Lina Forss & Niklas Krog

Mit dir durch die Nacht

eBook-ISBN: 978-3-649-66872-5

© 2015 für die deutschsprachige Ausgabe

Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG, Hafenweg 30, 48155 Münster

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise

Originalcopyright © Lina Forss & Niklas Krog 2012 by Agreement

with Grand Agency

Originalverlag: Bonnier Carlsen Bokforlag, Stockholm 2012

Originaltitel: »En Natt«

Aus dem Schwedischen von Dagmar Lendt

Umschlaggestaltung: Hanna Hildenbrand, formlabor, Hamburg,

unter Verwendung von Motiven von GlobalStock/istockphoto.com

Lektorat: Kristin Overmeier

www.coppenrath.de

Das Buch erscheint unter der ISBN 978-3-649-62133-1

COPPENRATH

Jack

Am 22. Dezember auf den letzten Drücker Weihnachtsgeschenke zu kaufen, war eine hirnrissige Idee gewesen.

Jack drängte sich genervt hinter Adrian über den Vorplatz Richtung NK. Das Nordiska Kompaniet war das beliebteste Kaufhaus in Stockholm und kurz vor den Feiertagen noch überfüllter als im restlichen Jahr. Überall Leute. Ihm dröhnte schon der Kopf, dabei lag die U-Bahn-Station erst ein paar hundert Meter hinter ihnen. Aber Adrian bewegte sich schnell und geschickt vorwärts, als würde es ihm Spaß machen, sich von schwer bepackten Menschenhorden mit gehetztem Blick herumschubsen zu lassen. Die beste Idee der Welt.

Jack verzog den Mund.

Als sie den Eingang erreicht hatten, wurde es noch schlimmer. Überall drängten sich schwitzende, hektische Menschen und ihm wurde ganz mulmig. Er stieß seinen Kumpel mit dem Ellenbogen an. »Lass uns wieder abhauen.«

»Nix da.« Die Antwort kam so schnell, dass Adrian damit gerechnet haben musste, was Jack sagen würde. »Jetzt kneif nicht.«

»Was?«

»Tu doch nicht so.« Ein Grinsen huschte über das Gesicht seines Freundes. »Kaum wird es mal ein bisschen stressig, fängst du an zu heulen und ziehst den Schwanz ein. Wenn’s nicht gerade um Basketball geht. Immer dasselbe. Du kneifst.«

»Und du redest Scheiße.« Jack würde sich mehr aufregen, aber er wusste, dass Adrian dann nur noch härter austeilen würde.

»Tu ich das?«

Adrian hatte eine Lücke entdeckt und drängte weiter in das Kaufhaus hinein, sodass Jack nichts anderes übrig blieb, als ihm zu folgen. Er wollte protestieren, wollte etwas Schlagfertiges sagen, das seinen Freund zum Schweigen brachte, aber ihm fiel nichts ein. Konnte sogar sein, dass es stimmte. Er war wirklich nicht scharf drauf, sich mit halb Stockholm durch ein viel zu kleines und überheiztes Kaufhaus zu zwängen. Wer wollte das schon?

Adrian blieb stehen und wartete auf ihn.

»Ich bin mit dir in die Stadt gefahren, um nach einem letzten Panikgeschenk für deine kleine Schwester zu suchen, und ich glaube, ich weiß, wo wir was finden. Ich tu dir also einen Gefallen. Wenn du stattdessen lieber nach Hause und dich verkriechen willst, meinetwegen. Lass dich von mir nicht aufhalten. Aber unter uns: Du leidest wegen deiner Ex schon viel zu lange. Das Leben geht weiter.«

»Du redest zu viel«, knurrte Jack und zwängte sich an Adrian vorbei.

