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eBook © 2013 Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG, Hafenweg 30, 48155 Münster

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Merkwürdig.

Zugegeben, ich habe wenig Erfahrung, um diesen Eindruck begründen zu können. Ich bin 16 Jahre alt und weder langsam noch zurückgeblieben oder seit meiner Geburt in einem Schrank eingesperrt gewesen – zumindest soweit ich weiß –, aber das Slating macht das mit einem. Es nimmt einem alle Erinnerungen.

Es dauert eine Weile, bis nicht mehr ständig alles zum ersten Mal geschieht. Erste Worte, erste Schritte, die erste Spinne an der Wand, der erste angeschlagene Zeh. Ganz einfach: erstes ALLES.

Wenn ich mich heute also seltsam und unsicher fühle, könnte es einfach daran liegen.

Ich kaue an meinen Nägeln, während ich hier sitze und auf Mum, Dad und Amy warte, damit sie mich aus dem Krankenhaus abholen, um mich nach Hause zu bringen. Aber ich weiß nicht, wer sie sind. Ich weiß nicht, wo zu Hause ist. Ich weiß gar nichts. Wie könnte das nicht … merkwürdig sein?

Bzzzz: ein sanftes vibrierendes Warnsignal von dem Levo an meinem Handgelenk. Ich schaue nach unten: Ich bin auf 4,4 gefallen. Also esse ich ein Stück Schokolade, und mein Level steigt ganz langsam wieder an, während sich der Zucker in meinem Mund ausbreitet und ich beobachte, wie sich mein Levo-Wert verändert.

»Mit so schwachen Nerven wirst du irgendwann dick.«

Ich zucke zusammen.

Dr. Lysander steht in der Tür. Sie ist groß und dünn und trägt einen weißen Kittel. Ihre dunklen Haare sind nach hinten gekämmt und auf ihrer Nase sitzt eine dicke Brille. Sie bewegt sich geräuschlos wie ein Geist und scheint immer schon vorher zu wissen, wann das Levo bei jemandem in den roten Bereich rutscht. Aber sie ist nicht wie die Schwestern, die einen mit einer Umarmung zurückholen. Nett würde man sie wohl nicht gerade nennen.

»Es ist so weit, Kyla. Komm.«

»Muss ich denn gehen? Kann ich nicht einfach hierbleiben?«

Sie schüttelt den Kopf. Ein ungeduldiges Zucken in ihren Augen sagt »Das habe ich schon eine Million Mal gehört«. Oder zumindest 19.417 Mal, denn das ist die Nummer meines Levos.

»Du weißt, dass das nicht geht. Wir brauchen das Zimmer. Komm.«

Sie dreht sich um und geht durch die Tür. Ich nehme meine Tasche und folge ihr. Darin ist alles, was ich besitze – sie ist nicht schwer.

Ehe ich die Tür schließe, blicke ich zurück in mein Zimmer. Ein Bett, zwei Kissen, eine Decke, ein Schrank. Das Waschbecken mit einer Schramme an der rechten Seite ist das Einzige, was dieses Zimmer von den endlosen Reihen von quadratischen Räumen auf meinem und den anderen Korridoren unterscheidet. Das Erste, woran ich mich erinnere.

Neun Monate lang waren diese vier Wände die Grenzen meines Universums. Sie und Dr. Lysanders Büro, die Sporthalle und die Schule einen Stock tiefer, zusammen mit anderen wie mir.

Bzzzz: Es vibriert an meinem Arm noch stärker als vor einigen Minuten. Mein Levo ist auf 4,1 gefallen.

Zu niedrig.

Dr. Lysander dreht sich um und schnalzt leise mit der Zunge. Sie beugt sich zu mir herunter, sodass wir auf Augenhöhe sind, und berührt meine Wange mit der Hand. Wieder ein erstes Mal.

»Glaub mir, alles wird gut. Und wir werden uns ja alle zwei Wochen sehen.«

Sie lächelt. Aber eigentlich spannt sie die Lippen über die Zähne und ihr Gesicht wirkt damit fremd. Als ob das Lächeln unsicher wäre, wie es überhaupt dorthin gelangt ist. Ich bin so überrascht, dass ich meine Angst vergesse und mein Levo aus dem roten Bereich steigt.

Sie nickt, richtet sich auf und läuft den Flur hinab zum Lift.

Wir fahren schweigend neun Stockwerke nach unten ins »Erdgeschoss «, dann gehen wir einen kurzen Gang entlang, bis wir zu einer weiteren Tür gelangen. Eine, hinter der ich noch nie gewesen bin – aus gutem Grund. Darüber steht »S & E«: Sachbearbeitung und Entlassung. Sobald man durch diese Tür tritt, ist man raus.

»Geh nur«, sagt Dr. Lysander.

Ich zögere und öffne die Tür nur einen Spalt. Dann drehe ich mich noch einmal um, weil ich »Auf Wiedersehen« oder »Bitte gehen Sie nicht« oder beides sagen will, aber mit einem leisen Rascheln des weißen Kittels und der dunklen Haare ist Dr. Lysander schon wieder im Lift verschwunden.

Mein Herz schlägt viel zu schnell. Ich atme ein und aus und zähle dabei jedes Mal bis zehn, wie man es uns beigebracht hat, bis mein Puls wieder langsamer wird. Dann straffe ich meine Schultern und ziehe die Tür weiter auf. Hinter der Schwelle befindet sich ein langer Raum mit einer Tür am anderen Ende und Plastikstühlen an der Wand. Darauf sitzen zwei andere Slater, mit der gleichen Tasche, wie ich sie habe, vor sich auf dem Boden. Ich kenne beide aus der Schule, obwohl ich viel länger hier war als sie. Genau wie ich tragen sie nicht mehr die hellblauen Baumwoll-Overalls, sondern richtige Jeans – also einfach eine andere Uniform. Die beiden lächeln, weil sie sich darauf freuen, endlich das Krankenhaus mit ihren Familien zu verlassen.

Es ist ihnen egal, dass sie ihre Eltern und Geschwister noch nie zuvor gesehen haben.

Eine Krankenschwester hinter einem Tisch auf der anderen Seite des Raums blickt auf. Ich stehe in der Tür und will sie nicht hinter mir zufallen lassen. Die Frau runzelt leicht die Stirn und winkt mich ungeduldig herein.

»Komm. Bist du Kyla? Du musst dich bei mir eintragen, bevor du dich abmelden kannst«, sagt sie und lächelt breit.

Ich zwinge mich, zu ihr zu gehen. Mein Levo vibriert, als die Tür hinter mir ins Schloss fällt. Die Krankenschwester nimmt meine Hand und sieht auf mein Levo, während es noch stärker zu vibrieren beginnt: 3,9. Sie schüttelt den Kopf, hält mit einer Hand meinen Arm fest und bohrt mit der anderen eine Spritze in meine Schulter.

»Was war das?«, frage ich und ziehe meinen Arm weg, obwohl ich die Antwort kenne.

