12 Tage vor dem Mord

Look at me
Can’t you see
All I really want to be
Is free from a world
That hurts me.

Suck My Kiss, Red Hot Chili Peppers

1

Donnerstagabend. Nora war schon den ganzen Tag irgendwie neben der Spur. Sie hatte sich nicht getraut, in der Schule mit Nick zu reden, und er hatte auch nicht versucht, Kontakt zu ihr aufzunehmen. Sie hatten ein paarmal Blicke gewechselt – auf dem Schulhof und nach dem Klingeln am Ende der letzten Stunde –, aber Nora passte auf, dass keine ihrer Freundinnen etwas merkte.

Zum Glück verging die Zeit schnell. Um sechs stand Nora in ihrem Zimmer vor dem Spiegel und probierte ihr fünftes Outfit an. Um sieben entschied sie sich – für das erste. Um halb acht war sie so aufgeregt, dass es in ihrem Bauch gluckerte und sie andauernd zum Klo rennen musste, und sie fragte sich, ob sie die ganze Sache nicht besser abblasen sollte.

Sie hätte wirklich am liebsten abgesagt. Es hatte sowieso keinen Sinn, sich mit ihm zu treffen. Sie und Nick, also echt! Das konnte doch nichts werden! Er sah viel zu gut aus für sie!

Zehn nach acht stakste sie aus der Tür. Ihr Magen grummelte. Sie schwitzte und fror zugleich. Die reinste Hölle. Das wurde garantiert ein Reinfall! Besser, sie blieb zu Hause!

Aber sie brachte es einfach nicht fertig, ihn anzurufen. Ihr Kopf war leer und dröhnte. Sie war davon überzeugt, Schritt für Schritt auf die komplette Katastrophe zuzusteuern.

Um halb neun trafen sie sich vor dem Kino.

„Hallo“, sagte Nick.

„Hallo.“ Nora schluckte.

Sie fuhr sich mit den Fingern durch ihr dickes, dunkles Haar, zupfte daran herum und strich es nervös mit der Hand zurück, ohne dass es ihr bewusst wurde. Sie blickte an ihm vorbei durch die gläserne Eingangstür des Kinos. Vor dem Kartenschalter war eine lange Schlange.

„Ich hab schon welche“, sagte Nick.

„Hm?“

„Ich hab schon Karten gekauft.“

„Echt?“

„Ja, ich …“ Er wurde rot. „Ich war früh dran.“

„Ah.“

„Ich dachte …“ Er unterbrach sich wieder und zögerte, dann schien es, als würde er sich einen Ruck geben, und er sagte leise: „Ich dachte, du willst vielleicht nicht mit mir zusammen in der Schlange stehen, weil uns da alle sehen können. Nach dem, was du am Telefon gesagt hast … Ist wohl besser, wir sind vorsichtig. Damit deine Freundinnen nichts merken.“

Jetzt wurde Nora rot. Sie schaute zu Boden.

Sie hatte ihn gestern Abend angerufen und ihm alles erzählt: über Benedictes wilde Geschichte ihrer Beinahe-Vergewaltigung, die ihr die anderen Freundinnen zwar nicht glaubten, von der sie aber nicht abzubringen war. Und dass eine Racheaktion gegen ihn geplant war, bei der sie – Nora – gezwungen war mitzumachen.

Nein, nicht nur mitzumachen, sondern viel schlimmer: Sie sollte sich das Ganze ausdenken! Das war die einzige Möglichkeit gewesen, eine Anzeige gegen Nick zu verhindern.

Nick hatte am Telefon sehr leise gesprochen: „Das hat sie echt behauptet? Dass ich versucht haben soll, sie zu vergewaltigen?“

„J-ja“, hatte Nora geantwortet.

Und er: „Das ist nicht … wahr.

Er war nicht wütend geworden, er hatte sich nicht aufgeregt hatte nicht geschrien: Die hat doch ein Rad ab!

Nur dieser eine Satz: Das ist nicht wahr. Und in seiner Stimme hatte etwas Erschreckendes gelegen, etwas Hartes und Entschlossenes.

Nora hatte eine Gänsehaut bekommen. Es war ihr kalt über den Rücken gelaufen, und zum ersten Mal hatte sie sich gefragt, wer Nick tief in seinem Herzen eigentlich war. Sie hätte nie gedacht, dass seine Stimme so klingen könnte. Aber trotzdem zweifelte sie keine Sekunde daran, dass er die Wahrheit sagte.

„Ist vielleicht nicht gut, wenn wir noch länger hier draußen stehen“, sagte Nick.

„Hm?“ Sie zuckte zusammen. Es kam ihr vor, als hätte sie seit einer Ewigkeit kein Wort über die Lippen gebracht. Hatte sie ihn angestarrt, mit den Gedanken weit weg? Du lieber Himmel! Sie merkte, wir ihr heiß wurde. Er musste sie für total bescheuert halten!

„Jemand könnte uns sehen“, fügte Nick hinzu.

