Claudia Puhlfürst, geb. 1963, studierte Biologie und Chemie und arbeitete als Dozentin und Lehrerin, bevor sie Redakteurin beim Duden-Verlag wurde. In der Belletristik hat sie sich mit mehreren Psychothrillern bereits einen Namen gemacht und bezeichnet sich selbst als »kriminelle Schreibtischtäterin«. Claudia Puhlfürst lebt mit ihrem Hund und zwei Meerschweinchen in Zwickau.

21. Mai

1

Am Kühlschrank hing ein neues Foto. Besser gesagt, ein Foto vom letzten Jahr, das gestern noch nicht dort geklebt hatte. Sarah betrachtete das Gesicht ihrer Schwester. Die blonden Haare schienen wie ein Strahlenkranz um Katharinas Kopf zu schweben, im Hintergrund brannte die rote Abendsonne ein Loch ins Meer. Kat hatte ihren verschmitzten Gesichtsausdruck aufgesetzt. Neben ihren Ohren machte sie mit beiden Händen das Peace-Zeichen.

Herbstferien. Letztes Jahr am Strand in Rethymno. Mama hatte zwei Wochen Kreta in einem Fünf-Sterne-Hotel gebucht. Die Reise war eine Belohnung für Kats erfolgreiches Auslandsjahr gewesen.

Sarah schloss kurz die Augen und ließ die Bilder wieder auferstehen: die Heimat von Göttervater Zeus, Hitze, schaumgekrönte Wellen, das Kreischen der Möwen, Geruch nach Sonnenöl. Katharina nahm immer Nussöl, weil sie den Duft so mochte. Auch wenn es keinen Lichtschutzfaktor hatte.

Katharina nimmt immer Nussöl, berichtigte sich Sarah. Gegenwart, nicht Vergangenheit. Ich muss aufpassen, was ich denke und sage. Die drehen mir doch aus allem einen Strick.

Sarah ließ den Löffel zurück in die Schale vor ihr sinken und wandte den Blick von dem Foto ab. In ihrem Mund quollen die Cornflakes immer mehr auf.

Sie konnte Mama im oberen Stockwerk rumoren hören. Seit einigen Tagen vermied ihre Mutter es, sich morgens in der Küche aufzuhalten, wenn sie frühstückte. Als Sarah die halb zerkauten Cornflakes herunterschlucken wollte, schienen sie wie ein Klumpen in ihrem Hals stecken bleiben zu wollen. Was, wenn sie daran erstickte? Würde Mama rechtzeitig herunterkommen und ihr helfen? Oder würde sie später, wenn sie ihre Tochter tot in der Küche fand, kurz das Gesicht verziehen und erleichtert pro forma den Notarzt rufen? Doch die Cornflakes fanden ihren Weg.

Von draußen blendete die Morgensonne herein und sogar bei geschlossenem Fenster konnte man das fröhliche Zwitschern der Vögel hören. Sarah rieb sich die Augen. Seit einer Woche schlief sie nachts kaum, und sie hatte sich schon daran gewöhnt, dass die Müdigkeit sie im Laufe des Vormittags in irgendeiner langweiligen Unterrichtsstunde einholte – meistens genau dann, wenn sie es am wenigsten gebrauchen konnte, wenn der Lehrer zum Beispiel gerade eine hochwichtige Frage gestellt hatte und in die Runde sah.

Wie ferngesteuert wanderte Sarahs Blick zurück zu dem Urlaubsfoto. Kat schien ihr zuzuzwinkern. Eigentlich wollte Sarah gar nicht näher darüber nachdenken, warum Mama dieses Bild dort aufgehängt hatte. Genau gegenüber von ihrem Platz, sodass ihr Blick beim Essen unweigerlich darauf fallen musste.

Draußen war es jetzt still. Als hätte etwas Finsteres den kleinen Vögeln Angst gemacht. Auch das Rumoren über ihr hatte aufgehört. Der Morgen hielt den Atem an, nur die Küchenuhr tickte überlaut.

Als die Türklingel schrillte, fuhr Sarah zusammen. Mit einem leisen Platschen landete der Löffel in der halb vollen Schale. Sie sah in Richtung Flur und dann an die Zimmerdecke. Wollte Mama nicht herunterkommen und öffnen? Anscheinend hoffte sie, dass der Besucher wieder verschwand, wenn sich im Haus nichts rührte, doch vergebens. Es klingelte erneut, und jetzt hastete sie die Treppe hinunter und ging durch den Flur. Sarah sah zum Foto ihrer älteren Schwester und dann zur Küchentür. Sie konnte die Stimmen hören. Ein Mann und eine Frau. Und sie kannte die beiden.

Was wollen die schon wieder hier? So früh am Morgen?

Mama murmelte eine Antwort auf die Begrüßung, dann näherten sich Schritte und die Küchentür schwang auf. Statt der erwarteten zwei Beamten erschienen drei. Der kleine Dicke mit dem Schnauzbart war neu.

»Guten Morgen, Sarah.« Die Frau wartete auf eine Antwort, doch Sarahs Mund blieb verschlossen. Ihre Kehle war plötzlich staubtrocken, sodass Sarah zweimal schluckte und nach dem lauwarmen Kakao griff.

Die Szene glich einem dieser modernen Theaterstücke. Fünf schweigende Menschen in einer auf Hochglanz polierten Küche, umgeben von einer unheilschwangeren Erschöpfung, die sich wie ein schwerer feuchter Mantel über sie gelegt hatte und ihnen die Luft nahm. Sarah hatte das Gefühl, dass sich die Sekunden zu Minuten dehnten.

Der nächste Satz der Frau zerschnitt die Stille.

»Wir müssen Ihre Tochter noch einmal ausführlich befragen.«

Wozu wollen Sie mein Kind befragen? Glauben Sie denn noch immer, dass sie etwas mit dem Verschwinden ihrer Schwester zu tun hat? Sarah schob stumm die Unterarme vom Tisch und verschränkte die Finger unter der Platte. Niemand musste sehen, wie nervös sie war. Mama zögerte unmerklich und nickte dann.

»Auf dem Revier.« Die Polizistin mit den kurzen schwarzen Haaren musterte Sarah schmallippig. In ihren Augen flackerte es.

Schuster hieß sie, besser gesagt KK Schuster. KK war die Abkürzung für Kriminalkommissarin. Sie wollte nicht zum ersten Mal mit Sarah reden. Die Polizistin mit der Strubbelfrisur und ihr wortkarger Kollege hatten Sarah schon mehrfach zu Kats Verschwinden befragt. Das Wort hatte dabei immer sie geführt. KK Schuster schien ein echter Profi zu sein, übte systematisch Druck aus, während ihr Kollege Verständnis zeigte. Jetzt stand er schweigend neben ihr und wartete auf eine Reaktion von Mutter und Tochter.

»Dürfen wir Ihre Tochter mitnehmen? Sie wird dann wieder zurückgebracht.«

Können Sie das nicht hier tun? Darf ich mitkommen? Warum stellte Mama die Fragen nicht?

