Prolog: Unten am See

Der See war glatt wie ein Spiegel und warf ihm sein Bild zurück: das dunkle Gesicht, umrahmt von wilden, karamellfarbenen Locken, die seine Mutter am Morgen mit einem feinzinkigen Kamm vergeblich zu bändigen versucht hatte. Haare wie Wollmäuse. Schlimmer als die Vogelnester auf den Bäumen. Es hatte mächtig geziept, doch die Tränen hatte er sich verbissen. Boys don’t cry.

Edward fröstelte in der Morgenkühle. Der graue, mit tief hängenden Wolken gespickte Septemberhimmel über Norfolk vermischte sich mit dem stumpfen Glanz des Wassers. Ein Ruderboot lag halb im Schilf verborgen. Seine Paddel hingen vergessen in den nun rostigen Ringen. In der Mitte des Sees hob sich eine kleine Insel aus den Nebelschwaden und eine mächtige Trauerweide schlang ihre Zweige durch das Gusseisen des Pavillons darauf.

Es schien Edward, als sei er gar nicht aufgewacht. Er schlief noch. Der Druck auf seine Brust wurde plötzlich schlimmer und ihm brach der Schweiß aus. Dennoch zwang er sich, einen weiteren Schritt Richtung Wasser zu machen. Seine Füße wurden ihm schwer. Er hatte Angst. Riesige, betäubende, alles umschließende Angst.

Die feinen, scharfen Rispen des Grases bohrten sich durch den dünnen Stoff seiner Hose. Hier am seichten Ende des Sees konnte ihm doch nichts passieren? Er hielt den Blick auf seine Füße geheftet. Kleine Wellen schwappten von der Uferkante über seine klobigen, dunklen Schuhe, die zu seiner Schuluniform gehörten.

Edward zitterte. Er war nun wieder dort draußen auf dem Wasser, so wie in seinen Träumen: Ruder schlugen monoton auf die Wasseroberfläche. Alles schaukelte. Musik, Rufe und Lachen drangen aus der Ferne zu ihm hinüber, doch plötzlich hatte er dieses schreckliche Gefühl des Fallens. Das Wasser und die Dunkelheit waren plötzlich überall – sie strömten in ihn hinein und aus ihm heraus. Er war ein Schwamm und doch ein Sieb. Die schwere Nässe erstickte ihn. Wo war oben? Wo war unten? Edward strampelte einfach drauflos.

Seegras schlang sich um seine Füße und zog ihn unnachgiebig in die Tiefe. Der schlammige Geschmack des Sees füllte seinen Mund, der Druck auf Ohren und Augen wurde unerträglich.

Da, plötzlich, schemenhaft neben ihm: fünf Finger, eine blasse kleine Hand. Edward griff mit letzter Kraft danach. Die Finger schlossen sich verzweifelt um die seinen. Nur nicht loslassen! Er zerrte mit aller Kraft – nach oben, an die Luft, sie beide! Aber seine Bewegungen wurden immer schwächer. Schwarze Kälte drang bis in sein Herz und die Mutlosigkeit machte ihm die Glieder schwer. Er ließ sich sinken. Es war gar nicht so schwierig, nicht zu atmen.

Doch mit einem Mal wurde er aus seinem Schweben zurückgerissen. Nein! Nun wollte er nicht mehr. Er wehrte sich. Schlug um sich und spürte doch, wie er gepackt und fortgezerrt wurde. Die kleine Hand entglitt ihm, für immer – an dieser Stelle seines Traums wachte er meist auf, schweißnass und nach Luft schnappend.

»Edward! Du fährst gleich. Dass du immer so trödeln musst. Nun komm schon.« Die Stimme seiner Mutter riss ihn aus seinen Gedanken. Mit einigen hastigen Schritten wich er vom Wasser zurück. »Was machst du da unten? Komm sofort hoch.«

Edward drehte sich um und sah zum Haus hinauf. Wuchtig erhob sich das Anwesen gegen den verhangenen Himmel. Vor der Eingangstür stand der Wagen seines Vaters, dessen Kofferraum mit seinen beiden großen Koffern gefüllt war, die ihn ins Internat begleiten würden. In jeden Kragen und jeden Bund seiner Kleider waren die Initialen EHL eingestickt worden und auch die Kricketschläger, Lacrosse-Stecken, Rugby-Bälle, Tennis-Rackets, Reitkappen und Stiefel waren mit seinem Namen markiert.

Seine Mutter war wieder ins Haus zurückgegangen, und er folgte ihr, als ein weißer Lieferwagen die Einfahrt hochgefahren kam. Edward wunderte sich nicht weiter. Vor drei Wochen war seine Großmutter gestorben und seitdem ging es bei ihnen zu wie in einem Taubenschlag. Zwei bullige Kerle stiegen aus dem Transporter aus.

Edward betrat die Eingangshalle, wo sich eine Unzahl von Kartons stapelte. Seine Mutter war gerade dabei, sie mit Klebeband zu verschließen.

»Die Kleider deiner Großmutter«, erklärte sie, ohne dass er danach gefragt hatte. »Die kommen jetzt raus. Sollen sich andere daran freuen.« Sie hielt kurz inne und starrte in den letzten geöffneten Karton.

Edward trat näher und sah ebenfalls hinein. Ganz oben auf dem Stapel der in Seidenpapier eingeschlagenen Kleidungsstücke schimmerte etwas: unzählige, in komplizierten Mustern von Hand angenähte Pailletten, die den schwarzen Seidenstoff darunter wie Schlangenhaut glänzen ließen.

