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eBook-ISBN: 978-3-649-66866-4

© 2015 Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG,

Hafenweg 30, 48155 Münster

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise

Text: Patricia Schröder

Umschlaggestaltung: Carola Sieverding

Lektorat: Maren Jessen, Hamburg

www.coppenrath.de

Das Buch erscheint unter der ISBN: 978-3-649-66782-7

COPPENRATH

Ab auf die Hallig!

»Warum?«, fragt Anna-Sophia ihr Spiegelbild. »Warum ausgerechnet eine Hallig? Wieso kann das Ganze nicht in Hamburg stattfinden? Onkel Lothars Haus ist ja wohl groß genug.«

Meine Schwester sitzt mit hängenden Schultern und heruntergezogenen Mundwinkeln vor ihrer Schminkkommode und mustert sich finster.

»Darauf erwartest du ja wohl nicht ernsthaft eine Antwort«, erwidere ich und deute auf den Spiegel mit dem weißen Schnörkelrahmen und der blinkenden Schmetterlingslichterkette drum herum. »Ich meine, was soll Schneewittchens Stiefmutter dir schon groß sagen?»

»Klappe!«, faucht Anna-Sophia. »Du bist nicht gefragt.«

»Ich weiß«, murmele ich, während ich mit gezielten Handgriffen sechs Unterhosen (sofern man diese winzigen Fetzen, die mehr aus Spitze als aus richtigem Stoff bestehen, überhaupt als solche bezeichnen kann), sechs BHs und sechs Paar Socken aus dem eher unübersichtlich sortierten Kleiderschrank meiner fünfzehnjährigen Schwester fische.

Ich bin nie gefragt – zumindest was Anna-Sophia betrifft. Nicht dass es mir überhaupt nichts ausmachen würde, aber irgendwie habe ich mich inzwischen an diesen Zustand gewöhnt.

»Was tust du da überhaupt?«, knurrt sie jetzt.

»Deine Tasche packen«, sage ich. »Was sonst?«

Meine Schwester wirbelt herum. Sie springt von ihrem gelben Plüschhocker auf und stürzt auf mich zu.

»Tust du nicht!«, keift sie, schnappt sich die Reisetasche und kippt die Unterhosen, BHs und Socken, die ich eben hineingeworfen habe, auf dem Chaos aus, das sich anstelle eines Teppichs auf ihrem Fußboden befindet.

»Wer dann?«, frage ich.

»Ich natürlich!« Anna-Sophia verdreht die Augen und schüttelt verständnislos den Kopf. »Du weißt doch gar nicht, was ich mitnehmen will.«

Ich kreuze die Arme vor der Brust und stöhne.

»Das Auto ist seit einer Viertelstunde fertig gepackt. Wir warten nur noch auf dich.«

So wie immer! Wir, das sind Mama, Papa und ich: unkompliziert, bestens organisiert, durch so gut wie fast nichts aus der Ruhe zu bringen und im Grunde immer fröhlich. Dass Anna-Sophia auch zur Familie gehört, sollte man manchmal gar nicht glauben. Okay, ich habe natürlich auch so meine Macken: zum Beispiel Angst im Dunkeln oder extreme Schreckhaftigkeit, was das plötzliche Auftauchen von kleinen Tieren mit langen Schwänzen oder gezackten Flügeln angeht. Aber das ist für ein Stadtkind ja wohl eher normal.

»Und wenn ich nicht mitfahre?«, entgegnet Anna-Sophia.

Dagegen hätte ich persönlich eigentlich nichts einzuwenden.

Ich fürchte allerdings, dass meine Meinung in diesem Punkt ebenfalls nicht gefragt ist.

»Okay«, sage ich also und stapfe aus dem Zimmer.

»Und?«, fragt Mama, die gerade einen prüfenden Blick in ihre Handtasche wirft. »Ist deine Schwester endlich so weit?«

»Nein.«

»Nein? Aber ich hatte dich doch gebeten, rasch ein paar Sachen zusammenzusuchen, damit deinem Vater nicht doch noch die Hutschnur reißt und wir …«

Ich lasse meine Mutter nicht ausreden. »Sie fährt nicht mit.«

»Wie bitte?«

Mama guckt mich ungläubig an. Dann atmet sie geräuschvoll aus.

