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Niemand kann seiner Bestimmung entfliehen.
Das ist ein ehernes Gesetz des Meeres.

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Kyan starrte Gordy mit einer Mischung aus Abscheu und freudiger Erregung an. Noch nie hatte er es so genossen, dass der Plonx in seinen Gedanken lesen konnte wie in den Logbüchern, die die Kapitäne in ihren versunkenen Schiffen zurückgelassen hatten.

Ich werde meinen ganzen Hass in ihren zerbrechlichen Körper spülen und sie mit meinem Kuss ertränken und du, elender Verräter, wirst nichts dagegen tun können.

Es war wie ein Geschenk des Schicksals, dass sie direkt vor seiner Nase im Wasser aufgetaucht war, ein menschlicher Tribut, den das Meer sich nun nahm – und ihm, Kyan, fiel die Aufgabe zu, diesem Willen zu entsprechen. Sein Blick glitt über Elodies zauberhafte Rückseite, die schmalen Schultern, die zarten Rückenwirbel und ihr wunderhübsch geformtes Hinterteil. Allein die Vorstellung, wie seine Lippen sich an ihrem Mund festsaugten, erfüllte ihn mit Wonne.

»Lass sie in Ruhe«, zischte Gordy. »Sie hat mit all dem nichts zu tun!« Verzweifelt versuchte er, sich zu befreien, doch Niclas, Pine und Liam hielten ihn fest umklammert und vereitelten jeden noch so kleinen Flossenschlag.

Egal, wie viel Vorsprung ich ihr lasse, du wirst es nicht schaffen, dachte Kyan voller Genugtuung. Elodie ist schon jetzt so gut wie tot.

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Ich hörte die Schreie, und ich spürte die hektischen Bewegungen unzähliger Delfinleiber, aber ich konnte kaum etwas erkennen, denn das Meer war dunkelrot von Blut. Panisch wirbelte ich um die eigene Achse, in der Hoffnung, Gordian irgendwo zu entdecken. Er brauchte mich, nur ich konnte ihm jetzt noch helfen. Es waren zu viele, und sie kamen von allen Seiten – allein würde er sich nie und nimmer gegen sie wehren können.

Plötzlich glaubte ich, zwischen all dem Blut eine goldene Strähne aufblitzen zu sehen – Gordy! Es konnte nur er sein. Seine Schwester Idis war weit draußen im Atlantik, so hoffte ich jedenfalls. Nicht auszudenken, wenn sie zurückgekommen war … ausgerechnet jetzt … Nein, das durfte einfach nicht sein!

Der Druck des Wassers drohte meine Lungen zu zerbersten. Ich sehnte mich danach, endlich einen Atemzug zu tun, aber ich wusste, das wäre das Ende. Nur wenn ich am Leben blieb, hatte Gordy überhaupt noch eine Chance.

Mit letzter Kraft stieß ich in seine Richtung. Vielleicht gelang es mir wenigstens, Kyan abzulenken. Ihn und seine Freunde. Gegen die dröhnenden Boote, deren lange Schatten über mich hinwegglitten, vermochte ich ohnehin nichts auszurichten. Die menschlichen Jäger waren übermächtig. Ihre Harpunen hatten bereits Elliots Körper durchbohrt. Ich konnte nur beten, dass sie mich nicht auch noch trafen, bevor ich Gordy erreichte. – Bloß nicht darüber nachdenken, Elodie!, beschwor ich mich.

Mit aller Macht konzentrierte ich mich auf meine Arme und Beine. Sie mussten sich bewegen. Solange sie das taten, war alles gut. Aber dann ging der Druck in meiner Lunge in einen Schmerz über, der von Zug zu Zug quälender wurde und bald kaum noch zu ertragen war.

Tränen brannten in meinen Augen. Sie verbanden sich mit dem Meerwasser, strömten über meine Haut – und auf einmal bekam ich wieder Luft. Die blutige Wolke, die mich umgab, löste sich auf, und ein glockenheller, betörender Laut brachte das Wasser zum Vibrieren. Der Gesang der Delfine!, durchfuhr es mich. Doch es waren nicht die Tiere, die diese Laute von sich gaben, es war Gordy, der inmitten von ihnen schwamm. Sein karamellfarbener Oberkörper und die goldblonden Haare schimmerten im Licht der Sonnenstrahlen, die nun zaghaft ins Meer hinabtauchten.

Sieh mich an, flehte ich, bitte dreh dich um und sieh mich an!

Er schien so sehr in seinen Gesang vertieft zu sein, dass er mich nicht hörte, aber seine Flossenschläge waren nun ruhig und bedächtig, es würde mich keine große Mühe mehr kosten, ihn einzuholen.

Verdammt, war er sich der Gefahr, in der er schwebte, denn gar nicht bewusst? Und machte er sich nicht einmal die geringste Sorge um mich?

Diese Gedanken schienen deutlich genug gewesen zu sein, denn nun wirbelte er ruckartig zu mir herum.

Die Strähnen seines pechschwarzen Haares – gerade noch golden glänzend – umspielten sein kantiges Gesicht wie die Tentakeln eines Oktopus und seine giftgrünen Augen stierten mich hasserfüllt an.

Ein paar Sekunden lang war ich wie gelähmt, dann paddelte ich entsetzt zurück.

Doch was konnte ich schon ausrichten gegen einen Nix, dessen natürliches Element das Wasser war? Wie ein tödliches Geschoss stob Kyan auf mich zu, ich glaubte bereits, seine großen, kräftigen Hände an meinen Fußgelenken zu spüren, da wurde ich plötzlich von etwas anderem umschlossen. Es kam von hinten und zugleich von oben und von unten, und viel zu spät begriff ich, dass es ein Netz war.

Blitzschnell zogen sich seine Maschen zusammen.

Ich zappelte, schlug um mich und suchte verzweifelt nach einem Loch, doch mit jeder Bewegung schloss sich das Netz nur umso fester um meinen Körper. Dann spürte ich einen stechenden Schmerz und wieder wurde es dunkel um mich herum. Es war mein eigenes Blut, in dem ich trieb … das ich atmete … in dem ich qualvoll ersticken würde …

»Gordy!«, keuchte ich. »Gordy, bitte hilf mir!« Meine Finger krallten sich in weiches Gewebe und mit einem Mal fühlte ich tatsächlich etwas Warmes, Lebendiges. »Gordy, du hast mich gefunden.« Unendliche Erleichterung erfüllte mich und ich löste langsam meinen Griff.

»Alles ist gut, Elodie«, sagte Ruby. »Du hast nur geträumt.«

»Was?«, stieß ich im Hochschnellen hervor.

Mein Blick fiel auf das große Balkonfenster und holte mich endgültig in die Wirklichkeit zurück.

Heute war Dienstag, der 17. April, ein trüber Spätnachmittag mit wolkenverhangenem Himmel und einem stürmischen Wind, der sich in surrenden Wirbeln im Fensterspalt verfing und den frischen, salzigen Geruch der Nordsee bis in mein Zimmer hineintrieb.

Ich saß schweißüberströmt auf dem Rattansofa, der Fernseher lief und Ruby hockte neben mir auf dem Boden. Seit Gordys Aufbruch zu seiner Familie in den Atlantik waren gerade einmal vier Tage vergangen – sehr unwahrscheinlich also, dass er schon wieder zurückgekehrt sein konnte.

