Geld und Vertrauen haben eins gemeinsam: Man kann sich noch so anstrengen, um es zu erwerben, es zu vermehren oder wenigstens nicht alles zu verlieren, aber man hat wenig Kontrolle darüber. Wenn man Pech hat, ist es von einer auf die andere Sekunde futsch. Eine schwere Erkenntnis für mich, denn ich

Verrückterweise kommen aber manchmal sowohl das Geld als auch das Vertrauen einfach zurück – selbst wenn man sich noch so sehr dagegen sträubt.

Liebe Grüße von eurer

Maxi

Ende des dritten Teils

»Das ist deine allerletzte Chance.«

»Und ich sage dir, ich mache das nicht.«

»Dann siehst du von dem Geld keinen Cent.«

»Verflucht noch mal, du verstößt gegen ihren Willen.«

»Und du gegen meinen.«

»Darum geht es hier also. Dass du deinen Willen durchsetzt.«

»Nein, hier geht es um zehn Millionen.«

»Um mein Geld.«

»Noch nicht.«

»Du kannst mich nicht dazu zwingen.«

»Oh, ich denke schon.«

KAPITEL 1

Fünfzigtausend? Sie musste wahnsinnig geworden sein! Völlig den Verstand verloren haben! Dabei hatte sie noch ganz vernünftig gewirkt, als ich sie vor zwei Wochen am Flughafen verabschiedet hatte. Na ja, so vernünftig wie meine Omama, die seit jeher zu Verrücktheiten neigte, eben sein konnte. Aber das hier war der Gipfel aller verrückten Dinge, die sie jemals getan hatte.

Okay, es war vermutlich schon sehr verrückt gewesen, mit einem Mann, den sie erst seit einem halben Jahr kannte, nach New York zu fliegen und dort mit ihm den Bund fürs Leben zu schließen. Insbesondere da es sich um einen Birnenkopf mit Halbglatze handelte. Andererseits hatte ich Omama noch nie so glücklich erlebt wie bei ihrer Hochzeit am Valentinstag. Und ganz sicher noch niemals so verliebt.

Verrückt waren natürlich auch die Seancen gewesen, die sie in unserer Küche abgehalten hatte, bis ihr Roy Black erschienen war und sie wochenlang mit »Ganz in Weiß« verfolgt hatte. Ziemlich verrückt war auch ihre Angewohnheit, überall in der Wohnung Lavendel gegen böse Geister zu verteilen, sowie ihr traditionelles Neujahrspicknick auf dem Balkon bei Minusgraden. Aber all das fand ich noch recht normal, verglichen mit den fünfzigtausend Euro, die sie mir aufs Konto überwiesen hatte.

»Omama, was soll das?«, schrie ich aufgeregt in mein Handy, kaum hatte sie den Anruf angenommen.

»Maxi, ist alles in Ordnung? Warum rufst du mitten in der Nacht an?«, brüllte Omama zurück. Sie brüllte immer am Telefon, weil sie glaubte, dass ich sie sonst »am anderen Ende der Welt« nicht verstehen würde.

»Oh, entschuldige.« Mist, in der Aufregung hatte ich glatt die sechs Stunden Zeitunterschied vergessen.

»Schon in Ordnung.« Sie seufzte laut. »Also, was ist los?«

»Was ist das für Geld?«, kam ich ohne Umschweife auf den Grund meines Anrufs zurück. Erst hatte ich die Überweisung für einen Fehler gehalten, als ich meine üblicherweise eher besorgniserregende Finanzlage online geprüft hatte. Dann war mein Kopfkino gestartet und hatte angefangen, mir die wildesten Theorien vorzuspielen: Spekulierte meine Omama neuerdings an der Börse? Hatte sie im Lotto gewonnen? Oder war sie womöglich in irgendwelche kriminellen Aktivitäten verstrickt? Hehlerei? Geldwäsche? Schutzgelderpressung? Aber was machte diese Riesensumme dann auf meinem Konto?

»Warum überweist du mir fünfzigtausend Euro?«, schob ich hinterher, weil meine Omama nicht sofort reagierte.

»Das ist dein Anteil«, erklärte Omama nüchtern.

»Mein Anteil?« Also wirklich etwas Kriminelles?!

»Vom Haus.«

»Wieso vom Haus?« Ich verstand nur Bahnhof.