»Offenbar gibt es hier eine Kleinigkeit zu besprechen«, sagt sie, fegt an mir vorbei und verschwindet mit energischen Schritten in Anna-Sophias Zimmer.

Zehn Minuten später sitzen wir im Auto.

Keine Ahnung, was Mama mit Anna-Sophia besprochen hat, und ich will es auch gar nicht wissen. Jedenfalls kauert meine Schwester nun neben mir auf der Rückbank. Mit angezogenen Knien, rot geheulten Augen und iPod-Stöpseln in den Ohren.

Papa startet den Motor. Auf längeren Strecken fährt meistens er zuerst, weil er als Beifahrer immer so schrecklich müde wird und sich anschließend nicht mehr richtig konzentrieren kann. Außerdem sitzt Mama sowieso lieber im Hellen hinterm Steuer und im Moment ist es noch stockdunkel draußen.

Ich beuge mich nach vorn und versuche, die Angaben auf dem Navi zu entziffern. »Wie viele Kilometer sind es denn?«

»Bis Tiedenbüll fünfhundertsechsunddreißig«, erwidert Mama. »Das Wasser kommt ab zehn nach zwei zurück. Innerhalb der nächsten sieben Stunden müssen wir es also bis nach Hilsum geschafft haben.«

»Hmm«, bestätigt mein Vater. »Der Fahrer der Pferdekutsche kann ohnehin nicht ewig auf uns warten. Die Gezeiten der Nordsee richten sich leider nicht nach den Allüren einer Fünfzehnjährigen«, fügt er mit einem vielsagenden Blick in den Rückspiegel hinzu.

»Matthias, bitte«, sagt Mama mahnend.

»Keine Panik«, werfe ich ein. »Die Queen kriegt sowieso nix mit.«

Inzwischen hat Anna-Sophia das Kinn auf ihre Knie gelegt und stiert mit ihrem berühmt-berüchtigten beleidigte-Leberwurst-Gesicht zum Seitenfenster hinaus.

Tsch-tsch-tsch-tacka-tscht, zischelt es aus ihren Ohrstöpseln. Ich schätze, das wird jetzt wohl bis Hilsum so gehen.

Dort wohnt Tante Ulla, Papas zweitälteste Schwester, mit ihrem Mann Olaf und meinen drei Cousins Gonne, Finn und Malte. Ein Mädchen gibt es zum Glück auch, nämlich deren Schwester Sünje. Sie ist drei Jahre jünger als Gonne und genauso alt wie ich. Na ja, jedenfalls bis zum 24. Dezember. An diesem Tag ist nämlich nicht nur Heiligabend, sondern auch mein Geburtstag und dann werde ich dreizehn. – Halleluja!

Die meisten meiner Freundinnen beneiden mich darum. Sie finden das cool und denken, dass ich doppelt so viele Geschenke bekomme wie der Rest der Menschheit. Sie rechnen nämlich folgendermaßen:Weihnachten plus Geburtstag plus großzügiges Extra, weil der 24. Dezember nun mal nicht mein alleiniger Ehrentag ist, sondern ich mir meine Geburtstagstorte sozusagen mit Marias und Josefs einzigem Sohn teilen muss.

Die Wahrheit ist: Ich bekomme weder mehr noch weniger Geschenke. Davon bin ich jedenfalls überzeugt. Und Jesus sitzt auch nicht mit bei uns am Kaffeetisch. Es ist also allenfalls mittelcool, wenn Geburtstag und Heiligabend auf ein und denselben Tag fallen. Denn es gibt ja wirklich nur ein einziges Fest und das feiern alle. Würde ich an diesem Tag eine Party steigen lassen wollen, müsste ich mich wohl oder übel mit mir allein amüsieren. Und deshalb holen wir meine Feier immer im Frühsommer nach.

Am 13. Juni hat nämlich Louisa Geburtstag. Sie ist meine allerbeste Freundin. Ihre Eltern haben ein Haus mit großem Garten, in dem man erstklassige Zeltfeste mit Volleyball-Turnier, Grillfeuer und Übernachtung veranstalten kann. Und das machen wir dann praktischerweise zusammen. Einen richtigen alleinigen Ehrentag habe ich also nie. Aber das stört mich nicht sonderlich. Entscheidend ist doch der Spaßfaktor und der ist sowohl am 24. Dezember als auch am 13. Juni gegeben. Zumindest ist das bisher immer so gewesen.

