Corina Bomann
Schwanentod

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Sonntag

1

Zum ersten Mal blitzte Sonne durch das Herbstlaub, nachdem es in den vergangenen Tagen nur geregnet hatte.

Spatzen jagten an mir vorbei und über mir krächzten die Krähen. Der erdige Geruch des Herbstes stieg mir in die Nase, als ich das hohe Eisentor hinter mir ließ.

Auf dem Friedhof war kaum Betrieb. Irgendwo in der Ferne hörte ich, dass jemand Laub zusammenharkte, ansonsten war ich ganz allein.

Ich trat an das Grab meiner Eltern mit einem weißen Rosenstrauß in den Händen, den ich in einem kleinen Blumenladen gekauft hatte. Weiße Rosen waren die Lieblingsblumen meiner Mutter gewesen. Wenn mein Vater ihr eine Freude hatte machen wollen, hatte er ihr einen Strauß mitgebracht. Außer am Hochzeitstag, da hatte er ihr immer einen riesigen roten Strauß geschenkt.

Es gab einen Grund für meinen Besuch heute. Genau heute jährte sich der Unfall meiner Eltern zum siebten Mal. Die Bilder dessen, was damals geschehen war, verließen mich nie ganz, aber mittlerweile hatte ich sie besser in den Griff bekommen. Das mochte auch daran liegen, dass ein neues Leben für mich begonnen hatte.

Vor etwas mehr als zwei Monaten war ich ins Elitegymnasium Rotensand eingetreten und ins Internat auf Rügen gezogen. Der Einstand war alles andere als einfach gewesen, besonders wegen der Morde an einigen Mitschülerinnen. Unmittelbar nach meiner Ankunft im Internat hatte die Mordserie begonnen. Beinahe wäre ich selbst auf dem Friedhof gelandet, aber es war mir gelungen, den Mörder zu entlarven und dafür zu sorgen, dass er hinter Gitter kam.

Noch immer überlief mich eine Gänsehaut, wenn ich daran dachte. Wenn ich irgendwo einen toten Vogel liegen sah, wurde mir unwillkürlich übel. Aber wie hätte es mir auch gehen sollen, nachdem die Morde an meinen Mitschülerinnen erst wenige Wochen her waren?

Meine Zimmergenossin Susanne kam mir wieder in den Sinn. Ob sie ihrer Freundin Camilla, die eines der Opfer war, auf dem Friedhof ebenfalls einen Besuch abgestattet hatte? Sie hatte nichts davon gesagt, aber es lag nahe.

Ich schob den Gedanken an Susanne beiseite und blickte auf den Grabstein vor mir. Die Goldschrift war ein wenig angelaufen, auf dem Stein glitzerten Wassertropfen in der Sonne.

Die Namen meiner Eltern zu lesen, erfüllte mich immer mit tiefer Traurigkeit. Es war, als würde sich ein Elefant auf meine Brust setzen. Wären sie noch da, wäre ich nicht in den ganzen Schlamassel geraten. Ich würde jetzt wahrscheinlich in unserem alten Haus auf meinem Sofa liegen und lesen oder Musik hören, vielleicht hätten wir zum Abschluss der Herbstferien einen kleinen Ausflug gemacht. Aber so war es nun mal nicht.

Fest stand allerdings: Meine Eltern wären mächtig stolz auf mich gewesen. Eliteschülerin und Heldin des Internats. Als Letztere wollte ich nicht angesehen werden, aber in Rotensand hielten mich viele Schüler dafür.

Ich legte den Blumenstrauß auf den Grabhügel, um den sich die Friedhofsgärtnerei kümmerte. Das Geld dafür ging von einem Konto ab, auf dem das Geld, das meine Eltern mir vermacht hatten, lag. Es war kein Vermögen, würde aber, inklusive der Waisenrente, die ich bezog, reichen, um mir nach Volljährigkeit ein Studium zu ermöglichen.

Mittlerweile war ich mir sicher, dass es in Richtung Gerichtsmedizin oder Kriminaltechnik gehen würde. Seit ich dafür gesorgt hatte, dass der Krähenmann hinter Gitter gekommen war, konnte ich mir keinen besseren Beruf vorstellen als einen, der die Welt von Verbrechern befreite.

Plötzlich summte mein Handy. Ich war davon überzeugt, dass die Nachricht von Alex kam. Seit er nach Hause abgereist war, schrieb er mir ständig. Lächelnd zog ich das Telefon aus der Hosentasche. Viel zu lange hatten wir uns nicht mehr gesehen oder geküsst. Klar, die Ferien dauerten nur eine Woche, aber diese Woche war furchtbar lang gewesen ohne ihn.

Doch meine Freude wurde abrupt gebremst. Als das Displaylicht aufflammte, sah ich, dass die Nachricht nicht von Alex stammte. Sie kam von einer Trash-Mail-Adresse.

Erschrocken schnappte ich nach Luft, denn ich erinnerte mich noch sehr gut an diese Art der Kontaktaufnahme.

Mit zitternden Händen und klopfendem Herzen öffnete ich die Mail.

Ich hoffe, du hast unser kleines Spiel nicht vergessen.Wie versprochen melde ich mich nun, denn es gibt etwas für dich zu tun. Ich würde dir raten, so schnell wie möglich nach Hause zu fahren. Es gibt Neuigkeiten! Der Ratgeber.

Für einen Moment war ich wie erstarrt. Dass der »Ratgeber«, wie er sich selbst nannte, sich wieder bei mir meldete, konnte nichts Gutes bedeuten. Bei der Mordserie des Krähenmanns hatte er auf eine undurchsichtige Art seine Finger im Spiel gehabt, aber seitdem hatte die ganze Zeit über Funkstille geherrscht. Der Ratgeber hatte mich in Ruhe gelassen. Was wollte er jetzt? Und woher wusste er, dass ich nicht im Wohnheim war, wo ich seit dem Tod meiner Eltern lebte – zumindest während der Schulferien.

Es gibt etwas für dich zu tun. Hieß das, dass wieder ein Mörder zugeschlagen hatte? In unserem Internat?

Mir wurde auf einmal speiübel. Das Wasser lief mir im Mund zusammen und ich begann zu schwanken.

Keine Ahnung, warum, aber mir schoss sofort Alex in den Sinn. War etwas mit ihm?

Ich konnte es mir nicht vorstellen, aber andererseits …

Panisch suchte ich Alex’ Nummer auf der Kontaktliste, fand sie und wählte.

Die Sekunden zogen sich. Ein Klingeln nach dem anderen ertönte, ohne dass er ranging.

Schließlich meldete sich die Mailbox. In meinem Magen krampfte sich etwas zusammen und Schweiß brach mir aus. Gleichzeitig versuchte eine kleine Stimme, mich zu beruhigen. Es ist doch schon öfter vorgekommen, dass er nicht gleich rangegangen ist.

»Hi, Alex, hier ist Clara, bitte melde dich, wenn du meine Nachricht abhörst.«

Mein Versuch, nicht panisch zu klingen, schlug grandios fehl.

