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ISBN 978-3-649-61604-7 (eBook)


eBook © 2013 Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG,

Hafenweg 30, 48155 Münster

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise

eBook Produktion: book2look Publishing 2013

ISBN 978-3-649-60321-4 (Buch)

Buch © 2013 Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG,

Hafenweg 30, 48155 Münster

Text: Patricia Schröder

Umschlaggestaltung: Geviert – Büro für

Kommunikationsdesign, München, Conny Hepting

Umschlagfoto: © Anni Suvi

Lektorat: Maren Jessen

Satz: Sabine Conrad, Rosbach

www.meeresfluestern.de

www.coppenrath.de

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Gordian öffnete den Knoten in der Haihaut über meiner Brust und mein Körper schmiegte sich in den noch immer tageswarmen Inselsand. »Du bist so wunderwunderschön«, flüsterte er, während er mich mit seinem zärtlichen Blick umfing und seine Hände mich streichelten, als erforschten sie mein Innerstes.

Ich tauchte ein in seinen Duft und das Türkisgrün seiner Augen und erwiderte den sanften Kuss seiner Lippen. Meine Haut prickelte unter seinen Berührungen und mein Herz schlug im selben Rhythmus wie seines. Liebevoll fuhr ich mit den Fingerspitzen über seinen Nacken und konnte es kaum erwarten, den sanften Druck seiner Hände auf meinen Hüften zu spüren. Es war kein Verlangen, sondern ein Sehnen, so süß wie eine ferne Melodie, und ich war bereit, mich darin zu verlieren. Die Angst, dass wir uns noch einmal verletzen könnten, war wie fortgeblasen, ich wusste einfach, dass das nie wieder passieren würde. Das Meer hatte uns erneut zusammengeführt. Was uns verband, musste stärker sein als das, was uns trennte.

Plötzlich ertönte oberhalb des Felsens der kleinen Vogelinsel ein Geräusch, und noch ehe ich einen klaren Gedanken fassen konnte, hatte Gordy mich bereits ins Wasser gezogen.

Was war das?, wisperte ich. Ein Vogel?

Nein, kein Vogel. Panik schwang in seiner Stimme.

Er presste mich an sich und stieß mit peitschenden Flossenschlägen in die Tiefe. Noch immer benommen von unseren Küssen, klammerte ich mich an ihn. Die Kälte und die Dunkelheit des Meeres ließen mich frösteln.

Was dann?, fragte ich. Ein Hainix?

Alles andere ist unwahrscheinlich, gab Gordy zurück.

Hast du ihn gesehen?

Nur seinen Schatten.

Aber du hast eine Vermutung?

Ja, sagte Gordy, während wir nur wenige Zentimeter über den Meeresboden hinwegschossen. Tyler!

Dieser Name war wie ein elektrischer Impuls. Tyler, der Hainix aus Rubys Clique, dessen wahre Identität den Menschen bis heute verborgen war und der die Delfinnixe bis aufs Blut hasste, weil Kyan ihm Lauren genommen hatte.

Fast automatisch setzte sich meine Schwanzflosse in Bewegung. Die unterschiedliche Schlagrichtung unserer Schwänze erzeugte in dieser engen Umarmung aber eine Gegenströmung, sodass wir zunächst sogar an Geschwindigkeit verloren.

Lass mich los!, raunte ich. Einzeln sind wir schneller.

Kommt nicht infrage, zischte Gordy und drückte mich nur umso fester an sich. Halte du einfach deine Flosse ruhig.

Wir waren gerade durch einen Felsenbogen geglitten, als hinter einem Riff zu unserer Rechten ein schwarzer Hainix hervorstieß.

Lass! Mich! Los!, brüllte ich und spannte die Muskeln an.

Doch Gordian hielt mich beharrlich umfasst und schwamm unbeirrt weiter. Ich wagte einen Blick über seine Schulter und sah, dass der Hai nur noch wenige Meter entfernt war.

Plötzlich verlangsamte Gordy abrupt das Tempo. Erschrocken riss ich meinen Kopf herum und bemerkte eine nahezu schwarze Wand, die sich vor uns aus der Dunkelheit auftat. Oh, mein Gott, das konnten doch unmöglich alles Hainixe sein!

Adrenalin schoss in meine Blutbahn, und ich spürte, wie sich alles in mir gegen Gordians Umklammerung sträubte.

Weg hier!, schrie ich, aber Gordy rührte sich nicht. Im Gegensatz zu mir wirkte er nahezu entspannt, und mit dem nächsten hektischen Atemzug begriff ich, warum: Die Wesen, die die schwarze Wand bildeten, waren keine Hainixe, sondern Delfine!

Zielstrebig und in absolut synchronen Bewegungen kamen sie auf uns zu. Ihr Anblick raubte mir den Atem. Es mussten an die hundert Tiere sein. Angeführt von zwei Nixen.

In einer der beiden erkannte ich sofort Gordys jüngere Schwester Idis wieder. Die andere war ein wenig älter und von fragiler, aber wilder Schönheit. Ihr kupferrotes Haar leuchtete selbst in dieser Finsternis und ihre großen aquamarinblauen Augen hielt sie geradezu hypnotisch auf Gordian gerichtet.