»Das sagen alle.« Sein Kumpel folgte ihm. »Und weißt du, was das heißt? Dass ich immer recht habe.«

Das Ärgerlichste an der ganzen Sache – und das, was Jack Kopfschmerzen machte – war, dass es stimmte. Adrian hatte angeboten, zwei Tage vor Heiligabend mit ihm in die Stadt zu fahren und nach einem Geschenk für seine kleine Schwester zu suchen. Und eigentlich war Adrian der perfekte Begleiter, ein Typ, der Menschenmengen mochte und selten … den Schwanz einzog. Scheiße, sogar damit hatte er recht. Nur bei dem Punkt mit seiner Ex-Freundin lag Adrian falsch. Die Trennung lag schon Monate zurück und Ayla war Vergangenheit.

Jack biss die Zähne zusammen und ging weiter. Er wusste, dass er manchmal ein Schisser war und sich vor unbequemen Sachen, auf die er keinen Bock hatte, lieber drückte. Und ganz ehrlich, seine kleine Schwester würde Weihnachten auch ohne ein blödes Verlegenheitsgeschenk überleben.

Das Einzige, worauf Jack wirklich Lust hatte, war Basketball. Dabei wurde ihm nichts zu viel. Da kannte er keine Grenzen.

Adrian und er hatten am Vormittag trainiert – bei der Gelegenheit waren sie auf die Idee mit dem Weihnachtsgeschenk gekommen –, aber jetzt hatte er von seinem Trainer die Ansage bekommen, mindestens bis zum zweiten Weihnachtstag die Finger vom Basketball zu lassen, obwohl er bezweifelte, dass er so lange durchhalten würde.

Viel mehr gab es ja nicht im Leben, was Spaß machte.

Er biss die Zähne noch fester zusammen und sein Körper versteifte sich. Er musste mehr trainieren, damit das nachließ, damit er ruhiger wurde. Und lockerer.

Einmal Training am Tag reichte nicht. Er brauchte mehr. Vor allem liebte er das Gefühl, wenn sein Körper antwortete und er seine Grenzen austesten, höher springen, eine neue Finte anwenden, geschickter verteidigen und einen Gegner überwinden konnte. Wenn er über sich hinauswuchs. Es gab so vieles beim Spiel zu lernen. Gewinnen war ihm nicht so wichtig wie die Befriedigung, sich selbst zu übertreffen. Das war fast wie ein Rausch. Dann war er glücklich. Nur dann.

Es war ein großes und ganz wunderbares Glücksgefühl.

»Und jetzt lächelt die Heulsuse auch noch.« Adrians Stimme ließ seine Traumblase platzen. »Von jetzt auf gleich, wie die zickigste Braut. Aber das hier ist kein Date, merk dir das!«

Jacks Lächeln wurde breiter. »Wenn du das sagst, Adrian. Dabei verbindet uns beide doch eine Hassliebe.«

»Ach ja?« Adrian gähnte und spielte den Gelangweilten.

»Ja, du liebst mich und ich hasse dich.« Er hörte, wie sein Freund Luft holte, und marschierte lachend davon.

»Dahinten.«

Adrian deutete mit dem Kopf nach links, und Jack versuchte zu erspähen, was sein Freund meinte. Manchmal war es echt ein Vorteil, so groß zu sein. Fast immer eigentlich.

Sie waren mit der Rolltreppe ein paar Stockwerke höher gefahren. Auch hier war es rappelvoll.

»Der Tisch dahinten mit den Schals.« Adrian zeigte mit dem Finger darauf. »Siehst du? Die reinste Schlangengrube. Mann, neulich war der noch voll. Mach schon!«

Adrian schob ihn vorwärts, und Jack zwängte sich zwischen zwei Typen, die in den teuren Markenschals wühlten. Sie sahen ihn schief an, machten dann aber widerwillig Platz. Jack grinste in sich hinein. Ja, es war wirklich immer von Vorteil, groß zu sein. Und schlecht gelaunt.

