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Zärtlich ruhte Kyans Blick auf dem nackten Körper des Mädchens, der sich im Licht des schmalen, hoch stehenden Mondes gespenstisch vom dunklen Boden abhob. Ihre hellblauen Augen hatte sie dem Himmel zugewandt, doch ihr Blick war stumm nach innen gerichtet, und aus den Winkeln ihrer leicht geöffneten Lippen flossen dünne Rinnsale salzigen Meerwassers. Sie perlten über ihr Kinn und an ihrem Hals entlang und verfingen sich schließlich in ihrem Nacken zwischen den Strähnen ihres goldblonden Haares. Ihr linker Arm lag angewinkelt über ihrem Kopf, und die rechte Hand, die sich eben noch oberhalb ihres Nabels befunden hatte, glitt nun langsam an ihrer Hüfte hinab und landete mit einem dumpfen, endgültigen Laut im Gras.

»Nie wieder wirst du einem anderen gehören«, flüsterte Kyan.

Leise setzte er sich auf und beugte sich über sie. Ihre feuchtglänzende Haut war noch warm und die Luft über ihrem Körper flirrte geradezu von ihrem fremden, lockenden Duft.

Kyan schloss die Augen und atmete ihn tief in seine Lungen.

Obwohl er geahnt hatte, dass es nicht gut gehen würde, hatte er nicht widerstanden, und jetzt, da er diese tiefe Ruhe und Zufriedenheit in sich spürte, wusste er, dass es richtig gewesen war. Dass es so sein musste.

Eine Art Wiedergutmachung.


Es ist zum Verrücktwerden! Seit einer Stunde sitze ich nun schon vor meinem Laptop, und das Word-Dokument, das ich geöffnet habe, ist immer noch fast leer. Da steht nur:
Schüleraustausch Italien. Erfahrungsbericht. Julia Denk. Klasse 10b.

Wenn die Sauer, meine Direktorin, Mama nicht einen Brief mit Betreff Versetzungsgefährdung Ihrer Tochter geschrieben hätte, hätte ich diesen dämlichen Bericht total vergessen. Er war die Bedingung, unter der Frau Sauer mir erlaubt hat, das vergangene halbe Schuljahr in Italien zu verbringen. Nur wenn ich nach meiner Rückkehr mindestens dreißig Seiten schreibe und termingerecht abliefere, darf ich nach den Sommerferien in die elfte Klasse vorrücken, hat sie Mama und mir mitgeteilt, sowohl mündlich als auch schriftlich. Typisch deutsch, kann ich dazu nur sagen: bürokratisch bis zum Gehtnichtmehr!

Am liebsten würde ich einfach schnurstracks zurück nach Italien fahren, zurück zu Marco, jetzt sofort! Aber daraus wird nichts, jedenfalls nicht, solange ich nicht meine dreißig Seiten im Kasten habe …

Mama hat fast einen Herzinfarkt erlitten, als sie gelesen hat, dass ich die zehnte Klasse wiederholen muss, wenn mein Bericht nicht bis spätestens übermorgen in Frau Sauers Posteingang liegt. Natürlich hat sie mich sofort an den Laptop gescheucht. Und da sitze ich nun. In einer Stunde habe ich gerade mal sechs Wörter, eine Zahl und einen Buchstaben zu Papier gebracht. Wenn ich so weitermache, brauche ich die ganzen Sommerferien dafür!

Und was, bitte schön, gehen die alte Sauer eigentlich meine ganz persönlichen Erfahrungen an? Wozu soll ich alles, was ich in Italien erlebt habe, für sie aufschreiben? Im Merkblatt, das dem zuckersüßen Erinnerungsschreiben beiliegt, heißt es dazu nur:

Durch das Verfassen des Erfahrungsberichts wird sich der/ die Schüler/-in der Unterschiede zwischen der eigenen und der fremden Kultur bewusst, reflektiert und verarbeitet positive und negative Eindrücke und Erlebnisse und gibt die während des Auslandsaufenthalts erworbene interkulturelle Kompetenz an seine/ihre Mitschüler/-innen weiter. Der/die Schüler/-in soll in seinen/ihren Ausführungen auf möglichst viele der im Anhang zusammengestellten Fragen eingehen.

Was für ein Schwachsinn! Grimmig hämmere ich in die Tasten und schreibe:

ICH HASSE FRAU SAUER!!!

Warum ich sie hasse? Dafür gibt es mehr als genug Gründe. Zum Beispiel, weil sie vor zwei Jahren, als es darum ging, den Schwerpunkt für die Mittel- und Oberstufe zu wählen, mit allen Mitteln versucht hat, mich auf eine Schule abzuschieben, die ein besonderes Programm für mathematisch Hochbegabte anbietet. Ich und hochbegabt?! Dass ich nicht lache! Ja, es stimmt, mein Vater ist Professor für theoretische Mathematik, und ich habe das Glück, dass mir Mathe leichter fällt als den meisten anderen … Aber ich bin nicht so wie mein Vater und ich will auch niemals so werden wie er. Deshalb bin ich vor zwei Jahren aus der Schach-AG aus- und in die Fußball-AG eingetreten und deshalb habe ich Sprachen und nicht Naturwissenschaften als Schwerpunkt gewählt.

Es klopft. Mama steckt den Kopf zur Tür herein. Sie will wissen, wie weit ich schon bin. Bevor ich es verhindern kann, schaut sie mir über die Schulter. Als sie sieht, dass ich immer noch nichts geschrieben habe, außer ICH HASSE FRAU SAUER!!!, wird sie energisch. Sie sagt, wenn ich den Bericht nicht bis heute Abend fertig habe, dann fahren wir morgen auch nicht an den Gardasee – zu Marco und Alessandro. Ich bin mir nicht sicher, ob sie es wirklich ernst meint, schließlich hat sie es mindestens so eilig wie ich. Aber ganz ehrlich: Ich lasse es lieber nicht darauf ankommen! Ich glaube, ich sterbe, wenn ich auch nur einen Tag länger als versprochen auf das Wiedersehen mit Marco warten muss …

Also, her mit dem blöden Merkblatt! Mal sehen, was die gute Frau Sauer alles von mir wissen will. Ich zähle die Fragen und stöhne genervt. Achtzehn Stück! … Will sie auf all das wirklich eine ehrliche Antwort haben?! Na, dann kann sie sich auf was gefasst machen! Ich wette, so einen Erfahrungsbericht hat sie noch nie zu lesen bekommen!