Die Müdigkeit überfiel Sarah wie eine Wolke, die sich plötzlich vor die Sonne schob. Sie hatte bis nach Mitternacht gechattet und dann noch über eine Stunde im Netz gesurft. Nur um sich abzulenken. Von diesem furchtbaren Verdacht, von den Gedanken an ihre verschwundene Schwester. Doch all das hatte nichts genützt. Auch noch, nachdem sie das Licht gelöscht und die Decke bis zum Kinn gezogen hatte, hatte sie einfach nicht einschlafen können. Seit sieben Tagen kam der erholsame Schlaf nicht zu ihr. Das zerknüllte Kissen unter dem Kopf, schwirrten die Gedanken wie aufgescheuchte Wespen hin und her und prallten laut brummend gegen die knöcherne Schädelkapsel. Sarah unterdrückte ein Gähnen.

»Frau Gessum?« Die Kommissarin klang ungeduldig.

Ich bin dagegen. Sarah bleibt hier. Sie können ihr Ihre Fragen gern in meinem Beisein stellen.

Mamas Mund blieb verschlossen. Sie hatte die Lippen so fest aufeinandergepresst, dass die rote Farbe aus ihnen gewichen war. Und sosehr Sarah sich bemühte, sie konnte keinen Blick erhaschen. Mama sah aus dem Fenster, dann schloss sie die Augen, als wollte sie die Wirklichkeit, diese beiden Kripobeamten und ihre fordernden Mienen ausblenden. Irgendwann in den letzten Tagen hatte sie es aufgegeben, Sarah zu verteidigen. Zuerst resigniert wegen ihrer angeblichen Sturheit, wie sie es genannt hatte, dann zunehmend verärgert und zuletzt misstrauisch.

Hilf mir doch!, wollte Sarah ihrer Mutter zurufen, ich brauche dich jetzt mehr denn je! Aber ihr Mund war wie zugenäht, die Kehle eng, kein Wort wollte hervorkommen, sosehr sie sich auch bemühte. Und Paps, der ihr sicher beigestanden hätte, war gestern Abend – fürs Erste, wie er sie getröstet hatte – zurückgefahren.

»Also gut.« Mama wischte sich zum wiederholten Mal die Hände an der hellen Jeans ab und ging zur Spüle. Sie war also tatsächlich ernsthaft einverstanden, dass diese Beamten ihre fünfzehnjährige Tochter zur »Befragung« mitnehmen durften? Weg mit dem Kind, das ihr nur Schwierigkeiten machte. Ich hasse dich!

Sarah stellte die Tasse mit dem Kakao, deren Henkel sie noch immer umklammert hielt, auf dem Tisch ab und betrachtete den aufgeweichten Brei in der Schüssel vor sich.

»Muss sie etwas mitnehmen?« Mama hatte ihnen, während sie sprach, den Rücken zugedreht und klapperte in der Spüle herum. Gerda, die eben hereingekommen war, stand im Raum und rang mit verstörtem Gesichtsausdruck die Hände.

»Nein.« KK Schuster war einen Schritt näher getreten und wartete jetzt, dass Sarah aufstand. Wenn sie mich anfasst, schreie ich.

»Eine Jacke vielleicht. Abends wird es schnell kühl.«

Abends? Wie lange sollte sie denn auf dem Revier bleiben?

»In Ordnung.«

Sarah starrte auf den durchgedrückten Rücken ihrer Mutter und schluckte. In Ordnung? Mehr fällt dir nicht dazu ein? Sie räusperte sich. »Kann ich Paps anrufen?«

»Später. Jetzt fahren wir erst mal los.«

»Was ist mit einem Anwalt?« Hilfe suchend blickte Sarah zu ihrer Mutter, doch die schwieg.

»Du brauchst keinen. Es handelt sich lediglich um eine Befragung und deine Mutter hat ihr zugestimmt.« KK Schuster wandte sich kurz Mama zu. »Mein Kollege wird inzwischen mit Ihnen die Sachlage besprechen.«

Die Polizistin streckte den Arm nach Sarah aus. Ihr Gesicht bekam einen verdutzten Ausdruck, als diese plötzlich aufsprang und sich an ihr vorbei zur Tür drängte.

»Ich hole meine Jacke.« Sarah hastete nach oben. Sie musste ihr Handy einstecken, bevor ihre beiden Bewacher sie mitnahmen. Da Mama ihr anscheinend nicht mehr helfen wollte, würde sie sich anderweitig um Beistand kümmern müssen.

*

»Also dann, Sarah.« Kriminalkommissarin Schuster hielt Sarah die Tür zum Verhörraum auf und forderte sie mit einer Handbewegung auf einzutreten.

»Leider warst du bisher ja nicht besonders redselig. Aber mit Ausflüchten kommen wir nicht weiter.« Sie zog einen Stuhl hervor. »Du kennst das hier ja schon. Setz dich bitte.« Ihr schweigsamer Kollege folgte wie an einer Schnur gezogen. Bei ihrem ersten Treffen hatte er sich mit Fredersen vorgestellt. Einfach nur der Nachname. Kein Dienstgrad, nichts.

»Na, mach schon. Es wird nicht besser, wenn du bummelst.«

Das klang nicht gut. Im Auto hatten die beiden die ganze Zeit geschwiegen. Was wollten sie denn nur von ihr?

Die Polizistin hatte inzwischen eine Hand auf Sarahs Rücken gelegt und schob sie sanft, aber bestimmt in Richtung Tisch. Sarah schniefte und setzte sich. Sie musste sich ablenken. Diese Ermittler durften nicht merken, dass sie Angst hatte. Große Angst, um ehrlich zu sein.

»Wir wollen dir nichts tun.« KK Schusters Kollege sprach abgehackt. Eine tiefe Stimme hätte wohl vertrauenerweckender gewirkt, aber damit konnte er leider nicht aufwarten. »Nur noch ein paar Fragen. Wenn du ehrlich zu uns bist, kannst du schnell wieder nach Hause, Sarah.«

Na klar. Und du bist der Weihnachtsmann.

Schuster, die im Hintergrund an irgendwelchen Geräten herumgefummelt hatte, richtete sich auf und kam zum Tisch. »Fertig, Lars.«

Fredersen hieß also mit Vornamen Lars. Wie der kleine Eisbär. Sarah beschloss, sich den Beamten ab jetzt nur noch als Eisbären vorzustellen. Das würde sie auf andere Gedanken bringen. Und seine Kollegin war ab jetzt nicht mehr die »Schneekönigin«, sondern die Kreuzspinne Thekla von Biene Maja. Vielleicht war sie in Wirklichkeit ja ganz nett, aber die hässliche Bezeichnung lenkte Sarah von der Angst um ihre Schwester ab. Und von der Angst darum, dass herauskam, was sie getan hatte.

»Wir nehmen alles auf.« Die Spinne ließ sich neben ihren Kollegen auf einen Stuhl fallen. »Aber das weißt du ja schon.«

Klar. Ich bin ja nicht zum ersten Mal hier. Allerdings war Mama bei der gestrigen Befragung mit dabei gewesen. Durften die eine Minderjährige überhaupt allein verhören? Anscheinend ja. Ihre Mutter hatte schließlich zugestimmt, und die Beamten hatten ihr versprochen, Sarah wieder zu Hause abzuliefern, wenn sie mit ihr fertig waren.

Wann auch immer das sein mochte.

