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Es soll der perfekte Abend werden, besser gesagt: die perfekte Nacht. Das perfekte erste Mal eben!

Ich habe mich bis ins kleinste Detail vorbereitet, natürlich mit Majas Hilfe. Meine beste Freundin ist nämlich die Expertin in Liebesdingen, zumindest theoretisch.

»Niki, du brauchst ein sexy Outfit«, hat sie mir erklärt, als ich ihr von meinem Plan erzählt habe, und ist mit mir shoppen gegangen. Einige Stunden später hielt ich ein rotes Nichts in meinen Händen, für das ein halbes Monatstaschengeld draufgegangen ist, in dem ich aber – laut meiner besten Freundin – »unwiderstehlich« wirken würde. Maja hat mir auch gezeigt, wie ich mich schminken muss: wasserfeste Wimperntusche – »sonst siehst du morgens aus wie eine Eule« – und knallroter Lippenstift, passend zu den Dessous.

Nun räkele ich mich also nur in einem Spitzenhöschen und einer Corsage mit Push-Up für meinen zu klein geratenen Busen auf Simons Bett und fühle mich eher unangenehm unbekleidet als unwiderstehlich. Stumm verfluche ich Maja für ihre etwas übertriebene Styling-Beratung und schiele nervös zu dem Digitalwecker auf dem Bücherregal. Schon kurz vor zehn. Simon muss jeden Augenblick kommen.

Mario, einer von Simons fünf Mitbewohnern, hat mich vorhin in die Wohnung gelassen. Mit Simon bin ich um zehn hier verabredet, wenn er von seiner Band-Probe kommt, aber ich brauchte noch ein bisschen Zeit für die Vorbereitungen. Auf dem Bett habe ich Rosenblätter verteilt, und im ganzen Zimmer stehen Kerzen, die ein schummriges Licht verbreiten und den Raum aufheizen. Ich zittere trotzdem. Liegt das bloß an der vielen nackten Haut oder habe ich etwa Angst?

Nein, unmöglich! Ich will es wirklich, wiederhole ich mein Mantra für diesen Abend. Ich will endlich mit Simon schlafen. Immerhin sind wir schon seit fast sechs Monaten zusammen und er ist meine große Liebe. Meine erste große Liebe.

Ginge es nach Simon, hätten wir es schon längst getan. Nicht dass er mich gedrängt hätte, jedenfalls hat er nichts gesagt. Aber seine Annäherungsversuche, wenn wir rumknutschen oder kuscheln, sind immer eindeutiger geworden. Ich hingegen wollte mir erst sicher sein, dass er der Richtige ist, und warten. Auf den perfekten Zeitpunkt. Und der ist jetzt gekommen, denke ich. Heute, an seinem einundzwanzigsten Geburtstag.

Noch ein Blick zum Wecker. Schon Viertel nach zehn. Wo bleibt Simon bloß? Vermutlich trinkt er mit seinen Kumpels noch ein Bier nach der Probe, wie so häufig am Freitagabend. Und gerade an seinem Geburtstag kann er sich wohl kaum sofort verabschieden. Andererseits haben wir ausgemacht, dass wir noch etwas zusammen unternehmen und zu zweit ein wenig feiern. Was das sein wird, davon hat Simon natürlich keine Ahnung.

Mein rechtes Bein fängt an zu kribbeln. Bei dem Versuch, möglichst lasziv auf dem Bett zu liegen, ist es eingeschlafen. Ich ändere meine Position, Blut schießt zurück in das Bein und das Kribbeln wird schmerzhaft. Hektisch wippe ich mit dem Fuß.

In meinem Kopf entsteht ein Bild von mir selbst auf dem Bett voll Rosenblüten. Manchmal sehe ich eine Situation als Zeichnung oder Gemälde vor mir, das müssen die Künstlergene sein, die ich von meinen Eltern geerbt habe. Ob ich wohl einen schönen, kitschigen Ölschinken abgäbe? Nein, wohl doch eher eine Karikatur!

Halb elf. Dass Simon sich mal verspätet, ist ja nichts Neues. Aber ausgerechnet heute? Ich angele neben dem Bett nach meiner Tasche und krame mein Handy heraus. Simon hat mir vielleicht getextet, wo er steckt und wann er kommt. Nein. Keine neuen Nachrichten. Kurz überlege ich, ihm eine SMS zu schicken, lasse es dann aber lieber bleiben, um ihn nicht zu nerven. Er mag es nicht besonders, wenn ich ihm hinterhertelefoniere oder ihn mit Nachrichten bombardiere. Ich lasse das Handy zurück in die Tasche gleiten und warte weiter.

