Der Jäger schlägt zu

Der Hunter hatte sich an einen Ecktisch der Kneipe gesetzt. Immer wieder wanderte sein Blick unauffällig zu einem Mann im feinen Anzug, der am Tresen saß und sich angeregt mit dem Barkeeper unterhielt. Vor dem Mann lagen sein Handy und ein Schlüsselbund. Seine Finger umklammerten ein Glas Whiskey.

Das fünfte, hatte der Hunter gezählt. So nannte man den jungen Mann in der Szene. Weil er hinter dem Steuer eines Autos ein schneller und gnadenloser Jäger war. Einer, der bei den illegalen Autorennen, an denen er regelmäßig teilnahm, unbedingt gewinnen wollte. Egal, wie.

Der Hunter beobachtete den Mann im Anzug bereits seit einer Stunde. Von Zeit zu Zeit hatte er etwas bestellt und so getan, als würde er mit seinem Handy spielen. Doch seine volle Aufmerksamkeit galt allein dem Mann am Tresen. Dabei interessierte ihn der Mann gar nicht, sondern sein Auto.

Ein BMW Z4 sDrive mit 306 PS, ein Cabrio in der Farbe Havannabraun, das über einen Dreiliter-Motor, Ledersitze, 18-Zoll-Alufelgen und Schaltwippen verfügte.

Perfekt. Damit würde er beim nächsten Rennen groß rauskommen. Zwar besaß er selbst ein schnelles Auto, doch das war kein Vergleich zu dem BMW. Dieses Geschoss würde Hunters Siegchancen deutlich erhöhen.

Der Z4 stand vor dem Lokal auf einem großen, ziemlich leeren und schlecht beleuchteten Parkplatz und würde schon sehr bald den Besitzer wechseln.

Deswegen war der Hunter hier. Er wollte den BMW stehlen. Vermutlich hatte das Cabrio eine Alarmanlage, also ging es nicht auf die harte Tour. Den Wagen aufzubrechen, war sinnlos. Er brauchte den Schlüssel …

Wieder schaute er zu dem BMW-Besitzer. Der hatte sein Gespräch mit dem Barkeeper gerade beendet und das Portemonnaie gezückt.

Der Hunter zuckte zusammen. Wollte der Kerl etwa bezahlen? Es sah ganz so aus. Dann blieb ihm nicht mehr viel Zeit, bevor der schöne BMW außerhalb seiner Reichweite war! Das durfte nicht passieren!

Der Hunter ärgerte sich über sich selbst. Hätte er früher zuschlagen sollen? Aber wie? Der Mann hatte die ganze Zeit vor dem Schlüssel geklebt!

Der Barkeeper nickte.

Nein, nein, nein!, fluchte der Hunter in sich hinein.

Doch er bekam noch eine Chance. Denn nun erklang ein Ruf von der anderen Seite der Theke.

Der BMW-Besitzer drehte den Kopf und winkte einer jungen Frau zu, die ebenfalls die Hand gehoben hatte. Dann rutschte er vom Barhocker. Schwerfällig ging er zu der Frau, machte eine übertriebene Verbeugung und küsste ihr sogar die Hand. Der Schlüsselbund lag noch auf dem Tresen!

Jetzt!, dachte der Hunter. Schon glitt er vom Stuhl, schon war er an der Theke – genau dort, wo gerade noch der BMW-Besitzer gesessen hatte. Der Barkeeper hatte sich inzwischen jemand anderem zugewandt und beachtete ihn nicht. Sehr gut.

»Zahlen bitte«, sagte der Hunter zur Kellnerin und setzte ein künstliches Lächeln auf, während er beide Arme auf den Tresen schob. Der rechte Ärmel seines Hemdes berührte den Schlüssel. Sein Puls hämmerte. Ein schneller Blick zum BMW-Besitzer.

Der quasselte nun auf die Frau ein. Auch er drehte dem Hunter den Rücken zu.

»Zwei sechzig«, sagte die Kellnerin, ohne zu lächeln.