Seine Mutter griff nach dem Kleid und hielt es kurz hoch in das graue Herbstlicht. Vom Dekolleté bis runter an die Taille zog sich ein langer Riss und einer der Träger war ebenfalls zerfetzt. »Eine Schande, in welchem Zustand es noch immer ist!«

Zahllose Paillettenstränge hingen traurig von dem dünnen, teuren Stoff. Edward spürte einen leichten Schauer auf der Haut, so als würde ihm plötzlich eine kalte Hand in den Nacken greifen. Er wollte gerade die Finger nach dem Kleid ausstrecken, da zuckte seine Mutter mit den Schultern und legte es zurück. Klebeband ratschte und kurz darauf wanderte der Karton zusammen mit allen anderen in den Lieferwagen.

Edward sah weiterhin stumm dabei zu und seine Mutter legte ihm den Arm um die Schultern. Er sog ihren Duft ein und spürte plötzlich wieder die Schwere auf seiner Brust. Alles würde anders werden.

Sein Vater trat aus ihrer Wohnung innerhalb des großen Anwesens. Der Rest des Hauses war bereits für den Herbst und den Winter zugesperrt und die Heizung auf ein Minimum gedrosselt worden. Erst im Frühjahr, wenn die ersten zahlenden Besucher wiederkamen, wurden dort die Fensterläden geöffnet und die Schonbezüge von den Möbeln genommen. Hinter seinem Vater sah Edward noch den Frühstückstisch mit dem einen, stets ungenutzten Gedeck. Es wurde zu jeder Mahlzeit aufgelegt und dann wieder fortgetragen. Eine stumme Mahnung an die Familie, die sie nie wieder sein würden.

»War das alles?«, fragte sein Vater. »Dann lass uns fahren.«

Edward folgte seinem Vater die Treppe hinunter. Ehe sie das Auto erreichten, fasste der noch kurz an die Hauswand. Es wirkte, als stütze er sich ab.

»Alles klar, Papa?«, wagte Edward zu fragen.

Sein Vater fuhr Edward eher wie aus Versehen durch die Locken: »Ich bitte das Haus um Kraft. Jetzt, wo du auch noch gehst«, sagte er dann leise.

In der Tür stand seine Mutter. Sie hob die Hand halb, wie um zu winken. Dann aber legte sie sich nur die dunklen Fingerspitzen auf die Lippen. Wenn er sie so sah, dann hatte er das Gefühl, sie schützen und behüten zu müssen.

»Halt die Ohren steif, Edward. Bis Weihnachten«, sagte sie beherrscht.

Er zwang die Tränen ein weiteres Mal an diesem Tag zurück.

Der Lieferwagen vor ihnen auf der Auffahrt gewann an Fahrt. Edwards Vater folgte ihm. Der Kies knirschte unter den Rädern des Wagens. In den Bäumen des Parks färbte sich das Laub und Edward sah die Kastanien im hohen Gras liegen. Einige Rehe ästen auf einer weiter entfernten Lichtung.

Am großen Tor bog der Lieferwagen nach links ab, Richtung Autobahn und London. Sein Vater dagegen fuhr in die entgegengesetzte Richtung, nach Uppingham, zu Edwards neuem Internat. Was für Quälereien warteten dort auf ihn, den Neuankömmling?

Er drehte sich rasch noch einmal um: Der Lieferwagen war samt seiner Ladung verschwunden. Dennoch wurde der Druck um seine Brust noch stärker. So fühlte es sich also an, wenn einem das Herz brach. Immer wieder.

Die grosse, weite Welt

In der Nacht vor ihrer Abreise nach London konnte Alice nicht schlafen. Sie war zu aufgeregt, oder um ehrlich zu sein, hatte sie zu viel Angst.

Wie fühlte sich die Raupe im Kokon, gerade wenn er aufbrach? Die Flügel verklebt und noch nie geflogen – kurz, bevor sie zum Schmetterling wurde?

Alice wälzte sich im Bett herum und starrte in ihr dunkles Zimmer, das ihr plötzlich noch kleiner erschien. Der Gedanke an das, was morgen begann, schien ihr plötzlich überwältigend: ihr Leben!

Dies musste die größte Verwandlung von allen sein: Die Raupe wird der Schmetterling. Der Schmetterling. Alice drehte sich auf den Rücken, um sich das Gefühl besser vorstellen zu können. Dort draußen warteten auf den frisch geschlüpften Falter Lagen an Luft, bereit, ihn nach oben in höchste Höhen zu tragen. Denn das wollte doch jeder Schmetterling, oder? So wie sie selbst auch. Draußen auf der Landstraße, die das kleine fränkische Dorf, in dem sie wohnte, wie ein Schnitt trennte, brauste ein Auto vorbei. Der Lärm sprang zwischen den engen Hauswänden hin und her. Die Scheinwerfer des Wagens zeichneten kurz Muster an ihre Zimmerwand, dort, wo die immer schönen, immer jungen Gesichter von Grace Kelly und Ava Gardner neben Keira Knightly und Emma Watson hingen.

Das würde liegen bleiben. Der Kokon. Unabänderlich. Sicher, in ihrer Erinnerung und ihren Erzählungen könnte sie es sich schönreden. Aber es blieb dennoch, was es war – der verlassene Kokon: ihre Schultage. Die Bewerbung und das Warten auf die Zusage der Universität in London, der School of Art & Fashion. Das Kofferpacken in den letzten Tagen. Für immer vergangen.