Mein Herz klopfte schnell und fest und meine Gedanken überschlugen sich. Wer ist das?, keuchte ich.

Die Gefahr, die von dem schwarzen Hainix ausging, der uns verfolgte, schien noch nicht gebannt zu sein, und die unzähligen Delfine, allen voran die rothaarige Nixe, die neben Idis schwamm und nur Augen für Gordian hatte, brachten mich aus der Fassung.

Gordy, verdammt, wer ist das?

Er antwortete nicht.

Hast du mitbekommen, in welche Richtung der Hai verschwunden ist?

Gordian schüttelte kaum merklich den Kopf. Er lockerte den festen Griff, mit dem er mich umklammert hielt, und gab mich schließlich ganz frei. Nein, sagte er nun laut und deutlich. Allerdings wird er es kaum wagen, uns jetzt noch anzugreifen.

Vielleicht hatte er es gar nicht vor, meldete sich die Rothaarige zu Wort. Sie löste ihren hypnotischen Blick von Gordy und wandte sich mir zu. Immerhin bist du auch ein Hai. Oder sehe ich das falsch?

Ihre Stimme klang kräftig und so klar und schneidend wie Kristall. Der feindselige Unterton darin war nicht zu überhören.

Kirby, das ist Elodie, erwiderte Gordian mit einem Anflug von Ungeduld. Sie wird uns nicht …

Ich weiß, wer sie ist!, fuhr die Rothaarige ihn an. Ihre hellblauen Augen funkelten vor Zorn. Ich verstehe nur nicht, weshalb du sie mitgebracht hast!

Das werde ich dir erklären, entgegnete Gordy überraschend sanft. Später, wenn wir in Sicherheit sind und ein wenig Zeit für uns haben. Er bewegte sich auf Kirby zu und berührte sie sachte am Arm, woraufhin sie ihm ein hinreißendes Lächeln schenkte.

Ich spürte eine feine Wut in mir aufsteigen und ballte die Fäuste, sagte jedoch nichts, sondern ließ meinen Blick über die Delfine gleiten, die mich aus gebührendem Abstand musterten.

Keine Angst, sie werden dir nichts tun, raunte Idis mir zu, die sich zu mir gesellt hatte. Sie beschützen uns.

Freiwillig?, fragte ich erstaunt, nachdem ich noch einen Augenblick lang Gordy und Kirby hinterhergeschaut hatte, die nun Seite an Seite langsam vorausschwammen.

Unter ihrer eng anliegenden Delfinhülle zuckte Idis mit den schmalen, nahezu schneeweißen Schultern. Na ja, nicht ganz. Kirby und ich haben gelernt, sie zu führen.

Dann seid ihr also Freundinnen?, fragte ich. Kirby und du …

Sozusagen, antwortete Gordys Schwester zögernd. Kirby ist ein paar Jahre älter als ich. Eigentlich ist sie eher Gordys Freundin.

Diese Erklärung raubte mir für einen Moment den Atem. Es war noch nicht einmal eine Viertelstunde her, dass Gordy und ich eng umschlungen im warmen Ufersand der Vogelinsel gelegen hatten. Hätte der schwarze Hainix uns nicht gestört … ach verdammt, ich mochte gar nicht darüber nachdenken!

Er hat mir gar nichts von ihr erzählt, murmelte ich.

Idis lachte. Das wundert mich nicht!

Das Lachen erstarb und ich bemerkte ihren erschrockenen Blick.

So habe ich das nicht gemeint, versteh mich bitte nicht falsch, fügte sie hastig hinzu. Unsere Familien sind eng miteinander befreundet. Gordy und Kirby kennen sich schon seit ihrer Geburt. Bevor mein Bruder sich Kyans Allianz anschloss, waren die beiden unzertrennlich. Sie sind allerdings nie richtig zusammen gewesen.

Aber dann hätte er mir doch von ihr erzählen können, erwiderte ich.

Idis schwieg.

Vielleicht hatte sie Angst, etwas Falsches zu sagen, und zog es vor, Gordy die Antwort auf diese Frage zu überlassen. Vielleicht erforderte aber auch das Dirigieren der Delfine ihre ungeteilte Aufmerksamkeit.

Die Tiere schwammen nun einen weiten Bogen und schlossen sich hinter uns wieder zu einer undurchdringlichen Wand zusammen. Das weiße Mondlicht, das von oben durch die Meeresoberfläche sickerte, tauchte ihre Körper in einen sanften silbrigen Schimmer – was die Szene fast ein wenig gespenstisch wirken ließ.

Haben sie keine Angst vor dem Hai?

Idis schüttelte den Kopf. Sie vertrauen uns. Und vor einem einzelnen fremdartigen Nix fürchten sie sich ohnehin nicht.

Aber ihr? … Kirby und du … Ihr fürchtet euch vor ihm, hab ich recht?

Wieder antwortete sie nicht und ich richtete meinen Blick leise seufzend nach vorn auf Gordian und die rothaarige Delfinnixe. Sie schwammen so nah nebeneinanderher, dass kaum ein Wassertropfen zwischen sie passte. Ihre Flossen bewegten sich absolut synchron, und sie waren so in ihr Gespräch vertieft, dass sie kaum etwas um sich herum wahrnahmen. Gordy schien mich vollkommen vergessen zu haben.

