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Ein Auszug von "Gelöscht" von Teri Terry:


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Kylas Gedächtnis wurde gelöscht, ihre Persönlichkeit ausradiert, ihre Erinnerungen sind für immer verloren. Kyla wurde geslated.

Aber die Stimmen aus der Vergangenheit lassen die Sechzehnjährige nicht los - hat sie wirklich unschuldige Kinder bei einem Bombenanschlag getötet? Zählte sie zu einer Gruppe von gefährlichen Terroristen? Und warum steht ein Bild von ihr auf einer geheimen Webseite mit vermissten Kindern?

Kyla wird immer wieder von Flashbacks aus ihrem früheren Leben eingeholt und merkt allmählich, dass ihre wahre Identität ein großes Geheimnis birgt. Gemeinsam mit Ben, einem anderen Slater, in den sie sich verliebt, begibt sie sich auf die Suche nach der Wahrheit - doch wem kann sie überhaupt noch vertrauen?

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Ebenfalls im
Coppenrath Verlag
als eBook erschienen:

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Merkwürdig.

Zugegeben, ich habe wenig Erfahrung, um diesen Eindruck begründen zu können. Ich bin 16 Jahre alt und weder langsam noch zurückgeblieben oder seit meiner Geburt in einem Schrank eingesperrt gewesen – zumindest soweit ich weiß –, aber das Slating macht das mit einem. Es nimmt einem alle Erinnerungen.

Es dauert eine Weile, bis nicht mehr ständig alles zum ersten Mal geschieht. Erste Worte, erste Schritte, die erste Spinne an der Wand, der erste angeschlagene Zeh. Ganz einfach: erstes ALLES.

Wenn ich mich heute also seltsam und unsicher fühle, könnte es einfach daran liegen.

Ich kaue an meinen Nägeln, während ich hier sitze und auf Mum, Dad und Amy warte, damit sie mich aus dem Krankenhaus abholen, um mich nach Hause zu bringen. Aber ich weiß nicht, wer sie sind. Ich weiß nicht, wo zu Hause ist. Ich weiß gar nichts. Wie könnte das nicht … merkwürdig sein?

Bzzzz: ein sanftes vibrierendes Warnsignal von dem Levo an meinem Handgelenk. Ich schaue nach unten: Ich bin auf 4,4 gefallen. Also esse ich ein Stück Schokolade, und mein Level steigt ganz langsam wieder an, während sich der Zucker in meinem Mund ausbreitet und ich beobachte, wie sich mein Levo-Wert verändert.

»Mit so schwachen Nerven wirst du irgendwann dick.«

Ich zucke zusammen.

Dr. Lysander steht in der Tür. Sie ist groß und dünn und trägt einen weißen Kittel. Ihre dunklen Haare sind nach hinten gekämmt und auf ihrer Nase sitzt eine dicke Brille. Sie bewegt sich geräuschlos wie ein Geist und scheint immer schon vorher zu wissen, wann das Levo bei jemandem in den roten Bereich rutscht. Aber sie ist nicht wie die Schwestern, die einen mit einer Umarmung zurückholen. Nett würde man sie wohl nicht gerade nennen.

»Es ist so weit, Kyla. Komm.«

»Muss ich denn gehen? Kann ich nicht einfach hierbleiben?«

Sie schüttelt den Kopf. Ein ungeduldiges Zucken in ihren Augen sagt »Das habe ich schon eine Million Mal gehört«. Oder zumindest 19.417 Mal, denn das ist die Nummer meines Levos.

»Du weißt, dass das nicht geht. Wir brauchen das Zimmer. Komm.«

Sie dreht sich um und geht durch die Tür. Ich nehme meine Tasche und folge ihr. Darin ist alles, was ich besitze – sie ist nicht schwer.

Ehe ich die Tür schließe, blicke ich zurück in mein Zimmer. Ein Bett, zwei Kissen, eine Decke, ein Schrank. Das Waschbecken mit einer Schramme an der rechten Seite ist das Einzige, was dieses Zimmer von den endlosen Reihen von quadratischen Räumen auf meinem und den anderen Korridoren unterscheidet. Das Erste, woran ich mich erinnere.

Neun Monate lang waren diese vier Wände die Grenzen meines Universums. Sie und Dr. Lysanders Büro, die Sporthalle und die Schule einen Stock tiefer, zusammen mit anderen wie mir.

Bzzzz: Es vibriert an meinem Arm noch stärker als vor einigen Minuten. Mein Levo ist auf 4,1 gefallen.

Zu niedrig.

Dr. Lysander dreht sich um und schnalzt leise mit der Zunge. Sie beugt sich zu mir herunter, sodass wir auf Augenhöhe sind, und berührt meine Wange mit der Hand. Wieder ein erstes Mal.

»Glaub mir, alles wird gut. Und wir werden uns ja alle zwei Wochen sehen.«

Sie lächelt. Aber eigentlich spannt sie die Lippen über die Zähne und ihr Gesicht wirkt damit fremd. Als ob das Lächeln unsicher wäre, wie es überhaupt dorthin gelangt ist. Ich bin so überrascht, dass ich meine Angst vergesse und mein Levo aus dem roten Bereich steigt.

Sie nickt, richtet sich auf und läuft den Flur hinab zum Lift.