Vielleicht grübelte sie einfach zu viel, aber so war sie nun mal. Von Zeit zu Zeit wünschte sie sich, leichtherziger zu sein. Carpe diem. Mach Heu, solange die Sonne scheint, und so weiter und so fort. All die Sprüche, von denen einem doch kein einziger verriet, wie es sich eigentlich anfühlte. Dieses kribbelige Heute zwischen dem langen Gestern und dem hoffentlich großen Morgen. Alice versuchte, ein Wort dafür zu finden. Es war: roh. Unvermittelt. Angsteinflößend. Eben einfach verdammt großartig.

Über diesem Gedanken schlossen sich ihre Augen dann schließlich doch.

»Hier. Ich habe dir doch noch eine Stulle gemacht. Wer weiß, wann du wieder etwas bekommst. Echte fränkische Wurst, mit ganz viel Butter. So was Gutes gibt es im Ausland gar nicht. Geld für das Taxi zum Hostel in der Oakley Street hast du ja. Lass dich von niemandem ansprechen, ja? Wenn du dann ein anderes Zimmer hast, sende uns bitte sofort die Adresse …« Die Stimme von Alices Mutter verwandelte sich in ein Rauschen und die Worte gingen in ein Ohr hinein und aus dem anderen wieder heraus.

Sie standen vor dem Check-in-Schalter des Nürnberger Flughafens. Alice hatte auf einmal das Gefühl, dass sich die Augen aller Passagiere auf sie richteten. Sie zog die Schultern hoch. Wohin jetzt mit diesem dicken Paket in Alufolie gewickelter Wurstbrote? In die Vintage-Designer-Handtasche, die sie in letzter Sekunde und von ihrem Ersparten auf eBay ersteigert hatte, passte das gewiss nicht! Die war schon mit ihrem Pass, Geldbeutel und der zerlesenen Ausgabe von Daphne du Mauriers »Rebecca« vollgestopft. Das Buch würde sie auf keinen Fall aufgeben – ohne Buch in ihrer Tasche war sie nur ein halber Mensch.

»Mama, ich will keine Stulle. Ich kann mir doch was kaufen …« Sie hielt ihrer Mutter die Brote hin. Umsonst. Die verschränkte die Arme vor der Brust.

»Kaufen! Weiß doch jeder, wie teuer die Sachen am Flughafen sind. Geld wächst nicht auf Bäumen! Es genügt schon, dass wir uns jetzt für dieses Schulgeld für London krummlegen! Dieses Jahr ist reine Verschwendung, sage ich. Dein Bruder dagegen …«

Alices Vater unterbrach seine Frau: »Ist schon gut, Maria. Wir wollen uns doch vor der Abreise nicht streiten, oder? Jetzt sehen wir uns für drei lange Monate nicht mehr, da wollen wir uns doch im Guten trennen. Weihnachten, wenn Alice wiederkommt, wissen wir doch schon viel mehr.«

Alices Mutter schwieg, aber ihr Mund war eine dünne Linie mit etwas zu pinkem, etwas bröckligem Lippenstift. Alices Bruder Mark trat von einem Bein aufs andere. Ihn von seiner Xbox zu lösen, hatte Alice alle Überredungskunst gekostet.

»Kann man nicht mal am Wochenende tun und lassen, was man will?!«, hatte er gemault – und im Auto hatte er nur auf seinem Telefon gespielt. Sie hasste den zombiehaften Ausdruck, den sein Gesicht dabei annahm, und auch, wie mürrisch und abwesend er war, wenn er dann endlich mal abschaltete.

»Tschüss, Kleine«, nuschelte Mark jetzt und breitete die Arme aus. Er drückte sie an sich. »Meld dich mal. Ich find das toll, was du machst.«

»Ich find das toll, was du machst« gegen »Dieses Jahr ist reine Geldverschwendung«.

Ein Jahr lang konnten ihr ihre Eltern die Schule bezahlen – den Foundation Course. Für einen Bachelor oder Master musste sie ein Stipendium bekommen. Alice biss die Zähne so fest aufeinander, dass sich ihr Kiefer kurz verkrampfte. Sie musste es einfach schaffen! Sicher, in der Schule hatte sie gute Noten gehabt. Aber das hier war etwas anderes. Es galt nicht nur, überzeugend kreativ zu sein, sondern sich zwischen all den anderen Talenten dort zu behaupten.

»Klar melde ich mich. Wir skypen, ja?«, sagte sie dankbar, und er nickte, auch wenn beide wussten, dass sie wohl nie skypen würden.

»Du weißt ja, wann ich Schluss habe. Plus die eine Stunde Zeitverschiebung. Aber in Mathe warst du ja immer ganz okay. Ganz im Gegensatz zu mir.«

»Ach Quatsch«, sagte Alice. Mark war mit sechzehn von der Schule abgegangen und hatte dann bei ihrem Vater seine Lehre gemacht. Nun war er Klempner-Geselle, wollte irgendwann seinen Meister machen, um dann eines Tages das Familiengeschäft zu übernehmen.

