APRIL

Das ist die Wahrheit. Die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit.

Ich war siebzehn, nur ein paar Wochen vom Schulabschluss entfernt und kauerte hinter einer ausklappbaren Couch, wo ich einen Stapel Pizzakartons zerdrückte und mich bemühte, von ihrem Gestank nicht zu würgen. Die Schritte im Erdgeschoss waren ganz nah. Sie kamen stotternd zum Stehen und bewegten sich dann in eine andere Richtung. Einen Moment lang gab es nur mich, die vergammelte Pizza und einen geplatzten Sitzsack, aus dem winzige Styroporkugeln in den ganzen Müll quollen. Wie Schnee ließen sie meine Umgebung beinahe sauber und ein bisschen weniger hoff nungslos erscheinen. Aber Hoff nungslosigkeit war inzwischen ein Seelenzustand, an den ich mich schon gewöhnt hatte.

Ich versuchte, mich an etwas Schönes zu erinnern.

Ich versuchte, mich an etwas Echtes zu erinnern.

Zum Beispiel, dass ich mir immer, wenn ich den Namen meines Bruders gehört habe, einen starken, gesunden Jungen vorgestellt hatte. Immer größer und schneller – wie ein Tornado. Ich war immer nur der Windstoß, der danach kam.

Damals waren wir Kinder, und Cyrus und ich waren uns nur auf der Tellerwippe ebenbürtig, die zu der Schaukel hinten im Garten gehörte. Wenn wir unser Gewicht gleichmäßig verteilt und unsere Körper gleich ausgerichtet hatten, bewegten wir uns wie eine einzige Person. Der Schwung und das Auf und Ab versetzten mich in eine Art Delirium. Das waren die Momente, in denen ich genauso gut, genauso stabil wie mein selbstsicherer älterer Bruder gewesen war. Meine Arme, Beine und Hände schienen mir ebenso wertvoll wie die seinen.

Wenn unsere Mom uns zum Mittagessen rief, galt der Wettkampf zwischen uns, wer zuerst absprang. Derjenige, der auf der Tellerwippe allein zurückblieb, eierte darauf herum, bis er es schaffte, sie anzuhalten, erst dann konnte man sicher absteigen. Als ich noch ganz klein war, ließ Cyrus mich immer gewinnen. Aber als wir älter wurden, streckte er mir die Zunge heraus, sprang ab und ließ mich hilflos in der Luft hängen wie jemanden, den er kaum kannte.

Und in letzter Zeit?

Nun ja, in letzter Zeit hatte ich Cyrus nur angestarrt, als würde er im nächsten Moment verschwinden, als würde sich sein Körper gleich zischend auflösen. Es gab Tage, an denen ich mir gewünscht hatte, dass er genau das tun würde.

Und jetzt hatte er es getan.

Ich hockte noch immer hinter der Couch und verharrte eine weitere Minute in regloser Ungewissheit, bevor ich mich langsam erhob. Als ich mich am Rand eines Abfalleimers festhielt, spürte ich, wie mir etwas durch die Finger sickerte, wahrscheinlich das, was von meinem Herzen noch übrig war.

»KEINE BEWEGUNG.«

Ich gehorchte, mein halber Körper war noch immer hinter der Couch verborgen und ich stand knöcheltief im Müll.

»Auf den Boden! Los! Los!«

Ich fiel auf die Knie, als wäre es an der Zeit zu beten, aber dafür war es bereits viel zu spät. Irgendwie taten die Handschellen des Polizisten weit weniger weh als der Schmerz tief in meinem Körper.

»Sie haben das Recht zu schweigen. Alles, was Sie sagen, kann und wird vor Gericht gegen sie verwendet werden.«

Alles, was ich sagte, sollte auch vor Gericht gegen mich verwendet werden.

Mein Bruder war tot.

Mein Bruder ist tot.

Und ich bin die, die ihn umgebracht hat.

1

JUNI Heute

»Du musst mit mir reden, Cecelia.«

Jennifer, meine Pflichtverteidigerin, starrt mich an, als sei ich schmutzige Wäsche – eine lästige Aufgabe, mit der man nie richtig fertig wird, die man aber immer wieder aufs Neue erledigen muss. Immer und immer wieder.

Ich weiß, dass sie mich für meine Anhörung »aufwärmen« will. So nennt sie das – aufwärmen. Ich habe sie darum gebeten, dieses Wort nicht mehr zu verwenden, weil mich »aufwärmen« immer an diese Cheerleader-Puschel erinnert. Sie lacht nicht darüber. Jennifer lacht nie über das, was ich sage. Deshalb vertraue ich ihr.

Neulich, als ich vergeblich versucht habe einzuschlafen, habe ich mir vorgestellt, online zu sein. Ich vermisse Computer. Ich konnte die Tastatur praktisch unter meinen Fingerspitzen fühlen. Ich öffnete eine Suchmaschine. Ich tippte meinen Namen.

Jedes Mal tauchte dasselbe Wort auf.

MÖRDERIN.

Ich schlucke. Jennifer starrt mich an, den Stift fest auf ihren Notizblock gepresst. Ich wende den Blick ab.

»Ich rede doch mit Ihnen«, murmele ich schließlich.

Sie seufzt und lehnt sich auf dem metallenen Klappstuhl zurück. Jennifer ist müde. Wahrscheinlich meinetwegen, aber auch wegen ihres Jobs. Ich glaube nicht, dass sie wirklich gern als Pflichtverteidigerin arbeitet. Als sie den Deckel auf ihren Stift steckt und den Stuhl nach hinten schiebt, weiß ich, dass sie sauer ist. Sie steht auf, geht hinüber zur Wand und sieht sie an, als wäre dort ein Ausgang.

»Ich will, dass du jemanden kennenlernst«, sagt sie zur Wand. »Eine Therapeutin.«

»Noch so ein Seelenklempner?«

Am liebsten hätte ich meinen Kopf gegen die Metallkante des Tisches geschlagen. Stattdessen zerre ich an meinen Haarspitzen. Ausgefranste schwarze Strähnen fallen schmerzlos aus und ich bin irgendwie enttäuscht.

»Seelenklempner ist ein Schimpfwort«, erwidert Jennifer. »Außerdem hast du nur mit dem Gerichtspsychologen gesprochen. Staatsanwaltschaft und Verteidigung können dich von ihren eigenen Experten beurteilen lassen.«

Ich habe eigentlich nichts gegen die Vorstellung, beurteilt zu werden – daran bin ich gewöhnt. Ich war eine Einser-Schülerin. Das Examen für fortgeschrittene Mathematik habe ich mit Bestnote absolviert. Beim Bowling habe ich die meisten Treffer erreicht, beim Minigolf die wenigsten.