Wahllos griff er in das Gewühl aus Händen und Schals. Er bekam ein neongrünes Ding zu fassen, so grell leuchtend, dass er die Augen zukneifen musste. Nein, das war nichts für Fia. Es gab wohl keinen Menschen auf der Welt, dem diese Farbe stand. Aber da. Sein Blick fiel auf etwas Flauschiges, Himbeerrotes und er beugte sich vor.

Seine Finger schlossen sich um den Schal, der so weich war, dass er sich sofort entschied. Perfekt für Fia. Aber der Schal bewegte sich, als hätte er ein Eigenleben oder als ob … Schnell zog er ihn zu sich heran, bis seine Hand an eine andere Hand stieß, eine kleine, warme. Seine Hand bekam Gesellschaft von einer anderen Hand, die mit sanfter Gewalt versuchte, seine Finger aufzubiegen. Er umklammerte den Schal fester und blickte auf.

Auf der anderen Seite des Tisches stand ein blondes Mädchen und grinste breit. Sie lächelte, wie nur manche Mädchen es können, mit dem ganzen Körper, sodass sie irgendwie strahlte.

»Wollen wir uns darum schlagen?«, fragte sie kichernd.

Aber Jack lächelte nicht. Und er ließ auch nicht los. Im Gegenteil, er packte das weiche himbeerrote Teil noch fester. Er hatte keine Lust zu flirten, vor allem nicht mit dieser Sorte Mädchen: verzogene Oberschichtbraut mit Sonnenbrille in den blondierten Haaren, und das an diesem dunklen Winterabend – echt mal! Eine, die an jedem Hindernis im Leben mit einem Lächeln vorbeisegelte, der noch nie etwas abgeschlagen wurde und die sich deshalb allen Ernstes einbildete, er würde ihr Fias Schal überlassen. Nur weil sie ein Mädchen war.

Aus dem Augenwinkel sah er die Freundin des Mädchens, die ihn wiederum neugierig beobachtete. Mit dem gleichen abschätzenden Blick.

»Mach doch«, erwiderte er und verzog keine Miene.

Die Überraschung auf ihrem Gesicht war so deutlich zu sehen, dass er beinahe doch gegrinst hätte. Offenbar war sie es nicht gewohnt, dass ihr etwas verweigert wurde, genau wie er vermutet hatte.

Sie starrten sich quer über den Tisch an, während ihr strahlendes Lächeln langsam erlosch. Er hatte gedacht, sie würde wütend werden und nach ihrem Daddy rufen oder vielleicht nach einem Bodyguard und dabei dicke Krokodilstränen weinen. Aber stattdessen wirkte sie traurig und ratlos, so als hätte sie nicht mit seiner Sturheit gerechnet. Er schluckte und wusste nicht, was er machen sollte.

»Hallo?«, mischte Adrian sich ein. »Ist hier gerade ein Weltkrieg ausgebrochen?«

»Die da versucht, mir Fias Schal zu klauen«, sagte Jack, ohne loszulassen, und seine Entschlossenheit kehrte langsam zurück.

»Die da?« Auf der Stirn des Mädchens erschien eine scharfe Falte. »Meinst du mich, oder was?«

»Wen sonst.« Er weigerte sich, sie anzusehen.

»Fia – ist das deine Freundin?«, fragte sie. »Glaubst du wirklich, sie braucht diesen süßen Schal mehr als ich? Sie hat doch dich – den tollsten Typen der Welt!«

Das Lächeln blitzte wieder auf, und er hörte, wie Adrian hinter ihm losprustete, aber Jack verzog noch immer keine Miene.

»Es geht dich zwar nichts an, aber ich habe keine Freundin«, sagte er und schaffte es, ihr Lächeln zum zweiten Mal innerhalb einer Minute auszuradieren. »Nicht mehr.«

Im Moment war Basketball seine Freundin.

»Dieser Schal wäre perfekt für meine kleine Schwester. Aber weißt du was?« Er schwieg einen Moment. Dieses aufgeblasene, verwöhnte Mädchen provozierte ihn und er presste die Kiefer aufeinander.

