1. Das Null-KINd

Ich habe zwei Geschwister. Meine unglaublich nervige Schwester Jessie ist die Älteste und mein niedlicher kleiner Bruder Timmy ist der Jüngste. Ich, Daniel, stecke genau dazwischen.

Jessie hält sich für die wichtigste Person in unserer Familie, der Welt und dem gesamten Universum. Sie denkt, sie wäre überall die Nummer eins, besonders aber bei uns zu Hause.

Timmy ist das Nesthäkchen und bekommt natürlich alles, was er will. Niemand schimpft mit ihm. Alle behandeln ihn wie eine Kreuzung aus einem kleinen Prinzen und ihrem Lieblingsteddy. Wenn Jessie in unserer Familie die Nummer eins ist, dann ist Prinz Timmy die Nummer zwei.

Und wo bleibe ich dabei? Alle vergessen, dass ich der Zweite bin. Aber zwischen Nummer eins und Nummer zwei ist keine Nummer mehr übrig. Ich bin ein Nichts. Eine große, schlaksige, dürre Null. Ich bin der, der von allen ignoriert wird – und der natürlich immer an allem schuld ist.

Ich habe Jessie schließlich nicht gezwungen, sich an meinem Skateboard den Zeh zu stoßen.

Ich habe Timmy auch nicht dazu aufgefordert, mich nachzuahmen, als ich ein Stück Brokkoli ausgespuckt habe, das Mum in die Hähnchenpastete geschmuggelt hatte. Und trotzdem hat sie deswegen mit mir geschimpft.

Ich gebe ja zu, dass ich manchmal Mist baue.

Ich habe mir Dads Brieftasche ausgeliehen, um im Badezimmer jonglieren zu üben. Leider habe ich dabei vergessen, den Klodeckel runterzuklappen …

Nach einem wissenschaftlichen Experiment in der Küche habe ich das Salz mit dem Zucker vertauscht. Später wurde allen schlecht, als sie auf dem Schulfest Mums Plätzchen aßen …

Für ein Kunstprojekt hab ich mir die Schrauben von Mr Pitdowns Stuhl in unserem Klassenzimmer geborgt. Leider habe ich dann vergessen, sie anschließend wieder dranzuschrauben …

Für all das wurde ich ausgeschimpft, und dann hing alles auch noch irgendwie zusammen und daran war ich angeblich auch wieder schuld:

Mr Pitdown, unser Lehrer, fiel auf den Hintern, als der Stuhl unter ihm zusammenkrachte.

Er schrieb Mum einen Beschwerdebrief.

Mum versuchte, ihn mit ein paar ihrer ekligen Plätzchen zu besänftigen.

Dad hatte keinen trockenen Geldschein, als wir für die Weihnachtsgeschenke der Lehrer sammeln sollten. Darum steckte er nur eine feuchte Einpfundmünze in die Sammelbüchse.

Ergebnis: Ich bin in der Schule genauso eine Null wie zu Hause!

Heute Morgen habe ich gefrühstückt, mir die Zähne geputzt, meine Hausaufgaben in die Schultasche gestopft und war pünktlich bereit, um mich auf den Schulweg zu machen. Wenn Jessie das getan hätte, wäre Dad sofort zum Telefon gestürmt, um die Lokalpresse über dieses Wunder zu informieren. Und wenn es Timmy gewesen wäre, hätte Mum fünf Sterne auf seine Belohnungskarte geklebt.

Ich bekam überhaupt nichts. Mum und Dad bemerkten es nicht einmal. Nicht nur, dass ich für Sachen ausgeschimpft werde, die ich gar nicht angestellt habe – ich bekomme obendrein auch keine einzige Belohnung für Dinge, die ich geleistet habe!

Ich hatte die Küche schon fast verlassen, als Mum rief: »Was hast du mit dem Hefter gemacht?«

»Ich habe den Hefter nicht mal angefasst«, rief ich zurück. Ich musste schreien, denn Timmy knallte ein Spielzeug wieder und wieder auf den Tisch und machte dabei einen Höllenradau.

»Jessie, weißt du, wo der Hefter ist?«

»Was soll ich denn mit einem blöden Hefter?«

»Zwei Blätter zusammenheften«, sagte ich.

»Ich brauche kein Papier und keinen Hefter. Ich lebe im digitalen Zeitalter.« Jessie zeigte mir den Mittelfinger und stöpselte sich Kopfhörer in die Ohren, um sich vor Schulbeginn mit ihrer Mindestdosis One Direction vollzudröhnen.

»Rob, Hefter?« Mum gab noch nicht auf.

»Und ich dachte, mein Name sei Rob Kendal«, sagte Dad.

