Grace Becker suchte am Sternenhimmel nach einem Halt, nach irgendetwas, um bloß nicht nach unten zu schauen, während sie sich Zentimeter für Zentimeter nach vorne schob. Dicht ans Mauerwerk gepresst, tastete sie sich auf dem schmalen Vorsprung der Brücke entlang.

Zehn, vielleicht auch zwanzig Meter unter ihr in der tiefschwarzen Nacht lagen die Eisenbahngleise. Wenn sie jetzt abrutschte, wären ein paar gebrochene Knochen wohl ihr geringstes Problem.

Grace blieb stehen, lehnte den Kopf an die Mauer und schloss die Augen. Unter der Sturmhaube wurde einem schnell heiß und die Ziegel waren schön kühl. Mit der Fußspitze tastete sie nach dem Ende des Mauervorsprungs. Weiter wagte sie sich nicht vor, denn sie war ohnehin nur Millimeter vom Rand entfernt. Keinen Schritt würde sie weitergehen, wenn ihre Zehen jetzt ins Leere stießen.

Gleich geschafft. Ein kleines Stück noch.

Grace öffnete die Augen und wusste sofort, dass sie nicht hätte stehen bleiben sollen. Der Himmel kippte zur Seite, ihr wurde schwindelig und Schweiß brannte in den Augen.

»Mach’s dir nicht zu gemütlich, Prinzessin«, sagte eine Stimme neben ihr. »Du bist an der höchsten Stelle. Sieh doch mal runter!«

Unwillkürlich senkte sie den Blick, als gerade ein Zug aus dem Tunnel schoss. Sie riss den Kopf zurück und schnappte nach Luft, als sie gegen die Steine schlug. Unter ihr donnerte der Zug vorbei, ein scheinbar endloser Strom von Waggons schepperte über die Schienen, an die sie nicht hatte denken wollen. Nach einer gefühlten Ewigkeit tauchte der letzte Waggon unter der Brücke auf und mit ihm verschwand auch der Lärm. Die Stille wurde durch ein unterdrücktes Lachen neben ihr durchbrochen.

»Findest du das etwa lustig, Trick?«, fragte Grace und musste immer wieder nach Luft schnappen. »Echt witzig, wenn ich abgestürzt wäre!«

»Vielleicht nicht witzig im herkömmlichen Sinn.« Er rückte an sie heran, bis sich ihre Arme fast berührten.

»Weißt du eigentlich, dass ich dich hasse?«

»Komm schon«, sagte er und lachte leise. »Fast geschafft.«

Die einzige Straßenlaterne der Brücke war erloschen, ein Stein hatte die Glühbirne zerschmettert. Nicht gesehen zu werden war nämlich ihre oberste Regel, aber so finster, wie es war, fragte sich Grace, ob sie Sicherheit nicht doch ein wenig wichtiger nehmen sollten.

Trick bewegte sich neben ihr auf dem Mauervorsprung, sie konnte das energische Kinn und die kräftigen Oberarme unter dem Pulli ausmachen. Dann fasste er sie am Arm und sofort fühlte sie sich sicher.

»Alles okay?«, fragte er. »Können wir loslegen?«

Grace nickte.

Trick streifte sich den Rucksack ab. »Licht«, rief er und machte sich am Reißverschluss zu schaffen.

Eine Taschenlampe flammte auf, der Strahl bewegte sich unruhig ein Stück links von ihnen zwischen der steilen Böschung und der Brücke.

»Mann, Pete!«, brüllte Trick. »Der Job ist so schon schwierig genug. Kannst du nicht mal für ’ne Sekunde die blöde Lampe still halten?«

»Sorry!«, rief Pete aus der Dunkelheit. »Faith dachte, sie hätte was gehört.«

»Alles gut, Pete«, rief Grace mit zusammengebissenen Zähnen und krallte die Finger noch ein wenig fester ins Mauerwerk. »Du machst das super. Du auch, Faith«, setzte sie hinterher, schließlich hatte sie ihre arme Freundin auch noch zum Schmierestehen mitgeschleppt. Obwohl Pete und Faith verborgen unten im Gebüsch standen, vernahm sie deren leises Gemurmel.

