Michelle Falkoff

Playlist for the Dead

Zum Andenken an Erik

Nach all den Jahren, die ich vor dem Fernseher verbracht hatte, glaubte ich, man könnte eine Leiche finden und es erst dann merken, wenn man sie umdreht und das Einschussloch oder den Messerstich oder was auch immer entdeckt. Und irgendwie stimmte das auch. Hayden lag unter der Decke, eingewickelt in seine alberne Star-Wars-Bettwäsche (nebenbei, wie alt waren wir denn?), die ich schon aus den Nächten kannte, in denen ich bei ihm übernachtet hatte.

Hayden hatte schon immer einen tiefen Schlaf gehabt. Manchmal musste ich ihn praktisch aus dem Bett wälzen, um ihn aufzuwecken – was gar nicht so einfach war, denn er war klein und irgendwie rundlich. Ich hingegen war zwar um einiges größer, aber eher der Typ Bohnenstange, und wenn er einmal eingeschlafen war, war es schwierig, ihn überhaupt zu bewegen.

Als ich ihn da so liegen sah, seufzte ich und überlegte, wie ich die Entschuldigung für vergangene Nacht, wegen der ich eigentlich gekommen war, in die Entschuldigung einfließen lassen konnte, die ich ihm schuldig wäre, wenn ich ihn gleich vom Bett auf den Boden fallen ließ.

Das Geräusch meines Seufzers kam mir laut vor, und es dauerte ein paar Sekunden, bis ich dahinterkam, warum: Hayden schnarchte nicht. Dabei schnarchte er immer. Meine Mom war Krankenschwester und glaubte, er hätte Schlafapnoe – eine Schlafstörung, bei der es immer wieder zu Atemaussetzern kommt. Wenn er bei uns übernachtete, konnte sie sein Schnarchen in ihrem Zimmer hören, das am anderen Ende des Flurs lag. Sie versuchte, ihn zu überreden, mit seinen Eltern darüber zu sprechen, damit er vom Arzt eine Art Maske bekäme, aber ich wusste, dass es niemals dazu kommen würde. Hayden redete mit seiner Mutter nur, wenn es unbedingt sein musste, und mit seinem Dad würde er erst recht kein Wort wechseln.

Die Stille im Zimmer machte mir langsam Angst. Ich versuchte, mir einzureden, dass Hayden einfach nur eine gute Schlafposition gefunden hatte, die sein permanentes Schnarchen unterbrach oder so, aber das wäre ein kleines Wunder, und daran glaubte ich schon seit der Grundschule nicht mehr.

Ich stieß sein Bein ein wenig an. »Hayden, komm schon.«

Er rührte sich nicht.

»Hayden, im Ernst jetzt. Wach auf.«

Nichts. Nicht einmal ein Grunzen.

Ich wollte mir gerade den Sturmtruppler-Helm aus seinem Regal nehmen, um ihn zu erschrecken, als ich die leere Wodkaflasche auf dem Schreibtisch entdeckte. Sie stand zwischen dem Laptop und Haydens Modell des Millenium Falken, gleich neben seinem Bett.

Das war seltsam. Hayden trank nie, nicht einmal auf den wenigen Partys, auf denen wir gewesen waren. Und soweit ich mitbekommen hatte, hatte er gestern Abend nicht einmal Zeit gehabt, auch nur einen Schluck aus dem Bierfässchen zu probieren. Es gab keinen Grund, weshalb diese Flasche hier war. Es sei denn, er war doch wütender gewesen, als ich gedacht hatte. Vielleicht hatte er die Flasche aus der Hausbar seines Dads genommen, als er nach Hause gekommen war. Ich spürte, wie sich das schlechte Gewissen in meinem Magen regte. Deshalb wachte er also nicht auf: Er hatte einen Kater. Trotz meiner Gewissensbisse musste ich lachen. Haydens erster Kater – damit würde ich ihn ordentlich aufziehen, wenn er endlich aufwachte. Und dann würde ich ihn zu einem fettigen Frühstück schleppen und wir würden uns wieder versöhnen. Alles würde gut werden.

Jetzt musste er nur noch aufwachen.