„Ja“, erwiderte Nora.

„Sollen wir reingehen?“, schlug Nick vor. „Und uns irgendwo in eine Ecke stellen oder so?“

„Okay.“

Sie konnte ihn nicht anschauen. Wie unglaublich peinlich, dass er wusste, dass sie sich verstecken mussten. Zu blöd, dass sie nicht den Mut hatte, einfach auf Benedicte und ihr dämliches Spiel zu pfeifen!

„Ist schon in Ordnung“, sagte Nick schnell. „Ich hab sowieso keine Lust, irgendwen zu treffen, außer dir.“

Es dauerte ein paar Sekunden, ehe ihnen beiden klar wurde, was er gesagt hatte.

Nick öffnete den Mund, als wollte er noch was hinzufügen, damit der Satz nicht so bedeutungsschwer dastand Aber er brachte keinen Ton heraus. Er biss die Zähne so fest zusammen, dass seine Kiefermuskeln hervortraten.

„Oh“, entfuhr es Nora. Sie hätte gerne gesagt: Wie schön, dass du dich für mich interessierst. Nur, nur, nur für mich! Sie räusperte sich. „Gut, dann lass uns reingehen.“

„Ja.“ Er trat einen Schritt zur Seite und machte eine leichte Handbewegung. In der Art, nach dir. Altmodisch und süß.

„Äh, danke.“ Schnell schaute Nora zu ihm hoch.

Nick lächelte. Er war der hübscheste Junge, dem sie jemals begegnet war.

Er trug abgewetzte Jeans, ein verwaschenes grünes T-Shirt und ein graues, locker sitzendes Anzugjackett. An seinem Mittelfinger saß ein dicker Metallring. Nick war größer als Nora. Und dünn.

Sie lief ihm voraus und fühlte sich klein, plump und hässlich. Es kam ihr vor, als würden alle Leute Nick und sie ansehen – und sie abschätzig beurteilen: Was glaubt sie eigentlich, wer sie ist? Sie passt überhaupt nicht zu ihm.

Aber selbst wenn … Eigentlich waren sie sich ein bisschen ähnlich. Ein ganz kleines bisschen. Nora hatte dunkles Haar und braune Augen – genau wie er.

In den letzten Tagen hatte sie viel darüber nachgedacht, dass sie vielleicht einige Ähnlichkeiten hatten. Sie hatte Verliebte beobachtet und gedacht, dass sich viele von ihnen ähnelten. Wenigstens sah man selten welche, die total unterschiedlich waren. Anscheinend verliebten sich die Leute eher in jemanden, der ein bisschen so war wie sie selbst.

Und dann ihre Namen: Nick, Nora. Beide waren kurz und begannen mit N. Aber das war’s dann auch schon. Ende der Ähnlichkeiten. Er war ziemlich groß, jedenfalls etwas über dem Durchschnitt. Sie war kleiner, etwas unter Mittelmaß. Wie üblich! Und sie war nicht dünn, so wie er. Sie war auch nicht dick, aber sie war … irgendwie breit.

Ein bisschen unförmig. So als hätte ihr jemand mit einem Brett auf den Kopf geschlagen, sie erst zusammengestaucht und dann in die Breite gezogen. Crash, boom, bang. Eine verunglückte Comicfigur.

Nora hielt den Blick gesenkt und drängte sich vorwärts durchs Foyer. Sie fluchte stumm in sich hinein und dachte zum x-ten Mal: Ich hätte nicht herkommen sollen. Wäre ich doch bloß zu Hause geblieben.

Im hinteren Teil des Kinos blieb sie stehen. Nick tauchte neben ihr auf. Er lächelte flüchtig und schaute sich um.

Dann räusperte er sich. „Ist es hier okay?“

Nora nickte. Sie merkte, wie sie ärgerlich wurde. Wieso musste er so verdammt verständnisvoll sein? Er hatte doch nichts Falsches getan.

Auf einmal wünschte sie, dass sie irgendjemanden treffen würden. Jemanden, den sie kannte, der es allen erzählen konnte! Dann wäre das überstanden, erledigt und abgehakt, und sie brauchte keinen Gedanken mehr daran zu verschwenden.

„Falls wir gesehen werden, können wir ja sagen, dass wir uns zufällig getroffen haben“, schlug Nick vor.

„Ich weiß nicht.“ Nora wiegte den Kopf hin und her.

„Wieso?“

„Ist doch bescheuert, sich zu verstecken.“

„Ja, schon.“ Er zuckte mit den Schultern.

„Nur wegen Benedicte“, fügte Nora hinzu.

Nick sagte nichts.

Nora hätte so gerne über etwas anderes gesprochen, aber ihr fiel nichts ein.

Sie schwiegen eine Weile. Ihr kam es vor wie eine Ewigkeit. Um sie herum war es laut, die Leute lachten und riefen sich was zu, Verliebte hielten Händchen und tuschelten und strahlten sich an. Ein junges Pärchen, das ein paar Meter entfernt stand, knutschte völlig ungeniert. Nora wäre am liebsten im Erdboden versunken.