Im Hintergrund redeten ihre Eltern weiter. Alice hörte noch immer die Stimme ihrer Mutter. »Modedesign. Damit wird man doch nur eines, nämlich arbeitslos. Das ist ein knallhartes Geschäft. Und wenn du da nicht homosexuell bist, hast du keine Chance …!«

»Mama!«, rief Alice empört. »Das ist doch Unsinn. Alle großen Häuser von Azzedine Alaia bis … bis …« Sie suchte und fand einen Namen, der mit Z begann. »… bis Zandra Rhodes rekrutieren ihren Nachwuchs bei der SAF! Neun von zehn Absolventen haben schon vor ihrer Prüfung einen Arbeitsvertrag in der Tasche!« Ihre Wangen glühten, als sie wiederholte, was sie im Internet und in Broschüren über die Schule aufgeschnappt hatte.

»Und was, wenn du die eine bist, die keinen Job findet?«

Und was, wenn man einfach mal den Mund hielte und sie machen ließe? Zum ersten Mal in ihrem Leben?, dachte Alice, aber murmelte nur: »Ich schaffe das schon.«

In ihrer Kehle kitzelte es. Sie schluckte hart – jetzt bloß nicht heulen!

Alice hatte sich auf die Aufnahme an der SAF so gut wie möglich vorbereitet: Internetchat-Foren, Blogs, die Webseite der Schule, Zeitschriftenartikel, alles. Aber je mehr sie las, umso verwirrter wurde sie. Eines war klar: Keiner wusste irgendwas, aber alle redeten darüber. Und zwar laut und hektisch. Irgendwann hatte sie entnervt aufgegeben und einfach gemacht. So, wie sie es wollte, und wichtiger noch: es fühlte.

Nach zwei Wochen voller Nachmittage allein auf ihrem Zimmer, in denen ihre Mutter ihr nur Butterbrote und heiße Schokolade durch einen Spalt in der Tür geschoben hatte, war ihre Mappe fertig gewesen. Alice hatte sich an eine Kollektion von sechs Modellen gewagt, zusammen mit Schuhen, allen Accessoires und den genauen Angaben von Stoffen und Materialien. Daraus bestand auch die Abschlussprüfung der SAF – eine Veranstaltung, zu der angeblich alles kam, was in der Modewelt Rang und Namen hatte!

Als sie ihre Entwürfe für London in einen dicken Umschlag gesteckt hatte, hatte sie das Papier drei Mal geküsst, ehe sie ihn dem Postbeamten übergeben hatte. Das musste doch Glück bringen! Auf dem braunen Papier hatte der Lippenstift-Abdruck rot geleuchtet. Zwei Monate später erhielt sie die Antwort auf ihre Bewerbung. Mit zitternden Fingern hatte sie den Brief aufgerissen und ein dicker Packen gefalteter Papiere war ihr entgegengefallen. Geschafft! So entscheiden sich Leben, dachte Alice: Sie würde Modedesign studieren. Women’s Wear – oder Damenoberbekleidung, wie es im Jargon der SAF hieß – mit History of Dress im Nebenfach. Die Wiederkehr von Trends, Kleider als Spiegel der Gesellschaft und ihrer Umwälzungen und Strömungen interessierten Alice.

Sie räusperte sich, um den Redefluss ihrer Mutter endgültig zu unterbrechen. »Ich muss jetzt einchecken. Bringt ihr mich noch zum Schalter?«

Mark packte ihren Koffer. »Urgh. Was hast du denn da drin? Ich denke, du willst dir dort neue Klamotten machen?«

»Da ist nur drin, was man halt so braucht«, wehrte sie ab.

»Dreißig Paar Schuhe, ein Paar Jeans und an die hundert Kleider und Röcke?«

»Unsinn. Nur ein paar gute Basics.«

Sie ging ihnen zum Schalter voran. Reisende auf dem Weg in die Sonne warteten mit bis oben hin vollgeladenen Trolleys auf ihren Check-in. Alice beobachtete die Wartenden unauffällig. Gab es eigentlich eine geheimnisvolle, Unheil bringende Formel, die besagte: Je mehr Koffer die Leute dabeihatten, umso gruseliger waren die Kleider, die sie daraus hervorholten? Die Frauen in der Schlange trugen die Haare praktisch kurz geschnitten, flache Schuhe und sehr beige Kleider. Waren sie irgendwann einmal auch jung und schön gewesen? Hatten sie gehofft und geträumt und hatten sie sich gern besonders hübsch angezogen?

»Reisende nach London? Kommen Sie doch bitte zum Einchecken zu mir«, rief eine Stewardess, die gerade einen neuen Schalter öffnete. Die bepackten Urlauber machten Alice mit mürrischen Gesichtern Platz, als sie mit roten Wangen nach vorn stiefelte.

Sie legte ihren Perso vor, und die Stewardess mit dem makellosen Make-up, dem Dutt und der knallroten Uniform lächelte, als sie Alice mit ihrem drei Jahre jüngeren Passbild verglich: Denn darauf hatte sie vorn eine blaue Haarsträhne und einen Ring im linken Nasenflügel. Das war ihre indische Phase gewesen.

»Machen Sie Urlaub in London?«, fragte die Stewardess.

»Nein. Ich ziehe dorthin«, sagte Alice stolz. Ich ziehe nach London! Sie ließ sich die Worte im Mund zergehen. Sie schmeckten nach Zucker, Wolken, Sahne und Regenbogen zugleich!