Viertel vor elf. Ich habe Durst. Am liebsten würde ich in die Küche gehen, um mir ein Glas Wasser zu holen. Aber als ich bereits an der Tür stehe, fällt mir ein, dass es keine gute Idee ist, in diesem Outfit in Simons WG herumzulaufen. Wäre ja möglich, dass einer seiner Mitbewohner auch gerade in die Küche will. Bleibt nur der Sekt übrig, den ich meiner Mom aus der Vorratskammer stibitzt und zusammen mit zwei stilvollen Kelchen auf dem Tisch neben Simons Schlagzeug drapiert habe. Beherzt greife ich nach der Flasche und lasse den Korken knallen.

Eigentlich wollte ich den Schampus zusammen mit Simon trinken. Nachdem wir …! Aber wenn Simon sich derart verspätet, muss ich halt schon mal allein anfangen. Ich schenke mir einen der Kelche voll und trinke einen großen Schluck. Jetzt ist mir wenigstens nicht mehr kalt.

Elf Uhr! Ich nehme den Sektkelch mit hinüber zum Bett und lasse mich in die Kissen fallen. Die Pose, die ich nun einnehme, fällt deutlich weniger elegant aus als vorher. Dafür ist sie bequemer. Ich nippe an dem Sektglas und stelle mir vor, wie Simon endlich durch die Tür kommt, mich sieht und mir ein hinreißendes Lächeln schenkt. Wir fallen uns verliebt in die Arme und mit einem innigen Kuss sinken wir auf die Matratze. Und dann? Blende ich ab. Das wird im Film schließlich auch so gemacht. Nächste Einstellung: Ein glückliches Paar wacht in zerwühlten Decken nebeneinander auf. So ungefähr stelle ich mir das morgen früh vor.

Viertel nach elf. Mein Glas ist inzwischen leer. Ich stehe auf und fülle noch mal nach. Mit dem Kelch in der Hand drehe ich mich langsam um meine eigene Achse, bis mein Blick an einem Plakat hängen bleibt. Newcomer Contest steht in roten Buchstaben über dem verwackelten Foto einer Rockband. Dasselbe Plakat klebt auch in meinem Zimmer an der Wand. Denn das war der Abend, an dem Simon und ich uns kennengelernt haben.

Ich war mies drauf an diesem Tag. Ich hatte zum zweiten Mal eine Fünf in Englisch nach Hause gebracht und meine Mutter war stinksauer auf mich. Nur unter der Bedingung, dass ich gleich am nächsten Tag mit dem Büffeln anfinge, ließ sie mich mit Maja ausgehen. So läuft das immer bei meiner Mom: Ich darf eine Menge, solange ich die Schule nicht schleifen lasse. Vertrauen, lautet ihre Erziehungsmaxime. Aber das Vertrauen endet da, wo die schlechten Noten anfangen. Wahrscheinlich hätte ich mich tags drauf sogar tatsächlich mit Vokabellernen abgemüht, wenn ich nicht an besagtem Abend Simon getroffen hätte. Stattdessen habe ich, während ich über meinem Englischbuch saß, nur von dem süßen Simon geträumt.

Seine Band war die letzte, die auftrat, und mit Abstand die beste. Bis dahin hatte ich grummelnd an der Bar gehockt, weil ich die Musik nicht mochte, gelangweilt an einer Cola genippt und Majas Versuche abgewehrt, mich auf die Tanzfläche zu zerren. Doch in dem Moment, als Simon auf die Bühne kam und sich hinter sein Schlagzeug setzte, machte etwas in mir »klick«, und ich konnte nicht mehr aufhören, ihn anzustarren. Er sah aber auch einfach toll aus mit seinen hochgestylten schwarzen Haaren, den durchdringenden blauen Augen und dem engen Shirt mit Band-Logo, das über seinen Muskeln spannte, während er die Drums bearbeitete.

Simons Band Vision gewann den Wettbewerb, den der Club ausgeschrieben hatte, und plötzlich stand Simon neben mir an der Bar und drückte mir mit den Worten »Zeit, mit den Groupies zu feiern« ein Glas in die Hand. Wie peinlich! Ihm musste aufgefallen sein, dass ich meine Augen nicht von ihm abwenden konnte. Doch Simon schien das nicht zu stören. Im Gegenteil.

