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eBook-ISBN 978-3-649-66932-5

© 2015 Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG, Hafenweg 30, 48155 Münster

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise

Text: Fabian Lenk

Illustrationen: Tobias Goldschalt

Umschlaggestaltung: Guido Lehmköster unter Verwendung von Motiven von

©shutterstock/lakov Kalinin, ©shutterstock/Picsfie,

©shutterstock/Catmando sowie Illustrationen von Thea Roß

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Das Buch erscheint unter der ISBN: 978-3-649-66912-8

COPPENRATH

Gibt es einen schöneren Ort als das Hexenrosental? „Garantiert nicht!", findet das Hexenmädchen Flora Flitzebesen, die schnellste Besenfliegerin weit und breit. Eines Tages beobachtet Flora jedoch etwas, das ihr ganz und gar nicht gefällt. Der ehrgeizige Hexer Turdus Merula geht schlecht mit den magischen Tieren um, zu deren Pflege er vom Hexenrat beauftragt wurde. Als sich die sprechende Spinne Linne zu Flora flüchtet, schmiedet diese mit ihren Freunden einen waghalsigen Plan: Sie werden die magischen Tiere befreien und draußen im Hexenwald verstecken!

Gefährliches Spiel

„Nein, jetzt nicht, diesmal will ich das Level unbedingt schaffen!“, wehrte Raffael den kleinen Saurier ab. Der neunjährige Junge saß mit seiner 3-D-Spezialbrille vor dem Bildschirm. Er kämpfte sich gerade durch ein Computerspiel. Und zwar als Krieger in einer goldenen Rüstung.

Doch der Zwergsaurier ließ nicht locker und zwickte Raffael in die Seite.

„Compsi, hör auf!“, rief dieser und versuchte, sich wieder auf das Spiel zu konzentrieren.

Der goldene Krieger stand auf einem winzigen Felsvorsprung und wurde von riesigen Vögeln angegriffen. Jetzt presste er sich dicht an die Felswand und zog sein Laserschwert mit dem glänzenden Griff aus Perlmutt.

Compsi zupfte aufgeregt an Raffaels Kapuzenjacke.

„Bitte“, seufzte der Junge, „lass mich in Ruhe!“

Einer der Vögel schoss auf den Krieger zu. Der Angreifer war schwarz wie eine mondlose Nacht, sein Schnabel lang wie eine Lanze und so spitz wie ein Dolch. Der Krieger wehrte den Hieb mit seinem Schwert ab. Doch das Biest attackierte ihn erneut. Diesmal zielte sein Schnabel auf das Knie des Kriegers. Steine lösten sich unter dessen Füßen, als er blitzschnell auswich und sich auf den nächsten Vorsprung an der Felswand zog.

Compsi fand das Spiel offenbar ziemlich blöd. Immer wieder stupste er Raffael mit der Nase an. Prompt verlor der Krieger den Halt. Er kippte nach hinten und stürzte in die bodenlose Tiefe, begleitet vom höhnischen Geschnatter der Ungeheuer.

„Na großartig“, stöhnte Raffael. „Wieder ein Leben weniger!“ Er setzte die Brille ab und strich sich die Haare glatt. Schuld an der Niederlage war natürlich nur der kleine Saurier, aber Raffael konnte ihm einfach nicht böse sein. Vor einem halben Jahr hatte er ihn gefunden. Hilflos fiepend hatte er in einem Schlammloch festgesteckt und wäre dort vermutlich nie aus eigener Kraft herausgekommen. Doch Raffael hatte ihn befreit und ihm etwas zu fressen gegeben. Er hatte geglaubt, dass der Kleine danach im Dschungel verschwinden würde – aber weit gefehlt. Sichtlich begeistert von der Futterspende, war Compsi nicht mehr von Raffaels Seite gewichen. Inzwischen lebte er mit im Haus, was Raffaels Eltern nicht besonders lustig fanden, weil ihr neuer Mitbewohner alle Erziehungsversuche ignorierte.

Compsi kuschelte sich an Raffael und klapperte mit seinen rasiermesserscharfen Zähnen.

„Hast du mal wieder Hunger?“, fragte Raffael.