Der Hunter gab ihr drei Euro. »Stimmt so«, sagte er, was die Frau mit einem Nicken quittierte. Ein Telefon klingelte und sie sah nach rechts.

Das war die Chance! Blitzschnell zog der Hunter die Arme zurück und nahm dabei den Schüssel mit.

Gemächlich, um keinen Verdacht zu erwecken, wandte er sich vom Tresen ab und strebte dem Ausgang der Kneipe zu.

Schweiß trat ihm auf die Stirn, er glaubte, die Blicke der anderen im Lokal in seinem Rücken zu spüren, hörte schon den Aufschrei: »Haltet den Dieb!«

Sein Mund wurde trocken, sein Gang unsicher. Doch nichts geschah, niemand schenkte ihm Beachtung, niemand stellte sich ihm in den Weg.

Jetzt hatte der Hunter die Tür erreicht. Kalte Abendluft schlug ihm entgegen.

Er zog die Kapuze seiner Jacke über den Kopf und rannte zu dem Z4, der etwa hundert Meter entfernt vom Eingang des großen umzäunten Parkplatzes stand.

Was für ein Traumwagen!, dachte er, als er auf das schnittige Cabrio mit der langen Schnauze zulief. Und gleich gehörst du mir!

Doch kurz bevor er den BMW erreichte, rutschte er auf einer vereisten Pfütze aus und schlug der Länge nach hin. Ein irrer Schmerz schoss in seinen linken Ellbogen.

Mit zusammengebissenen Zähnen rappelte sich der Hunter auf. Verflucht! Er überwand die letzten Meter zum Wagen, drückte den Knopf auf dem Schlüssel und hörte das Klacken der Zentralverriegelung. Gedämpftes Licht flutete in den Wagen.

Bereit zum Einsteigen. Bitte nehmen Sie Platz!

Als der Hunter die Tür öffnete, erklang Geschrei vom Lokal.

Er erstarrte und warf einen hektischen Blick zurück.

Verdammt, da waren der BMW-Besitzer und noch ein paar andere Typen! Der BMW-Besitzer deutete auf den Hunter und brüllte etwas. Jetzt rannten die Männer los.

Rasch glitt der Hunter in den Schalensitz des Sportwagens, wobei er wieder fiese Schmerzen im Arm verspürte.

Mit zitternden Fingern schob er den Schlüssel in den Schacht und drückte den Start-Knopf. Der Drei-Liter-Motor dröhnte sofort los. Der Hunter legte den ersten Gang ein und trat aufs Gaspedal. Der Z4 wurde nach vorn katapultiert. Der Hunter jagte den Sportwagen in eine enge Kurve, um ihn zu wenden und zum Ausgang des Parkplatzes zu steuern. Dabei brach das Heck des BMW auf dem eisigen Boden aus.

Erneut verfluchte der Hunter diesen ungewöhnlich kalten November.

Er trieb den Sportwagen auf das Schlupfloch im Zaun zu. Doch da schob sich ein SUV davor, der gleich neben der Zufahrt abgestellt worden war: Einer der Kneipenbesucher war dem BMW-Besitzer zu Hilfe geeilt und versperrte dem Hunter den Weg.

Oh nein!, dachte er und trat mit voller Wucht auf die Bremse. Und jetzt?

Ein Blick in den Spiegel. Von hinten stürmte ein Trupp Männer heran – und an dem SUV kam der Hunter niemals vorbei.

Da blieb nur noch eins.

Der Hunter gab Gas und schoss auf den Zaun zu. Die Schnauze des Z4 bohrte sich in die Metallmaschen und es gab einen heftigen Schlag gegen die Karosse, doch dann war der BMW durchgebrochen. Ein überaus hässliches Schaben und Kratzen am Metallic-Lack folgte und der Dieb litt.

Auf der anderen Seite des Zauns war eine kleine Grünfläche mit niedrigen Büschen. Der Hunter umrundete sie und gelangte zur Straße. Hinter ihm blendeten Scheinwerfer auf.

Der SUV hatte die Verfolgung aufgenommen.