»Kannst du dir vorstellen, warum du heute noch einmal hier bist?« Lars Fredersen setzte ein väterliches Gesicht auf. Oder das, was er dafür hielt. Sarah richtete ihren Blick geradeaus, ließ das dunkelbraune Jackett des Beamten verschwimmen und stellte sich den Strand in Rethymno vor.

Eine Zeit, als die Welt noch in Ordnung gewesen war. Sie fühlte die Hitze der Mittagssonne, die auf ihren Schultern brannte. Vor ihr rauschte das Meer. Katharina saß mit gekreuzten Beinen auf dem Handtuch und tippte auf ihrem Smartphone herum. Wie immer postete sie jedes noch so unwichtige Ereignis bei Facebook und Twitter. Sarah hielt nicht viel davon. Sie war der Meinung, dass nicht jeder wissen musste, was sie zu Mittag gegessen hatte, welche Musik sie gut fand oder welches Buch sie gerade las.

»Sarah? Wir würden gern gemeinsam mit dir die Wahrheit herausfinden.« Fredersens Stimme klang noch immer teilnahmsvoll. Wahrscheinlich würde sich gleich die Spinne einschalten und ihr mit Konsequenzen drohen, wenn sie weiter schwieg.

Gemeinsam mit mir »die Wahrheit herausfinden«. Das heißt also, ihr glaubt, dass ich bisher gelogen habe. Sarah versuchte, sich an den Sandstrand zurückzubeamen. Sollten sie doch mit ihren Neuigkeiten rausrücken. Es musste einen Grund haben, warum sie schon wieder hier saß. Sie hatte nichts zu sagen.

»Mach es nicht noch schlimmer. Du solltest kooperieren, Sarah.« Ein weiterer Versuch. Der Beamte dachte wohl, dass sie zugänglicher werden würde, wenn er an jeden zweiten Satz ihren Namen anfügte. Sarah hier, Sarah da. Auf seinem gestreiften Hemd war ein Fleck. Sah aus wie Ei. Sarah wandte den Kopf ab. »Eisbär« passte doch nicht zu Fredersen. Der kleine Lars war putzig und tollpatschig. Ein liebenswerter Kerl. Der hier war einfach nur nervig.

»Hör mir mal zu.« Schuster hatte sich vorgebeugt und sprach leise. Sarah konnte fühlen, wie die blauen Augen sie anstarrten, während die Beamtin weiterredete. »Falls du glaubst, dass wir dich nach Hause bringen, wenn du weiter schweigst, liegst du falsch. Du bleibst so lange hier, bis wir alles besprochen haben. Also, antworte bitte auf die Frage. Was glaubst du, warum du jetzt hier sitzt?«

Sarahs Magen zog sich zusammen. Etwas musste seit gestern Abend passiert sein.

»Ich habe keine Ahnung.«

»Erinnerst du dich, dass die Kollegen von der Spurensicherung am Freitag noch einmal bei euch zu Hause waren?« Fredersen hatte sich mit seinem fürsorglichen Tonfall wieder ins Geschehen eingeschaltet.

»Da war ich in der Schule.«

»Das war nicht die Frage.« Schuster blieb leise. »Erinnerst du dich?«

»Ja.« Natürlich erinnerte sie sich daran. Mama hatte sie so eigenartig angesehen, als sie ihr von dem erneuten Besuch der Kripo berichtet hatte. Fragend. Und irgendwie enttäuscht. Ihre Unterlippe hatte gezittert.

»Na, siehst du, Sarah.« Jetzt war wieder Fredersen dran. Sie konnte den Blick nicht von dem Eigelbfleck auf seinem Hemd wenden. »Die Kollegen haben sich das Zimmer deiner Schwester noch einmal vorgenommen. Kannst du dir vorstellen, was sie dort gesucht haben?«

»Keine Ahnung.« Was weiß denn ich? Klamotten? Persönliche Aufzeichnungen? Kats Handy?

Und warum fragt ihr gerade mich danach?

Natürlich hatte sie eine Ahnung, sie war ja nicht doof. Zumal es die Spurensicherung gewesen war. Die klapperte im Film immer alles nach Fasern, Fingerabdrücken oder Körperflüssigkeiten ab.

»Nun, dann werden wir es dir sagen.« Die Kommissarin setzte sich wieder gerade hin und legte die gefalteten Hände vor sich auf den Tisch. »Die Beamten haben Blut gefunden. Und zwar nicht nur ein paar Tropfen.« Bei jedem Satz erhöhte sie die Lautstärke. »Jede Menge Blut. Im Zimmer deiner Schwester, auf der Treppe nach unten, im Flur! Jemand hat versucht, es zu beseitigen, war aber nicht gründlich genug! Die Spurensicherung kann auch kleinste Reste nachweisen. Und jetzt möchte ich von dir wissen, ob du eine Erklärung dafür hast.«

Sarah versuchte krampfhaft, das Zittern zu unterdrücken, das ihr durch den ganzen Körper fahren wollte. Als ihr Tränen in die Augen schossen, senkte sie schnell den Blick auf die zerkratzte Tischplatte.

»Ich muss wohl nicht dazu sagen, dass es das Blut deiner Schwester war.« Schuster lehnte sich – nun wieder ganz ruhig – in ihrem Stuhl zurück.

»Hast du eine Erklärung, wie es dahin gekommen sein könnte?« Fredersen versuchte es erneut mit der rücksichtsvollen Tour.

Doch Sarah konnte nur an eines denken: ihre Angst um Katharina. Wenn die Spurensicherung Blut gefunden hatte, musste ihrer Schwester etwas wirklich Schlimmes passiert sein. »Vielleicht hat Kat sich geschnitten?« Ihre Stimme klang wie die eines Kleinkindes und Sarah verfluchte sich für ihre Schwäche.

»Bei der Menge an Blut müsste es aber ein großer Schnitt gewesen sein. Oder weißt du etwas über eine mögliche Verletzung?«

Sarah schüttelte den Kopf und schluckte die Bitterkeit hinunter. Einer der Kratzer auf der Tischplatte sah aus wie ein Pfeil, der auf sie zeigte. »Ich muss auf die Toilette.«

»Natürlich.« Hatte Schuster jetzt einen verächtlichen Ton? »Hast du etwas mit dem Verschwinden deiner Schwester zu tun? Auf jeden Fall weißt du mehr, als du zugibst. Dein Verhalten, seit Katharina vermisst wird, lässt eindeutige Schlüsse zu.«

Sie war geliefert. »Ich muss ganz dringend. Wirklich.« Ein kurzer flehender Blick zu Fredersen. Die konnten sie hier doch nicht schmoren lassen! Galt das schon als Folter, wenn man jemandem den Gang zur Toilette verwehrte? Besonders wenn derjenige noch minderjährig war? Fredersen schien Ähnliches zu denken, denn er erhob sich. »Petra wird dich begleiten.«

Petra? Die Giftspinne hatte einen Vornamen? Schnell erhob sich die Kommissarin und wartete, bis auch Sarah aufgestanden war. »Komm mit.« Sie nickte ihrem Kollegen zu. »Wir sind gleich zurück.«

Auf dem Gang roch es nach Desinfektionsmittel. Undefinierbare Schlieren zierten das Linoleum. Bis in die Kabine würde Schuster doch wohl kaum mitgehen, oder? Die Minuten allein waren ihre einzige Chance auf Rettung.

