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Fabian Lenk

Top Speed
Der rote Lotus

ISBN 978-3-649-66765-0

www.coppenrath.de

In der Reihe „Top Speed“ von Fabian Lenk erscheinen die folgenden Titel

Band 1: Top Speed. Die Falle in der Schlangenkurve
(eBook: 978-3-649-66764-3 / Buch: 978-3-649-61794-5)

Band 2: Top Speed. Der rote Lotus
(eBook: 978-3-649-66765-0 / Buch: 978-3-649-61795-2)

Band 3: Top Speed. Duell ohne Regeln
(eBook: 978-3-649-66818-3 / Buch: 978-3-649-61958-1)

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EIN GEHEIMES TREFFEN

Der Boss war nervös. Wo blieben die denn? Zum wiederholten Mal schaute er auf die Uhr. Es war 21.06 Uhr. Die Typen waren also schon sechs Minuten zu spät dran! Eine Unverschämtheit. Schließlich wollten die vier Herren etwas von ihm und nicht umgekehrt.

Und zwar sein Geld.

Der Mann, der einen schicken Anzug trug, hatte 40.000 Euro in seinem Sakko verstaut. 10.000 Euro für jeden der vier. Das war als Anzahlung gedacht. Deswegen trafen sie sich heute.

Wenn der Coup gelang, war ein Nachschlag für das Quartett fällig – das wusste er.

Der Coup … eine tiefe Sorgenfalte trat auf seine Stirn und er wurde noch nervöser. Hoffentlich ging alles gut!

Außerdem war ihm zu warm, er schwitzte heftig. Auf seiner Stirn stand Schweiß.

Er saß im Biergarten einer Gaststätte. An diesem Juliabend wollte die Sommerhitze einfach nicht weichen. Es waren noch deutlich über 20 Grad. Ziemlicher Quatsch, im Anzug aufzukreuzen, dachte er.

Die anderen Tische waren gut besetzt, nur er war allein. Vor allem viele Formel-1-Fans, die sich bereits auf das Rennen am Wochenende auf dem Hockenheimring freuten, bevölkerten die Gaststätte. Einige trugen Kappen oder T-Shirts ihres Lieblingsrennstalls. Der Boss lockerte die Krawatte und öffnete den obersten Hemdknopf.

Wieder ein Blick auf die Uhr. 20.08 Uhr. Verdammt! Verärgert nippte er an seinem Bierglas.

Plötzlich kam ihm ein böser Gedanke: Was wäre, wenn das Quartett gar nicht hier aufkreuzte, ihn im Stich ließ?

Sofort schob er den Gedanken beiseite. Nein, das glaubte er nicht. Die vier waren garantiert scharf auf das Geld.

Da vernahm er von der Straße ein Geräusch, das rasch lauter wurde. Klang das nicht nach – doch, das war bestimmt der Lärm von Motorrädern. Das mussten die vier sein! Schließlich fuhren sie hochgezüchtete Enduro-Maschinen.

Schnell zog er ein Taschentuch hervor und tupfte sich die Stirn ab. Na endlich!

Der Parkplatz lag hinter einer Hecke, die den Biergarten zur Straße abschirmte.

Der Boss starrte zum Eingang. Vier junge Männer in schwarzen Lederklamotten kamen auf ihn zugestapft. Offene Jacken, darunter T-Shirts. Der erste war ein dünner Typ namens Frankie, der zweite über und über tätowiert, der dritte stiernackig und muskulös und der vierte, den der Boss am besten kannte, eher klein.

Frankie schaute sich suchend um und der Chef hob kurz die Hand. Nun kam das Quartett an seinen Tisch und setzte sich.

»Und, wie läuft’s?«, fragte Frankie lächelnd.

»Alles nach Plan«, entgegnete der Mann im Anzug leise.

Der Motorradfahrer hob die Augenbrauen. »Also Freitagabend um 23 Uhr?«

»Ganz genau. Sind Sie bereit?«

»Sicher«, lautete die Antwort. Frankie war der Wortführer der vier, die anderen drei schwiegen beharrlich.

»Und der Lkw?«

»Alles okay. Wir haben hinten noch eine Art Ramme angeschweißt«, sagte Frankie und grinste breit. »Damit kommen wir überall durch. Auch der lächerliche Zaun an der Rennstrecke wird kein Hindernis sein. Aber was ist mit den Wachleuten auf dem Gelände?«

Der Boss nickte. »Das habe ich geprüft. Die sind dünn besetzt, und wenn ihr schnell seid, haben die keine Chance.«

»Wir sind schnell«, erwiderte Frankie und deutete auf seine Jackentasche. »Notfalls habe ich das hier.«

Der Chef sah genauer hin. Ihm lief ein Schauer über den Rücken und sein Puls begann zu galoppieren. Der verrückte Typ hatte eine Knarre dabei!