In diesem Jahr habe ich zum ersten Mal meine Zweifel. Dabei freue ich mich eigentlich auf Tante Ulla, Sünje, die vielen Tiere und die Hallig. Es ist einsam und abenteuerlich dort. Ein bisschen so, als wäre man Robinson Crusoe auf einer winzigen Insel.

Was mir allerdings ein wenig Sorgen bereitet, ist Anna-Sophias Miesepeterlaune und der Umstand, dass Papas ganze Familie dort mitten im kalten Winter fast eine ganze Woche lang in einem eigentlich viel zu kleinen Haus eingepfercht zusammenleben muss. Insofern hat meine Schwester schon irgendwie recht damit, wenn sie sagt, dass in Onkel Lothars Hamburger Schicki-Micki-Villa viel mehr Platz für uns alle gewesen wäre.

Weiß der Teufel, wieso Papas ältester Bruder darauf bestanden hat, dass unsere große Familienweihnachtsfeier ausgerechnet bei Tante Ulla und Onkel Olaf auf Hilsum stattfinden soll. Weder Papa noch seine ultrasteife Schwester Sybille fanden diese Idee besonders prickelnd. Die wohnt nämlich in Stuttgart und muss mit Onkel Rainer, ihrem vierzehnjährigen Sohn Kai und meiner Oberzickencousine Klarissa für diesen Familienspaß einmal quer durch ganz Deutschland juckeln.

In den letzten Wochen und Tagen hat es endlos lange Telefonate deswegen gegeben. Vor allem Tante Sybille hat sich schrecklich aufgeregt. Über die lange Reise, über Tante Ullas angeblich nachlässige Haushaltsführung, vor allem aber über die Tiere, die bei ihr durchs Haus spazieren und auf Sesseln, Sofas und Betten herumliegen dürfen.

»Ich finde Katzenhaare auf der Bettdecke auch nicht so toll«, hat Mama zu Tante Sybille gesagt. »Aber für die paar Tage wird man das ja wohl ertragen können. Außerdem weiß Ulla doch, dass ihr großen Wert auf Sauberkeit legt. Sie wird schon dafür sorgen, dass Rainer und du in einem tierhaarfreien Bett schlafen könnt.«

Sie hat dann noch ein bisschen zwischen meinen beiden Tanten zu vermitteln versucht, allerdings ohne Erfolg. Tante Ulla und Tante Sybille sind einfach zu verschieden und sich schon als Kind spinnefeind gewesen. Und deshalb waren wir auch bis gestern noch felsenfest davon überzeugt, dass Onkel Rainer und Tante Sybille die Reise auf den letzten Drücker unter irgendeinem fadenscheinigen Vorwand absagen würden. Aber am Ende wollten sie dann wohl doch keine Spielverderber sein.

Immerhin bezahlt Onkel Lothar die ganze Chose. Tante Sybille hat er sogar einen Stapel Benzingutscheine geschickt – angeblich, weil sie am weitesten weg wohnt. Aber wir wissen alle nur zu gut, dass sie immer ganz vorn mit dabei ist, wenn es irgendwo etwas umsonst gibt.

Und sie ist garantiert genauso neugierig wie wir.

Onkel Lothar hat nämlich betont, dass ihm dieses Familientreffen besonders am Herzen liege, weil die vier Geschwister schon seit Ewigkeiten nicht mehr unter einen Hut zu bringen waren. Außerdem gebe es etwas außerordentlich Wichtiges zu besprechen.

Tja, und nun wollen wir – Tante Sybille inklusive – natürlich alle wissen, was es mit Onkel Lothars Herzensangelegenheit wohl auf sich hat.

Kurz vor Hamburg machen wir eine Pinkelpause.

»Die einzige und letzte vor Tiedenbüll«, sagt Papa, während er sich zu Anna-Sophia und mir umdreht.

Eindringlich fixiert er meine Schwester, doch die tut so, als würde sie von nichts etwas mitkriegen. Tsch-tsch-tsch-tacka-tscht, zischelt es nach wie vor aus ihren Ohrstöpseln.

Sein Blick wandert zu mir. »Leonie …?«

»Ich geh auf jeden Fall«, sage ich und löse den Sicherheitsgurt.

»Ich komme mit«, schließt Mama sich an.

»Und ich werde ganz sicher nicht noch einmal extra für Madame einen Stopp einlegen«, knurrt Papa.