Der Strahl der Taschenlampe hielt inne und erleuchtete die Mauer neben Grace bunt und gleißend hell. Langsam drehte sie sich herum und fuhr mit den Fingern über das piece, als würden sich die Ziegelsteine unter dem Graffiti anders anfühlen.

Im Rucksack schlugen die Sprühdosen klirrend aneinander, als Trick nach einer fischte. »Mitternachtsschwarz.« Er hielt ihr die Dose hin.

Grace suchte sich einen festen Stand, schüttelte die Dose, bevor sie die Kappe abnahm, und mit einem letzten Blick auf die halb erleuchtete Mauer legte sie los.

Irgendwie übte die Dose in der Hand eine beruhigende Wirkung auf sie aus. Auf einmal lohnten sich all die Angst, die Gefahr und das Risiko, erwischt zu werden. Nun rückte sie sogar ein wenig von der Mauer ab, mit jedem Strich wurde Grace selbstsicherer, denn sie konzentrierte sich allein auf das tag, das vor ihr Gestalt annahm.

Nach einem gelungenen Schnörkel ließ sie die Dose sinken und machte einen Schritt zurück, um ihr Werk zu begutachten. Doch ihr Fuß trat ins Leere.

Unwillkürlich griff sie nach der Mauer, aber dort gab es nichts, an dem sie sich festhalten konnte.

Nun war alles vorbei.

Grace schloss die Augen und bereitete sich innerlich auf den Fall vor, als sie eine starke Hand am Oberarm packte und fast mühelos zurück auf den Vorsprung zog.

»Was zum Teufel war das denn?« Trick schnappte ein paarmal nach Luft. Sie waren sich so nah, dass Grace spürte, wie sein Herz raste.

»Ich bin abgerutscht.«

Trick schnaufte. »Ach was. Und fast hättest du mich mitgerissen.« Er drehte sich um und sah hinunter. »Lass uns das piece fertig machen und dann nichts wie weg.«

Grace nickte. Sagen konnte sie nichts mehr, das Adrenalin rauschte durch ihren Körper. Mit zitternder Hand setzte sie die Dose von Neuem an.

Die Linien wurden etwas wackliger, aber wenn sie dafür schneller von der Brücke kam, nahm sie das gerne in Kauf.

Trick wandte sich ihr zu und schob die Sturmhaube hoch. »Fertig. Jetzt hätte ich gerne wieder festen Boden unter den Füßen. Was ist mit dir?«

Grace machte den Mund auf, um zu antworten, doch bevor sie etwas sagen konnte, schwenkte der Strahl der Taschenlampe weg, und um sie wurde alles dunkel.

Dann hallte ein gellender Schrei durch die Nacht.

Sofort drückte Grace sich an die Mauer. Ihr fiel die Spraydose aus der Hand, die noch einmal scheppernd neben ihren Füßen aufschlug, bevor sie über die Kante rollte. Sie hatte das Gefühl, der Abstand zwischen ihr und den Gleisen würde sich plötzlich verdoppeln und krampfhaft klammerte sie sich an das Gemäuer.

»Was ist passiert?«, flüsterte Trick. »Wo ist Pete mit der Taschenlampe hin?«

»Keine Ahnung. Ich kann gar nichts sehen.«

Einen Moment lang war alles still, dann wurden Spraydosen klirrend in eine Tasche geworfen und ein Reißverschluss ratschend zugezogen. Aufmerksam lauschte Grace den scharrenden Geräuschen. Als ihr klar wurde, dass Trick sich zum Ende des Vorsprungs aufmachte, wo Wall und Brücke aufeinanderstießen, runzelte sie verärgert die Stirn.

»Wo zum Teufel willst du hin?«, raunte Grace.

»Weg hier.« Mit einem dumpfen Aufprall landete etwas Schweres in der Böschung. Sein Rucksack.

Grace konnte gerade noch Tricks Umrisse ausmachen. Er beugte sich nach vorn und war im Begriff zu springen.

»Trick, warte doch …«

Ohne ein Wort machte er einen Schritt und verschwand in der Finsternis. Grace wagte nicht zu atmen, wartete auf einen Laut, ein Signal, dass er gut unten angekommen war.

