gereist. Für Archer waren Ralph und Rachel Helmsley ein in tausend Rätsel gehülltes Geheimnis, das er zu gern gekannt hätte. Aber seine Mutter wechselte immer das Thema, sobald ihre Namen erwähnt wurden.

»Wo ist das Tablett?«, fragte sie.

Archer seufzte, suchte das Tablett und setzte seine Gurkenrunde fort. »Du bist ein Helmsley ... das heißt schon was.« Obwohl Archer nicht wusste, was das heißen sollte, war er sich ziemlich sicher, dass es nichts mit Gurken zu tun hatte. Trotzdem bahnte er sich einen Weg durch die überfüllten Zimmer und wollte gerade einen zweiten Fluchtversuch starten, als das Stachelschwein auf der Heizung fragte, ob es eine Gurke probieren dürfe.

»Gern«, sagte Archer. »Aber nicht vor allen Leuten.«

Er nahm das Tier mit ins leere Esszimmer.

»Die schmecken scheußlich«, sagte das Stachelschwein.

Archer probierte eine und musste ihm recht geben. Er ließ das stachelige Kerlchen auf einem Stuhl zurück und ging in die Küche, um etwas Besseres aufzutreiben. Währenddessen marschierten die Gäste ins Esszimmer und nahmen Platz. Mr Rockenschaub bemerkte nicht, dass sein Stuhl schon besetzt war, und senkte den Allerwertesten mitten auf das Stachelschwein. Archer kehrte aus der Küche zurück, blieb aber in der Tür stehen und beobachtete, wie Mr Rockenschaub entsetzt schnaubte und alle anderen Gäste die Augen aufrissen. Nur sein Vater schien sich über die Szene zu amüsieren.

»Der war's!«, rief Mr Rockenschaub, während er sich den Allerwertesten rieb und mit einem Wurstfinger auf Archer zeigte.

Mrs Helmsley drehte sich auf ihrem Stuhl schnell zu Archer um und schaute ihn an, als hätte sie selbst soeben auf einem Stachelschwein gesessen.

»Stimmt das?«, fragte sie streng.

Archer wusste nicht, was er sagen sollte, deshalb sagte er nichts.

Es war für ihn kein Geheimnis, dass seine Mutter an allem, was er tat, etwas auszusetzen hatte. Und er wusste auch, dass sie das Haus nicht so sehr mochte wie er. Aber sie war auch keine geborene Helmsley und da kann so etwas schon mal vorkommen.

Mit seinem Vater war das etwas ganz anderes.

imageDer kleine gestreifte Kerlimage

Der Vater von Archer, Richard B. Helmsley, war Rechtsanwalt. Archer wusste nicht viel über Rechtsanwälte und interessierte sich, ehrlich gesagt, auch nicht besonders für diesen Beruf. Viel mehr interessierten ihn die heimlichen Ausflüge, die er mit seinem Vater unternahm. Sie hatten angefangen, als Archer sieben Jahre alt war, und sie mussten heimlich stattfinden, weil seine Mutter nicht viel davon gehalten hätte

»Psst«, hatte Mr Helmsley eines Tages geflüstert.

»Hallo!«, platzte Archer heraus.

»Scht«, zischte sein Vater.

»Warum flüstern wir?«, flüsterte Archer.

»Keine Zeit für Erklärungen. Komm mit.«

Archer folgte seinem Vater aus dem Haus und lief hinter ihm den Gehsteig entlang.

»Wohin gehen wir?«, fragte er.

Mr Helmsley führte ihn in den Park von Rosewood, der eher an einen Urwald erinnerte. Die gewundenen Wege verschwanden schnell, aber ein Stück weiter geradeaus, hoch über den Baumkronen und in ein strahlend oranges Licht getaucht, ragten die Türme des Museums von Rosewood auf. Archer fand, dass das Museum uralt aussah, mit seinen verzierten Terrakotta-Ziegeln und dem schimmelgrünen Dach obendrauf. Der Vorgarten hätte besser gepflegt werden müssen, aber Archer gefiel die verfallene Pracht.