»Es tut mir leid«, sagte Ruby leise und strich mir über den Rücken.

»Dir?«, fragte ich erstaunt. »Was denn?«

»Alles«, antwortete sie und hob frustriert die Schultern. »Dass du ständig diese furchtbaren Träume hast. Deine Angst, Gordian könnte etwas zustoßen … und vor allem, dass er so lange auf sich warten lässt.«

»Tut er doch gar nicht«, entgegnete ich kopfschüttelnd. »Er hat mir gesagt, dass er mindestens eine Woche fort sein wird.« Seufzend wischte ich mir mit der Wolldecke eine feuchte Locke aus der Stirn.

»Dann ist es ja eigentlich auch nicht nötig, das Fenster die ganze Zeit offen stehen zu lassen«, sagte Ruby. »Schon gar nicht bei diesem Sturm.«

»Es ist doch nur ein Spalt«, erwiderte ich matt.

»Trotzdem.« Sie erhob sich und schaltete den Fernseher aus, danach ging sie zum Fenster hinüber, schloss es und legte den Griff um. »Du solltest dich besser ein bisschen frisch machen«, meinte sie, nachdem sie sich wieder zu mir umgedreht hatte. »Ashton wird jeden Augenblick hier sein.«

»Aha …«, sagte ich abwartend und betrachtete aufmerksam Rubys hübsches, sommersprossiges Gesicht. Seit Elliots bestialischer Hinrichtung kümmerten sie und Ashton sich wirklich rührend um mich; bisher war es allerdings eher selten vorgekommen, dass die beiden – so unzertrennlich sie auch waren – zur gleichen Zeit hier auftauchten. »Gibt es dafür einen besonderen Grund?«

Ruby antwortete nicht, sondern stand einfach nur da, mit gekreuzten Armen und eingekniffenen Mundwinkeln, und das machte mich nervös.

»Jetzt sag schon«, drängte ich sie.

Sie schien zu überlegen. Schließlich ließ sie die Hände sinken und kam auf mich zu. »Ja, es hat einen besonderen Grund«, gestand sie. »Sobald Ashton kommt, werden wir dir alles erklären.«

Obwohl es vollkommen unmöglich war, dass ausgerechnet er und Ruby etwas über Gordys Schicksal erfahren hatten, verwandelte sich die nagende Sorge, die seit Tagen dumpf auf meinem Herzen lag, mit einem Schlag in beißende Angst. Die Erinnerung an unsere letzte Nacht auf den Klippen unterhalb von Tante Graces Cottage, an Gordys sanfte Umarmungen und seine zärtlichen Küsse brachte mich schier um.

Bitte, bitte nicht, war alles, was ich denken konnte, dann fing ich an zu zittern, und Rubys Gesicht verschwamm vor meinen Augen.

Schluchzend sank ich aufs Sofa zurück und nur eine Sekunde später umfingen mich ihre warmen, tröstenden Arme.

»Alles ist gut, Elodie«, wiederholte Ruby flüsternd ihre Worte von eben. »Bitte verzeih mir, ich wollte dich nicht beunruhigen. « Sanft drückte sie mich an sich. »Es gibt ein paar Neuigkeiten, aber die haben nichts mit Gordian zu tun … Okay?«

»Okay.« Ich wischte mir die Tränen aus dem Gesicht, aber es kamen sofort neue nach. Dieser schreckliche Traum und Rubys komische Reaktion eben hatten mich ziemlich durcheinandergebracht.

»Himmel noch mal, Elodie!«, stöhnte sie jetzt. »Deine Flennerei in allen Ehren, aber sie ändert doch nichts. Sollte deinem Nix tatsächlich etwas zustoßen, kannst du immer noch durchdrehen.«

»Danke, das war hart«, brummte ich und bedachte sie mit einem finsteren Blick.

»Stimmt«, gab Ruby mir recht. »Hart, aber wirkungsvoll.«

Irritiert schüttelte ich den Kopf. »Inwiefern?«

»Du heulst nicht mehr!«

»Ähm …« Ich stutzte. »Tatsächlich!«, stellte ich fest und wir mussten beide lachen.

»So, und jetzt ab mit dir ins Bad.« Ruby ergriff meine Hände und zog mich auf die Füße. »Frische Klamotten sind im Kleiderschrank «, fügte sie augenzwinkernd hinzu. »Aber damit erzähle ich dir sicher nichts Neues.«

Ich drehte den Hahn auf und schaufelte mir so lange eiskaltes Wasser ins Gesicht, bis meine Augen nicht mehr brannten und meine Haut sich wieder einigermaßen kühl und straff anfühlte. Auf keinen Fall durfte meine Großtante mich so sehen. Sie würde mich sofort zur Rede stellen und nicht eher Ruhe geben, bis ich ihr alles bis ins letzte Detail erzählt hatte. Ohnehin hielt sie mich unter Beobachtung, als wäre ich eine Kuh, die jeden Moment ein Kalb zur Welt bringen könnte. Es würde ganz sicher nicht einfach sein, Gordians Existenz dauerhaft vor ihr zu verbergen.

Seufzend zerrte ich mir die verschwitzten Klamotten vom Leib, warf sie in den Wäschekorb und begutachtete die seltsame Wunde über meinem rechten Knöchel, die ich mir vor einiger Zeit bei einem Unfall an einem Felsen zugezogen hatte. Sie war gut verheilt, auch das lose Hautstück wuchs allmählich wieder an, allerdings sah das Ganze nun ziemlich wulstig aus. Es wunderte mich ein bisschen, dass Tante Grace mich gar nicht mehr darauf angesprochen hatte. Immerhin hatte sie mich deswegen vor einer Woche noch zum Arzt schleppen wollen. – Na ja, mir sollte es nur recht sein. Ob und wann ich medizinische Hilfe brauchte, konnte ich eigentlich ganz gut allein entscheiden. Im Moment schien es mir jedenfalls nicht nötig zu sein.

Ich gönnte mir eine kurze heiße Dusche, strich noch einmal etwas von Mams Salbe auf die Hautwulst und fünf Minuten später war ich bereits wieder fix und fertig angezogen. Hastig band ich meine Haare im Nacken zusammen und ging ins Zimmer zurück.

Ruby stand am Fenster und sah aufs Meer hinaus. Der Sturm hatte zugenommen und fegte die grauen Wolken inseleinwärts über uns hinweg. Dicke Regentropfen prasselten gegen die Scheiben.

»Ist Ashton immer noch nicht da?«, fragte ich.

»Nein.«

»Machst du dir Sorgen? Ich meine, wegen des Wetters …«

»Ich mache mir nie Sorgen um Ashton. Jedenfalls nicht so.«

Ruby wandte sich mir zu und nickte. »Schon viel besser.«

Ich lächelte matt. »Wo steckt er denn so lange?«

Sie machte eine fahrige Geste.

»Na ja, er hat eine Verabredung«, sagte sie schließlich.

»Wie bitte?«

»Nicht wie du jetzt vielleicht denkst«, erwiderte sie hastig. »Kein Mädchen.« Sie druckste. Offenbar schien sie genauso wenig über Ashton und seine Verabredung sprechen zu wollen, wie ich noch weiter über Gordy reden mochte. »Er trifft sich mit jemandem, um etwas herauszufinden«, fügte sie endlich hinzu.