Der Compsognathus, was so viel wie „eleganter Kiefer“ bedeutete, hatte eigentlich ständig Kohldampf. Er verputzte Unmengen, dabei wog er nur vier Kilo und maß von der Nase bis zur Schwanzspitze gerade mal ein Meter zwanzig. Raffael verließ die Liege, die hoch oben auf einem Podest mitten in seinem Zimmer stand. Dieses Zimmer war ein großer frei stehender Würfel und lag auf dem Dach des Hauses seiner Eltern, die heute Abend ausgegangen waren.

Alle Wände in Raffaels Raum bestanden aus Glas. Wenn die Sonne schien, konnten sie mit feinen Folien verdunkelt werden. Aber jetzt erlaubten die Glasscheiben einen fantastischen Blick auf die Sterne, die am Himmel über Dino Terra funkelten.

Dino Terra – ein Planet, etwa so groß wie die Erde, von der Dino Terra rund tausend Lichtjahre entfernt war. Erst 2040, also vor zehn Jahren, war er entdeckt worden und daher noch kaum erforscht. Es herrschten ähnliche Klimaverhältnisse wie auf der Erde und es gab Berge, Meere, Dschungel und Wüsten. Doch auf Dino Terra schien die Zeit stehen geblieben zu sein, denn hier lebten Dinosaurier wie vor über hundert Millionen Jahren. Der Planet gehörte dem gefährlichen T-Rex, dem bulligen Styracosaurus, den farbenprächtigen Papageien- und den wuchtigen Dickschädelechsen, den Pachycephalosauriern. Raffael kannte die meisten der komplizierten Namen der Urzeittiere, denn sie faszinierten ihn schon eine ganze Weile. Und als seine Eltern, der Zoologe Jason Jork und die Tierärztin Hera Jork, beschlossen hatten, auf Dino Terra zu leben und dort einen großen Dinosaurierpark zu bauen, war er sofort Feuer und Flamme gewesen. So waren sie nach Pax umgesiedelt, die einzige Stadt auf Dino Terra. Die Jorks hatten sich in die Arbeit gestürzt und den gigantischen Park bauen lassen, der direkt an Pax grenzte. Rund tausend Tiere waren inzwischen in speziellen Gehegen untergebracht worden

Der Dino-Park sollte in drei Tagen eröffnet werden. Hunderte von Touristen wurden deshalb in der Stadt erwartet. Denn mit Raketen, die bis zu fünfhundert Pas sagieren Platz boten, konnte man Dino Terra von der Erde aus gut erreichen.

Raffael fieberte der Eröffnung des Parks ebenso entgegen wie seine Eltern, seine zwei Jahre ältere Schwester Elena und sein bester Kumpel, der zwölfjährige Laurin. Raffael wollte gerade sein Zimmer verlassen, um Futter für Compsi aus der Küche zu holen, als er merkte, dass mit dem Saurier etwas nicht stimmte. Quietschend und fiepend wuselte er um Raffael herum. Seine großen gelben Augen huschten unruhig hin und her. Irritiert schaute der Junge Compsi an. Warum war er so hektisch? So benahm er sich doch sonst nicht, wenn er Hunger hatte ...

Da hörte Raffael ein furchterregendes Geräusch, das ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Dieses entsetzliche Gebrüll musste aus dem Dino-Park kommen. Und es konnte nur von einem ganz bestimmten Tier stammen.

T-Rex, König der Echsen. Lang wie ein Bus. Schwer wie ein Elefant. Ein Gebiss wie ein Krokodil. Die dolchförmigen Reißzähne fast so breit wie lang. Ein schlauer Jäger, schnell und angriffslustig. T-Rex, Herr des Schreckens. Unbesiegbar und gefürchtet.

Raffael wusste, dass es bei einem der im Park gehaltenen Tyrannosaurier bald Nachwuchs geben sollte. Das Schlüpfen stand unmittelbar bevor und würde eine der Attraktionen in der Eröffnungswoche werden. Die Besucher sollten die kleinen Saurier beim Aufwachsen beobachten können.

War der T-Rex so nervös, weil seine Jungen ihre Eier bald verlassen würden?

Wieder dieses grauenhafte Brüllen.

Raffael starrte in die Nacht hinaus, während Compsi um ihn herumsprang. Er wollte der Sache auf den Grund gehen.

Doch leise Furcht beschlich ihn.

Die Vorstellung, im Dunkeln zum T-Rex-Gehege zu gehen, jagte ihm einen Schauer über den Rücken. Aber wozu hatte man Freunde?

