Das 9. Kapitel,

in dem ich meine Ohren total auf Durchzug stelle

Wir stehen noch eine ganze Weile im Kellerflur herum und glotzen. Und wundern uns. Gismo ist auf meinem Arm eingepennt.

„Du“, sagt mein bester Freund plötzlich, „ich würde dich niemals im Stich lassen. Aber, Ricky, ich muss mal. Und zwar megadringend. Und außerdem, meine Mama macht sich bestimmt Sorgen. Womöglich sind wir schon eeewig laaange hier unten …?!“

Ich nicke. Hab schon verstanden. Chrissy will nicht mehr. Aber ich nehme es ihm nicht krumm. Null! Mir hat der komische Glatzenmann auch einen Schreck eingejagt.

Und außerdem sagt Mary immer: Wenn’s gut ist, dann ist es gut!

„Okay.“ Ich nicke. „Lass uns hochgehen. Nicht dass dieser durchgeknallte, haarlose Peruaner es sich anders überlegt und wieder zurückkommt.“

Chrissy grinst. „Der haarlose Peruaner, jepp, das ist gut.“

Wutz öffnet uns die Tür. Um die Hüften trägt er nur ein buntes Badehandtuch. Seine feuchten Haare stehen ihm in allen Himmelsrichtungen vom Kopf ab.

„Hey, wo kommt ihr denn her? Ich dachte, ihr schlaft noch!“

„Wie bitte?“, krächze ich.

Haben die uns etwa noch gar nicht vermisst?

„Wie spät ist es denn!“, will ich wissen.

„Noch früh. Keine sieben Uhr“, meint Wutz.

„Echt? Ich dachte, es ist schon viel später.“

Wutz mustert uns komisch. „Jetzt sagt mal, warum seid ihr so früh unterwegs? Da stimmt doch was nicht!“

Genau! Hier stimmt sogar total viel nicht. Wir wollen Gismo retten und die kriegen es nicht mal mit. Stattdessen schleicht ein haarloser Peruaner im Keller herum und motzt uns an.

„Eigentlich wollten wir nie wieder zurückkommen“, knurre ich.

„Ups“, grinst Wutz. Mann, der nimmt mich mal wieder kein bisschen ernst!

Doch plötzlich kriegt er Augen wie Tennisbälle und juchzt: „Gismo! Ihr habt meinen kleinen Kater gefunden! Mann, bin ich froh!“ Gleich darauf streckt er seine feuchten Griffel nach dem Kater aus und drückt das Knäuel an sich.

„Hey, Kleiner, ich hab mir echt Sorgen um dich gemacht“, quasselt er in Gismos Fell.

Hallo? Sorgen gemacht? Ich hör ja wohl nicht richtig! Loswerden wollte er ihn! Wegen seines dummen Billardtischs! Voll fies!

„Was ist denn hier los?“ Pa kommt plötzlich aus seinem Zimmer getrabt. Als er Gismo sieht, taucht gleich wieder so eine dicke Gefällt-mir-nicht-Falte auf seiner Stirn auf.

Obwohl Pa noch kein Wort gesagt hat, fängt es an, in mir zu brodeln. Und zwar mächtig!

„Nur damit ihr es wisst, Chrissy und ich wollten für immer mit Gismo wegbleiben. Wir sind nämlich nicht so fies wie ihr!“

Eigentlich will ich den beiden noch viel mehr an den Kopf knallen. Aber meine Unterlippe zuckt so komisch.

Wie mit Düsenantrieb sause ich in mein Zimmer. Dort knalle ich die Tür so krachend hinter mir zu, dass die Fensterscheibe leicht klirrt. Ich hüpfe in mein Bett und ziehe mir die Decke über den Kopf.

Fast hätte ich vor denen angefangen zu heulen. Um ein Haar ...

Vor meiner Zimmertür höre ich Stimmen. Keine Ahnung, wie lange. Ich habe jegliches Zeitgefühl verloren.

Auf jeden Fall zoffen die sich echt gewaltig. Pa ist noch immer gegen Gismo, das höre ich aus dem Gemotze heraus. Wutz will den kleinen Pupskater behalten.

Irgendwann knallt eine Tür. Danach ist erst mal Ruhe.

Ich werde wach, als es klopft. Ich rufe aber nicht Herein. Ich will keinen von denen sehen! Trotzdem tritt Pa ein.

„Können wir reden?“, fragt er und lächelt unsicher.

„Nö!“, knurre ich.

Aber Pa hat mal wieder Watte in den Ohren. Er setzt sich einfach auf meine Bettkante und säuselt: „Ich soll dich von Chrissy grüßen. Er musste nach Hause.“

Ich zucke mit den Schultern.

„Aber vorher hat er uns noch erzählt, was ihr unten im Keller gemacht habt.“

Ich presse die Lippen fest zusammen.