»Aha …?« Ich horchte auf. »Ist sein Vater aus Leicester gekommen? «

Ruby schüttelte den Kopf. »Leider nicht.«

»Hat es mit seinem Tourette-Syndrom zu tun?«, bohrte ich weiter.

»Nein.«

Ruby richtete ihren Blick zu Boden. Es war ein eindeutiges Signal, aber ich konnte jetzt nicht aufhören. Eine leise Ahnung stieg in mir auf. Ich musste es einfach wissen.

»Dann also mit mir? … Den Nixen …?« Ich musterte sie abwartend. »Oder mit Lauren und Bethany?«

Ruby drehte sich zum Fenster zurück. Sie konnte mir also nicht in die Augen sehen.

»Nicht direkt«, sagte sie leise.

Das Herz schlug mir bis zum Hals. »Sag bitte nicht, mit Cyril«, wisperte ich.

Ruby schwieg.

»Nach allem, was er mir angetan hat!«, stieß ich hervor.

Ich trat hinter sie, fasste sie an den Schultern und zog sie wieder zu mir herum.

Ruby sah mich an. »Deshalb hat Ashton es ja auch übernommen. «

»Cyril wird sowieso nichts erzählen«, knurrte ich.

»Ashton vielleicht schon.«

Warum ausgerechnet ihm?, lag es mir auf der Zunge zu sagen, aber ich kannte die Antwort, also schluckte ich die Frage hinunter und ließ mich auf das Sofa zurückfallen. Die Verbindung zwischen Ashton und Cyril bestand darin, dass sie beide Außenseiter waren – wenn auch aus völlig unterschiedlichen Gründen.

»Es ist mir egal, wer er ist und was er weiß«, sagte ich hart.

»Das könnte ein Fehler sein.« Ruby hatte leise gesprochen. So leise, dass ich unwillkürlich aufhorchte.

»Was?«

»Als ob du es nicht ganz genau verstanden hättest!«, erwiderte sie und ihre hellen Augen funkelten.

Ich zwang mich, ihrem Blick standzuhalten, und kämpfte ebenso entschlossen gegen den Druck an, der sich nun in meiner Brust ausbreitete und mir die Luft abzuschnüren drohte. Zu meinem Ärger war ich dem hilflos ausgeliefert, aber ich schaffte es nicht, mich dagegen zu wehren.

Sobald man mich drängte, an Cyril zu denken, tauchten sofort die Bilder unserer letzten Begegnung vor meinem inneren Auge auf und riefen die immer gleichen Widerstände in mir hervor.

Ich wusste einfach nicht, wie ich Ruby das klarmachen sollte. Sie hielt inzwischen nämlich aus vollkommen unerfindlichen Gründen ziemlich große Stücke auf ihn.

Ein zaghaftes Klopfen ließ uns zusammenzucken.

»Da ist er schon!«, rief Ruby.

Sie stürzte zur Tür, riss sie auf und fiel Ashton in die Arme.

Ich musste unwillkürlich lächeln, was den Druck in meiner Brust löste und einer quälenden Sehnsucht Platz machte. – Ach, Gordy, wenn du nur ahntest, wie sehr du mir fehlst!

Ruby und Ashton küssten sich zärtlich, dann zog sie ihn ins Zimmer und schloss die Tür hinter ihm.

»Hi«, sagte Ashton, schlenkerte mit seinem Arm und strahlte mich aus seinen nussbraunen Augen warmherzig an.

»Hi«, sagte ich und wurde ganz weich unter seinem Teddybärblick.

Es war mir ein Rätsel, wie man es fertigbringen konnte, ihn nicht zu mögen, aber leider wurde er von den Leuten aus der Clique, insbesondere den Jungs, nicht ganz für voll genommen. Noch viel schlimmer jedoch war natürlich die Geschichte mit seinem Vater, der sich für ihn schämte und sich schon vor Jahren, als Ashton noch ein Kind war, von ihm abgewandt hatte.

»Und?«, fragte Ruby. »Hast du mit Cyril gesprochen?«

Ashton warf mir einen unsicheren Blick zu. »Ja«, sagte er zögernd.

»Wie geht es ihm?«, bohrte sie weiter.

»Die Bisswunde ist gut verheilt«, erwiderte er.

»Das ist ja schön für ihn«, presste ich hervor.

»Elodie, du solltest froh darüber sein«, ermahnte Ruby mich.

Ich schüttelte unwillig den Kopf. »Die Wunde, die er mir zugefügt hat, könnte man nicht mal nähen.«

»Stimmt«, bestätigte Ruby. »Aber du könntest versuchen zuzulassen, dass sie von selber heilt.«

»Cyril würde es auch wollen«, sagte Ashton leise. »Ich glaube, er wünscht sich nichts mehr als das.«

»Ach, Cyril hat also plötzlich Gefühle!«, blaffte ich.

»Für dich hatte er sie von Anfang an«, sagte Ruby. »Das war ganz offensichtlich. Und das weißt du auch.«

Ich kniff die Augen zusammen. »Ja, egoistische und besitzergreifende Gefühle. Leider habe ich das viel zu spät erkannt.«

Ruby und Ashton sahen sich an und mir wurde auf der Stelle wieder unbehaglich zumute. Einerseits hätte ich die beiden jetzt am liebsten vor die Tür gesetzt. Andererseits wusste ich natürlich nur zu gut, dass das keine Lösung war. Guernsey war äußerst übersichtlich. Es käme einem Kunststück gleich, wollte ich Cyril dauerhaft aus dem Weg gehen. Wenn er es darauf anlegte, würde er mich überall finden.

»Du hast Gordy nicht verloren«, sagte Ruby. »Er hat dir geglaubt und nicht Cyril.«

»Muss ich ihm deshalb gleich verzeihen?«, knurrte ich.

Ruby fasste mich am Arm und zwang mich, ihr in die Augen zu sehen. »Nicht deshalb«, sagte sie sanft. »Sondern schlicht, weil es klug wäre. Tu es für Gordy«, fügte sie eindringlich hinzu. »Und für die anderen Delfinnixe. Wenn du recht hast mit deiner Vermutung und Cyril ebenfalls ein Nix ist, wird er ihnen allen vielleicht helfen können.«

Ich biss mir auf die Unterlippe. Es stimmte, was Ruby sagte, aber noch war ich nicht bereit nachzugeben. Mein tiefstes Inneres sträubte sich mit ganzer Kraft dagegen.

»Er will dir alles erklären«, sagte Ashton, der nahezu reglos hinter Ruby stand und seinen Blick ebenfalls auf mich gerichtet hatte. »Morgen Vormittag am Strand in der Cobo Bay. Ab elf Uhr wird er dort sein und auf dich warten.«

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Obwohl ich mich mit aller Kraft dagegen sträubte, konnte ich an nichts anderes mehr denken als daran, dass Cyril mich sehen wollte. Morgen schon, in weniger als zwanzig Stunden.

Nachdem Ruby und Ashton sich verabschiedet hatten, ging ich in die Küche hinunter und aß mit meiner Großtante zu Abend.

Ich plapperte über alles Mögliche: das Wetter, den grandiosen Auflauf, den sie zubereitet hatte, und darüber, dass ich endlich schwimmen lernen wollte – und dachte dabei ununterbrochen an Cyril. Er besetzte mein Gehirn und ließ keinen anderen Gedanken zu.