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Wie bist du auf die Idee gekommen, an einem
Schüleraustausch teilzunehmen?

Wie ICH auf die Idee gekommen bin? Ehrlich gesagt: Es war gar nicht MEINE Idee! Mama hat die ganze Sache angeleiert und mich dann mehr oder weniger vor vollendete Tatsachen gestellt, und zwar genau übermorgen vor einem Jahr, an meinem 15. Geburtstag …

7. August, 08:49 Uhr. Sagt der Funkwecker. Wenn er meint.

Ich liege im Bett, starre an die Decke und hülle mich ein in das Gefühl, dass mir alles egal ist. Egal, dass ich heute fünfzehn werde. Egal, dass alle, mit denen ich gerne gefeiert hätte, verreist sind. Egal, dass Niklas mich nicht wie sonst Punkt Mitternacht angerufen hat, um mir alles Gute zu wünschen. Egal, dass es draußen regnet und stürmt wie im Oktober …

7. August, 09:05 Uhr. Wenn der Flieger pünktlich ist, landet Niklas jetzt gerade in London Heathrow. Mama hat vorgeschlagen, dass wir zum Flughafen fahren, um uns zu verabschieden. Ich habe es ihr ausgeredet. Mit Mama am Flughafen, das hat mir gerade noch gefehlt! Ich kenne Mama: Niklas ist so etwas wie ein zweites Kind für sie, sie würde in Tränen ausbrechen, wenn er durch die Sperre geht, und ich müsste sie trösten. Das packe ich einfach nicht.

Mama hat es nur gut gemeint. Sie weiß ja nicht, dass zwischen Niklas und mir nichts mehr so ist, wie es mal war. Niklas ist mein bester Freund gewesen, solange ich denken kann. Jetzt ist er gar nichts mehr für mich. Nur Luft.

Und alles nur, weil wir uns geküsst haben.

Es war Niklas’ Idee gewesen. Er war es, der mich geküsst hat. Er war es, der gesagt hat: »Wir sind perfekt füreinander!«, und es sich dann anders überlegt hat. Er war es, der alles kaputt gemacht hat.

Es passierte an einem Freitagabend vor fünf Wochen.

Auf der Freilichtbühne im Schulhof hat gerade die Premiere des neuen Stücks unserer Theater-AG stattgefunden. Ich bin mit Niklas und ein paar anderen hingegangen. Nach der Aufführung hat Niklas mich nach Hause gebracht, so wie immer, wenn wir abends zusammen unterwegs sind …

Es ist erst kurz nach neun Uhr. Mama ist noch nicht zurück, sie ist bei einer Kollegin zu einer Grillparty eingeladen. Im Kühlschrank steht ein Krug Eistee für uns. Wir setzen uns mit zwei großen Gläsern auf den Balkon und reden über das Stück. Und dann, ganz plötzlich, beugt Niklas sich vor und küsst mich – einfach so, ohne Vorwarnung! Seine Lippen liegen sanft und zugleich herausfordernd auf meinen, und sie bringen mich völlig aus der Fassung, weil ich nicht weiß, was ich davon halten soll, davon, dass sich zwischen Niklas und mir etwas nicht vertraut anfühlt, sondern fremd – verwirrend fremd, aufregend fremd!

Der erste klare Gedanke, der mir durch den Kopf schießt, ist: Verdammt, Bea hat also doch recht gehabt!

Bea ist das hübscheste Mädchen der ganzen Klasse, wahrscheinlich sogar der ganzen Schule, Typ Manga-Prinzessin. Sie kann sich vor Verehrern kaum retten und beansprucht für sich die oberste Autorität in Liebesangelegenheiten – vor allem in denen anderer Leute. Seit Wochen behauptet sie, dass Niklas total auf mich steht. Und seit Wochen wiederhole ich immer ein und denselben Satz: »Wir sind nur Freunde, Niklas und ich …« Und jetzt das!

Wie um Himmels willen kommt Niklas dazu, mich zu küssen? Er weiß doch ganz genau, dass ich vom Küssen nichts halte. Wenn man sich küsst, verliebt man sich. Und wenn man sich verliebt, hat man ein Problem. Jedenfalls dann, wenn es der Falsche ist. So wie bei Mama. Als Papa sie vor zwei Jahren verlassen hat, hat sie gelitten wie ein Schwein. Darauf habe ich keine Lust! Und ich habe schon genug Probleme, auch ohne dass ich mich verliebe!

»So wie du aussiehst, bin ich ein ganz miserabler Küsser!«, stellt Niklas fest; er grinst, als ob er sich nichts daraus macht, aber ich weiß genau, dass er nur den Gleichgültigen spielt. Er will immer der Beste sein, in der Schule, beim Sport – ganz egal, worum es geht. Er kann nichts dafür. Seine Eltern haben ihn so erzogen.

»Das ist es nicht …«, murmle ich, »ich weiß nur nicht, ob … ich meine, bist du dir sicher, dass wir …«

»Ganz sicher!«, unterbricht er mich. »Ich habe mir alles genau überlegt. Du und ich, wir sind perfekt füreinander. Hundert Prozent.«

Ganz im Ernst: Welches Mädchen kann der Versuchung widerstehen, sich zu verlieben, wenn ein gut aussehender, intelligenter Junge sagt: »Wir sind perfekt füreinander. Hundert Prozent.«?!

Und dann nimmt er auch noch meine Hand und drückt sie und sagt: »Vertrau mir einfach!«

Ich versuche, logisch zu denken: Gibt es irgendeinen Grund, der dagegen spricht, Niklas zu vertrauen? Mir fällt, ehrlich gesagt, keiner ein …

Ich schließe die Augen. Niklas küsst mich noch einmal. Diesmal küsse ich ihn zurück. Es fühlt sich ganz gut an, sogar ziemlich gut, sehr gut, genauer gesagt! Nicht nur, weil Niklas gut küssen kann, sondern auch und vor allem deshalb, weil in meinem Leben endlich mal wieder etwas nach Plan läuft – zugegeben, nicht nach meinem Plan, sondern nach Beas, aber immerhin!

Ich bin so glücklich wie schon lange nicht mehr. Ich habe ganz vergessen, wie leicht man wird, wenn man glücklich ist. Ich glaube, ich könnte vom Balkon springen und würde nicht fallen, sondern fliegen! Auch wenn ich das lieber nicht ausprobiere.

