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»Immer, wenn du Halva isst, dann sollst du an mich denken. An mich und daran, wer du bist und wo du herkommst. Du darfst das nie vergessen, vor allen Dingen, weil du von morgen an überall eine Fremde sein wirst. Wenn du Halva isst, dann denk an Teheran.«

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Die Vorhalle der Uni schwirrte vor Stimmen, und überall drängten sich die Studienanfänger mit ihren Zulassungspapieren und auch einige Studenten, die volle Taschen mit Ordnern oder Büchern mit sich herumschleppten. Gewohnheitsmäßig suchte Kai die Menge nach bekannten Gesichtern ab – Augsburg war ein Dorf und viele seiner Mitschüler aus dem Peutinger Gymnasium hatten zum Studium in der Stadt bleiben wollen, aber er erkannte niemanden.

Also, auf in den Kampf, entschied er. Über den Köpfen der Studenten hingen verschiedene Schilder. AudiMax, las er auf einem, Philosophikum auf einem zweiten, Mensa auf einem anderen, und schließlich fand er das, was er suchte: Sekretariat.

»Bingo«, murmelte er und presste die Klarsichtfolie mit seinen Papieren fest an seine Brust, als er versuchte, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen. In diesem Moment prallte jemand gegen ihn und ein Mädchen fuhr ihn an: »Autsch. Pass doch auf.«

»Entschuldigung«, sagte Kai und wurde rot, noch ehe er ihr ins Gesicht gesehen hatte. Dann aber traf sein Blick ihre hellgrauen Augen und ihm wurde richtig heiß. Oh Mann, wie konnte man nur so hübsch sein? Das Mädchen schien nichts von seiner Verwirrung zu bemerken, sondern bückte sich nach den Papieren, die ihr aus der Hand geglitten waren. Dabei fielen ihr die langen blonden Haare bis weit über die Schultern.

»Kann ich dir helfen?«, stotterte Kai und bückte sich ebenfalls. Dabei berührte er aus Versehen einen ihrer Finger. Schnell zog er die Hand zurück, als hätte er sich verbrannt.

»Geht schon. Viel war es ja nicht.« Unter ihrer Jacke trug sie eine Bluse, an der die oberen Knöpfe offen standen, und als sie sich noch einmal bückte, sah er die helle Spitze zarter Wäsche aus dem Ausschnitt lugen. Darüber war ihre Haut braun gebrannt, und Kai betrachtete kurz die unzähligen Sommersprossen, die sich über ihr gesamtes Dekolleté zogen. Konnte ihm noch heißer werden? Anscheinend ja.

»Hast du alles?«, fragte er verlegen. »Noch mal Entschuldigung. «

Sie standen nun einander gegenüber.

»Ja, ich glaube schon«, sagte sie und lächelte ihn an, sodass ihre vollkommenen Zähne blitzten. Kai wurde schwindelig – so jemanden wie sie hatte er noch nie gesehen. Er steckte seine zitternden Hände in die Manteltaschen und nickte ihr, wie er glaubte, gelassen zu.

»Ich heiße Kai. Erstsemester, vielleicht kann das meine Tollpatschigkeit etwas entschuldigen.«

»Vielleicht. Muss aber nicht«, antwortete sie. »Ich heiße Selina. Ebenfalls Erstsemester. Jura?«

Kai nickte. »Ja, ich auch. Warst du schon im Sekretariat?«

»Das habe ich gerade hinter mir. Da ist eine ewige Schlange. Gott sei Dank habe ich bequeme Schuhe an.«

Er sah auf ihre Füße, die in dunkelroten Pumps mit mindestens sieben Zentimeter hohen Absätzen steckten. Genau solche trug Daisy Duck, wenn sich Donald und Gustav Gans gleichzeitig um ihre Gunst bemühten. Das nannte sie bequeme Schuhe?

Er verkniff sich ein Lächeln und zwang sich, wieder an das Sekretariat und die Immatrikulation zu denken.

Selina sah auf ihre Uhr und sagte: »Ich denke, ich gehe jetzt erst mal Kaffee trinken. Man sieht sich irgendwann. Die Welt ist ja klein an der Uni Augsburg.« Sie öffnete ihre brandneu aussehende Louis-Vuitton-Tasche, verstaute ihre Papiere darin, tupfte sich mit spitzem Zeigefinger etwas farbloses Gloss auf die vollen Lippen und lächelte Kai beim Fortgehen unverbindlich an.

»Ja, man sieht sich. Irgendwann.« Kai drehte sich ebenfalls um, musste aber einfach noch mal einen Blick zurückwerfen. Selina ging in ihrer eng anliegenden Jeans davon und ihre Hüften schwangen dabei verführerisch hin und her. Kai seufzte und wollte sich gerade wieder zum Gehen wenden, da bemerkte er an einer Wand das Poster, auf dem in großen Buchstaben »Erstsemesterparty – alle müssen kommen, alles muss weg!« angekündigt wurde. Ohne weiter nachzudenken, rief er: »Selina?«

»Ja?« Sie drehte sich überrascht um, ihr iPhone bereits in der Hand. Wollte sie all ihren Freundinnen mitteilen, dass sie gerade vom Mann ihres Lebens oder von einem absoluten Volltrottel umgerannt worden war?

Kai verjagte den Gedanken und sagte: »Gehst du auf die Erstsemesterparty?«

»Welche Erstsemesterparty?«

Er zeigte auf das Plakat. »Ich habe es auch gerade erst gesehen. Da, schau. Freitag in einer Woche. Sieht gut aus, was?«

»Hm.« Selina kam ein paar Schritte zurück, musterte das Poster und kniff gekonnt die Augen zusammen, was auf süße Weise kurzsichtig wirkte. »Vielleicht, vielleicht auch nicht.«

»Und wovon hängt das ab?«

»Du bist echt neugierig. Möglicherweise bin ich an dem Freitag nicht da.«

»Was hast du denn vor?«, entfuhr es Kai. Oh Mann, mehr nach Jimmy Kontrolletti konnte er kaum klingen. Das war ja schon keine Neugierde mehr, sondern pathologisches Stalking!