„Gutes Kino“, sagte Nick.

„Ja.“ Nora nickte.

„Bestimmt ist gleich Einlass“, sagte Nick.

„Ja“, erwiderte Nora.

Wieder Stille. Nick wechselte das Standbein.

Nora blickte an sich hinunter. Ihr Bauch stand vor. Sie zog ihn ein.

„Und, wie findest du es hier?“, fragte sie.

„Hier?“ Er runzelte die Stirn und blickte sich um. „Im Kino?“

„Nein, ich meine … in der Stadt. Gefällt es dir in Dypdal?“

„Ja, schon. Klar.“ Er lächelte. „Ist ganz … nett.“

„Es ist ziemlich übersichtlich“, sagte Nora. „In diesem Kuhkaff passiert nicht viel. Du bist sicher schon weit rumgekommen, oder?“

„Ja.“ Seine Stimme klang plötzlich wieder reserviert und ein bisschen kühl, genau wie am Telefon, als er zu der Sache mit Benedicte gesagt hatte: Das ist nicht wahr. „Ziemlich.“

„Mhm.“ Nora schaute woandershin und hoffte, der Moment würde bald vorbei sein. Und ausnahmsweise ging ihr Wunsch in Erfüllung. Der Kartenabreißer kam aus dem Kinosaal und machte die Tür weit auf. Die Leute drängten zum Eingang. Nora und Nick reihten sich in die Schlange ein.

„Hier ist deine Karte“, sagte Nick.

„Ah, danke.“

Zu spät fiel Nora ein, dass sie ihm kein Geld dafür gegeben hatte, aber sie fand es peinlich, ausgerechnet jetzt davon anzufangen. Sie würde ihm die Karte nachher bezahlen.

Der Saal war ziemlich klein, mit tiefen roten Samtsesseln. Sie setzten sich in die letzte Reihe. Aus den Lautsprechern kam ein Song. Nora fiel auf, dass Nick der Musik lauschte.

„Gute Band“, sagte er. „Red Hot Chili Peppers.“

„Mhm“, machte Nora. Sie kannte die Gruppe nicht. Sie gab sich Mühe, genau hinzuhören. „Wie heißt das Lied?“

„Das?“ Nick sah sie seltsam an.

Nora überlegte, ob sie etwas Dummes gesagt hatte. Hätte sie wissen müssen, wie das Stück hieß? War das so bekannt?

„J-ja?“, stammelte sie.

„Das Lied.“ Nick räusperte sich. „Das heißt … Ich glaub, das heißt … Suck My Kiss.“

„Oh.“

Es purzelte ihr heraus, das eine kleine Wort. Oh. Die Untertreibung des Jahres. Sie hatte ihn gezwungen, Suck my kiss zu sagen. Lutsch meinen Kuss.

Suck me!

Oh, ja.

Und dann hörte sie auch die Textzeile. Es war, als wenn die Musik plötzlich voll aufgedreht würde und die Worte über sie und Nick hereinbrachen:

Your mouth was made

To suck my kiss.

Nora sank noch tiefer in den Sessel. Sie schwieg.

Nick auch.

Das Pärchen aus dem Foyer, das in aller Öffentlichkeit rumgeknutscht hatte, saß ein paar Reihen weiter vorn. Und jetzt fingen sie schon wieder an. Nick hustete und rutschte unruhig auf seinem Sitz herum.

Das Knutschpärchen machte Schmatzgeräusche. Nora sah, wie sich die Hand des Jungen auf dem T-Shirt um die Brust des Mädchens legte. Das Mädchen kicherte.

Als kurz darauf der Film anfing, hatten Nick und Nora kaum mehr ein Wort miteinander gewechselt. Sie saßen im Dunkeln, Schulter an Schulter. Doch für Nora fühlte sich Nick unendlich weit weg an. Zur Hölle mit Suck my kiss!

ISBN 978-3-649-61608-5 (eBook)

eBook © 2013 für die deutschsprachige Ausgabe

Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG, Hafenweg 30, 48155 Münster

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise

ISBN 978-3-649-61302-2 (Buch)

Buch © 2013 für die deutschsprachige Ausgabe

Coppenrath Verlag GmbH &Co. KG, Hafenweg 30, 48155 Münster

Originalcopyright © Kjetil Johnsen

© Cappelen Damm AS 2011

Originalverlag: Cappelen Damm

Originaltitel: „4 Venninner – Det som kommer til å skje“ und „4 Venninner – Pakket i plast“