»Du kannst ihn haben. Da.«

Er ließ demonstrativ los, sodass sie den Schal an sich ziehen konnte. Aber das tat sie nicht. Stattdessen funkelte plötzlich Wut in ihren Augen, und sie schien innerlich Anlauf zu nehmen, um ihm irgendetwas an den Kopf zu werfen.

»Fröhliche Weihnachten«, kam er ihr zuvor und ging.

Josie

So ein eingebildetes Arschloch!

Es dauerte nur eine Sekunde, aber Josie hätte platzen können vor Wut. Sollte er sich seinen verdammten Schal doch sonst wohin stecken oder sich daran aufhängen, wenn er das unbedingt wollte.

Aber bevor sie dem Typen mit den feuchten Locken unter der roten Mütze das sagen konnte, ließ er sie einfach stehen. Josie konnte es nicht fassen.

Dabei hatte alles so gut angefangen. Endlich waren Weihnachtsferien, und sie war direkt vom Internat in London zurück nach Schweden gereist, um ein paar schöne faule Tage bei ihrem Bruder Fredrik zu verbringen, bevor die Feierei mit der Familie anstand.

Ihre beste Freundin Sigrid war wie ein Tornado hereingestürmt, eingehüllt in eine Schneewolke. Josie hatte am weit offenen Fenster gestanden und sie kommen sehen, obwohl es schweinekalt im Zimmer wurde und Fredrik sie angebrüllt hatte, das Fenster zuzumachen. Dann hatten Sigrid und Josie sich mindestens eine halbe Stunde lang in den Armen gelegen, anschließend Tee getrunken und sich im Bad aufgebrezelt. Oder genauer gesagt, Josie hatte sich gestylt, während Sigrid auf dem Klodeckel saß und aussah, als würde sie am liebsten all die eleganten Wasserhähne aufdrehen, literweise rosa Schaumbad verplempern, den Jacuzzi anwerfen und nie wieder nach Hause gehen. Sigrid badete für ihr Leben gern, in der Wanne konnte sie alle Probleme der Welt lösen. Aber daraus wurde nichts, denn Josie musste noch einen Haufen Weihnachtsgeschenke besorgen. Die Freundinnen konnten die Gedanken der anderen so gut lesen, dass keine von ihnen genau wusste, wo die eigenen Gedanken begannen und die der anderen aufhörten. Endlich, endlich war Josie zu Hause, und Sigrid war ihre beste Freundin, die für sie, falls nötig, durchs Feuer gehen würde.

»Echt jetzt, Josie, wir wollen ins NK, nicht auf eine Studentenparty. Du siehst jetzt schon top aus, hör auf mit der Schminkerei!«

Josefine af Lilja lächelte ihre beste Freundin durch den Spiegel an. Sigrids braune Locken, das herzförmige Gesicht, der Puppenmund, die traurigen Augen – Josie hatte sie schrecklich vermisst!

»Das muss sein! Du hast ja keine Ahnung, wie viele nur darauf lauern, dass ich aussehe wie ein Wrack. Blass und aufgedunsen und völlig fertig. Du weißt doch, ich bin reich und schön, und das muss man zeigen!«

Josie nahm eine Modelpose ein und parodierte sich selbst und Tausende anderer Djursholm-Bräute. Sigrid war mit ihr aufgewachsen und wusste, dass Josie es nicht ernst meinte. Aber Tatsache war, dass Josies Familie stinkreich war und sie deshalb nicht nur mehrere Kreditkarten besaß, sondern auch jede Menge Leute aus der High Society kannte.

Nichtsdestotrotz fand Sigrid, dass Josie in diesem Moment nicht besser hätte aussehen können: enge Jeans, türkisfarbenes, hochgeschlossenes T-Shirt und dunkelblaue Chucks.