»Nur etwas, um dich bei Laune zu halten, bis du das Problem von jemand anderem geworden bist. Setz dich. Du wirst aufgerufen.«

Mein Magen dreht sich um, doch ich tue, was sie sagt, und setze mich. Die anderen beiden Slater sehen mich mit großen Augen an. Ich spüre, wie der Happy Juice langsam durch meine Adern strömt und alle Gefühle verwischt, aber er kann meine Gedanken nicht stoppen – selbst dann nicht, als mein Levo auf 5 steigt.

Was, wenn mich meine Eltern nicht mögen? Selbst wenn ich mir wirklich Mühe gebe – was zugegebenermaßen nicht immer der Fall ist –, scheinen mich andere Menschen nicht unbedingt leicht ins Herz zu schließen. Sie werden wütend, wie Dr. Lysander, wenn ich nicht tue oder sage, was sie erwarten.

Und was, wenn ich sie nicht mag? Ich kenne nur ihre Namen. Alles, was ich habe, ist ein Foto, das gerahmt an der Wand meines Krankenzimmers hing und jetzt in meiner Tasche steckt. David, Sandra und Amy Davis. Dad, Mum und meine große Schwester. Sie lächeln in die Kamera und sehen ganz nett aus, aber wer weiß schon, wie sie wirklich sind?

Doch letztendlich ist das alles unwichtig, denn ganz egal, wer sie sind – ich muss dafür sorgen, dass sie mich mögen.

Scheitern ist keine Option.

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Die »Sachbearbeitung« ist kaum der Rede wert. Ich werde gescannt, fotografiert, gewogen und meine Fingerabdrücke werden genommen.

Wie sich herausstellt, ist die »Entlassung« der schwierigere Teil. Die Schwester erklärt mir auf dem Weg, dass ich meine Mutter und meinen Vater begrüßen muss, dass sie und ich ein paar Formulare unterschreiben werden, die belegen, dass wir jetzt alle eine große wundervolle Familie sind, und wir dann gemeinsam nach Hause fahren werden, um für immer glücklich miteinander zu leben. Natürlich springt mir das Problem sofort ins Auge: Was, wenn sie mich sehen und sich plötzlich weigern zu unterschreiben? Was dann?

»Steh gerade! Und lächle«, zischt die Schwester und schiebt mich durch die Tür.

Ich setze ein breites Lächeln auf, obwohl ich genau weiß, dass es aus einer ängstlichen und traurigen Kyla keine engelsgleiche und glückliche Erscheinung macht.

Kaum bin ich über die Schwelle getreten, bleibe ich wie angewurzelt stehen: Da sind sie. Ich hatte irgendwie damit gerechnet, dass sie dort stehen würden wie auf dem Foto, in den gleichen Klamotten, wie Puppen. Aber alle drei tragen unterschiedliche Kleidung, sie stehen anders und tausend Details kämpfen um meine Aufmerksamkeit. Es ist alles zu viel für mich. Der Anblick meiner neuen Familie droht mich zu überwältigen, sodass ich wieder in den roten Bereich abrutsche, obwohl immer noch der Happy Juice durch meine Adern fließt. Ich höre die gelangweilte Stimme meiner Lehrerin mit dem ewig gleichen Mantra, als stünde sie direkt neben mir: Eins nach dem anderen, Kyla.

Also konzentriere ich mich auf ihre Augen und hebe mir den Rest für später auf. Dads Augen sind grau, rätselhaft und zurückhaltend. Mums Augen haben kleine Flecken auf hellem Braun – es sind ungeduldige Augen, die mich an die von Dr. Lysander erinnern. Augen, denen nichts entgeht. Und meine Schwester ist auch da: große, dunkle, fast schwarze Augen sehen mich neugierig an, umrahmt von schimmernder Haut wie brauner Samt. Als das Foto vor ein paar Wochen geschickt wurde, wollte ich wissen, warum Amy so anders aussieht als meine Eltern und ich, aber sofort wurde ich zurechtgewiesen, dass die ethnische Herkunft ohne Bedeutung sei und unter der wunderbaren Zentralkoalition keiner Erwähnung mehr wert sei. Aber wie kann man so etwas übersehen?

Die drei sitzen an einem Tisch, zusammen mit einem fremden Mann. Alle Augen sind auf mich gerichtet, aber niemand sagt ein Wort. Mein Lächeln fühlt sich immer unnatürlicher an, wie ein Tier, das gestorben ist und jetzt mit einer Todesfratze auf meinem Gesicht klebt.

Dann springt Dad von seinem Stuhl auf. »Kyla, wir freuen uns so, dass du jetzt zu unserer Familie gehörst.« Lächelnd nimmt er meine Hand und küsst mich auf die Backe. Seine Wange mit den Bartstoppeln fühlt sich rau an, aber sein Lächeln ist warm. Und echt.

Dann kommen auch Mum und Amy zu mir und alle drei überragen mich mit meinen ein Meter fünfzig. Amy hakt sich bei mir ein und streicht über mein Haar. »So eine schöne Farbe, wie goldener Weizen. Und so weich!«

Mum lächelt nun auch, aber ihr Lächeln gleicht meinem.

Der Mann am Tisch räuspert sich und raschelt dann mit irgendwelchen Papieren. »Würden Sie bitte unterzeichnen?«

Und Mum und Dad unterschreiben dort, wo er hinzeigt. Dann reicht Dad mir den Stift.

»Deine Unterschrift, Kyla«, sagt der Mann und tippt auf eine leere Linie am Ende des langen Dokuments. »Kyla Davis« ist darunter getippt.

»Was ist das?«, will ich wissen, und die Worte kommen aus meinem Mund, ehe ich denken kann, bevor ich spreche, wie Dr. Lysander es mir immer wieder eingeschärft hat.

Der Mann am Tisch hebt eine Augenbraue, während sich auf seinem Gesicht erst Überraschung und dann Verärgerung spiegelt. »Das Standardformular für die Entlassung aus der stationären Behandlung in den externen Vollzug. Unterzeichne.«

»Kann ich es erst lesen?«, frage ich, denn eine merkwürdige Sturheit in mir treibt mich an, obwohl ein anderer Teil von mir schlechte Idee flüstert.

Die Augen des Mannes werden schmaler, dann seufzt er. »Ja, das kannst du. Dann warten jetzt bitte alle, bis Miss Davis ihrem Rechtsanspruch nachgekommen ist.«

Ich blättere das Dokument durch, aber es hat über zehn Seiten, die so eng bedruckt sind, dass alles vor meinen Augen verschwimmt und mein Herz wieder rast.

Dad legt mir eine Hand auf die Schulter und ich drehe mich um. »Das ist schon in Ordnung, Kyla. Nur zu«, sagt er ruhig.

Auf ihn und Mum muss ich ab jetzt hören. Ich erinnere mich, dass das eine der Regeln ist, die mir eine Schwester letzte Woche geduldig zu erklären versucht hat. Und es ist Teil dessen, was im Vertrag steht.