»Ich habe das Haus verkauft. Weil ich jetzt bei Hubertus wohne. Wer nicht auszieht, kommt nicht heim, so sagt man doch. Nun brauche ich das alte Ding nicht mehr. Und der Buchladen war mir schon lange zu viel. Den habe ich gleich mit verkauft. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie die Immobilienpreise explodiert sind. Da kam ein schönes Sümmchen zusammen. Und da dachte ich mir: Geteilte Freude ist doppelte Freude. Deshalb solltest du deinen Teil davon bekommen. Sicher kannst du das Geld gut gebrauchen, oder?« Sie lachte fröhlich, aber mir war gar nicht nach Lachen zumute.

»Du hast das Haus verkauft?«, echote ich hohl. Bilder schossen durch meinen Kopf: unsere Ikea-Style-Küche, wo wir oft über einer Tasse Kakao gesessen und geredet hatten. Mein Kinderzimmer mit dem bunt lackierten Holztisch, an dem ich vom ersten bis zum letzten Schuljahr meine Hausaufgaben erledigt hatte. Und natürlich der verwinkelte, staubige Buchladen, in dem ich mich ungezählte Stunden in Büchern verloren hatte, auf der Theke das Einmachglas mit Gummibärchen, aus dem ich mich bedient hatte, wenn ich aus der Schule heimkam … »Du hast den Buchladen verkauft?«

Lautes Hämmern direkt über meinem Kopf machte es mir unmöglich zu verstehen, ob und was meine Omama antwortete, und holte mich zurück in die Gegenwart.

»Rick!«, brüllte ich, wobei ich das Handy auf Armlänge von mir wegstreckte. »Hör mal kurz auf, ich telefoniere.« Ein noch kräftigeres Hämmern erklang als Antwort.

»Rick!« Ich griff nach dem erstbesten Gegenstand – einem Wildleder-Pumps mit Plateau-Sohle – und schleuderte ihn gegen die Zimmerdecke. Poch. Poch. Poch. Meine Schuhattacke prallte unbemerkt von meinem handwerkenden Mitbewohner an der Decke ab, und mit dem Pumps rieselte eine Wolke Putz zu Boden. Mist! Ich hielt es ohnehin für eine hirnrissige und halsbrecherische Idee, um sieben Uhr abends das Dach neu decken zu wollen. Aber Rick neigte zu extremen Aktionen und hatte erklärt, er wolle das nur schnell zu Ende bringen, nachdem er schon den ganzen Tag dort oben herumgeturnt war. Zum Glück legte er nun tatsächlich eine kurze Pause ein und aus dem Handy in meiner Hand drang Omamas Stimme zu mir.

»Maxi? Maaaaxi, bist du noch dran?«

»Ja.« Ich drückte mir das Telefon wieder ans Ohr.

»Was ist denn bei euch los?«

»Rick deckt das Dach.«

»Um diese Zeit?«

»Sag ihm das.«

Poch. Poch. Poch. Jetzt ging das schon wieder los! Im Grunde war ich ja dankbar, dass Rick sich so für die Renovierung von Pinkstone einsetzte. Denn Pamela und Saida, unsere anderen beiden Mitbewohnerinnen, hatten ihre Hilfe zwar fest zugesagt, hielten sich nun aber zurück, angeblich, weil sie zu viel mit ihren Jobs zu tun hatten. Pam kellnerte neuerdings in einem Diner am Times Square, wo die Mitarbeiter die Gäste nicht nur mit Burgern und Pommes, sondern auch mit Musical-Hits erfreuten. Und Saida bereitete sich auf ihr erstes Mode-Shooting und ihre Gerichtsverhandlung vor. Aber mal ehrlich: Daneben blieb eigentlich viel Zeit, um im Haus mit anzupacken. Ich schaffte es ja auch, obwohl ich als Redaktionspraktikantin bei dem Magazin Zeitgeist jede Menge zu tun hatte. Ein bisschen mehr Engagement hätte ich mir schon gewünscht. Immerhin war die Renovierung des Hauses die Voraussetzung dafür, dass wir hier leben durften. Zumindest noch drei Monate, bis der Besitzer es meistbietend versteigern wollte.

Poch. Poch. Poch.

»RIIIIICK!« Wie gesagt: Ich war ihm dankbar, aber das Hämmern nervte gewaltig. Ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen, dabei war das gerade bitternötig.

»Du hast unser Haus also verkauft?«, hakte ich in der nächsten Poch-Pause bei Omama nach. Ich vermute, dass ich dabei ziemlich jämmerlich klang, denn ihre Antwort fiel deutlich zurückhaltender aus als zuvor.