Das Himmelhochgefühl hält an, zwei ganze Wochen lang. Obwohl Bea mir in jeder Pause mehr als einmal unter die Nase reibt: »Ich hab’s ja gewusst!« Und obwohl ich Niklas wegen seines Wahnsinnspensums kaum zu Gesicht bekomme; er ist der einzige Neuntklässler, den ich kenne, der einen Terminkalender braucht …


Nach zwei Wochen wache ich am Samstag frühmorgens davon auf, dass mein Handy vibriert. Eine SMS, von Niklas: Bist du schon wach?! Muss dich sehen! In einer halben Stunde bei der Bank im Park? N.

Mein Herz macht einen ungeschickten kleinen Luftsprung. Wir haben uns drei Tage lang nicht getroffen, weil Niklas von Mittwoch bis Freitag auf einer Klassensprecher-Freizeit war, nur drei Tage, und das Erste, woran er am vierten Tag beim Aufwachen denkt, bin ich und dass er mich sehen muss?! Spricht ja ganz dafür, dass er mich vermisst hat!

Auf unsichtbaren Flügeln schwebe ich vom Bett ins Bad, vom Bad in die Küche, von der Küche in den Flur, die Treppen hinunter, die Straße entlang, Richtung Park. Natürlich gibt es im Park viele Bänke, aber ich weiß genau, welche Niklas meint – UNSERE Bank, am Rand der großen Wiese, gut versteckt zwischen ein paar alten Bäumen.

Niklas ist schon da. Als ich ihn erblicke, weiß ich sofort, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist. Er sieht blass und müde aus und trommelt nervös mit den Fingern auf das morsche Holz. Lächelt mich nicht an. Macht auch keine Anstalten, mich zu umarmen, geschweige denn zu küssen.

Ich setze mich neben ihn. »Was ist los?«

Niklas antwortet nicht sofort. Er holt tief Luft, einmal, zweimal. Dann erzählt er mir alles: dass seine Eltern schon ganz aufgeregt auf ihn gewartet haben, als er am Freitag nach Hause gekommen ist. Weil er einen Brief bekommen hat, aus Seven Oaks, England.

»Seven Oaks, das ist dieses berühmte englische Internat, von dem ich dir mal erzählt habe …«

Hat er das? Wenn ja, kann ich mich jedenfalls nicht daran erinnern.

»Du weißt schon, eine der internationalen Privatschulen, an denen ich mich beworben habe …«

Er hat sich dort beworben?!

»Ganz ehrlich, Jule, ich hätte nie gedacht, dass es klappt! Ich kann es immer noch nicht fassen, dass ich tatsächlich einen Platz bekommen habe!«

Er hat sich nicht nur beworben, er ist auch noch genommen worden?! Und was jetzt? Was ist mit mir, was ist mit UNS?!

Niklas weicht meinem Blick aus.

»Das ist eine Wahnsinnschance, Jule, die kriegt man nie wieder! Wer es nach Seven Oaks schafft, der schafft es überallhin – Oxford, Cambridge, Harvard …«

Er macht es also. Er geht nach England. Meine Flügel schlagen langsamer, tragen mich kaum noch.

»Du weißt doch, Harvard ist immer mein Traum gewesen!«

SEIN Traum? Wohl eher der Traum seiner superehrgeizigen, karrieregeilen Angeber-Eltern!

»Ich würde es mein Leben lang bereuen, wenn ich nicht gehe!«

Oh ja, das würde er! Dafür würde seine Mutter, das verkniffene alte Biest, schon sorgen!

»Ich will dich nicht verlieren, Jule.«

Meine Flügel schlagen auf einmal wieder ein bisschen schneller.

England ist nicht am anderen Ende der Welt, so wie Australien. Und wir leben im 21. Jahrhundert: Es gibt SMS und E-Mails und Chatrooms, es gibt Telefone und Flugzeuge, es gibt Weihnachten und Ostern und Sommerferien … Und Niklas hat gesagt: »Du und ich, wir sind perfekt füreinander.« Wenn wir wirklich perfekt füreinander sind, dann kriegen wir das hin!

»Ich will dich nicht verlieren. Aber es geht einfach nicht!«

Wie bitte?! Was soll das heißen, ›es geht einfach nicht‹?!

»Ich habe die ganze letzte Nacht wachgelegen und nachgedacht. Du hier, ich in England – das wird nicht funktionieren. Das kann einfach nicht funktionieren.«

Totaler Flügelstillstand! Ich stürze ab, endgültig. Freier Fall, ungebremster Aufprall. Totalschaden.

»Ich will dir nicht wehtun, Jule, wirklich nicht!«

Zu spät, schon passiert.

»Es tut mir so leid.«

Ich nicke nur, sage nichts. Was soll ich auch sagen? Niklas hat sich entschieden. Gegen mich. Er hat gesagt, dass wir perfekt füreinander sind. Er hat gesagt, dass er sich zu hundert Prozent sicher ist. Trotzdem hat er sich gegen mich entschieden.

»Meinst du, wir können einfach vergessen, was zwischen uns passiert ist, du weißt schon, das mit dem Küssen und so, und einfach wieder Freunde sein, so wie früher?«

Ich nicke noch einmal. Und hasse mich dafür. Niklas und ich, wir sind immer ehrlich zueinander gewesen, gnadenlos ehrlich, wenn es sein musste. Jetzt lügen wir uns an, tun so, als ob man so etwas Weltbewegendes wie die Tatsache, dass man zwei Wochen lang Flügel gehabt hat, einfach vergessen könnte …

Niklas macht ein erleichtertes Gesicht. Wahrscheinlich hat er es sich schlimmer vorgestellt, viel schlimmer, hätte ja sein können, dass ich wütend werde oder sogar losheule. Niklas gehört zu der Sorte Jungs, die mit heulenden Mädchen absolut nichts anfangen können.

Er murmelt etwas, das sich wie »Danke« anhört. Dann steht er auf, sagt, dass er losmuss, fragt, ob ich mitkomme. Ich schüttle den Kopf, bleibe sitzen und sehe zu, wie Niklas mit langen Schritten davongeht, quer über die Wiese, und nach einer Weile hinter einer Wegbiegung verschwindet. Ich warte, bis ich mir sicher bin, dass ich mich im Griff habe, dass ich nicht weinen werde, dann gehe ich nach Hause.