Wir fahren schweigend neun Stockwerke nach unten ins »Erdgeschoss «, dann gehen wir einen kurzen Gang entlang, bis wir zu einer weiteren Tür gelangen. Eine, hinter der ich noch nie gewesen bin – aus gutem Grund. Darüber steht »S & E«: Sachbearbeitung und Entlassung. Sobald man durch diese Tür tritt, ist man raus.

»Geh nur«, sagt Dr. Lysander.

Ich zögere und öffne die Tür nur einen Spalt. Dann drehe ich mich noch einmal um, weil ich »Auf Wiedersehen« oder »Bitte gehen Sie nicht« oder beides sagen will, aber mit einem leisen Rascheln des weißen Kittels und der dunklen Haare ist Dr. Lysander schon wieder im Lift verschwunden.

Mein Herz schlägt viel zu schnell. Ich atme ein und aus und zähle dabei jedes Mal bis zehn, wie man es uns beigebracht hat, bis mein Puls wieder langsamer wird. Dann straffe ich meine Schultern und ziehe die Tür weiter auf. Hinter der Schwelle befindet sich ein langer Raum mit einer Tür am anderen Ende und Plastikstühlen an der Wand. Darauf sitzen zwei andere Slater, mit der gleichen Tasche, wie ich sie habe, vor sich auf dem Boden. Ich kenne beide aus der Schule, obwohl ich viel länger hier war als sie. Genau wie ich tragen sie nicht mehr die hellblauen Baumwoll-Overalls, sondern richtige Jeans – also einfach eine andere Uniform. Die beiden lächeln, weil sie sich darauf freuen, endlich das Krankenhaus mit ihren Familien zu verlassen.

Es ist ihnen egal, dass sie ihre Eltern und Geschwister noch nie zuvor gesehen haben.

Eine Krankenschwester hinter einem Tisch auf der anderen Seite des Raums blickt auf. Ich stehe in der Tür und will sie nicht hinter mir zufallen lassen. Die Frau runzelt leicht die Stirn und winkt mich ungeduldig herein.

»Komm. Bist du Kyla? Du musst dich bei mir eintragen, bevor du dich abmelden kannst«, sagt sie und lächelt breit.

Ich zwinge mich, zu ihr zu gehen. Mein Levo vibriert, als die Tür hinter mir ins Schloss fällt. Die Krankenschwester nimmt meine Hand und sieht auf mein Levo, während es noch stärker zu vibrieren beginnt: 3,9. Sie schüttelt den Kopf, hält mit einer Hand meinen Arm fest und bohrt mit der anderen eine Spritze in meine Schulter.

»Was war das?«, frage ich und ziehe meinen Arm weg, obwohl ich die Antwort kenne.

»Nur etwas, um dich bei Laune zu halten, bis du das Problem von jemand anderem geworden bist. Setz dich. Du wirst aufgerufen.«

Mein Magen dreht sich um, doch ich tue, was sie sagt, und setze mich. Die anderen beiden Slater sehen mich mit großen Augen an. Ich spüre, wie der Happy Juice langsam durch meine Adern strömt und alle Gefühle verwischt, aber er kann meine Gedanken nicht stoppen – selbst dann nicht, als mein Levo auf 5 steigt.

Was, wenn mich meine Eltern nicht mögen? Selbst wenn ich mir wirklich Mühe gebe – was zugegebenermaßen nicht immer der Fall ist –, scheinen mich andere Menschen nicht unbedingt leicht ins Herz zu schließen. Sie werden wütend, wie Dr. Lysander, wenn ich nicht tue oder sage, was sie erwarten.

Und was, wenn ich sie nicht mag? Ich kenne nur ihre Namen. Alles, was ich habe, ist ein Foto, das gerahmt an der Wand meines Krankenzimmers hing und jetzt in meiner Tasche steckt. David, Sandra und Amy Davis. Dad, Mum und meine große Schwester. Sie lächeln in die Kamera und sehen ganz nett aus, aber wer weiß schon, wie sie wirklich sind?

Doch letztendlich ist das alles unwichtig, denn ganz egal, wer sie sind – ich muss dafür sorgen, dass sie mich mögen.

Scheitern ist keine Option.

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Die »Sachbearbeitung« ist kaum der Rede wert. Ich werde gescannt, fotografiert, gewogen und meine Fingerabdrücke werden genommen.

Wie sich herausstellt, ist die »Entlassung« der schwierigere Teil. Die Schwester erklärt mir auf dem Weg, dass ich meine Mutter und meinen Vater begrüßen muss, dass sie und ich ein paar Formulare unterschreiben werden, die belegen, dass wir jetzt alle eine große wundervolle Familie sind, und wir dann gemeinsam nach Hause fahren werden, um für immer glücklich miteinander zu leben. Natürlich springt mir das Problem sofort ins Auge: Was, wenn sie mich sehen und sich plötzlich weigern zu unterschreiben? Was dann?

»Steh gerade! Und lächle«, zischt die Schwester und schiebt mich durch die Tür.

Ich setze ein breites Lächeln auf, obwohl ich genau weiß, dass es aus einer ängstlichen und traurigen Kyla keine engelsgleiche und glückliche Erscheinung macht.