»Ja, mein Mädchen, das habe ich. Ich hätte nicht gedacht, dass dich das stören würde.«

»Und wo soll ich wohnen, wenn ich wieder nach Hause komme?«, fragte ich kleinlaut. Ich hatte nie besonders an unserem Haus gehangen, zumindest hatte ich mir keine Gedanken darüber gemacht. Aber jetzt, wo es verkauft war, vermisste ich es plötzlich schrecklich. Zumal mir nicht klar war, wo ich nach Ablauf der Frist durch unseren Vermieter leben würde, falls Pinkstone dann womöglich doch abgerissen würde. Denn die Option bestand ja nach wie vor.

»Aber, Maxi, dann wohnst du natürlich bei uns«, versuchte Omama, mich eilig zu trösten. »Ich habe deine Möbel alle mitgenommen. Du hast hier dein eigenes Zimmer. Hubertus besitzt ein riesiges Haus. Ein wunderschönes Haus. Es wird dir gefallen. Mein Haus ist dein Haus – das sagen die Spanier, glaube ich. Oder die Italiener? Na egal, Hubertus sieht das jedenfalls genauso!«

Poch. Poch. Poch. Poch. Poch.

Meine Güte, hörte das denn gar nicht mehr auf? So langsam fing mein Kopf an zu dröhnen. Der Lärm über mir gepaart mit diesem Telefonat war einfach zu viel. Nicht genug, dass meine New Yorker Bleibe eine Baustelle war und womöglich in Kürze nicht mehr existieren würde. Nun hatte ich auch kein Zuhause mehr in Deutschland, in das ich zurückkehren konnte. Über diese deprimierenden Gedanken hatte ich den eigentlichen Grund des Anrufs ganz vergessen.

»Es tut mir leid, Maxi«, sagte Omama, als das Pochen erneut pausierte. »Ich hätte vielleicht besser vorher mit dir darüber reden sollen. Aber mir war nicht klar, dass es dir etwas ausmachen würde. Ich hoffe, du freust dich wenigstens über das Geld …« Erst als sie es erwähnte, fiel mir die unglaubliche Summe wieder ein, die sie mir überwiesen hatte. Fünfzigtausend Euro! Ob ich mich darüber freute? Im Moment war ich eher traurig, weil sie unser Haus verkauft hatte. Aber mal davon abgesehen, dass es mir schwerfiel, mich über das Geld zu freuen … Es war einfach so unvorstellbar viel! Was sollte ich bloß damit anfangen?

»Maxi?«, fragte Omama nach, weil ich nicht sofort reagierte. Was sollte ich ihr auch sagen? Sie hatte vielleicht eine falsche Entscheidung getroffen – so sah ich das zumindest. Aber sie war auch ungeheuer großzügig gewesen und ich wollte nicht nörgeln und undankbar erscheinen.

»Ähm«, machte ich, weil mir keine diplomatische Antwort einfiel. Doch dann blieb mir jede Art von Antwort erspart. Denn in diesem Augenblick war über meinem Kopf zuerst ein heftiges Poltern zu hören, dann krachte etwas gewaltig und kurz darauf schrie Rick: »Shit!« Nur Sekunden später stürzte die Decke ein. In einer gewaltigen Wolke aus Staub und Schutt landete Rick laut fluchend mit dem Hintern zuerst auf meinem Wildleder-Pumps mit Plateau-Sohle, der – den zehn Zentimeter-Absatz nach oben gerichtet – noch dort auf dem Boden lag, wo er vorhin hingefallen war.

»Rick«, kreischte ich. »Alles okay?«

»Alles okay?«, brüllte meine Omama gleichzeitig durchs Handy.

»Ja, ja, alles okay.« Rick hob beschwichtigend die Hände und verzog erst danach schmerzlich das Gesicht. Er tastete unter seinem Po herum, bis er den Übeltäter entdeckt hatte.

»Ich habe schon immer geahnt, dass High Heels mörderisch sind«, stellte er trocken fest und streckte mir den Pumps hin, dessen Absatz wie ein gebrochenes Bein im rechten Winkel abstand. Behutsam nahm ich den Schuh in meine freie Hand und betrachtete das Desaster. Mir stiegen Tränen in die Augen, die Rick fälschlicherweise als Kummer um den verunglückten Schuh deutete.