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Bis zur Morgendämmerung blieben die Delfine dicht hinter uns, erst dann ließen sie sich zurückfallen, und als sich die ersten Sonnenstrahlen ins Meer hinuntertasteten, schwammen sie langsam zur Oberfläche, taten einen Atemzug und zischten anschließend in alle Himmelsrichtungen davon.

Auch Idis und Kirby glitten zum Luftholen nach oben und endlich wandte Gordian sich wieder mir zu.

Meine Eltern erwarten uns bei den Ilhas Desertas im Südosten von Madeira, erklärte er mir.

Dann wissen Oceane und Cullum also, dass Liam, Pine und Niklas …?

Nein. Gordy legte seine Hände auf meine Schultern und strich mit den Fingerspitzen meinen Nacken hinauf. Sie wissen es nicht. Sein türkisgrüner Blick senkte sich in meine Augen. Und ebenso wenig wissen sie, wer du in Wahrheit bist.

Ich schluckte. Aber Idis hat sich nicht das Geringste anmerken lassen, wandte ich ein. Sie ist kein bisschen überrascht gewesen, mich so zu sehen.

Das werden meine Eltern und die anderen auch nicht sein.

Ich musterte ihn stirnrunzelnd und versuchte einmal mehr, in seinen Gedanken zu lesen, doch er hielt sie vor mir verschlossen. Seine Miene war unergründlich.

Zumindest werden sie es nicht zeigen, meinte er schließlich und küsste mich auf die Stirn. Und was Idis betrifft: Sie mag dich und wollte vermeiden, dass du dich bei meiner Familie und unseren Freunden womöglich nicht willkommen fühlst. Der Druck seiner Finger in meinem Nacken wurde intensiver. Glaub mir, sie freuen sich, dich endlich kennenzulernen.

So wie Kirby?

Ich wollte das nicht sagen, schon gar nicht in diesem Ton. Es rutschte mir einfach über die Lippen und ich verfluchte mich dafür.

Gordians Blick verdunkelte sich. Sie wird sich an dich gewöhnen. Es ist nicht ganz leicht für sie zu verstehen, dass ich … mich so sehr verändert habe.

Warum hast du mir nie von ihr erzählt?

Gordy antwortete nicht gleich. Offenbar war es nicht einfach für ihn, die richtigen Worte zu finden.

Nehmen wir an, Cyril hätte nichts gegen mich, begann er nach einer Weile. Und du könntest ganz normal mit ihm befreundet sein. Wie würdest du mir deine Gefühle für ihn erklären?

Ich sah ihn verwundert an. Ich müsste es gar nicht, stimmt’s? Du verstehst es viel besser, als es bisher den Anschein hatte!

Gordy zog mich in seine Arme und küsste mich.

Und du bist gar nicht eifersüchtig?, fragte ich.

Er strich mit seiner Nasenspitze über meinen Nasenrücken. Hätte ich denn einen Grund?

Natürlich nicht!

Na, siehst du. Lächelnd drückte er mich an sich und ich schmiegte mich zögernd in seinen Arm.

Und ich?, fragte ich leise. Hätte ich einen?

Elodie, flüsterte er an meinem Ohr. Ich kenne Kirby seit meiner Kindheit. Damals haben wir jede freie Minute miteinander verbracht. Sie ist eine sehr, sehr gute Freundin und sie ist mir wichtig. Verstehst du das?

Ja, das tat ich. Ich verstand es, und dennoch wünschte ich mir im Augenblick nichts sehnlicher, als dass sie nicht existierte.

Würdest du sie mit deinem Leben verteidigen?

Gordy löste sich von mir und sah mich eindringlich an.

Würdest du Cyril …?

Ich ließ ihn nicht ausreden, denn die Antwort darauf war glasklar. Nein.

Ein Anflug von Überraschung spiegelte sich in seinen Augen.

Nicht?

Cyril braucht meine Unterstützung nicht, erwiderte ich. Er kann sehr gut auf sich selbst aufpassen.

Außerdem wollte ich nicht an ihn denken. Weder an ihn noch an einen der anderen Hainixe.

Kirby ist eine kluge, äußerst talentierte Delfinnixe, sagte Gordy. Und auch sie weiß sich ganz sicher zu verteidigen. Trotzdem würde ich nicht zögern, ihr zu helfen, wenn sie in Gefahr wäre. Das Gleiche gilt für Idis, meine Eltern, ihre Freunde … und deine Freunde. Ganz zu schweigen von dir.

Die Hitze schoss mir in die Wangen und ich hätte mich vor Scham am liebsten in Meerschaum aufgelöst. Dieses Gespräch war dumm und unnötig. Und trotzdem. Eines musste ich unbedingt noch wissen. Hast du dich oft mit ihr gepaart?

Gordy legte den Kopf in den Nacken, schloss die Augen und seufzte tief. Was willst du denn jetzt hören?

Die Wahrheit.