»Das ist nicht witzig!« Wenn Mum wütend ist, dann sieht sie genau wie Jessie aus:

»Efter, Efter.« Timmy knallte sein Spielzeug so fest auf den Tisch, dass seine Tasse umkippte und der Orangensaft sich über den Tisch ergoss.

Mum griff nach dem Nächstbesten, um die Sauerei wegzuwischen.

»Das ist meine Zeitung!«, protestierte Dad.

»Das ist ein Notfall!«, sagte Mum.

Zu spät! Die Saftwelle raste über den Tisch und schwappte über den Rand direkt in Jessies Schoß.

»Aaaah!« Jessies Gefühls-Zufallsgenerator schaltete auf DRAMA TEEN. Sie sprang auf und hielt ihren Rock von sich weg. Noch mehr Orangensaft klatschte auf den Boden. »Ich bringe dich um, Daniel Kendal!«

»Aber ich habe doch gar nichts gemacht!«

»Die Zeitung ist ruiniert! Jetzt kann ich weder das Kreuzworträtsel lösen noch die Auflösung von gestern nachsehen.« Dad hielt das tropfende Ding hoch und sah mich an.

»Es ist Timmys Schuld«, sagte ich. »Wenn er nicht mit diesem …« Ich deutete auf das Spielzeug in seiner Hand. Allerdings war es gar kein Spielzeug. »Ich glaube, da ist genau das, was du suchst, Mum.« Timmy knallte den Hefter auf den Tisch.

»Aaaah!«, schrie Mum und klang dabei genau wie Jessie. »Warum hast du mir nicht gesagt, dass der Kleine den Hefter hat? Also ehrlich, Dan, du bist jetzt alt genug, um ein bisschen mehr Verantwortung zu übernehmen.« Mum klappte den Hefter auf. »Er ist randvoll. Timmy hätte sich damit verletzen können.« Sie drückte den Hefter zusammen und eine Heftklammer flog auf mich zu.

Ich duckte mich, um nicht von meiner eigenen Mutter mit einer Heftklammer erschossen zu werden. Da ertönte draußen ein Martinshorn. Blaulicht beleuchtete unsere orangerot verkleckerte Küche.

Was für ein Glück. Jemand hatte den Notruf gewählt. Sie kamen, um mich zu retten!

»Hoffentlich ist es die Polizei, die dich festnehmen will«, sagte Jessie. »Weil du der nutzloseste Bruder bist, den es je gegeben hat. Sie werden dich mitnehmen und für immer einsperren.«

»Ich habe nichts angestellt und ich bin nicht nutzlos.«

»Du bist eine Null, ein Nichts, ein Niemand!« Jessie streckte mir die Zunge heraus.

Timmy heulte.

»Jetzt hast du den Kleinen zum Weinen gebracht, Dan!« Mum hob Timmy aus dem Hochstuhl und wiegte ihn auf dem Arm.

Ich geb’s auf! Immer wird mir alles in die Schuhe geschoben. Demnächst wahrscheinlich auch noch die globale Erwärmung! Dabei war ich noch nicht mal geboren, als das erste Ozonloch entdeckt wurde.

»Ich muss los.« Ich schulterte meine Schultasche und trat in den Flur. Aber bevor ich die Haustür öffnen konnte, klingelte es.

Ich darf niemandem mehr die Tür aufmachen, seit wir vor einiger Zeit mal ein scheußliches Erlebnis mit ein paar Verrückten hatten, die meinten, sie wären von Außerirdischen entführt worden. Also musste ich warten, bis Dad sich an mir vorbeischob und die Tür öffnete.

Und Jessie hatte recht.

Es war die Polizei.

2. Das Problem Mit der PolIzeI

Ich hatte gleich ein schlechtes Gewissen, obwohl ich nichts angestellt hatte. Aber das ist wohl eine ganz normale Reaktion, wenn man zwei Polizisten vor der Tür stehen sieht, nachdem man den ganzen Morgen von seiner Familie zum Sündenbock gemacht worden ist.

»Verzeihen Sie, Sir, wir waren in der Nähe und haben Geschrei gehört. Gibt es hier ein Problem?«, fragte der größere der beiden Polizisten.

Ja! Das Problem nämlich, dass alle auf mir herumhackten! Doch ich beschloss, zunächst zu schweigen.

»Tut mir leid.« Dad wurde rot. »Nur ein kleiner Familienstreit beim Frühstück.«

»Dann holen Sie doch bitte mal kurz ihre ganze Familie in den Flur«, sagte der große Polizeibeamte.

Ich glaube, er spielte den bösen Bullen. Der andere Polizist war eine Frau. Sie lächelte mich an, als wäre sie der gute Bulle. Aber ich habe so viele Krimiserien gesehen, dass ich Bescheid weiß: Der gute Bulle tut nur so, als wäre er nett, um den Verdächtigen reinzulegen. Darum erwiderte ich das Lächeln nicht.