Seitdem fühle ich mich seltsam leer. Als ob sich mitten in meinem Universum ein großes schwarzes Loch aufgetan hätte. Genauso habe ich mich gefühlt, als Papa sich vor zwei Jahren mit Sack und Pack aus dem Staub gemacht hat, um eine Forschungsstelle an der University of Sydney, Australien, anzutreten: leer. Verloren. Planlos.

Niklas war damals so etwas wie ein Fixstern für mich. Er hat einfach so getan, als ob nichts passiert sei, hat keine Fragen gestellt, wollte nicht wissen, wo Papa abgeblieben ist und warum Mama die ganze Zeit heult. Er ist weiterhin jeden Dienstag und Donnerstag nach der Schule mit zu mir gekommen, wir haben zusammen Mittag gegessen, Hausaufgaben gemacht, DVDs angeschaut oder an meinem alten Computer herumgebastelt … Die Dienstage und die Donnerstage waren etwas, an das Mama und ich uns klammern konnten, zwei Tage, an denen alles so wie immer war, so wie früher, kleine Verschnaufpausen vom Weltuntergang.


Ich werfe noch mal einen Blick auf meinen Wecker und drehe mich dann seufzend auf die andere Seite.

Scheiße. Ich weiß echt nicht, wie mein Leben ohne Niklas weitergehen soll. Ich weiß gar nichts mehr. Ich weiß nur, dass mir überhaupt nicht nach Geburtstagfeiern zumute ist. Eher nach Ins-Bett-Verkriechen und Schlafen, allenfalls Lesen.

Immerhin, die Wahrscheinlichkeit, dass diese Sommerferien die schrecklichsten meines Lebens werden, ist eher gering. Die schrecklichsten Sommerferien meines Lebens waren nämlich die ersten Sommerferien ohne Papa. Wir waren ganz allein, Mama und ich, alle waren weg, auch Niklas, der auf Wunsch seiner Eltern wie gewohnt ein straffes Programm – Tennis- Camp, Orchester-Freizeit, Begabtenförderung und Bildungsreise in Fernost – absolvieren musste. Mama lag die ganze Zeit bei geschlossenen Vorhängen im Bett. Angeblich mit Sommergrippe. Aber man heult nicht Tag und Nacht, wenn man Sommergrippe hat, man schluckt nicht am helllichten Tag Baldriantabletten und man trinkt keinen Wein. Das habe ich auch mit dreizehn schon kapiert. Ich bin in der Wohnung auf und ab getigert, habe mir die Nägel von den Fingern genagt und gewartet … darauf, dass Mama endlich zu sich kommt, dass sie aufhört zu weinen und mir sagt, wie ich ihr helfen kann. Ich habe so lange gewartet, bis ich das Gefühl hatte durchzudrehen, wenn ich nicht bald aus der dunklen Wohnung rauskäme. Das war der Grund, warum ich in den Park gegangen und losgelaufen bin, obwohl ich damals noch ausgesprochen unsportlich und Joggen für mich so ziemlich das Letzte war, schon aus Prinzip …

Das Summen meines Handys reißt mich aus meinen Gedanken, eine SMS, von Lena: alles alles alles gute zum geburtstag, liebe jule! lass dich schön feiern & den kopf nicht hängen, das ist n., dieser idiot, nicht wert!

Ich will ihr gerade zurückschreiben, da kommt schon die nächste SMS:

HAPPY BIRTHDAY, du süße! hab einen tollen tag, du hast es verdient! bis bald, anna

Ich simse zurück: DANKE!!! Wie gut, dass ich euch habe. image

Dann schlage ich das Buch auf, das ich gerade lese (Twilight, schon zum dritten Mal), aber bevor ich auch nur eine einzige Seite geschafft habe, steht auf einmal Mama laut singend in meinem Zimmer und besteht darauf, dass ich zum traditionellen Geburtstagsfrühstück komme, mit Kuchen und Kerzen und allem Drum und Dran. Wie immer kann sie es kaum erwarten, bis ich endlich meine Geschenke auspacke. Ich finde es okay, dass sie Freude daran hat, mir Sachen zu schenken. Was ich nicht okay finde, ist, dass sie mir grundsätzlich viel zu viele und zu teure Sachen schenkt – als ob sie irgendetwas wiedergutmachen will. Ich habe ihr schon tausendmal gesagt, dass sie das nicht muss und dass ich das nicht will, aber die Botschaft scheint immer noch nicht angekommen zu sein: Auf dem kleinen Esstisch in der Küche türmen sich so viele Päckchen, dass die Teekanne und das Frühstücksgeschirr kaum noch Platz haben.

»Mama!«, stöhne ich. »Das ist wieder viel zu viel! Ich habe dir doch gesagt, dass …«

»Fang nicht wieder damit an, Jule! Es sind wirklich nur ein paar Kleinigkeiten. Pack aus und freu dich einfach!«

Also gut, wenn sie meint. Ich setze mich an meinen Platz und fange an, die Geschenke auszuwickeln. Und bin von Päckchen zu Päckchen verwirrter. Nacheinander kommen ein hellblauer Sommerrock, passende hellblaue Ballerinas, eine ärmellose weiße Rüschenbluse, ein Bikini, hellblau mit weißen Streifen, eine Sonnenbrille und – zum krönenden Abschluss – ein Sonnenhut zum Vorschein.

Mal ganz abgesehen davon, dass unsere Geschmäcker in Sachen schicke Klamotten ungefähr so weit voneinander entfernt sind wie der Mond von der Erde: Das kann doch wirklich nicht wahr sein, oder? Die Meteorologen rufen den kältesten und verregnetsten August seit hundert Jahren aus und meine Mutter verschenkt voller Stolz Bikinis und Sonnenhüte?!

Mama merkt, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist, und beteuert, dass man alles umtauschen kann, was mir nicht gefällt – »obwohl ich mir sicher bin, dass du allerliebst in den Sachen aussehen würdest, vor allem der Sonnenhut würde dir fantastisch stehen«.

»Na ja, es geht gar nicht so sehr ums Gefallen«, sage ich vorsichtig, »aber bei dem Wetter« – ich nicke mit dem Kopf in Richtung Fenster, vor dem gerade prasselnd ein besonders heftiger Schauer niedergeht – »wäre es vielleicht sinnvoller, eine neue Regenjacke oder so was in der Art zu kaufen.«

»Jetzt warte doch erst mal ab, du hast ja noch gar nicht alles ausgepackt!«, sagt Mama fröhlich und schiebt ein flaches rechteckiges Päckchen in meine Richtung, das ich ganz übersehen habe.