Den Rest des Abends wich dieser Wahnsinnstyp nicht von meiner Seite. Er stellte mich all seinen Kumpels vor und wirkte dabei so stolz, als hätte er einen Sechser im Lotto gewonnen. Und so, wie er mich aus seinen knallblauen Augen anschaute, kam ich mir wirklich vor wie ein Hauptgewinn. Als er mich schließlich küsste und sein cooler Dreitagebart über mein Kinn kratzte, fuhr das Blut in meinen Adern Achterbahn, und ich wünschte mir, dass der Kuss niemals enden würde.

So fing das alles an mit uns. Und seither hatte ich nicht erst einmal das Gefühl, in einer superschnellen Achterbahn mit mindestens drei Loopings zu sitzen. Mit Simon zusammen zu sein, ist aufregend und immer wieder überraschend. Er ist der spontanste Mensch, den ich kenne. Ich finde das spannend, obwohl ich normalerweise eine richtige Planungsfetischistin bin.

»Niki, mach dich locker«, sagt Simon oft zu mir. Eine solche Aktion wie heute Abend ist normalerweise gar nicht mein Ding. (Und um ehrlich zu sein, stammt das Gesamtkonzept eigentlich von Maja!) Aber ich glaube, Simon wird es gefallen. Und für ihn mache ich das gern!

Es ist kurz vor Mitternacht. Ich wanke ein wenig, als ich zum Bett zurückkehre. Alkohol vertrage ich nicht so gut, was vermutlich daran liegt, dass ich fast nie etwas trinke. Und jetzt gleich zwei Gläser hintereinander, noch dazu auf leeren Magen … Mein Kopf fühlt sich schon ganz watteweich an. Müde falle ich auf die Matratze, greife nach der Decke und ziehe sie bis zum Kinn hoch. Hmm, die riecht nach Simon. Ich schließe die Augen. Nur für ein paar Sekunden. Simon muss jetzt jeden Moment kommen. Ich stelle mir vor, wie er seine Lippen auf meine drückt, seine Zunge mit meiner spielt, seine Hand über meinen Rücken streicht, über meinen Bauch …

»Hier stinkt es ja erbärmlich!«

Ich fahre hoch, als mich eine laute Stimme aus dem Schlaf reißt. Das Deckenlicht flammt grell auf. Ich muss die Augen zusammenkneifen.

»Niki, was ist denn hier los?«, höre ich Simons Stimme. Er klingt wütend. Warum klingt er wütend? Er sollte überrascht klingen. Freudig überrascht!

Ich öffne die Augen, doch etwas versperrt mir die Sicht. Ich fuchtele mir mit der Hand im Gesicht herum, bis ich das rote Samtband zu fassen bekomme, das ich mir früher am Abend in meine braunen Locken geschlungen habe. Mit einem Schleifchen. Ein Geschenkbändchen um Simons Geburtstagsgeschenk – also mich.

Mit einem Ruck ziehe ich mir das Band über den Kopf und versuche dann, die Situation zu erfassen. Simon steht noch immer im Türrahmen und betrachtet sein Zimmer mit einem verwirrten Ausdruck: die offene, halb leere Flasche Sekt, die heruntergebrannten Kerzen. Die Luft ist tatsächlich zum Schneiden, das muss vom Rauch kommen.

»Ich …«, stottere ich. »Ich wollte … aber dann …«

»Echt, Niki, was soll der Scheiß?« Mit langen Schritten kommt Simon auf mich zu. Gerade noch rechtzeitig fällt mir ein, was ich für diesen Abend geplant habe. Mit einer – wie ich hoffe – eleganten Bewegung werfe ich die Decke zur Seite und versuche mich an einem verführerischen Blick.

»Überraschung!«, nuschele ich.

Wie angewurzelt bleibt Simon stehen und starrt mich an. Leider sieht er noch immer eher erstaunt als erfreut aus.

»Also, Niki …« Jetzt stammelt er auch. Müde setzt er sich neben mich auf die Bettkante. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Nein, wirklich nicht.

Mein Blick fällt auf den Digitalwecker. Was? Schon nach drei!

»Wo hast du so lange gesteckt?«, frage ich anklagend. »Wir waren doch verabredet. Schon vor Stunden.« Sofort geht Simon in die Defensive.

»Sorry, Niki, aber wir haben noch was zusammen getrunken und ich habe die Zeit vergessen. Heute ist ja schließlich mein Geburtstag.«

»Natürlich«, rudere ich zurück. Jetzt bloß nicht streiten. »Aber ich dachte, wir wollten miteinander feiern«, starte ich einen neuen Anlauf.