Sein Mund wurde trocken, er schluckte heftig. »Verdammt, packen Sie das Ding weg!«

»Keine Sorge«, versuchte Frankie, seinen Chef zu beruhigen.

Der Mann im Anzug schnaufte. Was hatte er da nur angeschoben? Doch es gab kein Zurück. Der Coup war seine letzte Chance. Wenn er misslang, war er geliefert.

Langsam wurde der Boss wieder etwas ruhiger. »Gut. Ich sehe schon, ich kann mich auf Sie verlassen.«

Jetzt beugte sich Frankie dicht zu ihm. »Natürlich können Sie das. Aber können wir uns auch auf Sie verlassen? Stehen Sie zu Ihrem Wort? Anders gefragt: Wo ist die Kohle?«

Der Mann im Anzug spürte, wie ihm erneut der Schweiß auf die Stirn trat.

Er hob abwehrend die Hände. »Das Geld habe ich dabei.«

Dann holte er aus dem Sakko vier Umschläge hervor und schob sie über den Tisch. Die jungen Männer griffen schnell zu – wie Fische, die nach dem Köder schnappen.

In diesem Moment trat eine abgehetzt wirkende Kellnerin heran. »Was darf’s denn sein?«, fragte sie in die Runde, das Notizblöckchen gezückt.

»Nichts«, kam es schroff von Frankie zurück. »Wir sind schon wieder so gut wie weg.«

»Für Sie vielleicht was?«, wagte die Bedienung einen weiteren Versuch und lächelte den Boss freundlich an.

»Jaja, noch ein Bier«, sagte er und machte eine Handbewegung, als wollte er eine Fliege verscheuchen.

Endlich ging die Kellnerin.

»Wir zählen auf der Straße nach. Hier ist zu viel los.« Frankie stand auf und seine stummen Begleiter folgten seinem Beispiel.

»Es fehlt nichts«, beteuerte der Mann im Anzug.

Frankie formte die rechte Hand zu einer Pistole und deutete auf seinen Auftraggeber.

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»Das hoffe ich für Sie. Denn wenn doch, sind wir wieder da. Und ich glaube nicht, dass Ihnen das gefallen würde. Peng, peng«, meinte er lachend zum Abschied.

Als der Boss wieder allein war und das frische Bier vor ihm stand, atmete er tief durch. Die Nervosität und Furcht blieben jedoch. Wie zwei lästige Papageien saßen sie rechts und links auf seinen Schultern und kreischten in seine Ohren: Es geht schief, es geht schief!

Was hatte er da nur angeschoben?, fragte er sich zum zweiten Mal an diesem Abend.

COOLER BESUCH

Mick bretterte in seinem smaragdgrünen Kart über die Piste seiner Eltern. Der 11-Jährige schoss mit über Tempo 90 auf die Welle zu, eine gefürchtete Kurvenkombination auf der Strecke. Aber Mick, der bereits einige Rennen gewonnen und daher von seinen Freunden den Spitznamen »Speedy« verpasst bekommen hatte, meisterte die Schikane hervorragend. Kein Wunder, schließlich kannte er die Strecke in- und auswendig. Seit er acht Jahre alt war, trainierte er in jeder freien Minute.

Er schoss aus der fiesen Welle und steuerte die nächste, nicht minder fiese Herausforderung an – die Spitzkehre.

Doch kurz bevor Mick die Kurve erreicht hatte, nahm er ein beunruhigendes Geräusch wahr. Der Motor lief nicht sauber. Sein Vater, der frühere Formel-1-Pilot Ed Winter, hatte ihm beigebracht, in seinen Flitzer hineinzuhören. Trotz Helm und Haube, die er wie immer trug, war er sich sicher, dass etwas nicht stimmte.

Wie zur Bestätigung wurde er langsamer. Er pötterte durch die Spitzkehre und bog dann gleich rechts ab in die Boxengasse der Bahn. Der Motor musste sofort durchgecheckt werden.