Raffael tippte auswendig eine Nummer in die unauffällige textile Tastatur, die in den linken Ärmel seiner Kapuzenjacke eingenäht war.

Laurin meldete sich sofort. Über das hochempfindliche Mikrofon an seinem Kragen informierte Raffael seinen besten Kumpel.

„Okay, bin gleich bei dir“, tönte es aus dem winzigen Lautsprecher, der direkt neben dem Mikro befestigt war. „Meine Eltern sind heute Abend auch nicht da.“

Gut, dachte Raffael, dann fehlt eigentlich nur noch Elena. Mit dem kleinen, inzwischen unruhig knurrenden Saurier verließ er sein Zimmer.

Angriff in der Nacht

Raffael und Compsi betraten einen gläsernen Aufzug, der geräuschlos nach unten glitt. Das riesige Haus der Jorks stand auf Stahlstelzen in einem See. Raffael spähte aus der Kabine und sah den Roboboy Ion, der für die Hausarbeit zuständig war.

Ion hatte sich an die Steckdose neben der Küche angedockt und lud seine Akkus auf. Der schneeweiße Roboter mit den schwarzen Kameraaugen und der roten Kontrollleuchte am Hinterkopf war kaum größer als Raffael.

Der Aufzug fuhr ins Untergeschoss. Raffael und Compsi befanden sich nun unterhalb der Wasseroberfläche.

Die Tür öffnete sich, und die beiden betraten Elenas Zimmer, in dem jede Wand anders aussah – eine war hellgrün gestrichen, die andere orange. An der dritten, grauen Wand perlte warmes Wasser herab, das den Raum heizte. Und die vierte war wie bei Raffael komplett verglast und erlaubte den Blick auf eine schillernde Unterwasserwelt. Strahler beleuchteten bläulich schimmerndes Gestein, wiegende Gräser und einen Diplocaulus, der seine roten Augen auf Raffael gerichtet hatte.

„Elena, ich muss mit dir ...“, begann dieser.

Doch seine Schwester, die auf ihrem Wasserbett lag und Musik hörte, hob die Hand und brachte ihn damit zum Schweigen. Leicht genervt schob sie den Kopfhörer von ihren langen Haaren. „Der Song ist echt cool, stör mich nicht!“

„Es ist aber wichtig“, hob Raffael wieder an und redete nun ohne Punkt und Komma.

Elena grinste. Ihr Bruder war alles in allem ganz in Ordnung, aber manchmal auch eine ziemliche Quasselstrippe. Kein Wunder, dass er später mal Sportreporter werden wollte.

Elena hörte gar nicht genau hin, aber plötzlich wurde sie doch aufmerksam.

„Ein T-Rex brüllt? Das ist wirklich seltsam“, sagte sie und schwang sich vom Wasserbett.

Compsi hüpfte zu ihr und zupfte an ihrem Rock.

„Okay, ich komme ja schon“, sagte sie lachend. „Nachts zum T-Rex – das wird bestimmt aufregend!“

Wenig später standen die drei vor dem Haus der Jorks. Raffael und Elena hatten sich mit starken Leuchten bewaffnet.

Ganz Pax lag unter einem riesigen elektromagnetischen Schutzschild, der sich kuppelförmig über die Stadt spannte. Der Schild hielt alle Dinosaurier ab und sorgte dafür, dass die Menschen hier in Sicherheit leben konnten. Aber im Moment fühlten sich Raffael und Elena alles andere als sicher, denn aus der Ferne drang wieder ein furchterregender Schrei zu ihnen herüber.

Kurz darauf ertönte ein leises Summen und eine Flugmaschine schoss auf die Geschwister und Compsi zu. Laurin flog eine elegante Kurve und stellte die Propeller seines Solacopters senkrecht, sodass die Maschine wie ein Hubschrauber funktionierte.

Die Propeller des Copters wurden mit Solarenergie angetrieben. Es gab Modelle mit unterschiedlich starken Motoren. Die schwächste Version war auch für Jugendliche und Kinder geeignet, und genau diese langsame Ausführung besaßen Raffael, Elena und Laurin – das dachten jedenfalls ihre Eltern.

