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ISBN 978-3-649-61800-3 (eBook)

eBook © 2014 für die deutschsprachige Ausgabe

Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG, Hafenweg 30, 48155 Münster

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise

eBook-Produktion: book2look Publishing 2014


ISBN 978-3-649-61386-2 (Buch)

© 2014 für die deutschsprachige Ausgabe

Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG, Hafenweg 30, 48155 Münster

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise

Originalcopyright © 2012 by Nina Vogt-Østli

Originalverlag: Cappelen Damm AS

Originaltitel: Min tid kommer

Aus dem Norwegischen von Dagmar Lendt

Diese Übersetzung wurde von NORLA finanziell unterstützt.

Umschlag: Eisele Grafik . Design, München unter Verwendung des Originalartworks von Asbjørn Jensen

Lektorat: Christina Grams

Satz: Sabine Conrad, Rosbach

www.coppenrath.de

Ich muss raus.

Der Unterricht ist vorbei und ich will nach Hause, aber Andreas steht in der Tür und versperrt mir den Ausgang.

Es gibt keinen anderen Weg nach draußen. Ich muss an ihm vorbei.

Warum geht es auf einmal wieder los? Ich war doch endlich unsichtbar. Was hat mich aus dem Schatten gezerrt?

Ich denke daran zurück, wie es angefangen hat. Wie ich zum Opfer geworden bin.

Alles war plötzlich verkehrt. Dass ich mich im Unterricht meldete. Die Art, wie ich redete. Sie fingen an, sich über mich lustig zu machen, und schlossen mich aus.

Dann begannen sie, mir ein Bein zu stellen. Sie gingen in der Gruppe hinter mir und traten mir in die Hacken. Immer in der Gruppe. Andreas war der Einzige, der sich allein an mich heranmachte. Umringt von Zuschauern, ließ er sich dauernd neue Sachen einfallen, um mich zu quälen. Ich verstand nicht, wieso alle das gut fanden. Wieso mir keiner half. Wieso es nur schlimmer wurde, wenn ich mich wehrte. Und noch schlimmer, als meine Mutter versuchte, mit Eltern, Lehrern, Psychologen und anderen, die keine Macht auf dem Schulhof besaßen, darüber zu reden.

Ich war auf mich allein gestellt.

Es wurde besser, als wir in die Mittelstufe kamen. Neue Schüler. Mehr Hormone. Mädchen mit Brüsten, in die sie reinkneifen konnten. Meine Peiniger kamen auf andere Gedanken. Und ich tat alles, um sie nicht an mich zu erinnern. Ich wich ihren Blicken aus und meldete mich nicht im Unterricht. Verschwand im Schatten, wo es sicher war.

Was ist also schiefgegangen? Wieso hat meine Unsichtbarkeit Risse bekommen?

Könnte sein, dass es Gunnars Schuld ist.

Als es eben zum Ende der letzten Schulstunde klingelte, kam er zu mir. Ich war nicht ganz bei der Sache, weil ich gerade meine Bücher in den Rucksack schaufelte, um möglichst schnell nach draußen zu kommen. Auf einmal stand er da. Ganz plötzlich. Oder besser gesagt, er saß. Pflanzte sich mit einer Arschbacke auf meinen Tisch. Ich spürte Angst und zugleich Ärger. Angst, weil ich auf keinen Fall die Aufmerksamkeit von Lehrern erregen will. Und Ärger, weil Gunnar offenbar nicht begreift, was er damit anrichtet, wenn er sich auf meinen Tisch setzt und so ein mitfühlendes Lächeln anknipst, das mir in den Augen brennt.

»Geht’s dir gut, Hans Petter?«, fragte er, in diesem kameradschaftlichen Ton, den Lehrer so draufhaben. Vor allem männliche Lehrer, die einen auf Kumpel machen wollen. Lehrerinnen kommen einem eher auf die mütterliche Tour.

Ich nickte. Mein Gehirn arbeitete auf Hochtouren, um einen Ausweg zu finden, irgendwas, damit Gunnar sich wieder verzog.

»Du, ich habe da ein Projekt vor, bei dem ich dich gern dabeihätte.«

Was immer das auch war, ich hatte keine Lust, aber wenn ich Nein sagte, würde er nur versuchen, mich zu überreden.