Kaum bin ich über die Schwelle getreten, bleibe ich wie angewurzelt stehen: Da sind sie. Ich hatte irgendwie damit gerechnet, dass sie dort stehen würden wie auf dem Foto, in den gleichen Klamotten, wie Puppen. Aber alle drei tragen unterschiedliche Kleidung, sie stehen anders und tausend Details kämpfen um meine Aufmerksamkeit. Es ist alles zu viel für mich. Der Anblick meiner neuen Familie droht mich zu überwältigen, sodass ich wieder in den roten Bereich abrutsche, obwohl immer noch der Happy Juice durch meine Adern fließt. Ich höre die gelangweilte Stimme meiner Lehrerin mit dem ewig gleichen Mantra, als stünde sie direkt neben mir: Eins nach dem anderen, Kyla.

Also konzentriere ich mich auf ihre Augen und hebe mir den Rest für später auf. Dads Augen sind grau, rätselhaft und zurückhaltend. Mums Augen haben kleine Flecken auf hellem Braun – es sind ungeduldige Augen, die mich an die von Dr. Lysander erinnern. Augen, denen nichts entgeht. Und meine Schwester ist auch da: große, dunkle, fast schwarze Augen sehen mich neugierig an, umrahmt von schimmernder Haut wie brauner Samt. Als das Foto vor ein paar Wochen geschickt wurde, wollte ich wissen, warum Amy so anders aussieht als meine Eltern und ich, aber sofort wurde ich zurechtgewiesen, dass die ethnische Herkunft ohne Bedeutung sei und unter der wunderbaren Zentralkoalition keiner Erwähnung mehr wert sei. Aber wie kann man so etwas übersehen?

Die drei sitzen an einem Tisch, zusammen mit einem fremden Mann. Alle Augen sind auf mich gerichtet, aber niemand sagt ein Wort. Mein Lächeln fühlt sich immer unnatürlicher an, wie ein Tier, das gestorben ist und jetzt mit einer Todesfratze auf meinem Gesicht klebt.

Dann springt Dad von seinem Stuhl auf. »Kyla, wir freuen uns so, dass du jetzt zu unserer Familie gehörst.« Lächelnd nimmt er meine Hand und küsst mich auf die Backe. Seine Wange mit den Bartstoppeln fühlt sich rau an, aber sein Lächeln ist warm. Und echt.

Dann kommen auch Mum und Amy zu mir und alle drei überragen mich mit meinen ein Meter fünfzig. Amy hakt sich bei mir ein und streicht über mein Haar. »So eine schöne Farbe, wie goldener Weizen. Und so weich!«

Mum lächelt nun auch, aber ihr Lächeln gleicht meinem.

Der Mann am Tisch räuspert sich und raschelt dann mit irgendwelchen Papieren. »Würden Sie bitte unterzeichnen?«

Und Mum und Dad unterschreiben dort, wo er hinzeigt. Dann reicht Dad mir den Stift.

»Deine Unterschrift, Kyla«, sagt der Mann und tippt auf eine leere Linie am Ende des langen Dokuments. »Kyla Davis« ist darunter getippt.

»Was ist das?«, will ich wissen, und die Worte kommen aus meinem Mund, ehe ich denken kann, bevor ich spreche, wie Dr. Lysander es mir immer wieder eingeschärft hat.

Der Mann am Tisch hebt eine Augenbraue, während sich auf seinem Gesicht erst Überraschung und dann Verärgerung spiegelt. »Das Standardformular für die Entlassung aus der stationären Behandlung in den externen Vollzug. Unterzeichne.«

»Kann ich es erst lesen?«, frage ich, denn eine merkwürdige Sturheit in mir treibt mich an, obwohl ein anderer Teil von mir schlechte Idee flüstert.

Die Augen des Mannes werden schmaler, dann seufzt er. »Ja, das kannst du. Dann warten jetzt bitte alle, bis Miss Davis ihrem Rechtsanspruch nachgekommen ist.«

Ich blättere das Dokument durch, aber es hat über zehn Seiten, die so eng bedruckt sind, dass alles vor meinen Augen verschwimmt und mein Herz wieder rast.

Dad legt mir eine Hand auf die Schulter und ich drehe mich um. »Das ist schon in Ordnung, Kyla. Nur zu«, sagt er ruhig.

Auf ihn und Mum muss ich ab jetzt hören. Ich erinnere mich, dass das eine der Regeln ist, die mir eine Schwester letzte Woche geduldig zu erklären versucht hat. Und es ist Teil dessen, was im Vertrag steht.

Ich werde rot und unterzeichne: Kyla Davis. Nicht mehr nur Kyla – der Name, den eine Beamtin für mich ausgesucht hat, als ich hier vor neun Monaten zum ersten Mal die Augen aufschlug. Und jetzt habe ich außerdem einen richtigen Nachnamen, der zu mir gehört und mich zum Teil einer Familie macht. Das steht auch irgendwo im Vertrag.

»Lass mich das tragen«, sagt Dad und nimmt meine Tasche. Amy hakt sich wieder bei mir ein und wir gehen durch die letzte Tür.

Und einfach so lassen wir alles hinter uns, was ich kenne.

Mum und Dad mustern mich im Autospiegel, als wir aus der Tiefgarage unter dem Krankenhaus fahren. Es ist okay, denn ich mustere sie genauso.

Sie fragen sich wahrscheinlich, wie sie zu zwei Töchtern gekommen sind, die so überhaupt nicht zusammenpassen. Und das hat noch nicht mal mit der Hautfarbe zu tun, die man ja sowieso nicht bemerken darf.