Irrtum. Denn Laurin war ein begeisterter Tüftler. Heimlich hatte er so lange an seiner Maschine herumgebastelt, bis sie unglaublich schnell war. Anschließend hatte er die Copter von Elena und Raffael aufgemotzt – auch sie gingen jetzt ab wie eine Rakete.

Beinahe geräuschlos landete Laurin nun neben seinen Freunden.

„Geht’s los?“, fragte er. In der Dunkelheit war Laurin kaum zu sehen, denn er trug wie so oft schwarze Kleidung. Mit seinem sonnenförmigen Amulett, das wie Bernstein schimmerte, und seinen verschiedenfarbigen Augen – eins war grün, das andere braun – wirkte er sehr geheimnisvoll. „Klar“, meinte Raffael locker, auch wenn er es überhaupt nicht war.

Elena und er holten ihre Copter aus dem Hangar neben dem Haus. Compsi schlüpfte in eine stabile Metallbox an Raffaels Maschine. Dann sausten sie zum angrenzenden Dino-Park, der durch eine große unterirdische Sicherheitsschleuse mit Pax verbunden war.

Natürlich war der Park nachts geschlossen, und natürlich war es den Freunden verboten, das Gelände um diese Uhrzeit ohne Absprache zu betreten.

Aber leider konnten sie ja niemanden um Erlaubnis bitten. Außerdem kannte Elena das Passwort, um die Schleuse zu öffnen. Ihre Finger huschten über das Display am Stahltor und gaben den siebenstelligen Code ein. Das Tor glitt zurück, und die drei flogen mit ihren Coptern durch den hell erleuchteten Tunnel zum eigentlichen Eingang des Parks, der wieder oberirdisch lag. Erneut gab Elena einen Code ein, und sie passierten eine der Pforten, durch die in wenigen Tagen die Parkbesucher strömen würden.

Mit klopfenden Herzen lauschten die Kinder. Das Brüllen war jetzt noch lauter.

Das Gehege mit den Tyrannenechsen befand sich ganz in der Nähe. Hoffentlich waren die Zäune stabil genug und es kreuzte nicht plötzlich eine dieser Killer-Echsen vor ihnen auf, verdammt gereizt und verdammt hungrig. Aber während die Gehege der Pflanzenfresser nur durch hohe Gitter gesichert waren, gab es bei den gefährlichen Jägern wie dem T-Rex innen noch einen zweiten Zaun, der unter Strom stand. Dieser konnte die Saurier zwar nicht verletzen,

ihnen aber eine deutliche Botschaft vermitteln: bis hierhin und nicht weiter! Es gab also keinen Grund, sich zu fürchten – eigentlich.

Raffael beschleunigte seinen Copter, dessen Scheinwerferlicht auf den Weg fiel. Nebeneinander schwebten er, Elena und Laurin durch den gewaltigen Park. Er lag unter einem zweiten Schutzschild, der dafür sorgte, dass die Tiere nicht in die Stadt kamen oder flohen. Außerdem garantierte dieser Schild, dass keine neuen Echsen von außen eindrangen.

Auch Flugsaurier gab es unter der sehr hohen, unsichtbaren Kuppel. Die tagaktiven Vögel waren extrem scheu und stellten keine Bedrohung für die Besucher dar.

Plötzlich glaubte Raffael, ein Licht aufblitzen zu sehen – rechts vom ihm, irgendwo in den Tiefen des Geheges. Er schaute genauer hin. Ja, da war ein Licht gewesen! Aber wer konnte das sein, wer schlich nachts in den Dino-Revieren herum?

„He, wartet mal!“, rief Raffael Elena und Laurin zu. Sie stoppten, und Raffael berichtete, was er gerade beobachtet hatte.

„Ich sehe nichts“, sagte Laurin.

„Das hast du dir bestimmt nur eingebildet“, meinte Elena.

„Hab ich nicht!“, regte sich Raffael auf.

Elena lachte. „Du siehst ja Gespenster. Und jetzt lasst uns weiterfliegen.“

Brummelnd gab Raffael schließlich nach. Aber er hielt die Augen offen.

Da hörte er in der Ferne ein Rauschen wie von gewaltigen Flügeln.

Was war das gewesen?

Compsi stieß einen schrillen, ängstlichen Laut aus.

„Vielleicht hat uns ein Dimorphodon entdeckt“, vermutete Laurin, der das Geräusch ebenfalls vernommen hatte.