»Toll. Was machen Sie dort?«

»Ich werde dort studieren. Modedesign. An der School of Art & Fashion

»Von der Schule habe ich auch schon gehört. Viel Erfolg. Aus Nürnberg in die große weite Welt. Grüßen Sie sie von mir!« Die Stewardess zwinkerte ihr zu und reichte ihr dann die Bordkarte. »Guten Flug!«

Vor dem Sicherheitscheck drehte sich Alice noch einmal um. Sie winkte mit den in Silberpapier gewickelten Wurststullen. Ihr Vater hatte die Hände in die Taschen seines Anoraks gesteckt und trat von einem Fuß auf den anderen. Mark winkte und fummelte dann an seinem Telefon herum. Männer und Gefühle!

»Alice?« Ihre Mutter kam ihr noch nachgelaufen.

»Ja, Mama?« Alice sah etwas auf sie herunter. Mit dreizehn oder vierzehn war sie plötzlich in die Höhe geschossen und wurde überall dort lang und knochig, wo ihre Mutter klein und rund war. Auf dem Konfirmationsbild überragte sie alle anderen um Haupteslänge. Hopfenstange, so hatte sie seitdem in der Klasse geheißen – nach all den dunklen Latten, die auf den fränkischen Feldern in den Himmel ragten.

Ihre Mutter legte ihr sorgsam die in zwei losen Zöpfen geflochtenen, dunklen Haare hinter die Schultern, ehe sie erst den kleinen weißen Spitzenkragen, den sie sich zum schwarzen Rolli um den Hals gebunden hatte, und auch noch den Kragen der Jeansjacke zurechtrückte.

Dann sah sie an Alice herunter und runzelte die Stirn. »Sag mal, hast du den Rock noch einmal abgeschnitten?«

Sie zupfte kurz an dem ausfransenden Saum des kleinen Tweeds-Rocks. Aber dadurch wurde er kaum länger. Im Gegenteil, sie hielt ein paar der bunten Fäden in ihrer Hand. Es stimmte, er reichte gerade bis zur Trennnaht ihrer blickdichten Strumpfhose. Alice wurde ganz anders zumute: Bitte, jetzt nicht eine dieser tausend Auseinandersetzungen über Rocklängen und Haarschnitte, die die letzten Jahre mit ihrer Mutter beherrscht hatten.

Gott sei Dank war sie nun an der Reihe, ihre Habseligkeiten in einen der schwarzen Kästen auf dem Laufband zu legen. Schnell umarmte Alice ihre Mutter fest, ganz fest. So blieb ihr wenigstens keine Chance zu anderen Bemerkungen, die Alice jetzt nicht hören wollte. »Tschüss, Mama. Ich bin euch so dankbar! Ich knie mich da so rein wie noch nie in irgendwas! Versprochen.«

Ihre Mutter biss sich auf die Lippen. Plötzlich hatte sie Tränen in den Augen. »Ja, meine Kleine. Du schaffst das.«

Du schaffst das: das Hostel in der Oakley Street in Chelsea. Die Schule und ihre Mitschüler dort. Von denen war gewiss keiner auf den Kopf gefallen, und alle wollten, was auch Alice wollte – nämlich alles. Letztendlich: London. Die große Stadt mit ihren Lichtern, Menschen und ihren eigenen Gesetzen, die Alice erst würde lernen müssen. Mit einem Mal wusste sie, wie die Raupe sich in ihrem Kokon fühlte. Verwandlung war nicht immer nur wunderbar. Sie schmerzte und verängstigte einen.

Jetzt konnte sie noch umdrehen, begriff sie. Handtasche und Stullen packen und einfach mit ihrer Familie wieder nach Hause fahren. Dieselbe Alice bleiben und etwas anderes und Leichteres angehen als dies. Jetzt konnte sie noch gehen. Jetzt, jetzt, jetzt – und jetzt nicht mehr. Ihre Mutter kehrte zurück zu den anderen. Mark legte die Hände vor den Mund und skandierte: »Living next door to Alice …«

Alice legte ihre Sachen in das tiefe Tablett, das ein Zollbeamter in einem sehr kratzig aussehenden dunkelblauen Polyester-Pulli und einem dichten buschigen Schnurrbart ihr hinschob.

»Die Stullen auch«, sagte er dann mit einem Augenzwinkern. Alice merkte erst jetzt, wie fest sie das Paket mit den belegten Broten hielt. Nicht anders als ein Ertrinkender eine Planke auf hoher See.

»Stimmt. Bei fränkischer Wurst weiß man nie …«, sagte sie.

Der Mann lachte. Plötzlich war Alice leichter zumute. Kneifen galt nicht. Große weite Welt, da bin ich!

Rein und raus

»Oakley Street, haben Sie gesagt?« Der kleine Taxifahrer, der Alice beim Verstauen der Koffer gerade mal bis zur Schulter gereicht hatte, suchte im Rückspiegel ihren Blick.

»Ja. In Chelsea.« Sie versuchte, ihre Stimme ganz ruhig klingen zu lassen, so, als führe sie jeden Tag nach Chelsea und wäre heute Morgen nicht in einem kleinen fränkischen Dorf, das mehr Kühe als Einwohner hatte, aufgewacht.

Auf der Rückbank des Taxis fanden leicht fünf Leute Platz und die Decke war sehr hoch. Weshalb das so war, wusste Alice aus ihrem Reiseführer: Ein Herr mit Zylinder auf dem Kopf sollte darin Platz finden. Das hatte ihr gefallen, auch wenn diese Information ganz klar in die Kategorie Unnützes Wissen fiel.

