Wie ein bunter Hund

»Ommmmmm.«

Das darf doch nicht wahr sein! Was ist das denn?

»Ommmmmmmmmmmm.«

Wo kommt denn dieses merkwürdig brummende Geräusch her? Ist das vielleicht Shantis Wecker? Müde rolle ich mich auf die andere Seite und werfe einen Blick rüber zu ihrem Bett. Es ist leer. Meine Zimmergenossin sitzt mit geradem Rücken und geschlossenen Augen im Schneidersitz auf dem Boden, ihre Hände hat sie mit nach oben gedrehten Handflächen auf ihre Knie gelegt.

»Ommmmmmmmmmmmmm.«

Shanti ist der Wecker! Sie brummt in einem tiefen Ton gleichmäßig vor sich hin. Das darf doch wohl nicht wahr sein! Wenn sie noch einen Ton von sich gibt, dann fliegt das Kissen! Vorsorglich greife ich schon mal nach einem Zipfel. Aber Shanti omt nicht mehr. Sie öffnet ihre Augen und strahlt mich an.

»Guten Morgen«, flötet sie. »Ich hoffe, ich hab dich nicht geweckt.«

Anstatt das Kissen zu schmeißen, ziehe ich es mir über den Kopf. Aber das scheint Shanti nicht zu stören. Sie steht auf und setzt sich zu mir an die Bettkante.

»Dein Wecker klingelt sowieso gleich.« Sie zieht mir erbarmungslos das Kissen weg.

Und da macht es auch schon laut und schrill: piep, piep, piep – piep, piep, piep! Nur zwei Sekunden später ertönt von draußen ein lautes Kikeriki ins Zimmer herein. Shanti sieht aus dem Fenster. »Und Sir James ist auch schon lange wach. Er hat mittlerweile dreimal gekräht, aber du hast geschlafen wie ein Stein!«

»Ich dachte, der doofe Gockel gibt sein Morgenkonzert nur auf dem Schlosshof zum Besten«, maule ich. »Ob der Pinguin ihn extra durch ganz Europa jagt, damit bloß niemand verschläft?«

Hier im Internat haben die einzelnen Wohnhäuser Ländernamen. Unser kleines Schlossdorf heißt Europa. Schon verrückt! Ich wohne in Italien, und wenn ich meinen Kumpel Theo besuchen will, bin ich in zwei Minuten in England, wo die Jungs aus unserer Klasse wohnen. Und … plötzlich muss ich grinsen, weil ich an meine erste Begegnung mit Shanti und Theo denken muss. Es war Theo, der unserer Schulleiterin Frau Kuhn den Namen »Pinguin« verpasst hat, weil sie in ihrem komischen grauen Kleid so streng und aufrecht die Begrüßungsrede gehalten hat.

»Ach komm, eigentlich ist der Pinguin doch ganz in Ordnung. Immerhin hat sie uns erlaubt, dass wir zusammen in ein Zimmer dürfen«, sagt Shanti und öffnet das Fenster. »Außerdem ist total schönes Wetter draußen. Guck mal, die Sonne steht schon am Himmel. Und die Frösche geben extra ein Konzert für dich.«

Quak, quak, tönt es von draußen herein.

»Jetzt komm schon, mach mal ein nettes Gesicht!« Shanti strahlt mich noch immer an.

Normalerweise bin ich kein Morgenmuffel. Aber heute ist das anders. Die letzten Nächte sitzen mir anscheinend noch in den Knochen. Außerdem habe ich auch diese Nacht nicht gut geschlafen, weil ich irgendwann zwischendrin noch mal aufgewacht bin und wieder an Kira denken musste.

Meine beste Freundin zu Hause in Bottrop weiß nämlich noch nicht, dass ich freiwillig im Internat bleiben will, obwohl wir noch vor ein paar Tagen den ultimativen Fluchtplan geschmiedet haben. Das verzeiht sie mir nie. Und Luca und Noah? Die verstehen das schon mal gar nicht. Für die beiden gibt’s nichts Schöneres als Bottrop, Fußball und die Villa, das knallrote Gartenhäuschen von Kiras Opa, in dem wir schon so manches ausgeheckt haben. Bei dem Gedanken an unsere gemütliche Hütte wird mir ganz mulmig zumute. In der nächsten Zeit werden sich die drei immer allein dort treffen müssen.