Meine Stimme zitterte und mein Herz schlug hart gegen mein Brustbein. Die Erinnerung an Gordys Geständnis, dass männliche Delfinnixe sich den Mädchen ihrer Art gegenüber nicht anders verhielten als ihre tierischen Verwandten, brachte den Schmerz, den ich damals empfunden hatte, überdeutlich zurück. Ich wusste, dass die Nixe den Geschlechtsakt nahezu emotionslos vollzogen, aber die Vorstellung, dass es ihm mit Kirby vielleicht doch zu Herzen gegangen sein könnte, war kaum zu ertragen.

Kein einziges Mal, sagte Gordy.

Was? Ich starrte ihn an und hätte nicht sagen können, ob tausendmal weniger schlimm für mich gewesen wäre als dieses bedeutungsschwere kein einziges Mal.

Hör zu, sagte Gordy, während seine Hände behutsam meine Arme hinaufwanderten. Ich muss nicht in deinen Kopf schauen, um zu wissen, was du jetzt denkst. Und du hast recht. Kirby hat mir immer mehr bedeutet als die anderen Nixen. Darum habe ich sie nicht angerührt. Außerdem habe ich versucht, sie vor Kyan, Liam, Zak, Niklas, Pine und fremden Allianzen zu schützen. Aber das tat ich nicht, weil ich sie für mich allein wollte. Sein Blick wurde flehend. Bitte, Elodie, das musst du mir glauben. Das Gleiche habe ich auch für Idis getan.

Ich sah den mittlerweile so vertrauten Ausdruck von Verzweiflung in Gordians Augen, der sich immer dann zeigte, wenn er befürchtete, mir etwas nicht nachvollziehbar erklären zu können. Ein Gefühl der Rührung überkam mich.

Es tut mir leid, flüsterte ich. Ich bin ein blödes Huhn.

Ein Grinsen huschte über sein Gesicht. Wenn du ein Huhn wärst, wärst du längst ertrunken, und das wäre wirklich jammerschade. Seine Hände umfassten zärtlich meinen Nacken und seine Daumen strichen sanft über meine Wangen. Vergiss Kirby, sagte er ernst. Denk einfach nicht mehr über sie nach. Okay?

Nicht okay, erwiderte ich ebenso ernst. Wenn sie dir so wichtig ist, werde ich …

Schsch. Gordy schloss seine Arme um mich und verbarg sein Gesicht in meiner Halsbeuge. Versprich jetzt lieber nichts, was du am Ende womöglich doch nicht halten kannst.

Ich versuchte mich aus seiner Umarmung zu lösen, damit ich ihm in die Augen sehen konnte, aber Gordian hielt mich so fest umschlungen, dass ich mich kaum rühren konnte.

Mir ist klar, dass ich einen Fehler gemacht habe, wisperte er. Ich hätte dir längst von Kirby erzählen müssen. Irgendwie habe ich wohl die Gelegenheit verpasst.

Schon gut, sagte ich leise und vergrub meine Hände in seinen blonden Locken. Ich wollte ihn küssen, doch nun musterte er mich so eindringlich, dass mir angst und bange wurde. Resigniert ließ ich die Hände sinken und wartete mit pochendem Herzen auf seine nächste Reaktion.

Ich denke, es gibt eine Lösung für dieses Problem, sagte er. Und ich hoffe sehr, dass ich meinen Fehler wiedergutmachen kann.

Entschlossen ergriff er meine Hand, drehte sich um und zog mich eilig in Richtung Meeresoberfläche, wo Kirby und Idis bereits ungeduldig auf uns warteten.

Solch zeitraubendes Liebesgeplänkel können wir uns nicht leisten, fauchte Kirby Gordy an. Aber ich gehe mal davon aus, das ist dir selber klar.

Du hast Elodie nicht gerade freundlich empfangen, erwiderte er. Das hat sie verunsichert.

Oh, das tut mir leid. Kirby bedachte mich mit einem spöttischen Blick. Dabei liegt es doch auf der Hand, dass ein Hai bei uns nicht gerade willkommen ist.

Gordy legte seinen Arm eng um meine Schulter. Elodie ist nicht unser Feind. Das weißt du ebenso gut wie ich.

Um Kirbys Mundwinkel zuckte es. Ihre Augen wurden zu schmalen Schlitzen und ihre zuvor aquamarinblaue Iris nahm den Ton von dunklem Lapislazuli an. Gut möglich, dass du dich eines Tages entscheiden musst, zischte sie. Vielleicht sogar schon bald.

Das habe ich längst, Kirby, sagte Gordy mit fester Stimme.

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Wir brauchten einen ganzen Tag, um die Küsten Spaniens und Portugals zu umschwimmen, und noch bevor wir die Ilhas Desertas erreichten, ging die Sonne zum zweiten Mal unter, und schon bald schien die schmale weiße Sichel des zunehmenden Mondes wieder durch die Wellen der Meeresoberfläche zu uns herab.

Kirby und Idis jagten nebenbei. Sie fingen Sprotten und Heringe mit dem Maul ihrer Delfinhülle ein, und ich konnte beobachten, wie sie die Fische beinahe zärtlich durch ihre menschlichen Finger gleiten ließen, bevor sie ihnen mit einer gezielten, ruckartigen Handbewegung das Genick brachen. Einmal ließ Kirby sogar einen Hering wieder frei, nachdem sie ihn ausgiebig gestreichelt hatte.