Er mag es gar nicht, wenn wir uns tröpfchenweise melden, sondern erwartet von uns, dass wir es in einer geschlossenen Gemeinschaftsaktion durchziehen.

Mama sieht ihn erstaunt an. »Ich dachte, wir tauschen.«

»Natürlich, aber …«

»Wenn ich hinterm Steuer sitze, entscheide ich«, stellt sie klar. »Du kannst derweil ganz in Ruhe in einer Illustrierten blättern oder schlafen und musst dich für den Rest der Fahrt in keinster Weise um die Belange der weiblichen Belegschaft kümmern.«

Papa zieht eine Grimasse, widerspricht jedoch nicht.

»Gut.« Meine Mutter grunzt zufrieden, angelt ihre Umhängetasche aus dem Fußraum und öffnet die Beifahrertür.

Ich tippe meiner Schwester gegen die Schulter, doch sie reagiert noch immer nicht.

»Sie kriegt sich schon wieder ein«, prophezeit Mama mir auf dem Weg zum Klo. »Ulla hat mir ein aktuelles Foto von den Kindern geschickt. Gonne scheint ein sehr hübscher, netter Junge geworden zu sein.«

»Er ist Anna-Sophias Cousin«, sage ich empört.

Abgesehen davon, dass es sich nicht schickt, würde es die Angelegenheit meiner Ansicht nach bloß unnötig verkomplizieren, wenn meine Schwester sich in Gonne verliebt.

»So habe ich das doch nicht gemeint«, erwidert meine Mutter. Als hätte sie meine Gedanken erraten! »Ich hoffe einfach nur, dass es ihr peinlich ist, in seiner Gegenwart die Zicke zu geben.«

Hmm, das ist allerdings ein Argument. – Und eine zugegebenermaßen durchaus berechtigte Hoffnung.

Nachdem wir unser Geschäft erledigt haben, besorgt Mama noch einen Kaffee für Papa und sich und eine Tüte Mini-Schokoriegel-Mix für uns alle.

Mein Vater hat es sich inzwischen mit der Tageszeitung auf dem Beifahrersitz bequem gemacht. Anna-Sophia hingegen scheint sich keinen Millimeter bewegt zu haben.

Papa öffnet das Handschuhfach, in dessen Innenklappe sich zwei kreisrunde Ausbuchtungen befinden, und meine Mutter stellt die beiden Becher hinein.

»Ich bin ja sehr gespannt, wie Kai und Klarissa sich entwickelt haben«, sagt sie, während sie den Motor startet und zurücksetzt.

»Na, was glaubst du wohl?«, brummt Papa. »Ich wette, meine Schwester hat die beiden zu erstklassig funktionierenden Robotern erzogen, die jedem artig die Hand geben, sich morgens um Punkt sieben Uhr die Haare kämmen und abends zur immer gleichen Zeit ins Bett fallen.«

Ich seufze leise. Auf meine bescheuerte Cousine Klarissa habe ich am wenigsten Lust, um nicht zu sagen eigentlich gar keine. Zwischen ihr und mir steht es nämlich wie zwischen Tante Ulla und Tante Sybille: Klarissa und ich haben uns noch nie verstanden. Wir ticken einfach zu verschieden. Mittlerweile ist es zwar schon beinahe drei Jahre her, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben, aber ich glaube kaum, dass Klarissa sich in dieser Zeit irgendwie zu ihrem Vorteil verändert hat. Ich werde mich also an Sünje halten und hoffe inständig, dass sie so unkompliziert und lustig geblieben ist, wie ich sie in Erinnerung habe: ein strahlendes Energiebündel, das nicht nur Wind und Wetter trotzt, sondern eigentlich allem, das sich ihr in den Weg zu stellen versucht.

»Kommt Oma Grizabella eigentlich auch mit?«, frage ich.

»Das nehme ich doch stark an«, erwidert Papa.

»Zumindest haben wir in den letzten Tagen nichts Gegenteiliges gehört«, fügt meine Mutter hinzu. »Offenbar geht es ihr im Moment ganz gut und es scheint nichts gegen die Reise zu sprechen. Außerdem wäre es wirklich jammerschade, wenn ausgerechnet sie bei unserem Familientreffen fehlen würde.«

Das finde ich allerdings auch!