»Ich schmier dir ein bisschen Sekundenkleber drauf, dann ist er wie neu.« Er rappelte sich hoch, wobei er sich mit einer Hand den Hintern rieb und mit der anderen den Staub aus den Augen wischte, und kam zu mir, um mich unter einer seiner Bärenumarmungen zu begraben.

»Maxiiii!«, brüllte Omama in diesem Moment. Ich hatte in dem Tumult völlig verdrängt, dass sie noch in der Leitung hing.

»Hier ist alles in Ordnung«, versuchte ich, sie schnell zu beschwichtigen, wobei ich mich bemühte, meine Stimme nicht tränenerstickt klingen zu lassen. »Nur ein kleiner Unfall beim Dachdecken. Ich muss aufhören, wir reden ein anderes Mal.« Mit diesen Worten klickte ich sie einfach weg. Nicht gerade die feine Art, aber Omama würde mir das sicher verzeihen. Denn aktuell hatte ich ein deutlich größeres Problem: In der Decke meines Zimmers klaffte ein zwei mal zwei Meter großes Loch, durch das ich direkt in den dunklen, sternenlosen Himmel schauen konnte.

»Ich krieg das schon wieder hin, irgendwie«, versuchte Rick, mich zu beruhigen, als mir nun tatsächlich ein paar Tränen über die Wangen liefen. Aber nicht das Loch war es, was mich so verzweifeln ließ. Es war das Gefühl, buchstäblich kein Dach mehr über dem Kopf zu haben. Nicht mehr in Deutschland und bald auch nicht mehr in New York.

Selbst wenn unser Vermieter Pinkstone nicht an den Investor Larry Miller verkaufte, der es abreißen wollte, war noch längst nicht gesagt, dass ein anderer neuer Besitzer uns hier wohnen lassen würde. Ich hatte mir etwas vorgemacht, als ich meine Mitbewohner überredet hatte, uns auf den Deal einzulassen. Wir renovierten Pinkstone, nur damit Donald Duck (wie wir den Erben der Pink Lady und damit Besitzer von Pinkstone nannten) es am Ende verschachern konnte. In diesem Moment erschien mir die ganze Renovierungsaktion vollkommen sinnlos. Doch dann hatte ich eine Eingebung …

We want you! Die Pinkstone-WG sucht einen neuen Mitbewohner.

Wir bieten: ein helles Zimmer mit süßen Spitzendeckchen und Porzellanfigürchen (die Abby hinterlassen hat) in einem tollen (leider stark renovierungsbedürftigen) Haus in einer angesagten Wohngegend (mitten in Williamsburg) sowie eine ziemlich verrückte, aber liebenswerte Wohngemeinschaft. Und das Beste: Du wohnst mietfrei – na, wenn das kein Angebot ist!

Was du mitbringen solltest: handwerkliches Geschick, die Bereitschaft, bei der Renovierung mit anzupacken. Und idealerweise ein paar Millionen auf dem Konto (das ist allerdings keine zwingende Voraussetzung).

KAPITEL 3

Du hast doch nichts dagegen, wenn ich die Schuhe ausziehe.« Das war keine Frage. Das war eine Feststellung. Zumal der langhaarige, langbärtige Typ, der sich als Lyrics vorgestellt hatte – sollte das wirklich ein Name sein? – die Jesuslatschen bereits abgestreift hatte und nun ausgiebig mit seinen haarigen Zehen wackelte. Nackte Füße an diesem durchwachsenen Märztag – noch dazu so hässliche! – waren für mich eigentlich Grund genug, Lyrics oder wie auch immer er hieß, sofort wieder zur Tür hinauszubefördern. Aber wir brauchten einen neuen Mitbewohner und womöglich war dieser Hippie ein handwerkliches Genie. Also führte ich ihn in die Küche, wo meine Mitbewohner schon gespannt auf Bewerber Nummer eins warteten.

»Das sind Pamela, Saida, Rick und Abby.« Ich deutete mit dem Finger auf jeden Einzelnen am Küchentisch. »Und das ist …« Mist, ich hatte seinen komischen Namen auf dem kurzen Weg von der Haustür zur Küche schon wieder vergessen. Ich war noch nie besonders gut mit Namen gewesen. Doch statt sich selbst vorzustellen, machte der Typ das Peace-Zeichen in die Runde, zog sich umständlich die Gitarre über den Kopf, die auf seinem Rücken gebaumelt hatte, und schälte sich aus seinem Lammfellmantel. Darunter trug er: nichts!