Ein Versehen, meinte Gordy lächelnd. Offenbar hat er nicht deutlich genug zum Ausdruck gebracht, dass er noch nicht so weit ist.

Tja, dann werde ich wohl verhungern müssen, gab ich halb bewundernd, halb frustriert zurück.

Wirst du nicht, erwiderte Gordian entschieden. Damit es nicht zu Missverständnissen kommt, werde ich für dich sorgen. Er zwinkerte mir zu. Zumindest vorläufig.

Und das tat er. Keine Ahnung, wie er es hinbekam, aber er tötete haargenau so viele Fische für mich, wie ich brauchte, um mich satt und stark zu fühlen.

Dennoch wurde ich mit jedem Kilometer, den wir uns von meiner Heimat entfernten, schwermütiger, und mit einem Mal überfiel mich eine tiefe Sehnsucht nach Mam. Ich hätte niemals einfach aus Lübeck verschwinden dürfen, ohne ihr eine Nachricht zu hinterlassen. Ganz sicher hatte sie inzwischen Tante Grace alarmiert und die hatte wahrscheinlich längst Ruby aufgeschreckt.

Die Vorstellung, dass all diese Menschen sich nun schrecklich um mich sorgten, quälte mich. Am liebsten hätte ich auf der Stelle kehrtgemacht, aber dann hätte ich Gordian zurücklassen müssen, und das brachte ich noch weniger übers Herz.

Wie weit ist es noch?, fragte ich.

Gordy berührte sanft meinen Arm. Bist du erschöpft?

Nein. Es ist nur … Ich stockte, aber ich brauchte gar nicht weiterzusprechen, denn er hatte meinen Kummer längst erspürt.

Du sehnst dich nach deiner Familie und nach Guernsey zurück, stimmt’s?

Ich nickte. Ilhas Desertas … Das klingt nicht so, als ob diese Inseln bewohnt wären, tastete ich mich vor.

Gordian musterte mich forschend. Nein. Warum?

Ich möchte meine Mutter anrufen. Sie weiß doch überhaupt nicht, warum ich so plötzlich von zu Hause verschwunden bin, und ich will auf keinen Fall, dass sie sich um mich ängstigt.

Du hast recht, das wäre nicht gut. Niemand sollte dich vermissen. Jetzt wirkte auch er bedrückt. Die Hauptinsel ist nur ein paar Kilometer entfernt. Wir könnten die Jagd in den Morgenstunden nutzen und auf Madeira an Land gehen. Ich verspreche dir: Wir werden einen Weg finden.

Okay. Ich schob meine Hand in seine und drückte sie leicht.

Kirby und Idis waren ein ganzes Stück vorausgeschwommen, nur an der Strömung, die ihre Flossenschläge verursachten, war auszumachen, wo sie sich befanden. Mir war das sehr recht, es tat gut, mit Gordy allein zu sein und seine Nähe zu genießen. Alles fühlte sich richtig an, wenn wir für uns waren – wenn kein anderer den verbindenden Strom unserer Gedanken durchbrach. Und dennoch: Obwohl oder vielleicht gerade weil die letzten Wochen und Tage, die ich mit meiner Mutter verbracht hatte, eine emotionale Berg- und Talfahrt gewesen waren, vermisste ich sie so sehr, dass mir das Herz schmerzte.

Und was ist mit deinem Vater? Hast du dich inzwischen von ihm verabschiedet?

Gordians Frage berührte die wundeste Stelle meiner Seele.

Er fehlt mir am meisten, Gordy, er fehlt mir so sehr.

Die Erkenntnis platzte völlig ungebremst in mich hinein und der Schmerz traf mich mit seiner ganzen Wucht. Doch anders als bisher hielt ich ihm stand. Mehr noch, ich sehnte mich geradezu danach, all die Trauer über Pas Unfalltod und die Qual, den dieser unermessliche Verlust für mich bedeutete, endlich zuzulassen.

Es ist das Meer. Gordian schlang den Arm um meinen Rücken und schob seine Hand unter meine Achsel. Es gibt dir Kraft und es trägt dich … und deinen Schmerz.

Ich sah ihn an und begriff, wie tief er tatsächlich in mich hineinschauen konnte – und wie gut er mich verstand.

Gordy, murmelte ich. Du bist …

Was?

… einfach unglaublich.

Er lachte leise. Und ich dachte schon, du wolltest mir wieder einmal vorwerfen, dass ich mich als Gedankenspion betätige.

Tja, gab ich grinsend zurück, so gesehen hast du natürlich recht …

Das Scherzen tat gut. Denn es ließ mich für einen Moment vergessen, dass wir alles andere als heiter oder gar glücklich waren. Schreckliche Ereignisse lagen hinter und schwere, unberechenbare Zeiten vor uns. Noch während ich in Gordians lachende Augen sah, wurde mir genau das schmerzlich bewusst. Ich hatte diesen Gedanken genauso verdrängt wie meine Angst, ohne den Beistand meines Vaters nicht weiterleben zu können – und nicht erkannt, dass ich genau das mittlerweile sogar sehr gut konnte.