»Man könnte beinahe meinen, dass dich jemand aufgezogen hätte«, neckte Tante Grace mich. – Typisch! Ihr entging absolut nichts. Und wie fast immer bekam sie es auch dieses Mal hin, es mit ihrem unschlagbaren Humor zu nehmen.

»Nicht, dass ich wüsste«, sagte ich und schob den Rest des überbackenen Gemüsereises auf meine Gabel. »Rubys und Ashtons Besuch hat mir einfach gutgetan.«

»Nun ja, ich finde, du wirkst ziemlich aufgekratzt.« Tante Grace stellte die Teller zusammen und musterte mich, unauffällig zwar, aber ich bemerkte es trotzdem.

Ich zuckte mit den Schultern. »Das kommt doch aufs Gleiche raus.«

»Nicht zwangsläufig«, erwiderte sie. »Und in diesem Fall ganz bestimmt nicht.«

»Woher willst du das wissen?«, entgegnete ich und musste mir Mühe geben, es nicht allzu patzig klingen zu lassen.

Tante Grace rückte das bunte Tuch zurecht, mit dem sie heute ihre widerspenstige graue Mähne gebändigt hatte, stand von ihrem Stuhl auf und brachte die Teller zur Spüle. »Meine liebe Elodie«, sagte sie und in meinen Ohren hörte sich das fast wie eine Drohung an. »Du bist nun seit fast fünf Wochen hier bei mir, und ich bilde mir ein, dich inzwischen ein bisschen zu kennen.«

Ich erhob mich ebenfalls und griff nach der Schale mit dem restlichen Auflauf.

»Vielleicht wäre es gut, wenn du dir einen Job suchst«, schlug sie vor. »Das würde dich bestimmt ablenken.«

Ich atmete tief ein und überlegte, was ich darauf antworten sollte. Im Grunde war dies kein schlechter Vorschlag, der Zeitpunkt passte nur nicht. Solange ich auf Gordy wartete, würde ich mich garantiert auf keine noch so simple Tätigkeit konzentrieren können.

»Du fragst ja gar nicht, wovon es dich meiner Meinung nach ablenken soll«, setzte Tante Grace augenzwinkernd hinzu. »Traust dich wohl nicht.«

»Von Pas Unfall natürlich«, gab ich zurück, obwohl ich natürlich genau wusste, dass sie Cyril meinte, und war selbst ganz erstaunt darüber, wie leicht mir das über die Lippen kam.

»Natürlich nicht«, widersprach meine Großtante energisch. »Trauer darf man nicht zur Seite drängen, sondern muss sie durchleben. Mit allem, was dazugehört. Nur darum hast du die Schule unterbrochen und bist hierhergekommen … Wenn ich dich erinnern darf …«

Sie hatte ja recht! Der Tod meines Vaters hatte mich geradezu paralysiert. Zu Hause in Lübeck war ich wie in mir selbst gefangen gewesen, unfähig, das Ganze zu begreifen. Doch seitdem ich Gordy kannte, seitdem ich in ihm endlich jemanden gefunden hatte, der mir zuhörte, mit dem ich über alles reden konnte und der mir keine goldenen Tipps, sondern einfach nur das Gefühl gab, dass er mich verstand, kam ich viel besser damit zurecht.

Okay, ganz sicher war ich nicht der Typ, der solche Dinge im Turbogang verarbeitete, aber immerhin, ich machte Fortschritte.

Pas grüner Kapuzenpulli lag nicht mehr im Schrank, sondern unter meinem Kopfkissen. Jede Nacht holte ich ihn hervor und kuschelte mich hinein. Auf diese Weise war mein Vater immer bei mir – manchmal bildete ich mir sogar ein, dass er daheim in Lübeck saß und auf mich wartete.

»Was ist bloß los mit dir?«, hörte ich Tante Grace sagen.

Verwirrt sah ich sie an. Ich stand noch immer vor der Anrichte und hatte die Hände um die Auflaufform gelegt. »Ähm, wieso?«

»Na, du bist völlig in dich versunken und merkst nicht einmal, dass ich mit dir rede«, erwiderte sie und deutete auf die Rolle Alufolie, die sie neben mich auf die Arbeitsfläche gelegt hatte. »Du bist tatsächlich noch nicht darüber hinweg, stimmt’s?«

»Nein«, sagte ich.

Meine Großtante nickte – und schwieg, wofür ich ihr sehr dankbar war. Sie kannte die wahren Zusammenhänge nicht, sondern ging schlicht davon aus, dass ich in Cyril verliebt war, er diese Gefühle aber nicht erwiderte.

»Ich werde ihn trotzdem treffen«, setzte ich hinzu. Und damit war die Sache entschieden.

In dieser Nacht träumte ich wieder von Gordy, und seltsamerweise spürte ich diesmal sofort, dass es nur ein Traum war und keine Realität.

Ich konnte sein Gesicht nicht erkennen, ich sah nur, wie er durchs Wasser glitt. Gordy war schnell. Rasend schnell. Und er wurde verfolgt: von Hunderten silbrigen Leibern, die hinter Riffen hervorschossen oder sich aus der tiefblauen Dunkelheit des Meeres herausschälten und nicht weniger schnell waren als er.

Ich wusste, sie würden ihn kriegen, aber ich lag schlafend in meinem Bett und konnte ihm nicht helfen. Stöhnend warf ich mich hin und her und kämpfte darum, endlich aufzuwachen, doch die Traumbilder ließen mich nicht los.

Und dann merkte ich mit einem Mal, dass etwas über mir war. Ein Schatten! Er packte mich an den Hüften, zerrte mich vom Bett herunter und schleifte mich ins Meer. Ich spürte seine Hände auf meinem Körper und seine Lippen auf meinem Mund. Unbarmherzig strömte eisiges Wasser meinen Rachen hinunter und füllte meine Lungen.

Ich wehrte mich nach Leibeskräften, versuchte, mich aus dem Klammergriff zu befreien – und plötzlich war ich wach.

Ich saß aufrecht im Bett, mein Herz raste, ich keuchte und hustete und mein Shirt und das Bettzeug unter mir fühlten sich klatschnass an.

Im selben Moment – wie die Inszenierung in einem Kitschfilm – brachen die Wolken auf und gaben ein Stück des anthrazitfarbenen Himmels frei. Mitten darin stand der Mond und hüllte das aufbrausende Meer, die bizarren Klippen, das Bett und mich in sein weißes Licht. Ich hatte den Geschmack von Salz auf der Zunge. Aus meinem rechten Mundwinkel floss ein feines Rinnsal und kitzelte mich am Kinn.

Meine Beine brannten wie Hölle, von den Knöcheln bis zu den Hüften hinauf. So heftig war es selten gewesen, und eigentlich hatte ich, so dachte ich jedenfalls, mit diesem Phänomen längst abgeschlossen, aber der Traum hatte meinen Körper offenbar daran erinnert, dass meine Seele noch längst nicht geheilt war.

Die Fensterscheibe vibrierte unter einem Windstoß, der einen kalten Hauch ins Zimmer schickte und durch die Blätter der Kübelpflanzen hinter mir raschelte. Ein Frösteln raste über meine Haut. Zitternd kroch ich aus dem Bett und stellte fest, dass die Schiebetür fast eine Handbreit offen stand. Der Spalt, den ich für den Fall, dass Gordy zurückkam, aufgelassen hatte, war aber nur so schmal gewesen, dass gerade einmal seine Finger hineingepasst hätten.