Amy sitzt auf der Rückbank neben mir: groß, attraktiv und drei Jahre älter als ich. Ich bin klein und dünn und habe feine blonde Haare – ihre sind dunkel, dick und schwer. Sie ist eine Granate, wie einer der Pfleger immer eine Schwester genannt hat, auf die er stand. Und ich bin …

Mein Gehirn sucht nach einem Wort für das Gegenteil von Amy, aber es kommt nichts. Vielleicht ist das aber auch schon die Antwort: Ich bin ein leeres, langweiliges Blatt Papier.

Amy trägt ein fließendes, rot gemustertes Kleid mit langen Ärmeln, aber sie hat einen davon hochgeschoben, sodass ich das Levo an ihrem Handgelenk sehen kann. Meine Augen weiten sich vor Überraschung: Sie wurde auch geslated. Ihr Levo ist ein älteres Modell, groß und dick im Vergleich zu meinem, das nur aus einer schmalen Goldkette mit einem kleinen Display besteht und aussehen soll wie eine Armbanduhr oder ein Armkettchen. Aber darauf fällt natürlich niemand rein.

»Ich freu mich so, dass ich jetzt eine Schwester habe«, sagt Amy, und es muss stimmen, denn auf ihrer Digitalanzeige steht 6,3.

Wir kommen zur Pforte – hier halten mehrere uniformierte Männer Wache. Einer tritt ans Auto, die anderen sehen hinter der Glasscheibe zu. Dad drückt auf ein paar Knöpfe und alle Autofenster und der Kofferraum gehen auf.

Mum, Dad und Amy ziehen ihre Ärmel hoch und halten ihre Hände aus den Fenstern, also tue ich das Gleiche. Der Wächter schaut auf Mums und Dads leere Handgelenke und nickt, geht dann zu Amy und hält ein Ding an ihr Levo, bis es piept. Dann macht er dasselbe mit meinem Levo. Er wirft einen Blick in den Kofferraum und schließt ihn wieder.

Eine Schranke geht auf und wir dürfen passieren.

»Kyla, was möchtest du heute machen?«, fragt Mum.

Mum ist rund und spitz, nein, das ist kein Scherz. Ihr Körper ist rund und weich, aber ihr Blick und ihre Worte sind spitz.

Der Wagen fährt auf die Straße und ich drehe mich um. Ich kenne das Krankenhaus gut, aber nur von innen. Das Gebäude ist riesig – ich sehe endlose Reihen von vergitterten Fenstern. Hohe Zäune und Türme mit Wachen, die auf und ab patrouillieren, markieren die Grenzen des Klinikgeländes. Und …

»Kyla, ich habe dich etwas gefragt!«

Ich schrecke hoch. »Ich weiß es nicht«, sage ich vorsichtig.

Dad lacht auf. »Natürlich nicht, Kyla, keine Sorge.« Dann wendet er sich an Mum: »Kyla weiß nicht, was sie unternehmen möchte, denn sie hat ja nicht einmal eine Vorstellung davon, was man unternehmen kann

»Also komm, Mum, das weißt du doch«, sagt Amy und schüttelt den Kopf. »Lasst uns direkt nach Hause fahren. Sie soll sich erst ein bisschen an alles gewöhnen, hat die Ärztin gesagt.«

»Ja, Ärzte wissen immer alles«, seufzt Mum, und ich kapiere, dass dieses Thema wohl schon häufiger zur Diskussion stand.

Dad schaut in den Spiegel. »Kyla, weißt du, dass 50 Prozent aller Ärzte die schlechtesten Schüler ihres Jahrgangs waren?«

Amy lacht.

»Also ehrlich, David«, protestiert Mum, aber sie lächelt auch.

»Kennt ihr den Witz von dem Arzt, der links nicht von rechts unterscheiden konnte?«, beginnt Dad und zählt eine lange Liste von Operationsfehlern auf, von denen ich hoffe, dass sie nie in meinem Krankenhaus passiert sind.

Aber bald vergesse ich alles um mich herum und starre nur noch aus dem Fenster.

London.

Ein neues Bild entsteht in meinem Kopf. Das New London Hospital verliert seinen zentralen Platz in meinen Gedanken und versinkt in einem weiten Meer. Straßen, die immer weiter und weiter führen, Autos, Gebäude – alles ist voller Leben. Zum Trocknen aufgehängte Wäsche auf Balkonen und Vorhänge, die aus Fenstern herauswehen. Überall: Menschen – in Autos und auf der Straße. Menschenmassen und Läden und Büros und immer noch mehr Menschenmassen, die in alle Richtungen strömen und die Wachleute ignorieren, die an den Straßenecken stehen, wenn auch immer seltener, je weiter wir uns vom Krankenhaus entfernen.

Dr. Lysander hat mich oft gefragt, warum ich den Drang habe, alles zu beobachten und alles wissen zu wollen, um es mir einzuprägen und jeden Bezugspunkt und jede Position zu merken.

Doch die Antwort ist, dass ich es nicht weiß. Vielleicht will ich mich nicht leer fühlen. Es fehlen so viele Details, die ergänzt werden müssen.

Schon nach wenigen Tagen in der Klinik – sobald ich wieder wusste, wie man einen Fuß vor den anderen setzt, ohne hinzufallen – bin ich jedes frei zugängliche Stockwerk abgegangen, habe Flure und Türen gezählt und als Bilder in meinem Gehirn gespeichert. Ich hätte danach jedes Schwesternzimmer, jedes Labor und jeden anderen Raum blind wiedergefunden. Und auch jetzt noch schließe ich meine Augen und sehe alles vor mir.