»Ja, schon.« Simon druckst herum. »Aber es ist was dazwischengekommen. Etwas ziemlich Geniales!« Zum ersten Mal, seit er das Zimmer betreten hat, breitet sich ein Lächeln auf Simons Gesicht aus. Nur hat das offensichtlich nichts mit mir zu tun.

»Aha«, murmele ich. Ich setze mich hin und ziehe mir die Decke bis zum Bauchnabel hoch. Plötzlich komme ich mir wieder furchtbar nackt vor.

»Ja, stell dir vor: Wir werden einen Gig in New York haben!« Simon strahlt mich an, als würde er mir vom achten Weltwunder berichten.

»Aha«, bringe ich nur wieder hervor.

»Heute war ein Agent bei unserer Probe, der Nachwuchstalente castet. Er hat unsere Demos im Netz gehört und war total begeistert. Der Typ will uns groß rausbringen. Er hat einen Kumpel, dem gehört ein Club in Manhattan, und da verschafft er uns einen Auftritt. Als Vorband für die Kings. Das ist unsere Chance, Niki. New York, stell dir das mal vor! Das ist unser Sprungbrett. Wir werden berühmt!«

»Aha.« Irgendwie fällt es mir schwer, Simons Begeisterung zu teilen.

»Der Agent hat die Flugtickets schon besorgt. Unfassbar, oder? Ich kann sofort mit dem Packen anfangen. Wir fliegen schon morgen!«

Morgen? Ich glaube, ich habe mich verhört.

»Und wann kommst du zurück?«

»Ach, Niki.« Simon streicht mir abwesend mit der Hand über den Kopf. Egal, die Frisur, die ich nach Majas Anleitung in mühevoller Kleinarbeit mithilfe von jeder Menge Haarspray fabriziert habe, ist wahrscheinlich sowieso längst zerstört. »Ach, Niki«, wiederholt Simon, als würde er mit einer Geistesgestörten sprechen. »Wenn alles so läuft, wie wir uns das vorstellen, dann kommen wir nicht mehr zurück.«

Sprachlos starre ich ihn an, zu perplex für einen klaren Gedanken.

»Und was wird aus uns?«, bringe ich schließlich mühsam hervor.

Simon nimmt mein Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger, hält mein Gesicht fest und schaut mir tief in die Augen.

»Niki«, sagt er. »Das mit uns war schön. Aber du musst doch verstehen, dass das hier meine große Chance ist. Meine ganz große Chance. Die bekommt man nur einmal im Leben.«

War? Hat er gerade wirklich war gesagt? Was soll das heißen?

»Soll das heißen …?«

»Mit uns ist es aus.« Simon lässt mein Kinn los und mein Kopf sackt Richtung Brust. Mein Bauch krampft sich zusammen, der Sekt in meinem Magen fängt plötzlich an, nach oben zu drängen. Ich presse mir die Hand auf den Mund, stürze aus dem Bett und schaffe es gerade noch ins gegenüberliegende Badezimmer.

»Niki?« Ein zaghaftes Klopfen an der Tür. Ich würge noch einmal, aber es kommt nichts mehr.

»Niki, alles okay?«

Nein! Nichts ist okay! Gar nichts!

Ich hangele mich am Badewannenrand hoch und schleppe mich zur Tür. Simon steht davor, meine Klamotten in der einen Hand, meine Tasche in der anderen.

»Kann ich irgendwas für dich tun?«

Nein! Lass mich in Ruhe! Lass mich bloß in Ruhe!

Ich reiße ihm die Sachen aus den Händen und versuche, gleichzeitig in meine Jeans und mein T-Shirt zu schlüpfen. Ich stolpere dabei, doch Simon fängt mich auf.

»Soll ich dich nach Hause fahren?«

Nein! Nein! Nein!

Endlich habe ich meine Jeans an, streife das Shirt über den Kopf, steige in meine Chucks und gewinne auch den Kampf gegen die Schnürsenkel. Ich stürze zur Wohnungstür.

Als ich mich auf der Treppe noch einmal umdrehe, lehnt Simon im Rahmen. Er sieht mir mit diesem durchdringenden Blick hinterher, der meine Knie zu Gummi werden lässt. Ich reiße meine Augen von ihm los, drehe mich um und hetze die Treppe hinunter.