Ich werde rot und unterzeichne: Kyla Davis. Nicht mehr nur Kyla – der Name, den eine Beamtin für mich ausgesucht hat, als ich hier vor neun Monaten zum ersten Mal die Augen aufschlug. Und jetzt habe ich außerdem einen richtigen Nachnamen, der zu mir gehört und mich zum Teil einer Familie macht. Das steht auch irgendwo im Vertrag.

»Lass mich das tragen«, sagt Dad und nimmt meine Tasche. Amy hakt sich wieder bei mir ein und wir gehen durch die letzte Tür.

Und einfach so lassen wir alles hinter uns, was ich kenne.

Mum und Dad mustern mich im Autospiegel, als wir aus der Tiefgarage unter dem Krankenhaus fahren. Es ist okay, denn ich mustere sie genauso.

Sie fragen sich wahrscheinlich, wie sie zu zwei Töchtern gekommen sind, die so überhaupt nicht zusammenpassen. Und das hat noch nicht mal mit der Hautfarbe zu tun, die man ja sowieso nicht bemerken darf.

Amy sitzt auf der Rückbank neben mir: groß, attraktiv und drei Jahre älter als ich. Ich bin klein und dünn und habe feine blonde Haare – ihre sind dunkel, dick und schwer. Sie ist eine Granate, wie einer der Pfleger immer eine Schwester genannt hat, auf die er stand. Und ich bin …

Mein Gehirn sucht nach einem Wort für das Gegenteil von Amy, aber es kommt nichts. Vielleicht ist das aber auch schon die Antwort: Ich bin ein leeres, langweiliges Blatt Papier.

Amy trägt ein fließendes, rot gemustertes Kleid mit langen Ärmeln, aber sie hat einen davon hochgeschoben, sodass ich das Levo an ihrem Handgelenk sehen kann. Meine Augen weiten sich vor Überraschung: Sie wurde auch geslated. Ihr Levo ist ein älteres Modell, groß und dick im Vergleich zu meinem, das nur aus einer schmalen Goldkette mit einem kleinen Display besteht und aussehen soll wie eine Armbanduhr oder ein Armkettchen. Aber darauf fällt natürlich niemand rein.

»Ich freu mich so, dass ich jetzt eine Schwester habe«, sagt Amy, und es muss stimmen, denn auf ihrer Digitalanzeige steht 6,3.

Wir kommen zur Pforte – hier halten mehrere uniformierte Männer Wache. Einer tritt ans Auto, die anderen sehen hinter der Glasscheibe zu. Dad drückt auf ein paar Knöpfe und alle Autofenster und der Kofferraum gehen auf.

Mum, Dad und Amy ziehen ihre Ärmel hoch und halten ihre Hände aus den Fenstern, also tue ich das Gleiche. Der Wächter schaut auf Mums und Dads leere Handgelenke und nickt, geht dann zu Amy und hält ein Ding an ihr Levo, bis es piept. Dann macht er dasselbe mit meinem Levo. Er wirft einen Blick in den Kofferraum und schließt ihn wieder.

Eine Schranke geht auf und wir dürfen passieren.

»Kyla, was möchtest du heute machen?«, fragt Mum.

Mum ist rund und spitz, nein, das ist kein Scherz. Ihr Körper ist rund und weich, aber ihr Blick und ihre Worte sind spitz.

Der Wagen fährt auf die Straße und ich drehe mich um. Ich kenne das Krankenhaus gut, aber nur von innen. Das Gebäude ist riesig – ich sehe endlose Reihen von vergitterten Fenstern. Hohe Zäune und Türme mit Wachen, die auf und ab patrouillieren, markieren die Grenzen des Klinikgeländes. Und …

»Kyla, ich habe dich etwas gefragt!«

Ich schrecke hoch. »Ich weiß es nicht«, sage ich vorsichtig.

Dad lacht auf. »Natürlich nicht, Kyla, keine Sorge.« Dann wendet er sich an Mum: »Kyla weiß nicht, was sie unternehmen möchte, denn sie hat ja nicht einmal eine Vorstellung davon, was man unternehmen kann

»Also komm, Mum, das weißt du doch«, sagt Amy und schüttelt den Kopf. »Lasst uns direkt nach Hause fahren. Sie soll sich erst ein bisschen an alles gewöhnen, hat die Ärztin gesagt.«

»Ja, Ärzte wissen immer alles«, seufzt Mum, und ich kapiere, dass dieses Thema wohl schon häufiger zur Diskussion stand.

Dad schaut in den Spiegel. »Kyla, weißt du, dass 50 Prozent aller Ärzte die schlechtesten Schüler ihres Jahrgangs waren?«

Amy lacht.

»Also ehrlich, David«, protestiert Mum, aber sie lächelt auch.

»Kennt ihr den Witz von dem Arzt, der links nicht von rechts unterscheiden konnte?«, beginnt Dad und zählt eine lange Liste von Operationsfehlern auf, von denen ich hoffe, dass sie nie in meinem Krankenhaus passiert sind.

Aber bald vergesse ich alles um mich herum und starre nur noch aus dem Fenster.

London.

Ein neues Bild entsteht in meinem Kopf. Das New London Hospital verliert seinen zentralen Platz in meinen Gedanken und versinkt in einem weiten Meer. Straßen, die immer weiter und weiter führen, Autos, Gebäude – alles ist voller Leben. Zum Trocknen aufgehängte Wäsche auf Balkonen und Vorhänge, die aus Fenstern herauswehen. Überall: Menschen – in Autos und auf der Straße. Menschenmassen und Läden und Büros und immer noch mehr Menschenmassen, die in alle Richtungen strömen und die Wachleute ignorieren, die an den Straßenecken stehen, wenn auch immer seltener, je weiter wir uns vom Krankenhaus entfernen.

Dr. Lysander hat mich oft gefragt, warum ich den Drang habe, alles zu beobachten und alles wissen zu wollen, um es mir einzuprägen und jeden Bezugspunkt und jede Position zu merken.

Doch die Antwort ist, dass ich es nicht weiß. Vielleicht will ich mich nicht leer fühlen. Es fehlen so viele Details, die ergänzt werden müssen.

Schon nach wenigen Tagen in der Klinik – sobald ich wieder wusste, wie man einen Fuß vor den anderen setzt, ohne hinzufallen – bin ich jedes frei zugängliche Stockwerk abgegangen, habe Flure und Türen gezählt und als Bilder in meinem Gehirn gespeichert. Ich hätte danach jedes Schwesternzimmer, jedes Labor und jeden anderen Raum blind wiedergefunden. Und auch jetzt noch schließe ich meine Augen und sehe alles vor mir.

Aber London ist anders. Eine ganze Stadt. Ich müsste jede einzelne Straße entlanggehen, um das Bild zu vervollständigen. Doch wir scheinen den direkten Weg nach Hause zu nehmen, in ein Dorf, eine Stunde westlich von London.