Trotz der Schmerzen im Arm lächelte der Hunter und tippte aufs Gaspedal. Der Z4 flog förmlich die Straße hinunter.

Die Lichter des SUV verblassten.

Der Hunter hatte wieder Beute gemacht.

Gefährliches Überholmanöver

»Nein, geh weg!«, rief Mick.

Der Elfjährige versuchte gerade, seine Chipstüte gegen Mortimer zu verteidigen, einen leicht übergewichtigen Mops mit süßem Knautschgesicht, der mit vollem Namen Mortimer von Hohenlohe hieß. Mortimer hockte zwischen Mick und dessen Cousine Lara auf der Rückbank eines klapprigen Wohnmobils, das von Micks Vater gesteuert wurde. Micks Mutter saß auf dem Beifahrersitz und rührte in einer Tasse Tee.

»Das sind meine!« Energisch schob Mick den Mops von sich.

Nun legte Mortimer eine Pfote auf Micks Bein und sah ihn schräg von unten an.

Es war der herzzerreißende Ich-bin-doch-dein-bester-Freund-Gesichtsausdruck, den der Mops super beherrschte.

Und besten Freunden gibt man schließlich immer etwas ab.

Mortimer liebte Chips über alles. Im Grunde liebte er Futter jeder Art über alles.

Mick streichelte Mortimers Kopf. Das wertete der Mops als Aufforderung. Also steckte er seine platte Nase erneut in die Tüte.

Wieder packte Mick ihn am Halsband und zog ihn sanft, aber bestimmt zurück.

»Das sind meine«, sagte er erneut und stupste Lara an. »Kannst du diese Mampfmaschine mal zehn Minuten stoppen? Mortimer ist schließlich dein Hund.«

»Aber es sind deine Chips«, erwiderte Lara grinsend. »Du hast Mortimer provoziert, indem du die Tüte geöffnet hast. Und wenn Mortimer mal Hunger hat, dann …«

»Mal? Mortimer hat immer Hunger.« Mick rollte mit den Augen, und mit einiger Mühe gelang es ihm, den Mops erneut zurückzuschieben. Mortimer schnaufte und knurrte ein wenig vor sich hin. Dann gähnte er demonstrativ, also würden ihn die Chips überhaupt nicht interessieren.

»Wie lange ist es noch?«, fragte Mick nach vorn.

»In einer halbe Stunde sind wir da, denke ich«, erwiderte Ed Winter. Der frühere Formel-1-Fahrer betrieb mit seiner Frau Marie eine Kartbahn. Dort trainierte Mick, sooft es ging, und jagte seinen kleinen Flitzer durch die engen Kurven.

Er war sehr talentiert, was ihm den Spitznamen Speedy eingebracht hatte. Mick hoffte, später in der Formel 1 starten zu können – wie sein älterer Bruder Jason, der bereits einige Grands Prix gewonnen hatte.

Lara verbrachte viel Zeit auf der Kartbahn, ebenso wie Jan und Benjamin, den alle wegen seiner Körpergröße nur Big Ben nannten. Zusammen waren die vier das Top-Speed-Team.

Jetzt befanden sich die Winters auf der Rückfahrt von einem Kartrennen, das Mick in seinem smaragdgrünen Kart mit den goldfarbenen Streifen gewonnen hatte.

Das alte Wohnmobil samt Anhänger und Kart quälte sich gerade auf einer Landstraße eine Anhöhe hinauf. Mick schaute aus dem Fenster, über das Wassertropfen liefen. Ein nasskalter Tag im November.

Es war halb zehn und stockdunkel. Rechts und links der Bundesstraße standen Bäume, ein Spalier von schwarzen Silhouetten.

Plötzlich blendeten hinter ihnen Scheinwerfer auf und Mick und Lara drehten die Köpfe.

Ein Auto kam mit hoher Geschwindigkeit auf sie zu und setzte zum Überholen an.

Direkt dahinter war ein zweites Fahrzeug.

Schon jagte der erste Wagen am Wohnmobil vorbei. Er musste deutlich über einhundert Sachen draufhaben.