Die Haustür fällt hinter mir ins Schloss. Ich stehe mitten in der Nacht auf einer menschenleeren Straße in Kreuzberg, mein Herz klopft bis zum Hals und ich bin nur zu einem einzigen Gedanken fähig: Das kann er nicht ernst meinen!

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Als Maja mir die Haustür öffnet, ist die Sonne gerade aufgegangen und verbreitet ein völlig unpassendes Guten-Morgen-gute-Laune-Leuchten am Horizont. Die Fahrt mit den Öffentlichen von Berlin in unser Kuhkaff hat über zwei Stunden gedauert. Trotzdem ist es noch viel zu früh, um an einem Samstagmorgen bei Majas Eltern an der Tür zu klingeln. Zum Glück hatte meine beste Freundin ihr Handy neben dem Bett liegen und ist auf meinen Notruf hin sofort nach unten geeilt.

»Danke, dass ich kommen durfte«, schniefe ich beim Reingehen.

Maja schließt mich stumm in die Arme, drückt mich ganz fest an sich und legt dann den Zeigefinger auf ihre Lippen. Heul ein bisschen leiser!, heißt das wohl.

Ich reiße mich zusammen und schleiche hinter ihr die teppichgepolsterte Treppe in den ersten Stock hoch. Erst nachdem sie ihre Zimmertür zugezogen hat, macht Maja den Mund auf.

»Du siehst scheiße aus«, erklärt sie mir mit Überzeugung.

»Na, herzlichen Dank.« Ich bin so empört, dass ich für einen Moment sogar das Weinen vergesse. Klar sehe ich mies aus. Ich habe ja auch die letzten Stunden nichts anderes getan, als zu flennen. Meine Augen sind vermutlich feuerrot, und ich wette, die wasserfeste Wimperntusche hat auch nicht gehalten, was sie verspricht.

Maja hingegen sieht wie immer blendend aus. Obwohl ich sie garantiert aus dem Tiefschlaf gerissen habe, strahlt ihr heller Teint wie aus der Clearasil-Werbung und in ihrer pink Jogginghose und dem schwarzen Top könnte sie problemlos in einem Fitnessvideo mitmachen. Von Maja gibt es eine Unmenge Zeichnungen auf meinem Skizzenblock. Sie ist ein super Modell.

»Was ist denn jetzt eigentlich passiert?«, schiebt Maja schon wesentlich sanfter hinterher.

»Simon hat Schluss gemacht«, presse ich heraus. Sofort sprudeln mir wieder die Tränen aus den Augen.

»Oh, komm her, Süße!« Majas Stimme klingt plötzlich samtweich. Sie lässt sich auf ihr ungemachtes Bett fallen und klopft auf die Matratze. Immer noch schluchzend, krieche ich neben sie und vergrabe meinen Kopf an ihrer Schulter.

Maja lässt mich eine Weile heulen und wuschelt mir dabei fortwährend durch die Haare. Das fühlt sich wunderbar tröstlich an. Irgendwann werden meine Tränen weniger und versiegen schließlich ganz. Ich hebe meinen Kopf und stütze mich auf meinen Ellenbogen auf.

»Oje, ich fürchte, den Wet-T-Shirt-Contest gewinnst du.« Zerknirscht rucke ich mein Kinn in die Richtung von Majas Top, das im Brustbereich ziemlich durchnässt ist.

»Blöd nur, dass es schwarz und nicht weiß ist. So sieht man ja gar nix!« Maja lacht. Und ich beneide sie insgeheim mal wieder um ihre perfekten B-Körbchen. Ob Simon deshalb mit mir Schluss gemacht hat? Weil er mich nicht attraktiv genug findet? Shit, schon wieder die dummen Tränen. Ich würge den Kloß in meinem Hals energisch hinunter.

»So, jetzt mal der Reihe nach.« Maja nimmt meine Hand in ihre. »Erzähl«, fordert sie mich auf.

Stockend beginne ich meinen Bericht über diesen grauenvollen Abend, der doch eigentlich so großartig werden sollte.

»Mario hat mich um acht wie besprochen reingelassen …«

»Mario, dieser Computer-Freak?«, fällt Maja mir sofort ins Wort.

»Jaaa«, erwidere ich gedehnt. »Warum willst du das jetzt wissen?«

»Ich will nur sichergehen, dass ich jedes Detail richtig verstehe«, erklärt Maja. Genervt schüttele ich den Kopf. Meine beste Freundin kann manchmal ganz schön umständlich sein.

»Also, der Nerd macht dir die Tür auf«, nimmt Maja den Faden wieder auf.