Natürlich habe ich in der Krankenhausschule Landkarten und Fotos gesehen. Stundenlang haben sie uns jeden Tag mit so viel Allgemeinwissen gefüttert, wie unsere leeren Gehirne aufnehmen konnten, um uns auf unsere Entlassung vorzubereiten.

Wie anders das doch war. Ich habe mich auf jede Information gestürzt und sie mir eingeprägt und gezeichnet, mir alles in meinem Notizbuch aufgeschrieben, damit ich nichts vergessen würde. Doch die meisten anderen waren weniger aufnahmebereit. Sie waren zu sehr damit beschäftigt, alles und jeden breit und dämlich anzugrinsen. Denn als wir geslated wurden, haben sie die Ausschüttung unserer Glückshormone manipuliert und erhöht.

Wenn sie also auch mein Hormonlevel verändert haben, muss ich vorher bei null gewesen sein.

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Dad nimmt meine Tasche aus dem Kofferraum und geht pfeifend und mit den Schlüsseln in der Hand zum Haus. Mum und Amy steigen aus dem Auto und drehen sich dann um, weil ich nicht nachkomme.

»Los, Kyla.« Mums Stimme klingt ungeduldig.

Ich drücke gegen die Tür, fest und dann fester, aber nichts geschieht. Ich sehe zu Mum auf und mein Magen verkrampft sich, weil sich ihre Miene langsam, aber sicher ihrem Ton anpasst.

Schließlich öffnet Amy die Tür von außen. »Du ziehst an diesem Hebel an der Innenseite und drückst die Tür dann auf. Okay?«

Sie schließt die Tür wieder, und ich greife nach dem Hebel und mache es so, wie sie gesagt hat. Die Tür schwingt auf, und ich steige aus dem Wagen, froh darüber, meine Beine ausstrecken und nach so langer Zeit im Auto aufstehen zu können. Aus einer Stunde Fahrt sind wegen Stau und Umleitungen drei geworden und Mum konnte ihre Ungeduld kaum mehr zügeln.

Jetzt nimmt sie mein Handgelenk. »Seht euch das an: 4,4 – nur weil sie eine Autotür nicht aufbekommt. Mein Gott, das wird harte Arbeit.«

Ich will widersprechen und antworten, dass das unfair ist und dass mein Level nichts mit der Tür zu tun hat, sondern mit der Art, wie sie mit mir umgeht. Aber ich bin unsicher, was ich sagen oder lieber nicht sagen soll. Also halte ich den Mund und beiße mir stattdessen die Innenseite meiner Wange blutig. Amy legt einen Arm um meine Schultern, als Mum hinter Dad ins Haus geht. »Das meint sie nicht so. Sie ist nur sauer, weil unser erstes Abendessen verspätet beginnt. Aber du bist noch nie in einem Auto gefahren, oder? Wie sollst du dann wissen, wie die Tür aufgeht?«

Amy verstummt, und ich weiß wieder nicht, was ich sagen soll, aber diesmal, weil sie so nett zu mir ist. Also versuche ich ein Lächeln, ein kleines nur, aber ein echtes.

Amy lächelt zurück. »Lass uns doch eine Runde ums Haus drehen, ehe wir reingehen, ja?«, schlägt sie vor.

Dort, wo der Wagen vor dem Haus parkt, ist alles voller kleiner Steinchen, die beim Gehen unter unseren Schuhen knirschen. Der Vorgarten ist ein Rechteck aus grünem Gras mit einem großen Baum auf der linken Seite – eine Eiche? Die Blätter sind eine Mischung aus Gelb, Orange und Rot und buntes Laub liegt unordentlich neben dem dicken Stamm. Blätter fallen im Herbst, erinnere ich mich. Welches Datum haben wir heute? Den 13. September. Links und rechts vor der Eingangstür wuchern ein paar rote und pinkfarbene Blumen, deren verwelkte Blütenblätter auf dem Boden liegen. Und überall um mich herum ist so viel Platz. Alles kommt mir nach dem Krankenhaus und der Fahrt durch London sehr still vor. Ich stehe auf der Wiese und atme die kühle Luft tief ein. Sie schmeckt feucht und nach Leben und dem Ende des Lebens, wie diese Blätter auf dem Boden.

»Kommst du mit rein?«, fragt Amy und ich folge ihr durch die Eingangstür ins Haus. Davon zweigt ein Raum mit Sofas, Lampen und Tischen ab. Ein großer Flachbildschirm beherrscht die Wand. Ein Fernseher? Er ist viel größer als die Geräte, die wir im Freizeitraum im Krankenhaus hatten – nicht, dass sie mich da nach dem ersten Mal je wieder reingelassen hätten, als klar war, dass Fernsehen meine Albträume nur verschlimmerte.

Durch dieses Zimmer gelangt man in einen anderen Raum mit langen Arbeitsflächen und vielen Schränken. Außerdem gibt es hier einen riesigen Ofen, den Mum gerade öffnet, um eine Schüssel reinzustellen.

»Geh auf dein Zimmer und pack vor dem Abendessen deine Sachen aus, Kyla«, fordert mich Mum auf und reißt mich aus meinen Gedanken.

Amy nimmt meine Hand. »Hier lang«, sagt sie und zieht mich wieder in den Flur. Ich folge ihr die Treppen hinauf in einen anderen Flur, von dem drei Türen abgehen und eine weitere Treppe nach oben.

»Wir wohnen in diesem Stock, Mum und Dad oben. Schau, das ist meine Tür.« Sie zeigt nach rechts. »Das Zimmer am Ende des Ganges ist das Badezimmer, das teilen wir uns. Oben gibt es noch ein weiteres. Und hier ist dein Zimmer.« Sie deutet nach links.

Ich sehe sie ratlos an.

»Geh nur.«

Die Tür steht einen Spaltbreit offen. Ich schiebe sie auf und gehe hinein.

Der Raum ist viel größer als mein Zimmer im Krankenhaus. Meine Tasche steht schon auf dem Boden, wo Dad sie abgestellt haben muss. Im Zimmer befindet sich ein Kosmetiktisch mit Schubladen und einem Spiegel darüber und einem Schrank daneben, aber kein Waschbecken. Ein großes breites Fenster geht auf die Vorderseite des Hauses hinaus.

Zwei Betten.

Amy kommt rein und setzt sich auf eine der beiden Matratzen. »Wir dachten, wir stellen für den Anfang zwei Betten ins Zimmer. Ich kann bei dir schlafen, wenn du das möchtest. Die Schwester meinte, es wäre eine gute Idee, bis du dich eingewöhnt hast.«

Sie spricht nicht weiter, aber ich kann mir schon denken, worauf sie hinauswill. Die Leute aus dem Krankenhaus müssen es ihnen gesagt haben. Für den Fall, dass ich Albträume habe. Die habe ich oft, und wenn dann nicht schnell genug jemand bei mir ist, falle ich zu tief und mein Levo schaltet mich aus.

Ich setze mich auf das andere Bett. Etwas Rundes, Schwarzes und Felliges liegt auf der Decke. Ich strecke die Hand danach aus, doch halte mitten in der Bewegung inne.