»Ups«, machte Pamela. Abby schloss mit einem Quieken die Augen und Rick zog verwundert eine Augenbraue hoch. Nur Saidas Gesichtsausdruck blieb völlig ungerührt.

»Das stört euch doch nicht, wenn ich so herumlaufe.« Wieder eine reine Feststellung. »Ich mache das seit Jahren so. Fühle mich viel freier seitdem. Kleidung drängt uns bloß in einen konstanten Kampf zwischen Individualität und Konformismus. Nacktheit befreit uns davon, indem sie ein Klima komfortabler Individualität ohne Vortäuschungen fördert. Seht ihr doch auch so.« Wieder eine Feststellung.

»Ähm«, machte ich und registrierte dankbar, dass er jetzt immerhin die Gitarre über seine primären Geschlechtsmerkmale legte.

»Das ist eine wirklich befreiende Erfahrung. Ich rate euch auch dazu. Indem man alle Kleider ablegt, entledigt man sich auch der ganzen sozialen Last, die mit dem Nacktheitstabu in unserer Gesellschaft einhergeht. Ich kann euch da gerne ein bisschen Nachhilfe geben, wenn ich erst mal hier eingezogen bin. Kann ich jetzt das Zimmer sehen?«

»Ähm«, machte ich wieder. Ich war ja ein Fan von Verrückten. Aber dieser Nackedei stand auf der Verrücktheitsskala eindeutig schon kurz vor der Einweisung in die geschlossene Anstalt. Ich warf einen verzweifelten Blick in die Runde meiner Mitbewohner. Wie wurden wir diesen Kerl, der eine Gitarre für die angemessene Bekleidung bei einem WG-Vorstellungsgespräch hielt, so schnell wie möglich wieder los? Aber niemand schien in der Lage zu sein, die Initiative zu ergreifen. Abby hielt die Augen fest geschlossen, Rick starrte irritiert auf die üppige Brustbehaarung unseres Gegenübers, Pamela machte den Eindruck, als würde sie vor unterdrücktem Lachen gleich platzen, und ich selbst war noch immer sprachlos. Ausgerechnet Saida rettete uns.

»Du, das ist ein echt interessanter Ansatz«, erklärte sie. »Aber mir passt es nicht, dass du einen Lammfellmantel trägst. Hast du dir mal überlegt, wie qualvoll das für die kleinen Tiere ist?« Und damit geleitete sie unseren Gast so entschieden zur Tür, dass er kaum Zeit fand, wieder in seinen Mantel zu schlüpfen.

»Wie cool war das denn?«, fragte Rick perplex, als Saida wieder in die Küche kam.

»Ist er weg?« Abby blinzelte vorsichtig zwischen halb geschlossenen Lidern hervor.

»Wenn der Typ hier einzieht, können wir unseren Fernseher verkaufen«, amüsierte sich Pamela. »Der ist besser als jede Comedy.«

»Das war der Tiefpunkt«, erklärte ich hoffnungsvoll. »Ab jetzt kann es nur noch besser werden.« Aber darin hatte ich mich leider getäuscht.

»Natürlich bin ich handwerklich begabt.« Kandidatin Nummer zwei hatte eine Stimme, deren Frequenz jeder Hundepfeife Konkurrenz machte. »Ich meine, schaut euch nur mal diese Strasssteine an!« Auffordernd streckte sie uns ihre zu schrillen Kunstwerken manikürten Fingernägel entgegen. »Hab ich alles selbst gemacht. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie geschickt man dafür sein muss.«

Ich konnte mir vor allem nicht vorstellen, wie sie mit diesen Krallen ein Haus putzen, geschweige denn, wie sie es renovieren wollte.

»Das ist ja wirklich, äh, ungewöhnlich«, erwiderte ich diplomatisch. »Aber wir suchen eigentlich einen Mitbewohner, der hier mit anpackt, äh …« Wie hieß die blond gelockte Krallenfrau noch mal?