»Großartige Sache, das kann ich dir versprechen«, fuhr Gunnar fort. »Dauert nicht lange.«

»Okay«, murmelte ich und dachte mir, dass ich ja einfach nicht hinzugehen brauchte. Gunnar blickte sich um und bemerkte, dass einige aus der Klasse uns neugierig beobachteten. Sie hatten es auf einmal nicht mehr eilig, nach draußen zu kommen. Hatten aufgehört zu quatschen. Vielleicht wurde Gunnar endlich bewusst, dass er mich besser nicht vor allen Leuten angesprochen hätte, denn er stand auf und flüsterte beinahe: »Ich sage dir noch, wann und wo.«

Kurz sah es so aus, als wollte er mir auf die Schulter klopfen, aber dann besann er sich zum Glück eines Besseren und verzog sich eilig Richtung Lehrerzimmer. Ich dachte noch darüber nach, was in aller Welt das sein könnte, bei dem er mich dabeihaben wollte, aber ich vergaß es gleich wieder, als ich aus dem Klassenzimmer trat.

Andreas steht noch immer in der Tür zum Schulhof und starrt mich an. Ich sollte einfach wegschauen und Ruhe bewahren, aber Gunnar hat mich aus dem Konzept gebracht.

Vielleicht ist es die Größe, die Andreas zu dem macht, der er ist. Er ist riesig, schon immer gewesen. Immer einen halben Kopf größer als die anderen, ein richtiger Kraftprotz eben. Nicht dick, auch nicht mit so Angebermuskeln, wie ein Bodybuilder sie sich zum Posieren antrainiert. Er ist von Natur aus stark. Und wenn die Natur dich mit solchen Gaben ausgestattet hat, was machst du dann damit? Na klar, du benutzt deine Riesenfaust und dein Gespür für die Schwachstellen deines Gegners, um dir einen Platz ganz oben auf der Leiter zu sichern. Ist doch verlockend.

Andreas steht breitbeinig und mit verschränkten Armen da. Er hat auf mich gewartet.

Wie ich die Sache sehe, habe ich nur drei Möglichkeiten:

  1. Im Flur ausharren, bis er geht,
  2. mich an ihm vorbeidrängen,
  3. Gunnar hinterherrennen und versuchen, ihn zu erwischen, bevor er im Lehrerzimmer verschwindet.

Nummer zwei wäre auf den ersten Blick wohl die dümmste Wahl. Das würde Körperkontakt bedeuten, und zwar mit einem Typen, der mir garantiert nichts Gutes will. Aber von allein wird Andreas nicht weggehen. Je länger ich zögere, desto unangenehmer wird es. Und wenn ich Gunnar hinterherlaufe, wird alles beim nächsten Mal nur noch schlimmer. Dann schnappen sie mich morgen früh oder sie warten vor der Schule. Also doch Nummer zwei.

Ich nehme innerlich Anlauf. Andreas bemerkt es, denn sein Mund verzieht sich zu einem fiesen Grinsen. Er streckt die Arme nach beiden Seiten aus und stemmt sie gegen den Türrahmen.

Es gibt kein Zurück mehr. Ich darf jetzt nicht kneifen. Das muss alles in einer einzigen Bewegung passieren. Ich ziehe den Bauch ein, senke den Kopf und probiere es auf der rechten Seite. Den Rücken zu Andreas gewandt, versuche ich, mich seitlich durchzuquetschen. Er rührt sich nicht, aber es fühlt sich an, als würde er wachsen, während ich mich gegen seine dicken Arme presse. Es wird enger. Ich spüre, dass es jeden Moment passiert – eine Klaue, die mich im Nacken packt –, und es läuft mir kalt über den Rücken. Aber da kommt nichts.

Ich schiebe mich vorbei, stolpere über den Fuß von jemandem und falle draußen die drei Treppenstufen runter. Gelächter hagelt auf mich herab, aber das ist mir egal. Ich bin draußen. Ich stehe auf und mache, dass ich wegkomme. Andreas ist hinter mir.

Während ich eilig nach Hause laufe, treibt mir der scharfe, frische Herbstwind die Tränen in die Augen. Als wollte auch er mir sagen, dass es keinen Ausweg für mich gibt.