»Nun steh da nicht bloß rum«, rief er. »Komm endlich!«

Grace setzte ihren Weg über den Mauervorsprung fort. Je näher sie dem Ende kam, desto schneller schlug ihr Herz.

Schritte erklangen über ihr auf der Brücke.

Grace erstarrte.

Es könnte jemand x-Beliebiges sein, der gar nichts mit ihnen zu tun hatte. Aber wie es sich anhörte, lief derjenige langsam von einer Seite der Brücke zur anderen, als würde er jemanden suchen.

Und Grace war die Einzige, die noch hier war.

Sie traute sich nicht, sich zu bewegen, kniff die Augen zusammen und in ihrem Kopf hämmerte es im Takt ihres Herzens.

Die Schritte kamen näher, wurden lauter, bis sie irgendwo über ihr stehen blieben. Kurze Zeit war alles ruhig, und Grace stellte sich vor, wie sich jemand über die Brüstung lehnte und zu ihr heruntersah. Sie presste sich an die Mauer, verbarg sich, so gut es ging, im Schatten und hielt die Luft an. Von oben kam ein merkwürdiges Geräusch, ein Schaben, gefolgt von einem orangen Flackern. Dann fiel ein brennendes Streichholz nur einen Meter rechts von ihr entfernt die Brücke hinunter – die Flamme stürzte in die Dunkelheit und verlosch.

Nicht lange und das nächste Streichholz folgte, diesmal in einem größeren Bogen, als hätte es die Person über ihr kräftig weggeschnippt.

Was sollte das? Wollte jemand mit der Streichholzflamme den Mauervorsprung absuchen? Warum hatte er keine Taschenlampe dabei?

Grace drückte sich noch dichter an die Mauer, ohne zu bemerken, dass die rauen Ziegel ihr durch die Sturmhaube die Wange aufschrammten.

Ihr kam es vor wie Stunden, aber sicher waren es nur Sekunden, bis wieder Schritte erklangen, die sich diesmal zur anderen Seite bewegten.

Das war ihre Chance.

So schnell wie möglich balancierte sie bis zum Ende der Brücke. Geräuschlos ließ sie sich zur Böschung herunter und entfernte sich langsam, behielt aber die Gestalt oben im Auge. Das Gesicht war unter der Kapuze eines Hoodies verborgen.

Der Unbekannte beugte sich über die Brüstung und sah hinunter, bevor er ein weiteres Streichholz entzündete und ins Dunkel schnippte. Dann kehrte er zurück zu ihrer Seite. Wieder spähte er nach unten, suchte den Mauervorsprung ab, auf dem Grace noch kurz zuvor gestanden hatte.

Höchste Zeit abzuhauen.

Als sie sich umdrehte, sah sie direkt in ein Gesicht. Sie wollte schreien, doch jemand hielt ihr den Mund zu und zerrte sie ins Gebüsch.

Grace versuchte, sich zu befreien, aber da wurde sie nur noch fester am Arm gepackt.

»Ich bin’s«, flüsterte Pete und löste langsam die Hand von ihrem Mund.

Grace hielt sich an seiner Jacke fest. »Du hast mir einen riesigen Schreck eingejagt.«

»Sorry, aber du wolltest gerade schreien.«

Grace blickte sich zu der Gestalt auf der Brücke um. »Was jetzt?«

»Jetzt hauen wir ab.«

Pete nahm ihre Hand und sie ließ sich von ihm führen.

»Hier geht’s lang«, raunte er und drückte ihre Hand. Er zog sie tiefer ins Dickicht der Bäume, wo es nach Erde und Laub roch. Die Böschung fiel steil zu den Gleisen ab und der Boden war von dichtem Wurzelwerk durchzogen. Grace stolperte mehr als einmal und rutschte mit ihren Turnschuhen weg, doch Pete war stark, griff sie einfach noch fester bei der Hand und brachte sie wieder auf die Beine. Schließlich blieben sie stehen. Außer ihrem Atem war kein Geräusch zu hören.