Ich starre auf Jennifers Rücken, auf die Stelle, wo eine unauffällige Naht in der Mitte ihres marineblauen Blazers verläuft. Wenn Körper in zwei Hälften geteilt wären, was würde uns dann wohl zusammenhalten? Ich blicke auf meine Hände hinunter.

»Hör mal, CeCe …« Jennifers Stimme ist ganz nah, und ich merke, dass sie zu ihrem Stuhl zurückgekehrt ist. Ihre rechte Hand liegt zwischen uns auf dem Tisch. »Ich weiß, dass das nicht einfach für dich ist, aber ich habe hier einen Job zu erledigen, und dieser Job besteht darin zu beweisen, dass die Entscheidungen, die du getroffen hast, überhaupt keine Entscheidungen waren – sondern die außerhalb seiner Verantwortung liegenden Reaktionen eines traumatisierten Mädchens. Das macht den Unterschied zwischen Freispruch und Gefängnisstrafe aus.«

Darüber will ich nicht nachdenken. Stattdessen betrachte ich die fahlen Wände, die so unbewegt und cremeweiß wie Zuckerguss sind.

Jennifer ist diejenige gewesen, die sich diesen brillanten Plan ausgedacht hat, der mich hierhergebracht hat. Die Abteilung für Verhaltenstherapie ist wie ein Krankenhaus, befindet sich aber in der Justizvollzugsanstalt für Jugendliche in Piedmont. Hier ist eine ganze Gruppe von uns untergebracht – bei Vierundzwanzig-Stunden-Überwachung, damit niemand Selbstmord begeht, und obligatorischen Therapiesitzungen. Jennifer meldete mich für das Neunzig-Tage-Programm an und sagte, dass sie so dem Richter beweisen könne, dass ich »eine Behandlung meiner dissoziativen Neigungen und meines destruktiven Verhaltens anstrebe und erhalte«. Sie sagte, ich solle dankbar sein – dass man mich auch in die normale U-Haft hätte stecken können. Hier ist die Wahrscheinlichkeit zumindest geringer, dass mir jemand eine reinhaut oder in mein Bett pinkelt.

»Und warum soll ich diese … Therapeutin kennenlernen?«, frage ich sie.

»Weil sie anders ist.«

Zum ersten Mal seit – na ja, zum ersten Mal überhaupt – entdecke ich den Anflug eines Lächelns auf Jennifers Gesicht.

Allerdings ist es ein hohles Lächeln, bei dem sie zwar den Mund verzieht, das aber ihre Augen nicht erreicht.

»Trina ist auf Traumatherapie spezialisiert. Sie arbeitet mit Kindern aus problematischen Familien – Waisen, minderjährigen Prostituierten, Obdachlosen.«

»Tritt sie in Talkshows auf?«

Jennifer wirft mir einen bösen Blick zu. »Sie wendet einzigartige Methoden bei ihren Patienten an. Ich finde, du solltest ein paar unterschiedliche Behandlungen ausprobieren, bevor wir vor den Richter treten.«

»Ich stehe nicht so auf Hypnose.«

»Gut, denn wenn du mit Trina arbeitest, musst du wach und konzentriert sein.«

»Fantastisch. Es gibt nichts, was ich lieber mag, als bei Bewusstsein zu sein.«

Jennifer steht wieder auf und steckt ihren Stift in die Innentasche ihrer Jacke. Ich beobachte, wie sie den Tisch nach herumliegenden Heft- und Büroklammern absucht, mit denen ich mich erstechen könnte.

»Gib ihr einfach eine Chance, CeCe. Würdest du das tun?«

Ich zucke mit den Schultern. Das mit der Hypnose war nur vorgetäuscht. Ich würde so ungefähr alles tun, um der Wirklichkeit zu entfliehen. Früher war mein Leben wie eine Zaubertafel gewesen – einfach schütteln, eine Nacht darüber schlafen und am nächsten Morgen war alles wieder weiß und leer, offen für neue Möglichkeiten.

Jetzt sind meine Nächte mit allem Möglichen angefüllt, nur nicht mit Schlafen. Das Einzige, was mein Gehirn noch zu können scheint, ist, sich zu erinnern.

»Wann kommt sie?«, frage ich, während Jennifer auf die Tür zugeht. Sie jongliert in der einen Hand mit ihrer Aktentasche und ihren Schlüsseln, während sie mit der anderen ihren Ausweis über den elektronischen Sensor zieht. Das Schloss klickt, und sie schiebt die Tür mit dem Fuß auf, bevor sie sich zu mir umdreht.

»Morgen vielleicht? Oder übermorgen? Sie wird vor unserem nächsten Termin vorbeikommen.«

Ich nicke. »Okay.«

Als Tom, der Sicherheitsbedienstete, hereinkommt, um mich zu abzuholen, stehe ich auf. Er trägt Uniform Nummer zwei. Tom hat drei Uniformen, die er reihum wäscht und wieder trägt. Je nach Fleck auf seinem Hemd kann man erkennen, welcher Tag heute ist – heute ist es der Ketchup-Fleck, der blassorange wie eine Narbe in die Fasern eingebettet ist.

»Bis dann, CeCe.«

Jennifer verabschiedet sich immer mit dem Rücken zu mir, wenn sie bereits im Begriff ist wegzugehen. Wäre ich sentimentaler, würde ich sagen, das liegt daran, dass sie mich nicht gern zurücklässt. In Wirklichkeit denkt sie bestimmt, dass ich genau dort bin, wo ich hingehöre.

»Okay, Tom«, brumme ich, »bringen Sie mich zurück in meine Zelle.«

Alles an Tom ist dunkel und dick – sein Hals, sein Oberkörper, seine Beine. Wie Mr T. vom A-Team.

»Wir sagen dazu nicht Zellen, CeCe. Betrachte es als Krankenhaus – als einen Ort, an dem man gesund wird.«

»Klar, wie Sie meinen.«

Ich werde bald für Jahre eingesperrt sein. Da kann ich mich genauso gut schon mal für die Zukunft »aufwärmen«.

Mir ist etwas aufgefallen: Wenn man die Augen zusammenkneift, sieht alles gleich aus – egal, wo man ist. Man kann so tun, als wäre man blind oder würde Pillen zur Muskelentspannung einwerfen – was immer die Sicht so verschwommen macht, dass alles vage und damit akzeptabel erscheint. Und das tue ich, seit ich in Piedmont bin. Oder schon länger, wenn ich ganz ehrlich bin. Das erklärt auch einige meiner Blutergüsse, dauernd laufe ich gegen Türrahmen oder Regale. Ich begutachte gerade einen empfindlichen lila Fleck auf meinem Arm, als Aarti von ihrer Therapie zurückkommt.

