APRIL

Das ist die Wahrheit. Die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit.

Ich war siebzehn, nur ein paar Wochen vom Schulabschluss entfernt und kauerte hinter einer ausklappbaren Couch, wo ich einen Stapel Pizzakartons zerdrückte und mich bemühte, von ihrem Gestank nicht zu würgen. Die Schritte im Erdgeschoss waren ganz nah. Sie kamen stotternd zum Stehen und bewegten sich dann in eine andere Richtung. Einen Moment lang gab es nur mich, die vergammelte Pizza und einen geplatzten Sitzsack, aus dem winzige Styroporkugeln in den ganzen Müll quollen. Wie Schnee ließen sie meine Umgebung beinahe sauber und ein bisschen weniger hoff nungslos erscheinen. Aber Hoff nungslosigkeit war inzwischen ein Seelenzustand, an den ich mich schon gewöhnt hatte.

Ich versuchte, mich an etwas Schönes zu erinnern.

Ich versuchte, mich an etwas Echtes zu erinnern.

Zum Beispiel, dass ich mir immer, wenn ich den Namen meines Bruders gehört habe, einen starken, gesunden Jungen vorgestellt hatte. Immer größer und schneller – wie ein Tornado. Ich war immer nur der Windstoß, der danach kam.

Damals waren wir Kinder, und Cyrus und ich waren uns nur auf der Tellerwippe ebenbürtig, die zu der Schaukel hinten im Garten gehörte. Wenn wir unser Gewicht gleichmäßig verteilt und unsere Körper gleich ausgerichtet hatten, bewegten wir uns wie eine einzige Person. Der Schwung und das Auf und Ab versetzten mich in eine Art Delirium. Das waren die Momente, in denen ich genauso gut, genauso stabil wie mein selbstsicherer älterer Bruder gewesen war. Meine Arme, Beine und Hände schienen mir ebenso wertvoll wie die seinen.

Wenn unsere Mom uns zum Mittagessen rief, galt der Wettkampf zwischen uns, wer zuerst absprang. Derjenige, der auf der Tellerwippe allein zurückblieb, eierte darauf herum, bis er es schaffte, sie anzuhalten, erst dann konnte man sicher absteigen. Als ich noch ganz klein war, ließ Cyrus mich immer gewinnen. Aber als wir älter wurden, streckte er mir die Zunge heraus, sprang ab und ließ mich hilflos in der Luft hängen wie jemanden, den er kaum kannte.

Und in letzter Zeit?

Nun ja, in letzter Zeit hatte ich Cyrus nur angestarrt, als würde er im nächsten Moment verschwinden, als würde sich sein Körper gleich zischend auflösen. Es gab Tage, an denen ich mir gewünscht hatte, dass er genau das tun würde.

Und jetzt hatte er es getan.

Ich hockte noch immer hinter der Couch und verharrte eine weitere Minute in regloser Ungewissheit, bevor ich mich langsam erhob. Als ich mich am Rand eines Abfalleimers festhielt, spürte ich, wie mir etwas durch die Finger sickerte, wahrscheinlich das, was von meinem Herzen noch übrig war.

»KEINE BEWEGUNG.«

Ich gehorchte, mein halber Körper war noch immer hinter der Couch verborgen und ich stand knöcheltief im Müll.

»Auf den Boden! Los! Los!«

Ich fiel auf die Knie, als wäre es an der Zeit zu beten, aber dafür war es bereits viel zu spät. Irgendwie taten die Handschellen des Polizisten weit weniger weh als der Schmerz tief in meinem Körper.

»Sie haben das Recht zu schweigen. Alles, was Sie sagen, kann und wird vor Gericht gegen sie verwendet werden.«

Alles, was ich sagte, sollte auch vor Gericht gegen mich verwendet werden.

Mein Bruder war tot.

Mein Bruder ist tot.

Und ich bin die, die ihn umgebracht hat.