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»WAS hast du gemacht?«

Lynn sieht mich an, als hätte ich ihr gerade erzählt, ich würde mir die Beine mit der Pinzette enthaaren.

»Boah, Marie! Wie konntest du nur so blöd sein?«

Ich beiße mir auf die Lippe. »Weiß ich auch nicht«, murmele ich. Am liebsten würde ich mich einfach umdrehen und weiterschlafen. Wie hab ich das nur wieder hingekriegt? Ich bin noch keine Viertelstunde wach und stecke schon mitten in einer Krise.

»Gib mir mal dein Handy.« Lynn streckt die Hand aus. »Vielleicht geht’s ja doch irgendwie.«

Aber es geht gar nicht. Hätte ich mich denn nicht ein paar Sekunden lang konzentrieren können? Wie schwer kann es sein, eine SMS an die richtige Person zu schicken?

Von der Schlafcouch aus hält Lynn mir das Display entgegen. »Ist es die hier?«

Ich nicke.

»Och«, sagt Lynn, während sie die SMS überfliegt. »Das geht doch noch. So schlimm ist es nicht.«

»So schlimm ist es nicht?«, wiederhole ich. »Ich habe Raoul gerade gesimst, dass ich in ihn verliebt bin. Schlimmer geht’s ja wohl gar nicht!«

»Nimm es nicht so tragisch.« Lynn wirft das Telefon auf mein Bett. »Sieh’s mal so: Da steht doch nicht, dass du in ihn verliebt bist. Da steht, dass du dich in ihn verlieben könntest

»Was du nicht sagst!« Ich schnaube. »Ein Riesenunterschied. Das findet Raoul ganz bestimmt auch.«

Mit den Zähnen zerre ich mir mein Haargummi vom Handgelenk und binde mir die Haare zu einem Zopf zusammen. Im Nacken klebende Haare sind das Schlimmste, was es gibt. Na ja, das Zweitschlimmste. Auf Platz eins steht diese hirnverbrannte SMS an Raoul.

Ich finde Raoul schon seit Wochen toll, ach was, seit Monaten. Das Seltsame ist, dass ich bis gestern noch nie mit ihm gesprochen habe. Wir haben immer nur ›Hi‹ gesagt, wenn wir uns begegnet sind, und das war’s. Auf Tims Party haben wir uns dann zum ersten Mal miteinander unterhalten. Wie gut, dass Lynn manchmal einfach nicht lockerlässt, denn ich hatte erst null Bock auf diese Party. Ich hasse es, irgendwo zu sein, wo ich niemanden kenne. Zum Glück bin ich trotzdem hingegangen, ich habe nämlich nicht nur zum ersten Mal mit Raoul gesprochen, sondern wir haben uns auch geküsst. Echt geküsst, wie ich es schon immer mal tun wollte. Mit langen Zungenküssen und zärtlichen Küsschen zwischendurch und meinem Gesicht in seinen Händen. Mein Bauch zieht sich wieder zusammen, als ich daran denke.

»Das macht dich echt fertig, was?«, fragt Lynn.

Ich schaue auf. »Na klar. Wie würdest du dich denn an meiner Stelle fühlen?«

»Ich käme mir ziemlich blöd vor.« Lynn grinst. »Ich würde mich die ersten Wochen nicht mehr aus dem Haus trauen. Oder nein: Ich glaube, ich würde mich nie wieder in seiner Gegenwart blicken lassen.«

»Spar dir die blöden Witze«, erwidere ich. »Was denkst du, soll ich sagen, dass mir mein Handy geklaut wurde und jemand anders die Nachricht geschickt hat? Wenn Raoul danach fragt, meine ich.«

Lynn legt den Kopf schief. »Wirklich, Süße, du machst mal wieder ein größeres Drama daraus, als es ist. Was kann denn im schlimmsten Fall passieren?«

Lynn ist ein Schatz, aber manche Sachen kapiert sie einfach nicht. Ihr würde so etwas nie passieren. Sie würde niemals aus Versehen eine SMS an den Jungen schicken, in den sie verliebt ist. Und wenn doch, bekäme sie innerhalb von einer Minute eine SMS von ihm zurück, dass er auch in sie verliebt ist. Hundertprozentig.

»Was im schlimmsten Fall passieren kann … Lass mich mal überlegen. Wie wäre es damit: Er steht nicht auf mich?«

»Das kann nicht sein«, sagt Lynn, als wäre die Sache damit erledigt. »Warum sollte er dich küssen, wenn er nicht auf dich steht?«

Das ist der Grund, warum ich froh bin, dass ich neben Lynn auch noch Nick zum Freund habe. Von ihm weiß ich, dass Jungs nicht unbedingt verliebt sein müssen, um einen zu küssen. Jungs können einen auch nur hübsch finden oder einfach Lust auf Küssen haben. Nick hat selbst oft genug jemanden geküsst, ohne verliebt zu sein. Er sagt, das sei ein großer Vorteil am Schwulsein: Man vergeudet keine Zeit mit Gesprächen über das andere Geschlecht. Wie der andere drauf ist, weiß man schon, weil man selbst genauso tickt.