Selina runzelte leicht die Stirn. »Ich fahre wahrscheinlich mit meiner Mutter nach Rom«, sagte sie schließlich. »Aber jetzt muss ich wirklich gehen.« Sie drehte sich wieder um und ging zu einer Gruppe von Mädchen hinüber, die an der Eingangstür warteten. Sie begrüßten sich mit Jubeln, Umarmungen und Küsschen, was ihnen die maximale Aufmerksamkeit ihrer Umgebung garantierte, ehe sie gemeinsam in Richtung Mensa abzogen.

Hm. Also blieb ihm nun nichts anderes übrig, als sich zu immatrikulieren, entschied Kai. Danach aber stand erst einmal Selina wiedersehen auf dem Stundenplan. Vielleicht fuhr sie dann ja bald schon mit ihm nach Rom. Grinsend schlenderte Kai in Richtung Sekretariat.

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»Name?« Die Frau in der Anmeldung des Studierendensekretariats sah nicht auf, als der junge Mann, der nach Kai an der Reihe war, sich hinsetzte. Sie hatte sicher schon einen langen Morgen hinter sich, denn aus ihrem Dutt hatten sich einige graue Haarsträhnen gelöst und der knallrote Lippenstift war an den Mundwinkeln der schmalen Lippen eingetrocknet.

Mit zusammengekniffenen Augen blickte sie auf den Computerbildschirm.

Kai hörte mit halbem Ohr zu, während er seine Unterlagen zurück in die Klarsichthülle schob.

»Mansouri«, erwiderte der junge Mann auf dem Stuhl leise und höflich.

Was war das für ein Name? Kai sah den Studenten an. Ihm fielen seine sehr dichten schwarzen Haare auf, die ihm fast bis zum Kinn reichten.

»Was?«, fragte die Sekretärin genervt.

Kai wollte schon gehen, zögerte dann aber und hörte dem Gespräch weiter zu.

»Mansouri«, wiederholte der junge Mann ebenso leise und höflich wie zuvor.

Sie blickte kurz auf und wirkte jetzt noch genervter. »Wie schreibt man denn das?«

»Wie man es spricht. M-A-N-S-O-U-R-I.«

Sie presste die Lippen zusammen und tippte den Namen in den Computer ein. »Und wie ist der Vorname?«

»Mudi.«

»Was? Und wie schreibt man das?«

Er buchstabierte den Namen. »Es ist eine Kurzform von Muhammad.«

Doch statt seinen Namen einzugeben, sah die Sekretärin ihn nun zum ersten Mal direkt an und fragte scharf: »Wie ist denn Ihre Staatsbürgerschaft? Haben Sie überhaupt ein Visum? Und einen Zulassungsbescheid? Verstehen Sie mich? Einen Zu-las-sungs-be-scheid.« Sie lehnte sich über den Schreibtisch nach vorn und klopfte mit dem Finger mahnend auf eines der rosafarbenen Zulassungsdokumente.

Mudi hielt eben dieses offen und für alle sichtbar in seinen Händen, faltete es aber nun unsicher zusammen. Er rutschte auf seinem Stuhl hin und her. Kai stand ungläubig der Mund offen. Das gab es doch nicht, was fiel der Tante ein?

»Was schreibt sich auf jeden Fall Wie bitte«, entfuhr es ihm und die Frau sah ihn mit giftigem Blick an. Aber er sprach schon weiter. »Dass er seinen Zulassungsbescheid hat, sehen Sie doch. Also: Er heißt Mudi Mansouri. Klingt eigentlich einfach genug, oder? Ich buchstabiere es Ihnen gerne noch mal, denn ich hab's gleich kapiert. Kann schließlich nicht jeder auf der Welt Müller, Meier oder Schmidt heißen. Wie langweilig wäre denn das?«

Die Sekretärin fuhr auf. »Also, das ist ja wohl das Allerletzte! Ich habe jetzt die Nase voll! Wissen Sie, wie viele Was-weiß-ich-wie-die-alle-heißen ich heute schon hier eingeschrieben habe? Und immer zu uns kommen und die Hand aufhalten! Die sind alle vom Stamme Nimm und unsereins geht dann leer aus. Wer weiß, ob ich noch Pension bekomme bei all den Immigranten, die auch noch alle zehn Kinder haben! Wissen Sie, wie lange mein Sohn schon Arbeit sucht? Aber sogar bei der Müllabfuhr nehmen sie lieber solche wie den da!« Sie zeigte auf Mudi, der blass und wie festgefroren auf seinem Stuhl saß. »Und wissen Sie auch …«, kreischte sie mit erhobenem Zeigefinger weiter, als Kai sie unterbrach, indem er ihr lachend sein iPhone entgegenhielt.

»Und wissen Sie auch, dass ich Sie gerade gefilmt habe?« Er ließ die Szene wieder abspielen und sowohl Ton- als auch Bildqualität waren erstklassig. Sicher hatte Steven Spielberg auch nicht anders angefangen! Im Sekretariat war es um sie herum still geworden. »Einfach großartig. Es wird den Rektor sicher interessieren, wie weltoffen und international sein Personal eingestellt ist. Fehlt nur noch Ihr Name, Frau … Wie war der gleich?« Er beugte sich vor, wie um ihr Namensschild zu entziffern.

»Also, das ist doch …« Sie hakte sich schnell das kleine Schildchen ab, riss Mudi seinen Zulassungsbescheid aus der Hand und begann, wütend zu tippen. Fünf Minuten später war auch Mudi voll immatrikulierter Student der Universität Augsburg.

Kai und Mudi traten grinsend den Rückzug an, während sich die Sekretärin an den Wasserspender stellte und ein Glas nach dem anderen hinunterstürzte. Eine Kollegin nahm derweil ihren Platz ein.

»Danke«, sagte Mudi, als sie in der Aula standen. Dann sah er vorsichtig zu dem Handy, das Kai noch immer in der Hand hielt. Es war ein brandneues iPhone in einer schlichten, eleganten Hülle, das sein Vater ihm im September zum Geburtstag geschenkt hatte. »Aber …«

»Was aber?«, fragte Kai, der Mudis Gesichtsausdruck nicht deuten konnte. Gab es hier ein Problem?