Während ich in den nächsten Minuten immer wieder mein Handy überprüfte, lief ich zur Bushaltestelle. Ich ärgerte mich, dass ich mich nicht mal von meinen Eltern verabschiedet hatte. Bis die Linie, die den S-Bahnhof ansteuerte, aufbrach, würden mir zehn Minuten bleiben. Da Sonntag war, fuhren die Busse leider nur stündlich, ich musste diesen Bus also unbedingt bekommen. Ich musste zurück.

An der Haltestelle angekommen, saß ich wie auf heißen Kohlen. Immer wieder checkte ich mein Handy, doch es tat sich nichts.

Also schrieb ich dem Ratgeber eine Antwort:

Was meinst du? Was soll passiert sein? Drück dich klarer aus. Alles andere wäre unfair.

Nicht dass der Ratgeber fair spielen würde. Aber ich fand den Zusatz passend.

Ich schickte die Nachricht ab, doch es dauerte nicht mal eine Minute, bis mir der Mailer Daemon antwortete. Verdammt, er setzte sein Spiel mit den Trash-Mails fort! Er richtete die Adressen ein und löschte sie schnell wieder, wenn er die Unterhaltung nicht fortsetzen wollte. Und noch immer interessierte es ihn nicht, was ich zu fragen hatte. Was nützte denn ein Ratgeber, wenn er nicht bereit war zuzuhören?

Ich verstand ohnehin nicht, warum er sich so nannte. Er gab mir Spuren und verlangte, dass ich den Fall löste. Gleichzeitig schien es mir, als würde er gegen mich arbeiten. Als wollte er meine Arbeit gleich wieder zunichtemachen.

Bevor ich es noch einmal bei Alex versuchen konnte, erschien der Bus. Ich legte auf und stieg ein.

Der Geruch nach nassem Hund stach mir in die Nase. Glücklicherweise richtete ich meinen Blick auf den Boden, bevor ich dem großen braunen Fellknäuel neben einem der Sitze auf die Pfote treten konnte. Der Hund zuckte mit den Augenbrauen, hielt mich aber nicht für so gefährlich, dass er sich bewegen musste.

Kurz nachdem ich mich auf einen der Sitze hatte fallen lassen, fuhr der Bus an.

Erneut versuchte ich es bei Alex.

Auch diesmal ging die Mailbox ran. Verärgert legte ich auf. Verdammt, warum hatte ich die Mail bloß geöffnet? Und warum zum Teufel ließ mich dieser »Ratgeber« nicht in Ruhe? Was wollte er überhaupt von mir?

Wütend starrte ich aus dem Fenster, während der Bus viel zu langsam durch die Straßen Potsdams schaukelte. Eigentlich hatte ich mir einen ruhigen Sonntag gönnen wollen. Nach dem Besuch bei meinen Eltern wollte ich mir noch ein Eis genehmigen und dann entspannt nach Rotensand zurückfahren. Und jetzt das.

Wieder checkte ich mein Handy. Nichts. Ich atmete tief durch und versuchte, mich zu beruhigen. Ohne Erfolg. Mein Mund war auf einmal staubtrocken. Alex, melde dich, flehte ich im Stillen. Zeig mir, dass bei dir alles in Ordnung ist.

Doch es tat sich nichts.

Ich schaute aus dem Fenster und meine Gedanken überschlugen sich. Was hatte der Ratgeber bloß gemeint?

War Susanne etwas passiert? Oder einem anderen meiner Mitschüler? Oder gar einem Lehrer?

Wenn der Ratgeber wollte, dass ich ermittelte, hatte sicher nicht nur irgendwer einen Joint auf dem Schulhof geraucht.

Joint auf dem Schulhof gerauchtMitten in meine Grübelei hinein summte plötzlich mein Handy. Mein Puls, der sich ein wenig beruhigt hatte, schnellte sofort wieder nach oben. Hastig zog ich mein Telefon hervor und ging ran, ohne auf das Display zu achten.

»He, was ist denn los, dass du bei mir Sturm klingelst?«

Alex!

»Ist irgendwas passiert?«, fügte er besorgt hinzu.

Ich schloss die Augen und atmete tief durch. Mein Herzschlag normalisierte sich wieder. Er war am Leben!

»Nein, ich …«

»Hattest du so große Sehnsucht nach mir?«

Das auch, aber dafür hätte ich nicht Sturm geklingelt.

»Ich … ich meine …«, druckste ich herum. »Es ist so, ich habe eine Nachricht bekommen. Vom Ratgeber.«

Stille am anderen Ende. Alex presste jetzt wahrscheinlich die Lippen zusammen, wie immer, wenn etwas Unangenehmes ihn unvorbereitet traf.

»Und was wollte er?«, fragte er schließlich.

»Er meinte, es gibt wieder etwas für mich zu tun.«

»Oh Gott«, raunte Alex und seufzte tief. »Ist schon wieder so ein Irrer unterwegs? Oder ist dieser Krähenmann ausgebrochen?«

»Das frage ich dich. Hast du in den vergangenen Stunden irgendwas gehört?«

»Nein, woher?«, entgegnete er ratlos. »Ich bin noch zu Hause, fahre nachher erst wieder nach Rotensand. Aber ich kann gleich mal im Internet schauen, wenn du magst.«

»Ja, bitte«, entgegnete ich und spürte, wie sich mein Adrenalinspiegel ein wenig senkte. Das, was der Ratgeber mir geschrieben hatte, war dadurch nicht weniger beunruhigend, aber immerhin wusste ich Alex in Sicherheit.

»Okay, ich lege gleich los.« Alex machte eine Pause. »Du?«

»Ja?«

»Lass dich von diesem Drecksack nicht verrückt machen, ja? Ich pass schon auf mich auf. Und er tut gut dran, sich von dir und mir fernzuhalten, sonst kann er was erleben.«

Ich lächelte. Sonst stand ich ja nicht so auf diese Beschützermasche, die manche Jungs draufhatten, aber bei Alex konnte ich mir sicher sein, dass das nicht nur eine Masche war.

»Gut zu wissen.« Ich spürte, wie tief in meiner Kehle ein Schluchzen aufstieg. Außer Alex und vielleicht noch Susanne hatte ich doch niemanden mehr!

»He, ich freue mich darauf, dich wiederzusehen«, sprach er beruhigend weiter. Der Klang seiner Stimme war wie ein warmer Mantel, mit dem er mich umhüllte. In solchen Momenten konnte ich immer noch nicht glauben, dass ich mit ihm zusammen war.

»Ich freue mich auch.«

»War es denn schwer heute?«

Ich hatte ihm natürlich erzählt, dass ich zu meinen Eltern fahren würde. Auch wenn er beide Elternteile noch hatte, hatte ich bei ihm das Gefühl, dass er nachempfinden konnte, wie ich mich fühlte.