»Du wirst dir die Zehen abfrieren«, lachte Sigrid. »Können wir jetzt bald mal los? Das NK hat zwar vor Weihnachten abends länger geöffnet, aber trotzdem.«

»Keine Panik«, erwiderte Josie und entfernte ein wenig rosa Lipgloss von den Zähnen. »Wir sind in einer Viertelstunde da.«

»Nie im Leben, du bleibst bestimmt alle fünf Meter stehen, um mit irgendwelchen Leuten zu reden. Genau wie ein alter Dackel, der andauernd das Bein heben muss.«

Josie ging auf Sigrid zu und umarmte sie, atmete den Duft ihrer besten Freundin ein: das Shampoo ihrer Mutter, das Sigrid eigentlich nicht benutzen durfte, weil es so teuer war, die heimlich gerauchten Zigaretten, das Parfüm, das Josie ihr im Sommer aus New York mitgebracht hatte.

»Fredrik, wir sind dann weg«, rief Josie die Wendeltreppe zum Obergeschoss hinauf. »Schläfst du heute Nacht zu Hause?«

»Kommt MT morgen oder Sonntag?«, rief Fredrik zurück.

»Antwortet ihr eigentlich jemals auf eure Fragen, du und dein Bruder?« Grinsend zog Sigrid sich die Stiefel an.

»Nö«, kicherte Josie und rief laut, um den Fernseher zu übertönen: »Machst du Witze? Morgen natürlich, Sonntag ist Heiligabend. Versuch, nüchtern zu bleiben, du musst Mama vom Flughafen abholen. Danach gibt’s Weihnachtsschinken, Verse schmieden, Weihnachtslieder singen und das ganze Programm.«

»Hast du sie noch alle?«, antwortete Fredrik lachend. »Ich bin am nächsten Tag immer nüchtern, hab höchstens einen Kater. Vergiss du mal lieber nicht, nach Hause zu kommen, bevor du ins Bett gehst.«

»Hey, ich bin fast achtzehn!«, rief Josie und schlüpfte in eine leichte graublaue Daunenjacke. »Nur weil unseren Eltern egal ist, wo ich schlafe, brauchst du hier nicht den Aufpasser zu spielen.«

»Ihr Ärmsten, ihr seid wirklich zu bedauern. Mutterseelenallein in einer Maisonettewohnung am Karlaplan, und keiner kümmert sich darum, mit wem ihr die Nacht verbringt. Tschüss, Fredrik!« Sigrid verdrehte die Augen und öffnete die Wohnungstür.

Der Weg zum Kaufhaus war gesäumt von Typen, die Josie am liebsten vernascht hätten. Okay, das war vielleicht übertrieben, aber trotzdem. Arm in Arm spazierten die Freundinnen über den Östermalmstorg – vorsichtig, damit Sigrid sich auf ihren meterhohen Absätzen nicht den Hals brach. Kichernd hatte Sigrid eine Sonnenbrille hervorgeholt und sie Josie aufgesetzt. Wie erwartet hatte Josie mit mindestens tausend Leuten gesprochen. Aber in der Biblioteksgatan war sie plötzlich zu einer Eissäule erstarrt.

»Siehst du da?«, flüsterte Josie so heftig in Sigrids Ohr, dass es ihr bis ins Gehirn kitzelte. »Filip!«

»Ja, Filip«, seufzte Sigrid müde. »Und? Willst du jetzt doch mit ihm in die Kiste, oder was?«

»Was heißt in die Kiste, so einfach ist das ja wohl nicht.« Josie tänzelte in ihren dünnen Schuhen nervös herum. »Man kann die Typen doch nicht einfach zu sich bestellen!«

Sigrid legte den Kopf schräg und fiel in ihre übliche Rolle. Manchmal nervte das wirklich. »Josie, ehrlich jetzt, wir haben das eine Milliarde Mal durchgekaut. Seit letztem Weihnachten, als du Filip abserviert hast, weil er dir zu aufdringlich war, hattest du was mit Liam, Acke, dem Prinzen, der Prinzessin …« Sigrid zählte an den Fingern ab, aber Josie unterbrach sie.