»Genau.« Ich streife meine Chucks von den Füßen und setze mich im Schneidersitz auf Majas Bett. »Ich bin dann in Simons Zimmer gegangen und habe alles genau so gemacht, wie wir es besprochen hatten.«

Plötzlich sprudeln die Worte aus mir heraus wie eben noch meine Tränen. Ich erzähle Maja von den liebevollen Vorbereitungen, die ich getroffen habe, wie ich mich gestylt habe, um dann stundenlang dreiviertelnackt auf Simon warten zu müssen. Auch die beiden Gläser Sekt und ihre Auswirkungen auf meinen Gleichgewichtssinn verschweige ich Maja nicht, was mir ein tadelndes Kopfschütteln einbringt. Maja ist nicht nur Vegetarierin, sondern lebt auch alkoholisch gesehen abstinent. Ständig warnt sie mich vor den Risiken, die meine Schwäche für fettes Fast Food und meine seltenen Begegnungen mit Alkohol für meine Gesundheit bedeuten. In Anbetracht meines pochenden Kopfes bin ich heute geneigt, ihr zumindest in Bezug auf Letzteres uneingeschränkt recht zu geben. Doch zurück zu meinem eigentlichen Problem!

»Und dann kam Simon endlich. Um drei Uhr nachts! Stell dir das vor!«, ereifere ich mich. »Und erzählt mir, dass er mit seiner Band morgen schon nach New York verschwinden will. Statt heißem Sex habe ich eine eiskalte Abfuhr von ihm kassiert!«

Maja wirkt schockiert, allerdings nicht ganz so schockiert, wie ich das von meiner besten Freundin erwarten würde.

»Dass ihm seine Musik superwichtig ist, hast du gewusst«, gibt sie zu bedenken. »Im Grunde hat dir das an ihm besonders imponiert.«

»Ja, schon«, gebe ich zu und versinke in Gedanken. Natürlich hat Maja recht. Simon lebt für seine Musik. Genau das finde ich an ihm so toll. Deshalb habe ich immer ein Auge zugedrückt, wenn er sich wegen einer Probe verspätet oder ein Treffen mit mir sogar ganz verschwitzt hat. Außerdem hat er mir ganz süße Geschenke als Entschuldigung mitgebracht. Zum Beispiel ein Plüschäffchen für meinen Schlüsselbund, als Dank dafür, dass ich nicht so ein Klammeraffe bin wie andere Mädchen, hat er gesagt. Aber dass ihm die Band wichtiger ist als ich, damit hatte ich nicht gerechnet!

»Erde an Planet Niki. Gibt es intelligentes Leben dort oben?« Maja klopft sanft gegen meine Stirn. Wider Willen muss ich grinsen.

»Ja, es gibt dort Leben. Ob es intelligent ist, weiß ich allerdings nicht«, schränke ich ein. Nachdenklich füge ich hinzu: »Ich kann einfach nicht glauben, dass es Simon ernst ist. Mit dem Schlussmachen, meine ich. Gerade weil ihm die Musik so wichtig ist, denkt er vielleicht, er müsse seine Karriere jetzt über alles andere stellen. Und macht mit mir Schluss, weil er mich nicht hinhalten will.«

Maja zieht ihre tadellos gezupften Augenbrauen fragend zusammen.

»Na ja, er will nach New York gehen. Das verstehe ich gut. Das ist seine große Chance. Und sicher glaubt er, dass es nicht fair wäre, von mir zu verlangen, dass ich auf ihn warte. Zumal nicht klar ist, wann das Warten ein Ende hat. Aber ich bin bereit zu warten, Maja! Egal, wie lange es dauert.«

Majas Brauen stoßen an der Nasenwurzel fast zusammen, so sehr hat sie die Stirn gerunzelt.

»Was?«, frage ich irritiert. »Was denkst du?«

Maja seufzt. »Ich denke, dass Simon sich bei Weitem nicht so viele Gedanken gemacht hat, wie du es gerade tust.«

»Genau«, erwidere ich aufgeregt. »Und das ist das Problem. Er kann sich wahrscheinlich gar nicht vorstellen, dass ich ihn so sehr liebe, dass ich auf ihn warten würde, auch wenn er ans andere Ende der Welt geht.«

»Wohl kaum«, stimmt Maja mir zu.

»Ich muss es ihm sagen!« Der Gedanke ist so logisch, dass ich gar nicht kapiere, warum ich nicht vorher darauf gekommen bin.

»Ihm was sagen?«, fragt Maja.