»Willst du den Film wirklich dem Rektor zeigen und sie denunzieren?«

Denunzieren, dachte Kai erstaunt. War das nicht ein etwas großes Wort für seinen kleinen Film und seine Drohung, ihn dem Rektor zu zeigen? Was ist denn schlimmer: jemanden zu denunzieren oder jemanden zu schikanieren? Doch er zuckte die Achseln und schüttelte dann den Kopf.

Mudi schien erleichtert, ohne dass Kai genau begriff, weshalb. »Aber ihr Blick war wirklich zum Schreien, als sie den Film gesehen hat«, sagte er. »Wenn es mit ihrer Karriere an der Uni nicht klappt, dann kann sie immer noch nach Hollywood. Und du auch.«

Mudi sprach zwar perfekt Deutsch, aber Kai hörte einen leichten Akzent, den er nicht einordnen konnte.

»Na, die Bavaria Filmstudios tun es auch. Vielleicht brauchen sie jemanden, der Schulkinder herumführt oder sich als Vampir verkleidet. Das kann ich dann machen«, erwiderte Kai und war überrascht, als Mudi ihm ziemlich förmlich seine schmale Hand entgegenstreckte.

»Ich heiße übrigens Mudi. Mudi Mansouri.«

Kai drückte etwas ungeschickt Mudis Hand und bemerkte gleichzeitig dessen sorgfältig gebügeltes Hemd und seine Chinohose, deren Saum auf blank polierte Schuhe fiel. Mudi war gekleidet, als sei die Immatrikulation ein Fest, während Kai sich plötzlich in seinem abgewetzten Mantel wie etwas fühlte, das die Katze vom Feld ins Haus gebracht hatte.

»Kai Blessing. Passiert dir so was wie hier oft?«

»Ja und nein. Die Menschen wissen eben einfach nicht, wo sie mich einordnen sollen. Für die meisten bin ich Türke oder Albaner oder Araber.«

»Und stört dich das?« Eine dieser Nationalitäten war es also nicht.

Mudi überlegte. »Nein. Anderssein erregt Unverständnis und Unverständnis erzeugt Vorurteile. Mir ist egal, was die Leute denken, wo ich herkomme. Wenn es mich stören würde, dann wäre ich ja nicht besser als sie. Niemand ist mehr wert als der andere, ob Türke, Albaner, Araber oder eben …«

Seine Stimme verlor sich und Kai half ihm weiter: »Wo kommst du her?«

»Aus Augsburg natürlich.« Mudi hielt seine Papiere so, dass sein Abiturzeugnis zuoberst lag. Kai sah, dass Mudi in diesem Jahr am traditionelleren Anna Gymnasium sein Abitur gemacht hatte. Dann blieb sein Blick an Mudis Notendurchschnitt hängen, der mit glatten Einsen in fast allen Fächern viel besser als sein eigener war. Trotzdem kamen ihm die Worte »Streber« oder »Angeber« nicht in den Sinn, denn Mudi strahlte eine Ruhe und Gelassenheit aus, die Kai irgendwie imponierte.

»Nein, natürlich. Ich meine … ursprünglich.«

Mudis Augen glitzerten. »Was denkst du? Kannst du es erraten?«

Kai musterte ihn. Was sollte das Ratespiel? Aber etwas an Mudis Gesichtsausdruck, seiner feinen olivfarbenen Haut und den hellen grünen Augen unter den für einen Mann sehr langen Wimpern faszinierte ihn. Es ließ ihn an Rudyard Kiplings »Kim« denken. Vor einigen Jahren hatte er angefangen, sich mehr für Geschichte zu interessieren, und hatte die fantastischen Welten von »Harry Potter« und »Herr der Ringe« hinter sich gelassen. Seitdem hing auch eine große Weltkarte in seinem Zimmer. Der Gegensatz zwischen dem zersplitterten und so klein aussehenden Europa und der immensen, lockenden Weite Zentralasiens hatte ihn gefesselt. Eines Tages wollte er mit der Transsib fahren und sein eigenes Roadmovie erleben, entschied er damals mit zwölf. Eines Tages.

Mudi erinnerte ihn an die Seidenstraße und an Tausendundeine Nacht und so riet Kai ins Blaue hinein: »Ich weiß es nicht. Aus dem Irak vielleicht? Oder Afghanistan?«

Mudi lächelte plötzlich, und Kai merkte jetzt erst, dass er angespannt gewesen war.

»Fast. Gut geraten. Ich komme aus dem Iran«, sagte Mudi.

»Du bist Perser?«, fragte Kai.

»Hm … aber ich habe es lieber, wenn man Iraner sagt. Iran ist das modernere Wort für unser Land.«

»Sorry. Das wusste ich nicht. Ich glaube, ich habe noch nie jemanden aus dem Iran kennengelernt. Ist das nicht ganz schön … ganz schön …«

»Ganz schön – was?«, fragte Mudi beinahe lauernd. Er machte es Kai wirklich nicht leicht.

»Ganz schön schwierig dort?«, beendete Kai seinen Satz. Er hörte selbst, wie schwach das klang. Iran: Was wusste er über das Land? Er dachte rasch nach, denn Mudi sah ihn noch immer prüfend an. Schließlich hatte er im Economist und in der ZEIT, die sein Vater abonnierte hatte, einiges über das uralte Land gelesen. Kai schluckte. Schwierig. Wie blöd das klang, wenn es um Atombomben, Verbot der Redefreiheit, Folter und abgeschlachtete Demonstranten ging. Er wollte im Erdboden versinken, so doof fühlte er sich.