Raffael schloss für einen Moment die Augen. Bloß nicht!, dachte er. Ein Dimorphodon war ein riesiger Vogel, der sich von anderen Tieren ernährte und als sehr angriffslustig galt. Er hatte eine Spannweite von bis zu zweieinhalb Metern, einen kräftigen keilförmigen Schnabel und spitze Zähne. Raffael hatte nicht bedacht, dass diese nachtaktiven Vögel ja auch im Park gehalten wurden.

Er beschleunigte erneut. Neben ihm ragte ein hoher Zaun auf. Wenn ihn nicht alles täuschte, waren sie jetzt bei den friedlichen Iguanodons, etwa zehn Meter großen Pflanzenfressern.

Zack!

Etwas streifte Raffaels Kopf und er schrie auf. Ein boshaftes Keckern ertönte.

Compsi wurde in seiner Metallkiste ganz wild.

Offenbar fürchtete er, als Mitternachtsimbiss im Magen des gefiederten Räubers zu enden.

Urplötzlich erfassten Raffaels Scheinwerfer einen gigantischen Flügel. Ein Dimorphodon schoss in rasender Geschwindigkeit geradewegs auf ihn zu – wie ein Geisterfahrer. Das Herz des Jungen setzte einen Schlag aus. Instinktiv zog er den Copter nach links und wich dem Vogel im letzten Moment aus.

Abermals das hässliche Keckern.

Raffael ahnte, dass der Jäger von eben Verstärkung bekommen hatte.

Unvermittelt war die Nacht voller Flügelschläge und widerlichem Krächzen. Von allen Seiten stürzten sich die Urzeitvögel auf die Freunde – wie in dem Spiel, das Raffael kurz zuvor als goldener Krieger betreten hatte. Wieder und wieder stießen sie auf die Kinder herab.

„Schnell weg!“, rief Elena. Ein spitzer Schnabel traf ihre Schulter und sie kreischte auf. Zum Glück hatte der Vogel sie nicht verletzt.

Jetzt wurde Laurin von einem der Dimorphodone angegriffen. Unaufhörlich attackierte der Vogel ihn. Ein stechender Schmerz fuhr in seinen Ellenbogen, dann lief etwas Warmes seinen Arm herunter.

Der Junge biss sich auf die Unterlippe.

„Vollgas!“, brüllte er.

Mit seinen Freunden schoss er zurück zur Schleuse und ließ das boshafte Krächzen der Vögel, die jetzt zum Glück das Interesse an den Kindern verloren hatten, und das höllische Brüllen des T-Rex rasch hinter sich.

„Du blutest ja“, sagte Raffael besorgt, sobald sie im Tunnel waren.

Laurin winkte ab. „Nicht so schlimm. Aber lasst uns lieber morgen früh weitermachen. Dann schlafen diese verrückten Vögel und wir können in aller Ruhe der Sache mit dem nervösen T-Rex auf den Grund gehen!“

Das Loch

Am nächsten Morgen flitzten Elena und Raffael nach einem hastigen Frühstück auf ihren Solacoptern zum Dino-Park. Die Sonne schien und es waren bereits zwanzig Grad.

Raffael hatte nicht nur Compsi dabei, sondern auch seine nagelneue Kamera, die er zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Sie verfügte über eine extrem starke Zoom-Funktion.

Laurin wartete schon an der Schleuse.

Auch Jason und Hera Jork waren bereits im Park, wie Elena und Raffael durch eine Notiz erfahren hatten, die auf den überall im Haus verteilten Displays blinkte. Kein Wunder, denn wegen der bevorstehenden Eröffnung des Dino-Parks waren ihre Eltern mächtig im Stress.

Die Freunde glitten durch den Tunnel und flogen dann weiter bis zum Büro des Parks. Die Jorks standen gerade vor dem Gebäude und redeten mit einigen Rangern, die für die Sicherheit des Geländes verantwortlich waren.

„Guten Morgen!“, riefen Hera und Jason, als sie die Kindererblickten.

„Morgen!“, kam es dreistimmig zurück. Dazu gesellte sich ein energisches Quieken von Compsi.

„Ich glaube, er hat Hunger“, sagte Jason Jork.