Soll er sich doch aufregen. Von mir aus kann er meckern und motzen und mir stundenlang Vorträge halten. Ich hab’s für Gismo getan und würde es immer wieder tun. Hundertpro!

„Auch davon, dass ihr Señor Ribeyro, ähm, kennengelernt habt.“

Wie er das kennengelernt betont. Voll komisch. Als ob wir fieses Muffensausen vor dem haarlosen Peruaner gehabt hätten.

Das stimmt natürlich kein bisschen. Naaa gut, vielleicht ein winzig kleines bisschen …

„Der hat ’nen Knall“, murmele ich.

Pa holt tief Luft. „Du weißt doch, Ricky, dass ich es nicht mag, wenn du so frech redest.“ Hä? Ich und frech? Der haarlose Peruaner war frech! Nicht ich!, möchte ich am liebsten schreien. Aber meine Lippen kleben zusammen wie zwei Tesafilmstreifen.

„Na gut, Ricky, wenn das jetzt geklärt wäre, sollten wir uns über den kleinen Kater unterhalten.“

Plötzlich grinst er ganz scheinheilig. Und dann streckt er auch noch die Hand nach mir aus.

Doch ich rolle mich blitzschnell auf die andere Bettseite und starre ihn finster an.

„Der Kater heißt Gismo!“, schreie ich los. „Aber nicht mehr lange. Er muss nämlich wieder zurück in die Mülltonne. Dann heißt er wieder Wegwerfkater. Und das ist voll fies von euch!“

Pa legt die Stirn in Falten. Schüttelt den Kopf. Legt die Stirn noch mehr in Falten und sagt schließlich etwas, das ich nicht verstehe. Denn ich habe meine Ohren längst auf Durchzug gestellt.

„Na toll“, rege ich mich auf. „Nur weil du keine Katzen magst, muss der arme Gismo …“

Weiter komme ich nicht. Die Tür wird schwungvoll geöffnet. Im nächsten Moment traben Mary und Wutz in mein Zimmer. Wutz strahlt wie irre.

Auf seinem Arm thront Gismo.

Wenn mich nicht alles täuscht, dann hat er mir gerade zugezwinkert.

„Na, Ricky“, trällert meine Oma Mary vergnügt, „freust du dich?“

„Öhm …?“

„Respekt, Ricky!“ Wutz nickt anerkennend.

„Wie du dich für Gismo eingesetzt hast!“ Ich starre von einem zum anderen. Und kapiere gar nichts mehr.

Pa legt mir die Hand auf die Schulter. Diesmal lasse ich es zu. Aber nur, weil ich so baff bin.

„Wir können uns ja ein paar Bücher über Katzenerziehung kaufen, hat Mary vorgeschlagen“, sagt er. „Dann lässt Gismo vielleicht zukünftig die Tapete und den Billardtisch in Ruhe.“

„Wie-wie-wie jetzt“, stammele ich. „Ich meine, was soll das heißen?“

„Dass Gismo bleiben darf!“, rufen die drei im Chor.

„Echt?“

Pa nickt wie ein Wackeldackel. „Das habe ich dir doch gerade schon gesagt. Hast du nicht zugehört?“

Ich kann nur mit dem Kopf schütteln.

Nun will Pa aber unbedingt noch ein paar Regeln festlegen. Der mal wieder.

Also holt er ein großes Blatt aus seinem Zimmer, hockt sich damit an meinen Schreibtisch und kritzelt los:

DIE WG-GEBOTE!

*

Wir legen unsere Socken nur paarweise in die Waschmaschine!

*

Wir verschließen nach Gebrauch die Zahnpastatube wieder!

*

Wir ziehen die Schuhe immer vor der Tür aus!

*

Wir erlauben Gismo nicht, in Rickys oder Philipps Bett zu schlafen!

*

Wir pinkeln nicht im Stehen!

*

Wir fahren nicht ohne Helm Inliner oder Rad!

*

Wir machen uns nicht über Señor Ribeyro lustig!

*

Wir trennen den Müll!

Dann jagt Pa das Blatt durch unseren Kopierer und pappt ein Exemplar innen an die Klotür und das andere außen an den Kühlschrank.

„Dort kann keiner die WG-Gebote übersehen“, meint er. „Und wer sich nicht dran hält, der putzt das Katzenklo.“

„Abgemacht!“, rufe ich.

„Bin dabei!“, stimmt auch Wutz zu.

Pa lacht zufrieden. Und dann tätschelt er dem kleinen Pupskater sogar den Kopf!

Tja … Hätte ich gewusst, zu was Gismos Katzenkrallen fähig sind, hätte ich womöglich nicht wie ein Honigkuchenpferd gegrinst.

Aber das, Leute, erzähle ich euch beim nächsten Mal!