Auf einmal bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob ich mich wirklich richtig entschieden habe. Mein skeptischer Blick fällt auf Shanti. Sie trägt ein knallgelbes T-Shirt, auf dem eine goldene Sonne prangt. Carpe diem steht in geschwungener Schrift darauf. Den Spruch kenne ich, den bringt Oma auch immer. Carpe diem, nutze den Tag. Ich würde aber viel lieber in den Federn liegen bleiben.

»Hast du das da etwa selbst draufgeschrieben?«, frage ich nun.

Shanti bringt sich neben meinem Bett in Position und breitet die Arme aus. »Ja, mit einem Textilschreiber. Bei mir wird jedes T-Shirt mit einem besonderen Spruch versehen. Gefällt es dir?«

Etwas ungewöhnlich, aber gar nicht schlecht. Zumindest hat Shanti ihren ganz eigenen Stil. Langsam gewöhne ich mich an ihren seltsamen Klamottengeschmack. Zu ihrem Shirt trägt sie eine olivgrüne Haremshose, die an den Knöcheln ganz eng ist, ihr aber ansonsten ewig weit um den Körper schlackert. Um ihre Hüften hat sie ein lilafarbenes breites Dreieckstuch mit Fransen geknotet, dessen Spitze an einer Seite herunterhängt.

Ihre Zöpfe hat sie neu und sehr stramm geflochten, sodass sie seitlich fast senkrecht vom Kopf abstehen.

»Du siehst aus wie eine Mischung aus Pippi Langstrumpf und Aladin aus der Wunderlampe. Aber nicht schlecht. Hat was!« Ich stehe auf und gehe ins Bad. In der Tür bleibe ich kurz stehen. »Sag mal, brummst du mich jetzt jeden Morgen wach?«

»War ich zu laut? Ich beginne den Tag immer mit einem Sonnengruß, dann singe ich dreimal das OM, um meinen Körper, meine Seele und meinen Geist in Harmonie zu bringen. Das musst du mal versuchen, davon wird man viel gelassener. Man sieht alles positiver. Und man bekommt auch voll die gute Laune!«

Eins muss ich Shanti lassen, sie strahlt wirklich über das ganze Gesicht. »Das sieht man.« Ich lächle sie an, bevor ich die Tür hinter mir zuziehe.

Ein wenig schräg ist Shanti schon, aber ich will jetzt nicht meine komische Laune an ihr auslassen. Schließlich kann sie kein bisschen was dafür, dass ich mich in dieser doofen Zwickmühle befinde. Ich möchte wirklich gern hierbleiben, will aber auch meine Freunde in Bottrop nicht enttäuschen. Die Suppe habe ich mir ganz allein eingebrockt, weil es mir hier im Internat Bernstein einfach zu gut gefällt.

Ich springe schnell unter die Dusche und beschließe, auch ohne morgendliches Brummen, erst mal alles positiv zu sehen. Gleich treffen wir auf die Jungs: Theo, Sam, Jakob und Clemens. Bei dem Gedanken an Clemens muss ich wieder grinsen. Mir gefällt der Name Lord Schnullerbacke, den Shanti ihm gegeben hat, nachdem er uns erzählt hat, dass er mit der Gründerin des Internats verwandt ist. Und dann hat Clemens auch noch ganz nebenbei erwähnt, dass in der Bibliothek seiner Eltern Schloss-Pläne mit einem unterirdischen Geheimgang rumliegen. Theo hat geguckt wie ein Auto. Jungs! Bestimmt werden sie Clemens jetzt so lange bearbeiten, bis er die Pläne von zu Hause gemopst und hierhergeschafft hat.

»Echt irre, dass Lord Schnullerbacke ein Nachfahre von Lady Rosalyn ist«, sage ich, als ich im Bademantel wieder ins Zimmer komme. Shanti packt gerade ihre Schultasche. Sie ist so konzentriert, dass sie mir gar nicht antwortet. Auch dass ihr Handy klingelt, bekommt sie nicht mit.

»He!« Ich schubse sie leicht an. »Willst du nicht rangehen?«

»Wieso ich?«, antwortet sie abwesend und stopft ein buntes Schulmäppchen in ihre Tasche. »Kannst du das nicht selbst?«

Bis ich verstanden habe, was Shanti damit meint, hat das Klingeln aufgehört.

Das war mein neues Handy! Ich hab den Klingelton erst gestern eingestellt, der ist für meine Ohren noch total ungewohnt.

Es war ganz bestimmt meine Mutter. Sie ist die Einzige, die meine neue Nummer kennt. Ob ich sie sofort zurückrufe? Nein, am besten ziehe ich mich erst mal an und klingle später in Ruhe durch.