Mudi atmete langsam und hörbar durch die Nase aus. Als er sprach, klang seine Stimme geduldig, als hätte er es statt mit Kai mit einem Kind zu tun. »Genau. Schwierig. So ist das dort. Aber Gott sei Dank konnte meine Familie das Land verlassen.«

»Aha … Kann man denn einfach so ausreisen?«

»Nein. Meine Eltern hatten Verbindungen, sagen sie immer. Sonst kannst du das so gut wie vergessen. Aber wir hatten es hier am Anfang verdammt schwer. Bis meine Eltern Deutsch gelernt hatten, eine Wohnung für uns frei wurde und sie ein Darlehen für ihr Café bekommen haben, lebten wir in einem Auffanglager. Hunderte von Betten, die nur durch Vorhänge getrennt waren. Ich bin echt stolz auf meine Eltern und auf das, was sie für uns auf sich genommen haben.«

»Für uns?«

»Ich habe noch eine Schwester. Aber hauptsächlich ging es meinen Eltern bei der Ausreise wohl um mich, ohne machohaft klingen zu wollen. Mein Großvater war unter dem Schah Reza Pahlewi einer der höchsten Richter im Land. Deshalb will ich auch Jura studieren und werden wie er. Ich will wirklich Recht sprechen, statt mich mit der Scharia abzugeben. Und darum werde ich in seine Fußstapfen treten, das weiß ich. Dann haben sich wenigstens alle ihre Mühen gelohnt. Im Iran hätte ich keine Chance gehabt. Nenn mir ein Problem, irgendeines, wir haben es dort bestimmt! Arbeitslosigkeit, Luftverschmutzung, Krankheiten, Seuchen, Naturkatastrophen, Drogenmissbrauch, Prostitution, eine der höchsten Selbstmordraten der Welt unter Jugendlichen, galoppierende Inflation und, und, und.«

Kai nickte stumm, denn sowohl Mudis Ernsthaftigkeit als auch die Selbstverständlichkeit, mit der er seinen Weg voraussah, beeindruckten ihn. Hier hatte jemand ein Ziel und wollte später wichtige Entscheidungen treffen. Mehr, als nur nächsten Samstag ins Kino zu gehen und sich zu fragen, welchen Film man sehen wollte. Mudi war nicht nur ernst, es war ihm ernst. Das war der große Unterschied zwischen ihm und anderen.

Kai sah auf seine Uhr. Es war beinahe Mittag geworden. Mist, Selina war wohl schon lange weg. Aber er hätte Mudi ja auch nicht einfach stehen lassen können. Und er hätte es auch gar nicht gewollt, gestand er sich ein.

»Was machst du jetzt, Mudi? Ich gehe in die Mensa. Willst du mitkommen?«

Mudi schüttelte den Kopf. »Ich würde gerne, aber meine Schwester wartet zu Hause mit dem Essen auf mich.«

»Deine Schwester wartet mit dem Essen auf dich?«, wiederholte Kai erstaunt. So was hatte er als Antwort nicht erwartet.

»Ja. Unsere Eltern arbeiten beide, und da hat sie gestern Abend schon groß gekocht, damit wir heute alle zusammen ein Fest feiern können – jetzt, wo ich ganz offiziell Jurastudent bin. Das kann ich auf keinen Fall verpassen. Sie hat sich solche Mühe gegeben. Außerdem kommen meine Eltern ausnahmsweise zum Mittagessen nach Hause. Das verstehst du doch sicher, oder?«

»Klar«, sagte Kai, aber er war sich nicht sicher, ob er wirklich verstand.

»Komm doch mit«, sagte Mudi plötzlich.

»Wie meinst du das?«

»Na, wo vier satt werden, hat auch noch ein Fünfter Platz. Wenn nicht noch mehr. Wenn Iranerinnen kochen, dann kann man damit eine Heerschar eine Woche lang verköstigen. Außerdem gilt bei ihnen Nein danke nicht als Antwort.« Er grinste. »Gleichzeitig ist nichts beleidigender für eine iranische Familie, als wenn der Gast alles, was ihm gereicht wird, auch aufessen könnte. Und Halva kocht gut, sehr gut sogar.«

»Halva?«

»Das ist meine Schwester.«

Kai zögerte. Er hatte keine Vorstellung von iranischem Essen. War das so ähnlich wie Döner Kebab? Den aß er ja morgens um vier, wenn sie alle am Welserplatz aus der Wunderbar kamen, sehr gerne. Aber was, wenn ihm das Essen nicht schmeckte oder er einen furchtbaren Patzer beging, weil er irgendeine Etikette nicht kannte? Bestimmt würde er noch jemandem auf den Schlips treten, wo er doch so wenig über den Iran wusste. Es würde für ihn ein durch und durch unentspannter Nachmittag werden, so viel war klar – und das konnte er jetzt gar nicht gebrauchen. Deshalb sagte er: »Danke, nett von dir, aber lieber ein anderes Mal.«

»Klar. Gerne. Und danke noch mal, Kai. Das erzähle ich daheim, wie du die Tante da gefilmt hast. Das war echt ritterlich von dir.«

Kai zuckte ein wenig peinlich berührt mit den Schultern und grinste verlegen. Kai Artus. »Ach, komm! Das hätte doch jeder getan«, sagte er schnell.

»Glaubst du?«, fragte Mudi nach einem kurzen Schweigen. Kai war leicht verwirrt.

»Hm. Na ja, vielleicht auch nicht.«

»Lass es dir in der Mensa schmecken. Bis morgen dann, in der ersten Vorlesung Strafrecht. Der Professor, den wir haben, soll sehr gut sein. Jetzt muss ich aber los. Sonst verpasse ich die Straßenbahn und komme zu spät.«

»Bis morgen.«

Mudi schüttelte zum Abschied Kais Hand, und Kai begann, sich an diese Förmlichkeit zu gewöhnen. Er sah Mudi nach, als dieser sich sehr gerade und bestimmt seinen Weg durch die Menge suchte, um zur Straßenbahnhaltestelle vor der Uni zu gehen. Kai hatte noch keine Ahnung, welchen Professor er in welchem Fach hatte, fiel ihm dann ein.

In der Mensa entdeckte Kai von Weitem dann doch noch einige Bekannte, die ihm zuwinkten. Er setzte sich zu ihnen an den Tisch, konnte ihrem Gespräch aber nicht recht folgen und sah stattdessen aus den großen Fenstern nach draußen. Das weiße Licht blendete ihn, auch wenn der am Morgen noch klare Himmel nun mit Wolken überzogen war. Sein Essen bestand aus einem nicht näher identifizierbaren Bioauflauf, einem Salat, dessen Lebensgeister in Soße ertränkt worden waren, einem Apfel und einem Glas Mineralwasser. Selina war nirgends zu sehen. Er hörte nur mit halbem Ohr, worüber seine Kumpel sich unterhielten: die kurzen Röcke der Mädchen, den besten Repetitor vor dem Examen – typisch, dabei hatten sie noch nicht einmal die erste Vorlesung besucht! – und ein paar übriggebliebene Tickets für das Eishockey-Turnier am Wochenende. Plötzlich bereute er seine Entscheidung, nicht mit Mudi zu seinem iranischen Festessen gegangen zu sein. Das klang schön, wenn auch für ihn unvorstellbar: eine Familie, die einen ganzen Abend lang vorkochte, um zu Mittag einfach so ein Fest zu veranstalten. Ein Fest, weil der Sohn jetzt Jurastudent war, so wie einst sein Großvater, der Richter im Iran gewesen war. Unglaublich! Nun, vielleicht ergab sich ja noch mal eine andere Gelegenheit. Hoffentlich. Kai seufzte. Dass man aber auch nie wissen konnte, welche Entscheidung die richtige und nicht nur die einfachere war.