»Nick meint, Jungen können Küssen und Gefühle trennen «, sage ich.

»Ach, was weiß Nick denn schon von Hetero-Dingen?«, entgegnet Lynn.

»Es könnte aber doch sein? Dass Raoul mich geküsst hat, muss nicht bedeuten, dass er auch in mich verliebt ist.«

»Diese SMS«, fragt Lynn dann, »war die eigentlich für Nick bestimmt?«

Ich nicke, während ich die Bettdecke wegstrampele.

»Das schnalle ich nicht.« Lynn runzelt die Stirn. »Zu mir sagst du, dass du verliebt bist, und in der SMS steht, du könntest dich vielleicht in Raoul verlieben.«

Ich sehe auf. Ich kapiere nicht, was sie mir damit sagen will. »Hm?«

»Was denn nun? Bist du verliebt oder nicht?«

Ich lasse mich in die Kissen zurückfallen. Bin ich verliebt? Wie weiß man das eigentlich? Was ist der Unterschied zwischen jemanden total gut finden und verliebt sein? Kann man überhaupt in jemanden verliebt sein, den man noch nicht so gut kennt?

»Ich hab keine Ahnung.«

Lynn springt auf. »Zum Glück weiß ich, wie du das rausfinden kannst. Kann ich mal kurz an deinen Laptop?«

Ich nicke, während ich auf mein Handy schaue, um zu sehen, ob eine neue Nachricht gekommen ist. Was wird Raoul auf meine SMS antworten? Ich schüttele zaghaft den Kopf. Bestimmt will ich das gar nicht wissen.

»Hier!« Lynn lässt sich neben mich aufs Bett fallen. »Das ist das erste Zeichen, dass du verliebt bist.«

»Was?«

»Na ja, sieh mal. Ich habe neulich eine Seite mit lauter praktischen Sachen übers Verliebtsein gefunden. Und das erste Zeichen von Verliebtheit ist, dass du alle halbe Minute auf dein Handy schaust, um festzustellen, ob er dir schon eine SMS geschickt hat.«

Ich ziehe die Beine an, um Platz für Lynn zu machen.

»Aber das muss doch nicht heißen, dass ich verliebt bin?«, erwidere ich. »Vielleicht bin ich einfach neugierig.«

»Ja klar«, sagt Lynn. »Wenn du mir eine SMS schickst, guckst du dann auch zweimal pro Minute nach, ob ich schon geantwortet habe?«

Ich gebe es nicht gern zu, aber sie hat recht.

»Stimmt schon, okay.« Ich werfe mein Handy so lässig wie möglich auf mein Kissen. »Was ist das nächste Zeichen?«

»›Zweitens‹«, liest Lynn vor. »›Du begreifst absolut nicht, wie deine Freundin sagen kann, dass er zwar ganz süß sei, aber nicht ihr Typ wäre.‹«

Ich fange an zu lachen. »So etwas würdest du nie sagen. Ich bin sicher, du würdest Raoul auch küssen, wenn du nicht wüsstest, dass ich auf ihn stehe.«

Lynn sieht auf. »Glaubst du das echt?«

»Etwa nicht?«

»Na ja, ehrlich gesagt, nein. Ich glaube schon, dass er ein supernetter Typ ist, bestimmt, aber so richtig attraktiv finde ich ihn nicht.«

Ich bin platt. Habe ich das gerade richtig verstanden? Sagt sie ernsthaft, sie fände den bestaussehenden Jungen, den ich jemals gesehen habe, nicht attraktiv?

»Du hast recht.« Ich nicke übertrieben. »In Wahrheit ist er natürlich ziemlich hässlich.«

»Nein, im Ernst«, sagt Lynn. »Ich meine, ich verstehe schon, dass er dir gefällt, weil du nun mal auf solche Typen stehst, aber ich könnte mich nie in ihn verlieben.«

»Was meinst du mit ›solche Typen‹?«

»Eben so typische Marie-Jungen. Etwas zu trendy, etwas zu glatt, etwas zu … na ja, ich weiß nicht … zu sehr Player

»Ich stehe auf Player

»Mensch, Marie. Jetzt tust du ja gerade so, als würde ich dir was Neues erzählen. Was spielt es für eine Rolle, dass ich Raoul nicht umwerfend finde? Du findest Jasper doch auch hässlich?«

»Aber Jasper ist ja auch hässlich!«, rufe ich.