»Das mit der Prinzessin war bloß Spaß, verliebt war ich nur in den Prinzen«, sagte sie, während ihr die Tränen in die Augen stiegen. »Wenn er auch in mich verliebt gewesen wäre, hätte ich im Traum nicht mehr an irgendeinen anderen gedacht.«

»Okay«, antwortete Sigrid und drückte ihrer Freundin einen Kuss auf die Wange. »Sag Hallo zu Filip, geh vorbei, dreh dich nicht um. Du musst nicht alle Jungs abschleppen, und Mädchen übrigens auch nicht, nur weil es sie gibt.«

NK zwei Tage vor Weihnachten – das war, als hätten die Leute zu viel Geld und wüssten nicht, wohin damit. Warum sollten sie sonst schwitzend hier durchs Kaufhaus hetzen? Josie beobachtete mitleidig eine halb hysterische Mutter mit zwei heulenden Kleinkindern in viel zu dicken Jacken. Sie selbst würde nie auf die Idee kommen, Winterstiefel und einen dicken Mantel anzuziehen, wenn sie ins Kaufhaus wollte. Draußen ein bisschen zu frieren, nahm sie dafür gerne in Kauf. Stylish und praktisch, das war ihr Motto.

Plötzlich aus ihren Gedanken gerissen, starrte Josie auf ihre Hand, die einen Schal umschloss, den sie zwar nicht einmal brauchte, aber wunderschön fand. Normalerweise hätte jeder x-beliebige Typ sich leicht verbeugt und ihr mit schiefem Lächeln den Schal überlassen. Aber dieser Typ da … okay, er hatte zwar ein bisschen gelächelt, aber das ziemlich provokant. Und jetzt stand sie hier und kam sich unglaublich blöd vor.

»Ich fass es nicht«, begann Josie, verstummte dann aber.

Sie sah aus dem Augenwinkel zu Sigrid, die nur die Schultern zuckte. Was für ein arroganter, starrköpfiger Muskelprotz! Der glaubt wohl, er könne sich alles herausnehmen, nur weil er zwei Meter groß ist. Kein bisschen ihr Typ. Warum regte sie sich überhaupt auf?

Konzentration, Josie, rief sie sich selbst zur Ordnung. Mach eine Mindmap, wie in der Schule!

»Du siehst total wütend aus«, meinte Sigrid und blickte dem Typen nach, der mit seinem Kumpel Richtung Rolltreppe verschwand. »Aber mal ehrlich, Josie, die beiden waren ziemlich süß. Für mich hat es ausgesehen, als hätte es zwischen euch gefunkt, da am Wühltisch.«

»Ruhe, ich muss nachdenken«, antwortete Josie knapp. »Ich hab das komische Gefühl, dass es eilt.«

Sie versuchte, sich zu erinnern, alles wie bei einem Film zurückzuspulen. Wenn man sortierte, was um einen herum passierte, und es richtig einordnete, war es leichter, das Leben zu verstehen.

Josie beugte sich über den Tisch mit den Schals, schloss rasch die Augen und der Film begann. Sie und Sigrid waren in den Lichthof gekommen und mit der Rolltreppe nach oben gefahren. Es war voll und sehr gemütlich gewesen. Josie liebte Weihnachten, die Geschenke, die Atmosphäre.

»Wir gucken uns erst mal hier um, okay?«, hatte sie gesagt, als sie den ersten Stock erreichten. Dann hatte sie sofort den Tisch mit den Schals entdeckt.