»Es ging«, entgegnete ich. »Leider ist dieser blöde Ratgeber reingeplatzt. Ich wäre gern noch ein bisschen länger dort geblieben.«

»Das kannst du nachholen. Und wenn du möchtest … komme ich beim nächsten Mal mit. Dann brauchst du dir wenigstens keine Sorgen zu machen, wenn dich dieser Idiot wieder anschreibt.«

»Wenn dieser Idiot mich anschreibt, ist es immer ein Grund zur Sorge«, erwiderte ich, aber ich wusste schon, was er damit meinte.

Am Potsdamer Hauptbahnhof angekommen, hatte ich das Glück, sofort in eine S-Bahn springen zu können, die mich zum Berliner Hauptbahnhof brachte.

Ich saß wie auf Kohlen. Dass Alex nichts passiert war, dass er in gewisser Weise auch gewarnt war, hatte schon mal was Beruhigendes, doch was war mit all den anderen? In Rotensand gab es haufenweise Schüler verschiedener Klassenstufen. Es musste niemand sein, den ich kannte …

»Nächster Halt: Berlin Hauptbahnhof«, plärrte die Zugdurchsage. Ich schnappte meine Tasche und ging zur Tür.

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2

Während der Zugfahrt versuchte ich, ein paar Informationen auf mein Handy zu bekommen. Der Empfang war schlecht, Brandenburg strotzte ebenso wie Mecklenburg vor Funklöchern. Und das Ferienticket hatte es mir nicht erlaubt, in einem ICE zu fahren, der über ein eigenes WLAN verfügte.

Als es mir beim Halt im Schweriner Hauptbahnhof doch gelang, die Seite einer großen Zeitung zu öffnen, entdeckte ich nichts, was für den Ratgeber interessant gewesen wäre.

War es möglich, dass man die Tat noch nicht entdeckt hatte? Vielleicht lag irgendwo ein Toter herum, und der Ratgeber wollte, dass ich ihn fand. Das traute ich ihm durchaus zu.

Frustriert schloss ich den Browser und ließ mein Handy, das seit der Trash-Mail stumm geblieben war, in der Tasche verschwinden.

Nach der Verhaftung des Krähenmanns, der eigentlich Marc Feldten hieß, hatte ich mich oft gefragt, woher der Ratgeber ihn kannte. Und warum er mich ins »Spiel« geschickt hatte. Hatte unser Schulpsychologe etwas damit zu tun, der Marc Feldtens Akte verwahrt hatte?

Nein, das wäre zu offensichtlich. Doch das hieß nicht, dass nicht jemand diese Akten zu Hilfe genommen hatte. Eliteinternat hin oder her, was Schlüssel anging, war Rotensand ein wenig nachlässig, das hatte ich selbst mitbekommen.

Auf jeden Fall wurde ich das Gefühl nicht los, dass der Ratgeber etwas mit den Morden zu tun hatte. Auch wenn Marc behauptet hatte, allein gewesen zu sein.

Alex hatte eine abenteuerliche Theorie. Er glaubte, dass die Ansage des Ratgebers wörtlich zu nehmen sei. Er spielte ein Spiel – und sorgte dafür, dass die Figuren aufs Brett kamen. Ähnlich wie beim Schach. Er stellte die schwarze Seite ebenso wie die weiße Seite auf und beobachtete ihre Züge. Ich fand diese Vorstellung gruselig.

Jetzt, wo ich mit dem Regionalexpress durch das herbstliche Mecklenburg gondelte, vorbei an gelb und rot gefärbten Bäumen und kahlen Feldern, musste ich zugeben, dass es genauso sein konnte.

Schließlich erreichten wir Stralsund. Hier musste ich noch einmal umsteigen. Einen Zug nach Sassnitz bekam ich nicht, aber einen nach Bergen. Von dort würde ich mich mit dem Taxi nach Rotensand fahren lassen. So viel Geld hatte ich noch.

Der Zug ratterte über den Rügendamm und ich versank für einen Moment in dem wunderschönen Anblick des Himmels über dem Wasser. Meinen Eltern hätte es gefallen.

Es tat mir leid, dass ich mich von der Nachricht des Ratgebers von ihrem Grab hatte wegtreiben lassen. Aber sie hätten es wahrscheinlich verstanden.

Als wir endlich in Bergen ankamen, hatte sich der Himmel rot gefärbt.

Da ich wusste, dass es in der Innenstadt einen Taxistand gab, beschloss ich, mich auf den Weg zu machen.

Ich hatte den Bahnhof gerade zwei Straßenzüge hinter mir gelassen, als mir ein Hupkonzert entgegentönte. Irgendwas schien die Straße zu blockieren. Der Stau hatte zwar keine Großstadtausmaße, aber die Fahrer waren offenbar ziemlich verärgert. Einige von ihnen wendeten hektisch und rasten dann mit röhrenden Motoren die Straße hinunter.

Offenbar hatte ich die Ursache dafür gefunden, dass kein Taxi am Bahnhof stand. Sie kamen einfach nicht durch!

Ich folgte dem Gehweg zu der Autoschlange. Ich konnte die Autofahrer verstehen, die hier ausflippten. Wahrscheinlich wollten sie wieder nach Hause oder zum Kaffeetrinken zu Tante Helga.

Ich ging an Fahrzeugen vorbei, deren Fahrer sich nervös Zigaretten ansteckten oder sich mit ihren Beifahrern unterhielten. Einer kompensierte seinen Ärger offenbar mit lauter Musik.

Aus einem der Wagen wurde mir hinterhergepfiffen – und das, obwohl ich nichts anderes trug als schwarze Docs, schwarze Jeans und eine schwarze Wolljacke. Sogar mein blondes Haar war unter einem schwarzen Beanie verborgen. Nichts, was einen Mann dazu reizen sollte, mir nachzupfeifen. Aber er tat es, und ich strafte ihn dafür, indem ich ihn ignorierte.

Nebenbei hielt ich Ausschau nach einem Taxi, konnte aber keines entdecken. Stattdessen setzten die Wagen wieder zu einem Hupkonzert an – als ob das etwas nutzen würde.

Schließlich ragte ein Gebäude mit hohen Fenstern über der Straße auf. STADTBAD stand in großen Lettern über dem Eingang. Irgendwann musste es ein Architekt für eine gute Idee gehalten haben, die Fassade des Gebäudes mit gelben Kacheln zu fliesen. Jetzt sah es einfach nur hässlich aus.

Aber die Farbe der Kacheln wurde mir im nächsten Augenblick egal, denn ich erkannte, dass das Schwimmbad der Grund für den Verkehrsstau war. Eine Menschenmenge sammelte sich vor dem Eingang. Blaulichter blitzten.

Ich schritt schneller aus und stand wenig später zwischen den Leuten. Offenbar waren sie genauso wie ich auf dem Weg durch die Stadt gewesen. Was gab es hier zu sehen? Drehte man vielleicht irgendeinen Film? Standen alle nur hier, um einen Blick auf einen berühmten Schauspieler zu erhaschen?

