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»Also, Oktoberfest sieht anders aus.« Enttäuscht schaute sich Sara um. In diesem Nest ähnelte nichts den farbenprächtigen Versprechungen, die ihr Theresa in den letzten Wochen gemacht hatte. Im Gegenteil: Das Dorf schien sich über die Gruppe Jugendlicher lustig zu machen, die vom Bahnhof quer durch den Ort zog. Üppige grellrote Geranien hingen unter jedem Fenster wie lang herausgestreckte Zungen. Ätsch! Weder ausgelassene Menschen noch fröhlicher Wiesn-Rummel begleiteten ihren grandiosen Auftakt zur Alpenüberquerung, hier war es trostloser als zu Hause an der U-Bahn-Station, wo sie sich gestern getroffen hatten.

Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, sich Theresa und Nele bei dieser Tour anzuschließen, haderte Sara unschlüssig mit sich selbst. Andererseits – sie gehörten nun mal zusammen, waren unzertrennliche und allerdickste Freundinnen, und die Aussicht, zwei Wochen von daheim wegzukommen und den Alltag hinter sich zu lassen, war ja auch nicht so schlecht. Sara seufzte unter ihrem prall gepackten Rucksack und versuchte, ihrer Umgebung irgend etwas Positives abzugewinnen.

»Wart’s ab. Gleich gibt’s Bayern pur«, versicherte ihr Theresa, die sich mit einem ultrakurzen Lederhöschen, den roten Leggins und der rot-weiß-karierten Bluse so gestylt hatte, wie sie sich die angesagte Interpretation bayrischer Landestracht vorstellte. Als Krönung zierten silberne Brezel-Stecker ihre Ohren und in den dunklen Wuschelhaaren trug sie ein Band mit Edelweiß-Muster.

»Machst du bitte ein Foto von mir, wie ich vor so einem kultigen Haus stehe? Oder noch besser, vor einem geschnitzten Holzbrunnen mit diesen scharfen roten Blumen dran. Die sehen zu meiner Bluse bestimmt toll aus.«

Zum ungefähr hundertsten Mal beäugte Sara kritisch Theresas Outfit. Na ja, ihr Geschmack war es nicht gerade, aber immer noch besser als das knallenge Dirndl, das ihre Freundin ursprünglich tragen wollte. Doch Nele hatte ihr schnell klargemacht, dass es sich in einem Kleid denkbar schlecht wandern ließ. Und wandern würden sie wohl genug in den nächsten Tagen. Um genauer zu sein: ausschließlich. Denn sie würden zu Fuß die Alpen überqueren. Ob das wirklich der Gipfel der Romantik war, wie Theresa glaubte, daran zweifelte Sara, seit sie die ersten Bergspitzen aus dem Zugfenster gesehen und damit eine leise Ahnung bekommen hatte, was ihr bevorstand. Da sollte sie hinauf und auch noch quer hinüber bis nach Italien? Zu Fuß? Was für ein Irrsinn!

»Ich freu mich schon so! Hoffentlich trödeln wir hier nicht noch lange herum, ich will endlich los«, hibbelte Nele, die sich schwer beherrschen musste, um mit dem gemächlichen Tempo der Truppe Schritt zu halten. Am liebsten wäre sie gleich auf den nächsten Berg galoppiert und hätte den Erfolg in ihr Touren-Tagebuch eingetragen, in dem sie alle bezwungenen Gipfel festhalten wollte.

Während Sara insgeheim betete, dass das nicht allzu viele sein würden, hoffte Nele, den Bergführer zu einigen zusätzlichen Gipfelabstechern überreden zu können, um den Rekord ihrer wanderbegeisterten Familie von zwölf eroberten Gipfelkreuzen in einer Tour zu übertreffen. Alle Berge und alle möglichen Abstecher hatte sie auswendig gelernt und wusste über den bevorstehenden Weg besser Bescheid als jeder Scout. Theresa kannte dafür alle Artikel der Klatsch-Zeitschriften auswendig, die in letzter Zeit über bayrische Mode oder das Oktoberfest berichtet hatten. Das nervte ein wenig, passte aber zu ihrem akuten Wiesn-Fieber, an dem sie seit Monaten litt. Deshalb war für sie auch schnell klar gewesen, dass sie die Projektwochen der Schule weder im sozial wertvollen Integrationsprojekt noch im heimeligen Schulgarten, sondern in der romantischen Bergwelt verbringen musste.