»Restposten, du brauchst nichts von dem Zeug«, hatte Sigrid geantwortet. »Konzentrier dich lieber auf deine Mutter.«

Aber zu spät. Sicher, das waren Schals aus der letzten Saison, aber es war, als würde man mit haarigen Schlangen schmusen. Kaschmir, feinste Merinowolle, Josie liebte das. Und sie liebte leuchtende Farben. Niemals würde sie sich ganz in Schwarz kleiden wie ein Gruftie. Am besten gefiel ihr Knallgrün und tatsächlich sah sie einen neongrünen Schal – ach nein, der war ein bisschen zu sehr 80er. Doch plötzlich tauchte etwas in dem Gewühl auf, das ihre Aufmerksamkeit erregte: ein himbeerroter Schal. Während Josie begann, ihn hervorzuziehen, wunderte sie sich, was der Typ auf der anderen Seite des Tisches hier machte. Seine Körpersprache drückte ganz deutlich aus, dass er hier nicht sein wollte. Er war groß und hatte kantige Schultern, so wie Sportler sie haben. Was für einen Sport trieb er wohl? Handballer waren am unattraktivsten, die waren nur scharf drauf, Bälle zu werfen. Schwimmer ebenso, da konnten sie in ihren Badehosen noch so sehr zum Anbeißen aussehen. Fußballer? Nein, die waren oft ziemlich knochig, ADHS-Geplagte mit Minderwertigkeitskomplex. Dieser Typ hatte was Arrogantes an sich, mit dieser roten Mütze, unter der sich nasse, dunkelbraune Locken ringelten. Frisch geduscht – klar, er kam direkt von irgendeinem gähnend langweiligen Training in einer schweißdampfenden Turnhalle, um anschließend direkt ins NK zu schlendern. Spannend. Josies Kichern schlug in ein Lachen um.

»Komm endlich«, stöhnte Sigrid und holte Josie in die Gegenwart zurück. »Das ist echt nicht lustig.«

Sigrid lehnte an einer Säule, die mit nachgemachtem Tannengrün umwickelt war, und tippte wie üblich auf ihrem Handy herum. Während Josie um den Schal gekämpft hatte, hatte Sigrid nur dagestanden und zu dem anderen Typen rübergeschielt. Sie waren alle ungefähr im gleichen Alter. Aus irgendeinem verrückten Grund hatte Josie nicht einfach weggehen wollen. Sie hatte gewollt, dass der Typ mit der Mütze sie bemerkte.

»Herzchen, es ist wirklich super, dass du hier Wurzeln schlagen und meditieren willst, aber vielleicht denkst du lieber mal an deine Mutter«, unterbrach Sigrid ihre Gedanken und setzte sich in Bewegung.

Als kleines Kind hatte Josie mit ihrem Großvater fast jeden Samstag in Bobergs Matsal zu Mittag gegessen. Würstchen und Pommes und geeisten Kakao in hohen Gläsern, zusammen mit Opas alten Schwimmfreunden vom Sturebad. Danach waren sie mit dem Bus nach Hause zu Oma in Djurgården gefahren. Und wenn MT – Abkürzung für Muttertier, die beste Mutter der Welt – mit ihrer Arbeit im Büro fertig war, hatte sie Josie abgeholt, während Papa Caesar sich mit einer seiner tausend neuen Frauen herumtrieb. Josie würde was ganz Tolles für ihre Mutter kaufen und ihr Vater würde mit einer seiner Platin-Kreditkarten teuer dafür bezahlen. Ein gestreifter Morgenmantel von Paul Smith aus dem Homeshop im dritten Stock vielleicht? Josie kannte sich im NK ebenso gut aus wie in ihrer Schminktasche.

Sigrid tauchte wieder an Josies Seite auf.

»Herzchen, wenn du diesen Schal nicht bald loslässt, kommen Männer in weißen Kitteln und biegen dir deine Finger auf. Dann ziehen sie dir eine hübsche weiße Zwangsjacke an und bringen dich in einem Bus mit Blaulicht auf dem Dach weg.« Sigrid lachte so sehr, dass ihre Augen ganz schmal wurden.