»Idiot!«, brüllte der Taxifahrer so plötzlich, dass Alice in ihrem Sitz vor Schreck einen Satz machte. Er drückte auf die Hupe, als vor ihnen ein Sportwagen ohne Vorwarnung die Fahrbahn kreuzte. Sofort hupte der Sportwagen zurück, andere mischten sich kampfeslustig ein und ein ohrenbetäubender Krach brach aus.

Sie standen im Stau an der Themse. Über dem breiten, stumpf wirkenden Fluss hing ein dicht bewölkter Himmel und Ausflugsschiffe wie auch viele kleinere Boote schoben sich unter den Brücken durch. Dennoch war es warm, und entlang des Wassers liefen Leute auf Rollerskates oder schleckten sogar ein Eis, obwohl es Anfang September war.

Der Taxifahrer wendete halsbrecherisch in drei Zügen. »Ach, was soll’s. Cheyne Walk ist verstopft. Nehmen wir den Sloane Square.«

»Geht klar«, murmelte Alice, als der Wagen scharf links abbog und dann an einer Reihe von eleganten Wohnblocks, grünen, eingezäunten Gärten und so gut wie verborgenen Seitenstraßen mit bunt angestrichenen Häusern vorbei einen Platz erreichte.

»Ist das der Sloane Square?«

»Ja. Wir sind gleich in der Oakley Street. Nur die King’s Road runter.«

Wie harmonisch der rechteckige Platz war! Alice sah die rote Leuchtschrift eines Theaters – des Royal Court –, die zur Mittagszeit vollen Restaurants und die Geschäfte: Cartier, Tiffany’s, Hugo Boss … Feine Gegend, entschied sie.

Dann wollte sie vor Freude aufschreien, denn mit einem Mal schob sich ein riesiger roter, zweistöckiger Bus aus einer Seitenstraße. Es gab sie wirklich! Die berühmten Busse von London. Im nächsten Moment entdeckte sie am Straßenrand auch noch eine brandrote Telefonzelle neben einem ebenso roten Briefkasten. Alice riss sich gerade noch zusammen, sonst wäre sie in ein unsinniges Lachen ausgebrochen.

Auf dem Gehsteig herrschte Trubel. Alice fiel auf, wie gut die Mädchen hier aussahen. Gut auf eine Weise, wie sie es vorher noch nie gesehen hatte. Niemand wirkte makellos sportlich elegant und gerade wie von der Schaufensterpuppe runter gekauft, so wie das in Deutschland oft der Fall war. Eher schien es, als hätten die Mädels sich eben gerade die Kleider übergeworfen, die ihnen untergekommen waren – und damit doch einen perfekt coolen Look geschaffen. Dazu kam noch die Selbstverständlichkeit, mit der sich die Frauen hier bewegten, diskutierten, einen Kaffee im Pappbecher hielten oder in ihr Telefon redeten. Alice zwirbelte die Enden ihrer beiden lose geflochtenen Zöpfe zwischen den Fingern. Sie kam sich plötzlich so provinziell vor!

Das Taxi schob sich langsam durch den Verkehr, ehe es links abbog und an den Straßenrand zog. Der Fahrer sah sich zu ihr um.

»Wir sind da. Das ist die Oakley Street. Passen Sie auf, wenn Sie aussteigen. Sie ahnen ja nicht, wie viele Leute überfahren werden, weil sie auf die falsche Straßenseite blicken.«

»Klar«, sagte Alice und wollte auf die Straße steigen, als ein Range Rover nur einen Zentimeter und laut hupend an ihr vorbeischrammte. Sie fuhr zurück. Ihr Herz hämmerte in ihrer Brust. Das war knapp!

Schnell rutschte sie im Auto durch und stieg auf dem Bürgersteig aus. Entlang der breiten Straße reihte sich ein hohes weißes, stuckverziertes Haus an das andere und an ihrem Ende glitzerte wieder graublau die Themse.

Der Taxifahrer lachte, als er um den Wagen herumging und ihren Koffer nahm. »Deswegen steht an jeder Kreuzung auf dem Bürgersteig: Bitte rechts gucken oder Bitte links gucken! Keine Sorge. Das lernen Sie schon. Und wenn Sie nachher spazieren gehen, dann merken Sie sich die Feuerwache am Ende der Oakley Street, dann finden Sie den Weg immer wieder zurück.«

Er stellte den Koffer ab. Alice kramte in dem Umschlag der Sparkasse, in der ihr Vater am Vortag noch Geld getauscht hatte.

»Entschuldigung. Hier ist nur alles so – fremd.«

»Ich komme aus Afghanistan, Love. Wir sind hier alle Fremde. Daran gewöhnt man sich besser gleich.«

Das Taxi verschwand aus ihrem Blickfeld. Wie hatte er sie genannt? Love? Liebes. Sie musste lächeln. Irgendwie seltsam, aber auch nett!

Alice schleppte ihren schweren Koffer die drei Stufen hoch zum Eingang der Oakley Street 26. Es war ein weißes vierstöckiges Haus, dessen tiefrote Tür von zwei Säulen flankiert wurde. Das sah ja gar nicht so schlecht aus, entschied sie.