Aus dem Norwegischen von Anne Bubenzer und Dagmar Lendt

Umschlaggestaltung und Artwork: Eisele Grafik·Design, München,

unter Verwendung einer Illustration von Mascha Greune

Lektorat: Valerie Flakowski

Satz: FSM Premedia GmbH & Co. KG, Münster

Quellenverzeichnis der Songtexte: S. 320

www.coppenrath.de

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Ein junges Mädchen wird tot aufgefunden, in Plastikfolie eingewickelt treibt ihre Leiche im kleinen See von Dypdal. Die Tote ist eine von vier Freundinnen – Vilde, Benedicte, Nora oder Trine. Dann springt die Handlung drei Wochen zurück. Das ist die Vorgeschichte des Mordes:

Als die Mädchen nach den Sommerferien in die zehnte Klasse kommen, haben sie eine neue Lehrerin, Synnøve Viksveen. Sie flirtet mit den Jungs und ist gemein zu den Mädchen. Nora, Vilde, Benedicte und Trine wollen ihr einen Denkzettel verpassen. Sie schleichen zu dem Haus im Wald, das die Lehrerin gemietet hat. Im Gebüsch versteckt, beobachten sie, wie Viksveen sich anzieht, und vermuten, dass sie soeben mit einem Mann geschlafen hat. Die Freundinnen halten aus Jux ihre nackten Hintern vors Wohnzimmerfenster und hauen ab. Im Weglaufen sieht Nora eine Gestalt im Haus. Das Einzige, was sie deutlich erkennen kann, ist ein Tattoo auf dem Oberarm der Person – ein rotes K.

Gleichzeitig kommt ein Neuer in die Klasse: Nick. Er lebt bei Pflegeeltern und ist ein Jahr älter als die anderen. Es kursieren eine Menge Gerüchte über ihn – unter anderem soll er kriminell sein und ein Mädchen vergewaltigt haben. Trotzdem sind sowohl Benedicte als auch Nora in ihn verknallt.

Auf einer Party verschwindet Benedicte mit Nick in einem Schlafzimmer im Obergeschoss. Sie versucht, ihn zu verführen, aber Nick lässt sie einfach abblitzen. Er hat sich in Nora verguckt. Benedicte schwört Rache. Kurz darauf treffen Nora und Nick zufällig im Flur vor dem Schlafzimmer aufeinander. Gerade als sie sich küssen wollen, bemerkt Nora ein Tattoo auf seinem Arm – ein kleines rotes K. Er war es, den sie zu Hause bei Synnøve Viksveen gesehen hat. Trotzdem verabredet Nora sich mit ihm fürs Kino. Sie müssen sich jedoch heimlich treffen, damit Benedicte nichts davon mitkriegt und Noras Freundschaft mit ihr nicht zerbricht.

Auf derselben Party küssen sich Vilde und Trine. Sie fangen eine Beziehung miteinander an, die aber auseinandergeht, als Synnøve Viksveen sie dabei erwischt, wie sie im Wald heftig knutschen. Viksveen will die beiden erpressen, damit sie etwas für sie tun – oder vielleicht mit ihr tun? Trine kriegt Panik. Sie gibt Vilde eine Ohrfeige und sagt, dass sie bereut, was zwischen ihnen passiert ist.

Benedicte schickt Nacktfotos an jemanden, den sie im Internet kennengelernt hat und der sich Wolfman nennt. Ihr Gesicht ist auf den Fotos nicht zu sehen, deshalb glaubt sie, dass sie im Web vollkommen anonym ist. Aber wie sich zeigt, weiß Wolfman, wer sie ist …

2

Er fühlte den Schmerz irgendwo an einem Punkt in seinem Innern. Dort kam alles zusammen: das, was ihm früher im Leben widerfahren war, die Platzangst, die ihn überfiel, wenn andere ihm zu nahe traten, und die ebenso starke Sehnsucht, dazugehören zu wollen. Und all das reduzierte sich nun darauf, neben Nora im Dunkeln zu sitzen und zu spüren, dass es jetzt passieren musste. Das hier war die letzte Chance, seine Chance, seine einzige!

Er musste sie nutzen und etwas unternehmen, bevor Nora aufstand und ging, bevor sie verschwand, bevor sie ihn durchschaute und die Hoffnung und die Liebe und das Leben mit sich hinaus in die Sommernacht nahm. Weg von mir …

Nick versuchte, Nora aus dem Augenwinkel anzuschauen, aber er konnte ihr Gesicht nicht sehen. Er betrachtete ihre Hände, sie lagen locker gefaltet in ihrem Schoß. Er nahm seine Hand von der Armlehne. Bis zu ihrer Hand waren es zwanzig, dreißig Zentimeter … Wenn er sie jetzt berührte – was würde sie tun? Würde sie es okay finden? Würden sie ihre Finger ineinanderflechten, wie Verliebte es taten?

Die Vorstellung machte ihn froh und traurig zugleich. Froh, weil er so gerne mit Nora Händchen gehalten hätte, ein ganz gewöhnlicher, normaler Junge gewesen wäre. Und traurig, weil er wusste, dass nichts daraus werden würde. Oder vielleicht doch, vielleicht würde es eine Weile funktionieren – aber dann würde es den Bach runtergehen, so wie bisher alles in seinem Leben. Es würde schieflaufen, zu einem Haufen Dreck verkommen, und alle um ihn herum würden leiden müssen, nur weil er von etwas Besserem geträumt hatte.