Es musste also jemand hier im Zimmer gewesen sein!

»Gordy?«, wisperte ich, während ich langsam auf das Fenster zuging. Meine Knie waren wachsweich und mein Herz trommelte in schnellem, hartem Rhythmus gegen mein Brustbein.

Nein, nein, er konnte es gar nicht gewesen sein. Seine Reise in den Atlantik würde mindestens eine Woche dauern, das jedenfalls hatte er gesagt – und deshalb war die schwarze Gestalt, die ich zu meinem Entsetzen in diesem Moment dort unten über die Klippen huschen sah, auch nicht er.

Hastig schloss ich das Fenster, legte den Riegel um und presste meine Stirn gegen die Scheibe, in der Hoffnung, etwas erkennen zu können. Doch in diesem Augenblick schoben sich neue Wolken vor den Mond und eine Sekunde später war die Gestalt verschwunden. – Ins Meer abgetaucht, nachdem sie vor weniger als einer Minute noch hier oben in meinem Zimmer gewesen war und versucht hatte, mich zu ertränken.

Hinter der fest verschlossenen Schiebetür fühlte ich mich zwar einigermaßen sicher, trotzdem war mir sehr schnell klar, dass ich in dieser Nacht keine Sekunde mehr schlafen würde.

Inzwischen hatte ich das nasse Shirt gegen ein trockenes getauscht und auch das Bett neu bezogen, ich brachte es jedoch nicht über mich, mich wieder hineinzulegen, geschweige denn die Augen zu schließen.

Alle zwei Minuten huschte ich zum Fenster und sah auf die Klippen und das Meer hinunter.

Den Gedanken, Ruby anzurufen, hatte ich schnell verworfen. Obwohl ich noch immer am ganzen Körper zitterte und nicht wusste, wie ich gegen meine Angst ankämpfen sollte, fand ich es irgendwie übertrieben, sie mitten in der Nacht zu wecken und ebenfalls in Panik zu versetzen. Außerdem war es schon eine ganze Weile her, seit ich das letzte Mal mit dem Handy telefoniert hatte. Wahrscheinlich war der Akku längst leer. Genau genommen wusste ich nicht einmal mehr, wo ich das verdammte Ding gelassen hatte.

»Wolltest du mich wirklich umbringen?«, murmelte ich, während ich meinen Blick auf die sich brechenden Wellen heftete.

»Unsinn«, hörte ich Sina sagen. »Wenn er es gewollt hätte, hätte er es auch getan.«

Ich spürte so etwas wie Erleichterung, als ich die vertraute Stimme meiner besten Freundin aus Lübeck in meinem Kopf vernahm. Sina war zwar längst nicht in alles eingeweiht, ihren vernunftbetonten Senf gab sie dennoch immer gerne dazu.

»Aber was wollte er dann?«, fragte ich sie. »Mich warnen?«

»Vielleicht.« Sina schien zu überlegen. »Bist du dir überhaupt sicher, dass es ein ER war?«

Nein, es konnte natürlich genauso gut auch eine SIE gewesen sein.

»Ich werde Cyril treffen«, sagte ich. »Ich werde es ihm erzählen. Angeblich will er reinen Tisch machen. Möglicherweise hat er auch hierfür eine Erklärung.«

»Du hast ihm also verziehen?« Unglaube schwang in ihrer Stimme.

»Nein! Natürlich nicht!«

»Warum willst du ihn dann treffen?«

»Hab ich doch gerade gesagt«, erwiderte ich ungeduldig. »Weil er mir alles erklären will.«

»Das könnte auch eine Finte sein«, gab Sina zurück.

»Ach, Quatsch!«

»Also, ich würde ihm nicht vertrauen.«

Ich schnappte mir eine Wolldecke, ließ mich auf das Rattansofa fallen und schloss stöhnend die Augen. »Ich vertraue ihm ja auch nicht. Ich hasse ihn. Außerdem treffe ich ihn am helllichten Tag, wenn jede Menge Leute am Strand sind. Du brauchst dir also gar keine Sorgen zu machen!«

»El, du hast noch nie jemanden gehasst! Das allein ist schon Grund genug, sich Sorgen zu machen«, seufzte sie.

»Ich habe ja auch noch nie jemanden wie Cyril gekannt«, entgegnete ich.

Oder Gordy …

Ich verbannte Sina aus meinem Kopf und begann darüber nachzugrübeln, wie viel mein Traum mit der Realität zu tun hatte. Hatte ich gespürt, dass jemand im Zimmer war, und das mit meinen Traumbildern verwoben? Wieso hatte ich von Anfang an gewusst, dass ich träume, und warum, zum Teufel, bin ich nicht wach geworden, als er sich über mich beugte und mich küsste? – Allein die Vorstellung ließ einen eisigen Schauer über meinen Rücken rieseln.

Es musste ein Nix gewesen sein, so viel war klar. Wer sonst hätte die mehr als zwei Meter große Distanz zum Balkon vor meinem Zimmer überwinden können? Kyan, Zak und Liam, die einzigen Delfinnixe, von denen ich wusste und die noch am Leben waren, schieden allerdings aus. Denn aus dem, was Gordy mir über ihren Verwandlungsrhythmus erzählt hatte, schloss ich, dass es ihnen erst in der Neumondnacht am nächsten Samstag wieder möglich sein würde, an Land zu kommen.

Wenn es aber kein Delfinnix war, musste es ein Hainix gewesen sein – ein Landgänger wie Cyril.

Nein, nein, nein! Ich traute ihm ja wirklich einiges zu, aber so etwas ganz sicher nicht.

Da ich ohnehin nicht schlafen oder meinem Gedankenkarussell entfliehen konnte, schnappte ich mir mein Notebook, warf einen Blick in mein Postfach und wechselte anschließend zu Facebook. Vielleicht gelang es mir ja, meine Anspannung auf diese Weise loszuwerden.

Auf meiner Pinnwand fand ich einen Eintrag von Sina.

spiele mit dem gedanken, dich zu besuchen. was hältst du davon?

»Gar nichts«, murmelte ich.

Bevor ich nach Guernsey aufgebrochen war, hatte mir die Vorstellung nicht besonders behagt, ausgerechnet auf die Menschen, die mir neben Pa am meisten bedeuteten, so lange verzichten zu müssen. Inzwischen hatte sich das vollkommen geändert. Natürlich waren mir Mam und Sina noch immer wichtig, aber mit meinem Leben hier auf der Kanalinsel hatten sie im Grunde nichts zu tun.

»Gar nichts, Sina«, wiederholte ich und hinterließ ihr ebenfalls eine Notiz.

lass uns irgendwann chatten!

Ansonsten war nicht viel los im Netz. Klar, keiner meiner Freunde war um diese Zeit online. Also fuhr ich den Laptop wieder runter, legte mir die Wolldecke über die Schultern und richtete meinen Blick zum Fenster. Es war nach wie vor dunkel draußen und der Himmel noch immer wolkenverhangen, der Wind schien jedoch etwas nachgelassen zu haben.