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»MudiMudiMudi!« Halva flog die Treppen geradezu hinunter, als sie die Wohnungstür ins Schloss fallen hörte. »Du hast es geschafft! Ich bin so stolz auf dich! Ich habe allen meinen Freundinnen erzählt, dass es heute so weit ist. Du bist Student!«

»Was an und für sich noch keine Leistung ist …«, wehrte Mudi leicht genervt ab, doch Halva sah, wie er sich insgeheim über ihre Begeisterung freute. Sie hängte sich mit beiden Armen um seinen Nacken, so wie sie es als Kind getan hatte, und er wirbelte sie einmal herum. Im Iran waren sie sich als Bruder und Schwester immer sehr nahe gewesen. Die Mitglieder der Familie waren nun mal die einzigen Menschen, denen man trauen konnte. Der Umzug nach Deutschland hatte ihre Beziehung zwar verändert, aber auch gestärkt. Niemand außer ihnen wusste, was hinter ihnen lag und womit sie zu kämpfen hatten. Niemand wusste, was es bedeutete, so zu sein und zu leben wie sie.

Als Mudi Halva wieder auf den Boden stellte, drängte sich Pamir, ihr dicker Perserkater, eifersüchtig zwischen sie.

»Lass das, du Fettwanst. Ich habe hier alle Vorrechte«, sagte Halva und gab ihm einen leichten Stups. Doch Mudi hob Pamir auf und streichelte ihn. Der Kater schnurrte genüsslich.

»Das hat nur alles so gut geklappt, weil ich heute Morgen deine Nase gerieben habe«, sagte er dann und küsste sie auf die Nasenspitze. »Deine Nase reiben bringt Glück.«

»Quatschkopf«, Halva senkte den Kopf, sodass ihr die dichten schwarzen Locken ins Gesicht fielen. Sie fuhr sich mit den Fingern über ihre relativ große Nase. Jeder Blick in den Spiegel war eine kleine Herausforderung. Erst wenn sie etwas Rouge und Lipgloss aufgelegt und ihre langen dunklen Wimpern mit Tusche betont hatte, war sie mit ihrem Spiegelbild einigermaßen zufrieden.

»In ein paar Jahren lasse ich sie mir operieren«, entgegnete Halva herausfordernd.

»Wehe, wenn du das tust. Dann kündige ich dir die Bruderschaft. Du bist nur mit dieser Nase meine Halva.«

»Also gut, ich überlege es mir noch mal«, sagte sie augenzwinkernd. »Aber jetzt erzähl mir alles. Von vorn. Du bist am Königsplatz in die Straßenbahn eingestiegen …«

Mudi hängte seine grüne Steppjacke auf und richtete kurz im Spiegel seinen Hemdkragen. Halva musste lächeln. Mudi war so eitel – er brauchte morgens im Bad viel länger als sie. Einmal in die Luft gespuckt und drunter durchgerannt, nannte er dagegen ihre Methode.

Mudi tat, als müsse er nachdenken. »Also, in der Straßenbahn, lass mich überlegen. Da ging es ja schon so wild zu. Du ahnst es nicht. Ein Papagei hat die Tickets kontrolliert und ein Säbelzahntiger hatte keinen Fahrschein. Als man ihm drohte, ihn aus der Bahn zu werfen, hat er eine Heerschar von Straußen zur Revolution aufgerufen, die prompt alle ein Ei legten. Die Affen auf der hinteren Bank haben angefangen, damit zu werfen, und auf dem heißen Pflaster der Straße gab es Spiegelei für alle …«

»Auf dem heißen Pflaster? Quatsch! Es ist schon beinahe Winter!«

»Stimmt. Bei deiner eiskalten Logik solltest du Juristin werden.«

»Vielleicht. Warum nicht?«

»Also, im Ernst, es ging alles glatt. Wirklich. Ich habe vielleicht sogar schon einen Freund gefunden. Mal sehen, was draus wird.«

Doch statt ihm zu antworten, sah Halva zur Tür, die zum Wohn- und Esszimmer der kleinen, doppelstöckigen Wohnung führte, und legte dann einen Finger auf die gespitzten Lippen. Mudi verstummte, obwohl er gerne von Kai und der Sache im Sekretariat erzählt hätte. Halva zeigte auf die Glastür, hinter der sich einige Schemen bewegten und Gemurmel zu hören war. Mudi runzelte die Stirn und setzte Pamir ab, der auf Samtpfoten zu der geschlossenen Tür ging und Halva aus seinen hellblauen Augen auffordernd anblickte.

»Haben wir Besuch? Heute?« Mudis Stimme klang, neben der Neugier darin, etwas gekränkt, und Halva rollte die Augen. Männliche Eitelkeit war doch unfassbar!

»Mehr als nur Besuch, Mudi. Keine Angst, wir feiern dich schon, wie es sich gehört. Allerdings ist heute im doppelten Sinne ein Festtag. Nicht nur bist du jetzt Student, sondern du ahnst nicht, wer gekommen ist. Baba und Mama wollten uns nichts davon sagen, ehe nicht ganz sicher war, dass sie ihre Ausreisegenehmigung und ihr Visum erhält.«

»Sie? Ihre Ausreisegenehmigung und ihr Visum?«, wiederholte Mudi. Dann hellte sich sein Gesicht auf, er blieb stehen und fragte heiser vor Aufregung: »Mamii etwa?«

Halva schüttelte den Kopf. »Nein, leider nicht. Ich glaube nicht, dass wir Mamii je wiedersehen werden. Nein, Miryam ist gekommen. Tante Miryam! Und das für immer und ewig.«

»Das glaube ich jetzt nicht!«

»Doch! Lass uns reingehen«, sagte Halva und zog Mudi am Arm mit sich.