Grace nahm die Sturmhaube ab und genoss die kühle Luft im Gesicht. »Meinst du, der Typ ist noch da?«, flüsterte sie. »Was wollte der nur mit den Streichhölzern?«

»Keine Ahnung.«

»Wo ist Faith? Was ist passiert?«

»Sie hat andauernd was gehört und meinte, dass jemand hinter den Bäumen steht. Ich habe nachgesehen und da schreit sie auf einmal los und rennt weg.«

»Glaubst du, das war der Typ von der Brücke?«

»Wer weiß. Ich habe ihn erst gesehen, als ich zurückkam.«

Grace erschauderte. »Hoffentlich geht es ihr gut.«

»Bestimmt«, sagte Pete und legte ihr den Arm um die Schultern.

Dankbar lehnte sie sich an ihn. »Lass uns trotzdem zur Sicherheit noch einen Moment hierbleiben.«

Grace schaute in Petes Gesicht, das Mondlicht fing sich in seinem blonden Haar. »Danke«, sagte sie.

»Wofür?«

»Dass du mich nicht im Stich gelassen hast.«

Pete zuckte die Achseln und zog sie an sich. »Hey, dafür bin ich doch da.«

»Ich meine es ernst, Pete. Du bist ein richtig guter Freund.« Als er sie ansah, glaubte Grace für den Bruchteil einer Sekunde, ein Stirnrunzeln ausmachen zu können. »Danke. Du auch.«

Stumm standen sie da und lauschten in die Dunkelheit, bis Grace es vor Kälte nicht mehr aushielt. »Bestimmt ist er jetzt weg«, meinte sie zähneklappernd. »Wollen wir zurück?«

»Klar«, antwortete Pete. »Wie du willst.«

Während sie die Böschung hinaufkletterten, hielten sie sich immer wieder an Baumstämmen fest, um nicht auszurutschen. Als sie aus dem Dickicht auftauchten, war die Brücke leer.

»Die Luft ist rein«, stellte Pete fest.

Fröstelnd rieb Grace die Handflächen aneinander. »Können wir jetzt zurück zur Schule? Ich will wissen, wie es Faith geht.«

»Willst du es denn gar nicht sehen?« Pete knipste die Taschenlampe an und richtete den Strahl auf Grace’ Kunstwerk.

»Ich habe den Schwanz nicht so gut hinbekommen.«

Pete lachte leise, und obwohl es dunkel war, wusste Grace, dass er den Kopf schüttelte. »Ganz die Perfektionistin.«

»Wie soll ich denn besser werden, wenn ich nicht kritisch bin?«

»Du hast jetzt schon sechsundneunzig von diesen Dingern gemacht. Sechsundneunzig! Wie kannst du dich da immer noch fragen, ob du’s gut hinbekommen hast?«

»Weil noch vier fehlen. Das Letzte muss einfach perfekt werden.«

»Das ist ein Graffiti tag. Das kann man ja wohl kaum mit deinem Abschlussprojekt in Kunst vergleichen.«

»Eigentlich ist mir das hier wichtiger.« Grace kaute auf der Lippe herum, während sie Tricks und ihr Werk betrachtete. »Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob der Drache als Symbol die richtige Wahl war. Sicher, dass es wie ein U aussieht?«

»Ganz sicher. Ich würde dich nie anlügen.« Pete strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht und diesmal runzelte er wirklich die Stirn. Aber bevor er noch etwas sagen konnte, knackte hinter ihnen ein Zweig.

Pete fuhr herum und leuchtete mit der Taschenlampe in die Dunkelheit. Ein weiteres Knacken ertönte und noch eines. Irgendjemand bewegte sich schnell zwischen den Bäumen hindurch.

Hektisch hüpfte der Strahl der Taschenlampe hin und her, als Pete das Dickicht durchleuchtete. Im Lichtkegel tauchte eine Kapuzengestalt auf, die nur ein paar Meter vor ihnen hinter einem Baum abtauchte.

Einen Augenblick rührte sich niemand mehr. Grace konnte gerade eben die Umrisse der Gestalt hinter dem Baum ausmachen. Anscheinend suchte sie nach einem Fluchtweg, doch da blieb nur die Straße übrig.

Und das hieße vorbei an Grace und Pete.

Die Gestalt schoss auf sie zu und rannte Grace fast um. Pete packte den Unbekannten am Arm. Sie rangen miteinander und schlitterten mit den Füßen über die schlammige Erde.

»Lass ihn los, Pete!«, rief Grace, aber da war es schon zu spät.