»Okay, wenn du meinst …«, murmle ich und greife danach. Es handelt sich eindeutig um ein Buch oder eine Zeitschrift oder einen Prospekt. Was kann das sein? Doch wohl nicht eine Sammlung von Zaubersprüchen zur Heraufbeschwörung von Sonnenschein und warmen Temperaturen?!

Rasch reiße ich das Papier auf. Ein europäischer Straßenatlas. Eine Seite ist mit einem gelben Post-it markiert. Automatisch schlage ich die Seite auf: Vor mir liegt der Kartenausschnitt »Süddeutschland – Norditalien«, die Route von München bis zum Gardasee ist mit einem pinkfarbenen Leuchtmarker nachgezogen. Ich bin total platt.

»Heißt das … das heißt doch nicht etwa …«

»Doch, das heißt, dass wir beide übermorgen an den Gardasee fahren!«, sagt Mama; sie strahlt übers ganze Gesicht und freut sich sichtlich, dass ihr die Überraschung gelungen ist.

»Wow!« Mehr bringe ich nicht heraus. Damit habe ich wirklich nicht gerechnet! Der erste Urlaub mit Mama seit drei Jahren und dann gleich nach Italien, an den Gardasee, wo ich immer schon mal hinwollte – ich merke, wie sich langsam ein Lächeln auf meinem Gesicht ausbreitet. Dann fällt mein Blick auf den Straßenatlas, der immer noch vor mir liegt, und das Lächeln vergeht mir.

»Du, Mama, wir fahren doch nicht mit dem Auto, oder?«, frage ich alarmiert.

»Traust du mir das etwa nicht zu?«, fragt sie zurück und wirft mir dabei einen beleidigten Blick zu. Jetzt heißt es, schnell und überzeugend zu lügen!

»Doch, klar«, versichere ich, wobei ich es allerdings sorgfältig vermeide, ihr in die Augen zu schauen. Den Rang des schlechtesten Fahrers hält immer noch mein Vater, der als kleiner Junge davon geträumt hat, Rennfahrer zu werden, und seine Doktorarbeit über die mathematischen Grundsätze der Beschleunigung verfasst hat … Im Gegensatz dazu fährt meine Mutter, als ob sie einen Langsamkeitsrekord brechen will, was ein bisschen, aber nicht viel besser ist.

»Was hältst du davon, wenn wir den Zug nehmen?«, sage ich beschwörend. »Das wäre doch viel bequemer und es würde …«

»Was hältst du davon, wenn wir den Zug nehmen?«, sage ich beschwörend. »Das wäre doch viel bequemer und es würde …«

»Dort, wo wir hinfahren, gibt es gar keine Zugstation«, unterbricht Mama mich.

Kein Bahnhof?! Das klingt ja ziemlich abgelegen!

»Wo genau geht’s denn hin?«

»Nach Villa, das ist ein kleiner Teilort von Gargnano am Westufer. Ich kann es dir nachher auf der Karte zeigen, wenn du möchtest.«

»Und warum gerade dorthin?«

»Weil Alessandro uns dorthin eingeladen hat.«

Mama ist auf einmal knallrot und ich bin sprachlos. Aber nicht lange. Dann fange ich an, sie mit all den Fragen zu bombardieren, die mir durch den Kopf schießen: Wer ist Alessandro? Woher kennt Mama ihn? Und warum hat er uns eingeladen?

Mama hebt abwehrend die Hände. »Lass mich doch erst mal zu Wort kommen, dann erzähle ich dir alles, okay?«

Dafür, dass sie verspricht, mir ALLES zu erzählen, fasst sie sich ziemlich kurz, finde ich. Ich erfahre nur, dass Alessandro Italiener ist (wer hätte das gedacht!), 43 Jahre alt, alleinerziehender Vater und Arzt von Beruf, dass er mit seinem Sohn in Vicenza, einer kleinen Stadt in der Nähe von Verona und Venedig, lebt und dort im städtischen Krankenhaus als Unfallchirurg arbeitet. Dass er Deutsch spricht, weil er ein Jahr lang in München studiert und sich dort in eine Frau verliebt hat, die ihn, als sie schwanger war, zwar geheiratet, aber nach einigen Jahren wieder verlassen hat. Mama ist Alessandro begegnet, als sie vor ein paar Jahren mit Papa in Mailand war. Papa war zu einer wissenschaftlichen Tagung eingeladen, Mama hat währenddessen auf eigene Faust die Stadt erkundet und sich – natürlich – gleich am ersten Tag total verlaufen, trotz des Stadtplans, den Papa ihr besorgt hatte. Alessandro, der wegen der Hochzeit eines Freundes in Mailand war, ist ihr zu Hilfe gekommen. Er kannte sich zwar auch nicht wirklich aus, hatte aber im Gegensatz zu Mama keine Probleme damit, einen Stadtplan zu lesen. Er hat sie sicher ins Hotel zurückgebracht und ihr seine Karte gegeben. Wieder in München, hat Mama ihm eine E-Mail geschrieben, um sich noch einmal zu bedanken, er hat zurückgeschrieben, und daraus hat sich dann eine Art Brieffreundschaft entwickelt.

»Worüber wir uns schreiben? Ach, über dies und das, eigentlich über alles …«

Geht es vielleicht ein bisschen genauer?! Ich will unbedingt mehr über diesen Alessandro wissen, aber Mama blockt ab. Um mich abzulenken, gibt sie umso bereitwilliger Auskunft über seinen Sohn: Marco dalla Massara (»Ist das nicht ein wunderbarer Name?«), sechzehn Jahre alt (»Nur ein Jahr älter als du!«), zweisprachig aufgewachsen (»Alessandro sagt, sein Deutsch ist völlig akzentfrei!«), begeisterter Fußballspieler (»Ihr habt also schon etwas gemeinsam!«) …

Ich merke natürlich sehr schnell, dass sie auf irgendetwas hinauswill, komme aber nicht drauf, auf was. Wenn wir ein Jahrtausend früher leben würden oder strenggläubige Muslime wären, dann würde ich denken: Sie hat eine Ehe für mich arrangiert! Erst als sie sagt: »Alessandro ist es sehr wichtig, dass Marco endlich das Land kennenlernt, in dem seine Mutter aufgewachsen ist!«, begreife ich.