»Was ist denn da los?«, fragte ich einen Mann, der sensationslüstern den Hals reckte.

»Weiß ich auch nicht genau«, antwortete er. »Ich glaube, da ist wer in der Schwimmhalle ertrunken.«

Ertrunken? Das Wort traf mich wie ein Fausthieb. Ertrunken. Jemand war ertrunken.

Mir wurde auf einmal heiß und kalt zugleich. Die goldene Herbstsonne blendete mich und stach in meine Wange, während mein Herz zu rasen begann. Er hatte gemeint, dass ich so schnell wie möglich nach Hause kommen sollte, weil es dort etwas für mich zu tun gab.

War es möglich, dass der Ratgeber das gemeint hatte? Aber seine Nachricht war erst einen halben Tag her!

Sofort fragte ich mich, wer der Tote in der Schwimmhalle war. Ein Schwimmer, der einen Herzinfarkt erlitten hatte? Vielleicht einer meiner Lehrer? Der Direktor etwa?

Ich musste näher rankommen!

Vorsichtig schob ich mich durch die Schaulustigen – nicht ohne mir schäbig vorzukommen. Ich gehörte eigentlich nicht zu den Menschen, die sich am Unglück anderer ergötzten. Es ging mir reinweg darum zu erfahren, ob der Tote jemand aus dem Internat war.

Nach einer Weile stieß ich allerdings an meine Grenze. Die Polizei hatte den Eingangsbereich der Schwimmhalle mit Flatterband abgesperrt. Kein Durchkommen.

Ich musste einen anderen Weg finden.

Mein Blick schweifte über die Einsatzfahrzeuge. Etwas abseits stand ein Notarztwagen. Irgendwie unbeteiligt. Waren sie nicht mehr gebraucht worden?

Ich löste mich von der Menge und strebte der Seitenstraße zu, an die die Schwimmhalle grenzte. Dort stand niemand. Auch kein Auto. Die Leute, die hier hätten einbiegen können, hatten den Stau wohl schon gesehen und waren wieder umgekehrt.

Ich drückte mich in einen der Hauseingänge, von dem aus ich einen guten Blick auf die Schwimmhalle hatte. Was war dort drinnen passiert?

Plötzlich näherte sich mir ein schweres Fahrzeug von links. Ich hielt es zunächst für den Transporter einer Klempnerfirma, doch dann erkannte ich die Aufschrift »Institut für Rechtsmedizin Greifswald«.

Ich drückte mich noch weiter in den Hauseingang.

Das Fahrzeug rumpelte an mir vorbei und hielt hinter dem Notarzt. Zwei Männer in Schutzkleidung stiegen aus. Routiniert zogen sie sich weiße Zellstoffhauben über die Köpfe, nickten sich zu und umrundeten das Fahrzeug. Hinten machten sie halt, öffneten die Tür und zogen eine fahrbare Bahre hervor, die mit einem schwarzen Sack ummantelt war.

Ein Leichensack. Ein kalter Schauer ließ mich zusammenzucken.

Das Blut rauschte in meinen Ohren und mein Magen krampfte sich zusammen. Ich konnte den Puls in meinem Hals spüren.

Denk an was Schönes, murmelte ich vor mich hin. Ich spürte, wie mich langsam die Kraft verließ. Denk an Alex. Denk daran, dass er in Ordnung ist. Dass er lebt.

Doch auf einmal wollte ich nur noch weg. Wie in Trance stürzte ich die Straße herunter. Schon wieder hatte mich der Tod eingeholt.

Ich lief zurück zum Bahnhof mit der festen Absicht, mich diesmal nicht einzumischen. Wozu gab es schließlich die Polizei? Wenn im Schwimmbad ein Mord verübt worden war, würde Kommissar Dräger ermitteln, den ich schon von den grauenhaften Ereignissen um den Krähenmann kannte. Ich hatte mit dem Scheiß hier nichts zu tun.

Am Bahnhof angekommen, sah ich, wie gerade ein Taxi auf einen der Stellplätze fuhr. Das war ein Zeichen. Offenbar hatte ich die richtige Entscheidung getroffen.

Ich riss den Arm hoch und rannte los. Dieses Taxi wollte ich mir auf keinen Fall wegschnappen lassen und gerade war ein Zug im Bahnhof eingefahren.

Der Fahrer sah mich ein wenig verwundert an, doch dann öffnete er mir bereitwillig die Tür.

»Wohin geht’s denn, junges Fräulein?«, fragte er.

»Nach Rotensand. Ins Internat.«

Er runzelte die Stirn und musterte mich von oben bis unten. Ja klar, ich sah nicht so aus, als würde ich dort hingehören. Hätte ich nicht das Begabtenstipendium bekommen, wäre ich sicher auch nicht dort gelandet.

Er wartete, bis ich eingestiegen war, dann drückte er aufs Gaspedal und bog wenig später auf die Landstraße ein, die glücklicherweise nicht am Schwimmbad vorbei, dafür aber nach Rotensand führte.

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3

Die Sehnsucht kam immer dann, wenn die Dunkelheit heraufzog. Jetzt ein bisschen früher als sonst, denn der Oktober sog alles Licht in sich auf. Sie wusste, was das bedeutete.

Vier Monate lang würde sich ihr Gemüt verdunkeln und ihr Herz einen ganz besonderen Schmerz fühlen. Einen Schmerz, dem sie sich dennoch allzu gern hingab, auch wenn er sie beinahe zerriss.

An diesem Nachmittag hatte sie lange auf ihrem Sofa gesessen und vor sich hin gestarrt. Wieder und wieder hatte sie an das gedacht, was sie getan hatte. An den Händen, die sie vor sich auf den Schoß gelegt hatte, klebte noch immer Blut. Das war sehr leichtsinnig, aber dieses Risiko ging sie ein. Sie wollte das Blut spüren. Es war wie in der Geschichte von dieser verrückten Gräfin, die geglaubt hatte, dass Jungfrauenblut ihr die Jugend zurückgeben würde.

Sie hätte nicht gedacht, dass es so eine eindringliche Erfahrung sein würde, einen Menschen zu töten.

Sie hatte lange überlegt, wie sie den toten Schwan inszenieren sollte. Dann war sie darauf gekommen, ihm das Wertvollste zu nehmen, das er hatte. Ob man sie mittlerweile gefunden hatte?

Sie wagte nicht, den Fernseher oder das Radio einzuschalten. Einfach deshalb, weil sie fürchtete, dass man ihre wunderschöne Arbeit als grauenvoll bezeichnen würde, als Werk eines Verrückten. Aber verrückt war sie ganz und gar nicht – sie wollte nur dafür sorgen, dass ihr niemand wegnahm, was ihr gehörte.Das Klingeln des Telefons holte sie aus ihren Gedanken. War er das?

Es gab kaum Leute, die sie anrufen wollten. Sie war noch nie die Beliebteste gewesen. Aber er hielt zu ihr. Er ließ sie nicht im Stich.