Oma Grizabella ist die Mutter von Papa und seinen Geschwistern. Sie ist zweiundsiebzig Jahre alt und leidet an multipler Sklerose. Deshalb kann sie sich nicht mehr so gut bewegen und sitzt seit über einem Jahr im Rollstuhl.

Mit richtigem Namen heißt sie Marianne, aber wir nennen sie alle Grizabella, weil sie ein eingefleischter Musical-Fan ist. Cats hat sie mindestens zehn Mal gesehen und die alte Katze »Grizabella« ist ihre absolute Lieblingsfigur in diesem Stück.

Gut hundert Kilometer hinter Hamburg geht die Autobahn in eine Bundesstraße über.

Verschneite Felder, winzige Ortschaften und einzelne Höfe ziehen an uns vorbei. Man hat einen weiten Blick über die ausgedehnte Landschaft Schleswig-Holsteins, und ich werde ganz zappelig vor Aufregung, weil ich es kaum erwarten kann, endlich das Meer zu sehen.

Anna-Sophia hat mittlerweile ihre Füße herunterrutschen lassen. Ihr Kopf ruht in der Lücke zwischen Nackenstütze und Fenster und sie hält die Augen geschlossen. Obwohl wir schon fast sechs Stunden unterwegs sind, hat sie nicht einen Schluck getrunken und auch keinen der Schokoriegel angerührt, die ich zwischen uns auf die Sitzbank gelegt habe. Aus ihren Ohrstöpseln kommt noch immer das gleiche Tsch-tsch-tsch-tacka-tscht.

Als Mama den Wagen kurz hinter Tiedenbüll in Richtung Deichüberfahrt lenkt, reißt sie sich die Dinger plötzlich heraus und verkündet: »Ich muss mal! Total dringend!«

Die holde Sandrina

»Am besten, du stellst den Wagen gleich hier vorn ab«, sagt Papa und deutet auf einen kleinen Parkplatz, der sich rechts neben der Deichüberfahrt befindet. »Das bisschen Gepäck können wir auch zu Fuß hinübertragen.«

»Ich muss mal«, stöhnt Anna-Sophia. »Gibt’s hier vielleicht irgendwo ein Klo?«

Niemand antwortet. Auch ich nicht, obwohl mir alles Mögliche auf der Zunge liegt.

»Meinst du, das kostet was?«, fragt Mama stirnrunzelnd, während sie unser Auto an dem kleinen blau-weiß gestrichenen Holzhaus vorbei auf den Parkplatz rollen lässt.

»Keine Ahnung«, gibt mein Vater schulterzuckend zurück. »Das Häuschen dort scheint jedenfalls nicht besetzt zu sein.«

Meine Mutter steuert die erste größere freie Parklücke an, stellt den Motor aus und zieht den Zündschlüssel ab. Außer unserem Saab stehen noch elf oder zwölf weitere PKWs hier. Ansonsten herrscht gähnende Leere.

Ich drücke die Tür auf und springe als Erste aus dem Wagen.

Der Boden unter meinen Füßen ist hart gefroren und mit einer dünnen Schneeschicht bedeckt. Ich breite die Arme aus, drehe mich einmal um mich selbst und hauche Atemwölkchen in die Luft.

»Leonie, zieh bitte deine Jacke an«, ermahnt Mama mich.

Sie und Papa sind ebenfalls ausgestiegen. Nur meine Schwester hockt noch immer wie festgewachsen auf der Rückbank.

Ich trage meinen dicken himbeerroten Vliespulli und mir ist überhaupt nicht kalt, trotzdem widerspreche ich nicht. Anna-Sophia macht schon genug Ärger, da will ich meine Eltern nicht zusätzlich reizen.

Während Papa unsere Reisetaschen und Rucksäcke aus dem Kofferraum hievt, schnappe ich mir also meinen Winteranorak und schlüpfe hinein.

»Ich glaube nicht, dass es was kostet!«, rufe ich, nachdem ich einen Blick durch die Windschutzscheibe des kaffeefarbenen Audis neben uns geworfen und keinen Parkschein auf der Armaturenablage entdeckt habe.

»Und ich glaube, Onkel Lothar und Oma Grizabella sind auch schon da«, sagt Papa. »Offenbar konnte mein großer geschäftiger Bruder sich doch einen Tag eher aus seiner Firma loseisen.«

Er reckt sein Kinn in Richtung eines schwarzen Mercedesvans, der gleich in der ersten Parkbucht hinter dem Holzhäuschen steht. Er hat ein Hamburger Kennzeichen.