Aber London ist anders. Eine ganze Stadt. Ich müsste jede einzelne Straße entlanggehen, um das Bild zu vervollständigen. Doch wir scheinen den direkten Weg nach Hause zu nehmen, in ein Dorf, eine Stunde westlich von London.

Natürlich habe ich in der Krankenhausschule Landkarten und Fotos gesehen. Stundenlang haben sie uns jeden Tag mit so viel Allgemeinwissen gefüttert, wie unsere leeren Gehirne aufnehmen konnten, um uns auf unsere Entlassung vorzubereiten.

Wie anders das doch war. Ich habe mich auf jede Information gestürzt und sie mir eingeprägt und gezeichnet, mir alles in meinem Notizbuch aufgeschrieben, damit ich nichts vergessen würde. Doch die meisten anderen waren weniger aufnahmebereit. Sie waren zu sehr damit beschäftigt, alles und jeden breit und dämlich anzugrinsen. Denn als wir geslated wurden, haben sie die Ausschüttung unserer Glückshormone manipuliert und erhöht.

Wenn sie also auch mein Hormonlevel verändert haben, muss ich vorher bei null gewesen sein.


Teri Terry

Gelöscht

Jugendbuch

ISBN (Buch) 978-3-649-61183-7

ISBN (eBook) 978-3-649-61521-7

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Die Beerdigung

Time can break your heart

Tears in Heaven, Eric Clapton

1

Nora wechselte von Jeans und ausgewaschenem Collegepulli in die schwarzen Sachen, die sie sich rausgelegt hatte, und betrachtete sich im Spiegel. Irgendjemand hatte mal gesagt, Schwarz würde schlank machen.

Das konnte sie nicht feststellen. Ihr Hintern war immer noch zu breit, viel zu breit.

Sie knöpfte die neue Bluse zu, drehte sich ins Profil und zog den Bauch ein, dann straffte sie die Schultern.

So schlimm war es vielleicht doch nicht. Jedenfalls nicht schlimmer als normalerweise. Sie war ja auch sonst nicht supersexy. Aber Nick fand sie hübsch … das war die Hauptsache!

Nein! Wie konnte sie so etwas nur denken? Wo doch gleich die Beerdigung war! Der Gedanke traf sie wie eine Ohrfeige und sie schnappte nach Luft.

Sie starrte sich in die Augen. Ihre Mundwinkel zitterten und ihr Blick verschleierte sich.

Wer bin ich, dachte sie. Bin ich wirklich so oberflächlich und blöd? So sehr mit mir selbst beschäftigt?

Sie legte die Fingerspitzen an den Hals und spürte, wie sie zitterten. Sie konnte kaum schlucken. Irgendwas Großes und Schweres wuchs in ihrer Brust.

Sie ist tot! Sie wird nie wieder zurückkommen! Ich werde nie wieder mit ihr sprechen, sie nie wieder sehen oder mit ihr in die Schule gehen. Sie ist nicht mehr da!

Sechs Tage war es her, seit Nora und Nick sie im See gefunden hatten, tot und nackt in Plastikfolie eingewickelt. Und trotzdem begriff Nora erst jetzt, dass es die harte und unwiderrufliche Wirklichkeit war. Erst jetzt rief jeder Nerv, jeder Gedanke und jedes Gefühl in ihr: nie, nie, nie wieder!

Sie war tot. Ermordet. Sie lag in einem Sarg. Heute würde sie in die Erde hinuntergelassen, in die kalte Dunkelheit. Zu Erde wirst du werden.

Und Nora dachte:Was sollen wir jetzt tun? Lieber Gott, wie soll es mit uns weitergehen?

2

Vilde starb.

Es war, als hätte ihr jemand ein Messer in den Leib gejagt, ihr Herz herausgeschnitten, es auf den Boden geworfen und darauf herumgetrampelt. Sie starb dort oben, in ihrem Zimmer. Sekunde um Sekunde, Minute um Minute, Stunde um Stunde. Und sie war froh darüber. Sie wollte es.

Sie wusste nicht, was die Welt und das Leben ihr jetzt noch zu bieten haben sollten. Es war vorbei, sie war nicht mehr da.

Sie brachte es nicht mehr über sich, Tagebuch zu schreiben. Alles, was in ihr vorging, kam ihr völlig bedeutungslos vor. Es war nicht einmal die Zeit wert, die sie gebraucht hätte, um es aufzuschreiben.

Sie stand am Fenster und schaute hinaus. Aber sie sah nichts. Sie weinte auch nicht. Eigentlich wollte sie eine Zigarette rauchen, aber die Schachtel lag unberührt auf der Fensterbank.

Es ist vorbei, dachte sie. Schluss, aus. Einfach so, plötzlich. Peng! Und nichts war mehr da. Und dieses Nichts tat so unglaublich weh.

Sie wünschte, sie könnte den Schmerz rauslassen, damit er endlich greifbar und sichtbar würde. Wenn er nur zu sehen wäre, dachte sie, wenn sie ihn riechen und anfassen könnte, dann wäre sie in der Lage, ihn unter Kontrolle zu bekommen, dann könnte sie selbst bestimmen, wann er kam und wie tief er ging. Aber er war in ihr eingesperrt.