Ihre Hände zitterten in freudiger Erregung, als sie ranging.

»Ja?«, fragte sie. Ihre Stimme klang heller als sonst, das kam von ganz allein, wenn sie erwartete, mit ihm zu sprechen.

»Hallo, Odile«, meldete er sich.

Für einen Moment vergaß sie alles um sich herum. Eine Welle des Glücks breitete sich in ihrem Innern aus. Odile. Das war der Name, den er ihr bei ihrem ersten Gespräch gegeben hatte. Seitdem war er ihr treuer Freund geworden, ihr Rotbart, der Zauberer, der alles dafür tat, dass sie ihren Siegfried bekam. Und der die Schwanenprinzessin um jeden Preis vernichten wollte.

Das hatte sie für ihn erledigt. Er würde stolz auf sie sein.

Manchmal dachte sie, dass sie in ihn selbst verliebt sei. Er war so nett zu ihr, der netteste Mensch seit vielen Jahren. Nach dem Unfall hatte niemand mehr etwas mit ihr zu tun haben wollen.

»Du hast für ziemlich viel Wirbel gesorgt, kleine Odile«, fuhr Rotbart fort. »Sie haben Odette gefunden.«

»Ich habe alles getan, dass man mich nicht sieht.«

»Das mag sein. Und dennoch war es nicht gerade eine gute Idee, dass du sie in die Schwimmhalle geworfen hast. Ein See wäre wesentlich besser gewesen – oder gleich das Meer.« Er klang ärgerlich.

»Es war zu weit«, entgegnete sie eingeschüchtert. Sie hatte ihn nicht erzürnen wollen. »Man hätte sich gewundert, wenn ich zu lange weggeblieben wäre.«

»Nun gut, sei es drum. Früher oder später hätte man sie gefunden. Verhalte dich fürs Erste ruhig und unauffällig. Ich werde dafür sorgen, dass man dich nicht behelligt.«

Davon war sie überzeugt.

»Ich … es …«, stammelte sie, doch da ertönte ein Tuten, das ihr sagte, dass Rotbart aufgelegt hatte. Enttäuscht steckte sie das Handy zurück in die Ladestation. Zehn vor fünf. Sie musste los.

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4

Wie auf heißen Kohlen saß ich vor meinem Zimmerfenster und blickte auf den Westflügel. Die tief stehende Sonne spiegelte sich in den Scheiben, während vom Wald her die Dunkelheit langsam heraufzog. Um diese Jahreszeit wirkte das Gebäude, in dem Gegenstände aus dem alten Kinderheim aufbewahrt wurden, noch gruseliger.

Ich hoffte nur, dass Alex bald auftauchte – bei meiner Ankunft war er noch nicht da gewesen. Und ich freute mich auch schon auf Susannes Rückkehr, die mit ihren Eltern für eine Woche nach Griechenland gereist war. In den Wochen nach dem Vorfall hatten wir beide uns noch mehr zusammengerauft.

Sie war froh gewesen, dass der Mörder von Camilla niemandem mehr etwas tun konnte. Es war mir und Melanie glücklicherweise erspart geblieben, Marc Feldten noch einmal zu Gesicht zu bekommen.

Und wenn es nach mir ging, würde es mir auch erspart bleiben herauszufinden, wer da im Bergener Stadtbad ertrunken war.

Das Summen meines Handys zeigte den Eingang einer neuen E-Mail an. Wer das wohl war?

Seufzend griff ich nach dem Gerät. Eine Trash-Mail, war ja klar. Und, was hatte der Ratgeber nun wieder? Ach ja, richtig, er wollte wissen, ob ich getan hatte, was er wollte.

Na, hast du die Neuigkeit inzwischen erhalten?

Ich hatte keine Lust zu antworten. Ehrlich, nachdem ich Todesängste wegen Alex ausgestanden hatte, wollte ich am liebsten das Handy an die Wand werfen. Doch offenbar erwartete er eine Antwort.

Du meinst den Toten in der Schwimmhalle? Tut mir leid, ich passe.

Den letzten Satz tippte ich ganz impulsiv ein. Ich hatte keine Lust, schon wieder die Schnüfflerin zu spielen und letztendlich in den Lauf einer Pistole zu blicken.

Die Antwort folgte auf dem Fuße.

Verstehe ich das richtig, du willst aus dem Spiel ausscheiden?

Meine Güte, warum gab er mir nicht einfach seine Handynummer, damit ich ihm WhatsApp-Nachrichten schicken konnte? Diese Ein-Satz-Mails nervten.

Ja, das will ich. Das ist Sache der Polizei, nicht meine.

Wütend schickte ich die Mail ab. Und jetzt?

Ich war sicher, dass er mich nicht in Ruhe lassen würde. Aber einen Versuch war’s wert.

Die Minuten vergingen.

Das kann ich leider nicht akzeptieren. Aus diesem Spiel scheidet man nicht einfach so aus. Wenn du nicht mitspielen willst, wird deinem Freund etwas passieren. Vielleicht fühlst du dich dann motiviert.

Ich schnappte erschrocken nach Luft. Er drohte mir also, Alex etwas anzutun? Dieser Typ war doch vollkommen irre!

Am liebsten hätte ich ihm eine gepfefferte Antwort geschickt, doch ich hielt mich zurück. Vielleicht war es besser, nichts zu antworten.

Doch der Ratgeber war in Fahrt. Offenbar hatte ich ihn anständig verärgert.

Na, spielst du weiter mit?, fragte er, bevor ich überhaupt Zeit gehabt hätte, ihm zu antworten. Einen Moment lang kam mir sogar der Gedanke, Dräger anzurufen.

Ich denke darüber nach, antwortete ich ihm schließlich. Das war kein Ja und kein Nein.

Beinahe erwartete ich, dass mein guter alter Freund, der Mailer Daemon, antworten würde, doch es kam nichts. Die Mail war durchgegangen.

Jetzt fühlte ich mich erst recht, als würde ich auf glühenden Kohlen sitzen.

Die ganze Zeit über starrte ich aufs Display, denn ich wusste, dass dem Ratgeber diese Antwort nicht gefallen würde. Aber seine Reaktion blieb aus. Und ich hatte auch keine Lust nachzuprüfen, ob er die Mailadresse schon wieder gelöscht hatte.

Als es an der Tür klopfte, zuckte ich zusammen.

»Clara?«, fragte eine vertraute Stimme. Ich sah auf. Da stand er! Sofort machte mein Herz einen Satz und trieb mich von meinem Bett.

»Alex!« Ich fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Er schlang seine Arme um mich, und durch seine Wärme spürte ich erst, dass ich die ganze Zeit über gefroren hatte. Vor lauter Spannung und Nachdenken hatte ich vergessen, die Heizung aufzudrehen.

»Na, das ist ja eine Begrüßung«, sagte Alex, während er etwas hinter seinem Rücken verbarg. Er küsste mich und auf einmal durchzuckte mich ein Gedanke. Wie wäre es, Sex mit ihm zu haben? Hier. Einfach so.