»Nein!«, stöhne ich. »Sag, dass das nicht wahr ist! Sag, dass du ihn nicht zu uns eingeladen hast!«

»Aber warum denn nicht, Schatz?«, säuselt Mama. »Alessandro hat mich gefragt, ob ich ihm bei der Suche nach einer Gastfamilie helfen kann. Da habe ich mir gedacht: Wozu lange suchen? Wir haben genug Platz und ihr seid im gleichen Alter, ihr kommt im Herbst beide in die zehnte Klasse … Das passt doch perfekt! Und weißt du, was das Beste ist? Als ich Alessandro gesagt habe, dass Marco gerne bei uns wohnen kann, hat er sofort vorgeschlagen, dass du im Gegenzug nach Italien kommst. Ein richtiger Austausch! Das ist doch eine tolle Sache, findest du nicht?«

»Nein, finde ich überhaupt nicht!«

Mama macht ein enttäuschtes Gesicht. »Du freust dich ja gar nicht!«

Was um Himmels willen hat sie denn erwartet?!

»Du würdest dich auch nicht freuen, wenn ich einfach über deinen Kopf hinweg entscheiden würde, dass ein fremder Kerl bei uns einzieht«, knurre ich.

»Aber Jule, niemand entscheidet irgendetwas über deinen Kopf hinweg!«, beteuert Mama. »Natürlich müsst ihr euch erst mal kennenlernen, du und Marco. Deshalb hat uns Alessandro ja nach Villa eingeladen. Seine Tante besitzt dort eine kleine Pension. Wir werden eine ganze Woche bleiben, damit ihr ein bisschen Zeit miteinander verbringen könnt. Ich bin mir sicher, ihr werdet euch wunderbar verstehen! Alessandro hat mir geschrieben, dass Marco sehr sportlich ist und viele Freunde hat und vor allem bei den Mädchen sehr beliebt ist …«

»Na toll, das auch noch! Ein richtiger italienischer Macho!«, stöhne ich.

»Das ist unfair! Du kennst ihn doch gar nicht!«, protestiert Mama. Auf ihrer Stirn hat sich eine steile Falte gebildet – kein gutes Zeichen. Besser, ich lenke ein.

»Also gut, wenn dir so viel daran liegt«, seufze ich, »dann lerne ich diesen Marco eben kennen, und wenn er halbwegs okay ist, kann er von mir aus bei uns wohnen. Aber ich will auf gar keinen Fall anschließend mit nach Italien.«

Mist – die Falte auf Mamas Stirn ist plötzlich noch steiler!

»Warum denn nicht? Italienisch ist doch eines deiner Lieblingsfächer! Ein halbes Jahr lang das Land kennenlernen, die Leute, die Sprache – das wird dir bestimmt Spaß machen!«

»Ja, schon, aber … aber denk doch mal an die Schule, Mama! Ich würde massenhaft Stoff verpassen, wenn ich so lange weg wäre. Vielleicht müsste ich dann sogar die zehnte Klasse wiederholen!«

Was ich für einen brillanten Schachzug halte, geht leider voll nach hinten los. Angesichts meines soliden Notendurchschnitts von 1,44 lässt Mama das Schulargument völlig kalt.

»Also bitte, bei deinen Noten ist das doch überhaupt kein Problem. Ich habe mich vor den Ferien schon mal bei Frau Sauer erkundigt. Theoretisch könnte sie dich sogar für das ganze Schuljahr vom Unterricht befreien. Du müsstest nur vor den Sommerferien ein paar mündliche Prüfungen ablegen und einen Erfahrungsbericht schreiben, dann könntest du im Herbst ganz normal mit der elften Klasse weitermachen.«

Sogar mit meiner Direktorin hat sie schon gesprochen? So viel zum Thema, dass nichts über meinen Kopf hinweg entschieden wird!

»Frau Sauer ist auch der Meinung, dass ein Auslandsaufenthalt eine einzigartige Erfahrung ist! Ich verstehe einfach nicht, warum du diese Chance nicht nutzen willst!«

»Und ich verstehe nicht, warum du mich plötzlich unbedingt loswerden willst!«

Das wirkt. Die steile Falte verschwindet. Mamas Gesicht wird weich, sie nimmt meine Hand und streichelt sie.

»Ach, Schatz, von Loswerden kann doch gar keine Rede sein. Eher von Loslassen. Du weißt, was ich meine, oder?«

Ich schüttle den Kopf, dabei habe ich durchaus eine Vermutung, was sie mir sagen will.

Mama seufzt. »Damals, vor zwei Jahren, als dein Vater mich verlassen hat …«

»Du meinst, als er UNS verlassen hat!«

»Nein, Jule, er hat MICH verlassen. Er ist immer noch dein Vater, und er liebt dich über alles, und er wäre immer und überall für dich da, wenn du ihn nur lassen würdest.«

Ich will etwas erwidern, aber Mama redet einfach weiter.

»Jedenfalls, die letzten zwei Jahre waren ziemlich hart für uns beide. Ich habe dich gebraucht und du mich. Doch jetzt ist es höchste Zeit, dass wir wieder lernen loszulassen – ich dich und du mich.«

»Sagt wer?«

»Sabine.«

Das war ja klar, dass wieder diese Psychotante dahintersteckt!

»Sabine sagt, ich muss anfangen, mein Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen«, fährt Mama fort. »Und du, Schatz, du musst aufhören, dir Sorgen um mich zu machen.«

»Tu ich doch gar nicht!«

»Doch, das tust du. So sehr, dass du dich nicht traust, mich alleinzulassen.«

»So ein Quatsch, Mama!«, widerspreche ich. »Natürlich traue ich mich, dich alleinzulassen!«

»Warum hast du dann Nein gesagt, als Lena dich zu ihren Großeltern eingeladen hat?«

»Weil sie selber meinte, dass es dort sterbenslangweilig ist, und weil ihre Brüder der pure Horror sind!«

»Und warum wolltest du nicht mit Bea nach Los Angeles?«

»Weil wir uns das nicht hätten leisten können, das wäre viel zu teuer gewesen!«

»Und warum hast du dich geweigert, mit Anna ins Schulsportlager zu fahren?«

So ein Mist, mir gehen die Ausreden aus! Das Schulsportlager wäre definitiv weder zu teuer noch langweilig gewesen …

»Siehst du!«, sagt Mama prompt. »Du bist deshalb nicht mitgefahren, weil du mich nicht alleinlassen wolltest.«

»Und wenn schon! Was ist so schlimm daran?«, entgegne ich trotzig.