3

Es war dunkel. Es war immer dunkel. Damals im Schlafzimmer, in einem anderen Leben, als er an den Kleiderschrank gedrückt dagestanden hatte, atemlos vor panischer Angst, ein Geräusch zu verursachen, während Katie um Gnade gefleht und der Vergewaltiger schwer gestöhnt hatte – da war es auch dunkel gewesen.

Und ein paar Jahre später, als der Rückstoß des Revolvers ihm fast die Waffe aus der Hand geschlagen hätte und Katie und der Vergewaltiger plötzlich wie vom Erdboden verschluckt worden waren, hatte ebenfalls Dunkelheit geherrscht.

Auch im Parkhaus vor ein paar Tagen: Kälte, Dunkelheit, harter Beton, so weit das Auge reichte, und im Bauch die Angst. Nur die Gewissheit, dass er etwas tun musste, war stärker als die Angst. Er konnte nicht einfach abhauen und auf alles scheißen, dieses Mal nicht. Damit konnte er auf keinen Fall leben! Nicht noch etwas, das er hätte verhindern sollen – und können, wenn er nur richtig gehandelt hätte.

Sie wussten nicht, dass er da war. Greg lag auf dem Boden. Trym stand neben ihm. Tommy und die anderen Idioten waren fünf Meter entfernt. Irgendeiner ließ einen Baseballschläger auf den Boden knallen. Ein anderer spielte mit einem Messer herum und einer der älteren Typen hatte einen Schlagring aus Metall in der Hand.

Tommy sagte: „Verpiss dich.“

Trym flüsterte: „Nie im Leben!“

Nick merkte, wie er langsam die Kontrolle verlor und etwas anderes in ihm Oberhand gewann. Es war dieselbe Macht, die ihn in Krisensituationen eiskalt und berechnend denken ließ, die ihn dazu gebracht hatte, die Spuren im Haus von Synnøve Viksveen zu verwischen, während sie tot in ihrem Blut lag.

Aber diesmal war es anders, diesmal fühlte er sich wild und stark und gefährlich und die Angst im Bauch verschwand. Ihm war alles so egal, dass er am liebsten laut aufgelacht hätte! Fuck all!

Trym und Tommy starrten sich in die Augen.

„Ich mach dich fertig!“, zischte Tommy. „Und hinterher nehme ich mir deine Kleine vor. Das Flittchen, mit dem du zusammen bist.“

„Versuch’s doch!“, wisperte Trym. „Versuch’s doch!“

Tommy machte einen Schritt nach vorn, dann noch einen. Die anderen folgten ihm.

„Wow!“, sagte Nick da und gab sich zu erkennen. „Fast im Gleichschritt.“

Sie drehten sich um. Wie bei einem Tennismatch. Zack! Alle Köpfe flogen in die gleiche Richtung, zu Nick, der im Schatten an der Wand stand. Er zog an der Zigarette, die in seinem Mundwinkel wippte, und wusste genau, dass sie sehen konnten, wie die Glut hitzig aufleuchtete.

„Ich wurde eingeladen.“ Er stieß sich von der Betonwand ab.

Er ging zwischen ihnen hindurch und nickte Trym und Greg zu. Dann wandte er sich an Tommy und seine Gang.

Sie waren ganz schön viele. Zwölf Mann. Er war geliefert.

Sie würden ihn umbringen – egal, was er tat. Er hatte nicht die Spur einer Chance gegen diese Horde! Und von Trym war nicht besonders viel Hilfe zu erwarten, der hatte sich in seinem Leben ja so gut wie noch nie geprügelt.

Seine Hand schloss sich um das Heft des Springmessers in der Jackentasche. Es war sowieso egal, oder? Es spielte keine Rolle mehr. Er hatte viele Fehler gemacht, jetzt galt es, ein einziges Mal das Richtige zu tun.

Nick grinste. Seine Augen brannten und er spürte einen unangenehmen Druck im Kopf, im gesamten Körper. Gleich würde er explodieren. Von innen in tausend Stücke zerrissen.

Jetzt! Greif an! Verdammt, hör endlich auf nachzudenken. Tu es einfach!

Er riss die rechte Hand aus der Tasche und hielt sie hoch. Zing! Die Messerklinge schnellte heraus und blitzte im Schein der Neonröhren auf.

Er spuckte die Zigarette aus und fragte mit rauer, drohender Stimme: „Also … wer will zuerst?“

4

Nick schrak auf. Sein Atem ging schnell, der Kopf glühte. Er sah auf die runde Uhr, die über Elines Schreibtisch hing. Shit. Er war eingeschlafen, jetzt musste er sich beeilen.

Er beugte sich über Eline und legte ihr die Hand auf die Stirn. Sie war nicht mehr heiß, das Fieber war weg.

Sie öffnete die Augen und lächelte. „Hi.“

„Hallo.“ Er strich ihr die Haare aus dem Gesicht. „Wie geht es dir?“

„Ganz gut.“ Sie nickte. „Aber dir nicht, oder?“

„Nein.“ Er hatte keine Ruhe gefunden, seit er und Nora die Leiche im See entdeckt hatten. Eine Art Rastlosigkeit hatte ihn erfasst. Wegen des Revolvers im See. Wegen Katie. Wegen Nora.

Bald war alles vorbei, es war nur eine Frage der Zeit. Über den Revolver würden sie ihn aufspüren. Zwar hatte er einen anderen Nachnamen als damals, aber das würden sie herausfinden. In ein oder zwei Tagen, vielleicht auch erst in einer Woche, wenn er Glück hatte. Oder möglicherweise sogar schon heute …?