»Na, dass ich ihn liebe und auf ihn warten werde.« Warum ist Maja denn plötzlich so begriffsstutzig, das ist doch sonst nicht ihre Art? Egal, ich taste bereits neben dem Bett nach meiner Tasche und ziehe mein Handy raus. Mit fliegenden Fingern tippe ich meine Nachricht.

Muss mit dir reden. XXX Niki

Ich klicke auf Senden und warte. Eine Minute. Noch eine. Und noch eine. Maja schaut mich mit einem erwartungsvollen Gesichtsausdruck an. Aber irgendwie sieht sie aus, als würde sie nicht mit einer Antwort von Simon rechnen. Ich lasse noch ein paar Minuten verstreichen. Das Handy-Display bleibt schwarz. Keine neuen Nachrichten!

»Wahrscheinlich hat er es nicht gehört«, mutmaße ich.

»Ja, vielleicht.«

»Wir müssen ihn anrufen!« Eilig drücke ich die Kurzwahl für den WG-Anschluss. Freizeichen. Ich bin so hibbelig, dass ich vom Bett springe und in Majas Zimmer auf und ab laufe, während ich warte. Nach dem zehnten Klingeln geht endlich jemand dran.

»Hallo?«, brummt eine verschlafene Stimme.

»Hallo? Mario?« Ich bin mir nicht sicher, welcher von Simons Mitbewohnern am Apparat ist. Majas Kopf verfolgt mich neugierig auf meinem Marsch durch ihr Zimmer, sodass sie aussieht wie eine Zuschauerin bei einem Tennismatch.

»Hmm«, kommt genervt zurück.

»Hier ist Niki, kann ich Simon sprechen, bitte?«

Mario brummelt irgendetwas Unverständliches, aber ich kann seine Schritte hören, die vermutlich gerade durch den langen WG-Flur schlurfen. Dann ein Klopfen und eine Tür, die geöffnet wird. Stille.

»Mario?«, frage ich unsicher.

»Simon ist nicht da«, kommt zeitverzögert die Antwort.

»Wie, nicht da?«

»Nicht da«, wiederholt Mario. »Und es sieht auch nicht so aus, als ob er vorhätte, bald zurückzukommen«, fährt er plötzlich redselig fort. »Der Kleiderschrank steht auf und ist leer geräumt. In den Regalen fehlt auch einiges. Und außerdem ist hier drin echt miese Luft.«

Der Arm mit dem Handy gleitet mir vom Ohr und fällt kraftlos hinunter. Das Handy landet auf Majas rosa Flauschteppich. Ich starre es an, unfähig, mich zu bewegen.

»Hallo, Niki? Bist du noch da?«, tönt Marios Stimme etwas blechern zu mir herauf.

Plötzlich kniet Maja auf dem Boden und hebt das Handy an ihr Ohr.

»Niki ist gerade in Schockstarre gefallen«, erklärt sie knapp und legt einfach auf. Sanft zieht sie mich zu sich auf den Kuschelteppich und legt einen Arm um meine Schultern.

»Er ist weg«, flüstere ich. Wieder kämpfe ich mit den Tränen.

»Vielleicht ist es besser so«, versucht Maja mich zu trösten. Was hat sie denn bloß? Sie kommt mir schon die ganze Zeit so komisch vor.

»Willst du mir gar nicht helfen, Simon zurückzubekommen?«, frage ich.

»Doch, natürlich.« Maja drückt meine Schultern. »Natürlich helfe ich dir, wenn du das unbedingt möchtest. Aber was willst du jetzt noch machen? Simon ist schon auf dem Weg nach New York.«

»Dann muss ich halt auch nach New York!« Der Satz ist raus, bevor ich ihn überhaupt zu Ende gedacht habe. Verblüfft starrt Maja mich an.

»Wer bist du und was hast du mit meiner besten Freundin gemacht?«, fragt sie irritiert.

Ich lache nervös. Ich bin eigentlich gar nicht der Typ für solche Spontanentscheidungen. Normalerweise schreibe ich sogar Pro-und-Kontra-Listen, wenn es nur um die Auswahl eines Mittagessens in der Schulmensa geht. Aber das hier ist eine außergewöhnliche Situation – und die erfordert außergewöhnliche Maßnahmen!

»Ich muss nach New York!«, wiederhole ich energisch. Jetzt lacht auch Maja.