»Cindy«, kam Blondie mir zu Hilfe. »Eigentlich Cinderella, aber ich finde, das klingt total nach Disneyland.«

Stimmt, und da hätte sie auch super hingepasst, dachte ich. Aber ich sagte: »Also, Cindy, welche handwerklichen Fähigkeiten besitzt du denn sonst noch so?«

»So einige.« Sie lachte spitz und schaute in die Runde, bis ihr Blick an Rick hängen blieb. Mit maskaraverklebten Wimpern blinkerte sie meinen Mitbewohner an. »Bisher hat sich zumindest noch keiner beschwert.«

Ach du Sch…! Versuchte sie tatsächlich, Rick anzugraben? Dann kannte sie meinen Blog wohl nicht, oder sie war noch dümmer, als ich bisher vermutet hatte. Sonst hätte sie ja gewusst, dass ihre Annäherungsversuche bei Rick vergebliche Liebesmühe waren. Pamela prustete laut los, Abby schloss schon wieder die Augen, und Rick, der sich noch nicht ganz von dem nackten Hippie erholt zu haben schien, bekam den Mund vor Staunen gar nicht mehr zu. Wieder war es Saida, die dieser Horror-Show ein Ende setzte.

»Hör zu, Süße. Rohre verlegen ist so ziemlich das Einzige, was wir hier nicht vorhaben. Und wenn ich dich so anschaue, wird mir schlecht bei der Vorstellung, wie viele Tiere bei schrecklichen Tierversuchen sterben mussten, damit du dir diese ganze Schminke ins Gesicht kleistern konntest. Deshalb würde ich sagen, du gehst jetzt besser, bevor ich auf die Idee komme, meine handwerklichen Fähigkeiten zu nutzen, um dir die Krallen zu stutzen.«

Cinderella stieß ein entsetztes Hundepfeifen-Kreischen aus und stürzte zur Tür.

»Okay«, erklärte ich, als die Haustür mit einem Rums hinter ihr ins Schloss gefallen war. »Das war definitiv der Tiefpunkt.« Die anderen schauten mich zweifelnd an.

»Vielleicht brauchen wir doch keinen neuen Mitbewohner«, sagte Rick. Abby nickte vehement.

»Aber, Rick.« Ich schaute ihn über den Tisch hinweg streng an. »Es war doch dein Vorschlag.«

»Schon, aber wir kriegen das auch so hin.« Rick stand von seinem Stuhl auf und fing an, vor dem Tisch auf und ab zu laufen. Rick war eigentlich immer in Bewegung. Es fiel ihm schwer, länger als fünf Minuten still zu sitzen, vor allem, wenn ihn etwas beschäftigte. »Dann muss das Bootcamp halt noch ein paar Monate warten.«

»Auf gar keinen Fall!« Ich war so froh, dass Rick endlich etwas gefunden hatte, das er mit Begeisterung tun wollte, und ich durfte nicht zulassen, dass er nun zugunsten von Pinkstone darauf verzichtete. »Wollt ihr wirklich nach nur zwei Versuchen aufgeben? Wir haben …« Ich warf einen Blick auf den Notizzettel mit der Liste von Bewerbern, der vor mir auf dem Tisch lag. »Insgesamt einundzwanzig Interessenten. Da wird ja wohl einer dabei sein, der gut zu uns passt, handwerklich was draufhat und kein totaler Freak ist.« Aber zum zweiten Mal täuschte ich mich.

An diesem Nachmittag zog eine Schar der kuriosesten Gestalten, die New York zu bieten hatte, durch unsere Küche. Ich fragte mich, ob ich in meinem Blogbeitrag nicht hätte erwähnen sollen, dass wir alle ein bisschen verrückt waren. Ich hatte nicht bedacht, dass die Auffassung von »verrückt« sehr stark auseinanderging. Ich verstand darunter: etwas speziell, aber liebenswert. Doch auf die meisten Kandidaten unseres WG-Castings traf nur eine einzige Beschreibung zu: absolut durchgeknallt.

»Ich hab da schon mal einen Verteidigungsplan ausgearbeitet.« Bewerber Nummer sieben schmiss eine Pistole mitten auf unseren Küchentisch. An seinem Gürtel hingen unübersehbar eine weitere Schusswaffe sowie ein Messer, das länger war als unser größtes Küchenmesser. »Heutzutage muss man auf alles vorbereitet sein. Und in eurer Situation erst recht. Die Straßen von New York sind so sicher wie nie? Dass ich nicht lache. Alles nur Geschwätz von Politikern, die keine Ahnung haben, wie es in der Wirklichkeit zugeht. Jeder Amerikaner muss in der Lage sein, sein eigenes Haus zu verteidigen, sage ich. Also, wie sieht eure Verteidigungsstrategie aus? Ihr habt keine? Dachte ich mir. Deshalb hab ich da, wie gesagt, etwas vorbereitet.«