»Ich geh schon vor und halte dir einen Platz beim Frühstücken frei, ja?«

»Okay, ich beeil mich.«

Jeans, T-Shirt, Sneaker, alles ganz schnell und schlicht. Und ich brauche nur fünf Minuten, bis ich fix und fertig bin. Von Schminke halte ich genauso wenig wie Shanti. Meine Haare muss ich nur kurz durchwuscheln und meine Tasche habe ich gestern Abend schon gepackt. Ich greife noch schnell nach meinem Handy, damit ich in der Pause telefonieren kann. Doch als ich es in meiner Tasche verschwinden lassen will, vibriert es. Mutsch hat mir eine Textnachricht geschickt.

Bin stolz auf dich! Hab gestern Abend noch mit Frau Mattuschek tel. Schick dir gleich Kiras Handynummer. Schlieb! Mutsch.

Sie hat mit Kiras Mutter telefoniert? Mist! Noch während ich darüber nachdenke, was sie ihr alles berichtet haben kann und dass meine beste Freundin vielleicht schon längst weiß, dass ich vorerst nicht nach Bottrop zurückkommen werde, vibriert mein Handy erneut. Kiras Nummer ist bei mir angekommen. Aber ich muss unbedingt wissen, was meine Mutter alles erzählt hat, bevor ich selbst mit Kira spreche.

»Mutsch?« Meine Mutter geht zum Glück sofort ran, als ich sie anrufe.

»Hallo, Schatz, das ist aber schön, dass du gleich zurückrufst. Wie geht es dir denn? Hast du gut geschlafen? Ist das Mädchen netter, mit dem du dir jetzt das Zimmer teilst? Und wie hast du dein kleines Abenteuer verdaut? Es ist doch hoffentlich alles gut bei dir?«

Meine Mutter lässt mich gar nicht zu Wort kommen, also unterbreche ich sie schnell. »Ich hab nicht viel Zeit, Mutsch, ich muss zum Frühstück. Und danach zum Unterricht. Shanti ist total lieb. Das klappt viel besser mit uns. Und ansonsten ist auch alles in Ordnung. Aber sag mal … Was hast du denn Kiras Mutter erzählt?«

Mutsch lacht. »Natürlich nichts. Ich hab mir doch gedacht, dass du deinen Freunden lieber selbst von deiner tollen Rettungsaktion berichten willst. Nur dass dein Handy ins Wasser gefallen ist, habe ich verraten. Damit sie weiß, dass sie dich momentan nicht erreichen kann. Alles andere kannst du ihr selbst erzählen. Kira brennt bestimmt schon darauf zu erfahren, wie das passiert ist.«

»Ach so, ja … und hast du auch gesagt, dass ich hierbleiben will oder so was in der Art?«

»Nein. Wieso? Die vier Wochen sind ja noch gar nicht rum. Du hältst dich doch an unsere Abmachung, oder hast du dich etwa schon entschieden? Du weißt doch, dass alle neuen Schüler die ersten vier Wochen nicht nach Hause dürfen, auch nicht übers Wochenende. Das ist Tradition auf Bernstein. Und wenn andere das schaffen, schaffst du das schon lange.«

Ich bin ja sooo doof! Mutsch weiß doch gar nichts von meinem ursprünglichen Plan, nach drei Tagen hier wie der abzuhauen. Und die Blumenthal und die Kuhn haben ihr anscheinend nichts davon gesagt. Das ist gut! Kira wird bestimmt damit klarkommen, wenn ich ihr erzähle, dass meine Mutter auf die Abmachung besteht, dass ich mir hier vier Wochen lang alles anschaue. Und bis dahin kann ich mir immer noch überlegen, wie ich Kira schonend beibringe, dass ich doch hierbleiben möchte – wenn ich das dann immer noch will.

»Ach nein, entschieden habe ich mich noch nicht wirklich«, sage ich taktisch klug und schnaufe erleichtert auf. »Aber jetzt muss ich wirklich los. Ich meld mich später noch mal.«

»Okay, mein Schatz! Viel Spaß auf eurer einsamen Flussinsel.«

Wirklich einsam ist es hier ja nicht. Von allen Seiten strömen Schüler aus den Häusern in Richtung Kantine. Aus England kommen die Jungs unserer Klasse, aus Portugal die aus der Parallelklasse. Spanien ist auch schon unterwegs. Das sind die Jungs der achten Klasse.