„Gut möglich, das hat er ja immer“, meinte Raffael und schaute seine Eltern an. „Und wie sieht es bei euch aus?“

Seine Mutter stemmte die Hände in die Hüften. „Wir müssen alles noch einmal genau durchchecken: Funktionieren alle Zäune und Kameras? Ist das Personal richtig eingeteilt? Sind die Skyjumper startklar und die Restaurants vollständig beliefert? Außerdem sollen wir nachher noch ein Interview geben.“

„Ja“, ergänzte ihr Mann. „Ein hartnäckiger Journalist will uns auf den Zahn fühlen. Er glaubt, dass wir hier so eine Art Zoo aufmachen – dabei dient dieser Park in erster Linie der Forschung!“

„Das wissen wir doch“, sagte Elena und fügte hinzu: „Gestern Abend haben wir übrigens lautes Gebrüll gehört. Es klang nach einem T-Rex.“ Natürlich erwähnte sie ihren kleinen nächtlichen Ausflug mit keiner Silbe. Jason Jork hob die Schultern. „Wirklich? Als wir nach Hause kamen, haben wir nichts bemerkt.“

Seine Frau nickte zustimmend. „Auch heute ist alles eher ruhig. Macht euch keine Gedanken. Es ist lieb von euch, dass ihr so gut aufpasst. Jetzt müssen wir uns aber weiter um die Eröffnung kümmern. Bis später.“ Entschuldigend hob sie die Schultern.

„Schon klar, und wir drehen eine Runde durch den Park, okay?“, sagte Raffael. Er brannte förmlich darauf, bei den Tyrannosauriern vorbeizuschauen.

„Nur zu“, ermunterten die Jorks die Kinder und wandten sich dann wieder den Rangern zu.

Die Freunde sausten mit ihren Coptern in den Park und steuerten das T-Rex-Gehege an. Auf dem Weg dorthin kamen sie zunächst an einem großen Parkplatz vorbei, wo die knallroten Skyjumper auf ihren ersten Einsatz warteten. Bei den Jumpern handelte es sich um leise Senkrechtstarter, die in dichter Folge mit den Besuchern durch den Park fahren sollten. Die Jumper, die jeweils bis zu hundert Passagiere aufnehmen konnten, bewegten sich auf Schienen zwischen den Zäunen durch das Gelände. Sie steuerten Aussichtstürme und Plattformen an, wo die Touristen aussteigen und filmen konnten.

Dann flogen die drei Freunde an verschiedenen Dinosaurier-Arten vorbei. Über den Wipfeln der bis zu fünfzig Meter hohen, palmenähnlichen Bäume schwirrte ein Confuciusornis, ein harmloser Flugsaurier, der nicht viel größer als ein Eichelhäher war.

Die Luft war feucht und warm – wie im Dschungel.

An einem Flussufer sahen Elena, Laurin und Raffael eine Gruppe von Therizinosauriern, was übersetzt so viel wie Sensenechsen bedeutet. Die etwa zwölf Meter großen Pflanzenfresser glichen mit ihrem schwarz-weißen Gefieder und dem langen Hals einer Mischung aus einem riesigen Vogel und einem Zebra mit extrem kräftigen Hinterbeinen. An den Fingerenden befanden sich je drei lange Klauen, die groß wie Sensen waren und diesen Tieren ihren Namen gaben.

Raffael filmte die Saurier – und kurz darauf eine stämmige und mit Knochenschilden gepanzerte Salta-Echse, die gerade Äste mit saftigen grünen Blättern von einem Ginkgo-Baum riss. Raffael zoomte den ungefähr zehn Meter langen Saurier heran und entdeckte dabei, dass zu dessen säulenförmigen Beinen ein süßes Junges mit braunen Knopfaugen saß und an einem Farn zupfte.

„Seht mal, wie niedlich!“, flüsterte Raffael. Auch Elena und Laurin beobachteten die Mutter und ihr Kleines.

Aber nicht lange, denn Compsi schien es zu langweilig zu werden. Er zwängte sich aus der Box, und ehe Raffael ihn stoppen konnte, war der Zwergsaurier vom Copter gesprungen.

„Compsi, bleib gefälligst hier!“, rief Raffael. Doch er wusste, dass der Befehl sinnlos war.

Compsi sauste zu dem an dieser Stelle fünfzehn Meter hohen Zaun und hüpfte dort so lange auf und ab, bis die kleine Salta-Echse ihn bemerkte und auf ihn zugetapst kam.