Über Aarti lässt sich vieles sagen. Sie ist meine Zimmergenossin. Sie ist Inderin. Sie ist hübsch. Sie ist mit einem Hippie-Psychologieprofessor verheiratet, den sie in Kalkutta kennengelernt hat, als sie siebzehn war. Doch als sie mit ihm in die Staaten gezogen ist, musste sie feststellen, wie es wirklich war, mit ihm verheiratet zu sein.

Zuerst verlangte ihr Mann von ihr, dass sie in seinem Sexualkundeunterricht nackt posierte. Danach fing er an, sie an Freunde auszuleihen – wie einen Film, den unbedingt alle sehen mussten. Wie einen Dampfreiniger für Teppiche. Wie eine Hure. Deshalb hat sie wohl auch auf ihn geschossen. Was für ein Pech, dass er überlebt hat, würde ich sagen.

Das alles weiß ich aus demselben Grund wie alle anderen – wegen der Gruppentherapie. Wenn man zum ersten Mal dort ist, muss man reden. Zumindest sollte man das. Aarti war überraschend zuvorkommend. Bei mir hat es ehrlich gesagt ein paar Sitzungen gedauert, und selbst danach habe ich nur gesagt, was ich unbedingt musste.

»Ja, ich bin bis zu meiner Anhörung hier.«

»Ja, es werden schwere Anschuldigungen gegen mich erhoben.«

»Nein, ich bin nicht bereit, darüber zu sprechen.«

Aartis Haar ist nicht so schwarz wie meines, muss es aber früher gewesen sein. Jetzt ist es beinahe burgunderfarben – wie Lippenstift oder Nagellack. Ich frage mich, ob sie das selbst so wollte oder ob es die Idee ihres Mannes war.

»Willst du Mittagessen?«, fragt sie mich und zieht eine Strickjacke über, die sie aus dem Schrank holt. In der Verhaltenstherapie dürfen wir unsere normalen Klamotten tragen, aber damit tun sie Aarti keinen Gefallen. Sie zieht sich an wie eine Mutti – Bibliothekarinnen-Style.

»Ich habe keinen Hunger.«

Sie nickt und schiebt ihre Ärmel zurück. Der Stoff ballt sich um ihre Ellbogen zusammen.

»Soll ich dir etwas herausschmuggeln?«

Ich schüttle den Kopf und schaue zu, wie sie ihre Schuhe schnürt. Ein Ärmel ihrer Strickjacke rutscht wieder an ihrem Arm herunter. Ich wette, dass sie ihn wieder zurückschiebt. Wetten, dass sie es noch ein Dutzend Mal tun würde, bevor sie es aufgeben, bevor sie die Jacke gewinnen lassen würde? Ich hätte sie am liebsten daran gehindert und ihr gesagt, dass am Ende immer alles den Bach runtergeht. Manchmal dauert es nur Sekunden, bis dein ganzes Leben den Bach runtergeht.

Dann fällt mir wieder ein, weshalb sie hier ist, und kapiere, dass sie diese Lektion bereits gelernt hat.

»Oder …« Ich verstumme, als Aarti sich umdreht und mich ansieht. Schnell schaue ich auf meine Hände hinunter. »Könntest du mir vielleicht einen Apfel oder eine Banane oder so was mitbringen? Für später?«

Sie zuckt mit den Schultern. »Klar, kein Problem.«

Ihre offene Art ist wie ein Geschenk. Ich wünschte, ich könnte mir selbst gestatten, sie näher an mich heranzulassen.

Wir teilen dieses Zimmer schon seit Wochen, und ich bin noch immer kaum in der Lage, eine normale Unterhaltung mit ihr zu führen. Andererseits ist der Laden hier kein College. Und es ist ja nicht so, dass mir Klatschgeschichten oder Unterrichtsnotizen von ihr zustehen. Unser Aufenthalt hier ist nur ein Mittel zum Zweck. Ich frage mich, ob sich ihr potenzieller Zweck auch so unfassbar leer anfühlt wie meiner.

Sobald sich die Tür hinter ihr geschlossen hat, lege ich mich auf mein Bett und starre an die Decke. Ich habe Hunderte von Stunden damit zugebracht, jede einzelne Fläche in diesem Raum anzustarren: Über mir bildet der Putz winzige gedrehte Sahnehäubchen – ohne die Süße des Zuckers. Zu meinen Füßen bedecken die aufgeklebten Linoleumplatten bestimmt eine weitere, noch hässlichere Schicht Bodenbelag. Die Wände sind in einer einheitlichen blassgrünen Farbe gestrichen, die vermutlich beruhigend wirken soll.

Die Wände gefallen mir am besten. Die Oberfläche ist geriffelt – flach ist sie nur an den Stellen, an denen mit Fäusten, Füßen oder Stirnen gegen die Trockenbauwand geschlagen und die nachträglich verputzt worden waren. All diese Stellen sind seltsam glatt, wie eine nutzlose, unübersehbare Abdeckung – ein Pflaster auf einer Schusswunde.

Für einen langen Augenblick überlege ich mir, ob ich Aarti folgen, ob ich essen und sozial sein und mich nicht innerhalb der Grenzen meiner Gedanken isolieren soll – oder was immer mir Dr. Barnes gern vorwirft, wenn ich mich zu lange in meinem Zimmer aufhalte. Ich will einfach nicht beim Mittagessen sitzen und zuhören, wie die anderen plaudern, als gäbe es in ihrer Zukunft tatsächlich Hoffnung. Ich will nicht zusehen, wie sie ihr Essen in sich hineinschieben, kauen und schlucken, als würden sie etwas auftanken – wo doch mein eigener Impuls darin besteht, Enthaltsamkeit zu üben. Ehrlich gesagt verspüre ich überhaupt keinen Hunger mehr und vermisse dieses Gefühl auch nicht. Ich vermisse viele Dinge nicht, wenn man mal betrachtet, was mich draußen in der Welt erwartet. Oder eher, was mich nicht erwartet. Tatsächlich sind Bücher das Einzige, wovon ich gern mehr hätte. Wie in einem Hotelzimmer war unser Nachttisch mit einer broschierten King-James-Bibel ausgestattet. Was dahinter wohl für eine Moral steckt – ich kann mir nicht vorstellen, dass die Bibel-Fanatiker irgendetwas für uns Kriminelle übrig haben. Aber ehrlich gesagt ist es irgendwie nett, Zugang zu Wörtern zu haben, egal wie schwer zu verdauen sie sind.

Seit ein paar Tagen blättere ich in den Psalmen herum. Am Anfang bin ich darüber eingeschlafen. Ich hatte in den Sätzen Muster erkannt, einen Rhythmus, bei dem mir die Augen zufielen. Aber gestern bin ich auf ein Zitat gestoßen, das ich ständig in meinem Kopf wiederhole.

Zürnet ihr, so sündiget nicht; redet in eurem Herzen auf eurem Lager und seid stille.