»HH - LS - 66 … Lothar Scheffelmann … Das könnte hinkommen«, murmele ich.

»Verlass dich drauf«, bekräftigt Papa. »Sechsundsechzig ist sein Geburtsjahr.«

»Hä?«, mache ich.

»1966«, hilft meine Mutter mir auf die Sprünge. Sie streift ihre Wollmütze über und öffnet Anna-Sophias Tür. »Was ist?«, brummt sie. »Brauchst du eine Extraeinladung? Oder ziehst du es vor, die Weihnachtstage im Auto zu verbringen?«

»Ich kann nicht aufstehen«, presst meine Schwester hervor.

»Und warum nicht?«, fragt Mama.

»Weil sie auf dem Sitz festgewachsen ist«, spekuliere ich.

»Nein, weil ich sofort lospisse, wenn ich mich bewege!«, keift Anna-Sophia zu mir heraus.

»Gut«, sagt Papa. »Dann rufe ich jetzt den Notarztwagen. Die sollen eine Bettpfanne mitbringen, die sie dir unterschieben können. Ich fürchte allerdings, dass unsere Krankenkasse das nicht übernehmen wird. Notfalls muss ich die Kosten von deinem Taschengeld abziehen.«

»Du bist so ein A…«, zischt meine Schwester.

»Ich weiß«, murmelt mein Vater und lächelt in sich hinein. »Mein Humor ist nicht jedermanns Sache.«

»Matthias, bitte«, formt Mama lautlos mit den Lippen und macht einen tiefen Atemzug. »Jetzt komm schon raus, Schätzchen«, fordert sie Anna-Sophia auf, »und hock dich einfach hinters Auto.«

Ich schultere meinen Rucksack, schnappe mir meine

Reisetasche und stapfe schon mal los. Mit einer halbwegs erwachsenen Schwester, die es nicht hinkriegt, rechtzeitig auf die Toilette zu gehen, möchte ich nun wirklich nichts zu tun haben. Außerdem will ich endlich das Meer sehen. Und ich bin megagespannt, wie wohl die Kutsche aussieht, die uns quer durchs Watt zur Hallig hinüberfahren wird.

Tante Ulla, Onkel Olaf, Gonne, Sünje, Finn und Malte leben erst seit zwei Jahren auf Hilsum. Davor haben sie in der Nähe von Husum gewohnt und dort haben wir sie auch das letzte Mal besucht.

Neben der Straße, die über den Deich führt, gibt es noch eine schmale Holztreppe, die etwas steiler verläuft und für Fußgänger gedacht ist. Meine Reisetasche wird mit jedem Schritt schwerer, und deshalb entscheide ich mich für die Treppe, damit ich mich an ihrem Geländer hochziehen kann.

Als ich ungefähr die Hälfte hinter mich gebracht habe, erscheint oben auf der Deichkrone eine elegant gekleidete junge Frau.

Klack-Klack-Klack-Klack-Klack, stöckelt sie auf hohen, dünnen Stiefelabsätzen die Treppenstufen hinunter auf mich zu. Ihre langen blonden Haare, die unter einer dunkelblauen Baskenmütze hervorschauen, hüpfen bei jedem Schritt und ihre rot geschminkten Lippen leuchten wie eine vollreife Riesenkirsche.

»Mach mal bitte Platz da!«, blafft sie mich an. »Wie soll ich denn so hier runterkommen?«

Keine Ahnung! Das Einfachste wäre es wohl, wenn sie einen Schritt zur Seite treten, kurz warten und mich vorbeilassen würde, aber dafür ist sie sich offenbar zu vornehm.

Ich stelle also hastig die Reisetasche ab und drücke mich gegen das Geländer.

»Geht doch«, sagt die junge Madame Obererlaucht und stöckelt an mir vorbei.

»Nichts zu danken«, brumme ich und nehme die Reisetasche wieder auf, wobei ich fast das Gleichgewicht verliere und mitsamt meinem Gepäck die Talfahrt antrete. Im letzten Moment fange ich mich jedoch und sehe zu, dass ich so schnell wie möglich nach oben komme.