»Meine Mom sagt, dass es jetzt endlich Zeit wird, mir was Eigenes zu suchen.« Kandidat Nummer elf biss nervös auf seinen Fingernägeln herum, die ohnehin schon fast bis zum Nagelbett abgekaut waren. »Und mein Psychiater ist auch dieser Meinung. Mit neunundzwanzig sollte man nicht mehr zu Hause wohnen, meint er. Aber ich mache mir da ein bisschen Sorgen. Ich bin es ja gar nicht gewohnt, allein zu leben. Kochen kann ich auch nicht so gut. Also eigentlich gar nicht. Ich frage mich, was ich dann essen soll, wisst ihr. Deshalb dachte ich, in einer WG ist es doch fast wie in einer großen Familie. Da sorgt einer für den anderen. Ich brauche auch eigentlich gar kein eigenes Zimmer. Mir wäre es ohnehin lieber, wenn ich mit jemandem das Zimmer teilen könnte. Bisher habe ich mir das Zimmer nämlich immer mit meiner Mutter geteilt, wisst ihr, und ich mache mir schon ein bisschen Sorgen, wie das sein wird, ganz allein zu schlafen.«

»Diese Pflanzen sind sehr empfindlich.« Kandidatin Nummer fünfzehn hatte ihre Hände schützend um einen Holzkasten mit mickrigen Kakteen gelegt. »Sie brauchen viel Licht, aber nur Nachmittagssonne, das Zimmer liegt doch nach Südwesten, oder? Und sie vertragen absolut keine Zugluft. Die Fenster sind doch ausreichend abgedichtet, oder? Sie sind so anspruchsvoll wie Kinder, ach, was sage ich? Anspruchsvoller! Ich muss jeden Tag mindestens zwei Stunden mit ihnen reden, sonst gedeihen sie nicht. Aber ihr dürft auf keinen Fall mit ihnen sprechen, sie sind da sehr eigen. Sie fremdeln stark, ihr versteht das sicher, oder?«

»Ich bin Künstler, euch ist ja wohl klar, dass man darauf Rücksicht nehmen muss.« Kandidat Nummer neunzehn strich sich die langen, fettigen Haare aus der Stirn. »Wenn die Inspiration kommt, dann kommt sie. Die Muse kennt keine Tageszeiten. Meistens arbeite ich nachts. Wenn alles um mich herum still ist, kann meine Kreativität frei fließen.« – »Was für eine Art Künstler bist du denn?« – »Bildhauer.«

»Zucht und Ordnung, sage ich, müssen in einem solchen Haus herrschen.« Kandidatin Nummer einundzwanzig war so alt, dass sie unser aller Mutter hätte sein können, und hatte offenbar Ansichten, wie sie höchstens von unseren Ururgroßeltern vertreten worden waren. »Ich bringe den Saustall hier schon auf Vordermann, das könnt ihr mir glauben. Feste Essenszeiten, Putzplan und Nachtruhe um halb zehn. Damit fangen wir direkt morgen an. Meine Kinder haben mich Drill Sergeant genannt. Und diese Bezeichnung habe ich mir redlich verdient. Yes, Ma’am! Das sind die einzigen zwei Wörter, die ich von euch hören will. Also, wollt ihr, dass ich bei euch einziehe?«

»Puh«, machten wir alle wie aus einem Mund, als auch der weibliche Drill Sergeant das Haus verlassen hatte. Es war spät und wir waren erschöpft. Nein, wir waren absolut fix und fertig nach diesem Bewerbungsmarathon der Gruselgestalten. Aber das Schlimmste war, wir hatten immer noch keinen neuen Mitbewohner gefunden. Als das Telefon im Flur schrillte, drehten wir alle bloß matt den Kopf in Richtung des Klingelns, aber niemand konnte sich aufraffen, den Anruf entgegenzunehmen. Erst beim zehnten Läuten erbarmte Pamela sich.