Hinter der Tür wurden die Stimmen nun lauter. Mudi schaute immer noch verdattert drein. »Aber … wieso ist sie denn hier?«

»Nach Großvaters Tod vor drei Jahren hat ihre Mutter jetzt wieder geheiratet und da war Miryam ihr wohl im Weg. Baba musste sich einfach bereit erklären, sie aufzunehmen, denn sonst wusste niemand, wohin mit ihr.«

»Das verstehe ich nicht«, sagte Mudi leise.

»Ich auch nicht. Mama hat gesagt, sie mussten Miryam holen, um sie vor sich selbst zu retten. Aber pst! Das bleibt unter uns. Bist du bereit, Herr stud. jur.?«

Mudi nickte. »Ja, das bin ich.«

»Das werden wir ja sehen! Keine leeren Versprechungen, bitte!« Halva lachte, als sie die Tür aufstieß und Pamir nach hinten schob. »Hinten anstellen, Kater!« Dann gab sie Mudi einen leichten Schubs und duckte sich hinter seinen Rücken. Sie hatte alles geplant: Ein Blütenregen ging auf Mudi nieder, alle lachten und klatschten in die Hände. Das duftende Konfetti lag überall verstreut auf dem Boden, der mit Teppichen, die an den Iran erinnern sollten, bedeckt war. Halva sah rasch zu ihrer Mutter. Raya hatte sich nach der Heimkehr vom Café zur Feier des Tages umgezogen. Sie trug ein bodenlanges Kleid aus blauer Seide, das ihre noch immer schmale Taille betonte, und drehte wirbelnd ihre Handgelenke, dass die vielen silbernen Armreifen daran nur so klirrten. Trotz der harten Arbeit in den vergangenen Jahren hatte Raya eines nie verloren, dachte Halva stolz: ihre Haltung und ihr Bewusstsein dafür, wer sie war und wo sie herkam – wohin sie auch immer ging. Unwillkürlich drückte Halva selber ihren Rücken durch. Sie gehörte einer der vierzig Familien an – zumindest von Mamiis Seite aus. Die vierzig Familien, die den Iran seit Hunderten, wenn nicht Tausenden von Jahren beherrscht hatten und deren Sitten und Traditionen nicht starben, solange ihre Mitglieder lebten, selbst wenn dies so fern ihrer Heimat war.

Mudi fing gerade eine Handvoll der getrockneten Blütenblätter auf und zog seine Mutter an sich, um sie zu umarmen und dann auf beide Wangen zu küssen. Halva sah in ihren Augen Tränen schimmern. Sie sog den betörenden und beruhigenden Duft der Blütenblätter, die sie selbst nur für diesen Tag über den Frühling und Sommer hinweg gesammelt und getrocknet hatte, tief in sich ein. Es waren sieben verschiedene Blumen: Rosen, Tulpen, Nelken, Margeriten, Rittersporn, Vergissmeinnicht und Maiglöckchen. Die Zahl Sieben brachte Glück.

Halva bückte sich, sammelte einige Blütenblätter auf und legte sie sich in die hohle Hand. Sie presste ihre Finger zusammen, um den Geruch noch intensiver werden zu lassen. Dann ließ sie das Konfetti zu Boden fallen, ein bunter Regen, der sich mit den Mustern der Teppiche mischte.

Als Mudi geboren wurde, bekam Raya von der Familie ihres Mannes eine wunderschöne Seismooney, eine Aussteuer, bestehend aus sieben von Hand genähten kleinen Anzügen, sieben gestrickten Stiefelchen und sieben kleinen Mützen. In jedes Kleidungsstück war ein Vers aus dem Koran gestickt, Van Yakad, der das Kind vor dem bösen Blick behüten sollte. Zu Halvas Geburt hatte Mamii dann die Seismooney genäht. Nach Mudis Geburt hatte Raya von Cyrus' Familie sogar das Doppelte zu essen bekommen. Mamii hatte immer zornig den Kopf geschüttelt, wenn sie davon erzählte: Nur ungebildete Menschen machten zwischen Mann und Frau noch einen Unterschied. Eben Bauern und Soldaten, wie die Verwandten ihres Schwiegersohns es waren. Ein Bauer und ein Soldat, dachte Halva und warf ihrem Vater einen liebevollen Blick zu. Das stimmte. Aber sie mochte ihn gerade so, wie er war!

»Hier!«, rief Mudi und ließ das Blütenblattkonfetti auf sie niederrieseln, ehe er sich zu ihrer Tante umdrehte. Die Seismooney hatte bei Mudi auf jeden Fall geholfen. Kein böser Blick war je auf ihren Bruder gefallen und sollte es auch nie tun, dachte Halva, als sie sich im Blütenregen duckte und die Augen zukniff.

»Miryam!«, rief Mudi, und Halva schaute zu ihrer jungen Tante hinüber, die erst im Morgengrauen in Frankfurt gelandet war und dementsprechend mitgenommen und müdewirkte. Sie stand neben dem Esstisch und sah aus, als würde sie einfach umfallen, wenn sie die Tischkante losließe. An ihrer Hand traten die Knöchel weiß hervor. Sie war durchsichtig, fand Halva, als Miryams Blick kurz und scheu den ihren traf. Durchsichtig und undurchdringlich zugleich: Miryam, die wahre Miryam, an die sie sich erinnerte, war heute hinter tausend unsichtbaren Schleiern verborgen. Wovor wollte sie sich verstecken? Sie waren doch eine Familie. Was machte Miryam jetzt noch Angst? Nichts auf dieser Welt war inniger, unangreifbarer und bot solchen Schutz wie die Familie. Oder hatte sich auch das im Iran geändert?