Mit einem letzten Befreiungsschlag stieß der Unbekannte Pete rückwärts die Böschung hinunter. Pete verschwand in der Dunkelheit. Immer wieder war das scheußliche Knacken von Ästen zu hören, die unter seinem Gewicht zerbrachen.

Grace schlug die Hand vor den Mund und drehte sich zu der Kapuzengestalt um, die schwer atmend vor ihr stand. Sie sahen einander an, die glänzenden Augen waren das Einzige, das unter der Kapuze hervorblitzte. Dann floh die Gestalt und ließ Grace allein auf dem Wall zurück.

Grace hielt sich an einem Baum fest, um hinunter in die Dunkelheit zu spähen.

»Pete? Pete, kannst du mich hören?« Sie machte einen Schritt den Abhang hinunter, rutschte weg und trat eine kleine Lawine aus Steinen und Erde los. Halt suchend griff sie hinter sich nach dem Baumstamm, bevor sie sich erneut an den steilen Abstieg wagte. Immer wieder gab der Boden unter ihren Füßen nach.

Aus einem Busch kam ein Stöhnen.

»Pete, bist du das? Alles okay?«

»Ja, ich … ich bin okay. Aber ich habe die Taschenlampe verloren. Kannst du mir mal hochhelfen?«

Grace arbeitete sich bis zu dem Busch vor und griff in der Dunkelheit nach seiner Hand. Pete rappelte sich auf und fluchte laut, als ihm die Äste entgegenschlugen.

»Bist du verletzt?«, fragte Grace und versuchte, ihn zu stützen.

»Alles gut. Nur ein …« Seine Worte wurden von einem Zug verschluckt, der mit ohrenbetäubendem Krach aus dem Tunnel gedonnert kam.

Grace hielt Petes Hand noch fester, während sie nebeneinandergekauert abwarteten, bis der Zug vorbeigefahren war.

Kalte Schauer liefen Grace über den Rücken. »Da unten hättest du jetzt liegen können.«

Pete sagte eine Weile gar nichts, dann zog er an ihrer Hand. »Lass uns zurück nach Clifton.«

Grace trat in Petes verschränkte Hände und zog sich am schmiedeeisernen Zaun hoch. »Meinst du wirklich, dass Faith es allein zur Schule geschafft hat?« Keuchend schwang sie ein Bein hinüber.

»Auf jeden Fall ist sie in diese Richtung gelaufen«, sagte Pete und versuchte, mit dem Fuß Halt am Zaun zu finden. »Und wo sollte sie sonst sein?« Pete rutschte beim Hochstemmen mit dem Fuß an den Metallstäben ab.

»Mach schon«, flüsterte Grace und blickte nervös in die Dunkelheit. Obwohl sie sich schon fast eingeredet hatte, dass die Gestalt auf der Brücke nichts mit ihnen zu tun hatte, fürchtete sie dennoch, sie könnte noch irgendwo hier herumlungern.

»Ich versuch’s ja.« Er bekam einen der Metallzacken zu fassen, die zwar wie Pfeilspitzen aussahen, aber ganz sicher nicht dazu bestimmt waren, sich durch das Bein eines Schülers zu bohren. Er kletterte mit den Füßen den Zaun hinauf und griff nach einem weiteren Zacken.

»Ha!«, rief er triumphierend, zog sich hoch und hob vorsichtig ein Bein hinüber. »Siehst du? Bloß eine Frage der Physik.« Dann schwang er auch noch das zweite Bein herüber und ließ sich langsam zu Boden gleiten.

Zusammen schlichen sie zu den Bäumen, die das Schulgelände umgaben, und hielten sich geduckt im Schatten der Zweige. Irgendwo in der Nähe zog Sylvester, der Hausmeister, seine Runden, und Grace war klar, dass sie nie im Leben erklären könnte, warum sie mitten in der Nacht in die Schule einbrach. Dazu war sie eine viel zu schlechte Lügnerin.

Rechts von ihnen erhob sich Clifton Manor – ein wildes Sammelsurium aus Toren, Bogengängen und Bleiglasfenstern, gekrönt von spitzen Schieferdächern mit wuchtigen Schornsteinkästen. An den Seiten schraubten sich eiserne Feuerleitern in vielen Windungen in den Nachthimmel. Links schloss sich ein verwilderter Friedhof an und hinter einer weiteren Reihe von Bäumen sah man den Glockenturm von St. Nicholas.