Auf der Deichkrone bläst mir ein schneidender Wind entgegen, der mir für ein paar Sekunden den Atem raubt. Über mir reißt gerade der Himmel auf, und ein paar schmale vorwitzige Sonnenstrahlen schaffen es, sich ihren Weg durch die graue Wolkendecke zu bahnen.

Vor und unter mir liegt eine riesige, bis zum Horizont reichende und von Millionen von Eiskristallen glitzernde Fläche. Wo genau das Watt aufhört und das Meer anfängt, kann ich nicht ausmachen, aber in der Ferne erkenne ich ein paar dunkle Erhebungen, auf denen die Umrisse von Häusern und Bäumen zu erahnen sind. Eine dieser Erhebungen muss die Hallig Hilsum sein.

Links von mir erstreckt sich eine Landzunge ins Watt, auf deren Spitze ein rot-weißer Leuchtturm in den Himmel ragt, und direkt unterhalb des Deiches mündet die asphaltierte Überfahrt in eine Art Rondell. Dort steht eine zweispännige Pferdekutsche, um die sich eine ganze Menge Leute scharen. Einige von ihnen scheinen sich hauptsächlich für die beiden braunen Haflinger mit den hellen Mähnen zu interessieren. Ein Mann nimmt gerade seine kleine Tochter auf den Arm, damit sie ihnen über die hohe Stirn streicheln kann.

Ein anderer Mann und zwei Frauen reden auf einen dritten ein, der besonders groß und kräftig wirkt und mit Gummistiefeln und einer dicken Jacke aus Schaffell bekleidet ist.

Den Rollstuhl am hinteren Ende des Kutschwagens mit der kleinen verhutzelten Person darin entdecke ich erst auf den zweiten Blick.

»Oma Grizabella!«, rufe ich und stürme, so schnell es mir mit meinen unhandlichen Gepäckstücken auf der schmalen Treppe möglich ist, den Deich hinunter.

»Langsam, mein Kind!«, ruft meine Großmutter zurück. »Ich werde dir schon nicht davonlaufen.«

Sie winkt mit beiden Armen und lacht, dass ihre hellen blauen Augen nur so blitzen.

Kurz bevor ich den Rollstuhl erreiche, lasse ich Rucksack und Reisetasche fallen und stürze mich in Oma Grizabellas Arme.

»Ach, mein Mädchen«, murmelt sie in mein Haar. »Wie lange haben wir uns nicht gesehen!«

»Ewig lange«, platzt es aus mir heraus. »Da konntest du jedenfalls noch gehen.« Erschrocken beiße ich mir auf die Zunge. »Ähm, ich meine … Entschuldigung, das wollte ich nicht sagen.«

»Warum denn nicht?«, erwidert meine Großmutter achselzuckend. »Schließlich entspricht es den Tatsachen. Und denen sollte man stets offen ins Gesicht schauen.«

Sie drückt mich an sich und küsst mein Haar, meine Wange und meinen Hals.

»Ja, aber …«, stammele ich, »macht es dir denn gar nichts aus?«

Oma Grizabella schiebt mich ein Stück von sich weg und sieht mir in die Augen. »Ein wenig schon«, wispert sie und zwinkert mir zu. »Doch das bleibt bitte unser Geheimnis. So«, sagt sie dann, »und jetzt begrüß deinen Onkel. Der kann es nämlich kaum erwarten, euch alle wiederzusehen.«

»Klar.« In der Annahme, Papas großen Bruder mit weit geöffneten Armen hinter mir stehen zu sehen, drehe ich mich um. Aber da ist niemand, der sich für mich oder meine Großmutter interessiert.

Die meisten Leute reden noch immer auf den kräftigen Mann in der Schaffelljacke ein. Wie oft die Kutsche nach Hilsum fahre. Ob die Gastwirtschaft zwischen den Tagen geöffnet sei oder ob er jemanden kenne, bei dem man eine Wattwanderung buchen könne.

»Ähm … Wer ist denn überhaupt Onkel Lothar?«, frage ich Oma Grizabella.

»Sag bloß, du erkennst ihn nicht?«, entgegnet sie grinsend.

»Nein. Ich hab ihn schon Jahre nicht mehr gesehen. Ich glaube, ich war sieben oder acht, als er das letzte Mal bei uns in Leipzig war.«

Meine Großmutter schüttelt den Kopf.

»Eine Schande ist das«, murmelt sie und ein paar Sekunden lang verhärten sich ihre Gesichtszüge.