Das gefällt mir – es liefert mir eine Ausrede, reglos hier rumzusitzen und das Ganze auch noch als Teil meines Heilungsprozesses zu betrachten. Wenn man so gut wie nichts tut, kann man eigentlich auch nichts Falsches tun. Natürlich wird Gott wohl kaum davon begeistert sein, dass ich die Seite herausgerissen und unter meine Matratze gestopft habe. Wahrscheinlich setzt es deshalb gleich noch einen Schlag gegen mich.

Ich ziehe die Seite heraus und falte sie zwischen den einzelnen Abschnitten. Ich erinnere mich, wie wir in Geometrie auf diese Weise gleichschenklige und gleichseitige Dreiecke angefertigt und sie mit Filzstiften angemalt haben. Was mich noch an etwas anderes erinnert, das ich vermisse – fröhliche Farben. Farben, die sich zu einem Farbton bekennen, der nicht gedämpft oder abgetönt oder nur eine verwässerte, schwache Version seiner Selbst ist.

Ich falte die Seite entlang der Ränder. Das Papier ist beinahe zu dünn, um es in sich selbst zu falten, ohne dass es wieder auseinanderklappt. Als ich fertig bin, bewundere ich die drei perfekten, klaren Ecken. Ich mag es, wenn etwas ebenmäßig ist – gleiche Winkel, symmetrische Seiten. Das gibt mir das Gefühl, als hätte mein Leben noch so etwas wie eine Ordnung, als hätte ich immer noch ein wenig Kontrolle in dieser neuen Welt, in der ich nie erwartet hätte zu leben.

2

An den meisten Tagen begeistern mich die vorgesehenen Programmpunkte wenig. Die Anzahl an therapeutischen Maßnahmen, die ein einziger Mensch innerhalb von vierundzwanzig Stunden über sich ergehen lassen muss, sollte begrenzt werden. Am Montag, dem Tag, an dem meine Einzeltherapie beginnen soll, verlange ich, den Leiter für soziale Angelegenheiten zu sprechen. Dr. Barnes findet das nicht witzig.

»Zuerst die Gruppe. Danach wirst du deine neue Therapeutin kennenlernen.«

»Großartig. Wissen Sie, das ist wie Sonntagsschule nach der Kirche. Der Reihe nach ist nicht immer die richtige Methode, wenn man versucht, mich zu bekehren.«

»Ich versuche überhaupt nichts, Cecelia. Du triffst Dr. Galinitus im Rahmen deiner Rehabilitation.«

Gott, ich wünschte, das wäre eine Reha. Dann könnte ich eine Zigarette nach der anderen rauchen, während ich Geschichten über meine fiktive Promiskuität und meine imaginären Exfreunde, die mich missbraucht haben, erzähle. Stattdessen muss ich einen Weg finden, in meiner eigenen Haut zu funktionieren.

»Einer der Sicherheitsleute wird dich von der Gruppe in Flügel E begleiten. Dort wird Dr. Galinitus auf dich warten.«

Wie jeder gute Arzt will Barnes eine Antwort finden, eine Kur für meine Gebrechen. Das ist der einzige Weg für ihn, wirklich erfolgreich zu sein. In der Medizin geht es nicht um die kleinen Schritte, sondern um Wunder.

In der Gruppe muss jeder eine Rolle spielen. Da sind diejenigen, die bereit sind zu reden, und diejenigen, die lieber zuhören. Es gibt die Zornigen, die Freundlichen, die Zerstreuten. Die Ruhigen lassen sich in zwei Kategorien einteilen – die Introvertierten und die Brüter. Ich brüte gern. Das liefert mir einen Vorwand, die Leute finster anzuschauen und so zu tun, als wäre ich fies, dabei zähle ich nur die Löcher in den Deckenpanelen, damit die Zeit schneller vergeht.

Das heutige Thema ist Reue. Ein beschissenes Thema. Wenn wir darüber sprechen, was wir bereuen, fühlen sich hinterher alle noch schlechter als eine Stunde davor. Jeden Nachmittag sollen wir die Gruppe auflösen, wenn es nichts mehr zu sagen gibt. Nach Themen wie Reue gibt es nichts mehr, woran man glauben könnte. Reue zwingt uns, die Momente noch einmal zu durchleben, die wir am meisten hassen – die Momente, die uns in eine Abwärtsspirale rissen, die Momente, in denen wir aufgehört haben zu leben und angefangen haben zu überleben.

Heute sitze ich neben Aarti. Tucker sitzt an meiner anderen Seite. Er ist achtzehn und sein Haar und seine Augen haben genau die gleiche Farbe wie der Teppich – industriebraun. Anders als der Teppich sieht sein Haar jedoch weich und seidig aus und ich würde am liebsten mit der Hand durchfahren. Als er mich ansieht und lächelt, tauchen kleine Fältchen um die Augen auf, als würde er sich tatsächlich freuen, mich zu sehen. Ich knirsche mit den Zähnen und wende mich ab. Das Letzte, was ich jetzt brauchen kann, ist, in all der Verwüstung um mich herum etwas Schönes zu sehen.

Cam ist unsere Gruppenleiterin – Dr. Barnes trägt zwar theoretisch die Verantwortung, aber Cam regt die Diskussion an und geht uns allen für gewöhnlich ziemlich auf die Nerven. Sie bezeichnet sich selbst als Absolventin des Programms, was sich irgendwie nicht wie eine Auszeichnung anhört wie etwa »Absolventin von Harvard« oder sogar »Absolventin des Am-Arsch-der-Welt-College«. Cam scheint zu glauben, dass sie dadurch, dass sie auch hier gewesen ist, glaubwürdig oder bewundernswert oder so was wäre.

Cam ist bescheuert.

»Also, Aaron. Erzähl uns etwas, das du bereust. Etwas, von dem du dir wünschst, dass du es anders gemacht hättest.«

Cam sieht Aaron an. Alle anderen sehen Aaron an. Ich sehe mir Aarons Haar an. Es ist ziemlich verwirrend – weißblond, wie es nur kleine Kinder haben. Aaron ist siebzehn, so wie ich, und versucht, taff zu wirken, was jedoch meistens damit endet, dass er wie ein wütender Fünftklässler aussieht. Ich bemühe mich, nicht auf seine Augenbrauen zu achten, während er redet. Wenn er den Mund bewegt, wandern sie wie Albinoraupen nach oben.

»Ich bereue, dass ich geboren wurde.«

»Aaron«, sagt Cam langsam, als würde sie mit einem Kleinkind sprechen, »du kannst nichts bereuen, was du nicht selbst getan hast. Es ist die Sache eines anderen, deine Geburt zu bereuen.« Sie hält inne. »Oder nicht zu bereuen«, fügt sie hastig hinzu.