Innen war die Wand speigrün-gelb gestrichen worden und dies wohl schon vor Jahren. Über Alices Kopf flackerte das Neonlicht unregelmäßig, und hinter dem Tresen hing grell dekoriert etwas, das wie eine Sure aus dem Koran aussah. Der Mann an der Rezeption blickte nur unwillig von seinem iPad auf, auf dem ein verpixelter Film in einer für Alice fremden Sprache lief. Seine Brillengläser waren so dick wie der Boden einer Cola-Flasche, doch sein Blick war recht freundlich. »Welcome. Ich heiße Baschar. Hier sind die Hausregeln.« Er schob Alice ein auf einem billigen Kopiergerät vervielfältigtes Papier über den Tresen. Zwanzig Punkte, kaum lesbar, was vielleicht auch besser so war. Alice schwirrte schon nach wenigen Sätzen der Kopf davon, was sie vor oder nach zehn Uhr abends tun oder lassen sollte.

Baschar musterte derweil Alices Perso und tippte auf seinem alten Computer herum. »Sie haben Zimmer 19. Vierter Stock, erste Tür rechts. Hier ist der Zettel mit dem Wi-Fi-Kennwort. Ist im Preis inbegriffen, wie auch Wasser und Strom. Die Miete für die Woche begleichen Sie bitte im Voraus. Mir sind zu viele Mieter einfach schon abgehauen.« Der Mann sah von seinem Bildschirm auf. »300 Pfund. Selbst wenn Sie eher gehen sollten: Rückerstattet wird nichts.«

300 Pfund! Dafür hatte sie im letzten Winter gemeinsam mit zwei Freundinnen eine Woche all-inclusive in einem Hilton am Roten Meer gemacht! Ihr Sparkassen-Umschlag war nun so gut wie leer. Baschar ließ die Scheine in einem kleinen Tresor verschwinden.

Dann trat er mit einem Werkzeugkasten in der Hand hinter dem Tresen hervor. »Hm. Zimmer 19. Ich muss da noch was am Abflussrohr reparieren, wenn ich mich recht erinnere.« Er stieg vor Alice die Treppen hoch, während die mühsam ihren Koffer die Stufen hochwuchtete: War Gentleman nicht ein englisches Wort?!

»Gibt es hier keinen Aufzug?«, fragte sie, als sie nach den ersten Stufen Atem schöpfte.

»Nein. Sonst würde das Zimmer vierhundert die Woche kosten.«

Als sie endlich auf der obersten Etage ankam, kniete Baschar schon in der offenen Zimmertür und hämmerte mit mehr Kraft als Verstand gegen die Rohre. Das Metall ächzte und Rostkrümel flogen. Alice verbiss sich ein Lachen: Was Mark und ihr Vater wohl zu dieser Art von Klempnerei sagen würden? Sie sah an die Zimmerdecke, an der sich lose Kabel entlangzogen. In dem Zimmer standen nur ein Bett und ein Schrank nahe dem schmalen Fenster, das auf die Oakley Street hinausging. Jedes Mal wenn draußen ein Bus vorbeikam, klirrte die Scheibe leise in dem wohl morschen Rahmen. Das war ihr Zimmer, für 300 Pfund die Woche? Zu Hause war ihre Speisekammer größer! Aber dies war nun ihr Zuhause.

»Kann ich reinkommen?«, fragte sie mit etwas zittriger Stimme.

Baschar packte gerade sein Werkzeug wieder ein. »Ja, aber lassen Sie mich erst raus. Sonst können Sie gar nicht rein«, sagte er gleichmütig. »Wenn Sie mal drinnen sind, müssen Sie sich zum Öffnen der Tür auf das Bett setzen. Sonst ist dafür auch kein Platz. Okay?«

Alice konnte nur stumm nicken. Sie hatte sich bisher nicht für verwöhnt gehalten, aber vielleicht lernte man über sich selbst nicht aus.

Baschar wischte sich die verschmierten Hände an seiner Hose ab. »Wenn es mit dem Wasser immer noch Probleme gibt, dann rufen Sie einfach runter, ja? Und wenn Sie sonst wie Probleme haben, können Sie sich auch melden.«

»Ist denn ein Telefon im Zimmer?«

Er grinste. »Nein, denn sonst …«

»Sonst würde das Zimmer 450 kosten?«, vermutete Alice.

»Genau«, sagte Baschar. »Sie beugen sich übers Treppengeländer und rufen laut. Ich höre Sie schon. Machen Sie es sich gemütlich. Kühlschrank und Kochplatte funktionieren. Hoffentlich.«

Als seine Schritte verklungen waren, schob Alice ihren Koffer in das Zimmer. Damit war es auch schon voll. Sie stieg über ihr Gepäck auf das schmale Bett, das nur 20 cm von einem Schrank mit Schiebetüren entfernt stand. Sie zog den Koffer näher und konnte nun die Tür schließen. Das war also ihr Reich – zumindest, wenn sie auf dem Bett saß.

Der Wasserhahn tropfte noch immer, während der Kühlschrank gerade ratternd sein Aggregat anwarf. Die Kochplatte obendrauf war leidlich sauber, aber es war nicht mehr zu erkennen, welcher Knopf welche Platte anheizte. Alice zog die Beine an. Sie hatte Hunger. Konnte sie irgendwo einkaufen gehen? Das Waschbecken im Zimmer war offensichtlich als Bad und als Teil der Küche gedacht.