»Okay, neue Niki. Dann lass uns mal überlegen, wie du das deiner Mutter verklickerst.«

Meine gerade gewonnene Zuversicht schmilzt wie Eis in der Sonne. Meine Mutter! Die wird mit meinen Reiseplänen sicher gar nichts anfangen können. Unsere Zimmer in der Pension Clara sind bereits seit vergangenem Sommer gebucht. Schon Ende dieser Woche, gleich am letzten Schultag, wollen wir unsere Koffer packen, um für die kompletten sechs Ferienwochen in unser kleines Idyll in der Toskana zu verschwinden. Auch wenn ich die Sommerurlaube mit meiner Mom bisher immer genossen habe, steht mir im Augenblick nach nichts weniger der Sinn als nach beschaulicher italienischer Einöde.

Doch Maja hat bereits eine Idee. Ohne ein Wort der Erklärung schnappt sie sich ihren Laptop vom Schreibtisch und hackt im Eiltempo in die Tasten. Schon nach wenigen Minuten setzt sie sich mit einem zufriedenen Schnaufen wieder zu mir auf den Boden und streckt mir das Ergebnis ihrer Internetrecherche hin.

»Sprachreisen New York, unsere Angebote«, lese ich halblaut vor, was dort neben einem Bild der Freiheitsstatue geschrieben steht. Es dauert einen Moment, bis ich schalte, dann falle ich Maja um den Hals.

»Genial«, jubele ich.

»Es könnte klappen«, schränkt Maja bescheiden ein.

»Das wird klappen!«, bin ich überzeugt. Kaum etwas ist meiner Mom wichtiger als meine schulischen Leistungen. Und meine Englischnoten sind nach wie vor – gelinde gesagt – unterirdisch. Mit Ach und Krach habe ich es dieses Schuljahr geschafft, keine Fünf im Zeugnis zu kassieren und mich auf eine Vier zu retten. Doch Herr Weckmann, unser Englischlehrer, hat mehrmals betont, dass es nur eine schlechte Vier sei. »Nächstes Jahr musst du dich wirklich ranhalten!«, hat er mir eingeschärft. Meine Mom wird jedenfalls begeistert sein, wenn ich endlich »die Initiative ergreife«, wie sie selbst so schön sagt, um mein Englisch aufzumöbeln.

»Los«, treibe ich Maja an. »Lass mal sehen, was die alles im Angebot haben.«

Wie immer erweist sich Maja als Recherchekönigin und schon nach kürzester Zeit haben wir eine breite Auswahl an Anbietern für Schülersprachkurse gefunden. Teuer sind sie alle, aber für die Bildung ihrer Tochter kann meine Mom ruhig mal ein bisschen Geld springen lassen, finde ich. Hoffentlich sieht sie das genauso.

»Druckst du mir das aus?«, bitte ich Maja.

Maja reicht mir gerade einen Stapel eng bedruckter Seiten, als die Zimmertür vorsichtig geöffnet wird.

»Du bist ja schon wach.« Zuerst erscheint Frau Brandts dauergewellter Kopf im Türspalt, dann schiebt Majas Mutter ihren fülligen Körper im geblümten Bademantel hinterher.

»Oh, Niki, guten Morgen. Was machst du denn um diese Zeit schon hier?« Sie klingt verwundert, aber freundlich. Majas Eltern sind es gewohnt, dass ich zu den unpassendsten Uhrzeiten bei ihrer Tochter rumhänge.

»Wir haben nur schnell im Internet was für die Schule rausgesucht«, gibt Maja als wenig erhellende Erklärung ab, während ich mir verstohlen über die Wangen reibe, damit Frau Brandt die Spuren meiner nächtlichen Heulexzesse nicht bemerkt.

»Möchtest du mit uns frühstücken?«, fragt mich Majas Mutter gut gelaunt. »Es gibt Eier mit Speck. Und natürlich jede Menge gesundes Müsli«, fügt sie mit einem Seitenblick zu ihrer Tochter hinzu.

Die Versuchung ist groß. Ich bin furchtbar gern bei Majas normaler Familie: Vater, Mutter und drei Kinder, die sich alle um den großen Tisch in der biederen Landhausküche, Modell Eichenfurnier, drängen. Aber heute habe ich noch etwas anderes vor. Ein Blick auf die Zeitanzeige meines Handys gibt mir recht.

»Danke, aber ich muss mich beeilen, wenn ich meine Mom noch erwischen will, bevor sie in die Galerie fährt.«

Ich drücke Maja kurz, aber fest an mich und nicke Frau Brandt zu. Im Rausgehen stopfe ich den Stapel Blätter in meine Tasche.