»Doch, kann man«, sage ich.

»Ah, Cecelia«, sagt Cam und lehnt sich auf ihrem Stuhl zurück. »Bedeutet das, dass du jetzt auch mal was zur Gruppe beiträgst?«

Ich ignoriere sie und sehe Aaron an. »Du kannst die Handlungen anderer bereuen. Zumindest, wenn diese für deine Handlungen verantwortlich sind. Wenn deine Aktionen einfach nur Reaktionen sind.«

Aarons blasse Haare wippen, als er nickt. Ich wette, er ist Schwede.

»Wenn ich nicht geboren worden wäre, wäre es nie dazu gekommen, dass ich schlechte Entscheidungen treffe«, sagt er. »Ich hätte niemals die Schule abgebrochen oder angefangen, Autos zu klauen. Ich hätte diesen Typen nicht zu Brei geschlagen und wäre nicht hier gelandet. Dazu hätte ich dann gar keine Gelegenheit gehabt.«

Cam sieht perplex aus. »Und du, Cecelia?«, fragt sie.

Ich schüttle den Kopf. »Ich passe.«

Ihre Augen werden schmal. »Das tust du schon seit sechs Wochen.«

»Ich bin auch erst seit sechs Wochen hier.«

»Wie kommt es dann, dass du zwar die Beiträge anderer Leute kommentieren, aber keine eigenen bringen kannst?«

»Ich weiß, was ich bereue«, unterbricht Tucker uns. Er beugt sich vor und stützt die Hände auf die Knie.

Cam funkelt mich an und wendet sich dann Tucker zu. Auch ich schaue zu Tucker und weiß nicht, ob er versucht, mich zu retten, oder ob er mich eher aus dem Rampenlicht drängen will. Egal – ich bin ihm dankbar.

»Ich bereue meine schlechten Entscheidungen.«

»Zum Beispiel?«

Tucker zuckt mit den Schultern. Mit den Händen knetet er systematisch die Knie. Mir wird warm und ein wenig übel.

»Welche deiner Entscheidungen waren schlecht?«, drängt Cam.

»Ich habe meinen Eltern vieles angetan. Bis sie mir nicht mehr vertraut haben, meine ich. Bis sie enttäuscht waren.«

Leslie, eine Sechzehnjährige mit lockigem Haar, verdreht die Augen. »Also bitte. Wer von uns hat seine Eltern NICHT enttäuscht?«

Tuckers Stimme wird schärfer. »Wetten, dass du nicht mit dem Auto deiner Mutter durch die Seitenwand des Hauses gefahren bist? Oder fünf Riesen aus dem College-Fonds deiner Schwester geklaut hast?«

Leslie zuckt mit den Schultern. »Aber nur deshalb nicht, weil meine Eltern nicht so viel Geld haben.«

Alle sehen Tucker an. Er schaut auf seine Hände hinunter. »Es gibt nichts, was ich dagegen tun könnte. Es ist schon passiert, es ist vorbei und ich bin hier. Ich muss einfach einen Weg finden weiterzumachen.«

Cam sieht zufrieden aus, und sie nickt Tucker zu, als hätte er genau das Richtige gesagt.

»Gut. Das nenne ich eine Offenbarung. Man kann die Dinge bereuen, so viel man will, aber erst durch die Akzeptanz dieser Dinge, durch die Erkenntnis, dass man sie nicht ändern kann oder ändern muss, wird die Reue zu etwas Kleinerem – zu einer Erinnerung.«

Wie kann eine Erinnerung klein sein? Meine Erinnerungen überschatten all meine Gedanken.

Leslie ist die Nächste, die das Thema Reue aufgreift, aber ich bin von Tuckers Händen abgelenkt, die noch immer seine Knie umfassen. Seine Fingernägel sind abgekaut und entzündet, bluten aber nicht. Ich sehe zu, wie seine Finger zudrücken und loslassen, zudrücken und loslassen, die rote Farbe fließt zu den Fingerspitzen und zieht sich dann wieder zu den Knöcheln zurück. Fast so, als würde sein Blut versuchen auszubüxen. Als würde es – wie wir anderen – zum Ausgang laufen in der Hoffnung, irgendwie zu entkommen.

Ich sitze in einem der Einzeltherapiezimmer, als ich meine neue Therapeutin kennenlerne. Dr. Trina Galinitus ist eine zierliche Person. Sie ist praktisch kaum vorhanden. Sie zu treffen ist fast, als würde ich mit mir selbst sprechen. Wenn ich die Augen zusammenkneife, sehe ich sie nicht mehr.

»Jennifer sagt, du hast Schwierigkeiten damit, dich mit der Rolle, die du beim Tod deines Bruders gespielt hast, abzufinden.«

Ich hole tief Luft. »Ich will einfach nicht darüber reden.«

Trina schiebt ihre Brille über den Nasenrücken nach oben. Ihr Haar ist streng nach hinten gebunden.

»Nun, eines unserer Ziele besteht darin, dich dazu zu bringen, dass du darüber reden möchtest – oder dass es dir zumindest nicht mehr unangenehm ist, darüber und über alles andere zu reden, was du mir gern erzählen möchtest.«

Ich kneife die Augen zusammen. Jetzt ist sie kahl, ohne Brille und blass wie Kreidestaub.

»Ich habe eine Idee«, sagt Trina. »Eine Strategie, die du ausprobieren kannst.«

»Ist es eine Zeitreise?«

Sie greift in ihre Tasche und zieht ein schwarz-weiß gesprenkeltes Notizbuch und einen frisch gespitzten Bleistift heraus. Auf dem Stift steht der Länge nach in weißen Buchstaben Kognitive Verhaltenstherapie-Gruppe Parsons.

»Wir wenden ein paar Visualisierungstechniken an.«

Ich runzle die Stirn. »Jennifer hat gesagt, das wäre nicht so ein Hypnose-Ding.«

»Ist es auch nicht. Visualisierung ist etwas, das man bei vollem Bewusstsein durchführt. Etwas, wofür dein Verstand verantwortlich ist.«

Dieses Mal brauche ich die Augen nicht zuzukneifen, um alles verschwommen zu sehen. Schon bald sehe ich zwei Trinas vor mir und ich hasse sie beide.

»Ich kann das nicht.« Angst durchströmt meinen Körper wie Wasser oder Blut. Sie zirkuliert und verdichtet sich dann zu einem harten Kloß in meiner Brust.

Trina sieht ehrlich überrascht aus. »Warum nicht?«

Ich stehe auf und sehe eine plötzliche Bewegung durch das Fenster in der Tür. Dort steht Tom und beobachtet mich. Keine Sorge, Tom. Ich werde sie nicht umbringen.

Ich gehe zur Wand hinüber und lege die Hand auf die kühle blaue Oberfläche.