»Das Schlimme ist, dass ich deine Mutter bin und du meine Tochter. Mütter passen auf ihre Töchter auf, nicht umgekehrt. Bitte, Jule, du musst mir eine Chance geben, dir zu beweisen, dass ich wunderbar allein zurechtkomme!«

»Deshalb muss ich ein halbes Jahr nach Italien? Weil du mir irgendwas beweisen willst?«

»Ach, Schatz, du MUSST natürlich nicht. Es ist ein Angebot, und du hast genügend Zeit, dich dafür oder dagegen zu entscheiden. Wenn alles klappt, kommt Marco ja sowieso erst mal für drei oder vier Monate zu uns. Versprich mir einfach, dass du in aller Ruhe darüber nachdenken wirst, okay?«

Tja, bleibt mir denn etwas anderes übrig?!

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Hast du dich mit Stereotypen und Vorurteilen über das
Gastland und seine Bewohner auseinandergesetzt?

Auseinandersetzung ist genau das richtige Stichwort! Die hat es gegeben. Und zwar ausgerechnet noch an meinem Geburtstag.

Nach dem Frühstück mit Mama beschließe ich, joggen zu gehen. Mama versucht gar nicht erst, mich aufzuhalten, obwohl es draußen immer noch regnet und stürmt. Ich glaube, sie kapiert, dass ich jetzt erst mal rausmuss, eine Weile allein sein und in Ruhe über alles nachdenken.

Ich laufe eine gute Stunde, so wie immer. Als ich wiederkomme, wartet Mama schon an der Wohnungstür auf mich.

»Da bist du ja endlich!«, ruft sie und reißt mir hektisch die nasse Jacke und die dreckigen Turnschuhe aus der Hand.

Ich gehe in die Küche und hole mir eine Flasche Mineralwasser aus dem Kühlschrank. Mama wuselt hinter mir her.

»Du musst dich ein bisschen beeilen, Jule! Geh bitte gleich unter die Dusche, ja? Deine Oma kommt nachher zum Kaffeetrinken vorbei …«

Ich verschlucke mich vor Schreck an dem Wasser und bekomme einen Hustenanfall.

»Du hast Agathe eingeladen?!«, krächze ich, als ich wieder sprechen kann.

Andere Mädchen freuen sich vielleicht, wenn ihre Omas zum Kaffeetrinken kommen. Ich nicht. Das liegt daran, dass meine Großmutter nicht so ist wie die anderen, die NETTEN Großmütter, die alles für ihre Enkelkinder tun, die ihnen Kuchen backen, Socken stricken und Geldscheine zustecken. Meine Großmutter ist nicht nett, sondern das Gegenteil davon. Sie hat Mama an ihrem 18. Geburtstag vor die Tür gesetzt, weil sie der Meinung war, sie müsse selbstständiger werden.

»Bitte, Jule, schau mich nicht so vorwurfsvoll an!«, bettelt Mama. »Es war nicht meine Idee, wirklich nicht! Sie hat angerufen und gesagt, dass sie dir dein Geburtstagsgeschenk persönlich vorbeibringen möchte. Da hätte ich doch schlecht Nein sagen können, oder?«

Wieso eigentlich nicht? Agathe – sie verlangt von uns, dass wir sie statt mit »Mama« beziehungsweise »Oma« mit dem Vornamen ansprechen – hat doch auch kein Problem damit, Nein zu sagen. Damals, vor zwei Jahren, in den Sommerferien, als es Mama so schlecht ging, habe ich sie ein paarmal angerufen und gefragt, ob sie nicht vorbeikommen und mit Mama reden könnte. Es ist nie was daraus geworden. Immer war ihr irgendetwas wichtiger als Mama und ich – eine Demo gegen häusliche Gewalt, eine Spendenaktion für arbeitslose alleinerziehende Mütter, eine feministische Aufklärungskampagne in Namibia … und so weiter und so fort.

Andererseits: Vielleicht war es ja auch ganz gut so, dass sie sich in den letzten zwei Jahren kaum hat blicken lassen. Mit ihrer ätzenden Art, ständig an uns herumzukritisieren und sich über unser »angepasstes Spießerdasein« zu mokieren, hätte sie Mama wahrscheinlich den Rest gegeben und alles nur noch schlimmer gemacht. Ich erinnere mich jedenfalls immer noch mit Schaudern an ihren letzten großen Auftritt. Das war an Weihnachten vor drei Jahren. Kaum war sie zur Tür herein, ging es los:

»Du meine Güte, es ist so sauber bei euch und so aufgeräumt, es kommt einem fast steril vor!« – »Ach du liebes bisschen, Susanne, du hast doch nicht etwa zehn verschiedene Sorten Weihnachtsplätzchen gebacken? Was für ein Aufwand! Mit all der Zeit hättest du wirklich etwas Sinnvolleres anfangen können!« – »Diese schrecklichen Papiersterne, die dort am Fenster hängen, haben die deine Schüler gebastelt? Ach, ich glaube, ich werde nie darüber hinwegkommen, dass sich ausgerechnet meine Tochter einen typischen Frauenberuf gesucht hat, anstatt endlich mit den traditionellen Rollenklischees zu brechen!« – »Nichts für ungut, liebe Susanne, aber dein Gatte scheint mir mit einem selbst für einen Mann ungewöhnlich hohen Maß an Ignoranz geschlagen zu sein. Ansonsten würde er sich wohl kaum erblöden, das Weltall erforschen zu wollen, wo es doch hier auf der Erde schon genug ungelöste Probleme gibt!« – »Ich verstehe einfach nicht, wie du das erträgst, dieses langweilige Spießerleben! Schau dir doch deine Tochter an, dann siehst du, was dabei herauskommt: Kinder ohne Widerspruchsgeist, kritiklos, unselbstständig und gehorsam bis zur Charakterlosigkeit!«

Noch Fragen, warum ich keinen gesteigerten Wert darauf lege, mit Agathe auf meinen 15. Geburtstag anzustoßen?!