Es würde ihm alles um die Ohren fliegen. Boom. Ach, du dachtest, du könntest dich verstecken? Hast du geglaubt, du würdest einfach so davonkommen?

„Ich bin früh aufgestanden“, sagte er. „Wollte dir ein bisschen Gesellschaft leisten. Bin wohl eingeschlafen.“

Blass und dünn lag Eline in den Kissen. Sie hatte die Decke bis zum Kinn hinaufgezogen. Ihre Augen waren unnatürlich groß und so hellblau, dass sie fast durchsichtig schienen. Er fand, dass sie aussah wie ein zartes Blümchen, das langsam verblühte.

„Ist heute die Beerdigung?“, fragte sie.

„Hm?“ Überrascht schaute er sie an.

„Die Beerdigung“, sagte sie. „Ist die heute?“

„Ja“, antwortete er.

Er wurde ungern an den Tod erinnert. Nicht hier in ihrem Zimmer, nicht von ihr. Sie sollte nicht an solche Sachen denken und dabei in ihrem weißen Bettzeug verschwinden – sie sollte endlich wieder lachen.

„Ich glaube, Werner will noch mal den Arzt anrufen“, sagte er.

„Oh nein“, seufzte sie. „Muss das sein?“

„Du bist nicht fit.“

„Aber ich will nicht, dass der Arzt kommt.“

„Wir müssen doch rausfinden, was du hast.“

„Aber nicht der“, sagte Eline. „Ich will ihn nicht hier haben.“

„Ach, Eline.“ Nick strich ihr erneut über die Stirn. „Mach keinen Quatsch. Klar muss er vorbeikommen. Du willst doch wieder gesund werden.“

„Mir geht es schon viel besser“, wandte sie ein.

„Ja, aber …“

„Morgen bin ich bestimmt wieder gesund“, sagte sie. „Oder übermorgen. Das geht ganz schnell. Ich habe auch schon gar keine Kopfschmerzen mehr!“

Nick lächelte und stand auf. „Ich muss los. Werner und Sigrid sind unten. Ruh dich aus und mach es dir gemütlich, ja?“

Er ging ins Bad und putzte Zähne, dann fuhr er sich mit den Händen durch das dichte, dunkle Haar. Er zog ein frisches weißes T-Shirt an und darüber das graue Jackett. Er strich es glatt. Er kam sich schäbig vor, wie ein Außenseiter. Bestimmt würde er auffallen, wie ein Penner bei einem Galadinner. Aber er hatte nicht so viele Klamotten. Am besten hielt er sich ganz im Hintergrund.

5

Eine Ewigkeit davor guckte Trine auf die Uhr. Sie war früh dran. Es war ihr lieber, ein bisschen Zeit zu haben, Stress konnte sie nicht leiden.

Sie zog sich an und dachte dabei an Vilde. Sie hatten es ausgesprochen, beide. Ich liebe dich. Nicht: Ich hab dich lieb. Sondern: Ich liebe dich.

Beim ersten Mal war es ihr noch schwer über die Lippen gekommen, aber dann war es immer leichter gegangen und sie hatten sich geküsst und es wieder und wieder gesagt.

Es würde jeder erfahren, das hatte sie eingesehen. Sie und Vilde. Oder, vielleicht würde es auch nicht unbedingt jeder erfahren, aber es würde wohl so sein, dass eine Menge Leute sich denken konnten, dass zwischen ihnen etwas lief.

Vielleicht …? Meinst du …? Doch, findest du nicht, dass sie irgendwie komisch sind …? Hast du sie zusammen gesehen, oder was?

Nur Nora wusste wirklich von ihnen. Vilde hatte es ihr erzählt und Nora hatte es sportlich genommen. Sie war nur ein bisschen rot geworden, ein bisschen verlegen eben, obwohl es ja gar nichts gab, das ihr peinlich sein musste. Aber nach ein paar Tagen hatte sich das gelegt.

Manchmal, wenn sie miteinander sprachen und nebeneinander zur Schule gingen, vergaß Trine, dass Nora eingeweiht war. Sie vergaß, dass es überhaupt ein Geheimnis gab, weil sich alles so gut und normal anfühlte.

Doch so schön es war, an Vilde zu denken, sie zu küssen, sie anzufassen, wusste sie, dass es kein Zurück mehr gab, wenn sie noch einen Schritt weitergingen.

Nein. Trine schüttelte den Kopf. Sie wollte nicht mehr darüber nachdenken. Nicht jetzt. Das wäre falsch. Sie sah noch einmal auf die Uhr. Sie musste los.

6

Nick wusste noch genau, wie still es gewesen war. Also, wer will zuerst? Die Klinge seines Messers blitzte im Licht der Neonröhre auf. In Augenhöhe zog er es durch die Luft – wusch, wusch –, wie ein Laserschwert in Star Wars.

Adrenalin rauschte durch seinen Körper, pumpte durch seine Brust. Es fühlte sich an, als würde er vor lauter Kraft und Wut gleich explodieren. Heilige Scheiße, was hatte er für eine Angst! Innerlich kochte er. Er war ein Vulkan. Der angestaute Druck musste raus, jetzt, sonst würde er kaputtgehen, würde platzen und sich über den ganzen Beton verteilen.