Obwohl ich wusste, dass es wenig Sinn hatte, mir noch weiter den Kopf darüber zu zerbrechen, wer in meinem Zimmer gewesen sein könnte, kreisten meine Gedanken unaufhörlich nur darum. Der Umstand, dass ich keinen Körper gespürt, keinen Duft wahrgenommen, ja nicht einmal etwas gehört hatte, machte mich rasend. Noch nie hatte ich ein solch lähmendes Gefühl der Ohnmacht empfunden!

Vielleicht wäre es klug gewesen, die Jalousie herunterzulassen. Es hätte mir Schutz gegeben und das Apartment wäre von außen nicht mehr einsehbar gewesen. Aber ich wollte das Meer und die Klippen dort unten im Auge behalten, falls die Gestalt noch einmal auftauchte.

Zögernd ließ ich meinen Blick zum Bett hinüberwandern. Es war meine Insel gewesen, mein sicherer Hafen. Hier hatte ich getrauert, geträumt und stundenlang mit Gordy gelegen und geredet. All das hatte mein nächtlicher Besucher in einem einzigen Handstreich zerstört.

Irgendwann musste ich dann doch weggenickt sein, denn plötzlich war es taghell im Zimmer. Mein Nacken schmerzte, weil ich total verdreht auf dem Sofa lag, außerdem war mein rechtes Bein eingeschlafen. Ich rieb es so lange, bis es zu kribbeln anfing, dann stand ich auf und humpelte ins Bad. Die Tür ließ ich offen, während ich mir eine Anderthalb-Minuten-Dusche genehmigte, mir rasch die Zähne putzte und mich anzog.

Mit Jeans und Sweater bekleidet, tappte ich zum Fenster und blickte eine Weile hinaus. Der Himmel war gleichmäßig grau und es hatte wieder zu schauern angefangen. Der Regen fiel in dünnen senkrechten Schnüren herunter, überzog die Klippen mit einem feuchten Glanz und malte unzählige kleine Pocken auf die Meeresoberfläche.

Ausgerechnet bei diesem Mistwetter wollte Cyril mich treffen! Super! Wahrscheinlich würden wir nun doch mutterseelenallein am Strand sein.

Einen Moment rang ich mit mir, ob ich das Fenster nicht doch ein winziges Stück offen stehen lassen sollte, entschied mich dann aber dagegen. Ich würde nicht lange weg sein und Gordy würde schon nicht ausgerechnet während meiner Abwesenheit zurückkehren. Zumindest hoffte ich das.

Ich schnappte mir mein Regenzeug und lief die Treppe hinunter. In der Küche fand ich eine Schale mit Karamellpudding, der mit frischem Obst garniert war, und eine Nachricht von meiner Großtante.

Guten Morgen, mein Engel,
ich bin beim Zahnarzt und danach muss ich noch bei einer Bekannten in St Martin eine Couchgarnitur ausmessen, die neue Bezüge bekommen soll.
Ich schätze, dass ich mich dort eine Weile aufhalten werde.
Lass dir vom Regen nicht die Laune vermiesen!
Bis später!
Tante Grace


Na toll! Cyrils Sterne standen anscheinend wirklich gut. Denn heute hätte ich mich den Ermahnungen meiner Großtante, mir doch lieber einen sonnigeren Tag für einen Fahrradausflug an den Strand auszusuchen, nur zu gerne gefügt.

Wie ich befürchtet hatte, war die Cobo Bay menschenleer. Die mittlerweile dunkelgrauen Wolken über mir hingen so tief, als wollten sie mit dem ebenso düsteren Meer verschmelzen. Wellen türmten sich auf, klatschten gegen die Klippen und eroberten rauschend und sprudelnd den Strand. Möwen kreischten und flogen hektisch auf und nieder, und ich verfluchte mich für meine Dummheit, Cyrils Ruf gefolgt und tatsächlich hergekommen zu sein.

Ich stellte das Rad an der Bootseinfahrt ab und ließ meinen Blick über den Strand, die Dünenböschung und die Befestigungsmauer gleiten.

»Ich werde ganz sicher nicht ewig auf dich warten«, murmelte ich, während ich langsam über den Strand ging, und war bereits im Begriff, wieder umzukehren, als ich ihn bemerkte.

Cyril musste in einer der ausgewaschenen Steinkuhlen auf dem Felsgrat gehockt haben, der links von mir ins Meer hineinragte, denn plötzlich kam er von dort aus mit hastigen Schritten auf mich zugelaufen.

Bei seinem Anblick zog sich mir der Magen zusammen. Mein Instinkt signalisierte mir ganz klar, dass ich auf der Stelle umkehren und davonrennen sollte, aber ehe meine Muskeln diesen Befehl in Bewegung umsetzen konnten, war Cyril bereits bei mir.

»Entschuldige bitte«, sagte er und berührte mich wie selbstverständlich an der Hand.

Er war klatschnass, denn er trug keine Regensachen, und das Wasser rann in Strömen aus seinem dichten schwarzen Haar und über sein Gesicht in seinen dunkelblauen Sweater.

Ich ließ meinen Arm zurückschnellen und schüttelte verärgert den Kopf. »Was willst du von mir?«

Er quittierte meinen harschen Tonfall mit einem Lächeln.

»Mein Leben an deiner Seite verbringen.«

»Was?«, keuchte ich.

Bei Cyril musste man immer auf alles gefasst sein, aber mit einer solchen Antwort hatte ich nun wahrlich nicht gerechnet.

»Mein Leben an deiner Seite verbringen«, wiederholte er. »Es gibt niemanden, der mir wichtiger ist als du, Elodie«, fügte er leise hinzu. Das Lächeln verschwand, seine Miene war jetzt ernst und sein Blick dunkel und wehmütig. Die Regentropfen, die in seinen Wimpern hingen, taten ihr Übriges – hätte ich mich in diesem Moment geweigert, ihm zuzuhören und mit ihm zu reden, hätte ich mich wie ein Unmensch gefühlt.

»Hallo, Elodie«, hörte ich Sina rufen. »Du hasst ihn! Schon vergessen?«

Ich machte eine unwillige Geste, die sowohl meiner klugen Freundin galt als auch Cyril.

»Hör zu, du weißt ganz genau …«, begann ich, brach dann aber sofort wieder ab. »Hast du mich deshalb herbestellt? Um mir das zu sagen?«

Er zog eine Grimasse. »Du weißt es doch längst«, sagte er und das klang ziemlich frustriert.

»Gar nichts weiß ich, Cyril. Gar nichts«, blaffte ich. »Du bist ein einziges riesengroßes Geheimnis für mich.«

Er wandte den Blick ab und nickte. Um seine Mundwinkel zuckte es. »Gordian ist es wohl nicht, was?«

»Nein.« Ich sog geräuschvoll Luft in meine Lungen. »Bei ihm weiß ich, woran ich bin.«

Cyril verdrehte die Augen, dann schüttelte er den Kopf. »Elodie, das denkst du doch nur. In Wahrheit weißt du gar nichts über ihn. Du hast nicht die geringste Ahnung, wie gefährlich er ist und was es für die Menschen, die hier leben, bedeutet, dass er an Land gekommen ist.«

Ich spürte einen feinen Stich in meinem Herzen. »Und für dich?«, fragte ich. »Was bedeutet es für dich?«

Cyril schwieg.