Ich mustere sie verstohlen. Oma Grizabella war ja schon immer ziemlich klein und dünn, in diesem Monster von einem Rollstuhl wirkt sie allerdings noch viel zarter und zerbrechlicher als früher. Ihr schmales Gesicht verschwindet fast unter der dicken Wollmütze, und der lange Schal, den sie sich mehrmals um den Hals geschlungen hat, tut sein Übriges.

»Ist dir kalt?«, frage ich besorgt.

»Nein, nein«, meint sie abwinkend. »Es ist alles in Ordnung. Hier unten neben der Kutsche befinde ich mich wenigstens im Windschatten.« Sie zieht eine Grimasse. »Vor der Fahrt graust es mir allerdings ein wenig. Zum Glück dauert sie nur zwanzig Minuten.«

»Hm.« Ich nicke und betrachte das Gespann etwas genauer.

Die beiden Haflinger sind groß und kräftig, und das scheint mir auch nötig zu sein, denn sie müssen einen Holzwagen ziehen, auf dem sich drei Sitzbänke und eine relativ große Gepäckfläche befinden. Auf der vorderen Bank kauert bereits jemand, nämlich ein Junge, der sich die Kapuze seines Anoraks tief in die Stirn gezogen hat und ungeduldig darauf zu warten scheint, dass es endlich losgeht. Unruhig ruckt sein Kopf hin und her und dabei kreuzen sich unsere Blicke für eine Milliblitzsekunde. Schnell guckt er wieder weg.

Blödmann, denke ich. Dabei sah er eigentlich ganz nett aus. Hellbraune Augen unter geraden dunklen Brauen und ein winziger Leberfleck neben seinem linken Mundwinkel.

Ob er auch nach Hilsum will? – Nein, wohl eher nicht. Bestimmt ist er nur der Sohn des Kutschers.

»Oh, schau nur«, lenkt Oma Grizabella mich ab und weist zum Deich hinüber. »Da ist ja der Rest deiner Familie … in Begleitung unserer reizenden Sandrina.«

»Sandrina?«, frage ich, während ich herumwirbele. »Wer ist denn das schon wieder?«

»Die neue Freundin deines Onkels«, erwidert meine Großmutter gepresst. Erneut fällt ein Schatten über ihre Augen, doch einen Atemzug später lächelt sie schon wieder und ruft: »Anna-Sophia, meine Süße! Lass dich umarmen!«

»Oma Grizabella!«, juchzt meine Schwester.

Auch sie lässt ihre Gepäckstücke einfach auf den Boden klatschen, bevor sie meiner Oma um den Hals fällt.

Anna-Sophia macht die meisten Dinge genauso wie ich, nur einen Tick übertriebener, sodass es oft total gekünstelt rüberkommt. Sie will eben immer toller, schlauer, hübscher oder was weiß ich sein. Ich finde das total albern. – Und überflüssig!

Im Moment interessiert mich das Getue meiner Schwester allerdings herzlich wenig, denn in diesem Augenblick erfordern ganz andere Leute meine volle Aufmerksamkeit:

Sandrina, die in ihrem hellen, eleganten Wollmantel auf uns zustöckelt, Papa, der neben seinem eigenen Gepäck noch einen riesigen weißen Hartschalenkoffer hinter sich herzieht, und ein Mann in ebenso schicken Klamotten wie Sandrina, der mit ausgebreiteten Armen auf eben diese zueilt und »Mein Zuckerschnütchen! Du musst dich doch nicht mit diesem Riesending abschleppen!« ausruft.

»Keine Sorge, Bruderherz«, keucht mein Vater. »Sandrina hat ihren Koffer nicht einen Millimeter anheben müssen.«

»Ach, Matthias, mein Guter! Das nenne ich ja mal ein perfektes Timing«, erwidert der Mann so laut, dass sich sofort sämtliche Blicke auf ihn richten. Nur das kleine Mädchen, das auf dem Arm seines Vaters hockt, streichelt noch immer die beiden Pferde. Einmal lässt sie ihre kleine Hand über die Stirn des einen, dann über die des anderen gleiten. Immer abwechselnd und hoch konzentriert.

»Das also ist Onkel Lothar«, murmele ich.

Na toll! Seine holde Sandrina habe ich jetzt schon gefressen. Aber das muss außer mir ja keiner wissen.