»Visualisierung ist eine therapeutische Maßnahme, um Erkenntnis zu gewinnen«, sagt Trina zu meinem Rücken. »Um etwas abschließen zu können.«

Ich schüttle den Kopf. Meine Augen sind fast vollständig geschlossen.

»Ich weiß, dass das nicht leicht ist, Cecelia. Alles, was ich will, ist, dass du einen Versuch wagst.«

Ich drehe mich um und schaue sie an. Sie erinnert mich an einen Guru. Eine Yogalehrerin. Ich wette, sie ist eine dieser biologisch-dynamischen Rohkost-Veganerinnen, die ausschließlich Sprossen und Grashüpfer essen.

»Okay«, sage ich schließlich. Auch wenn es nichts bringen wird, bekomme ich dadurch wenigstens die Gelegenheit, mir einen Ort vorzustellen, der ganz anders ist als dieses schreckliche Zimmer, das Klaustrophobie in mir hervorruft.

»Hervorragend.« Sie öffnet das Notizbuch und kritzelt ein paar Notizen. »Okay, setz dich und schließ die Augen.«

»Im Ernst?«

»Ja, im Ernst.«

Ich setze mich mit dem Gesicht zum Fenster, Licht flutet herein und meine Augenlider sehen von innen rosa und weich aus. Auf Trinas Aufforderung hin hole ich tief Luft.

»Okay«, sagt sie leise und ruhig, »ich will, dass du mit einer Erinnerung beginnst.«

Diese Vorstellung ruft bei mir eine körperliche Reaktion hervor: Jeder einzelne Körperteil versteift sich vor Protest.

Trina scheint es zu merken. »Keine schlimme Erinnerung, sondern eine schöne. Eine Erinnerung, die dich mit deiner Familie verbindet. Die dir das Gefühl gibt, Teil eines Ganzen zu sein.«

Ich denke eine Weile angestrengt nach, aber mir fällt nichts ein.

»Ein kurzer Moment reicht, CeCe. Ein Ort, den ihr gemeinsam besucht habt. Eine Zeit, in der du dich glücklich und geborgen gefühlt hast.«

Und plötzlich fällt mir etwas ein – eine Zeit, in der mein Dad und ich Probefahrten mit Autos gemacht haben, ein paar Monate nachdem meine Mutter gestorben war. Dad wollte seinen ramponierten Subaru durch etwas Neues ersetzen. Ich erinnere mich daran, wie wir in dem kalten Rezeptionsbereich des Chevy-Autohauses standen, während Dad sich die dunkelgraue Innenausstattung eines gelben Camaro ansah. Es war Sommer, aber kühl – zu kühl für die Klimaanlage, die über unseren Köpfen summte.

»Sollen wir eine Runde damit drehen?«, fragte er mit hochgezogenen Augenbrauen.

»Dad, das kann nicht dein Ernst sein. Ein Camaro?«

Er zuckte mit den Schultern und grinste. Es war das erste Mal seit Langem, dass ich ihn lächeln sah.

Wir stiegen beide ein, und das Auto senkte sich ein wenig, als würde unser gemeinsames Gewicht es erden. Ich lehnte das Knie ans Handschuhfach und faltete meinen Körper in drei Teile: Knöchel an Oberschenkel, Knie an die Brust. Dad legte den Rückwärtsgang ein, und wir glitten langsam und zielstrebig durch die Tür, durch die uns ein Verkäufer mit Handzeichen führte.

Ich erinnere mich daran, dass es sich fischartig angefühlt hatte, als würden wir durch einen Fluss gleiten. Es war eine Zeit, in der ich mir sicher war, dass Dad wusste, wo es langgeht, dass er wusste, wohin er mich brachte.

Ich öffne die Augen. Trina schaut mich gespannt an.

»Kannst du mir erzählen, was du gesehen hast?«

»Ähm … es war nur – nur eine Zeit, die ich mit meinem Dad verbracht habe.«

»Wie alt warst du da?«

»Vierzehn.«

»Und was für ein Gefühl hat diese Erinnerung bei dir hervorgerufen?«

Was erwartet sie jetzt von mir? Dass ich sage, dass es sich … unnatürlich anfühlt, wenn ich über meine Familie nachdenke und mich an die Vergangenheit erinnere? Dass sich gute Erinnerungen wie ein Traum anfühlen und die schlechten sowieso bei Weitem überwiegen?

Ich schüttle den Kopf.

»Die Erinnerung gibt mir das Gefühl, dumm zu sein.«

»Dumm?« Trina zieht die Augenbrauen zusammen.

»Dumm.« Ich nicke. »Ich war dumm genug, ihm zu glauben, als er sagte, dass alles gut werden würde.«

Der Kampf gegen Moms Krebs war schwer gewesen, als würde man einen steilen Berg hinaufsteigen – er dauerte Jahre und war schmerzhaft und herzzerreißend. Und danach? Nachdem sie gestorben war, ging es nur noch bergab – steil und rasant bis ganz nach unten, bis wir ganz tief im Dreck steckten.

»CeCe.« Ich höre den Tadel in Trinas Stimme. Ich schüttle den Kopf und unterdrücke meine Tränen.

»Visualisierung klappt bei mir nicht – sie wirkt bei mir nicht so, wie sie sollte. Ich bin nicht verrückt. Ich weiß, was ich getan habe, und ich habe es mit Absicht getan. Ich weiß nicht, welchen Teil davon Sie und Jennifer nicht verstehen.«

Die Art und Weise, wie meine Hände beben, ist fast wie ein Schauder. Ich überlege, ob ich aufstehen und hinaus gehen soll, aber durch das permanente Zittern bin ich wackelig. Selbst wenn ich mich an die guten Dinge erinnern will, ist es, als würde mein Körper diesen Gedanken ablehnen.

Deshalb erinnere ich mich stattdessen an all die schlimmen Sachen.

3

MÄRZ Drei Monate zuvor

Am Anfang war meine Familie. Und an den meisten Tagen roch meine Familie nach Rauch.

Dad von dem Müll, den er hinten im Garten verbrannte – ein Zeitvertreib, der nur am Arsch der Welt, wo wir wohnten, toleriert wurde. Meine Stiefmutter vom Abendessen. Sie probierte dauernd neue Rezepte aus. Sie waren alle nach der Tradition der Cajun-Küche stark gewürzt, was man auch mit verkohlt gleichsetzen könnte. Außerdem roch ich auch noch einen Hauch von etwas anderem. Vielleicht war sie wieder zu ihren Zigaretten zurückgekehrt.