Yiha! Er machte einen Ausfallschritt nach vorn und hieb das Messer in Richtung des Nächstbesten. In seinem Kopf brüllte es und vor seinen Augen bildete sich ein Schleier. Er konnte kaum noch etwas sehen. Hatte er Tommy angegriffen? Jedenfalls war es jemand, der sich wie Tommy bewegte, der genauso groß war wie Tommy und der schrie wie Tommy!

Der Typ taumelte rückwärts, fiel hin und schrie noch mal.

Um ihn herum kam Bewegung auf. Die Idioten mit ihren Baseballschlägern, Schlagringen und Messern wichen zurück. Sie schlotterten vor Furcht wie kleine Kinder, irgendjemand heulte wie ein Tier, laut und schrecklich und gefährlich.

Nick warf einen Blick auf die Klinge. Er sah, dass sie sauber war, und wusste, dass er Tommy nicht getroffen hatte. Es war kein Blut geflossen. Aber statt erleichtert zu sein, wurde er wütend und raste los, um sein Werk zu vollenden, um ein allerletztes Mal hart und tief zuzustechen.

„Nick!“

Er spürte eine Hand auf der Schulter, die ihn zurückhielt. Nick riss sich los und stieß den neuen Angreifer mit der linken Hand von sich.

„Nick! Nein!“, hörte er eine Stimme wie aus weiter Ferne. Das tierische Geheule klang ihm in den Ohren.

Er konnte kaum etwas sehen, er musste blinzeln, um den nassen Schleier vor seinen Augen wegzubekommen, aber es wurde nur noch schlimmer. Scheiße.

Er wandte sich wieder der Gestalt auf dem Boden zu. Tommy. Das musste doch Tommy sein. Der Typ versuchte, von ihm wegzurutschen. Er sagte immer wieder das Gleiche und hielt sich einen Arm vors Gesicht, als ob er so das Messer von sich fernhalten könnte.

Plötzlich spürte Nick einen Schmerz im Hals. Trocken und rau wie Sandpapier. Er hatte das Gefühl, ersticken zu müssen. Nick fasste sich mit der linken Hand an die Kehle. Er merkte, wie er bebte, und plötzlich begriff er, woher dieses schreckliche Geheul kam.

Von ihm. Er selbst hatte wie ein Irrer, ein Geisteskranker, geschrien. Unkontrolliert.

Nick hielt die Luft an. Der Schrei erstarb.

Er zwang sich, stehen zu bleiben, umklammerte das Messer, sodass seine Knöchel weiß hervortraten.

Tommy krabbelte rückwärts. Er starrte Nick an. Seine Augen waren weit aufgerissen und panisch.

„Nick“, drang da eine ruhige Stimme an sein Ohr. „He, Nick!“

Er drehte sich um, konnte wieder besser sehen. Er blinzelte den letzten Rest des Schleiers weg, dann erkannte er Trym.

Er stand in sicherer Entfernung, den Oberkörper vorgebeugt und die Arme zum Schutz gehoben. „Beruhig dich, Mann.“

Ich bin ruhig, wollte Nick schon sagen, aber ein Geräusch lenkte ihn ab, ein Scharren auf dem harten Beton. Es kam von Tommy, der sich aufrappelte und davonlief, so schnell er konnte.

„Sie sind weg“, sagte Trym. „Siehst du? Nick, siehst du das? Es ist vorbei. Sie sind abgehauen, der ganze Haufen!“

Mann, was soll das, dachte Nick. Was ist los? Warum redet er mit mir, als wäre ich ein kleines Kind?

„Es ist alles gut“, sprach Trym weiter. „Alles in Ordnung. Auch mit Greg.“

„Ja. Greg“, sagte Greg.

„Ver-dammt“, keuchte Nick heiser.

„Ja“, sagte Trym, „aber jetzt ist alles okay.“

„Verdammt!“

Nick ließ das Messer fallen und mit einem merkwürdig dumpfen Geräusch landete der Griff auf dem Boden. Er taumelte zur Wand und stützte sich daran ab. Er atmete schwer. Sein Rücken wölbte sich und im Mund breitete sich ein saurer Geschmack aus. Er schluckte immer wieder, um sich nicht zu übergeben. Er spürte die Angst noch immer. Sie hatte sich in ihm festgebissen.

Das war die deutlichste Erinnerung, die er an die Szene im Parkhaus hatte. Wie er fast die Kontrolle verloren und beinahe noch einen Menschen umgebracht hätte, den dritten. Oder war es der vierte? Er schüttelte den Kopf. Er wollte nicht mehr grübeln. So ist es eben, dachte er.

Er ging allein zur Kirche. Heute hatte er sich nicht mit Nora verabredet. Er vermisste sie sehr. Mit ihr fühlte er sich stiller, ruhiger, rücksichtsvoller. Ihre angenehme Art war irgendwie auf ihn übergesprungen, sorgte für Ausgeglichenheit. Mit ihr konnte er seine guten Seiten erkennen, alles Helle und Leichte. Ohne Nora war Nick das komplette Gegenteil. Er kippte ins Dunkle und Düstere, wurde rastlos und verschlossen und hatte so viele schreckliche Erinnerungen an Dinge, die besser nicht geschehen wären. Ohne Nora war Nick eine tickende Zeitbombe. Gefährlich. Für alle. Aber vielleicht am meisten für sich selbst.