Drinnen folgte er seinem Vater durch unzählige Flure, in denen unzählige Kuriositäten standen, und lauschte den Geschichten, wie sein Vater beinahe der berühmteste Forscher unzähliger Länder geworden wäre.

»Und dann wäre ich beinahe der berühmteste Ägypten-Forscher der Welt geworden«, sagte Mr Helmsley, als sie sich dem Sarkophag von Pharao Tabenkuse näherten.

Archer bewunderte seinen Vater und mochte seine Geschichten, aber er wusste auch, dass er Rechtsanwalt war.

»Warum bist du es nicht geworden?«, fragte er.

Mr Helmsley steckte die Hände in die Jackentaschen. Es war eine einfache Frage, aber Erwachsene machen einfache Dinge gern kompliziert. Und genau wie seine Mutter das Thema wechselte, sobald Archer nach seinen Großeltern fragte, wechselte sein Vater das Thema, sobald er diese Frage stellte.

»Wusstest du, dass dieser kleine gestreifte Kerl einer der jüngsten Pharaonen war, die Ägypten jemals regiert haben?«, sagte er, wobei er unauffällig von einer Hinweistafel ablas. »Unser Freund Tabby war gerade mal dreizehn Jahre alt, als er König wurde.«

Archer schaute sich Tabby genau an und kam zu dem Schluss, dass es zum Glück nicht allzu viele dreizehnjährige Könige gab. »Er sieht traurig aus.«

»Das liegt bestimmt nur am Lidstrich«, sagte Mr Helmsley.

Er befeuchtete einen Zeigefinger und streckte ihn zum Sarkophag aus.

»Nicht anfassen!«, sagte ein Museumswärter.

»Entschuldigung«, erwiderte Mr Helmsley.

»Wollte er denn König werden?«, fragte Archer.

Sein Vater zuckte die Achseln. »Er regierte nur zwei Jahre lang und starb dann.«

»Dann wollte er bestimmt nicht König werden«, sagte Archer erschüttert und wandte sich vom Sarkophag ab.

Archer hörte sich noch ein paar Geschichten über die Beinahe-Abenteuer seines Vaters an, bevor er ihm zum Ausgang folgte. Auf dem Nachhauseweg dachte er an seine Großeltern. »Wie sind sie so und warum sind sie nie zu Hause?«, fragte er. »Wann lerne ich sie kennen?«

»Als du ganz klein warst, hast du sie mal gesehen«, sagte Mr Helmsley.

Archer bezweifelte das. Er konnte sich nämlich nicht daran erinnern.

Als sie die Treppe zum Haus der Helmsleys hochstiegen, entdeckte Archer ein Paket, das an der Tür lehnte. Es war in braunes Papier eingewickelt, mit rotem Band verschnürt und an ihn adressiert. Schnell hob er es auf.

»Was ist das?«, fragte Mr Helmsley.

»Was soll was sein?«, sagte Archer und versteckte das Paket hinter seinem Rücken. »Da ist nichts.«

»Nach nichts sieht das aber nicht aus.«

In diesem Moment trat ihr Nachbar Mr Glub aus seinem Haus und rief Mr Helmsley zu: »Wir haben uns ja eine Ewigkeit nicht gesehen!«

Mr Helmsley winkte und ging die Treppe hinunter, um mit ihm zu plaudern. Archer schlich ins Haus und nach oben in sein Zimmer.

imageVon Auge zu Glasaugeimage

Archer betrat sein Ankleidezimmer und knipste das Licht an. Er schob die Kleiderbügel zur Seite und enthüllte ein Regal, auf dem sich etliche Schachteln stapelten. Alle stammten von seinen Großeltern, und Archer versteckte sie, weil sein Großvater ihm in einem Brief dazu geraten hatte – und weil er unbedingt ein Geheimnis haben wollte. Er setzte sich auf den Boden, löste das rote Band und riss das Papier ab.