»Nur zu. Das ist Sebastian, unser Kater. Er ist ganz lieb.«

Ganz vorsichtig berühre ich sein Fell mit den Fingerspitzen. Es ist warm und weich. Er rührt sich, der Ball entknäuelt sich, er streckt seine Tatzen aus, legt seinen Kopf zurück und gähnt.

Ich habe natürlich schon Bilder von Katzen gesehen, aber das hier ist anders: lebendig und atmend, mit seidigem Fell, das sich in Falten legt, als Sebastian sich streckt. Große gelbgrüne Augen starren in meine.

»Miau«, macht er und ich schrecke zurück.

Amy steht auf und beugt sich zu uns.

»Streichle ihn so«, sagt sie und fährt mit ihrer Hand durch sein Fell, vom Kopf bis zu seinem Schwanz. Ich mache es ihr nach, und der Kater gibt ein Geräusch von sich, das wie ein tiefes Brummen von seiner Kehle aus durch seinen Körper vibriert.

»Was ist das?«

Amy lächelt.

»Er schnurrt. Das heißt, er mag dich.«

Später, als es schon lange dunkel vor dem Fenster ist und Amy auf ihrem Bett in meinem Zimmer eingeschlafen ist, schnurrt Sebastian noch immer leise neben mir, während ich ihn streichle. Die Tür ist für ihn ein wenig geöffnet und Geräusche dringen von unten herauf – klappernde Küchengeräusche, Stimmen.

»Sie ist ein ruhiges, kleines Ding, nicht wahr?«, höre ich Dad.

»Das kann man wohl sagen. Überhaupt nicht wie Amy damals. Sie hat gar nicht mehr aufgehört zu kichern und zu plappern, als sie zum ersten Mal durch diese Tür spaziert ist, oder?«

»Das tut sie immer noch«, sagt er und lacht.

»Kyla ist auf jeden Fall ganz anders. Ein bisschen seltsam, wenn du mich fragst, mit diesen großen grünen Augen, die starren und starren.«

»Ach, sie ist ein liebes Mädchen. Lass sie doch erst mal ankommen. «

»Es ist ihre letzte Chance.«

»Pst.«

Unten wird eine Tür geschlossen und ich verstehe nichts mehr, nur noch ein leises Murmeln.

Ich wollte das Krankenhaus nicht verlassen. Nicht, dass ich dort ewig hätte bleiben wollen, aber innerhalb der Klinikwände wusste ich wenigstens, woran ich war. Wie ich mich einzufügen hatte und was von mir erwartet wird.

Hier ist mir alles fremd.

Aber es macht mir nicht so viel Angst, wie ich dachte. Ich weiß, dass Amy nett ist. Dad scheint in Ordnung zu sein. Und ich habe das Gefühl, dass Sebastian besser als Schokolade ist, um mich zurückzuholen, wenn ich zu tief falle. Auch das Essen ist viel besser. Mein erster Sonntagsbraten. Den gibt es jede Woche, meinte Amy.

Das Abendessen und keine Dusche, sondern ein richtiges Bad – eine volle, heiße Wanne, in die man eintauchen kann – haben dafür gesorgt, dass mein Wert vor dem Schlafengehen fast auf 7 geklettert ist.

Doch Mum hält mich für seltsam. Ich muss darauf achten, sie nicht so oft anzustarren.

Der Schlaf legt sich über mich wie eine Decke, doch ihre Worte gehen mir nicht aus dem Kopf.

Letzte Chance

Hatte ich je irgendwelche anderen Chancen?

Letzte Chance

Ich renne.

Wellen krallen sich in den Sand unter meinen Füßen, während ich ein Bein vor das andere zwinge, wieder und wieder. Mein Atem geht keuchend ein und aus, bis meine Lungen fast platzen, und ich renne immer noch. Goldener Sand, so weit das Auge reicht. Er gibt unter mir nach und immer wieder rutsche ich aus, rapple mich auf und renne weiter.

Das Grauen schnappt nach meinen Fersen.

Es kommt näher.

Ich könnte mich umdrehen und mich ihm stellen. Sehen, was es ist.

Ich renne.

»Schhhhh. Ich hab dich.«

Ich kämpfe verzweifelt, bis ich merke, dass es Amys Arme sind, die mich halten.

Die Tür geht auf und Licht fällt vom Flur herein.

»Was ist los?«, will Mum wissen.

Amy antwortet: »Nur ein böser Traum, aber jetzt ist alles wieder in Ordnung. Oder, Kyla?«

Mein Herzschlag wird langsamer, mein Blick klarer. Ich schiebe sie weg.

»Ja, alles okay.«

Ich sage die Worte, aber ein Teil von mir rennt immer noch.

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Ich schlendere zwischen den Bäumen umher, drehe mich um, lege mich aufs Gras und zwischen Gänseblümchen, ich ganz allein. Ich starre die Wolken an, die am Himmel treiben und halb bekannte Formen und Gesichter bilden. Namen schweben davon, wenn ich sie greifen will, also lasse ich sie ziehen: Ich will einfach nur daliegen und ich sein.

Es ist Zeit. Wie Nebel löse ich mich auf, bis ich verschwunden bin. Die Bäume und der Himmel werden von der Dunkelheit hinter meinen geschlossenen Augen ersetzt, das kitzelnde Gras von einem festen Bett.

Stille. Warum ist es so still? Mein Körper weiß, dass es später als fünf Uhr morgens ist, aber kein Wecker hat geklingelt, keine Frühstückswagen klappern die Flure herunter.

Ich liege ganz ruhig da, halte den Atem an und lausche.

Sanftes, gleichmäßiges Atmen, nahe bei mir. Bin ich letzte Nacht ohnmächtig geworden, ist da ein Wachmann in meinem Zimmer? Falls ja, klingt es so, als ob er schläft, anstatt aufzupassen.

Aus der anderen Richtung kommen leise, fröhliche Geräusche, mal lauter, mal leiser, wie Musik. Vögel?

Etwas Warmes an meinen Füßen.

Ich bin nicht in meinem Zimmer im Krankenhaus. Meine Augen springen auf, als es mir wieder einfällt.

Kein Wachmann auf der anderen Seite des Raumes. Nur Amy, die gleichmäßig atmet und tief schläft, genau wie Sebastian an meinen Füßen. Vielleicht wachen sie nur auf eine andere Art über mich.

Ich schleiche leise zum Fenster und ziehe den Vorhang auf.

Dämmerung.

Rote Streifen sind am Himmel zu sehen, rosafarbene Wolkenflecken, durch die das Licht auf Gras und feuchtes Laub fällt. Die Welt ist in Orange, Gold, Rot und alle Schattierungen dazwischen getaucht.

Es ist wunderschön.

Mein Krankenhauszimmer zeigte nach Westen. Sonnenuntergänge habe ich häufig gesehen, zwar meist verstellt von Gebäuden, aber noch nie einen Sonnenaufgang.