»Da ist es.« Die Beamtin zeigte auf das Türschild und wartete, bis Sarah die Tür geöffnet hatte. Dann schob sie sich hinter ihr in den engen Vorraum. »Ich warte hier.«

Sarah stolperte durch die offene Zwischentür in die enge Zelle, ließ den Riegel zuschnappen und zog das Handy aus der Gesäßtasche, bevor sie hörbar den Deckel aufklappte, die Hosen herunterließ und sich mit einem Ächzen setzte. Die Kommissarin musste durch Toilettengeräusche abgelenkt werden. Zum Glück hatte sie ihr Handy immer auf stumm gestellt. Während ihre Finger über das Display huschten, lauschte sie nach draußen. Ahnte Schuster etwas?

WERDE AUF DEM REVIER VERHÖRT. RUF MEINEN PAPA AN.

Jetzt quietschte die Zwischentür. Die Spinne kam näher. »Brauchst du noch lange? Ich höre gar nichts!«

Sarah tippte KANN NICHT MEHR und rief: »Bin gleich so weit!« In dem Augenblick, als das Handy den Sendevorgang mit einem Summen quittierte, zog sie die Spülung.

15. Mai

2

»Guten Morgen.« Mama schaute kurz auf, lächelte ihr zu, schaltete dann den Wasserkocher ab und löffelte Kakaopulver in Sarahs Tasse. Gelbe Sonnenfinger blendeten durch die Gardinen herein und kitzelten ihre Nase.

»Hast du gut geschlafen?«

»Hm.« Sarah, die inzwischen am Küchentisch Platz genommen hatte, schüttelte die Conflakespackung, um festzustellen, wie viel noch darin war.

»Soll ich nachher neue mitbringen?«

»Hm.«

Mama schien ein Lächeln zu verbergen, während sie den Kakao vor ihre Schüssel stellte. Sarah gähnte und nahm einen Schluck. Sie spürte, wie die Wärme sich in ihr ausbreitete, und schloss die Augen. Wie immer war sie erst spät ins Bett gegangen, was sich nun rächte – sie brauchte immer ewig, um richtig wach zu werden. Mama wusste das und ließ sie in Ruhe. Normalerweise redete sie stattdessen mit ihrer Schwester. Die siebzehnjährige Katharina, die von allen nur »Kat« genannt wurde, schlief zwar gern länger, war allerdings im Gegensatz zu Sarah nach dem Aufstehen sofort putzmunter.

»Ist Katharina im Bad?«

»Weiß nicht.«

»Na ja, geben wir ihr noch fünf Minuten.«

»Hm.«

»Warst du gestern noch lange wach?«

»Bis elf.«

Was in Wirklichkeit Mitternacht bedeutete. Und sie wusste, dass Mama das nicht gern sah. Aber so früh am Morgen wollte Sarah nicht streiten. Außerdem war sie fast sechzehn, man konnte sie nicht zwingen, um zehn ins Bett zu gehen. Abends saßen sie und Katharina in ihren Zimmern stundenlang vorm Computer – Kat chattete mit Freunden, postete alles Mögliche bei Facebook und Twitter, während Sarah surfte oder skypte. Das Leben war einfach zu spannend, um zu schlafen.

»Und Kat?«

»Keine Ahnung.«

Mama griff nach ihrer halb vollen Kaffeetasse und setzte sich zu ihr. Die Frage, wann Katharina schlafen gegangen war, war überflüssig. Ihre Zimmer lagen nicht nebeneinander und sie verbrachten ihre Zeit abends selten miteinander. Schweigend löffelte Sarah ihre Cornflakes. Sogar bei ihren Frühstücksgewohnheiten unterschieden sie sich. Kat aß Joghurt und Obst, manchmal auch ein weich gekochtes Ei mit Toast oder ein Nutellabrötchen.

Sie hingegen brauchte ihre Flakes. Zuckerfreie natürlich. Mit fettarmer Milch. Jeden Morgen. Dazu trank sie Kakao.

Mama bewegte ihre Schultern und schien dabei nach oben zu lauschen, doch dort blieb alles still. Kein Poltern über ihren Köpfen, kein Getrappel auf der Treppe, kein Gesang. Ein schneller Blick zur Uhr, dann schob sie die Tasse von sich. »Katharina hat gestern wohl doch zu lange gemacht. Aber wenn sie nicht gleich aus den Federn kommt, wird es zu spät. In zwanzig Minuten fährt euer Bus. Und ich muss auch los. Die Arbeit wartet nicht.«

Sarah nahm noch einen Schluck Kakao und antwortete nichts. Gleich würde Mama sie sowieso bitten, hinaufzugehen und Kat zu wecken.

»Gehst du bitte hoch und holst sie?«

»Aber klar doch.« Sarah erhob sich und grinste innerlich.

Im Flur war es dämmrig und kühl. Auf dem Weg nach oben ließ sie ihren Blick über die Fotogalerie schweifen und zählte dabei die Schritte. Neben jeder Stufe hing in Augenhöhe ein Foto an der Wand. Ganz unten fing es mit Kat als Baby an, dann kam Kat mit einem Jahr, gefolgt von Kat mit zwei Jahren. Ab Stufe drei gesellte sie selbst sich hinzu, bis zu dem Bild neben Stufe sechzehn. Letzten Sommer an der Ostsee. Obwohl sie sonst auf Fotos eher ernst dreinschaute, hatte sogar sie hier ein breites Grinsen im Gesicht.

Die chronologische Anordnung war Mamas Idee gewesen. So, wie ihr wachst und größer werdet, geht es bergauf, hatte sie gesagt, jedes Jahr ein Bild, bis ihr groß und stark seid.

Inzwischen gab es nur noch wenige Stufen ohne Fotos. Dann würden sie losziehen und ihre eigenen Wege gehen. So wie Paps weggegangen war. Sarah schluckte. Es war nicht nur für Mama schwer. Sie vermisste ihn. Täglich. Aber Paps hatte jetzt eine neue Frau und einen kleinen Sohn.

Katharinas Tür war noch geschlossen und Sarah blieb stehen und legte den Kopf leicht schief. Hinter der Tür herrschte absolute Stille. Hoffentlich war Kat nicht krank. So lange hatte sie noch nie verschlafen. Sie klopfte leise und wartete, doch es rührte sich nichts.

»Kat?« Sarah klopfte ein zweites Mal, öffnete die Tür und spähte ins Zimmer. »Du musst jetzt wirklich aufstehen, wenn du noch frühstücken willst. Es ist schon spät.«

Nun öffnete sie die Tür ganz und trat einen Schritt ins Zimmer. »Kat?« Ihre Stimme hallte überlaut durch den Raum, prallte an die puderfarbene Wand und senkte sich auf das Bett ihrer Schwester. Es war unbenutzt, wirkte genauso jungfräulich, als habe Gerda, die Haushälterin, es gerade eben erst gemacht. Sarah runzelte die Stirn. War Kat schon im Bad? Aber seit wann machte sie ihr Bett selbst? Nicht dass sie beide faul waren, aber solche Dinge überließen sie nur zu gern Gerda.