Miryam und ihre geradezu greifbare Furcht ließ sie an all das denken, weswegen sie damals den Iran verlassen hatten. Schon die Erinnerung daran ließ sie frösteln. Nur einige Monate vor ihrer geplanten Ausreise hatte ein Freund Cyrus gebeten, auf dem Kopierer der Militärstube einige Briefe kopieren zu dürfen. Cyrus hatte zugestimmt, auch wenn ihm der ganze Stapel an Papier, den der Freund brachte, seltsam vorkam. Er fragte nichts, aber er musste Rede und Antwort stehen, als sein Freund ein Original im Kopierer vergaß: Es war ein Pamphlet, das Redefreiheit und Demokratie forderte und das Ende des im Iran herrschenden Regimes. Nur eine Stunde später war Cyrus von der Geheimpolizei in einem Wagen ohne Nummernschild abgeholt worden. Er war eine Woche lang fortgeblieben, ohne dass sie wussten, wo er war und ob er noch lebte. Sieben Tage, in denen Raya sich von einer frohen jungen Frau in einen lebendigen Geist verwandelte. Soweit Halva wusste, hatte ein Kollege ihres Vaters ihrer Mutter geholfen, ihn zu finden und freizubekommen. Als Cyrus aus dem Gefängnistor geworfen worden war, hatte er nur kriechen können. Die Polizei hatte ihn grün und blau gedroschen und ihm alle Finger gebrochen. An Schläfen und Handgelenken hatte er Brandnarben gehabt, wo man ihm bei der Folter die Elektroden angesetzt hatte.

»Ich habe noch Glück gehabt«, hatte er gesagt, während Raya ihm schluchzend Verbände anlegte. »Sie hätten mich auch dabehalten können. Einfach so. Für immer. Wenn Bijan nicht angerufen hätte … Sein Vetter ist der Sekretär des Polizeipräsidenten.«

»Bijan und seine Vettern. Immer nur Bijan …«, hatte Raya geweint. »Ich will kein Leben, in dem man so abhängig ist.« Cyrus hatte warnend den Kopf geschüttelt, aber sie hatte weitergesprochen: »Ich stehe nicht gern in jemandes Schuld, der nicht Teil der Familie ist.«

»Bijan ist schon beinahe ein Teil der Familie.« Raya war aufgefahren, doch Cyrus hatte nur mit den Achseln gezuckt. »Wir schulden ihm alles. Ich schulde ihm alles. Irgendwann kann ich ihm das hoffentlich danken.«

Halvas Gedanken wurden unterbrochen, als Mudi Miryam flüchtig über den Arm streifte und dann respektvoll den Kopf neigte, wie es sich für einen jungen Mann einer Frau gegenüber gehörte.

Raya dagegen legte Miryam ermutigend den Arm um die Schultern und zog sie an sich. »Lasst uns anfangen«, rief sie. »Was für ein Glückstag. Wir sind in der Familie wieder vereint. Und wir können alle Mudi feiern. Cyrus, den Champagner! « Raya klatschte lachend in die Hände, und Halva dachte an die Geschichten, die ihre Mutter ihr von den geheimen Festen in Teheran erzählt hatte. Eine Flasche Wein konnte auf dem Schwarzmarkt gut und gerne zwei Wochenlöhne kosten, doch das war es den Teheranern wert. Die Todesangst und der stete seelische und geistige Druck, unter dem sie litten, machte sich hinter verschlossenen Türen in einer wilden Lebenslust Luft. Wenn die Polizei dann vor der Tür stand, hatte Raya manchmal hektisch all den teuer auf dem Schwarzmarkt erstandenen Wein in die Toilette geschüttet, sich den Schmuck abgerissen und die Schminke mit Klopapier abgerubbelt.

»Champagner? Bist du wahnsinnig geworden?«, fragte Mudi und lachte ungläubig. Halva sah ihren Vater kurz das Gesicht verziehen, wie um seinem Sohn beizupflichten, aber er griff dennoch nach einer der beiden Flaschen, die in einer Schale mit Eis lagen. Jede der Flaschen Bollinger hatte an die hundert Euro gekostet, aber Raya hätte nie etwas Billigeres gekauft, auch wenn sie dann selbst vier Wochen lang nur Naan, trockenes Brot, aß.

»Natürlich. Wir können uns das doch leisten«, sagte Raya mit einem bestimmten Blick zu Cyrus, der mit seinem gesunden Auge zur Seite sah, während sein Glasauge starr blieb. In einigen Dingen war ihre Mutter unnachgiebig, das wusste Halva, und Baba hatte gelernt, wann er nachgeben musste und wann nicht. Dennoch murmelte er jetzt: »Deine Mutter glaubt noch immer, dass sie pooldar ist.«

Pooldar. Reich. Erhaben. Besonders. Oh nein, dachte Halva. Jetzt bitte kein Streit um Sein oder Nichtsein, pooldar oder nicht mehr pooldar.

»Wir sind, wer wir sind. Glaubst du, ich lasse es mir verbieten, meinen Sohn zu feiern, wie es sich für uns gehört?«, fragte Raya stolz. Cyrus füllte die Sektschalen, die Halva am Wochenende zuvor auf einem Flohmarkt gekauft hatte, mit dem perlenden Getränk auf. Mudi nahm seine Schale entgegen und alle stießen auf ihn an.

»Auf Mudi!«, rief Halva und Miryam hob stumm ihr Glas.

»Auf Mudi Mansouri, Richter in spe!«, sagte Raya und warf ihm eine Kusshand zu. Sie alle tranken einen Schluck und Halva genoss den wertvollen Geschmack des Champagners.

»Oder Notar«, sagte Cyrus. »Soviel ich weiß, verdienen Notare in Deutschland am besten.«

»Nein. Richter soll er werden. Er muss dabei helfen, herauszufinden, was Recht ist. Er soll schützen und strafen, so wie mein Vater.« In Rayas Augen glitzerten Tränen, als sie Mudi durch die kinnlangen Locken strich.

»Jetzt macht mal halblang …«, begann Halva, der Mudi bei all dem Gerede beinahe leidtat, obwohl der mit offensichtlichem Genuss seinen Champagner trank. Es war ein Segen Allahs, dass Mudi nicht hatte Rockstar werden wollen oder dergleichen, sondern sich dem Wunsch und der Hoffnung ihrer Eltern gefügt hatte. Allerdings war er auch nie wirklich vor die Wahl gestellt worden. Halva und Mudi wussten, was ihre Eltern auf sich genommen hatten, denn sie hatten jeden Augenblick davon geteilt. Raya und Cyrus liebten den Iran, das merkte Halva an tausend Kleinigkeiten. Aber ein Leben, wie sie es sich für ihre Kinder wünschten, war dort nicht mehr möglich gewesen.