Er legte seine Hand wieder auf die Armlehne.

Was mache ich hier eigentlich?, dachte er. Ich habe hier nichts zu suchen. Ich verdiene sie nicht und sie wird es verstehen.

3

Am Abend zuvor hatte sie wild von ihm fantasiert.

Sie hatte im Bett gelegen, die Augen zugemacht und ihn sich vorgestellt. Sie hatte ihn nackt vor sich gesehen, so schön, dass ihr die Luft weggeblieben war, und er war ihr so nah gewesen und so voll Lust, dass ihr ein wohliger Schauer über den Rücken gelaufen war und es in ihrem Unterleib gekribbelt hatte.

Dann hatte sie ihn gespürt, an sich, auf sich, in sich, feucht und hart. Und sie hatten sich eine Ewigkeit geliebt, ohne Hemmungen, ohne vor irgendwas Angst zu haben!

Aber jetzt – endlich bei ihm, richtig, Schulter an Schulter im dunklen Kino –, jetzt traute sie sich kaum zu atmen. Das war unwirklich.

Sie hatte ein Date mit dem hübschesten Jungen der ganzen Schule! Nora Mittelmaß! Nora, die noch nie in ihrem Leben ein richtiges Date gehabt hatte!

Sie war so nervös, dass eines ihrer Beine unkontrolliert zitterte. Zum Glück nicht das Bein direkt neben seinem.

Oben auf der Leinwand knallte es andauernd. Die Leute im Saal lachten viel. Sie sahen Fluch der Karibik 2. Das machte sie womöglich noch nervöser. Nick sah Orlando Bloom so ähnlich, dass es unheimlich war.

Er hatte halblanges, dunkles Haar. Es war verwuschelt, mit ein paar Locken mittendrin. Er strich es oft zurück, aber drei, vier wilde Locken fielen ihm immer wieder in die Stirn. Seine braunen Augen waren warm und nah, aber gleichzeitig lag darin die Andeutung von etwas, was man nicht richtig zu fassen bekam, etwas Unerreichbares, etwas Geheimnisvolles …

„Mhmmmm“, seufzte Nora.

„Was hast du gesagt?“, flüsterte Nick.

Nora zuckte zusammen. Hatte sie etwas gesagt?

„Wie?“

„Ist alles okay?“, fragte Nick.

„Ähm, ja.“ Sie war heilfroh, dass man in der Dunkelheit ihren roten Kopf nicht sehen konnte. „Super Film …“

Sie fühlte sich hoffnungslos verloren. Jemand hatte eine riesige Eisenpforte zugeschlagen und den Schlüssel meilenweit weggeworfen. Es war aussichtslos. Sie hatte keine Chance, der Handlung zu folgen, sich in sie hineinzuversetzen, sie zu verstehen.

Hoffentlich sagte Nick nichts, worüber sie lachen sollte! Hoffentlich erwartete er nicht, dass sie irgendwas Besonderes tat, jetzt, wo sie sich ein bisschen unterhalten hatten. Dass sie über den Film redete oder die Initiative ergriff!

Aus dem Augenwinkel sah sie, wie er die Hand hob. Die Hand dicht neben ihr. Es machte den Eindruck, als wollte er sie auf ihre legen, und sie merkte, wie ihr Herz zu rasen begann, es klopfte so heftig, dass sie Angst hatte, es würde ihr den Brustkorb zerreißen.

Aber dann tat er es doch nicht. Er senkte die Hand und ließ sie langsam wieder auf die Armlehne sinken.

Nora kniff die Augen zusammen. Warum musste das alles so wahnsinnig kompliziert sein? Konnten sie nicht einfach knutschen und es hinter sich bringen!?! So wie das Pärchen vor ihnen? Das war doch wohl nichts, wovor man Angst haben musste, oder? Sie würden ja nicht gleich miteinander schlafen! Sie lagen schließlich nicht zusammen im Bett, splitterfasernackt …

Stooooopp! Nora atmete schnell und flach. Liebe Güte, wie war das möglich … Sie hatte Lust auf ihn. Jetzt sofort!

Hätte er sie gefragt, wäre sie für alles Mögliche – und Unmögliche – bereit gewesen. Sie hätten aus dem Kino abhauen können, raus in die Nacht, rein in den Wald, egal wohin! Aber stattdessen saßen sie hier, jeder in seinem Sessel, und trauten sich nicht mal, miteinander zu reden!

Wie blöd konnte man eigentlich sein!?! Sie hätten es so schön und aufregend und toll zusammen haben können, und was machten sie stattdessen? Nichts!

4

Der Film war zu Ende, der Abspann lief. Alle standen auf. Auch Nora und Nick.

Und jetzt?, dachte Nick. Was sollen wir jetzt tun?