Als Sarah zurück in den Flur ging, bemerkte sie die halb geöffnete Badezimmertür. Dort war Kat also auch nicht. Oder war ihr vielleicht schlecht geworden und sie lag jetzt ohnmächtig in der Dusche? Das konnte passieren. Ein kleiner Schwindelanfall, weil man zu schnell aufgestanden war und – schwups – war man umgekippt.

Und so marschierte sie mit schnellen Schritten zum Bad und zog die Tür auf. Hinter der durchsichtigen Duschwand schimmerten die zartgrünen Fliesen, die Badewanne war leer.

»Kat?« Sarah erhob die Stimme. In der Küche polterte es kurz, als habe Mama etwas umgeworfen. »Katharina?«

Irgendwo musste ihre Schwester doch stecken! Während sie zu Kats Zimmer zurückging, kroch das unbehagliche Gefühl in ihrer Brust nach oben durch den Hals ins Gehirn und klopfte an die Pforte zum Bewusstsein.

Katharinas Schultasche lag neben dem Schreibtisch in der Ecke. Genauso, wie Kat sie immer hinschmeißt, wenn sie aus der Schule kommt. Als habe sie sie seit gestern Nachmittag nicht angerührt. Sarah ließ ihren Blick durch das Zimmer gleiten und überlegte dabei, wann sie ihre Schwester das letzte Mal gesehen hatte.

Katharina war wegen des Streits gestern Nachmittag wütend auf Mama gewesen. Sie verschwand dann immer ohne ein Wort in ihrem Zimmer und schmollte. Das war nicht das erste Mal und Sarah hatte das Gehabe ihrer Schwester wie immer übertrieben gefunden. Am nächsten Morgen hatte sich dann aber meistens alles wieder beruhigt.

Sarahs Blick blieb an etwas Glänzendem hängen, schweifte zum Fenster und kehrte dann zurück. Ganz langsam trat sie an den Schreibtisch heran und neigte den Kopf über den silbernen Gegenstand.

Kats Herzchen-Halskette.

Katharina geht ohne ihre Kette nirgendwohin.

Eine Fliege surrte unentwegt gegen die Scheibe. Draußen zwitscherte eine Amsel. Dann war es plötzlich still. Totenstill.

Sarah starrte noch immer auf den kleinen Glitzerstein inmitten des silbernen Herzchens, als ihr das fast unhörbare Geräusch auffiel. Etwas in diesem Zimmer brummte leise vor sich hin. Ein winziger Lüfter.

Kats Laptop. Er war nicht ganz zugeklappt, zwischen Tastatur und Bildschirm klaffte ein Spalt.

Wieso hatte ihre Schwester den Rechner gestern Abend nicht ausgeschaltet? Vorsichtig, als könnte sie etwas zerstören, schob Sarah ihre Finger in die Lücke und klappte den Laptop auf, bevor sie mit den Fingerspitzen über das Touchpad fuhr.

Der Bildschirm erwachte zum Leben. Im Nachhinein kam es Sarah so vor, als habe der Moment, in dem sie auf die Worte gestarrt hatte, endlos gedauert, aber in Wirklichkeit waren es nur Sekunden, bis die Aneinanderreihung von Buchstaben einen Sinn ergab.

14. Mai, 18:50 Uhr

Seit Wochen fühle ich mich beobachtet. Irgendjemand stellt mir nach. Ich kann die Gefahr förmlich spüren; morgens, tagsüber, nachts, ja sogar hier im Haus bin ich nicht mehr sicher. Ich habe große Ang

Kats Blog. Sie schrieb fast jeden Tag und veröffentlichte einen Teil ihrer Texte im Netz. Sarah löste die Zähne aus der Unterlippe.

Wieso hörte Kats Satz mitten im Wort auf? Was oder besser gesagt wer hatte sie gestern Abend beim Weiterschreiben gestört?

Sarah spürte, dass sie noch immer die Stirn runzelte, während sie nach ihrer Mutter rief. Was war hier los? Wo steckte ihre Schwester?

3

»Willst du mit zum Essen?« Elodie kam aus dem Seitengang und schwenkte ihre bestickte Tasche. Heute trug sie ein mintgrünes Tuch als Stirnband, das die Farbe ihrer Haare noch kräftiger leuchten ließ. Haartücher waren Elodies Markenzeichen. Während ihre beste Freundin näher kam, dachte Sarah an ihre erste Begegnung, letzten September im Schulbus, eine Woche nach Ende der Sommerferien.

»Fährst du auch zum Gymnasium?«, hatte eine helle Stimme neben ihr gefragt und Sarah hatte von ihrem Buch hochgesehen. Vor ihr stand ein kräftig gebautes Mädchen. Es hatte die Arme in die Seiten gestemmt und grinste. Sommersprossen sprenkelten Nase und Stirn. In die roten Haare hatte es sich ein hellblaues Tuch mit orangen Punkten gebunden.

»Hörst du schlecht?« Der Bus fuhr an und das Mädchen schwankte und griff nach Sarahs Lehne.

»Ich?«

»Schiel ich?«

»Nein.«

»Hinsetzen!« Der Busfahrer bremste und wartete. Anscheinend verstand er keinen Spaß.

Das Mädchen mit dem Haarband machte eine beschwichtigende Geste und ließ sich neben Sarah auf den Sitz plumpsen. »Der nervt.« Sie zeigte nach vorn und kicherte verstohlen. »Also?« Sie versetzte Sarah einen leichten Stoß an den Oberarm. »Oder wollen wir bis zum Aussteigen schweigen?«

»Meinst du das Clara-Wieck-Gymnasium?« Sarah wusste noch immer nicht, was sie von dem Mädchen halten sollte.

»Welches denn sonst? Gibt’s hier noch mehr davon?«

Sarah hatte innerlich geseufzt. So einfach würde sie dieses verrückte Mädchen wohl nicht loswerden. Wenn der Bus die Schule erreichte, musste sie schnell das Weite suchen. »Nein. Natürlich nicht.«

»Welche Klasse?«

»Neunte.« Sarah spürte, wie ihre Augenbrauen unwillig nach unten wanderten. War das hier ein Verhör?

Die Sommersprossige nickte, als hätte sie es gewusst. »Ich auch.« Erst jetzt schien ihr aufzufallen, dass sie etwas vergessen hatte, und sie streckte die Hand aus. »Sorry. Ich bin Elodie.«

»Was ist das denn für ein Name?«

Elodie zuckte die Schultern. »Meine Eltern sind Spinner.«

»Wie meinst du das?«

»Es sollte eigentlich ›Melodie‹ heißen, aber die Krankenschwester hat sich verhört. Als meine Eltern ›Elodie‹ lasen, gefiel es ihnen besser als ihr eigener Vorschlag. Sie mussten zwar anschließend nachweisen, dass das ein gebräuchlicher Mädchenname ist – wenn auch nicht in Deutschland –, aber es hat funktioniert. Seitdem heiße ich Elodie und jeder fragt mich danach. Das geht mir echt auf den Zeiger!«

Das sommersprossige Mädchen hatte den Mund verzogen und dann gekichert. »Und du?«

»Sarah. Stinknormal. Sarah Brunner.« Dann hatten sie sich die Hände geschüttelt.

Und jetzt war Elodie ihre beste Freundin. Ihre einzige dazu.