Die Boxengasse lag vor einer Halle, in der die Werkstatt untergebracht war. Außerdem standen hier die Karts, die sich die Besucher der Bahn ausleihen konnten. In der Gasse warteten bereits die anderen Mitglieder des Top-Speed-Teams: Jan, der ebenfalls Kartrennen fuhr, saß auf einem Reifenstapel und grinste. Neben ihm stand Big Ben, ein großer, stiller Typ, der seit Längerem davon träumte, ein eigenes Kart zu besitzen. Die technikbegeisterte Lara, Micks Cousine, war gerade damit beschäftigt, ihren Mops Mortimer von Hohenlohe davon abzuhalten, auf die Piste zu stürmen, um Mick zu begrüßen.

Das Kart rollte mit einem heftigen Misfire aus und Mick kletterte aus der harten Sitzschale.

»Was war denn das?«, fragte Jan und lachte. »Ist schon Silvester? Deine Kiste veranstaltet ja ein echtes Feuerwerk.«

»Du warst schon mal schneller, Speedy«, meinte auch Lara, die Mortimer im Arm hielt. »Aber das lag wohl am Motor.«

Mick nickte. »Richtig. Jetzt hilft nur Paul!«

Der begnadete Techniker war seine ganze Hoffnung.

Die Freunde liefen in die Werkstatt, wo Paul gerade an einem der Leihkarts herumschraubte.

»Ich habe ein Problem …«, begann Mick.

»Ich weiß. Das war nicht zu überhören«, fiel Paul ihm ins Wort. »Könnte am Vergaser liegen. Bring dein Kart rein, ich kümmere mich darum.«

Mick war erleichtert, dass sich Paul der Sache gleich annahm. In den magischen Händen des Mechanikers würde sein Flitzer bald wieder so schnell sein wie zuvor.

Als er mit Big Ben das Kart in die Werkstatt schob, hatte Paul schon das passende Werkzeug zusammengestellt: Kreuz- und Schlitzschraubendreher, eine kleine Zange, eine angeschliffene Nuss zum Lösen des Kraftstoffventils, Ausblaspistole, Druckluftschlauch und einen speziellen Reiniger, der aus einer Nitro-Verdünnung bestand.

»Dann wollen wir doch mal sehen, was deinem Baby fehlt«, sagte Paul und machte sich an die Arbeit. »Du weißt ja: Jedes noch so kleine Schmutzkörnchen kann deinem Vergaser schaden.«

Das Top-Speed-Team sah dem Techniker begeistert zu, wie er den Vergaser fachgerecht in seine Einzelteile zerlegte und zu reinigen begann. Mortimer schnupperte an der Reinigungslösung und schüttelte den bulligen Kopf.

»Na, ihr alten Schrauber?«, erklang da eine Stimme von der Tür.

Micks Herz machte einen Sprung.

»Jason!«, rief er, während er herumwirbelte.

Jason war nicht nur sein älterer Bruder, sondern auch sein großes Vorbild. Schließlich fuhr er bereits seine erste Formel-1-Saison. Damit galt er in der Branche zwar noch als ein Rookie, als ein Anfänger, doch er hatte sich von den alten Hasen auf den Pisten nicht einschüchtern lassen und bereits sehr gute Ergebnisse erzielt. Jason, davon waren alle überzeugt, gehörte die Zukunft. Und als Nächstes stand für ihn der Große Preis von Deutschland auf dem Hockenheimring an.

Mick lief ihm entgegen. »Cool, dass du da bist!«

»Bin gerade angekommen.« Reihum gab er Micks Freunden und Paul die Hand. Da drängte sich Mortimer gegen ihn, schaute ihn mit seinem unschlagbar süßen Knautschgesicht an und legte ihm eine Pfote aufs Bein. Sofort kniete sich Jason hin und kraulte den Mops unter dem Hals. Dort hatte Morti es besonders gern.

Ein zischendes Geräusch war zu hören, weil Paul gerade die Ventile des Vergasers ausblies.

»Sieht aus wie in einer Sandkiste«, murmelte er. »Kein Wunder, dass dein Kart Zicken gemacht hat.«

Mick schaute dem Mechaniker über die Schulter. »Also wird mein Flitzer wieder?«

»Aber klar doch!«, antwortete Paul und begann, den Vergaser zusammenzubauen.

Beruhigt wandte sich Mick wieder an seinen Bruder. »Jetzt erzähl mal, was machen die Vorbereitungen für das Rennen in Hockenheim?«

»Alles super, aber wie immer haben wir so kurz vor dem Start enorm viel zu tun, um das richtige Set-upWinglets