Meine Schritte hasten über den Asphalt. Steht mir das wieder bevor? Täglich gequält und gedemütigt zu werden?

Die letzten Wochen in der Grundschule waren bisher die schlimmsten in meinem ganzen Leben. Andreas wartete jeden Tag auf mich. Als wäre es sein morgendliches Training, mich zu verprügeln. Ich hatte keine Lust, zum Sommerabschlussfest zu gehen. Die Vorstellung, dass meine Mutter dort mit den anderen Müttern stehen und sich zwingen sollte, nett zu sein, war für mich unerträglich. Ich schwänzte die beiden letzten Wochen. Hatte keinen Bock mehr, lag nur im Bett und starrte nach draußen in den Sonnenschein. Mum ließ mich in Ruhe, und ich glaube nicht, dass es in der Schule jemanden kümmerte. Sie waren sicher froh, dass ich weg war, dass ich bald das schlechte Gewissen einer anderen Schule sein würde.

Der Wechsel von der siebten Klasse in die Mittelstufe war so was wie meine Rettung. Ich fand einen Weg, unsichtbar zu werden. Und ich bin stolz, dass es so gut funktioniert hat. Aber nun scheint meine Zeit abzulaufen. Vor mir liegen noch ein paar Monate bis Weihnachten und ein langes Frühjahrshalbjahr, bevor ich die Mittelstufe hinter mir habe. Ich brauche einen neuen Plan.

Meine Gedanken drehen sich im Kreis. Ich setze mich an meinen PC. Zocken ist das Einzige, was hilft, um den Kopf frei zu kriegen.

Auf Strategiespiele stehe ich am meisten. Bis zum Abendessen gibt es einiges zu tun: eine Invasion starten, Technologien entwickeln und andere dringende Regierungsaufgaben erledigen. Aber noch bevor ich das Spiel-Icon anklicken kann, taucht im Chat ein Name auf, den ich nicht kenne.

Fera:

Hallo

Das ist merkwürdig. Meine Kontaktliste ist kurz und übersichtlich. Dieser Name ist definitiv nicht dabei.

Fera:

Bist du da?

Fera. Klingt ungewöhnlich. Wahrscheinlich ein Nickname.

Fera:

Willst du reden?

Ich überlege kurz. Ja, eigentlich hätte ich schon Lust, mit jemandem zu reden. Und ich möchte so gern, dass die Message für mich ist, auch wenn das überhaupt nicht sein kann. Also antworte ich.

Hans Petter:

Wer bist du?

Fera:

Ich bin Fera.

Sie sieht auf dem Profilbild ein bisschen seltsam aus. Als würde sie es darauf anlegen, nicht stylish zu sein. Irgendwas passt nicht. Vielleicht steckt Andreas dahinter. Vielleicht ist es ein fieser Plan, um mich lächerlich zu machen.

Nicht, dass ich Andreas zutrauen würde, sich eine solche Falle auszudenken. Mein Chat-Profil aufzuspüren. Ein Mädchen zu erfinden. Einen Plan auszuhecken. Langfristig zu denken. Aber besser, ich bin vorsichtig.

Ich blocke sie nicht. Ich logge mich einfach aus.

Mum steht in der Küche und brät Fischfrikadellen. Ich war so ins Spiel versunken, dass ich nicht gehört habe, wie sie nach Hause gekommen ist, aber der Geruch hat seinen Weg die Treppe hinauf gefunden und mich nach unten gelockt. Zum Glück ist sie nicht der Typ Mutter, der meckert, wenn man zu viel am Computer sitzt.

Mum und ich. Wir könnten nicht verschiedener sein. Obwohl wir uns schon ziemlich ähnlich sehen. Wir haben beide dünnes blondes Haar. Mum bläst ihres mit einem Föhn und tonnenweise Haarspray auf. Und sie hinterlässt roten Lippenstift auf allen Tassen und Gläsern, mit denen sie in Berührung kommt.

Meine Mutter ist immer sichtbar, man kann sie unmöglich übersehen. Die Haare. Der Lippenstift. Die Stöckelschuhe. Nicht, dass sie so viel anders wäre als die anderen Mütter, aber bei ihr ist alles irgendwie ein bisschen mehr. Sie fällt auf. Und sie redet lauter. Als wollte sie wettmachen, dass sie bei den Elternabenden immer die Jüngste ist. Und diejenige ohne Bildung.