Sarah kehrte in die Wirklichkeit zurück. »Ich habe keinen Hunger. Du?«

»Geht so. Lass uns lieber in den Park rübergehen. Ich habe noch zwei Schokomuffins.« Elodie zeigte auf ihre Tasche. »Das Wetter ist sowieso viel zu schön, um drinnen zu hocken.«

Sarah grinste. In der Mittagssonne schienen Elodies Haare in Flammen zu stehen. Sie versuchte, sich die genaue Farbe zu merken, um sie später exakt beschreiben zu können.

Jedes banale Detail war es wert, analysiert zu werden. All das konnte später in ihren Texten Anwendung finden. Jürgen, der Leiter des Kurses »Kreatives Schreiben«, hatte sie schon mehrfach für ihre genauen Beobachtungen gelobt. Die Schilderung menschlicher Emotionen aus der Sicht der handelnden Figuren würde ihre Texte lebendig machen, hatte er den Teilnehmern erklärt und hinzugefügt, dass sich die anderen an Sarah ein Beispiel nehmen könnten.

»Heute war ein echt blöder Morgen.« Sarah setzte sich neben ihre Freundin auf eine Bank und dachte darüber nach, wie sie die Ereignisse am besten schildern sollte. Direkt neben ihrem Gymnasium befand sich ein großer Park, der ein beliebter Aufenthaltsort bei den Schülern war. Hier spazierten die Pärchen händchenhaltend unter den betagten Linden entlang oder trugen die Jüngeren im Winter Schneeballschlachten aus. Gleichzeitig war das weiträumige Areal ein guter Ort, um sich in den Freistunden ungestört zurückzuziehen. Auch sie nutzte jede Gelegenheit, dem alten Gemäuer und den belanglosen Pausengesprächen ihrer Mitschülerinnen zu entfliehen.

»Die entzückende Kat ist weg. Spurlos verschwunden, die Gute.« Ein kühler Luftzug fächelte heran und brachte einen Hauch von Flieder mit.

»Reden wir von deiner Schwester? Was ist passiert?«

»Ich habe keine Ahnung.« Wenn sie Elodie jetzt eine kurze Zusammenfassung gab, konnte das nur nützlich sein. Am Abend würde Sarah noch einmal alles in ihrem Videotagebuch aufzeichnen. Im Lauf der Zeit verfälschten sich Erinnerungen, wurden umgedeutet oder verblassten. Das Gespräch mit Elodie würde die Ereignisse des heutigen Morgens noch einmal aufleben lassen. Vielleicht konnte sie einiges davon später für einen ihrer Texte verwenden.

Also erzählte Sarah von ihrem Morgen zu Hause und wie sie das Bett ihrer Schwester leer vorgefunden hatte. »Aber das Seltsamste war: Kats Laptop lief, und so wie es aussieht, ist sie mitten während des Schreibens unterbrochen worden.« Sarah wiederholte, was Katharina geschrieben hatte, und berichtete von der Aufregung ihrer Mutter, als diese nach oben gekommen war und die Bescherung entdeckt hatte.

»Ob ich was wüsste, hat sie mich ganz aufgelöst gefragt, und ob Kat bei einer Freundin übernachtet haben könnte. Ich glaube, sie wusste, dass ich ihr nicht wirklich darauf antworten konnte. Ich hab gemeint, dass sie ruhig bleiben sollte.«

»Hast du eine Ahnung?«

»Wo sie steckt?«

Elodie nickte mit vollem Mund und Sarah fuhr fort. »Na ja, es ist nicht das erste Mal, dass Kat sich verdrückt. Sie ist schon mehrmals abgehauen, wenn ihr was nicht gepasst hat. Und außerdem hatte sie gestern einen Mörderstreit mit Mama.«

»Worum ging es?«

»Ach, das übliche Thema, das Kat schon seit Wochen draufhat: den Führerschein. Einige aus ihrer Klasse haben bereits die ersten Fahrstunden, und da sie im September achtzehn wird, will sie nun auch endlich mit der Fahrschule beginnen. Mama hat dann gefragt, ob sie denn das Geld dafür schon zusammenhätte. Bevor Kat nach Großbritannien gegangen ist, war nämlich die Bedingung, dass, wenn meine Eltern die Kosten für ihr Auslandsjahr übernehmen, sie den Führerschein selbst bezahlen muss. Natürlich hat meine Schwester nichts gespart, weil sie ständig neue Klamotten und Make-up kauft. Selbst schuld!«

»Du klingst ganz schön genervt von Kat.«

»Du hast es erkannt. Mama war nämlich nicht die Einzige, die gestern Abend fällig war. Kat hat einen Rundumschlag gemacht. Manchmal ist sie einfach nur ätzend.« Sarah dachte an das wütende Gesicht ihrer Schwester. Kat neigte dazu, alles zu übertreiben. Könnte an ihrem Theaterkurs liegen.

»Mama hat gefragt, ob Katharina sich nicht an die Abmachung erinnern würde. Sie benutzt Kats vollen Namen nur, wenn sie wütend wird – meine Schwester hätte spätestens jetzt lieber aufhören sollen, aber Kat ist ein Dickkopf. Wenn sie sich einmal was in den Kopf gesetzt hat, gibt sie nicht so schnell auf.«

»Eigentlich keine schlechte Idee. Nie aufzugeben, meine ich.« Elodie verschluckte sich und hustete.

»Schon, aber man muss auch wissen, wann es genug ist. Statt Ruhe zu geben, fing Kat dann auch noch mit einem eigenen Auto an. Die hat sie doch nicht mehr alle! Sie wünscht es sich nämlich nicht, sie verlangt es. Immer mit dem Bus zur Schule zu fahren, sei echt Kacke. Luisa hat auch schon eins, einen Mini-Cooper, Neuwagen wohlgemerkt, und darf sogar schon damit fahren! Mit siebzehn! Das ist doch die Härte!«

»Ich hab sie schon damit rumfahren sehen. Arrogante Ziege!«

»Meine Mutter ist erstaunlich ruhig geblieben. Sie hat gesagt, dass sie schon überlegt hatte, Kat zum 18. einen kleinen Gebrauchtwagen zu schenken, aber bei dem Benehmen noch mal darüber nachdenken würde. Und da ist meine Schwester voll ausgerastet! Stell dir vor, sie hat behauptet, sie hätte schon mit meinem Vater darüber gesprochen und er sei ganz ihrer Meinung. Wenn Mama nicht wolle, würde er ihr selbstverständlich den Führerschein bezahlen und auch einen kleinen Neuwagen spendieren. Selbstverständlich hat sie gesagt! Das hat das Fass zum Überlaufen gebracht.«

Geld war nicht das Problem und Kat wusste das. Und doch hatte sie es bewusst zur Sprache gebracht. Ihre Schwester war eine raffinierte kleine Schlange. Wahrscheinlich hatte sie geglaubt, Mama mit Paps’ angekündigter Unterstützung unter Druck setzen zu können. Aber gestern Abend hatte die Masche nicht funktioniert.