»Das war noch ein Interessent«, erklärte sie, als sie in die Küche zurückkehrte, wo wir alle in derselben Haltung am Tisch saßen, zu platt, um uns nur einen Millimeter zu bewegen. »Und er klang richtig nett. Ziemlich normal, soweit man das am Telefon beurteilen kann.«

»Das ist doch gut.« Ich versuchte, wenigstens ein bisschen Begeisterung zu verbreiten. »Wann kann er kommen?«

»Da liegt das Problem.« Pamela ließ sich wieder auf ihren Stuhl fallen. »Er schafft es heute nicht mehr und würde gerne morgen Vormittag vorbeischauen.«

»Das ist ja blöd.« Ich seufzte. »Da muss ich leider arbeiten. Aber wisst ihr was: Ihr schaut ihn euch einfach ohne mich an. Wenn er der Richtige ist, könnt ihr das genauso gut allein beurteilen.« Leider lag ich damit zum dritten Mal an diesem Tag absolut falsch.

Es gibt gute Neuigkeiten: Wir haben einen Mitbewohner gefunden, der zu uns passt. Allerdings muss ich euch eins direkt vorwegsagen: Er hat mir das Versprechen abgenommen, nicht in diesem Blog über ihn zu berichten. Und ich habe es ihm gegeben. Ich weiß, das ist enttäuschend für euch, aber ich verstehe seine Gründe. Er kommt aus einer ziemlich reichen Familie und hat bisher immer gemacht, was sein Vater von ihm verlangt hat. Aber jetzt ist er aus dem Upper-East-Side-Luxus ausgebrochen und will versuchen, sein eigenes Leben zu leben. Sicher könnt ihr euch vorstellen, dass sein Dad davon wenig begeistert ist. Und deshalb will er verhindern, dass sein Vater rausbekommt, wo er steckt, damit er ihm keinen Stress wegen seiner Entscheidung machen kann. Ich persönlich kann das gut verstehen und ich hoffe, ihr auch.

Trotzdem gibt es wie immer eine Menge von uns zu erzählen, denn es wird Zeit, dass ich euch mal wieder auf den neuesten Stand bringe.

Saida ernährt sich seit drei Tagen nur von Selleriestangen und Zigaretten. Auch wenn sie es nie zugeben würde: Sie ist höllisch nervös, weil sie heute ihren ersten Job als Fotomodel hat. Durch die Kontakte meiner Mutter Sandy – ihr erinnert euch sicher, dass Sandy als Fotografin arbeitet – ist Saida in der Kartei einer Modelagentur gelandet, und es hat keine Woche gedauert, bis sie ihr erstes Engagement hatte. Kein Wunder! Wenn man sich die schwarzen Kartoffelsäcke wegdenkt, die sie in der Regel trägt, bringt meine Mitbewohnerin alle Voraussetzungen für ein Top model mit. Das einzige Problem dürfte sein, dass sie es hasst, fotografiert zu werden.

Pamela ist so ausgeglichen wie noch nie, seit sie die Stelle bei Ellen’s Stardust Diner angetreten hat. Sie singt nicht nur auf der Arbeit, sondern auch die ganze Zeit zu Hause. Das könnte uns nerven, tut es aber nicht, weil sie eine so fantastische Stimme hat. Wenn sie das Bad putzt und dabei Songs aus »Beauty and the Beast« schmettert, komme ich mir vor wie bei einer Broadway-Show.

Abby langweilt sich. Sowohl bei ihrem Job im Gemeindesekretariat als auch zu Hause bei ihren Eltern. Deshalb hängt sie ständig in Pinkstone herum – ihr müsst also auch künftig nicht auf sie verzichten.

Rick leidet unter der Funkstille, die noch immer zwischen ihm und seiner Familie herrscht – auch wenn er das nie zugeben würde, merken wir es alle. Aber er hat spannende berufliche Pläne entwickelt. Er will ein knallhartes Bootcamp für Fitness-Fans anbieten. Top in Form in wenigen Wochen. Nur zu empfehlen für die Knallharten unter euch. Ich habe gestern eine Trainingseinheit absolviert und musste anschließend beinahe wiederbelebt werden. Das Besondere: Das Ganze findet im Freien statt, und zwar auf der Williamsburg Bridge. Interessenten können sich gerne bei mir melden, ich leite ihre Anfrage dann weiter.

Mich selbst beschäftigt zurzeit vor allem eine Frage: Wie beschaffen wir in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Geld? Denn sicher erinnert ihr euch, dass der Besitzer von Pinkstone uns angeboten hat, das Haus selbst zu kaufen, wenn in gut zwei Monaten das Bieterverfahren ansteht. Nur: Dafür fehlen uns ein paar Millionen Dollar. Falls also jemand von euch eine brillante Idee hat, wie wir ganz schnell an ganz viel Geld kommen können, dann immer her damit!