ARCHER B. HELMSLEY

WEIDENGASSE NR. 375

15. OKTOBER

LIEBER ARCHER,

DAS GESCHENK IST ETWAS SELTSAM, ABER WIR DACHTEN, ES KÖNNTE DIR GEFALLEN. EIN KAPITÄN HAT ES UNS GEGEBEN. ER WAR DER EINZIGE, DER DEN WEG ZU DER VULKANINSEL KANNTE, DIE VON DEN EINHEIMISCHEN »TODESBERG« GENANNT WIRD.

IN WAHRHEIT WAR ES NUR EIN WINZIGER HÜGEL, DER SENKRECHT AUS DEM WASSER RAGTE UND MIT BÄUMEN GESPRENKELT WAR. ER WAR VIEL SCHÖNER, ALS ES DER NAME VERMUTEN LIESS.

BEIGEFÜGT IST EIN GLASAUGE. SEIN GLASAUGE. ER HATTE NUR EIN AUGE. DER KAPITÄN. ABER DAS HAT IHN NICHT GESTÖRT. ER HAT ES UNS AUF DER RÜCKFAHRT GESCHENKT, DAMIT WIR NIE VERGESSEN, DASS WIR DEN BERG GESEHEN HABEN.

VIELE GRÜSSE

Ralph und Rachel Helmsley

Archer schaute auf das Glasauge. Das Glasauge schaute zurück. Er hob es hoch und hielt es vor sein Auge, weil er hoffte, den Berg zu sehen, aber er sah nur die Rückseite von einem Glasauge.

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Archer hätte seine Großeltern so gern einmal getroffen. Nach ihren Briefen und dem Haus zu urteilen, mussten sie wunderbare Leute sein. Wann würden sie nach Hause zurückkehren? Bald, hoffte er. Das ruhige Leben in der Weidengasse wurde immer langweiliger. Mehr als alles andere wollte er mit seinen Großeltern auf eine Expedition gehen und ein Abenteuer erleben.

Ein besonderes, außergewöhnliches Abenteuer – vielleicht die Taschen voller Kieselsteine zu haben und von einem Pelikan bis zum Rand der Welt getragen zu werden, wo er die Steine aus großer Höhe übers Wasser hüpfen lassen und dabei zuschauen konnte, wie sie nach und nach in die Dunkelheit schlitterten.

Doch Mrs Helmsley hatte andere Pläne. Sobald jemand fragte, was Archer später einmal werden wollte, antwortete sie, bevor er es tun konnte.

»Er möchte ein angesehener Rechtsanwalt wie sein Vater werden.«

Am Anfang widersprach Archer, aber dann stellte er fest, dass das keinen Zweck hatte. Einen Streit mit seiner Mutter konnte er nicht gewinnen. Und in diesem Fall musste er es gar nicht. Er musste nur auf die Rückkehr seiner Großeltern warten. Sie würden die Dinge schon geraderücken.

imageKeine guten Nachrichtenimage

Am Morgen seines neunten Geburtstags öffnete Archer die Haustür, weil er hoffte, ein weiteres Paket mit seinem Namen zu entdecken. Stattdessen entdeckte er eine Zeitung mit den Namen seiner Großeltern.

5. Mai

$1.50

DOLDRUMS PRESS

FORSCHER IM EISMEER VERSCHOLLEN

Die berühmten Naturforscher Ralph und Rachel Helmsley waren mit dem Schiff unterwegs in die Antarktis, wo sie die Verwandtschaftsbeziehungen von Pinguinen untersuchen wollten. Während der Fahrt in Richtung Süden entdeckte Ralph Helmsley einen Eisberg mit zwei getrennt lebenden Pinguinkolonien.

»Wir müssen näher ran«, sagte er. »Ich will mir den Eisberg ansehen.« Der Kapitän fuhr das Schiff so nahe heran, wie es die Sicherheit erlaubte, und die Crew ließ ein Beiboot zu Wasser. Ralph und Rachel Helmsley steuerten das Boot auf den gewaltigen Eisbrocken zu und kletterten hinauf. Während ihrer Erkundungstour bewölkte sich der Himmel und bald fielen erste Schneeflocken. Ralph Helmsley hatte gesagt, dass sie nach einer Stunde zurück sein wollten, doch auch zwei Stunden später hatten sie sich nicht wieder eingefunden.