Der leise Gesang wird lauter, als andere Vögel mit einfallen. Ich mache das Fenster weit auf, lehne mich hinaus und atme. Die Luft ist frisch, ohne eine Spur von Metall oder Desinfektionsgeruch. Ich sehe nichts als das feuchte Grün des Gartens unter mir und die Felder jenseits davon, die im frühen Licht schimmern.

Und irgendwie weiß ich es: Ich gehörte nie in die Stadt. Ich war – bin – ein Mädchen vom Land. Ich weiß es so sicher, wie ich atme, dass dieser Ort viel mehr wie ein Zuhause ist.

Nicht wie ein Zuhause, es ist zuhause: gestern, heute, und wie viele Tage noch kommen, weiß ich nicht.

Aber es war schon so, bevor ich die geworden bin, die ich jetzt bin. Dr. Lysander sagt, dass ich Dinge aus meinem Unterbewusstsein ziehe und es keinen Weg gibt, um herauszufinden, ob sie wahr sind oder nicht. Ich versuche lediglich, dem Unbekannten eine Bedeutung zu geben, um es zu ordnen, genau wie ich Diagramme und Karten zeichne. Und Gesichter.

Unter mir zieht mich das schimmernde Gras wie magisch an. Das Laub mit seinen Mustern voller Farben, und besonders die verblühenden Blumen entlang des Hauses. Alle wollen eingefangen und geordnet werden, wollen Striche auf dem Papier werden. Ich ziehe das Fenster wieder leise zu und gehe durchs Zimmer. Amy liegt still in ihrem Bett, ihr Brustkorb bewegt sich immer noch sanft und gleichmäßig.

Zwei grüne Augen betrachten mich vom Ende meines Bettes. »Miau!«

»Schhh. Weck Amy nicht auf«, flüstere ich und streiche mit der Hand über Sebastians Fell. Er streckt sich und gähnt.

Wo sind meine Zeichensachen? Amy hat gestern Nachmittag meine Tasche ausgepackt, denn ich war zu wirr im Kopf, um mich darum zu kümmern, mit all den neuen Dingen und Menschen um mich herum, die meine ganze Aufmerksamkeit erforderten.

Ich öffne eine Schublade, dann eine andere – vorsichtig und leise, bis ich sie finde: meine Mappe mit Zeichnungen, meinen Skizzenblock und meine Stifte.

Ich nehme alles heraus und entdecke darunter die Schokolade, die ich gestern Morgen von den Schwestern meiner Station als Abschiedsgeschenk bekommen habe. Gestern erst, bemerke ich überrascht. Meine Zeit in der Klinik scheint viel länger her zu sein, als gehörte sie bereits zu meiner Vergangenheit.

Ich werfe einen Blick auf mein Levo und sehe, dass ich bei 6,1 bin. Überhaupt nicht niedrig. Ich brauche keine Schokolade. Aber wer braucht schon eine Entschuldigung für Süßigkeiten? Also öffne ich die Verpackung.

»Interessante Frühstückswahl.« Amy setzt sich auf und gähnt. »Bist du Frühaufsteherin?«

Ich sehe sie verständnislos an.

»Wachst du immer so früh auf?«

Ich denke nach. »Ich glaube, schon«, sage ich schließlich. »Aber das könnte auch daran liegen, dass man im Krankenhaus gar keine andere Wahl hat.«

»Oh, ich erinnere mich. Die grauenhaften Wecker. Frühstück vor sechs.« Sie schaudert.

»Möchtest du?« Ich halte ihr die Packung Schokolade hin.

»Verlockend, aber nein danke. Vielleicht später, wenn ich wacher bin. Was ist das?« Sie zeigt auf die Mappe in meiner anderen Hand.

»Meine Zeichnungen.«

»Darf ich sie mir anschauen?«

Ich zögere. Ich zeige sie fast nie jemandem, obwohl Dr. Lysander darauf bestanden hat, sie ab und an durchzusehen.

»Du musst sie mir nicht geben, wenn du nicht willst.«

Ich setze mich neben Amy, öffne die Mappe und nehme die Blätter heraus. Amy stößt einen kleinen Schrei aus, als ihr Blick auf das oberste Bild fällt. Ein Selbstporträt. Die eine Gesichtshälfte könnte mein Spiegelbild sein, doch bei der anderen fehlt die Haut und der Augapfel hängt aus einer leeren Höhle.

»Darf ich?« Amy streckt die Hand aus und ich reiche ihr die Zeichnung.

Irgendetwas stimmt nicht. Mein Selbstporträt lag gestern nicht oben auf. Ich beginne, durch die Seiten zu blättern.

»Du bist wahnsinnig gut, das ist wirklich super.«

Es sind nicht genug Seiten, der Blätterstapel ist nicht so dick, wie er sein sollte. Wo sind meine Zeichnungen?

»Was ist los?«

»Einige meiner Bilder fehlen.«

»Bist du dir sicher?«

Ich nicke. Ich blättere die Mappe noch einmal langsamer durch.

Die Bilder von mir, von meinem Zimmer, von Leuten und Orten, die ich mir ausgedacht habe, sind da. Aber viele andere nicht.

»Ich bin mir ganz sicher. Fast die Hälfte fehlt.«

»Was war denn darauf zu sehen?«

»Alles Mögliche. Schwestern. Mein Stockwerk im Krankenhaus, Karten von verschiedenen Klinikabschnitten und Räumen. Dr. Lysander. Und …«

»Hast du Dr. Lysander gesagt?« Amy reißt die Augen auf.

Ich nicke und blättere weiter durch die Seiten, überzeugt davon, dass ich sie finden werde, wenn ich nur lang genug suche.

»Die Dr. Lysander? Kennst du sie wirklich?«

Ich höre auf zu blättern. Sie sind nicht da. Verschwunden.

Bzzzz. Eine Warnung an meinem Handgelenk: 4,3 und fallend.

Amy legt einen Arm um meine Schultern. Ich zittere, aber nicht vor Kälte. Wer kann so etwas tun? Mir die einzigen Dinge nehmen, die mir gehören.

»Du kannst doch einfach neue Bilder malen, oder nicht?« 3,9 – fallend.

»Kyla! Sieh mich an.« Amy schüttelt mich. »Sieh her«, wiederholt sie.

Ich löse meinen Blick von meinem Selbstporträt und dem toten Auge in seiner leeren Höhle und schaue zu Amy. Sorge und Angst um mich spiegeln sich in ihren Augen, obwohl sie mich kaum kennt.

3,4 …

»Kyla, du kannst mich zeichnen. Jetzt sofort.«

Sie zieht den Skizzenblock hervor und legt mir einen Stift in die Hand.

Ich zeichne.

image


»Darf ich es sehen?« Amy reckt ihren Kopf vor, aber ich drehe meine Skizze weg.

»Noch nicht. Halt still oder ich bekomme es nicht fertig.«

»Jawohl, Madame …«

»Es dauert nicht mehr lang.« Ich schaue wieder zu Amy und dann auf meine Zeichnung, um ein paar letzte Striche zu machen.