Man muss es einfach mal so sagen: Mum ist nicht klug. Sie ist nicht direkt dumm, aber von schlichtem Verstand. Lieb ist sie, herzensgut. Aber ziemlich simpel gestrickt.

Bei ihr stand ich immer im Mittelpunkt. Alles, was sie tat, tat sie für mich. Ich liebte es, dass sie mich abends fest umarmte, ihr Gesicht in meinen Nacken drückte und mir sagte, wie lieb sie mich hat. Das macht sie jetzt nicht mehr. Sie sagt zwar noch, dass sie mich lieb hat, aber mit dem Umarmen ist nun zum Glück Schluss. Sogar meine Mutter hat begriffen, dass man irgendwann zu groß dafür ist. Als das Mobbing in der Schule am schlimmsten war und Mum vergeblich dagegen ankämpfte, da waren ihre Umarmungen so erdrückend, dass ich mich ihr einfach entziehen musste. Ich hielt es nicht mehr aus, ihre rot geweinten Augen zu sehen.

Sie lächelt mich an, als ich in die Küche komme. Ich erkenne sofort, dass sie etwas auf dem Herzen hat. Aber beim Essen sagt sie nichts davon. Sie redet nur über etwas, das sie in der Zeitung aufgeschnappt hat.

Mum regt sich oft über Sachen auf, die sie liest. Sie hat zu allem eine Meinung. »Ein Hijab muss doch nicht notwendigerweise frauenunterdrückend sein, oder?«, fragt sie mich dann zum Beispiel, ohne eine Antwort zu erwarten. Oder sie regt sich darüber auf, dass es nicht genügend Schwimmunterricht für Kinder gibt. Oder dass der öffentliche Nahverkehr so schlecht ist. Oder sie will mit mir über Leihmütter diskutieren. Außer mir ist ja keiner da.

Aber heute höre ich ihr gar nicht richtig zu. Ich hänge meinen Gedanken nach, während sie ihre tägliche Dosis Dampf ablässt, und warte geduldig, bis sie auf das kommt, worüber sie eigentlich reden will.

»Gunnar hat mich heute angerufen.«

Das sagt sie, während sie den Tisch abräumt. Ich erstarre. Der hat hier angerufen? Hat er etwas von der Sache mit Andreas mitgekriegt? Ich meine, eigentlich hat Andreas mich ja nicht mal angefasst …

»Er sagt, dass er dich gern bei einem Projekt dabeihaben will, das er plant.«

Ach, wieder dieses geheimnisvolle »Projekt«. Wieso muss er Mum da mit reinziehen? Will er sie benutzen, damit ich mitmache?

»Ja, er hat heute so was erwähnt«, antworte ich.

»Das hört sich doch gut an«, sagt sie lächelnd.

Ich sollte vielleicht die Gelegenheit nutzen und fragen, was das eigentlich für ein »Projekt« ist, aber dann merkt Mum, dass ich weniger weiß als sie. Ich entscheide mich, auf eine möglichst vieldeutige Art die Schultern zu zucken.

»Gunnar ist wirklich jemand, der sich kümmert. Ich bin so froh, dass du ihn als Vertrauenslehrer hast.«

Sie lächelt, während sie Gunnars ach so guten Eigenschaften lobt. Dieser Blödmann. Macht einen auf verständnisvoller Superlehrer. Ich werde bei seinem »Projekt« garantiert nicht mitmachen. Ich kann nicht riskieren, dass mich irgendetwas sichtbarer macht, falls Andreas plötzlich auf die Idee kommen sollte, mich wieder als Zielscheibe zu benutzen. Ich muss nur aus der Sache rauskommen, ohne dass es auf Mum zurückfällt.

»Kannst du den Abwasch übernehmen? Ich muss noch so viel lesen.«

Ich nicke, stöhne aber dabei ein bisschen, damit ihr klar ist, dass ich heute mal eine Ausnahme mache. Ich kapiere nicht, wieso sie so viel lesen muss, aber das hat wohl mit ihrem Job zu tun. Und da sie mich mit dem Thema Hausaufgaben in Ruhe gelassen hat, kann ich ebenso gut eine Bratpfanne abwaschen.