»Es bedeutet, dass du dein Leben nicht an meiner Seite verbringen kannst«, antwortete ich an seiner Stelle. »Weil dieser Platz nämlich bereits besetzt ist.«

»Das ist nicht ganz richtig«, widersprach er. »Der Platz, den ich ausfüllen könnte, ist noch nicht besetzt.«

»Verdammt noch mal, Cyril, was soll das?«, fuhr ich ihn an. »Glaubst du, ich finde es witzig, wenn du ständig in Rätseln sprichst? Wie soll ich dir jemals wieder vertrauen, wenn …«

»Es geht nicht um das Wie«, unterbrach er mich, »sondern um das Ob. Und ich sage dir, du kannst mir vertrauen, Elodie. Ich mag dich nämlich viel zu sehr, als dass ich dir jemals wirklich wehtun könnte.«

Seine Worte machten mich sprachlos, dann kochte Wut in mir hoch. »Arschloch!«

»Das hat Ashton auch gesagt.« Cyril wagte ein Zwinkern, aber mir war weiß Gott nicht nach Scherzen zumute.

Ashton gebrauchte dieses Wort ständig. Es war ein Symptom seines Tourette-Syndroms und rutschte ihm einfach heraus, egal, ob die Gelegenheit passte oder nicht.

»Ich bin sicher, in diesem Fall hat er es auch genau so gemeint «, knurrte ich.

Cyril seufzte. »Mir ist schon klar, wie ihr über mich denkt.«

»Kein Kunststück.« Ich bedachte ihn mit einem abfälligen Blick. »Du pflegst dein Image. Wie es aussieht, sogar mit ganz besonderer Hingabe.«

Er warf mir einen langen abschätzenden Blick zu. Schließlich begann er, auf und ab zu laufen. Sah mich an. Sah wieder weg.

»Elodie …«

»Ja, verdammt! Was soll ich dir sagen? Du hast mir wehgetan«, fing ich an, mich in Rage zu reden. »Zwar konntest du mir Gordy nicht wegnehmen, aber du hast mich wahnsinnig enttäuscht. Ich war nämlich felsenfest davon überzeugt, dass ich mich auf dich verlassen kann … Trotz allem.«

»Das kannst du auch. Immer noch.«

Ich warf meinen Kopf in den Nacken, schloss die Augen und atmete tief ein und wieder aus. »Dann sag mir bitte endlich, wer du bist!«

»Cyril.«

Ich sah ihn an. »Und weiter?«

Ein Schatten glitt über seine Augen. Sein ganzes Gesicht glich einer offenen Wunde. Ich musste mich zwingen, ihn weiter anzuschauen und trotzdem Distanz zu wahren.

»Nichts weiter«, sagte er kaum hörbar.

»Okay.« Mein Herzschlag beschleunigte sich, und ich spürte, dass meine Handflächen feucht wurden. »Und … und was bist du? Ein Mensch?«

Cyril schluckte. Dann schüttelte er den Kopf.

»Hab ich es doch gewusst!«, stieß ich hervor.

Er erwiderte nichts, sondern stand einfach nur da und hielt meinen Blick gefangen.

»Aber du bist nicht gefährlich, oder was?«, blaffte ich.

»Ich habe noch nie jemandem etwas zuleide getan«, sagte er ruhig. »Im Gegenteil. Eigentlich war ich immer sehr hilfsbereit. « Er zuckte mit den Schultern. »Zumindest für meine Verhältnisse.«

»Du bist ein Hai. Hab ich recht?«

»Nix. Jep.« Er nickte.

»Und Haie sind …«, wollte ich fortfahren, aber nun unterbrach er mich ziemlich ungehalten.

»Was? … Tiere? Fische?«

Fische, ja. Keine Säuger, dachte ich. Jäger. Mörder.

Cyril sah mich fest an. »Nein, Elodie, nein.«

»Kannst du meine Gedanken lesen?«, keuchte ich.

Wieder nickte er. »Ja. Wenn ich will.«

»Gibt es denn überhaupt Momente, in denen du nicht willst?«

Seine Züge wurden weich. »Jede Menge.«

Ich drehte mich um und starrte aufs Meer hinaus, das noch immer tosend ans Ufer rauschte. Ich brauchte ein paar Sekunden für mich, einen Augenblick, um all das zu verdauen. Obwohl ich es geahnt hatte, irgendwie. Und zwar ALLES.

»Du liest nicht nur Gedanken, du beeinflusst sie auch«, sagte ich schließlich.

»Nicht die Gedanken«, entgegnete Cyril. »Die Gefühle.«

Mein Puls überschlug sich nun fast. »Du könntest mich also in dich verliebt machen?«

Ein paar Sekunden lang herrschte Stille, dann hörte ich plötzlich seinen Atem. Er musste ganz dicht hinter mich getreten sein. »Das weiß ich nicht, Elodie«, wisperte er an meinem Ohr und ein Gänsehautschauer richtete die Härchen in meinem Nacken auf.

»Aber du würdest es versuchen?«

Seine Antwort kam unerwartet prompt. »Nein.«

Ich konnte es kaum glauben. »Du nimmst es also hin, dass ich Gordy liebe?«, stieß ich fassungslos hervor.

»Ja, aber ich werde nicht dulden, dass du mit ihm zusammen bist.«

Cyril legte mir seine Hände auf die Schultern. »Und zwar einzig und allein, um dich zu schützen.«

Alles in mir sträubte sich gegen diese Berührung. Cyrils Worte mochten ehrlich sein, vor allem aber waren sie anmaßend. Was gab ihm das Recht, sich in mein Leben einzumischen? Und warum fühlte ausgerechnet er sich dazu berufen, mich zu beschützen? Ich hatte ihn nicht darum gebeten, und ich wollte, dass er aufhörte, meine Angelegenheiten zu regeln!

Unwillig spannte ich meine Schultern an, da spürte ich die Wärme, die von seinen Händen ausging. Sie wanderte meine Wirbelsäule entlang und verteilte sich in meinem ganzen Körper. Den Regen, den mir der Wind ins Gesicht blies, nahm ich kaum noch wahr. Am liebsten hätte ich mich zurückgelehnt und gegen Cyrils Brust sinken lassen. Es kostete mich eine ungeheure Willensanstrengung, es nicht zu tun.

»Gordy kann das auch«, sagte ich leise wie zu mir selbst, während ich dastand wie ein Stock, unfähig, mich zu rühren.

»Was?«

»Gefühle beeinflussen.«

»Das habe ich befürchtet.« Cyril seufzte. »Diese Fähigkeit scheint unter allen Nixarten verbreitet zu sein.«

»Er würde mir aber niemals etwas antun«, erklärte ich mit fester Stimme.

»Schon möglich, Elodie«, erwiderte Cyril. »Aber er ist ein Delfin. Der perfekte Schauspieler also. Hainixe können sich nicht verstellen. Sie sind, wie sie sind. Delfinnixe dagegen haben zwei Gesichter.«

»Alle?«

»Alle.«

»Aber du kennst sie doch gar nicht richtig«, hielt ich dagegen. »Wenn du nicht einmal wusstest, dass sie Gefühle beeinflussen können.«

»Keine Sorge, Elodie, ich kenne sie gut genug, um ihren Charakter beurteilen zu können«, sagte Cyril und sein Griff um meine Schultern wurde fester. »Schließlich leben wir in denselben Ozeanen. Allerdings gehen wir einander möglichst aus dem Weg.«

»Ihr seid also verfeindet?«

»So würde ich das nicht nennen.« Ich hörte, wie Cyril scharf Luft einsog. »Wir leben nebeneinander, der eine nimmt dem anderen nichts weg. Mag sein, dass die Delfinnixe uns darum beneiden, dass wir im Wasser und an Land leben können …«

»Tja, und nun sind sie auch an Land gekommen«, murmelte ich.