Sie dachte an die freundliche helle Küche daheim, die wirklich das Herz des Hauses war, und sah auf ihre Uhr: hier, plus eine Stunde – vielleicht aßen gerade alle von dem Kuchen, den ihre Mutter am Sonntag immer buk? Ihre Nase kitzelte gefährlich. Da fiel ihr Blick auf die Ausbuchtung in der Brusttasche ihrer Jeansjacke. Die Stullen, die sie im Flugzeug nicht gegessen hatte! Alice hechtete geradezu danach.

Im Gang fing plötzlich ein Mann an zu schreien und eine Frau brüllte zurück. Etwas schlug gegen die Wand und zerbrach. Alice zuckte zusammen und saß ganz still. Nichts folgte mehr. Sie wickelte mit zitternden Fingern die Brote aus.

Gleich wollte sie ihre neue Heimat erkunden. Gleich, entschied sie, als polternde Schritte die Treppe hinunter flohen. Die Frau schimpfte im Flur grell in einer unbekannten Sprache hinterher. Dann weinte sie. Allein, draußen auf dem Treppenabsatz.

Alice biss in die Stulle, kaute, schluckte. Das Brot schmeckte seltsam salzig. Sie wischte sich schnell die Augen. Wie doof, schalt sie sich. Doch das half nichts. Sie fühlte sich wie ein Vogel, der noch nicht flügge aus dem Nest gefallen war.

Morgen war ihr erster Tag an der SAF. Sie musste sich einschreiben und den Stundenplan abholen, ehe sie sich eine neue Wohnung suchte. Etwas ganz für sich allein, entschied sie, während sie weiteraß.

Alice holte ihren Laptop aus dem Koffer und ging gleich online, auf Gumtree oder Loot, wo eben in London Zimmer und Wohnungen angeboten wurden. So schwer konnte das ja nicht sein, oder?

»Hallo? Ja, ich rufe wegen des Zimmers an – schon vergeben? Trotzdem danke …«

Alice saß im Schneidersitz auf dem Bett und knabberte mürrisch am Bleistift. Vor ihr lag die Liste mit den Nummern, die sie sich notiert hatte. Die vorletzte strich sie aus.

Eine Weile saß sie nur so da, mit hängenden Schultern, und drehte den Stift zwischen ihren Fingern. Mist. Eine Nummer blieb noch für ein Zimmer in Fulham. Dem Stadtplan zufolge war das nicht so weit weg von Chelsea und der Oakley Street. Wenn es sich überhaupt lohnte, darüber nachzudenken. Im September suchten natürlich alle ein Zimmer, das hätte sie sich auch denken können.

Um den Anruf noch ein wenig hinauszuzögern und sich selbst ein wenig Mut zu machen, rief sie die Webseite der SAF auf und klickte einen der Kurzfilme an. Viele berühmte Leute sagten, was es für sie bedeutet hatte, dort zu studieren. Es endete mit dem Bild eines Transparents, auf dem Alice las: Verzeihen Sie die Störung, wir verändern gerade die Welt.

Genau so war es. Nur nicht aufgeben! Sie nahm ihr Telefon wieder in die Hand. Niemand hatte gesagt, dass es einfach sein würde, die große weite Welt zu erobern, oder? Wenn die letzte Nummer jetzt die richtige für sie war, dann lohnte sich der Anruf!

Sie wählte und studierte noch mit gerunzelter Stirn, was sie danebengekritzelt hatte. 200 Pfund die Woche, inklusive Internet, Strom und Wasser, das klang schon nach ihren ersten Stunden in Baschars Haus nur vernünftig.

»Ja, hallo?«, knurrte eine raue Frauenstimme. Im Hintergrund dudelte leise eine asiatisch anmutende Musik.

Alice räusperte sich. »Good evening. Ich rufe wegen des Zimmers in Fulham an. Ist es noch zu haben?«

Die Frau schien Rauch aus dem Mund zu blasen und hustete dann. »Ja, ist es. Wollen Sie vorbeikommen?«

»Jetzt?« Alice sah aus dem Fenster, wo sich der Himmel über der Stadt rot färbte. Wie lange würde es noch hell sein? Eine Stunde vielleicht oder zwei?

Die Frau ließ ihr nicht viel Zeit zum Überlegen. »Warum nicht jetzt? Jetzt ist immer besser als später. Weil später vielleicht nie kommt.« Die Frau lachte scheppernd.

Was soll denn passieren, wollte Alice fragen, aber ließ es dann. Stattdessen notierte sie sich die Adresse, angelte nach ihrer Jacke, stieg über ihren Koffer und quetschte sich zur Tür hinaus.

Als sie auf der Oakley Street stand, merkte sie erst, wie hart ihr das Herz in der Brust schlug. Um sie herum liefen Menschen. Alles schien auf die King’s Road zu strömen. Jeder wusste, wohin, jeder hatte eine Richtung und ein Ziel. Und sie? Am liebsten wäre sie wieder umgekehrt und hätte sich verkrochen.

Dann aber packte sie sich selbst am Schopf und zog sich aus dem Sumpf ihrer dunklen Gedanken. Kämpferisch rückte sie sich den Jackenkragen zurecht. Wenn sie schon aus der fränkischen Provinz kam, dann sollte man ihr das zumindest nicht ansehen! Innerlich bereitete sie sich auf das nächste Abenteuer vor: nämlich den richtigen Bus nach Parsons Green in Fulham zu finden. Ihre Laune stieg: Sie würde im roten Doppeldecker-Bus oben sitzen, komme, was wolle! Von nun an hieß es: The only way was up.