Die meisten anderen kenne ich noch nicht. Aber die mich! Ich bin hier offenbar schon bekannt wie ein bunter Hund. Alle haben mich gestern in der Aula gesehen, als ich gemeinsam mit Sam die Goldene Rose für besondere Leistungen und Taten verliehen bekommen habe. Und alles nur, weil ich diesen total hirnverbrannten Streich der Achtklässler gestoppt habe und den armen Clemens wieder aus dem Fluss gezogen habe. Viele grüßen mich oder lächeln mich an, manche tuscheln auch. Aber das ist mir egal. Ich habe hier in sehr kurzer Zeit ein paar wirklich nette Freunde gefunden. Damit habe ich vor meiner Ankunft überhaupt nicht gerechnet. Ich bin schwer davon ausgegangen, dass hier im Internat nur eingebildete Schnösel wohnen.

»Paulina!«, ruft mir ein blonder Typ zu, als ich am Kantineneingang stehen bleibe. Es ist Theo. Er springt von einem der Tische auf und winkt mir hektisch zu. »Hier sind wir!« Unfassbar, dass ich ihn erst vor drei Tagen auf der Fähre beim Übersetzen auf die Insel kennengelernt habe.

Clemens, Jakob und Sam sitzen bei ihm am Tisch. Daneben sehe ich Larissa und Miu. Larissa hat ihre langen Beine elegant übereinandergeschlagen und lächelt vor sich hin, während Miu die ganze Zeit auf sie einredet und wie wild auf ihren mit verschiedenen Leckereien angehäuften Teller deutet, ganz so, als würde sie ihn Larissa verkaufen wollen. Auch Shanti hat ordentlich zugeschlagen, wie man unschwer erkennen kann, als sie ihr voll beladenes Tablett bei den anderen am Tisch ablädt.

Wir werden hier alle kugelrund werden, denke ich.

Prompt fängt mein Magen laut an zu knurren. Ich winke Theo kurz zu, dann stelle ich mich vor dem Buffet hinten in der Schlange an. Ich freue mich auf das Frühstück mit meinen neuen Freunden. Als mir jemand auf die Schulter tippt, drehe ich mich gut gelaunt um. Doch damit habe ich nicht gerechnet: dunkle Augen, ein blasses Gesicht, das von braunen Locken umrahmt wird. Prince!

Meine gute Laune verflüchtigt sich augenblicklich wieder.

»Ich wollte mich noch mal bei dir entschuldigen«, sagt er. »Wegen der absolut doofen Aktion gestern.« Seine Augen bohren sich in meine. Ich fühle, wie sich meine Nackenhaare aufstellen, und kämpfe gegen den Drang an, meine Beine in die Hand zu nehmen und einfach aus dem Saal zu stürmen. Aber schon im nächsten Moment macht sich das Bedürfnis in mir breit, Prince ordentlich zu beschimpfen. Schließlich jedoch schnaufe ich tief durch und treffe die Entscheidung, mich zu keiner übereilten Aktion hinreißen zu lassen. Und so drehe ich mich einfach wieder um und ignoriere ihn.

Zum Glück lässt der doofe Vollhorst mich in Ruhe und drängt sich nicht noch mal auf. Dafür ist er auch viel zu beschäftigt. Ständig grüßen ihn irgendwelche Mädels – und er sie. Hallo, Lara, Fiona, Marina, Sophie … Der hält sich wohl für unwiderstehlich! Zu allem Überfluss kommt jetzt auch noch Carla angedackelt. Mit der hatte ich mich schon mal in den Haaren, weil sie irgendeinem Hirngespinst aufgesessen war, dass ich ihr Prince stehlen wollte. Als ob! Ich mache mich schon auf eine Auseinandersetzung mit ihr bereit und überlege, welchen Spruch ich ihr drücken soll, aber sie beachtet mich gar nicht. Gut so!

»Hallo, Prince«, flötet sie zuckersüß. »Sag mal, bleibt es nachher bei unserem Treffen unten am Badestrand?«

»Klar, hatten wir doch fest abgemacht.«

Schade, den Strand wollte ich mir auch gern mal anschauen. Für heute hat sich das damit aber erledigt. Ich rücke einen Platz auf. Zum Glück stehen vor mir noch drei Schüler, dann bin ich endlich an der Reihe, um mir mein Tablett mit Frühstücksleckereien vollzuladen.

Von dem eingebildeten Idioten und seinem Mädelsfanclub lasse ich mir bestimmt nicht den Appetit verderben – und auch nicht die Laune verhageln!