Anfang letzten Jahres war die Empfangshalle der Schule einem Feuer zum Opfer gefallen und seither waren die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt worden – einschließlich Notleuchten, die versteckt unter den Dächern und rings um die riesigen gemauerten Schornsteinkästen lagen. Bevor sie das erste tag angebracht hatten, hatte Pete sämtliche Lampen ausfindig gemacht und eine Karte mit Wegen gezeichnet, um sie zu umgehen. Mittlerweile kannte Grace sie in- und auswendig.

Im Schutz der Bäume begaben sie sich zum Hintereingang der Schule. Als Grace Schritte hörte, blieb sie stehen. Mit erhobener Hand drehte sie sich zu Pete um und signalisierte ihm, ebenfalls stehen zu bleiben. Einen Augenblick verharrten sie reglos, bis Sylvester pfeifend um die Ecke des Hauptgebäudes kam. Seine schweren Stiefel knirschten im Kies, der rings um die Schule aufgeschüttet war. Unter einer der Laternen blieb der Hausmeister stehen, holte seine Zigaretten hervor, ließ eine aus der Packung gleiten und nahm sie zwischen die Lippen. Dann klopfte er seine Jackentaschen ab. In der Dunkelheit wirkte seine schmale, dürre Gestalt noch drahtiger als sonst – er war kaum breiter als der Laternenpfahl, neben dem er stand. Eine Hand verschwand in der Jackentasche und tauchte mit einer Streichholzschachtel wieder auf, die er sich ans Ohr hielt und schüttelte.

Grace hob die Brauen. Sylvester war ihr schon immer etwas seltsam vorgekommen, und während sie beobachtete, wie er das Streichholz entzündete und gebannt in die Flamme starrte, wunderte sie sich, warum ihren Freunden das noch nicht aufgefallen war.

Sylvester hielt sich das Streichholz vors Gesicht. Im orangen Glanz waren seine harten Konturen gut auszumachen. Schließlich schnippte er das verloschene Streichholz ins Gebüsch und setzte seinen Weg fort, pfiff und nahm tiefe Züge von seiner Zigarette.

»Komm weiter«, sagte Pete und setzte sich in Bewegung. »Wir müssen zurück im Wohnheim sein, bevor Sylvester den offenen Notausgang bemerkt.«

Grace nickte und betrat den Kieselweg, der hinter den Schülerwohnräumen vorbeiführte. Den Kies zu überqueren, um zu der Feuertür zu gelangen, bei der sie den Riegel mit Klebeband präpariert hatten, war der riskanteste Teil. Ihr Fuß versank im feinen Splitt und in der Stille der Nacht war das Knirschen viel lauter als sonst. Zigarettenqualm hing noch in der Luft , also konnte Sylvester nicht weit sein.

»Pst.«

»Ich bin ja schon leise«, zischte sie und machte einen weiteren Schritt. Diesmal sank sie nicht so tief ein, sodass sie etwas schneller lief und die Füße möglichst flach aufsetzte. Von Pete war kaum etwas zu hören. Sie drehte sich um und sah ihn lautlos über den Kies schleichen.

»Lass mich raten«, flüsterte sie. »Alles nur eine Frage der Physik?«

Pete grinste. »Genau.«

Grace war an der Feuertür angelangt, die sich mit ihrer weißen Farbe scheußlich grell gegen das alte Gemäuer abhob. Erleichtert atmete sie auf, als die Tür bei leichtem Druck sofort nachgab.

Langsam schob Grace die Tür auf und spähte in den Flur. Alles leer, nur die schwache Nachtbeleuchtung warf lange Schatten.

Sobald Pete hinter ihr eingetreten war, zog sie das Klebeband vom Riegel und schloss die Tür so leise wie möglich. Hörbar rastete sie ein. Grace und Pete lauschten mit angehaltenem Atem, bis sie sicher waren, dass keiner sie gehört hatte.

»Lass uns nach Faith sehen«, flüsterte Grace und führte Pete durch den Flur zu einem der Zimmer. Leise klopfte sie an.