Dad rief Mum und Jessie.

Der böse Bulle fuhr fort: »In der Gegend ist eingebrochen worden. Hat jemand von Ihnen in der letzten Nacht etwas Ungewöhnliches bemerkt?«

Wir schüttelten alle den Kopf.

»Schon wieder?«, fragte Dad stirnrunzelnd. »Bei wem denn diesmal?«

»Bei Miss Duffy«, sagte der große Polizist.

»Bei Carol? Dann gehe ich lieber mal nachsehen, ob es ihr gut geht.« Dad griff nach seinem Mantel.

»Aber du wolltest doch Jessie zur Schule fahren!«, sagte Mum und klang dabei selbst wie ein böser Bulle.

Mum kann Carol nämlich nicht gut leiden. Dad hingegen schon.

»Wir haben nichts gesehen oder gehört«, sagte Mum zu den beiden Polizisten. »Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würden wir jetzt gerne die Kinder für die Schule fertig machen.«

Der böse Bulle ließ seinen Blick an mir rauf- und runterwandern, als würde er nach etwas Verdächtigem suchen. Doch dann nickte er, bevor er zusammen mit der Polizistin weiterging zum nächsten Haus.

Normalerweise bekomme ich unsere Nachbarn morgens nie zu Gesicht, aber heute standen sie alle entweder an ihren Gartentoren oder sie lugten hinter den Gardinen hervor. Alle starrten mich an.

Keine Ahnung, warum sie sich plötzlich für mich interessierten.

Ich hatte die ganze Nacht in meinem Hochbett geschlafen, ganz sicher war ich nicht um die Häuser geschlichen und hatte mir Sachen angeeignet, die mir nicht gehörten. War ihnen denn nicht klar, dass ich nur eine Null, ein Nichts, ein Niemand war?

Freddo und Gordon waren schon da, als ich ins Klassenzimmer kam. Sie sind meine beiden besten Freunde, aber wenn ich nicht dabei bin, ignorieren sie einander.

Gordon saß an seinem Tisch in der ersten Reihe und redete auf seinen Laptop ein. Er ist der Einzige in der Klasse, der einen Computer mit in die Schule bringen darf. Nicht etwa, weil er eine schlechte Handschrift hätte – er ist das ordentlichste Kind in der Klasse (vermutlich sogar das ordentlichste Kind der ganzen Welt). Aber ohne seinen Laptop fängt er an zu zittern. Darum erlauben ihm die Lehrer, ihn mitzubringen, vorausgesetzt er lässt ihn während des Unterrichts zugeklappt.

Freddo saß auch an seinem Tisch (direkt neben meinem) und kratzte sich mit seinem Zirkel den Dreck unter den Fingernägeln raus.

»Dan, alter Kumpel!« Freddo hielt mir die Handfläche zum High five hin. Dabei hatte er allerdings immer noch den Zirkel in der Hand, und da ich nicht gestochen werden wollte, winkte ich ihm lieber nur kurz zu und ließ mich auf meinen Stuhl fallen. Gordon sagte nichts, aber ich bemerkte, dass die Muskeln an seinem Ohr zuckten, darum wusste ich, dass er nur so tat, als würde er mich nicht sehen.

»Was geht ab?«, fragte Freddo.

»Nichts Besonderes«, sagte ich. »Nur dass alles immer mir in die Schuhe geschoben wird, einschließlich des Weltuntergangs. Außerdem wurde letzte Nacht schon wieder in unserer Nachbarschaft eingebrochen. Bis jetzt hat zwar noch niemand versucht, es mir anzuhängen, aber das ist nur eine Frage der Zeit.«

»Cool!«, rief Freddo. »Was wurde denn gestohlen?«

»Vermutlich das Übliche, Fernseher, Handys, Computer und so.«

Gordon zog seinen Laptop näher zu sich heran und streichelte ihn beschützend.

»Es wimmelt von Polizeibeamten in unserer Straße. Hoffentlich werden die Einbrecher erwischt, bevor sie wieder zuschlagen können.«

»23,3 Prozent«, sagte Gordon.

Freddo sah mich an und verdrehte die Augen.

»Was bedeutet das, Gordon?«, wollte ich wissen.

»In diesem Land gibt es jedes Jahr mehr als eine Million Einbrüche, nur 23,3 Prozent davon werden aufgeklärt.«

»Bloß so wenige?«, sagte ich.

Gordon schüttelt dauernd irgendwelche seltsamen Statistiken aus dem Ärmel. Meist ignoriere ich ihn. Freddo ignoriert ihn ständig.

Aber jetzt ging es um etwas Ernstes. In meiner Straße war schließlich ein Verbrechen geschehen!