Der Kapitän beobachtete, wie sich neblige Stille über den Eisberg senkte. Um den Helmsleys den Weg zu weisen, ließ er mehrmals das Nebelhorn ertönen, aber sie kehrten nicht zurück. Daraufhin löste der Kapitän Alarm aus.

Die Mitglieder der Crew bildeten so schnell wie möglich einen Suchtrupp. Sie befestigten eine Sicherheitsleine am Schiff, bevor sie ein weiteres Beiboot zu Wasser ließen.

Die Suche zog sich hin, da der Eisberg gigantisch groß war. Doch statt der Forscher fanden sie nur einen Pinguin und die Mütze von Ralph Helmsley.

Nach ihrer Rückkehr ließ der Kapitän den Motor abstellen.

»Alle Mann an Deck«, befahl er.

Die Mannschaft stellte sich an die Reling und suchte schweigend die verschwommenen Umrisse des Eisbergs ab, in der Hoffnung, irgendetwas zu sehen oder zu hören. Doch sie hörten nur das Schlagen der Wellen.

Das Wetter verschlechterte sich. Der Eisberg wurde vom Nebel verschluckt. Die Crew gab auf.

Der Kapitän hatte keine Wahl und stellte den Motor wieder an. Die Helmsleys blieben verschollen. Auch wenn nichts auf ihren Tod hindeutet, besteht für sie wenig Hoffnung.

Aubrey Glub
Chefredakteur

Archer stand barfuß im Hauseingang und konnte es nicht fassen.

Haben Pinguine meine Großeltern gefressen?, fragte er sich. Ist das überhaupt möglich?

Er warf die Tür zu und lief in die Küche. »Oma und Opa sind an einem Eisberg festgefroren!«, rief er.

Mr Helmsley nippte an seinem Kaffee. Mrs Helmsley köpfte ihr Ei.

»An einem Eisberg!«, wiederholte er.

Mr und Mrs Helmsley wussten schon, was passiert war. Einen Tag zuvor war im Büro der Rechtsanwälte Helmsley & Durbish ein Brief angekommen.

Sehr geehrter Mr Helmsley,
leider muss ich Ihnen mitteilen, dass Ihre Eltern auf einem Eisberg verschollen sind – alle Mitglieder unserer Gesellschaft sind darüber schwer erschüttert. Wir hoffen auf das Beste und werden Sie über weitere Entwicklungen auf dem Laufenden halten.

Mit traurigen Grüßen

Herbert P. Birthwhistle

Ralph B. Helmsley

Präsident der Gesellschaft

Seine Eltern hatten Archer davon nichts gesagt.

Nachdem die Zeitung auf der Treppe gelandet war, dauerte es nur eine Stunde, bis aus allen Richtungen Reporter zu dem hohen, schmalen Haus in der Weidengasse geströmt kamen. Sie hatten Kameras und Notizblöcke dabei und bombardierten Mr und Mrs Helmsley, die in der Tür standen, mit Fragen. Archer beobachtete das Durcheinander vom Dach aus.

Es war der schlimmste Geburtstag, den Archer je erlebt hatte. Traurig starrte er auf seine Vanillesahnetorte (die zu allem Unglück an einen Eisberg erinnerte) und hörte mit an, wie seine Eltern sich im Flur stritten.

»Tu bloß nicht so, als wüsstest du nicht, nach wem er gerät«, sagte seine Mutter.

»Übertreibst du es nicht ein bisschen mit deiner Vorsicht?«, sagte sein Vater.

»Es ist nur zu seinem Besten.«

Noch wusste Archer nicht, worum es ging, aber er sollte es bald herausfinden. Die heimlichen Ausflüge mit seinem Vater nahmen ein plötzliches Ende, er bekam keine Pakete mit roten Bändern mehr und alles wurde nur noch schlimmer. Es gab keine neuen Nachrichten über Ralph und Rachel Helmsley. Mit der Zeit verloren die Reporter das Interesse an der Geschichte und bald senkte sich neblige Stille über das hohe schmale Haus in der engen, verwinkelten Weidengasse.