Agathe kommt zu spät – was nichts Neues ist. Sie kommt immer zu spät, sie liebt es, andere Leute warten zu lassen. Als ich mit Duschen und Umziehen fertig bin, ist sie schon seit fünf Minuten überfällig. Ich setze mich zu Mama, die allein am gedeckten Kaffeetisch wartet und nervös am weißen Tischtuch und an den Stoffservietten herumzupft, und schaue die Geburtstagspost durch, die sie mir an meinen Platz gelegt hat, drei Postkarten und einen Brief. Die Postkarten stammen allesamt von meinen Verwandten väterlicherseits, die im niederbayerischen Hinterland leben und die Erfindung von E-Mails und SMS verpasst haben. Der Brief ist von Papa. Ich habe seine Handschrift auf dem Kuvert sofort erkannt. Ich tue, was ich immer tue: Anstatt den Brief zu öffnen und zu lesen, zerreiße ich ihn, einmal quer, einmal längs, in vier gleich große Teile.

Mama hat wieder ihre steile Falte auf der Stirn.

»Schatz, meinst du wirklich …«

Genau in diesem Moment klingelt es. Wenn das kein perfektes Timing ist! Danke, Agathe! Dafür verzeihe ich dir die ersten drei bissigen Bemerkungen im Voraus!


Ich bin nicht vorbereitet auf das, was passiert, als ich die Tür öffne. Da steht Agathe und – nein, sie mustert mich nicht mit kritisch gerunzelter Stirn von Kopf bis Fuß, sondern sie lächelt mich an und sagt: »Hallo, Julia. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!«

Dann geht sie an mir vorbei auf Mama zu und tätschelt ihr die Wange. »Hallo, Susanne. Gut siehst du aus, meine Liebe!«

Agathe sagt, dass sie sich freut, uns zu sehen. Sie lobt den Kuchen und bewundert die Teller und Tassen, die Mama mit ihren Schülern selbst bemalt hat. Sie fragt, was es bei uns Neues gibt, und hört tatsächlich zu, anstatt uns mit abfälligem Schnauben und ironischen Kommentaren zu unterbrechen. Und dann schenkt sie mir auch noch supercoole Adidas- Fußballschuhe zum Geburtstag!

Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass meine Oma mir etwas schenkt, was ich mir wirklich gewünscht habe. Es ist auch das erste Mal, dass sie mir sagt, wie stolz sie auf mich ist (weil ich »zum Kampf rüste, um die von Männern besetzte Welt des Fußballs für die Frauen zurückzuerobern«). Aber ich bin so verwirrt, dass ich mich gar nicht richtig freuen kann. Wie kann sie mir zu Weihnachten ein Buch über »Markenterror – eine Anleitung zum systematischen Widerstand« und zum Geburtstag nagelneue Markenschuhe schenken?

»Meinst du, sie hat Drogen genommen?«, flüstere ich Mama zu, als wir kurz allein in der Küche sind.

»Wer weiß? Zutrauen würde ich es ihr!«, flüstert Mama zurück.

Es ist kaum zu glauben, aber es sieht eine ganze Weile so aus, als würde der Nachmittag harmonisch verlaufen. Erst als das Thema »Italien« zur Sprache kommt, ist es plötzlich vorbei mit der Harmonie.

»Du willst deine Tochter ganz allein für ein halbes Jahr nach Italien schicken? Ausgerechnet nach Italien? Das würde ich mir an deiner Stelle gut überlegen!«, fährt Agathe Mama an, als wir ihr von unseren Plänen erzählen. »Italien gehört zu den europäischen Ländern, in denen die Emanzipation immer noch keine nennenswerten Fortschritte gemacht hat! Außer hinter dem Herd und bei den Kindern ist in der italienischen Kultur für die Frauen kein Platz! Die Italiener sind Machos der übelsten Sorte …«

»Ich bitte dich!«, fällt Mama ihr empört ins Wort. »Das sind doch alles nur Vorurteile!«

»Ha! Von wegen Vorurteile! Das sind Fakten!«

Und dann redet Agathe sich so richtig in Rage. Sie zitiert Studien, Zeitungsartikel und Biografien, die angeblich unwiderlegbar beweisen, dass alle Italiener unbelehrbare Patriarchen, frauenverachtende Unterdrücker und Ausbeuter und darüber hinaus hirn-, treu- und schamlose Verführer sind.

»Bist du fertig oder hast du noch mehr idiotische Klischees auf Lager?«, fragt Mama verärgert, als Agathe irgendwann eine Pause macht, weil sie nach Luft schnappen, husten und einen Schluck trinken muss.

Agathe wirft Mama einen vernichtenden Blick zu. In eisiges Schweigen gehüllt, trinkt sie ihren Kaffee aus und bricht überstürzt auf.


Kaum sind wir zu Hause, klingelt das Telefon. Mama, die am Küchentisch sitzt und eine Liste mit den Dingen schreibt, die wir morgen noch erledigen müssen (typisch Lehrerin, sie hat für alles eine Liste!), ruft mir zu: »Geh du hin, das ist bestimmt für dich!«

Es ist Agathe.

»Hallo, Julia! Hör zu, bitte richte doch deiner Mutter aus, dass es mir leidtut. Ich hätte mich vorhin nicht so aufregen sollen. Sie hat ja recht, wahrscheinlich habe ich wirklich Tatsachen und Vorurteile durcheinandergebracht. Wie gesagt, es tut mir leid. Sagst du ihr das bitte? Danke, Julia. Bis bald.«

Sie legt auf, bevor ich irgendetwas erwidern kann. Aber ich bin sowieso total sprachlos: Soweit ich weiß, hat Agathe sich ihr Leben lang noch nie für irgendetwas entschuldigt. Und schon gar nicht hat sie jemals eingeräumt, im Unrecht zu sein.

»Wer war’s denn?«, ruft Mama.

Ich gehe zu ihr in die Küche und wiederhole Wort für Wort, was Agathe gesagt hat. Auch Mama verschlägt es erst mal die Sprache. Schließlich murmelt sie: »Sie hat gesagt, es tut ihr LEID? Sie hat gesagt, ich habe RECHT? Dann müssen wirklich Drogen im Spiel sein …«

Kopfschüttelnd wendet sie sich wieder ihrer Liste zu. Den ganzen Abend – beim Kochen, beim Essen, beim Fernsehschauen – kommt sie nicht mehr aus dem Kopfschütteln heraus.