»Willst du damit sagen, dass die Polizei die Täter wahrscheinlich gar nicht fangen wird?«

Gordon nickte und tippte weiter auf seiner Laptop-Tastatur herum.

»Das ist bestimmt immer dieselbe Bande«, meinte Freddo und fuhr fort, sich die Fingernägel mit seinem Zirkel zu reinigen. »Die arbeiten sich die ganze Straße entlang, bis man sie schnappt.« Er streifte die Spitze des Zirkels am Rand seines Tisches ab. Nun lag der Schmutz aus seinen Fingernägeln neben seiner Sammlung von getrockneten Nasenpopeln.

»Warum schnappen sie sie denn nicht einfach?«, fragte ich und geriet ein wenig in Panik. Nicht dass in unser Haus eingebrochen wurde, während ich in der Schule war! Ich hatte meine Spielkonsole auf dem Bett liegen gelassen. Und ich hatte 26,73 Pfund gespart. Die waren zwar in meiner Sparbüchse eingeschlossen, aber wenn Einbrecher die Haustür aufbekommen konnten, dann würde wohl eine Plastikspardose aus dem Spielzeugladen auch kein Hindernis für sie sein. »In CSI werden die Verbrecher immer geschnappt«, sagte ich hoffnungsvoll.

»Crime Scene Investigations heißt so viel wie Ermittlungen am Tatort und ist nur eine amerikanische Fernsehserie, Mr. Kendal.« Gordon sah mich an, als wäre ich ein Vollidiot. »Das ist nicht echt.«

»Weiß ich ja. Aber wir haben hier auch Tatorte und Spurensicherer. Wie nennt man die noch mal … Kriminaltechniker?«

»Falls unsere Polizei alle Techniken anwenden würde, die in CSI gezeigt werden, dann könnte sie meiner Berechnung nach 95 Prozent aller Einbruchdelikte aufklären«, sagte Gordon.

»Und was hält sie davon ab?«, fragte ich und überlegte, ob ich mich während der Mittagspause davonstehlen, schnell nach Hause laufen und meine Wertsachen verstecken sollte. Dummerweise hatte ich jedoch den neuen Schlüsselbund vergessen, den Mum mir gegeben hatte, und ich wusste leider nicht, wie ich in mein eigenes Haus einbrechen konnte. Schade, dass es keine Fernsehsendung gibt, die Tatort Türschloss – Einbrechen für Dummies heißt.

»Budgetkürzungen, schätze ich.« Freddo belegte einen Kartoffelchip mit etwas Fingernagelschmutz und getrockneten Nasenpopeln und stopfte ihn sich in den Mund.

»Gestern Abend hat es geregnet«, sagte Gordon. »Die herkömmlichen Methoden zur Sicherung von Fingerabdrücken funktionieren vermutlich nicht.«

»Woher weißt du solches Zeug?«, fragte Freddo.

Gordon sah kurz auf und schielte dabei. Dann hustete er bellend, bevor seine Augen zurück in ihre normale Position sprangen, sodass er fast wieder wie ein Mensch aussah.

»Ich verfasse eine Studie über den Zerfall von DNA-Proben«, erklärte er.

»Und was heißt das im Klartext?«, fragte Freddo.

»Ich mache eine Reihe von Experimenten zur Haltbarkeit von Fingerabdrücken und entwickle dabei neue Methoden, sie aufzuspüren.«

»Wieso?« Freddo hielt Gordons durchgeknallte Experimente mal wieder für reine Zeitverschwendung.

Gordon antwortete nicht.

»Das ist doch genial«, sagte ich. »Du könntest der Polizei helfen!«

»Nein, das könnte ich nicht«, erwiderte Gordon. »Ich bin zu jung. In diesem Land muss man achtzehn Jahre alt sein, um für die Polizei arbeiten zu dürfen.«

»Du brauchst ja nicht gleich ein ausgewachsener Polizeibeamter zu werden, aber du könntest bei den Ermittlungen helfen.«

Gordon runzelte leicht die Stirn, dann wandte er sich wieder seinem Laptop zu.

»Hör mal, Kumpel, ich brauche dich! Mein Haus könnte als nächstes dran sein und danach zieht die Einbrecherbande weiter in eine andere Straße. Vielleicht in deine.« Ich bin noch nie bei Gordon zu Hause gewesen, aber ich wette, es ist ein Paradies für Einbrecher. Gordon besitzt die neusten Modelle von jedem elektronischen Gerät der Welt.

Gordon tippte einfach wortlos weiter, doch dann meldete mein Handy, dass ich eine SMS bekommen hatte: »Wir treffen uns heute Abend um 17.00 Uhr bei dir, und nenn mich nicht Kumpel.«

Gordon zumindest hielt mich nicht für eine Null. Ich war sein Kumpel, auch wenn er es mir nicht ins Gesicht sagen konnte.