Aber mein Bruder Cyrus hatte seinen ganz eigenen Rauchgeruch. Er hing an ihm wie ein Schatten. Wenn jemand behauptet, dass Oxys sauber und geruchlos verbrennen, dann lügt er. Es riecht wie ein Plastikdeckel, der unten in der Geschirrspülmaschine schmilzt, oder Haare, die zu nah an den Föhn geraten sind. Es ist der unverkennbare Duft des Untergangs. Eau de Fuck-up.

»Cecelia?«

Ich wusste, dass er kam – nicht wegen des Geruchs, sondern weil er so schwerfällig ging. Das schwere Geräusch eines Geldgierigen, der über den Flur auf meine letzten zwanzig Kröten zukam.

»Hey, CeCe.«

Er lehnte sich an den Türrahmen. Ich starrte weiter auf den Computerbildschirm. Eines der wenigen Luxusgüter in meinem Leben auf unserer acht Hektar großen Farm in Nirgendwo, Virginia, war die Internetverbindung.

»Hast du Benzin im Tank?«

Ich schluckte. Er wollte kein Geld. Er wollte, dass ich ihn fahre. Ich wünschte, er hätte mich um Geld gebeten.

»Ich brauche jemanden, der mich zu Dr. Frank fährt«, sagte er.

Ich tippte einen weiteren Satz in meine Bewerbung um ein Stipendium an der Edenton University:

Wenn man klein ist, lernt man, dass Medizin einen gesund macht.

Das klickende Geräusch der Tasten wirkte beinahe beruhigend. Ich seufzte, dann schob ich den Stuhl zurück und drehte mich zu Cyrus um. Fast wäre ich zusammengezuckt. Er sah aus wie die Kreuzung zwischen einem Obdachlosen und einem Krebspatienten – weite, schmutzige Klamotten, hohle Augen, rasierter Schädel. Er erinnerte mich an einen dieser Schauspieler, die absichtlich beschissen aussahen, nur um einen Oscar zu gewinnen.

Cyrus und ich waren vom Alter her kaum zwei Jahre auseinander und sahen früher aus wie Zwillinge – das gleiche kastanienbraune Haar, die gleichen schokobraunen Augen, die gleiche schlaksige Gestalt, die gleiche olivfarbene Haut. Jetzt hatten wir nur noch die Dunkelheit gemeinsam, mein blauschwarz gefärbtes Haar passte genau zu seinen blutergussartigen Tränensäcken.

»Wann ist dein Termin?«, brummte ich.

»Dreißig Minuten.«

»Nein, nicht wie lange er dauert. Wann er ist.«

Er kratzte sich an der Nase. »Er ist in dreißig Minuten.«

»Machst du Witze, Cy? Wie um alles in der Welt soll ich es in dreißig Minuten bis nach Williamsport schaff en?«

»Das schaffst du nicht, aber Dr. Frank wird mich dazwischenschieben.«

Ja, darauf wettete ich – wenn man mal bedachte, dass er ohne Krankenversicherung bei jedem Besuch 250 Dollar aus eigener Tasche zahlen musste. Besser gesagt aus Dads Tasche.

»Gut.«

Ich schnappte mir meine Jacke von der Armlehne. Mit einem weiteren Blick auf Cyrus fragte ich mich, ob ich sie nicht besser ihm geben sollte. In letzter Zeit fror er dauernd und wirkte, als könnte ein Windhauch ihn fortwehen. Wenn ich ihn ansah, hätte ich mich am liebsten eingeseift und gewaschen und das Ganze so lange wiederholt, bis ich mich sauber genug für uns beide fühlte.

Der Honda war das Schönste, was unsere Familie besaß, was daran lag, dass er mir gehörte. Dads Pick-up war dauernd mit getrocknetem Schlamm überzogen und voll landwirtschaftlicher Gerätschaften. Jane hatte ihre Corvette nach der Hochzeit mit Dad verkauft. Das Geld war sofort in die Anzahlung für die Farm geflossen.

Ich kniff die Augen zusammen und spähte zum Hügel hinauf. Dad kämpfte mit einem Zaun, den er schon vergangenen Herbst hatte aufstellen wollen. Es war ein Drahtzaun, ein Gitter, das mithilfe von Klammern zwischen zwei Holzpflöcken befestigt wird. Ich weiß nicht, was er damit einsperren wollte. Oder aussperren.

»Hi, Dad!«

Er sah auf und legte die Hand über die Augen, damit ihn die Sonne nicht blendete. »Hey, was gibt’s?«

»Ich bringe Cy zu seinem Termin.«

»Oh.«

Pause. Gleich kommt es …

»Warte. Das kann doch auch ich machen.«

Da war sie wieder. Dads Für-Cyrus-würde-ich-alles-tun-Stimme. Ich schüttelte den Kopf.

»Nein. Du hast zu tun. Ich kann ihn hinbringen.«

»Brauchst du Geld zum Tanken?«

In zwei Dingen war mein Dad ganz groß – er hatte große Träume und bestach seine Kinder, selbst dann noch, wenn er praktisch pleite war.

Wieder schüttelte ich den Kopf. »Nein, schon gut. Wir sehen uns dann in ein paar Stunden.«

Er nickte. Aus dieser Entfernung sah mein Dad alt aus. In der Sonne war sein Haar eher silbrig als braun. Sein Körper war nach vorne gebeugt wie die Comicversion eines Großvaters.

»Bist du bereit?«

Hinter mir stand Cyrus mit einem großen Umschlag in der Hand, auf dem in schwarzen Buchstaben fettgedruckt Radiologie Medavue stand. Er trug eine schwere Daunenweste über seinem Flanellhemd.

»Klar.« Ich öffnete meine Tür und atmete tief durch, bevor Cyrus auf den Beifahrersitz kletterte. Es würde für eine ganze Weile der letzte Atemzug sein, der nicht nach verbrauchter Raumluft roch. Als Cyrus einstieg, stöhnte er. Ich beobachtete, wie er das Bein anwinkelte und sich dann mit der rechten Hand das Knie rieb.

»Ich hasse dieses Auto«, knurrte er. »Es ist so verdammt tief.« Eigentlich sollte man doch annehmen, dass ihm etwas, was so tief gesunken war, ein vertrautes Gefühl vermitteln würde.

Ich biss hart auf die Innenseite meiner Wange, als Cyrus eine Marlboro Menthol aus seiner Packung klopfte und anzündete. Er inhalierte tief und ich dachte über Stethoskope nach. Ich fragte mich, ob Dr. Frank überhaupt nachsah, ob seine Patienten noch atmeten, bevor er seinen Rezeptblock hervorholte.

»Also, was ist es dieses Mal?«, fragte ich ihn, während wir aus der Einfahrt fuhren.