Im Heim hatten viele Mädchen ihr erstes Mal schon mit dreizehn oder vierzehn erlebt. Ich hatte bisher noch nie daran gedacht. Klar wusste ich, dass ich früher oder später Sex haben würde. Doch damals hatte mir der richtige Junge gefehlt. Und ich musste auf das Eliteinternat hinarbeiten. Doch jetzt war ich hier. Das Stipendium war sicher. Ich machte mich gut. Und nun war da Alex. Wir waren jetzt seit fast zwei Monaten zusammen, und plötzlich wollte ich nicht mehr lange warten – ihm näher sein als je zuvor.

»Hier, schau mal, was ich vorhin gefunden habe.« Alex’ Miene wurde ernst, als er mir einen Ausdruck reichte. Er stammte von der Online-Ausgabe einer großen Zeitung.

Ich seufzte tief, als ich den Ausdruck an mich nahm.

»Grauenhafter Mord in Bergener Stadtbad«, titelte das Blatt. Das Foto darunter zeigte, wie der Leichnam von den Mitarbeitern der Rechtsmedizin aus dem Gebäude getragen wurde.

Offenbar war es dem Fotografen auch nicht gelungen, näher ranzukommen. Dafür hatte er das Bild aus einem anderen Winkel aufgenommen, als ich es gesehen hatte, und so konnte man einen Blick auf die Schaulustigen werfen. Zum Glück hatte ich mich da schon von der Menge entfernt.

Nicht, dass es den Ratgeber davon abhalten würde herauszufinden, ob ich mitspielte. Aber immerhin würde es ihn nicht in der Zeitung anspringen.

Mein Blick wanderte vom Bild auf den Text. Natürlich war er wie immer reißerisch, aber diese Zeitung nahm wenigstens kein Blatt vor den Mund. Was für andere Leser vielleicht abschreckend war, beinhaltete für mich wertvolle Informationen.

Bei der Toten handelte es sich um eine junge Französin, Sandrine Ravier. Ihre Eltern waren Künstler und lebten in der Nähe von Bergen. Sandrine war von einer Reinigungskraft in der Schwimmhalle gefunden worden. Ab Oktober wurde diese erst am Nachmittag geöffnet, auch sonntags.

Die Reinigungskraft hatte das Mädchen im Wasser treibend aufgefunden – umgeben von einem Kranz aus Federn. Der Mörder hatte ihre Füße abgetrennt, bevor er sie ins Wasser geworfen hatte.

Federn.

Das Wort schlug mir wie eine Faust in den Magen. Mir wurde schlecht, kalter Schweiß trat auf meine Stirn, und ich schmeckte Galle, als würde ich mich gleich übergeben.

Die Federn trafen mich beinahe noch härter als der Umstand, dass der Mörder dem Opfer die Füße abgetrennt hatte.

Der Krähenmann hatte auch Federn verwendet. Na ja, nicht richtig, er hatte den Opfern Krähenflügel angenäht. Aber dass wieder Federn im Spiel waren, behagte mir ganz und gar nicht.

Federn – Ratgeber – Tod.

»Denkst du dasselbe wie ich?«, fragte Alex neben mir. Die ganze Zeit über hatte er mich angesehen. Jetzt trafen sich unsere Blicke.

»Woher soll ich wissen, was du denkst?«, fragte ich zurück, aber ich konnte es mir tatsächlich vorstellen.

Es war schon beinahe gruselig, dass ich oftmals tatsächlich wusste, was er dachte.

»Na, die Sache mit den Federn. Der Reporter hat es extra erwähnt.«

»Das ist ja auch erwähnenswert«, entgegnete ich und suchte dann auf dem Ausdruck nach einem bestimmten Satz.

Wenig später fand ich ihn und las ihn laut vor.

»Haben wir es nach den Vorfällen um den Krähenmann mit einem neuerlichen Serientäter zu tun?«

»Die Reporter sind nicht dumm«, sagte Alex.

»Ja, und sie haben den gleichen Gedanken wie wir. Ein neuer Serienkiller. Einer, von dem der Ratgeber weiß. Natürlich kennen sie den Ratgeber nicht …« Alex überlegte einen Moment lang. »Vielleicht sollten die Medien davon erfahren. Dass es einen Mann im Hintergrund gibt. Oder zumindest Dräger. Hast du ihm vom Ratgeber erzählt?«

Ich schüttelte den Kopf. »Das habe ich für keine gute Idee gehalten. Und wenn du mich fragst, halte ich es auch jetzt nicht für eine gute Idee.«

Ich konnte mir vielleicht mit einer Antwort Zeit lassen, aber wenn ich wirklich damit zur Polizei ging, dass ich geheime Nachrichten erhielt, würde der Typ sicher austicken …

»Sieht jedenfalls so aus, als müsstest du dich wieder dahinterklemmen«, stellte Alex fest und legte mir den Arm kumpelhaft um die Schulter.

Ich wünschte mir in diesem Augenblick, dass er den Ausdruck nicht mitgebracht hätte. Klar, er hatte mir einen Gefallen tun wollen. Aber hätte er nichts gefunden, hätten wir vielleicht eng umschlungen in diesem Bett gelegen. Ich hätte meinen ersten Sex erlebt. Jetzt war mir alles vergangen. Ich dachte an den Mord und das Mädchen, das von Federn umgeben in der Schwimmhalle gelegen hatte. Der Mörder hatte ihm die Füße abgeschnitten. Das war beinahe noch kranker als das, was Marc Feldten angestellt hatte.

»Ja, nur irgendwie habe ich keine Lust auf den ganzen Stress.« Ich atmete tief durch. Die Drohung des Ratgebers stand mir wieder vor Augen.

Wenn du nicht mitspielen willst, wird deinem Freund etwas passieren. Vielleicht fühlst du dich dann motiviert.

Diese Worte beunruhigten mich zutiefst. Vielleicht war er nur ein Spinner, aber vielleicht würde Alex wirklich etwas passieren, wenn ich nichts unternahm. In meinem Bauch zog sich etwas schmerzhaft zusammen. Wenn ich ihm doch nur von dieser Nachricht erzählen könnte …

»Wahrscheinlich hast du recht«, sagte ich dann.

»Womit?«

»Dass er derjenige ist, der die Figuren auf das Brett stellt.«

»Sag ich doch!«, entgegnete er. »Schön, dass du es endlich einsiehst.«

Er küsste mich auf die Schläfe. Die Berührung durchzuckte mich wie ein Feuerstrahl. Vielleicht sollten wir die Gunst der Stunde doch nutzen. Vielleicht würde es mich von dem grausamen Mord ablenken.

Nein, nicht wirklich. Dennoch umschlang ich Alex’ Nacken, zog ihn zu mir und küsste ihn.