Du weißt doch, so bist du eben … ziemlich schizo … hätte meine gute alte Freundin Sina aus Lübeck jetzt wahrscheinlich gesagt, und im Grunde erwartete ich, genau in diesem Moment einen solchen Kommentar von ihr zu empfangen. Aber so sehr ich auch in mich hineinlauschte, Sina schwieg beharrlich. – Als hätte man sie einfach aus meinen Gedanken, meiner Seele, meinem Leben herausgeschnitten.

Mit einem Mal fühlte ich mich verlassen, entwurzelt und auf eine merkwürdige Weise schwerelos. Nichts und niemand gab mir mehr eine Richtung. Aber gleichzeitig empfand ich auch Geborgenheit, so etwas wie die Überzeugung, dass ich, ganz egal, was geschah, niemals ins Bodenlose stürzen würde.

Es ist das Meer, wiederholte Gordy und musterte mich noch immer lächelnd. Wasser hat eine größere Dichte als Luft. Es trägt dich auf eine sehr spezielle Weise.

Du hast mich hineingezogen, wisperte ich und umschloss sein Gesicht zärtlich mit den Händen. Und bist meinetwegen an Land gekommen und zum Plonx geworden.

Dann hat das Meer es wohl so gewollt, flüsterte Gordy. Es hat dafür gesorgt, dass du mir folgst und ich dir.

Ich dachte an Cecily Windoms schreckliche Prophezeiung und an die vielen Toten. An Lauren, Bethany und auch an Elliot, Liam, Niklas und Pine, die qualvoll gestorben waren.

Der Schmerz explodierte in meinem Herzen und weitete sich zu einem quälenden Brennen in meinem Brustkorb aus. Vielleicht war es nicht angemessen, von Schuld zu sprechen, aber daran, dass Gordian und ich der Auslöser für all diese schrecklichen Ereignisse waren, gab es für mich nicht mehr den geringsten Zweifel.

Ich musste nichts sagen, Gordys Blick sprach Bände. Natürlich hatte er meine Gedanken gelesen und natürlich sah er die Dinge genauso wie ich.

Was geschehen ist, können wir nicht rückgängig machen, sagte er, während er mich fest in seine Arme schloss. Aber wir müssen alles tun, um den drohenden Krieg zwischen Delfinen, Haien … und Menschen zu verhindern.

Ja, das war unsere Aufgabe.

Ich spürte den kräftigen Druck von Gordians Händen auf meinem Rücken und die Zuversicht und Entschlossenheit, die darin lag.

Meine Eifersucht auf Kirby erschien mir plötzlich unglaublich kindisch. Verzeih mir, flüsterte ich und erwiderte Gordys innige Umarmung, so fest ich konnte.

Er küsste mich auf die Wange und durchflutete mich mit seiner Wärme. Hör auf damit, sagte er leise. Ich habe dir nichts zu verzeihen.

Er drückte mich noch ein letztes Mal, und als wir uns schließlich voneinander lösten, um Idis und Kirby zu folgen, verdunkelte sich über uns das Meer.

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Schwimm!, brüllte Gordian und mein Körper reagierte unmittelbar. Mit eng angelegten Armen schlug ich meine Schwanzflosse kraftvoll hin und her und stob in rasender Geschwindigkeit in die Tiefe. Erst als der Druck in meiner Lunge zunahm, meine Bewegungen schwerfälliger wurden und meine Atemzüge zu schmerzen begannen, besann ich mich und glitt hastig wieder nach oben.

Es irritierte mich, dass weder Riffe noch einzelne Felsen oder ein Grund auszumachen waren, und mir wurde schlagartig bewusst, dass ich jedem, der mir etwas antun wollte, schutzlos ausgeliefert war.

Ich verlangsamte mein Tempo und drehte mich in einem rasanten Wirbel einmal um mich selbst. Als ich feststellte, dass sich niemand in meiner unmittelbaren Nähe befand, war ich im ersten Moment unendlich erleichtert. Aber ich hatte auch Gordy nicht entdecken können und schon schnitt mir die Sorge um ihn aufs Neue die Luft ab.

Hoch über mir waberten die Schemen dreier nahezu bewegungsloser Gestalten und augenblicklich überkam mich Panik. Verdammt, das konnten doch nur Hainixe sein, die Gordian ins Visier genommen hatten und auf eine günstige Gelegenheit warteten, ihn anzugreifen. Zweifellos benötigte er meine Hilfe, denn nur ich würde meine Artgenossen davon abhalten können, ihn zu töten.

Ein einziger Flossenschlag genügte und ich schoss pfeilschnell in Richtung Oberfläche und auf die Schemen zu.

Stopp!, zischte eine Stimme.

Ich bemerkte einen Schatten, dann glitt etwas unter mich.

Halt dich an meiner Rückenflosse fest!

Ich spürte die zarte Berührung eines Delfinleibs an meinen Fingern. An der weißen wellenförmigen Braue über dem rechten Auge erkannte ich, dass es Idis war, erst danach registrierte ich ihre blonden Locken und den zarten menschlichen Oberleib unter der Außenhülle.

Jetzt mach schon!, rief sie angespannt und ich griff zu.

Ein Ruck ging durch meinen Körper, fast wäre die Flosse durch meine Hände geglitten, und Idis riss mich mit sich fort, in einer lang gezogenen Kurve ins Meer hinaus.