Sofort öffnete sich die Tür und zwei große, grüne Augen über einer Stupsnase und eingerahmt von einer rotbraunen Lockenmähne starrten sie an.

Faith fiel Grace in die Arme.

»He, ist ja gut«, sagte Grace und schob ihre Freundin sanft von sich.

Faith’ Augen waren rot und die Wimperntusche war verlaufen. »Wie geht’s dir? Es tut mir so leid, dass ich dich im Stich gelassen habe.« Ihr Kinn zitterte und Grace drängte sich ins Zimmer, zog Pete mit sich.

»Ich habe versucht, dich anzurufen«, sagte Faith fast vorwurfsvoll. »Aber du bist nicht rangegangen.«

Pete schlug sich gegen die Stirn und zog ein Handy aus der Tasche. »Ich habe es für sie eingesteckt«, erklärte er. »Damit es nicht von der Brücke fällt.«

Grace nahm ihr Handy und tatsächlich: elf verpasste Anrufe, alle von Faith. »Du hast es ja ganz schön oft probiert.«

Seufzend wedelte Faith mit den Händen vor den Augen herum. »Sorry, ich weiß. Ich habe Schiss bekommen. Der Typ stand da einfach so im Gebüsch und hat uns beobachtet, also bin ich losgerannt und …« Faith warf Pete einen Blick zu. »Du hast ihn doch auch gesehen?«

»Ehrlich gesagt habe ich niemanden gesehen«, antwortete er.

Faith lief rot an. »Aber da war jemand.« Sie wandte sich wieder Grace zu. »Ich schwör dir, der stand vor mir, so wie ich jetzt vor dir stehe.«

»Okay«, sagte Grace. »Wir glauben dir ja.«

Faith drehte sich zu Pete. »Glaubst du mir?«, fragte sie leise. Doch bevor er antworten konnte, stürzte sie sich mit einem Aufschrei auf ihn. »Was ist denn mit dir passiert?« Erst wollte sie ihm ins Gesicht fassen, überlegte es sich dann aber anders und betrachtete stattdessen händeringend die blutige Schliere auf seiner Wange.

Pete tastete die Wange ab und warf Grace einen Blick zu. »Da hat mich nur ein Zweig erwischt. Halb so wild.«

Grace nickte. Sie waren übereingekommen, den Angriff des Unbekannten fürs Erste nicht zu erwähnen.

»Aber es sieht schlimm aus«, sagte Faith beharrlich.

»Sie hat recht«, meinte Grace. »Wir sollten die Wunde zumindest reinigen. Ich habe Verbandszeug auf meinem Zimmer.«

»Mir geht’s gut. Ich komme schon klar.«

Grace schnalzte mit der Zunge. »Jetzt spiel nicht den Helden. Oder willst du morgen früh etwa mit einer fiesen Entzündung aufwachen?« Lächelnd kniff sie ihm ins Kinn. »Wir können doch nicht zulassen, dass so ein hübsches Gesicht von einer Narbe entstellt wird.«

Pete grinste zurück.

»Dann mal los.« Faith nahm Pete bei der Hand und zog ihn aus dem Zimmer. »Ab zu Grace.«

In Grace’ Zimmer war es sogar noch enger als bei Faith, es passten gerade mal ein Bett, ein paar kleine Möbelstücke und ein winziges Waschbecken mit einem Spiegel hinein. Ansonsten waren alle Zimmer in demselben schmuddeligen Cremeton gestrichen, den Grace sich nie im Leben ausgesucht hätte, und hatten dunkelblaue Vorhänge, die so gar nichts gegen die frühe Morgensonne ausrichteten.

Als sie bei geschlossener Tür zu dritt im Zimmer standen, fühlte es sich mehr als beengt an.

Wortlos ließ Pete sich aufs Bett fallen und betrachtete die vielen Fotos und Poster an den Wänden.

Neben Grace’ Bett hingen Bilder von ihrem Vater und ihrem Bruder Jack. Daneben das letzte Foto von ihrer verstorbenen Mutter, wie sie Grace kurz nach der Geburt im Arm hielt. Grace sah ihrer Mutter ziemlich ähnlich, das sagten alle. Ihr gefiel das, gleichzeitig wünschte sie, sie hätte auch etwas von ihrem Vater. Doch dessen Gene waren offenbar alle an Jack gegangen.