Sowohl Cyrus als auch Raya zogen bei Halvas Worten die Augenbrauen hoch.

»Verzeiht«, sagte Halva. Sie hatte mit ihnen wie mit ihren Freundinnen auf dem Schulhof gesprochen. Hitze stieg in ihre Wangen, und sie griff, um ihre Verlegenheit zu überspielen, nach den flachen Tellern mit kleinen Dolma. Die mit Reis und Gemüse gefüllten Weinblätter hatte sie am Abend in einer süß-sauren Brühe ziehen lassen, die aus Essig, Zitronensaft, Wasser und Rohrzucker angesetzt wurde. Halva wusste genau, was in jedem Dolma war, denn sie hatte sie liebevoll selbst gefüllt: gehackte und in Knoblauchöl gebratene Aubergine, süßer Kürbis, blanchierte Paprika und Tomaten. Einige Dolma hatte sie als Überraschung neben der Minze und der Petersilie mit süßen Quittenstückchen gewürzt. Mudi begann sein Studium genau zur schönsten Zeit des Jahres, wenn die Märkte voll mit Köstlichkeiten waren. »Komm, Miryam, hilf mir«, sagte Halva auf Farsi.

Miryam schien dankbar, sich nützlich machen zu können. »Du musst nicht Farsi mit mir sprechen«, antwortete sie auf Deutsch, verfiel dann aber doch wieder in ihre Muttersprache. »Ich habe im vergangenen Jahr Deutsch gelernt. Seitdem mein Ausreiseantrag lief. Deine Mutter hat mir CDs nach Teheran geschickt, die unglaublicherweise auch bei mir ankamen. Was nicht von der Polizei durchsucht und beschlagnahmt wird, stehlen die Leute bei der Post. Anscheinend herrschte auf dem Schwarzmarkt gerade keine Nachfrage für Deutschkurse.«

»Wir üben zusammen weiter!«, versprach Halva und fügte dann hinzu: »Ich kann nicht glauben, dass Mudi und ich nichts von deinem Ausreiseantrag gewusst haben!«

Halva wollte so viele Fragen stellen, doch nun war nicht der richtige Moment dafür. Ihre Mutter hatte gesagt, dass sie Miryam hatten retten müssen. Retten. Wovor? Oder vor wem? Halva kämpfte mit den Tränen und wischte sich sorgsam die Augen, um den Khôl auf ihren Lidern nicht zu verschmieren. »Ich weiß noch, wie ich auf dem Weg nach Deutschland im Flugzeug geweint habe, denn ich habe geglaubt, dass wir uns nie wiedersehen.«

»Ich hätte auch nicht darauf gehofft«, sagte Miryam leise. »Ob wir uns genauso gut verstehen wie früher?«

»Aber was denkst du denn? Lass uns einfach so beginnen, wie wir in Teheran aufgehört haben: als Freundinnen.«

Miryam lächelte und dieses Lächeln ließ ihr glanzloses Haar, ihre zu blasse Haut und die dunklen Schatten unter den beinahe schwarzen Augen vergessen. Sie nippte vorsichtig am Champagner und sagte dann: »Ich habe im Flugzeug auch geweint, Halva. Aber ich habe geweint, weil ich erst da begriffen habe, dass ich wirklich zu euch komme. Noch auf dem Flughafen hat mich eine Polizistin angehalten und mir gesagt, dass mein Mantel unten zu weit offen steht. Dabei hatte ich alle Knöpfe geschlossen!«

»Und? Was hast du gemacht?«

»Was sie mir gesagt hat, natürlich. Sie gab mir Nadel und Faden und ich musste vor ihren Augen den Mantel bis zum Saum zunähen. Nachher konnte ich nur durch die Passkontrolle trippeln. Als das Flugzeug hoch in der Luft war, habe ich die Naht aufgerissen. Es war ein unglaubliches Gefühl.«

Halva schluckte. Sie hatte so vieles vergessen. Die leeren Regale in den Geschäften, die im eiskalten Winter keine Heizung und in der Backofenhitze des Sommers keine Klimaanlage hatten. Die Gefängnisse, die voll mit jungen Leuten wie ihr und Mudi waren: aus guter Familie und voll unbestimmter, nie erfüllbarer Hoffnung auf ein besseres Leben. Seit den Demonstrationen gegen die letzte Präsidentenwahl wurden Mamiis Nachrichten immer schlechter: Zwei von Halvas Vettern, Shirin und Nasser, erhielten acht und neun Jahre Haft für ihre Teilnahme an einer friedlichen Demonstration. Was hatte Mamii an Raya geschrieben? Es gibt wohl die Freiheit zu reden, aber keine Freiheit nach der Rede. Halva stellte ihre halbvolle Schale ab und umarmte Miryam. Ihre Tante fühlte sich schmal und zerbrechlich an und wurde einen Atemzug lang ganz starr, doch dann spürte Halva sie in ihren Armen weich werden. Miryam schmiegte sich unbeholfen an sie. Für Fragen war später noch Zeit. »Ich helfe dir bei allem«, versicherte Halva. »Frag nur – obwohl ich auch nicht auf alles eine Antwort weiß! Gemeinsam kriegen wir das hin.«

Nun fingen beide an zu weinen und umarmten einander wieder, aber dieses Mal echter, freier und herzlicher.

»Deine Schminke ist verschmiert, Halva«, sagte Miryam und wischte sich selbst die Augen.

»Was ist denn hier los? Weshalb gibt es Tränen? Ich glaube, ich muss den Damen den Champagner wegnehmen«, sagte Mudi und zwinkerte den beiden zu.

»Füll lieber noch mal nach«, lachte Halva. »Wenn wir schon feiern, dann richtig. Miryam ist frei!«

Halva wollte Mudi ihr Glas reichen, damit er es nachfüllte. Wann gab es schließlich schon mal so teuren Champagner zu trinken? »Oh nein«, rief sie stattdessen, denn Pamir war auf den Tisch gesprungen und schleckte mit seiner rosa Zunge den letzten Champagner aus ihrer Schale, ehe er sich vor Ekel schüttelte und mit einem beleidigten Maunzen wieder abzog.