Verdammt noch mal, was machst du denn?, fauchte ich.

Dich in Sicherheit bringen, war ihre knappe, atemlose Antwort.

Das ist nicht nötig, ich bin überhaupt nicht … Neuerliche Wut brach sich in mir Bahn. Zum Teufel noch mal, Idis, es geht hier nicht um mich. Wir müssen Gordy helfen!

Keine Sorge, der kommt schon klar.

Nein! Nein! Nein!, tobte alles in mir.

Ich war drauf und dran, Idis loszulassen und zurückzuschwimmen. Doch ich besann mich. Ganz sicher würde auch sie ihren Bruder nicht einfach im Stich lassen. Womöglich schätzte ich die Gefahr vollkommen falsch ein und machte alles nur noch schlimmer, wenn ich mich einmischte.

Der Sog, den die Auf- und Abbewegung von Idis’ Schwanzflosse unter mir verursachte, kitzelte mich am Bauch und machte mir bewusst, dass ich sie die ganze Arbeit allein tun ließ.

Sofort setzte auch ich meine Flosse in Bewegung. Das Wasser verwirbelte zwischen unseren Körpern und verlangsamte deutlich unser Tempo.

Zum Neptun noch mal, Elodie, machst du das mit Absicht?, stöhnte Idis. Mit deinem Gezappel bringst du mich völlig aus dem Takt.

Entschuldigung, ich wollte dir nur helfen.

Bleib einfach locker, okay?, erwiderte sie. Dann ist es nämlich ein Kinderspiel für mich, dich zu ziehen.

Augenblicklich brachte ich meine Schwanzflosse zum Stillstand und schon zog Idis das Tempo wieder an. Offenbar konnte ich nur in besonderen Ausnahmesituationen mit Gordy im Gleichklang schwimmen.

Wen wundert’s?, kommentierte Idis. Schließlich seid ihr ein Liebespaar. Sie sagte es in einer Mischung aus pubertärer Faszination und Sarkasmus.

Du kennst dieses Gefühl wohl nicht?, fragte ich.

Nein.

Weil du zu jung bist oder …?

Ich bin nicht zu jung, knurrte sie. Schon lange nicht mehr.

Ich biss mir auf die Zunge. Wie hatte ich bloß so gedankenlos sein können! Gestern erst hatte Gordian mir erzählt, dass er nicht nur Kirby, sondern auch seine kleine Schwester vor den Übergriffen der männlichen Nixe beschützt hatte. Und auf genau diesen Schutz hatte sie nun schon seit vielen Wochen verzichten müssen.

Keine Sorge, sagte Idis milde. Kirby und ich wissen uns inzwischen selbst zu helfen. Bestimmt kannst du es dir denken. Sonst erkläre ich es dir, sobald wir das südliche Ende der Ilhas Desertas erreicht haben.

Und was ist mit Gordy?, entgegnete ich. Wird er ebenfalls dort sein?

Idis zuckte mit den Schultern. Ja, sicher. Früher oder später.

Mehr war aus ihr nicht herauszukriegen. Ich konnte so viel nachbohren und jammern, wie ich wollte, Idis sagte keinen Ton mehr. Schließlich gab ich es auf und versuchte stattdessen, mich zu orientieren. Bestimmt war es kein Fehler, wenn ich mich notfalls auch allein in dieser Gegend zurechtfand. Doch leider entdeckte ich nichts, was in irgendeiner Weise bemerkenswert oder sogar hervorstechend war.

Zuweilen wechselte die Temperatur, das Wasser jedoch wirkte gleichförmig graublau und hatte einen angenehm kräftigen, frischen Salzgeschmack. Der Grund war kaum auszumachen, unter uns schien es mal mehr und mal weniger dunkel zu sein. In der Ferne war das Dröhnen von Schiffsmotoren zu hören, und über mir leuchtete es hin und wieder hell auf, wahrscheinlich Reflexe des Mondlichts, die von der bewegten Meeresoberfläche in die Tiefe geschickt wurden.

Und dann, ganz plötzlich, änderte sich alles. Das Wasser flachte ab und unzählige, in einem satten Rotbraun schillernde Grate aus Vulkangestein schälten sich aus dem Boden. Fischschwärme stoben an uns vorbei, Algen wogten sanft hin und her und ein Rochen schwebte wie ein drachenförmiges Raumschiff über mich hinweg.

Idis bremste abrupt und glitt nun nahezu bewegungslos dahin. Du kannst jetzt loslassen, wir sind gleich da.

Ich löste meine Hände von ihrer Rückenflosse und schwamm neben ihr her auf eine weitläufige, zerklüftete Felswand zu.

Das ist die Hauptinsel, die Deserta Grande, erklärte Idis. Bugio liegt ganz im Süden der Gruppe. Dort befindet sich einer von Mamas Lieblingsplätzen.

Machen wir hier gerade so etwas wie eine Sightseeingtour?, erkundigte ich mich ironisch.

Nur keine Panik, gab Idis grinsend zurück. In wenigen Minuten erfährst du alles, was du wissen möchtest.