Ich mache so wenig Hausaufgaben wie möglich. Wenn du was für die Schule tust, werden die Lehrer auf dich aufmerksam, sie lesen deine Aufsätze laut vor und all so was. Und das will ja keiner. Da denken sich die anderen dann sofort was aus, um dich runterzumachen.

Außerdem hat es keinen Zweck, den Lehrern diese Befriedigung zu verschaffen. Dass du gute Noten kriegst, meine ich. Sie glauben doch sofort, dass es ihr Verdienst sei. Dabei ist es keine Kunst, einen Einser-Aufsatz zu schreiben. Du musst nur herausfinden, was die Lehrer haben wollen, und dann kritzelst du genau das hin. Versuch bloß nicht, dir selbst was auszudenken. Komm nicht mit Ansichten, die ihnen nicht gefallen.

Ich habe mal einen Aufsatz über die Polizei geschrieben. Das war, bevor ich herausfand, dass es besser ist, in Deckung zu bleiben. Ich hatte argumentiert, dass man nur Leute mit hohem IQ für diesen Beruf zulassen sollte, weil sich viel zu viele Idioten mit viel zu viel Macht da draußen herumtreiben. Dafür habe ich meine erste Drei kassiert, tja. Inzwischen habe ich den Bogen raus. Ich peile jetzt immer eine Vier an, aber es kommt vor, dass ich es nicht schaffe, mich dumm genug anzustellen.

Manchmal frage ich mich, wieso ich überhaupt noch zur Schule gehe. Nur um den anderen einen Gefallen zu tun? Damit sie jemanden fertigmachen können und sich selbst nicht so klein vorkommen?

Es kostet so viel Energie, nicht aufzufallen, nicht zu existieren. Ich habe tausend Dinge, für die ich meine Zeit besser verwenden könnte. Bücher lesen. Am Computer spielen. Filme gucken. Aber wer weiß. Vielleicht sind es genau diese Jahre, die mich das lehren, was im Leben zählt.

»Du musst einfach durchhalten«, sagt Mum. »Du brauchst einen Abschluss, du musst zur Schule gehen. Hab Geduld. Im Moment ist es schrecklich, aber wenn das vorbei ist, wirst du andere Kreise finden, in denen du dich wohlfühlst.«

Das ist so naiv. Aber vielleicht hat sie recht, wenn auch auf eine andere Art, als sie glaubt. Sie ist traurig, weil ich keinen Bock habe, was für die Schule zu tun. Bei einer Untersuchung musste ich einen IQ-Test machen, und der Psychologe hüpfte vor Aufregung auf seinem Stuhl, als er uns die Ergebnisse präsentierte. Ich bin hochbegabt. Ich kann mir den Stoff selber beibringen, ich brauche keine Lehrer. Aber die Schule lehrt mich etwas anderes. Die glauben, sie haben mich untergekriegt. Sie rotten sich zusammen und glauben, das macht sie stärker. Aber für mich ist das ein Training. Nichts macht dich stärker, als wenn du dich selber wieder aufbaust, nachdem sie auf dich eingedroschen haben, bis du als zitternder Haufen im Dreck liegst. Den möchte ich sehen, der dasselbe durchmacht wie ich und dann wieder aufsteht. Immer wieder aufs Neue.

Eines Tages, wenn sie sich nicht mehr zusammenrotten können, stehe ich als Einziger stark da. Eines Tages bin ich am Zug. Eines Tages werden sie sehen, wer ich wirklich bin, was ich wirklich kann. Aber bis es so weit ist, muss ich überleben.

Es ist spät. Ich will nicht mehr an Andreas und die Schule denken. Der Schreibtischstuhl schmiegt sich weich an meinen Körper und wärmt meinen Rücken. Zu Hause können sie mir nichts anhaben. Ich schalte den PC ein, dann kann mein Unterbewusstsein arbeiten, während ich spiele.

Fera:

Hallo!

Die gibt nicht auf. Das könnte darauf hindeuten, dass es Andreas ist. Dass er zu viel geplant hat, um sich sofort wieder zurückzuziehen. Aber wie gefährlich kann er mir hier schon werden? Ich sitze ja zu Hause in meinem Zimmer.