»Eben«, sagte Cyril. »Und ich habe …« Er brach kurz ab und fuhr dann fort: »Keiner von uns hat auch nur den Funken einer Ahnung, wie das möglich war und aus welchem Grund es geschehen ist, ausgerechnet jetzt, zu diesem Zeitpunkt …«

Unheil bringst du. Großes Unheil über die Inseln. Tod und Schrecken …

Die Worte, die Cecily Windom ausgespien hatte, als ich ihr das erste Mal begegnet war, hatten sich regelrecht in mein Gehirn eingemeißelt.

»… zu dem ich hier auf Guernsey aufgetaucht bin«, vervollständigte ich flüsternd Cyrils Worte.

»Darauf darfst du nichts geben«, sagte er. Offensichtlich hatte er wieder einmal in meinen Gedanken gestöbert. »Das ist nichts weiter als ein dummer Zufall. Silly spürt lediglich, dass ein Unheil geschieht, sie sieht aber keine Zusammenhänge.«

Genau das hatte er vor Wochen, als es passierte, auch schon gesagt. Ebenso Tante Grace. Am nächsten Tag war Laurens Leiche gefunden worden und ich hatte mich sofort schuldig gefühlt. Natürlich gab es keinen logischen Zusammenhang zwischen meiner Ankunft auf Guernsey und Laurens Tod auf Sark, an einen bloßen Zufall mochte ich trotzdem nicht glauben. Mit Cyril wollte ich darüber aber nicht reden, also schob ich diese Gedanken beiseite und fragte: »Wie viele von euch leben überhaupt hier auf den Kanalinseln?«

Er zuckte die Achseln. »Einige wenige.«

»Und? Kenne ich sie?«

Ich rechnete mit einem klaren Nein, insofern haute es mich schier um, als er sagte: »Ja, sicher. Nicht alle, aber …«

Ich wirbelte herum und fand mich prompt in seinen Armen wieder, denn dummerweise hatte ich für eine Sekunde vergessen, dass er direkt hinter mir stand.

Cyril lächelte. Behutsam ließ er seine Hände an meinem Rücken hinuntergleiten.

»Lass mich los!«, zischte ich.

»Oh, und ich dachte …« Er stockte und eine Spur Enttäuschung huschte über sein Gesicht, dann nahm er seine Hände zur Seite und trat einen Schritt zurück. »Entschuldige bitte.«

Ich hielt es für besser, nicht weiter darauf einzugehen, und rief mir stattdessen alle Personen ins Gedächtnis, die ich bisher hier auf Guernsey kennengelernt hatte.

»Wer? Meine Tante?«

Cyril schüttelte den Kopf. »Nein.«

Ich atmete auf.

»Wer dann?«

»Wir verraten einander nicht«, erwiderte er. »Aber ich bin sicher, du wirst es herausfinden.«

»Javen Spinx«, sagte ich und achtete auf jede noch so kleine Regung in seiner Mimik, doch Cyril ließ sich nichts anmerken, sondern zuckte nur mit den Schultern. »Wie gesagt, wir verraten einander nicht.«

»Das ist auch eine Antwort.«

Meines Erachtens kam außer Javen Spinx ohnehin kaum jemand anders infrage. Jedenfalls konnte ich mir nicht vorstellen, dass einer aus der Clique ein Hainix war. Keiner von ihnen ähnelte Cyril auch nur im Geringsten. Die Jungs nicht und die Mädchen waren ja ohnehin ausnahmslos den Delfinen verfallen … Alle außer Ruby natürlich.

Für einen Moment setzte mein Herzschlag aus, doch in der nächsten Sekunde hatte ich den Gedanken schon wieder verworfen. Nein, das konnte unmöglich sein. Ruby war ein ganz normales Mädchen.

Allerdings ließ der Umstand, dass Cyril nicht der einzige Hainix auf dieser Insel war, die Ereignisse der vergangenen Nacht in einem völlig neuen Licht erscheinen.

»Jemand ist in meinem Zimmer gewesen«, hörte ich mich sagen.

»Was?«, hauchte Cyril. »Wann?«

»Heute Nacht, als ich schlief«, sagte ich. »Wahrscheinlich war es einer deiner Hai-Kumpel, die du nicht verraten willst«, setzte ich provozierend hinzu.

»Unsinn«, wiegelte er sofort ab. »Das ist völlig ausgeschlossen. «

»Wieso?«

Cyril stöhnte leise. »Weil es nun mal so ist«, erwiderte er. »Es muss ein Delfin …«

Ich ließ ihn nicht ausreden. »Okay, Tatsache ist: Ich habe ihn nicht erkannt. Er kam in meinen Traum. Er hat mich geküsst …«

Cyril runzelte die Stirn. »Im Traum?«

»Nein, das hat er tatsächlich getan.« Bei der Erinnerung daran sträubten sich mir die Nackenhaare. »Ich glaube, er wollte mich ertränken.« Ich geriet ins Stocken. »Jedenfalls war das ganze Bettzeug nass, als ich aufwachte.«

Um Cyrils Mundwinkel zuckte es. Er hob den Blick über mich hinweg und fixierte einen Punkt irgendwo in der Ferne. »Es könnte auch eine Warnung gewesen sein«, murmelte er.

Ich wollte etwas entgegnen, ihn fragen, wie er das meinte, aber da war er bereits von seiner gedanklichen Reise zurückgekehrt und sah mir nun fest in die Augen. »Du darfst Gordian nicht wiedertreffen«, presste er eindringlich hervor. »Ich flehe dich an, versuch, ihn zu vergessen, Elodie. Bitte!«

Ich starrte ihn an und wunderte mich darüber, dass er schon wieder so dicht bei mir stand.

»Das kann ich nicht, Cyril«, fing ich an zu stammeln. »Ich …«

Weiter kam ich nicht. Cyrils Hände hatten sich um meinen Nacken gelegt. Sein Daumen strich mir sanft über die Wange, das Kinn und die Unterlippe, und sein dunkler Blick drang so tief in mich ein, dass ich ihn in meinem Herzen zu spüren glaubte.

»Verzeih mir«, flüsterte er. »Bitte verzeih mir.« Und dann küsste er mich.

Seine Lippen waren fest und fordernd, seine Zunge tastete voller Verzweiflung nach meiner. Und ich? – Ich ließ es nicht nur geschehen, ich erwiderte diesen Kuss sogar. Ich tat es, obwohl ich wusste, dass es ein Fehler war. Genauso wie daheim auf meiner Abschiedsparty in Lübeck gingen auch jetzt meine Sinne mit mir durch, und ich schaffte es einfach nicht, sie unter Kontrolle zu bringen.

Cyril ließ seine Wärme unaufhaltsam in mich einströmen und Bilder von unserem ersten Zusammentreffen am Strand, unserem gemeinsamen Abend in St Peter Port und der Überfahrt nach Sark zogen an mir vorbei – und viel zu spät wurde mir klar, dass an diesem Kuss wirklich alles falsch war.