Langsam machte er sich wirklich Sorgen, dass der Abend vorbeigehen könnte, ohne dass etwas passierte. Vor ein paar Stunden noch hatte er fest geglaubt, dass sich schon was ergeben würde, und wenn er aufpasste und seine Chance nutzte, dass dann bestimmt etwas Gutes dabei herauskäme. Endlich mal!

Jetzt war er sich nicht mehr sicher.

Sie reihten sich in die Schlange ein, die den Saal durch eine Seitentür verließ, und traten hinaus auf die kleine Gasse neben dem Kino.

Es war kühl geworden. Nick zog seine Jacke an, Nora ihre auch. Hauptsache, sie waren beschäftigt, dann brauchten sie nicht miteinander zu reden.

Plötzlich blieb Nora wie vom Donner gerührt stehen und schnappte nach Luft. „Da!“

„Was ist?“ Nick schaute sie an.

„Dahinten!“ Nora zeigte auf die Stelle, wo die Gasse in die hell erleuchtete Hauptstraße mündete. „Da ist Benedicte!“, flüsterte sie. „Da!“

Nick drehte sich um und sah gerade noch einen blonden Kopf in der Menschenmenge verschwinden. Er packte Noras Hand und zog sie in den Schatten der Hauswand. Dort blieben sie dicht beieinander stehen.

„Bist du sicher?“, flüsterte er.

„Ja!“

„Hat sie uns gesehen?“

„Nein. Ich glaube nicht.“

Beide hielten den Atem an und starrten noch ein paar Sekunden Richtung Hauptstraße. Nicks Schenkel presste sich gegen Noras, seine Hand lag in ihrem Kreuz.

Plötzlich begriff Nora: Jetzt passiert es!

Nicks Blick ruhte auf ihr, sie fühlte es, aber sie wagte es nicht, ihn anzuschauen. Dann spürte sie seinen Atem, wie er warm und leicht über ihre Wange strich. Und da drehte sie sich zu ihm um, zu seinen Lippen. Sie war so aufgeregt, dass die Muskeln in ihrem Gesicht unkontrolliert zuckten.

Ihr Mund war leicht geöffnet. Ihre Unterlippe bebte.

Unglaublich langsam beugte er sich zu ihr und küsste sie so vorsichtig und so sanft und so fantastisch, dass sie glaubte, sie müsste in seinen Armen dahinschmelzen und vergehen, für immer.

5

Oh ja.

Er roch so gut, so warm, wie ein Tag voll Sonnenschein. Und er schmeckte toll, intensiv und frisch zugleich. Wie ein Bonbon vielleicht, ein Erdbeerbonbon mit geheimnisvoller Füllung.

Er hatte seine Arme um sie gelegt und zog sie an sich.

Er war stark und größer als sie, aber wenn sie sich auf die Zehenspitzen stellte und er ein bisschen in die Knie ging, waren ihre Hüften auf gleicher Höhe.

Ja!

Es war ein Wahnsinnsgefühl, sie hatte solche Lust, dass sie an nichts anderes denken konnte. Es war so intensiv, dass sie fast Angst bekam. Sie, die sich nie etwas traute! Sie, die immer als Letzte in der Reihe stand! Nora Mittelmaß!

Nick löste sich aus dem Kuss. Zuerst folgte sie ihm mit geschlossenen Augen. Sie wollte mehr und ihr Mund suchte nach seinem.

Dann schlug sie die Augen auf. Er hatte sich aufgerichtet und wollte nicht mehr küssen. Die Enttäuschung brannte ihr im Gesicht und im Körper. Sie wurde wütend: Was ist los? Warum hörst du auf?!?

„Sollen wir gehen?“, fragte er. „Benedicte ist jetzt sicher weg.“

Nora war verwirrt. Warum sagte er das? Hatte er sie nur geküsst, um die Zeit totzuschlagen, bis Benedicte verschwunden war?

Nick nahm ihre Hand und drückte sie fest.

„Komm“, sagte er. „Wir suchen uns einen besseren Platz.“

Nora blickte sich um. Vor wenigen Sekunden hatte sie sich wie im Himmel gefühlt, jetzt merkte sie, dass es kalt geworden war.

„Es ist schöner auf dem Weg zu dir nach Hause“, sagte Nick.

„Ja“, flüsterte Nora.

Ihre Stimmung stieg. Nick hatte recht. Außerdem würde es in der Gasse wieder von Menschen wimmeln, sobald der nächste Film zu Ende war, und das konnte jeden Moment so weit sein. Deshalb hatte er aufgehört, sie zu küssen! Sie lachte erleichtert.

Er sah sie an und lächelte, dann lachte er. „Gut?“

„Ja.“ Nora nickte. „Super Idee!“

Hand in Hand gingen sie die Gasse hinunter. Sie hielten Ausschau nach Benedicte, doch von ihr fehlte jede Spur. Trotzdem schlichen sie die Hauptstraße entlang. Das war aufregend und unglaublich romantisch zugleich. Nora schwebte wie auf Wolken.