Amy lächelt. »Was sagt dein Levo?«

Ich wende mein Handgelenk. »5,2, stabil.«

Die Tür geht auf, aber ich sehe nicht hoch.

»Seid ihr Mädels bereit fürs Frühstück?«, fragt Mum.

»Fast.« Ich schaue noch einmal zu Amy, dann auf die Skizze in meinen Händen. Ein letzter Strich. »Fertig«, sage ich.

»Lass mich sehen!« Amy springt auf und Mum kommt zu uns herüber.

»Das ist sehr gut!«, ruft Amy.

Mums Mund formt ein rundes O der Überraschung. »Das ist Amy! Du hast sie genau getroffen, einfach so. Ich möchte das Bild gerne rahmen lassen und an die Wand hängen. Darf ich?«

Ich lächle. »Ja klar.«

Zum Frühstück gibt es Pfannkuchen. Mit Butter, die darauf schmilzt, und Sirup oder Himbeermarmelade. Ich probiere beides zusammen: sehr lecker.

»Aber glaub mal nicht, dass du jeden Tag so schlemmen kannst«, sagt Mum zu mir. Meine Skizze von Amy hängt mit einem Magnet am Kühlschrank, statt in einem Rahmen an der Wand, und Mums Worte sind wieder spitz wie eh und je.

»Amy, du hast noch 20 Minuten, bis der Bus kommt, und du bist noch nicht halbwegs fertig.«

»Kann ich heute nicht mit Kyla zu Hause bleiben?«

»Nein, auf gar keinen Fall.«

»Wo ist Dad?«, frage ich.

»Auf der Arbeit natürlich. Wo ich auch sein sollte. Aber ich habe mir freigenommen, um mich um dich zu kümmern.«

Ich zähle kurz zwei und zwei zusammen: Amy geht zur Schule, Dad ist auf der Arbeit. Mum und ich sind also den ganzen Tag zusammen hier.

»Wann kann ich mit der Schule anfangen? Heute schon?«

»Nein.«

Amy erklärt es mir. »Du musst erst von deiner Betreuerin vor Ort beurteilt werden. Sie entscheidet, ob du bereit bist. Dann prüft dich die Schule, um herauszufinden, in welchen Jahrgang sie dich stecken können. Aber sie haben schon mal ein paar Bücher geschickt, die du lesen sollst.«

»Oh.«

»Die Betreuerin kommt heute Nachmittag vorbei, um dich kennenzulernen«, sagt Mum.

Ich schwöre mir, mich so friedlich und angepasst wie möglich zu geben.

Amy rennt aufgeregt nach oben, um ihre Schulbücher und ihre Schuluniform zu suchen. Sie ist in der letzten Klasse vor dem Abitur. Mit 19 hätte sie fertig sein sollen, um eine Ausbildung als Krankenschwester zu beginnen. Aber sie hat ein zusätzliches Jahr gebraucht, um den verpassten Stoff aufzuholen. Sie war 14, als sie geslated wurde. Ich bin jetzt 16. Wie viele zusätzliche Jahre werde ich brauchen?

»Du kannst den Abwasch machen«, sagt Mum.

»Was soll ich denn abwaschen?«

Sie verdreht die Augen.

»Das Geschirr.«

Ich stehe auf und schaue verwirrt auf unsere Teller und Tassen.

Sie seufzt. »Nimm das schmutzige Geschirr vom Tisch und stell es hier hin.« Sie zeigt auf die Arbeitsplatte neben der Spüle.

Ich trage einen Teller rüber und gehe zurück, um den nächsten zu holen.

»Nein! So brauchst du ja ewig. Stapel sie aufeinander. So.«

Sie legt die Teller aufeinander, zieht die Messer und Gabeln raus, legt sie auf den obersten Teller und stellt dann alles auf die Arbeitsfläche.

»Lass Wasser in das Becken. Und gib Spülmittel dazu, aber nur ein wenig.« Sie drückt ein paar Tropfen aus der Flasche in das dampfende Wasser.

Seifenblasen!

»Schrubb alles mit diesem Schwamm.« Sie fährt mit dem Schwamm über einen Teller. »Spül die Teller dann kurz unter dem Hahn ab und stell sie ins Abtropfsieb, so. Und beim nächsten machst du es genauso. Verstanden?«

»Ich glaube, schon.«

Ich stecke meine Hände in das heiße Wasser.

Das ist also der Abwasch.

Vorsichtig säubere ich einen Teller von den klebrigen Resten der Pfannkuchen mit Sirup, spüle ihn mit klarem Wasser ab und stelle ihn ins Abtropfsieb.

»Komm mal in die Gänge, sonst stehst du den ganzen Tag hier.«

Ich höre auf und drehe mich um.

»In was soll ich kommen?

»In die Gänge. Das bedeutet: Mach schneller.«

Teller, dann Tassen. Es ist gar nicht so schwer. Ich werde schneller, und Mum beginnt, alles mit einem Handtuch abzutrocknen. Amy stürmt die Treppe herunter, als ich gerade das Besteck abspüle.

Ich keuche auf und schaue nach unten: Eine dünne rote Linie läuft über das Messer, das ich in meiner rechten Hand halte.

Amy kommt angerannt. »Oh nein, Kyla!«

Mum dreht sich zu mir und schnalzt genervt mit der Zunge. Sie schnappt sich ein Stück Küchenpapier.

»Drück das darauf und blute mir nicht alles voll.«

Ich mache, was sie mir sagt. Amy reibt mir den Rücken und sieht auf mein Levo: 5,1.

»Tut es nicht weh?«, fragt sie.

Ich zucke mit den Schultern. »Ein bisschen«, antworte ich, und das ist die Wahrheit, aber ich ignoriere die stechende Hitze, die durch meine Hand pulsiert, und starre fasziniert auf meinen Finger. Helles Rot breitet sich in dem Küchenpapier aus, wird dann weniger und versiegt schließlich ganz.

»Nur ein Kratzer«, sagt Mum und zieht das Papier ab, um sich den Finger anzusehen. »Das kann sich die Betreuerin später anschauen. Es geht ihr gut, Amy. Lauf jetzt los, sonst verpasst du deinen Bus.«

Mum klebt gerade ein Pflaster auf meine Hand, als Amy zur Tür raussprintet.

Mum lächelt.

»Ich hab vergessen, das dazuzusagen, Kyla. Messer sind scharf. Fass sie nicht am spitzen Ende an.«

So vieles, an das man denken muss.

Später entfernt meine Betreuerin Penny das Pflaster von meinem Finger, um sich die Wunde anzusehen.

»Ich glaube, das muss nicht genäht werden«, sagt sie. »Ich desinfiziere es nur. Das könnte ein bisschen brennen, erschreck dich nicht.«

Sie sprüht gelbes Zeug auf den Schnitt, das höllisch brennt und mir Tränen in die Augen treibt, und verbindet meinen Finger dann wieder.