Ich hatte keine Ahnung, wie man küssen sollte, um dem anderen zu zeigen, dass man Lust darauf hatte, mit ihm zu schlafen. Ich küsste ihn einfach nur tief und mit Zunge und presste mich an ihn, denn ich wollte seine Wärme überall auf meinem Körper spüren. In meinem Bauch kribbelte es, und da war auch ein feuchtes, angenehmes Gefühl zwischen meinen Schenkeln. Ein Gefühl, das mir sagte, dass es richtig war, jetzt nicht weiter an den Ratgeber zu denken, sondern an Alex.

So oft, wie ich in den vergangenen Wochen an Sex gedacht hatte, fragte ich mich auch, ob Alex es schon einmal getan hatte. Ich hatte ihn bisher nicht nach früheren Freundinnen gefragt. Das hatte sich einfach nicht ergeben. Und jetzt, wo sich seine Hand langsam unter mein Shirt schob, war es mir auch egal. Es zählte nur das Heute. Und offenbar hatte Alex verstanden, was ich ihm mit meiner Art zu küssen sagen wollte. Während wir uns weiter küssten, wanderte seine Hand nach oben und berührte meinen BH. Ich war für einen Moment wie erstarrt, allerdings in positivem Sinne. Mein Herz raste, und ich fragte mich, was ich nun tun sollte. Sicher erwartete er eine Reaktion. Und genau genommen hatte ich mich schon immer gefragt, wie sich seine Haut anfühlte. Nicht die der Hände oder sein Gesicht, sondern die Haut an seinem Rücken. Und an seinem Bauch. Vorsichtig tastete ich mich zu seinem Shirt vor. Als meine Fingerspitzen darunterglitten, war ich überrascht, wie weich seine Haut war. Ich zog ihm vorsichtig das Shirt hoch, was er als Einladung ansah, meinen Hals zu küssen. Ich hörte ihn leicht aufstöhnen, als er die Hand unter den BH schob und meine linke Brust umfasste. Seine Berührungen jagten Feuerschauer über meine Haut, und ich konnte es kaum erwarten, meinen Körper gegen seinen zu pressen.

Plötzlich flog die Tür auf. Wir schreckten zurück. Alex wälzte sich ein Stück herum. Dabei sah ich sein Sixpack – meine Güte!

Doch dann sah ich auch Susanne.

»Hi, ich …« Sie stockte, als sie uns auf dem Bett liegen sah. Ihr Mund blieb offen stehen.

Okay, ja, ich wusste, wie das aussah. Glücklicherweise hatten wir noch nicht damit begonnen, uns auszuziehen. Und jetzt, da wir wie von Eiswasser übergossen auseinanderschreckten, schoss es mir auch in den Sinn, dass es eine denkbar blöde Idee gewesen wäre, ohne Kondom miteinander zu schlafen.

»Hi, Susanne!«, rief ich mit glühendem Kopf. Wahrscheinlich war er so rot wie eine Tomate.

Susanne klappte den Mund wieder zu. Ihr Blick wanderte zu Alex’ Sixpack, das wenig später wieder unter dem Shirt verschwand.

»Ich hoffe, ich störe nicht«, sagte sie in leicht ätzendem Tonfall und wuchtete ihre Reisetasche aufs Bett. Die Matratze quietschte protestierend.

»Nein, nein, wir …«, stammelte ich und zog mein Shirt herunter. »Ich meine, es ist auch dein Zimmer und …«

Ich sah zu Alex, der genauso rot war wie ich. Er erhob sich vom Bett, steckte sein Shirt in die Hose, als müsse er seine Haut vor Susanne schützen, dann fuhr er sich verlegen durch die Haare.

Eigentlich war es doch kein Problem, beim Knutschen erwischt zu werden, auf dem Schulhof küssten wir uns ja auch … na ja, nicht gerade dann, wenn Melanie in der Nähe war, aber eben auf dem Hof. Wenn wir allein waren. Jedenfalls relativ allein.

Von Susanne wusste ich auch, dass sie nicht auf Alex stand. Und doch … Es war wahnsinnig peinlich, von ihr in unserem Zimmer beim Knutschen erwischt zu werden.

»Ich gehe wohl jetzt lieber …« Alex warf mir einen bedauernden Blick zu. Ich bedauerte auch – dass Susanne aufgekreuzt war. Aber jetzt, wo sich der Liebeswahn, von dem ich ergriffen worden war, zurückzog, sah ich ein, dass es richtig war. Beim nächsten Mal würde ich vorbereitet sein. Beim nächsten Mal hatten wir einen richtigen Ort und Kondome dabei.

»Nacht, Susanne«, sagte Alex zu meiner Zimmergenossin, dann huschte er schnell aus dem Raum. Ich dachte wieder an sein Sixpack und fühlte tiefes Bedauern. Aber jetzt musste ich erst mal die Sache mit meiner Zimmergenossin in Ordnung bringen.

Susanne antwortete ihm nicht. Sie starrte mich nur an. Ziemlich böse sogar.

»Hi, Susanne«, sagte ich dann. »Du bist ja schon hier.« Solche bösen Blicke kannte ich. In verstärkter Form waren sie mir auch schon im Heim begegnet, wenn ich irgendwas getan hatte, was einen anderen Heiminsassen angepisst hatte.

»Sorry, dass wir … Ich meine, Alex hat mir nur was vorbeigebracht, und da ist es halt passiert.«

»Soso«, brummte Susanne nun. »Und was wäre passiert, wenn ich ein wenig später gekommen wäre? Wärt ihr dann voll in action gewesen, oder was?«

»Nein, wir … wir haben nur geknutscht«, erwiderte ich ertappt. Möglicherweise hätte sie uns in action gesehen. Möglicherweise wären wir bereits fertig gewesen. Möglicherweise wäre Alex dann auch schon weg gewesen. »Du weißt doch, dass wir zusammen sind.«

»Ja, das weiß ich«, murrte sie und begann, ihre Sachen aus der Tasche zu zerren. Ihre Mutter hatte sie offenbar akkurat gebügelt hineingelegt, doch mit ihrer Aktion machte Susanne die schöne Ordnung gleich wieder zunichte und knitterte ein paar Falten in den Stoff.

»Aber warum musstet ihr gerade heute hier … rumknutschen?«

Klar, sie glaubte mir kein Wort. Sie wusste, dass wir es tun wollten.

»Ihr hättet das doch die ganze Woche über machen können.« Sie stockte. »Oder habt ihr …«

»Nein, Alex war zu Hause, weißt du doch! Ich war hier und habe mich gelangweilt. Und heute habe ich meine Eltern besucht.«

Das schien sie wieder ein wenig zu besänftigen.

»Oh, das wusste ich nicht«, sagte sie und holte die restlichen Sachen etwas sanfter aus ihrer Tasche. »War es schlimm?«

Ich hatte mit Susanne nur einmal über meine Eltern gesprochen. Ich hatte ihr erzählt, dass sie bei einem Unfall ums Leben gekommen waren. Die genauen Details hatte ich ihr verschwiegen. Sie wusste nicht mal, wie lange genau sie tot waren.