Hans Petter:

Hallo, Fera. Witziger Name.

Ich glaube kaum, dass man mit so einem Namen durchs Leben gehen kann, ohne dass jemand eine Bemerkung darüber macht. Falls es wirklich ein Mädchen ist, muss sie Ausländerin sein oder ausländische Wurzeln haben. Oder vielleicht ist es irgend so ein neuer Reklame-Gag, eine Art Bot, der mich kontaktiert und so tut, als könnte er reden. Wie diese IKEA-Frau. Pass auf, gleich erwähnt sie einen neuen Energy-Drink namens »Fera«.

Hans Petter:

Was gibt’s?

Fera:

Ich will nur mit dir reden.

Hans Petter:

Weißt du, wer ich bin?

Fera:

Du heißt Hans Petter und bist fünfzehn. Viel mehr weiß ich nicht.

Hans Petter:

Das ist schon eine ganze Menge. Wie alt bist du?

Ich wette, es ist ein fetter alter Mann, der so tut, als wäre er ein Mädchen, aber ich frage trotzdem.

Fera:

Auch fünfzehn.

Hans Petter:

Woher weißt du, wer ich bin?

Fera:

Ich bin einfach neugierig.

Hans Petter:

Scheint so. Aber woher weißt du, wer ich bin?

Fera:

Ich weiß es einfach. Ich habe dich gesehen.

Hans Petter:

Wo denn? In der Schule?

Fera:

Nein, irgendwo anders.

Hans Petter:

Wer hat dir gesagt, wie ich heiße?

Fera:

Habe ich vergessen. Ich weiß es eben.

Sehr einleuchtend …

Mann, Andreas, hättest du dir nicht was Überzeugenderes ausdenken können?

Hans Petter:

Aha. Und warum willst du mit mir reden?

Fera:

Weil ich dich kennenlernen möchte.

Noch etwas ist komisch. Wo sind die Smileys? Kein Mädchen chattet, ohne jede Menge Smileys einzustreuen. Würde Andreas das einkalkulieren?

Hans Petter:

Wer bist du? Woher kommst du?

Fera:

Wer sind wir überhaupt? Und wo gehören wir hin? Das ist es, was ich herausfinden will. Ich bin ich und du bist du. Was unterscheidet uns?

Was ist das jetzt? Sofies Welt, oder was? Ist »Fera« ein bärtiger alter Mann, der mich zum Philosophieren verleiten will? Wenn ich einen coolen Freund hätte, einen, mit dem es Spaß macht, sich gegenseitig zu verarschen, dann hätte ich auf ihn getippt. Ich hab dich, du kannst mich nicht täuschen. Aber ich habe nicht mal einen Freund, der uncool ist.

Hans Petter:

Wir sind ein Haufen Gene, verschmolzen durch die Sünden der Väter und geformt durch die missverstandene Erziehung der Mütter. Alles Monster in verschiedenen Abstufungen, die herumirren und mehr oder weniger bewusst miteinander kollidieren.

Ha! Rumschwafeln kann ich auch.

Fera:

Interessant. Du behauptest, dass wir alle Monster sind?

Hans Petter:

Monster oder Idioten.

Fera:

Und du? Bist du Idiot oder Monster?

Hans Petter:

Bei mir gibt es kein Entweder-oder. Ich bin beides zusammen. Aber unterschiedlich stark ausgeprägt. Und umgeben bin ich sowohl von Idioten als auch Monstern.

Fera:

Muss anstrengend sein.

Hans Petter:

Das kannst du laut sagen.

Fera:

Ich möchte gern mehr darüber wissen.

Hans Petter:

Wohl kaum.

Fera:

Doch, ehrlich. Wer sind die Monster?

Hans Petter:

Also, ich für meinen Teil habe Reißzähne, gelbe Augen, lila Stacheln und ekligen Ausschlag. Aber nur innen.

Fera:

Haha. Du bist lustig.

Hans Petter:

Ich geb mir Mühe. Du darfst lachen.

Fera:

Ich lache.

Hans Petter:

Das höre ich.

Fera:

Es ist ein schönes Lachen, oder?

Hans Petter:

Entzückend. Wie Kreidequietschen an der Tafel gemischt mit Zähneklappern um Mitternacht.