»Warte«, flüsterte Josie und blickte Sigrid in die Augen, ohne sie richtig wahrzunehmen. »Ich verspreche dir, ich weiß, was ich tue. Oder wenigstens weiß ich es gleich. Nur noch einen Moment, okay?«

Sigrid trat mit einem theatralischen Seufzen ein paar Schritte zurück und setzte sich auf einen der lederbezogenen weißen Hocker, um zu warten. Josie sah ihrer Freundin nach und liebte sie dafür. In Sigrid steckte die klügste Frau der Welt, dachte Josie und kehrte in ihre Gedankenwelt zurück, um das Ende ihres inneren Films abzuspielen. Rot wie Geleehimbeeren … der Schal war so schön, dass sie ihn glatt hätte aufessen können. Josie hatte fester gezogen, aber der Schal rührte sich nicht. Sie war mit den Fingern tiefer ins Schalgewühl hinuntergetaucht, bis sie an eine Hand stieß. Stark, groß, ein bisschen rau, so viel hatte sie spüren können, bevor die Hand verschwand.

Josie hatte aufgeschaut, genau in die Augen des Typen. Fast wäre sie in Ohnmacht gefallen und tot auf dem Wühltisch zusammengebrochen, beides gleichzeitig. War der süß! Und für eine klitzekleine Mikrosekunde schien es, als würde dem Typen auch gefallen, was er sah. In seinen Augen hatte es gefunkelt. Blau, grün, bernsteinbraun? Auf jeden Fall hatte er lange, dunkle Wimpern. Blau, es waren blaue Augen.

»Versuchst du, mir meinen Schal wegzunehmen?«, hatte Josie gesagt und dabei gelächelt, obwohl das Risiko bestand, dass Sigrid ausrastete, weil sie sich zum Dummchen machte. »Willst du dich mit mir anlegen?«

So was in der Art hatte sie gesagt, aber der Typ hatte nichts geschnallt. Er hatte so wütend ausgesehen, dass es Josie plötzlich leidtat. Doch dann hatte er sich zu seinem Kumpel umgedreht, der irgendwas von Weltkrieg faselte, und gesagt, »die« habe ihm seinen Schal geklaut, den er irgendeiner blöden Fia schenken wollte! Josie hatte kurz daran gedacht, ihm zu sagen, dass es ziemlich unhöflich war, über sie zu reden, als wäre sie gar nicht da, aber bei dem Kerl wäre das wahrscheinlich Zeitverschwendung gewesen.

Sie wollte ihn so gerne lächeln sehen!

»Oh, wie aufmerksam«, hatte sie gesagt, sie erinnerte sich nicht mehr genau. »Wenn ich einen so supersüßen Freund wie dich hätte, würde ich überhaupt keinen Schal brauchen. Ich hätte ja dich!«

Der Typ hatte sie angesehen. »Meine Schwester liebt diese Farbe«, hatte er ganz einfach gesagt und dabei fast gelächelt.

Aber nur für einen Augenblick, dann war es schon wieder verschwunden. Warum? Was hatte sie getan? Endlich mal ein süßer Typ, der Geleehimbeeren, nein, einen himbeerroten Schal für seine Schwester kaufte, und dann war er so mies drauf.

»Sie ist das einzige Mädchen, dem ich einen Schal schenken würde«, hatte er gesagt und Josie dabei weiterhin angestarrt. »Wenigstens im Moment.«

Bei seinen Worten hatte ein Kitzeln Josies Bauch durchzuckt. Ein Junge, der so etwas sagte, wollte wirklich etwas damit ausdrücken. Dass er sie mochte? Oder dass er traurig war, weil er jemanden nicht vergessen konnte? Aber kaum war das Kitzeln verflogen, hatte Josie erkannt, dass er nichts von ihr wollte, das hatte er ihr ziemlich deutlich zu verstehen gegeben:

»Weißt du was?«, hatte er ihre Gedanken unterbrochen. »Ich scheiß auf den blöden Fetzen. Du kannst ihn haben.«

Dann hatte er ihr frohe Weihnachten gewünscht, sich einfach umgedreht und war gegangen, ohne sie noch einmal anzusehen.