»Ich habe mich ziemlich erschreckt, als Mama plötzlich laut wurde. Sie hat Katharina angeschrien. Dass Papa die Familie verlassen habe und demzufolge auch nicht mehr an der Erziehung beteiligt werde. Es sei ihr egal, was dieser Hurensohn Kat versprochen habe. Sie würde in diesem Haus die Entscheidungen treffen.« Sarah schüttelte den Kopf und erinnerte sich, wie sie bei den Worten mit aufgerissenen Augen ein Stück Tomate in ihrer Salatschüssel fixiert hatte. Mama musste außer sich gewesen sein. Ein Schimpfwort wie »Hurensohn« war noch nie über ihre Lippen gekommen. Sie betrachtete Elodies gespanntes Gesicht einen Augenblick lang, ehe sie fortfuhr.

»Daraufhin ist auch Kat richtig sauer geworden und hat die üblichen Dinge von sich gegeben: dass Mama kein Verständnis zeigt, dass man sie nicht ernst nimmt und dass sie sich nicht anschreien lässt. Dabei war sie mindestens genau so laut wie Mama. Ein Gekreische in unserer Küche, kann ich dir sagen …« Sarah rollte mit den Augen. »Ich habe das Ganze irgendwann nicht mehr ausgehalten und mich eingemischt. Dummerweise. Ich habe Kat gesagt, dass sie sich beruhigen soll und dass ein Auto zum 18. doch ziemlich cool sei. Und bis dahin könnte sie doch bei ihrer Freundin Luisa mitfahren.«

»Sehr diplomatisch, Sarah. Aber das war wahrscheinlich ein Fehler, oder?«

»Und wie! Kat hat sich sofort auf mich gestürzt. Was mich das Ganze anginge und warum ich überhaupt in der Küche wäre und nicht schon im Bett. Mit fünfzehn hätte ich sowieso noch keine Ahnung vom Leben und ich sollte die Klappe halten. Ich sei ein dummes, naives Kind und solle weiter mit meinen Puppen spielen. Ich war echt sprachlos. So ist sie noch nie ausgetickt.«

»Naives Kind?« Elodie runzelte die Stirn. »Das ist ja frech. Außerdem bist du doch fast sechzehn.«

»Ich bin echt sauer auf Kat. Mama hat zwar noch versucht zu schlichten, aber das hat alles nur noch schlimmer gemacht. Schließlich ist genau das passiert, was bei ähnlichen Streits immer passiert: Kat hat sich auf dem Absatz umgedreht, die Tür zugeschlagen und ist in ihrem Zimmer verschwunden.« Sarah verdrehte die Augen. »Kat inszeniert gern ihre Wutanfälle. Aber meistens ist am nächsten Tag alles vergessen.«

»Ich könnte nicht Stunden später so tun, als sei nichts passiert.«

»Ich auch nicht. Aber ich gehe ja auch nicht wegen jeder Kleinigkeit in die Luft. Wahrscheinlich hat Mama gedacht, dass es dieses Mal auch wieder so laufen würde … Oh, sieh mal da, ein Eichhörnchen! Wie süß!« Sarah zeigte auf den Baum vor ihnen, ehe ihr einfiel, dass die Freude über das putzige kleine Pelztier vielleicht unpassend war. Andererseits war Elodie die Einzige, mit der sie alles besprechen konnte. Stimmt nicht ganz. Seit Neuestem gibt es da noch jemanden … Sie sah dem braunen Fellbündel nach, wie es über die Äste hüpfte, dann sitzen blieb und herabschaute und anschließend mit den Hinterbeinen trommelte. »Das ist so niedlich!« Ihr Blick fiel auf Elodie, die das Eichhörnchen ebenfalls beobachtete, wobei das abwesende Grinsen ihr einen fast albernen Ausdruck verlieh.

»Tja, um zum Schluss zu kommen – heute Morgen war Katharina die Wütende nicht anwesend. Sie muss sich gestern Abend noch vom Acker gemacht haben. Klammheimlich. Ihr Bett war unberührt. Aber hey!«, jetzt hob Sarah den Zeigefinger und wackelte damit hin und her, »vergessen wir nicht, dass das nicht das erste Mal ist. Kat hasst es, sich mit Problemen auseinanderzusetzen. Da müsste sie ja womöglich ihren eigenen Fehlern ins Gesicht sehen. Anstatt zu diskutieren, flüchtet sie lieber und kommt erst zurück, wenn sie glaubt, dass sich die Wogen geglättet haben.« Sarah unterdrückte ein Gähnen. »Allerdings – eine Sache ist doch etwas komisch. Kat hat ihre Herzchen-Halskette dagelassen. Demonstrativ auf dem Schreibtisch, damit Mama sie auch gleich sieht!«

Elodie hob die Augenbrauen und Sarah erklärte: »Paps hat Kat die Kette zum Geburtstag geschenkt. Ist schon ewig her. Seit er weg ist, trägt sie sie jeden Tag.«

Um sich von ihrem Vater und seiner neuen Familie abzulenken, fuhr Sarah schnell fort. »Und dann ist da noch dieser angefangene Blog-Eintrag.«

»Was stand denn da eigentlich?«

Sarah zitierte den Wortlaut von Katharinas Nachricht und setzte hinzu: »Weißt du, was ich glaube? Kat hat die Nachricht extra geschrieben, um Mama einen Schrecken einzujagen. So wütend, wie sie gestern war, traue ich meiner Schwester fast alles zu.«

Das Geschrei der Fünftklässler, die zum Bus rannten, war bis hier herüber zu hören. Sarah seufzte. Es wurde Zeit, in das alte Gemäuer zurückzukehren. Die Freistunde war vorbei.

»Sieht so aus, als müssten wir los.«

»Ich bin sicher, dass sich alles aufklärt. Heute Abend ist Kat zurück und die Welt wieder in Ordnung.« Elodie erhob sich und putzte noch einmal ihre Hose ab.

»Das denke ich auch. Die ganze Aufregung ist lächerlich.«

4

Schon von Weitem sah Sarah die Zeitung aus dem Briefkasten hängen. Im Gehen ließ sie den Rucksack von den Schultern gleiten, zog den Reißverschluss auf und fummelte nach dem Schlüssel. Gerdas himmelblauer Corsa stand etwas schief links neben dem Haupttor.

Ob Kat schon wieder zu Hause war? Die Mädels aus ihrer Clique hatten vorhin so getan, als wüssten sie nicht, wo sie sei. »Ist Kat krank?«, hatte Luisa sie nach der Mittagspause auf dem Gang scheinheilig gefragt.

Bei wem hatte ihre Schwester wohl übernachtet? Diejenige würde es ihr jedenfalls nicht auf die Nase binden. Vielleicht war es sogar Luisa selbst gewesen. Das sah der geschminkten Tussi ähnlich, Sarah durch ihre hinterhältige Frage aufs Glatteis führen zu wollen.

Die Darlins, wie sich die Mädchen aus Kats Clique seit zwei Jahren nannten, hielten zusammen wie Pech und Schwefel, auch wenn Kat durch ihr Auslandsjahr nun eine Klasse unter ihnen war. An den Wochenenden trafen sie sich ständig, um über Klamotten, Styling und Typen zu quatschen, wobei sie fast die gesamte Zeit hysterisch kicherten. Sarah hatte sie schon einige Male daheim im Wohnzimmer angetroffen, während ihre Mutter auf Dienstreise gewesen war.