„Film das!“, schlug Elena vor, aber das wäre gar nicht nötig gewesen – Raffael hatte die Kamera schon gehoben.

Und dann berührten sich die Nasen der beiden Urtiere. Erschrocken fuhr Compsi zurück. Die junge Echse stieß einen seltsamen Laut aus, der wie ein Muhen klang.

Schwerfällig walzte ihre Mutter heran und Compsi ergriff die Flucht. Freiwillig kehrte er zu Raffael und in die Box zurück, während die beiden anderen Saurier weitertrotteten. Noch einmal drehte das Jungtier den Kopf und schaute mit seinen Knopfaugen zu seinem zahmen Verwandten, der jetzt ganz mutig in seiner Box quiekte.

„Kommt weiter!“, sagte Laurin ungeduldig. Dann war er es, der beim nächsten Gehege abbremste. Dicht am Zaun graste eine ganze Herde der Stachelrücken, wie Laurin sie insgeheim getauft hatte. Die neun Meter langen Tiere waren mit ihrer dicken, mit Knochenplättchen durchsetzten Haut bestens gegen Raubsaurier geschützt. Auf dem Rücken standen Platten in die Höhe, die so groß wie Gehwegsteine waren. Anlegen sollte man sich mit einem Stegosaurier nicht, wusste Laurin. Denn der Pflanzenfresser hatte einen mit spitzen Stacheln versehenen Schwanz, der eine furchtbare Waffe sein konnte.

Ein entsetzliches Brüllen ließ Laurin aufschrecken. T-Rex! Das Gehege der Tyrannenechsen war nicht mehr fern.

„Was ist da nur los, wieso ist einer der Saurier so aggressiv?“, rief Laurin aufgeregt.

„Finden wir es heraus!“, antwortete Elena.

Die Freunde steuerten ihre Copter zum nächsten Beobachtungsturm, an dem die Skyjumper andocken konnten. Der etwa zwanzig Meter hohe Ausguck hatte auf der gegenüberliegenden Seite eine breite Plattform, die mit einer hölzernen Brüstung gesichert war. Andockstation und Plattform waren mit offenen, etwa fünf Meter breiten Stegen verbunden, die rechts und links am Turm vorbeiführten. Für Notfälle gab es innerhalb des Gebäudes eine Fluchttreppe.

An diesem Turm war auch eine der Kameras angebracht, die zwar nicht die Qualität von Raffaels Modell hatten, aber überall im Dino-Park verteilt waren und ihn lückenlos überwachten. Die Bilder wurden ins Kontrollzentrum übermittelt. Von der Plattform hatten Laurin, Elena und Raffael einen perfekten Blick auf das riesige Areal, das mit einem Doppelzaun gesichert war. Und gleich hinter dem inneren, unter Strom stehenden Zaun war das Gelege der T-Rex-Mutter, wie die Freunde wussten. Sie hatte eine Mulde in den Sand gegraben und sie mit Blättern gepolstert. In diesem Nest lagen fünf Eier. Aber wo war das Weibchen? Es war ungewöhnlich, dass der Saurier das Gelege nicht bewachte.

In dieser Sekunde splitterte ein Baum. Ein vier Meter hoher Strauch wurde entwurzelt und beiseitegeschleudert – und dann stand sie da, die über sechs Tonnen schwere Echse. Fauchend riss sie das riesige Maul auf und fletschte eine Reihe von rasiermesserscharfen Zähnen. Die starren kalten Augen waren auf die Freunde gerichtet. Der Kopf auf dem muskulösen Hals ruckte unruhig hin und her. Plötzlich machte der gut zwölf Meter große T-Rex einen Satz auf Elena, Laurin und Raffael zu, die unwillkürlich zurückwichen.

Der T-Rex knurrte aggressiv und gierig. Er hob den bulligen Schädel und witterte.

„Der hat uns zum Fressen gern, wetten?“, flüsterte Elena.

„Aber er kann uns nichts tun. Da sind ja die Zäune“, wisperte Raffael. „Und die halten ganz bestimmt“, fügte er hinzu.

Tatsächlich blieb der T-Rex dem Stromzaun fern.

„Verdammt!”, zischte Laurin unvermittelt.