Ich bedachte sie mit einem Seitenblick und bemerkte das übermütige Blitzen in ihren türkisfarbenen Augen. Ihre Gelassenheit war wirklich beneidenswert. Ich hingegen dachte ununterbrochen an Gordy. Ängstigt ihr euch eigentlich nie um einen eurer Angehörigen?, fragte ich.

Natürlich, erwiderte Idis. Sofern er sich in Gefahr befindet.

Und das ist bei Gordy nicht der Fall?

Nein.

Sie deutete auf einen hakenförmigen Steinvorsprung, der wie eine riesige Nase aus der Felswand herausragte. Mein Puls schoss in die Höhe, denn ich erwartete, dass Gordian jeden Augenblick dahinter hervorkam.

Sie sind noch nicht zurück, sagte Idis noch immer grinsend.

Ich biss den aufflammenden Zorn weg, denn ich wollte jetzt auf keinen Fall etwas Falsches sagen.

Und woher willst du das so genau wissen?, erkundigte ich mich möglichst unaufgeregt.

Echolot, entgegnete sie knapp. Hat Gordy dir das nicht erklärt?

Klar hat er das.

Kopfschüttelnd sah ich sie an und Idis erwiderte meinen Blick mit einer hochgezogenen Braue.

Dann hat er dir offensichtlich nicht alles gesagt.

Schon möglich, antwortete ich, auch weiterhin um Fassung bemüht. Die Vorstellung, dass Gordian mir schon wieder etwas Wesentliches verschwiegen haben könnte, machte mich verrückt.

Das Echolot eines Delfinnixes arbeitet auf drei verschiedenen Ebenen, begann Idis zu meiner Überraschung nun ohne Umschweife. Der animalischen, der funktionalen und der emotionalen.

Aha …?

Mit dir, seiner Familie und seinen engsten Freunden verständigt er sich in erster Linie über die emotionale Ebene, fuhr Idis unbeirrt fort. Sie ist die direkteste Verbindung und auch die persönlichste, denn über diesen Weg kommunizieren immer bloß ein Sender und ein Empfänger miteinander. Allerdings geht das nur über eine sehr kurze Entfernung.

Was bedeutet, dass Gordy dir keine persönliche Nachricht schicken kann?, hakte ich sofort nach.

Nein, im Moment scheint er dafür noch zu weit weg zu sein.

Dann hörst du ihn also über die funktionale Ebene?, bohrte ich weiter.

Auch nicht, gab Idis zurück. Würde Gordy solche Echos aussenden, wäre er für jeden aufzuspüren.

Also auch für Kyan?

Idis nickte.

Und ich hatte bereits geschlussfolgert, dass dies insbesondere die animalische Ebene betraf.

Stimmt, bestätigte sie. Trotzdem nutzen Gordy, Kirby und ich die ganze Zeit genau diesen Weg.

Interessant. Und warum?

Ganz einfach. Wieder stahl sich ein Grinsen in Idis’ Gesicht, aber diesmal wirkte es nicht überheblich, sondern schelmisch, was sie mir sofort wieder unheimlich symphatisch machte. Weil die meisten anderen es nicht tun. Bei vielen Delfinnixen ist die animalische Ebene inzwischen verkümmert. Typen wie Kyan oder Zak empfinden sich als zu hoch entwickelt, um sich noch dieser niederen Funktion zu bedienen. Idis verdrehte die Augen, dann griente sie richtig breit. Was für uns natürlich ein gewaltiger Vorteil ist.

Okay, sagte ich. Und wie funktioniert dieses animalische Echolot?

Idis zwinkerte mir zu. Wie bei den Tieren.

Na toll! Damit konnte ich wenig anfangen. Gerade Kyan benahm sich doch alles andere als hoch entwickelt. Im Gegenteil: Von einem normalen Delfin schien er sich nur insofern zu unterscheiden, als er ein Bewusstsein und ziemlich brutale und sexistische Gedanken hatte.

Schlagartig wurde Idis’ Miene ernst. Das macht ihn ja so gefährlich, sagte sie, und ihr intensiver Blick offenbarte mir, dass Gordians kleine Schwester trotz ihrer Jugend in alles eingeweiht war.

Ich war so beeindruckt von der Reife, die sie ausstrahlte, dass ich darüber für einen Moment sogar Gordy vergaß. Als er sich wieder in mein Herz drängte, hatte ich fast ein schlechtes Gewissen.

Das brauchst du nicht zu haben, sagte Idis und stupste mich mit dem Maul ihres Delfinkörpers sanft gegen die Brust. Liebe ist sicher großartig. Aber muss man deshalb mit seinen Gedanken jede Sekunde bei dem anderen sein? Außerdem hätte ich es dir ganz bestimmt nicht verschwiegen, wenn ich auch nur das geringste Anzeichen dafür wahrgenommen hätte, dass ihm etwas zugestoßen sein könnte, setzte sie hinzu. Du kannst mir vertrauen.

Mit einem tiefen Zug sog ich meine Lunge voll Wasser und merkte, wie ich mich allmählich entspannte.

Gut, sagte Idis, und jetzt muss ich dringend zum Luftschnappen nach oben. Wie das animalische Echolot genau funktioniert, kannst du dir ja von Gordy erklären lassen. Ich finde, das ist er dir schuldig, fügte sie augen zwinkernd hinzu.