Sarahs Blick fiel auf das Nachbargrundstück, während sie die Post herausnahm. Gut, dass der Nachbar, ein alter Typ mit Bierbauch und Halbglatze, weggezogen war. Im Sommer hatte er ständig mit hochrotem Kopf an der Hecke herumgewerkelt und dabei wie zufällig herübergeschaut, wenn sie und Kat am Pool lagen. Obwohl sich Sarah sicher war, dass die lüsternen Blicke ihrer hübschen Schwester galten, fand sie ihn ziemlich eklig.

»Der Schleimbeutel steht anscheinend auf Frischfleisch. Fehlt nur noch, dass er sabbert wie eine lüsterne Bulldogge. Wie kann ein 62-Jähriger nur so notgeil sein?«, hatte Kat einmal gesagt und angewidert den Mund verzogen.

Sarah grinste bei der Erinnerung an Kats drastische Formulierung, während sie den Briefkasten aufklappte und die herausfallende Post auffing. Jan Zweigert war in ihren Augen ein einsamer alter Mann, der gern junge Frauen betrachtete – nichts, wovor man sich fürchten musste. Kat übertrieb. Wie immer.

Sarah schüttelte die Erinnerungen ab und versetzte dem quietschenden Tor einen Tritt. Auf dem Weg zur Haustür sortierte sie die Post. Meist war sie diejenige, die den Briefkasten leerte. Vormittags, wenn Gerda eintraf, war die Post noch nicht durch, Kat vergaß es ständig und Mama kam nie vor achtzehn Uhr nach Hause.

Drei Briefe und der Wochenspiegel. Die Briefe waren fast immer für Mama bestimmt – in der Regel irgendwelche Rechnungen. Sie und Kat bekamen fast nie Post. Heutzutage tauschte man sich in den sozialen Netzwerken aus. Snailmail war out.

Vor der Treppe hob Sarah den rechten Fuß und setzte ihn dann ganz vorsichtig wieder ab. Die Finger ihrer Rechten übertrugen das leichte Zittern auf den Umschlag, der ganz unten gelegen hatte.

Frau Gessum hatte jemand in Druckbuchstaben auf die weiße Oberfläche gekritzelt. Sonst nichts. Kein Absender, keine Briefmarke.

Nach Geräuschen aus dem Haus lauschend, löste Sarah die nur locker angeklebte Lasche und spreizte den Umschlag auseinander.

Ein Foto. Auch ohne es herauszunehmen, erkannte sie sofort, was darauf zu sehen war. Ihre Hände zitterten jetzt stärker. Fahrig klappte sie die Lasche wieder zu, stopfte den Brief in ihre Gesäßtasche und ließ den Rest der Post in dem Augenblick, in dem Gerda die Tür öffnete, zu Boden fallen.

5

»Sarah, mein Gott.« Gerda erhob sich zeitgleich mit ihr und ächzte dabei ein bisschen. »Bin ich froh, dich zu sehen.«

Sarah, die noch immer unsichtbare Schmutzteilchen von der Zeitung abstreifte, bemerkte erst jetzt, dass die Stimme der Haushälterin bebte.

»Was ist denn los?«

»Komm erst mal rein.« Gerda zog sie mit sich in den Flur und schloss die Tür. Dann drehte sie sich zu ihr um und legte ihr mit besorgtem Gesichtsausdruck die Hände auf die Schultern. »Wenigstens bist du in Ordnung!«

Sarah öffnete den Mund und schloss ihn gerade noch rechtzeitig, bevor ihr die Frage, was in die Haushälterin gefahren war, entschlüpfen konnte. Manchmal war sie echt begriffsstutzig. Natürlich machte auch Gerda sich Sorgen um Kat.

»Möchtest du einen Kakao?« Gerda nahm ihr die Jacke ab und hängte sie an die Garderobe. Dann ging sie voraus in die Küche.

»Hat Mama dich von der Arbeit aus angerufen?«

Nur kurz flackerte Unverständnis in den Augen der Haushälterin, ehe sie antwortete. »Deine Mutter ist heute nicht zur Arbeit gefahren. Als ich kam, war sie gerade dabei, alle Leute aus ihrem Adressbuch anzurufen, um herauszufinden, wo deine Schwester stecken könnte.« Das Brodeln des Wasserkochers unterbrach sie und Gerda ging zur Spüle hinüber.

»Und wo ist Mama jetzt?« Sarah erinnerte sich daran, dass der gelbe Audi nicht in der Auffahrt gestanden hatte. Klapperte ihre Mutter auf der Suche nach Kat die Bekannten der Familie ab? Da würde sie wohl wenig Glück haben. Noch nie war ihre Schwester zu Bekannten geflüchtet. Bis jetzt hatte sie sich immer bei ihren Freundinnen versteckt. Ohne dass deren Eltern das mitbekommen hatten, natürlich.

»Bei der Polizei.« Gerda stellte den Kakao vor Sarah ab, blieb neben ihrem Stuhl stehen und strich unentwegt die Hände an ihrer Schürze ab.

»Wie bitte?« Sarah unterdrückte ein Kopfschütteln.

»Wie ich schon sagte, hat deine Mutter, als ich kam, überall herumtelefoniert, aber niemand wusste, wo Katharina stecken könnte. In der Schule war sie auch nicht. Aber das weißt du ja. Dazu diese unheimliche Nachricht auf Kats Computer! Sie hat sich vor irgendwas gefürchtet! Weißt du, was das sein könnte?« Jetzt nahm die Haushälterin neben ihr Platz. »Hoffentlich ist es nur wieder einer von ihren Wutanfällen … Letztes Jahr zu Weihnachten kam sie ja auch am nächsten Tag wieder.«

Sarah erinnerte sich daran, wie Kat damals explodiert war, als Mama ihnen den Besuch bei Paps verboten hatte. Er hatte sie und ihre Schwester über Silvester ein paar Tage zu sich eingeladen, und Kat hatte doch allen Ernstes geglaubt, dass Mama sie einfach so fahren ließe. Mama hatte die Scheidung, und dass Paps jetzt eine neue Frau hatte, nie wirklich verkraftet. Dabei war Lilly supernett. Als sie auch noch schwanger geworden und der kleine Leo zur Welt gekommen war, war es ganz vorbei gewesen. Seitdem mussten sie heimlich mit Papa telefonieren, und nachdem Mama ihnen auch das verboten hatte, waren sie zu Skype und WhatsApp übergegangen. Was Paps anging, verhielt sich ihre sonst so vernünftige Mutter irrational.

Sarah blickte Gerda an und versuchte ein aufmunterndes Lächeln. »Na klar, was denn sonst? Kat ist bestimmt bei einer Freundin. Wann ist Mama denn los?«

»Vor zwei Stunden ungefähr. Sie hat erst dort angerufen, dann ein paar Fotos von deiner Schwester herausgesucht und ist losgefahren.«

Es konnte nicht mehr lange dauern, bis ihre Mutter zurück war. Ob die Polizei sie begleitete, um Kats Zimmer zu durchsuchen? In den Filmen, die sie gesehen hatte, war das jedenfalls oft so. Der Briefumschlag brannte in ihrer Hosentasche. Sie musste sich beeilen.

Sarah schob die halb volle Tasse von sich. »Das trinke ich später. Ich gehe in mein Zimmer und mach mich an die Hausaufgaben.«