»Na ja, es ging so. Leider konnte ich nicht so lange bleiben, wie ich gern gewollt hätte …«

Susanne nickte und fragte glücklicherweise nicht nach.

»Wie war es denn bei dir zu Hause?«

»Ach, nur das Übliche. Meine Mutter nervt und mein Vater würde am liebsten jetzt schon einen Platz an der Uni für mich reservieren lassen. Wir waren bei meinen Großeltern, die mich ständig damit gelöchert haben, warum ich denn noch keinen Freund habe. Das Übliche eben. Ich bin froh, dass ich wieder hier bin. Hier treffe ich höchstens dich knutschend mit Alex.«

»Worüber du dich tierisch erschrocken hast, wie es scheint.«

»Ja, klar, damit rechnet man nicht. Aber so eine Runde Familie ist nerviger.«

Ich fragte mich, ob es mich auch angenervt hätte, in den Ferien nach Hause zu meinen Eltern zu fahren. Als meine Eltern starben, war ich noch nicht in der Pubertät gewesen, die Erwartungen an mich waren andere. Hätte meine Mutter darauf gedrängt, dass ich einen Freund haben sollte? Ich konnte es mir nicht vorstellen.

Aber wenn doch, hätte ich ihnen Alex vorstellen können – oder wäre ich letztlich nicht hier gelandet?

Ich schüttelte das Was-wäre-wenn-Spiel ab und griff nach meinem Handy. Was sollte ich dem Ratgeber antworten? Ich hatte keine Lust zu ermitteln, aber noch weniger wollte ich, dass Alex etwas geschah. Wenn ich nur wüsste, wer dieser Typ war! Woher er wusste, dass ich mit Alex zusammen war. Er trieb sich ganz sicher auf dem Schulhof herum und sah mich mit ihm zusammen.

Und was, wenn es gar kein Typ war?

»Hallo?«, riss mich Susannes Stimme aus meinen Gedanken. Im nächsten Moment wedelte eine Hand vor meinem Gesicht hin und her.

Erschrocken blickte ich Susanne an.

»Träumst du schon wieder von ihm? Muss Liebe schön sein!«

»Entschuldige, ich habe nicht zugehört«, entgegnete ich und schob mein Handy in die Tasche.

»Nee, das hast du wirklich nicht. Ich habe gefragt, ob du mit in die Mensa kommst.«

»Ist die denn überhaupt schon auf?«

»Ja, am Sonntagabend schon. Die wissen ja, dass die ganzen Heimkehrer wieder hier ankommen, also gibt es auch was zu essen.«

Ich hatte eigentlich keinen Hunger, schloss mich Susanne dann aber doch an.

Im Flur trafen wir auf ein paar Mädchen, die lange Hälse an der Anschlagtafel machten. Kerstin aus meinem Deutschkurs, Tina und Lisa. Mir fiel ein, dass ich mich auch unbedingt wieder mit Ramona treffen sollte.

Sie hatte sehr unter Melanies Attacken gelitten, mir aber auch einen entscheidenden Hinweis gegeben, wer der Mörder sein könnte.

»Hey, was gibt’s denn da zu sehen?«, fragte Susanne und reckte ebenfalls den Hals.

»Gibt’s neue Stundenpläne?«

»Ja, sie haben wieder mal alles umgestellt.«

Das klang so, als würde das hier öfter passieren. Musste ich mir merken. Susanne und ich zogen beinahe gleichzeitig unsere Handys aus der Tasche. Sie ging in eine andere Klasse als ich, also musste ich wohl oder übel selbst den Plan aufschreiben.

»Habt ihr schon gehört, wir haben einen neuen Lehrer!«, verkündete Lisa, während ich versuchte, meine Klasse zu finden. Da bis auf die unterste alle möglichen Klassenstufen hier untergebracht waren, war das nicht so einfach.

»Ein neuer Lehrer?«, fragte Susanne verwundert, als sei das das Letzte, womit sie an dieser Schule gerechnet hätte. »Und für wen kommt der?«

»Für niemanden. Es ist einfach ein neuer Lehrer. Sportlehrer genau genommen. Er soll sich den Sportunterricht mit Herrn Wagner teilen.«

Sportlehrer. Von allen Arten Lehrer war mir diese die am wenigsten sympathische.

Doch Lisa und auch Tina und Kerstin wirkten schwer begeistert.

»Er soll noch ziemlich jung sein, nicht mal dreißig. Und er sieht einfach super aus!«

Oh Gott, auch das noch. Ein gut aussehender Sportlehrer, bei dem sämtliche Mädchen zu Amöben mutierten und sich gegenseitig zu übertrumpfen versuchten, nur damit Mr Perfect sie mal lobte. Ich konnte mir gut vorstellen, dass die Sportstunden dann noch unerträglicher wurden. Auch Susanne wirkte nicht sonderlich beeindruckt von der Aussicht, von einem anderen Sportlehrer um den Platz gescheucht zu werden.

»Und wie heißt dieser Lehrer?«, fragte ich, denn ich wollte nicht so wirken, als würde mich das nicht interessieren.

»Enrico Reinert«, antwortete Tina, und so, wie sie den Namen aussprach, klang es fast schon ein bisschen pornografisch.

Da, endlich hatte ich meine Stufe gefunden!

Deutsch, Biologie, Chemie – Sport! Verdammt, wer war denn so sadistisch, den Sportunterricht auf den Montag zu legen?

Das, was hinter dem Kürzel für den Sportunterricht stand, beunruhigte mich aber noch viel mehr. »Oh nein!«, platzte es aus mir heraus.

»Was ist?«, fragte Kerstin aus meiner Klasse.

»Wir haben morgen Sport mit dem Neuen.«

»Ja, ist das nicht aufregend?«, flötete sie. »Ich bin nur froh, dass wir zum Sport anziehen können, was wir möchten.«

Ich sah sie entgeistert an. »Und was willst du anziehen? Du weißt, dass es draußen ziemlich kalt werden kann.«

Offenbar hatte ich recht, was die Verwandlung zu Amöben anging. Bei Kerstin hatte sie schon eingesetzt. Und wenn es bei ihr schon so weit war, was war erst mit den anderen, die weniger zurückhaltend drauf waren? Sie bildeten sich doch wohl nicht wirklich ein, dass ein Sportlehrer auf sie scharf sein könnte!

»Klar weiß ich das, aber gegen ein paar sexy Leggings kann doch niemand was sagen, oder?«

Ich bemerkte, dass Susanne mit den Augen rollte. Immerhin hatte sie mit diesem Reinert erst am Mittwoch Unterricht.

»Okay, ich glaube, wir sollten zur Mensa«, bemerkte ich mit einem Blick auf die Uhr. Susanne nickte schnell und rief: »Macht’s gut, Leute!«

Ob die anderen sie gehört hatten, wusste ich nicht, denn noch immer redeten sie über Leggings und darüber, wie heiß der neue Sportlehrer war.