Sie hätte nie gedacht, dass irgendetwas so fantastisch und überwältigend sein könnte, dass ein Gefühl sie – total – ausfüllen würde, von den Zehennägeln bis in die Haarspitzen!

Ich glaube, ich liebe dich!

Es war absolut unfassbar; dass es möglich war, so glücklich zu sein, sich so wunderbar zu fühlen.

Es konnte nicht sein und es sollte nicht sein. Das Glück würde sich schneller von ihnen abwenden, als die beiden es sich hätten träumen lassen. Denn zwei Leben neigten sich rasch ihrem Ende zu. In elf Tagen und wenigen Stunden würde eine der vier Freundinnen sterben: Nora, Vilde, Benedicte oder Trine.

Aber vorher würde noch jemand sterben, einen plötzlichen und blutigen Tod. Und es würde Nick sein, der sich mit Blut an den Händen über die Leiche beugte …

11 Tage vor dem Mord

Don’t leave me this way
I can’t survive, I can’t stay alive
Without your love, no baby
Don’t leave me this way.

Don’t Leave Me This Way, The Communards

1

Freitag.

Nora wachte im Morgengrauen auf, eine Stunde vor dem Weckerklingeln. Sie musste nicht überlegen, sie musste nicht in sich hineinhorchen. Vom ersten wachen Moment an wusste sie, dass sie glücklich war.

Wahrscheinlich hatte sie vom gestrigen Abend geträumt, er war ihr noch deutlich im Kopf und im Körper. So als wäre sie gerade erst zur Tür hereingekommen, nachdem Nick und sie sich – zum tausendsten Mal! – geküsst hatten, lange und intensiv und wunderbar, und sich dann ein Stück von ihrem Haus entfernt getrennt hatten.

Sie hatte solche Lust! Sie drehte sich auf den Rücken und strampelte die Bettdecke weg. Dann ließ sie ihre Hand über den Bauch, zwischen die Schenkel wandern, schloss die Augen und drückte sich in die Matratze. Wie ein Beobachter sah sie sich und Nick, am Abend zuvor.

Sie beide eng umschlungen, Nicks Hand auf ihrem Hintern. Starke Finger, die fest zupackten und sie an sich zogen.

Als sie spürte, dass er hart wurde und sie wollte, atmete sie schwer in seinen Mund hinein, und er küsste sie fordernder, wilder. Sie pressten sich aneinander.

Sie unterbrachen den Kuss. Schnappten nach Luft.

Er stöhnte: „Nora … du bist so schön, Nora.“

In ihrem Kopf jubelte es. Lass uns irgendwohin gehen. Ich will! Aber sie sagte es nicht. Sie konnte nicht und hielt sich zurück, ohne genau zu wissen, wieso. Ihr Körper wurde schwer, vor Enttäuschung vielleicht und weil der Abend sich dem Ende zuneigte. Nick wusste es auch. Ein paar Minuten lang knutschten sie noch, dann trennten sie sich. Nicht ohne sich für den nächsten Abend zu verabreden.

Heute! Und dann tun wir es! Nora war sich ganz sicher, und es war ein so irres Gefühl zu wissen, dass mehr daraus werden würde, dass sie ein Paar werden und es tun würden!

Die Tür, schoss es ihr da durch den Kopf. Die Tür war ja gar nicht abgeschlossen!

In einer einzigen schnellen Bewegung schlug sie die Beine zusammen, griff nach der Bettdecke und zog sie bis unters Kinn hoch. Zwar kam normalerweise keiner einfach so in ihr Zimmer, aber trotzdem. Ihr Bruder hatte seins direkt gegenüber. Was, wenn er plötzlich … bloß das nicht!

Sie lachte kurz. Nur leise und sie versuchte, an nichts Besonderes zu denken. Aber es ging nicht, es ließ sich nicht verdrängen. Sie musste einfach. Sie wickelte sich in die Bettdecke und stand auf. Mit den Klamotten, die sie sich herausgelegt hatte, ging sie ins Bad, schloss die Tür ab und ließ die Bettdecke fallen. Sie betrachtete sich im Spiegel. Ihre Hüften waren breit, und der Bauch hatte eine Wölbung, die ihr nicht gefiel – flach war er jedenfalls nicht! –, aber Nick hatte sich nicht beschwert, oder? Ganz im Gegenteil, sie hatte gespürt, dass er sie wollte, dass er wirklich auf sie abfuhr.

Ich bin schön. Sie streichelte sich wieder und sagte laut: „Ich bin schön.“ Aus ihrem Mund klang es nicht ganz so gut, aber egal. Schön genug!

Rasch stieg sie in die Duschkabine, nahm die Handbrause und stellte das Wasser auf die richtige Temperatur ein.

Später, als die Wellen, die durch ihren Körper liefen, langsam verebbten und Platz machten für andere Gefühle, war das Erste, was sie dachte: Bin ich eigentlich die Einzige, die sich unter der Dusche selbst befriedigt?!?