Sie vermeidet es, etwas über sich selbst zu sagen. Aber das tue ich auch. Und es gefällt mir. Es macht Spaß, mit ihr zu chatten. Wir unterhalten uns noch eine Weile so weiter. Dann loggt sie sich aus und ist weg. Urplötzlich.

Hab ich was Falsches gesagt? Oder ist nur ihre Internetverbindung abgebrochen? Vielleicht hat sich ein neugieriger kleiner Bruder rangeschlichen. Ich bin ein bisschen enttäuscht, aber nicht wirklich sauer.

Ich klicke auf das Profilbild neben ihrem Namen, um es ein bisschen zu vergrößern. Es ist eine Art Passfoto. Sie lächelt nur ganz leicht. Ihre Augen sind schmal, sie sehen intelligent aus. Ihre Haare sind glatt und zu einer merkwürdigen Frisur geschnitten. Wie ein Pony, der an den Seiten länger wird und um den ganzen Kopf läuft. Die Haut ist leicht bronzefarben. Sie sieht komisch aus. Mir gefällt’s. Ein Außenseiter fühlt sich wohl zum anderen hingezogen. Außerdem ist sie so ungewöhnlich, dass unmöglich ein Andreas oder ähnliche Schwachköpfe hinter ihrem Profil stecken können. Die hätten als Foto irgendeine hochgestylte Tittentussi genommen, einen Köder, bei dem sie selbst anbeißen würden. Ganz sicher. Die kennen mich nicht.

Fera ist auf eine ziemlich interessante Art anders. Anziehend anders.

Und sie will sich mit mir unterhalten.

Allein das ist ja schon absonderlich.

Morgens wird es jetzt immer später hell. Herbst ist die schlimmste Jahreszeit. Das Wetter ist selten anders als zum Kotzen und das Schuljahr ist noch so deprimierend lang. Mir frieren die Zehen in meinen dünnen Stoffschuhen.

Die Schule liegt mitten zwischen Reihenhäusern und kleinen Straßen. Mit einer Mischung aus Grauen und Erwartung schleppe ich mich zur ersten Stunde.

Der Schulhof ist voller Gruppen von Schülern mit Rucksäcken und Taschen. Sie strömen zusammen, bilden Haufen, schubsen, quatschen, albern herum. Einige sehen mich kommen, sie grinsen, stoßen sich an, zeigen auf mich. Erzählen sich wohl gegenseitig von der Sache mit Andreas in der Schultür. Es ist unglaublich, was man alles mitkriegt, selbst wenn man versucht, möglichst nur auf die Erde zu starren. Ich fühle mich unangenehm sichtbar. Sehne mich danach, ignoriert zu werden.

Gleich klingelt es zur ersten Stunde. Ich will dem Gedränge ausweichen und vor den anderen drin sein. Natürlich könnte ich mich in der Menge verstecken, mir ein stilles Plätzchen suchen und nach den anderen reingehen, aber Andreas kommt meistens spät, und ich möchte nicht riskieren, am Ende allein mit ihm auf dem Schulhof zu stehen. Langsam gehe ich Richtung Eingang.

Ganz falsche Entscheidung.

Andreas muss schon auf mich gewartet haben. Er springt hervor und ruft.

»Ey, du!«

Ich zucke zusammen, drehe mich um, aber es kann keinen Zweifel geben, er meint mich. Mit schnellen Schritten steuert er auf mich zu. Sein Blick ist merkwürdig. Böse, aber gleichzeitig irgendwie zufrieden.

Mein Puls fängt an zu rasen.

Ich kann nicht klar denken.

Als sein Gesicht weniger als eine Armlänge von meinem entfernt ist, beginne ich, langsam rückwärtszugehen. Alles andere als klug, aber ich reagiere rein reflexartig. Ich rechne mit einem Schlag gegen den Brustkorb oder einem Kopfstoß gegen die Nase, aber es kommt nichts. Wir bewegen uns weiter, ich rückwärts, er vorwärts, mit dem Gesicht dicht vor meinem. Eine Art bedrohlicher Tango, der endet, als ich mit dem Rücken an die Hauswand stoße.

Andreas steht vor mir und starrt mich an.