„Was ist denn los?“

„Seht doch mal, da unten links“, sagte Laurin mit belegter Stimme.

Elena und Raffael drehten die Köpfe.

„Oh Gott“, entfuhr es Elena. „Da ist ja ein Loch im äußeren Zaun!“

Raffael zoomte die Stelle heran. „Das Gitter wurde aufgeschnitten“, rief er atemlos. Dann nahm er den inneren Zaun unter die Lupe. Ihm war, als zöge man ihm den Boden unter den Füßen weg. „Auch im Elektrozaun klafft ein Loch!“

„Du meinst, der T-Rex könnte das Loch noch weiter aufreißen und einfach rausspazieren?“, wollte Elena wissen.

Raffael schluckte. „Ja, er hat’s wohl zum Glück bisher nicht gemerkt. Noch nicht ...“

Jetzt lief das nervöse Tyrannosaurus-Weibchen genau auf den Abschnnitt zu, wo Raffael das Loch entdeckt hatte.

Viele Fragen

Im letzten Moment drehte der Saurier wieder ab und rannte zu seinem Gelege.

So schnell sie konnten, flitzten die Freunde zum Kontrollzentrum des Parks.

Wieso, überlegte Elena unterwegs fieberhaft, wieso hatte es keine Fehlermeldung gegeben? Wie war es möglich, dass zwei Zäune beschädigt worden waren, ohne dass der Alarm ausgelöst worden war? Der T-Rex hätte ohne Weiteres ausbrechen können!

Sie malte sich lieber nicht aus, was bei der Eröffnung passiert wäre, wenn Tausende von Touristen, darunter viele Kinder, den Dino-Park bevölkerten.

Sie tippte die Nummer ihrer Eltern in die Textiltastatur. In wenigen Worten informierte sie die beiden.

Dann erreichten die Kinder das Kontrollzentrum, das gleich neben den Büros der Jorks lag. Geleitet wurde die hochmoderne Schaltzentrale von Bob, einem genialen Erfinder, was vor allem Laurin imponierte. Außerdem war Bob ein ziemlicher Computer-Freak, was wiederum Elena begeisterte.

Ohne Compsi betraten die Kinder einen riesigen schneeweißen Raum. An einer Wand mit einem leicht geschwungenen Pult davor reihten sich etwa hundert Bildschirme aneinander, die von den Kameras im Park mit Bildern gespeist wurden. Drei Frauen und vier Männer starrten auf die Screens und sollten jeden Winkel des Geländes im Blick haben. An zahllosen Tischen standen oder saßen etwa zwanzig weitere Teammitglieder von Bob. Jeder Arbeitsplatz verfügte über einen großen Touchscreen. Mit den Fingern konnten bestimmte Regionen des Parks angetippt und vergrößert werden. Bobs Leute waren geübt darin, die gefilmten Szenen zu bearbeiten und zu archivieren.

Raffael, Elena und Laurin schauten sich suchend um. Wo war der Cheftechniker?

Da ging eine Tür auf und ein dürrer Mann mit Stirnglatze verließ sein kleines Büro. Begleitet wurde er von den Jorks, die mit Händen und Füßen auf ihn einredeten.

Bobs Stirn lag in Falten, als er die Kinder begrüßte. In seinem rechten Mundwinkel klebte ein erloschener Zigarillo der seltenen Marke „India“.

Im Kontrollzentrum durfte natürlich nicht geraucht werden, also kaute Bob auf einem kalten Stängel herum. Und da er sich so gut wie nie eine Pause gönnte, blieben die Indias auch meistens in diesem Zustand: kalt. Raffael übernahm es, dem Techniker zu erzählen, was sie gesehen hatten. Der Junge redete wie ein Wasserfall und erntete dafür einen mahnenden Blick seiner Schwester.

„Gleich zwei Löcher?“, stöhnte Bob auf. Er massierte seine Schläfen.

Die Freunde nickten.

„Und kein Alarm“, fügte der Kopf des Sicherheitsteams fassungslos hinzu.

„Gut, dass euch nichts passiert ist“, sagte Hera Jork besorgt und fuhr Raffael über den Kopf, was dieser überhaupt nicht leiden konnte.

„Aber das ist unmöglich“, rief ihr Mann. „Wir haben doch Unsummen in die Anlage investiert – sie muss einfach funktionieren!“