»Was ist was?«

»Was ist das Problem mit deinem Knie? Ich dachte, dieser Arzt sollte dir helfen.«

Cyrus zuckte mit den Schultern und schaute aus dem Seitenfenster. »Er hilft mir doch auch.«

»Indem er dir Tabletten gibt?«

Es dauerte eine Weile, bis er antwortete. »Es ist degenerativ.«

»Was?«

»Mein Knie. Die Kniescheibe. Genau in diesem Augenblick ist sie dabei kaputtzugehen.«

»Du gehst vielleicht in diesem Augenblick kaputt.«

Er machte das Fenster auf, spuckte hinaus und kurbelte es dann wieder nach oben.

»Ich brauche keinen Vortrag, Cecelia.«

»Ich weiß. Was du brauchst, ist ein Entzug.«

Cyrus sah geradeaus und starrte die Windschutzscheibe an. »Ich bin nicht süchtig. Es ist ein Rezept gegen meine Schmerzen. Ich verstehe nicht, warum du jedes Mal, wenn wir uns unterhalten, diese beschissene selbstgerechte Masche abziehen musst.«

»Vermisst du deine Freunde nicht?«

Dazu sagte er nichts.

»Vermisst du das Fußballspielen nicht?«

Wieder keine Antwort.

Ich beobachtete, wie die Meilenmarkierungen vorbeizogen, und fragte mich, warum ich mich wieder bereit erklärt hatte, ihn zu fahren. Ich erinnerte mich daran, wer Cyrus früher gewesen war. Mein großer Bruder, der Star der Fußballmannschaft, der auf dem Weg zur Fußballweltmeisterschaft war. Er war ein so helles Licht gewesen, dass er das ganze Haus erleuchtet hatte. In Cyrus’ Gegenwart konnte man nicht umhin, glücklich zu sein, dass er da war. Aber mein Bruder, dieser Bruder, war verschwunden.

An seine Stelle war ein depressiver, verletzter Highschool-Sportler getreten, der sich voller Selbstmitleid in die Praxis von Dr. Frank schleppte. Dann löste sich auch noch der Sportler- und Highschool-Teil in Rauch auf. Und was davon übrig blieb, inhalierte mein Bruder.

Zum ersten Mal hörte ich von Dr. Frank Bethany an dem Tag, an dem sich Cy beim Training am Knie verletzt hatte. Das war letztes Jahr und alle machten sich Sorgen um die bevorstehende Fußballsaison. Coach Bryant wollte, dass Cyrus einen Spezialisten aufsuchte. Und Dr. Frank wurde wärmstens empfohlen.

»Der Coach meint, er sei der Beste«, sagte Cyrus an jenem Abend beim Essen. »Offenbar behandelt Dr. Frank ein paar Spieler der National Football League – ich habe gehört, dass der Quarterback der Redskins schon seit Jahren bei ihm in Behandlung ist.«

Dad nahm einen Bissen von seinem Lachs. »Wenn er jahrelang dorthin gehen musste, klingt es ja nicht gerade so, als wäre dieser Dr. Frank ein besonders erfolgreicher Arzt.«

»Komm schon, Dad. Im Ernst.«

»Warum nennen ihn seine Patienten überhaupt Dr. Frank? Ist das nicht sein Vorname?«

Cyrus zuckte mit den Achseln. »Ich nehme an, er ist irgendwie lässig oder so.«

»Hmpfh. Ich weiß nicht, ob ich einem Arzt traue, der ›irgendwie lässig oder so‹ ist.«

Das war einer der seltenen Momente der Klarheit. Er war nicht von Dauer. Dad machte gleich am nächsten Tag einen Termin für Cy bei Dr. Frank. Seitdem geht er einmal im Monat dorthin.

Die Praxis der Bethany Schmerztherapie befand sich gleich hinter der Staatsgrenze. Andere Straßenschilder. Andere Tempolimits. Andere Gesetze. Meiner Meinung nach war das der einzige Grund, weshalb der verrückte Quacksalber seine Lizenz als Arzt noch hatte. Die BS war das, was man gemeinhin als »Pillenschleuder« bezeichnete: eine ganz durchschnittliche, gewöhnliche Praxis, in der man jedoch mit Röntgenbildern, einem Ausweis und Bargeld ungefähr jedes Medikament bekommen konnte, das man wollte. Und die meisten Leute wollten Oxys.

Als wir auf den Parkplatz fuhren, sah Cyrus mich an. »Willst du mit reinkommen oder hier warten?«

Ich zog eine Augenbraue nach oben. Er verdrehte die Augen.

»Ich bin in ein paar Minuten wieder da.«

Jeder, der zu Dr. Frank kam, war auf die eine oder andere Weise total im Arsch – entweder high oder betrunken oder beides. Nicht ein Einziger von ihnen sah auch nur annähernd wie ein Sportler aus. Wenn es tatsächlich NFL-Spieler gab, die Dr. Frank aufsuchten, dann taten sie das jedenfalls nicht, als ich dort wartete. Während ich im Auto saß, sah ich, wie eine Handvoll Leute durch die getönte Doppeltür aus Glas gewankt kam. Sie sahen alle gleich aus: dünn, blass und halb tot. Der einzige Unterschied war, dass sie beim Hineingehen verzweifelt wirkten, beim Verlassen der Praxis jedoch erleichtert aussahen.

Und als zwanzig Minuten später Cyrus zurückkam, stand ihm dieselbe Erleichterung ins Gesicht geschrieben. Er hatte die Ergebnisse seiner Kernspintomografie und ein Rezept in der Hand. Am liebsten hätte ich sie alle drei in Brand gesetzt und wäre davongebraust.

»Du gibst ihm Bares?«, fragte ich, als er die Autotür öffnete.

Er sah mich ausdruckslos an. »Einen Scheck.«

»Dads Scheck?«

»Verdammt, Cecelia, was soll der Scheiß?«

Ich schüttelte den Kopf, in meiner Kehle sammelte sich Wut wie Lava.

»Du weißt, wie knapp das Geld im Moment ist. Warum kommst du den langen Weg hierher, über die Staatsgrenze, um einem Arzt zweihundertfünfzig Dollar in den Rachen zu werfen, wenn du woanders nur fünfzehn zahlen müsstest?«

Cyrus seufzte. Er war müde. Er brauchte einen Schuss.

»Du weißt, warum, CeCe.«

Er hatte recht. Ich wusste es wirklich. Ich schaute auf den kleinen weißen Zettel hinunter, den er in seiner Hand schon halb zerknittert hatte.

240 Oxycodon. 30 mg. 1 Tabl. 4 x tägl. Generika akzeptabel.

Ich las es noch einmal und hätte kotzen können.

»Zweihundertvierzig? Wozu brauchst du so viele?«

Ich blickte zu Cyrus auf, doch er starrte aus dem Fenster.

»Sieh es doch mal von der guten Seite«, sagte er zur Glasscheibe. »Jetzt brauche ich die nächsten beiden Monate nicht herzukommen.«