Sein Atem riecht nach Zigarettenqualm und Erdnussbutter. Ich kann mich nicht bewegen, nicht reden, kaum atmen. Aber ich zucke mit keiner Wimper, mache die Augen nicht zu. Ich warte einfach auf das, was geschehen muss. Es ist, als wäre die Zeit eine Blase, als würden wir in der Luft schweben.

»Irgendwann kommt es, du wirst sehen …«, flüstert er. Nur ich kann es hören. Er starrt mir immer noch in die Augen.

Dann dreht er sich einfach um. Lacht laut. Die Blase platzt. Der ganze Schulhof johlt.

»Ich glaube, Hans Petter braucht eine neue Windel«, sagt irgendein Clown.

Es läutet zum Unterricht, und alle vergessen mich und fangen an, ins Gebäude zu gehen.

Ich muss auch rein. Muss auf meinem Platz sitzen. Mitten in der letzten Reihe an der Wand. Ich muss da sitzen und so tun, als hörte ich dem Lehrer zu, während ich nur immerzu daran denken kann, was mich vielleicht erwartet und wann ich damit zu rechnen habe. Ich muss stark sein. Ich bin allein.

Mum kann mir nicht helfen. Sie würde so gern. Aber es geht nicht. Es funktioniert am besten, wenn sie sich nicht einmischt, wenn sie keine Sachen ins Rollen bringt, die bei den anderen nur Rachegelüste wecken. Also haben wir etwas vereinbart, als ich in die Mittelstufe gekommen bin: Ich werde nicht schwänzen, und sie wird nicht versuchen, irgendwas in Ordnung zu bringen. Ich weiß, dass es ihr schwerfällt. Als sie mich in dieselbe Klasse gesteckt haben wie Andreas, musste ich sie beinahe festbinden, um sie zu stoppen.

Es ist Abend. Mum setzt sich mit einem großen Glas Rotwein aufs Sofa, legt die Beine auf den Tisch und seufzt zufrieden, so wie man es nur an einem Freitagabend tut. Ein Fünfzehnjähriger sollte eigentlich nicht so viel Zeit mit seiner Mutter verbringen. Er sollte zu spät nach Hause kommen, Knutschflecken am Hals haben und nach Rauch und Pfefferminzkaugummi riechen. Aber das ist mir egal. Hier zu Hause bin ich jedenfalls in Sicherheit. Es kann ja auch riskant sein, sich zu viel mit pubertierenden Halbaffen abzugeben, Idiotie ist nämlich ansteckend.

»Was hast du heute Abend für uns?«, fragt Mum. Ich bin an der Reihe, einen Film auszusuchen. Meine Mutter liebt Filme. Sie will immer etwas eigenartige Streifen sehen. Solche, die gute Kritiken bekommen haben, die aber keiner im Kino sehen möchte. Manche von denen sind okay. Außerdem liebt sie Klassiker, dann fühlt sie sich kulturell. Zum Glück wechseln wir uns mit dem Aussuchen ab. Ich mag Science-Fiction. Wenn ich einen alten SciFi-Film finde, der kein B-Movie mit fliegenden Untertassen an Bindfäden ist, dann ist Mum meistens auch einverstanden. Sie schaut gern mit mir zusammen Filme an. Sie hat ja auch nicht so viele Dates. Dafür hat sie Freundinnen. Arbeitskolleginnen, mit denen sie ab und zu was unternimmt. Aber meistens ist sie zu Hause. Da ist es nur gut, dass sie mich hat.

»Blade Runner.«

Ich halte das Cover hoch.

»Ridley Scott. Director’s Cut. Ist gestern mit der Post gekommen.«

»Oh, und mit Harrison Ford!«, sagt Mum und strahlt. »Der ist so richtig zum Anbeißen.«

»Äh, verdirb mir nicht den ganzen Film.«

Der Film ist cool. Das muss Mum zugeben. Ihr gefällt, »dass er zeigt, dass alles Leben wertvoll ist« und dass er »erschreckend aktuell« ist. Na ja, sie interpretiert eben das rein, was sie will.

»Morgen bist du dran mit Aussuchen«, sage ich. »Aber nimm bloß keinen, der allzu zäh und düster ist. Morgen ist schließlich Samstag.«

Meine Mutter rutscht ein bisschen auf dem Sofa herum und macht ein unglückliches Gesicht.