Lynn fängt so laut an zu lachen, dass der Laptop von ihrem Schoß fällt. »Er ist echt hässlich, was?«

Ohne es zu wollen, lache ich mit. Aber so richtig lustig finde ich das gar nicht. Bin ich so verliebt in Raoul, dass ich nicht mal merke, dass er nicht toll aussieht?

»Also gut.« Lynn zieht den Laptop wieder auf ihren Schoß. »Bei zweitens kreuze ich dann mal auch Ja an. Drittes Zeichen: ›Du bist den ganzen Tag über ein wenig unruhig und nervös.‹«

»Das stimmt schon«, gebe ich zu. Seit Wochen werde ich nervös und kriege Schweißhände, wenn ich glaube, ihn irgendwo entdeckt zu haben. Und sobald jemand von Raoul redet – auch, wenn es nicht mal um meinen Raoul geht – schlägt mir das Herz bis zum Hals.

»Das sind jetzt bereits drei von zehn Zeichen, die zutreffen. Es sieht ganz danach aus, als wärst du verliebt, Sweetie.« Lynn klappert übertrieben mit den Wimpern.

Ich pruste los. »Verrücktes Huhn«, sage ich. »Komm schon, wie geht’s weiter? Was ist das vierte Zeichen?«

»›Am liebsten würdest du seiner Ex eine mitfühlende Karte schicken, weil dir die Arme so leidtut – nun, da er aus ihrem Leben verschwunden ist.‹«

Ich wickle eine Haarsträhne um den Zeigefinger. Meine Mutter sagt, davon gingen meine Haare kaputt, aber ich glaube, sie gehen eher von all den Tönungen kaputt, die ich benutze. Übrigens bringen die nicht viel, ich habe noch immer langweilige mittelbraune Haare statt sexy goldbraune.

»Keine Ahnung, wer seine Ex ist«, überlege ich laut. »Hatte er überhaupt schon mal eine Freundin?«

»Ich weiß es nicht«, sagt Lynn. »Ist er nicht bei deinem Bruder im Fußballteam? Vielleicht kannst du den mal aushorchen. «

»Ja, hallo! Wie stellst du dir das denn vor? ›Hör mal, Josse, weißt du zufällig, ob Raoul schon eine Freundin gehabt hat?‹ Dann dauert es keine halbe Stunde, bis meine Eltern davon wissen!«

Lynn zuckt mit den Schultern. »Ich glaub, dass Raoul mal was mit Julia hatte, aber das war, soweit ich weiß, nichts Ernstes.«

»Mit Julia?«, frage ich erstaunt. »Julia aus der Zehnten? Die ist mindestens ein Jahr älter als er!«

»Ich glaub sogar, zwei. Sie ist ein Mal sitzen geblieben, habe ich gehört.«

Ich spüre, wie sich mein Magen umdreht. Alle Mädchen wollen so sein wie Julia. Und alle Jungs wollen Julia. Gegen sie habe ich keine Chance.

»Hey«, sagt Lynn und schaut mich mit gerunzelter Stirn an. »Das ist eine ganze Weile her, weißt du. Und außerdem hat sie vor zwei Monaten ihren Abschluss gemacht, du bist sie also los.«

»Julia?«, frage ich noch mal. Das hätte ich lieber gar nicht gewusst. »Wenn er auf solche Mädchen steht …«

Ich beende meinen Satz nicht, aber Lynn weiß genau, was ich meine.

»Stell dich nicht so an«, sagt sie. »Du bist mindestens genauso hübsch wie sie.«

»’türlich«, entgegne ich finster. »Und darum gehöre ich auch zu der beliebtesten Clique der Schule und die Jungen rennen scharenweise hinter mir her.«

»Whatever.« Lynn tippt plötzlich wie wild auf meinem Laptop rum.

Ich seufze. Lynn hat leicht reden. Sie ist der gleiche Typ wie Julia. Sie braucht nur einen Fuß auf eine Party zu setzen und alle umschwärmen sie. Sie küsst Leute auf die Wange und fragt, wie es ihnen geht, macht einen Witz oder teilt Komplimente aus. Ich stehe immer daneben wie ein Stück Holz. Eifersucht ist ein großes Wort, aber ich wäre schon gern genauso selbstsicher wie Lynn.

»Hey!«, reißt mich Lynn aus meinen Gedanken. »Ich will ja nichts sagen, aber ich glaube, du hast eine SMS gekriegt!«

Sie schaut mich fragend an, während sie mein Handy hochhält. »Also?«

Mir wird richtig übel, als ich auf das Display schaue.

Es ist eine Nachricht von Raoul.