»Es war seltsam«, sagt Mum. »Als sie sich geschnitten hat, stand sie einfach nur da und sah dem Blut dabei zu, wie es an ihrer Hand hinablief. Keine Tränen, keine Reaktion.«

»Na ja, sie hat sich wahrscheinlich noch nie zuvor geschnitten und noch nie wirklich Blut gesehen.«

Das mag ich ja besonders, wenn Leute über mich sprechen, als wäre ich gar nicht da.

»Ihr Wert ist nicht einmal gesunken. Und …«

»Entschuldigung.« Ich lächle mein angepasstestes Lächeln. Beide blicken erschrocken auf, als wäre ich ein Geist, der sich in diesem Augenblick vor ihnen materialisiert hat. »Wann kann ich denn zur Schule gehen?«

»Darüber musst du dir jetzt noch keine Gedanken machen, Liebes«, sagt Penny. Aber schau dir doch schon mal die Bücher an, die sie dir geschickt haben.« Sie wendet sich wieder Mum zu. »Wir müssen daran denken, sie auf potenzielle Gefahren wie Messer aufmerksam zu machen. Sie sieht vielleicht nicht so aus, aber auf gewisse Weise ist sie fast noch ein kleines Kind, und …«

»Entschuldigung.« Ich lächle wieder.

Penny dreht sich um.

»Ja, Liebes?«

»Die Bücher, die die Schule geschickt hat – ich habe sie mir heute Vormittag angesehen. Sie sind zu einfach, das ist alles Stoff, den ich schon aus der Krankenhausschule kenne.«

»Bist wohl ein kleines Genie, wie?« Mums Blick sagt, dass ich in ihren Augen eher das genaue Gegenteil bin.

Penny zieht ein Netbook aus ihrer Tasche. Sie runzelt die Stirn und tippt seitlich an den Bildschirm, streicht dann darüber und sucht nach Ordnern.

»Also eigentlich hängt sie gar nicht so weit zurück. Sie ist für ihren Jahrgang als geeignet eingestuft worden, ehe sie das Krankenhaus verlassen hat. Das ist äußerst ungewöhnlich – die meisten hinken Jahre hinterher. Ich sage der Schule, dass sie noch mehr Material schicken sollen. Oder vielleicht sind ja noch alte Schulbücher von Amy da? Wir müssen uns überlegen, welche Fächer du belegen willst.«

Sie schließt ihr Netbook und wendet sich wieder Mum zu.

»Wo war ich stehen geblieben? Ah ja. Es gibt im Krankenhaus keine spitzen Gegenstände oder Gefahrenquellen. Also muss man in der neuen Umgebung auf alles hinweisen. Wie sie die Straße überqueren muss, und …«

»Entschuldigung.« Selbst für mich fühlt sich mein Lächeln mittlerweile aufgesetzt an. Unpassend.

»Was ist denn jetzt wieder?«, fragt Mum.

»Ich weiß schon, welches Fach ich belegen möchte.«

Penny zieht eine Augenbraue hoch. »Oh, ist das so? Welches denn?«

»Kunst.«

Sie lächelt. »Nun, du wirst aber auch ein paar praktischere Fächer wählen müssen. Und sie werden dich erst testen, um dich für Kunst zuzulassen.«

Mum zeigt auf den Kühlschrank. »Das hat sie heute Morgen gemalt. Ein Porträt von Amy.«

Penny steht auf und sieht sich die Zeichnung an. Ihre Augen werden groß. »Nun. Mit diesem Talent nehmen sie dich sicherlich, Liebes.«

Sie wendet sich wieder Mum zu.

»Sie haben die Sache mit Amy so wunderbar hinbekommen, sie ist eine wahre Freude. Ich bin mir sicher, Kyla wird sich mit der Zeit Ihrer Familie anpassen.«

Ich verschränke die Arme. Kyla wird sich anpassen. Und was ist mit allen anderen?

»Sie hatte letzte Nacht einen Albtraum«, berichtet Mum. »Hat das ganze Haus zusammengeschrien.«

Penny klappt wieder ihr Netbook auf. Mich zu fragen, wäre vielleicht auch mal eine Idee: Ich bin schließlich diejenige, die alles darüber weiß.

»Ja, ich fürchte, das ist schon häufiger passiert. Es ist zweifellos der Grund, warum man sie so lange im Krankenhaus behalten hat. Neun Monate anstatt der üblichen sechs. Wir werden zusehen, dass wir das in der Gruppe in den Griff bekommen. Im Krankenhaus haben sie es schon mit den üblichen Medikamenten versucht, aber die haben es wohl nur verschlimmert. Außerdem …«

»Entschuldigung. Könnten Sie mit mir sprechen anstatt über mich?«

Das Lächeln rutscht von Pennys Gesicht.

»Da sehen Sie, womit ich mich rumschlagen muss«, sagt Mum und seufzt.

»Zum Teil kleines Kind, zum Teil pampiger Teenager«, sagt Penny. »Und jetzt, Kyla, Liebes, möchte ich mich allein mit deiner Mum unterhalten. Warum gehst du nicht kurz nach oben?«

Ich schmeiße die Tür laut ins Schloss und werfe mich aufs Bett. Keine Spur von Sebastian und es dauert noch zwei lange Stunden, ehe Amy heimkommt.

Meine Mappe mit den Zeichnungen liegt auf dem Kosmetiktisch. Ich greife nach dem Skizzenblock.

Jetzt, da der erste Schock vorüber ist, interessieren mich die fehlenden Bilder nicht mehr. Wenn ich die Augen schließe, sind sie alle in meinem Kopf. Jedes kleine Detail. Ich zeichne sie einfach noch einmal.

Ich nehme meinen Bleistift zwischen Daumen und Zeigefinger – genau dort, wo ich mich an der rechten Hand geschnitten habe, mit der ich zeichne. So wird es nicht funktionieren. Es ist Zeit für ein Experiment: Bleistift in die linke Hand. Zuerst fühlt es sich seltsam an, irgendwie falsch. Ich mache ein paar kurze Skizzen, und die Hand entspannt sich, aber ich kann das Gefühl, dass etwas daran falsch ist, nicht abschütteln. Fast als ob ich Angst hätte, dass irgendetwas passieren wird, wenn ich weitermache.

Aber ich kann nicht aufhören.

Eine neue Seite: wen zuerst?

Dr. Lysander. Bei ihr hängt alles an den Augen, wenn man sie richtig hinbekommen will. Aber ihre Augen sind knifflig, meistens abgeschirmt und kühl, aber hin und wieder lugt kurz ihr wahres Ich aus ihnen hervor. Doch wenn das passiert, scheint sie das selbst mehr zu überraschen als mich.

Erst beginne ich zögerlich, wegen der ungewohnten Hand. Linien, Schattierungen, alles. Ich werde schnell sicherer und mein Selbstvertrauen wächst. Nach und nach sieht Dr. Lysander unter meinem Bleistift zu mir herauf. Die Haare auf meinen Armen stellen sich auf.

Seltsam.

Ich zeichne viel besser mit der linken Hand.