Jack glich ihm in jeder Hinsicht. Das gleiche markante Kinn, die gleiche Intelligenz, die gleiche Laufbahn. Jack studierte Medizin, um Arzt zu werden, und ihr Vater arbeitete als Wirbelsäulenchirurg in Singapur. Zweifellos war Jack das Goldkind, dem alles gelang.

Fast alles.

Grace zwang sich, den Blick von den Bildern abzuwenden, und nahm einen Alkoholtupfer aus dem Verbandskasten.

Pete verzog das Gesicht, als sie ihm damit über die Wange fuhr. »Autsch, das brennt!«

»Natürlich brennt der Alkohol. Jetzt stell dich nicht so an.«

»Lass mich das machen.« Faith nahm Grace den Tupfer aus der Hand und setzte sich neben Pete aufs Bett. Sie nahm sein Kinn und drehte seinen Kopf zu sich, bevor sie vorsichtig die Wunde betupfte.

Grace hatte Faith noch nie so energisch und selbstbewusst einem Jungen gegenüber erlebt. Auf einmal kam sich Grace wie ein Störenfried vor, doch dann wich Pete vor Faith zurück.

»Ich glaube, das reicht jetzt«, sagte er.

»Oh, okay.« Faith stand auf und knautschte den blutigen Tupfer zusammen, die Augen immer noch auf Pete, der angestrengt auf den Boden starrte.

Als die Stille unerträglich wurde, räusperte Grace sich. »Hier rein«, sagte sie und deutete zu einem Abfalleimer unter dem Waschbecken.

»Ach so, ja.« Faith warf den Tupfer weg und wischte sich die Hände an der Schlafanzughose ab. »Wir sollten jetzt wohl alle ins Bett«, sagte sie und sah Pete wieder an.

Langsam erhob er sich. »Ähm, ja klar.«

Einen Moment lang standen sie erneut schweigend zusammen, bis Pete einen Schritt zur Tür machte. »Okay. Dann mal gute Nacht.« Beim Gehen drehte er sich noch einmal zu Grace um, die Stirn in Falten gelegt.

Faith folgte ihm. »Nacht, Grace.« Bevor Faith die Tür hinter sich schloss, hielt sie inne, ihr Blick wanderte unruhig hin und her. »Ich habe wirklich jemanden gesehen. Ehrlich.«

Grace nickte, doch ihr Lächeln war aufgesetzt. Kaum war die Tür ins Schloss gefallen, erlosch ihr Lächeln, und sie setzte sich aufs Bett, um sich alles noch mal in Ruhe durch den Kopf gehen zu lassen. Faith sagte garantiert die Wahrheit. Grace hatte die Gestalt ja selbst gesehen, erst oben auf der Brücke und dann zwischen den Bäumen, kurz bevor Pete die Böschung hinuntergestoßen worden war. Und trotzdem stimmte hier was nicht.

Sie griff nach ihrem Handy. Auf einmal hatte sie das Bedürfnis, mit ihrem Vater zu sprechen. Auch wenn sie ihm nichts von den nächtlichen Ereignissen erzählen würde, täte ihr einfach der Klang seiner Stimme gut.

In Singapur war es jetzt später Vormittag, ihr Vater war sicher bei der Arbeit. Grace drückte die Wahltaste, doch eine Frauenstimme teilte ihr mit, dass sie nicht genug Guthaben auf ihrer Karte hatte.

Seufzend legte sie das Handy auf den Nachttisch und machte das Licht aus.

Auch wenn sie sich mittlerweile erfolgreich eingeredet hatte, dass die Kapuzengestalt auf der Brücke nur ein Verrückter aus dem Ort war, blieb dennoch eine kleine Unsicherheit. Und wenn nicht? Wenn der Unbekannte ihnen nun zur Brücke gefolgt war und sich im Gebüsch versteckt hatte, um ihnen zuzusehen?

Grace dachte an den Moment auf der Brücke zurück, wie er Streichholz für Streichholz in die Dunkelheit geworfen hatte. Irgendwas daran war unheimlich.

Und dieses Irgendwas löste das ungute Gefühl in ihr aus, dass er nicht nur zusehen wollte.

Aber was sonst?