2

„Duschst du jetzt neuerdings morgens?“, fragte ihre Mutter.

„Nö, wieso?“ Nora holte Haferflocken aus dem Schrank, ohne ihre Mutter anzusehen, die im Flur vor dem Spiegel stand.

„Du duschst doch sonst immer abends“, sagte ihre Mutter und legte Ohrklips an.

„Ja und?“, murmelte Nora und spürte, wie sie rot wurde.

„Früh auf bist du auch.“ Ihre Mutter schaute in die Küche. „Ist heute was Besonderes?“

„Nee, alles normal.“

„Du bist gestern Abend spät zu Hause gewesen.“

„Mama!“

„Ja, ja, ja. Ich weiß, ich frage zu viel.“

„Du fragst nicht“, sagte Nora. „Du verhörst mich.“

„Tu ich doch gar nicht.“ Ihre Mutter lächelte. „Du bist mir eben wichtig. Ich hab dich lieb, Nora.“

„Schon gut.“

„Ich muss los“, sagte ihre Mutter. „Weck deinen Bruder. Falls er nicht von allein aufsteht.“

„Mhm.“

„Er ist ja sonst immer früh wach, aber gestern hatte er Intensivtraining, das scheint ihn besonders müde zu machen.“

„Mhm.“

„In fünf Minuten muss er aus den Federn.“

„Er hat doch einen Wecker.“

„Du weißt ja, wie er ist. Jungs in dem Alter!“

„Er hat einen Wecker!“ Es ärgerte Nora maßlos, dass ihre Mutter meinte, Jungs in dem Alter müsste man verhätscheln, während Mädchen sich erwachsen verhalten und Verantwortung übernehmen sollten.

„Tschü-üss“, zwitscherte ihre Mutter. Dann rief sie im Hinausgehen die Treppe hinauf: „Peer! Aufstehen!“

Niemals, dachte Nora. So werde ich niemals.

3

Das Erste, was ihm durch den Kopf ging, war der Revolver.

Er wachte auf und war schweißgebadet. Der Schrecken eines Albtraums saß ihm noch in den Knochen und er dachte: Sie dürfen ihn nicht finden, sie dürfen ihn auf keinen Fall finden.

Er hatte ihn in die einzige abschließbare Schublade des Schreibtischs am Fenster gelegt. Der Schlüssel war in seiner Hosentasche.

Er setzte sich halb im Bett auf. Die Hose lag auf dem Fußboden, genau da, wo er sie am Abend zuvor fallen gelassen hatte, und die Schreibtischschublade sah völlig unberührt aus.

Atemlos und erschöpft, als wäre er lange gerannt, ließ er sich zurückfallen. Die Matratze war hart. Er strich sich die Haare aus der Stirn und dachte an Nora. Das war nicht richtig, er wusste es. Besser, er hielt Nora und das, was er für sie empfand, auf Abstand. Er sollte ihr sagen, dass sie sich nicht mehr treffen konnten.

Ich kann mich nicht durch sie aufhalten lassen!

Er schwang die Beine über die Bettkante. Im Aufstehen zog er sich die Hose an.

Dann ging er zum Schreibtisch. Der Fußboden unter den nackten Füßen war kalt.

Bald ist der Sommer vorbei, dachte er und fühlte sich seltsam traurig. Als würde der Sommer ihm etwas bedeuten. Jetzt, wo die Welt dabei war zu explodieren.

Er schloss die Schublade auf. Da lag nicht nur der Revolver, sondern auch noch ein Blatt Papier. Ein A4-Blatt, einmal in der Mitte gefaltet. Er nahm es und schlug es auf. Es war eine von Elines Zeichnungen.

Die kleine, schmächtige, durchscheinende Eline hatte immer wieder dasselbe Motiv gezeichnet: zwei Strichmännchen, eins, das stand, und eins, das lag. Die stehende Figur war ein Mann, groß und bedrohlich. Sein Gesicht war leer, abgesehen von zwei Punktaugen und einem Mund mit herabgezogenen Mundwinkeln. Ein böser Mann. Ein gewalttätiger Mann. Die liegende Figur war ein Mädchen. Eline hatte zwei Rundungen auf den Oberkörper gemalt, Brüste. Die Beine des Mädchens waren gespreizt und überall war es rot. Blut.

Er erinnerte sich, was sie gesagt hatte, als er sie auf die Zeichnung angesprochen hatte. Das ist nichts, was passiert ist. Es ist etwas, was passieren wird. Das war wohl ihre Art, es zu sehen. Manchmal war die Wahrheit – das Leben hier und jetzt – zu brutal, zu gemein.

Nick faltete das Blatt und schob es zurück in die Schublade. Er nahm den Revolver heraus, wog ihn in der Hand, legte ihn neben sich auf die Bettkante.

Dann schloss er die Schublade ab. Es gab nichts zu überlegen. Ich tue, was ich tun muss.