Nele hatte sich, ohne zu zögern, unter Theresa auf die Liste gesetzt, womit für Sara ebenfalls feststand, dass sie das Wanderprojekt wählen würde. So konnte sie nicht nur zwei Wochen mit ihren beiden allerbesten Freundinnen verbringen, sondern auch der Fürsorge ihrer Eltern entfliehen. Zudem musste sie sich in dieser Zeit nicht die ständigen Kommentare und Hänseleien ihrer älteren Geschwister bezüglich ihrer vielen Unzulänglichkeiten und vor allem ihres nicht vorhandenen Liebeslebens anhören. Die waren ihr nicht nur furchtbar peinlich, sondern hatten inzwischen sogar ihre verunsicherten Eltern dazu gebracht, sich zu sorgen, Sara in tiefgründige Gespräche zu verwickeln und sie sogar zum Arzt zu schleppen. Unerträglich! Dabei hatte sie einfach noch kein großes Interesse an Jungs und wartete lieber auf den richtigen, den einzigen. Nicht so schwer zu begreifen, oder? Jedenfalls absolut keine Krankheit.

Sara atmete tief ein – und stellte sofort fest, dass sie das lieber hätte lassen sollen. Eine Kreation aus Traktorabgasen und Kuhstall breitete sich in ihren Lungen aus. Roch so die grenzenlose Freiheit? Schnell versuchte sie, zu Theresa und Nele aufzuschließen, die ihr schon ein gutes Stück voraus waren. Die anderen in ihrer Gruppe alberten miteinander herum oder motzten Frau Neuhaus, ihre Begleitlehrerin, an.

»Ist es noch weit?« – »Wo is’n der Almöhi?« – »Können wir mal Pause machen?« – »Muss Pipi. WosnhiernKlo?« – »Ich brauch noch Ziggis, Frau Neuhaus, kann ich mir mal schnell welche am Automaten holen?« – »Ich glaub, ich hab ’ne Blase, mein Schuh drückt.« – »Hey, meine Blase drückt auch, wosnjetztnKlo?« – »Pfui, ich bin in einen Kuhfladen getreten, meine Schuhe sind hin!« – »I wanna go home …«

Frau Neuhaus bereute es sicher schon, die Wandergruppe unter ihre Fittiche genommen zu haben, grinste Sara in sich hinein. Sie waren ein ganz schön bunter Haufen und bestimmt für viele Überraschungen gut.

»Leute, hier rüber, hier ist unser Treffpunkt!« Souverän lotste Frau Neuhaus ihre Schützlinge durch das zunehmende Gedränge von Touristen, ohne auf die Nörgeleien einzugehen. Na ja, verloren ging hier sicherlich keiner, dachte Sara. Ihre Gruppe fiel nämlich auf wie eine Herde Rehe auf einer Weide mit Kühen. Die meisten Jugendlichen saßen jetzt in der Schule und hatten keine Zeit, außerhalb der Ferien im Gebirge herumzustapfen.

So langsam breitete sich doch ein glückseliges Lächeln auf Saras Gesicht aus. Was regte sie sich auf? Gab es etwas Schöneres, als an einem stinknormalen Wochentag unter megablauem Himmel in der Sonne herumzutrödeln, mit den zwei besten Freundinnen zu quatschen und sich um nichts zu kümmern? Fernab von Schule, Stress und lästiger Familie?

»Sara, das wirkt bestimmt total authentisch. Ich setz mich hier zwischen die Blumen, ja? Nele, kommst du dazu?« Begeistert drückte Theresa Sara die Digicam in die Hand und positionierte sich vor dem Dorfbrunnen, an dem sie ihren Bergführer treffen sollten.

»Herr Geiger müsste jeden Augenblick kommen, ich hab ihm Bescheid gegeben, dass wir uns verspäten.« Frau Neuhaus hatte als Einzige ein Handy dabei und konnte mit der Außenwelt Kontakt aufnehmen. Für die Gruppe waren ansonsten alle elektronischen Geräte, außer Digicams, strengstens verboten. Das hatten sie vorab so vereinbart. Natürlich hatte trotzdem jeder einen unauffälligen iPod eingesteckt, weil sich keiner vorstellen konnte, zwei Wochen ohne Musik zu überleben. Das käme für die meisten hier purer Folter gleich.

Jedenfalls hatte Frau Neuhaus so wenigstens ihre Verspätung ankündigen können, was an sich als Einstand schon ziemlich peinlich war, fand Sara, die sonst immer auf Pünktlichkeit achtete. Allerdings war auf die anderen weniger Verlass: Die Gruppe hatte heute Morgen direkt ihren Zug verpasst, da Sofia ihren Kajalstift nicht finden konnte und Jenny nicht aus dem Bett kam, weil sie angeblich ihre Tage bekam. Zum eigentlichen Eklat aber war es gekommen, als sich Daniel, Tim und Eric weigerten, ihre Sneakers gegen die Wanderschuhe einzutauschen, weil sie die nämlich total uncool fanden. Von wegen! Verträumt betrachtete Sara ihre sündhaft teuren Stiefel, die sie ihrer Mutter nach langem Ringen abgeschwatzt hatte. Offiziell, weil sie allererste Qualität waren und ein optimales Fußbett vorweisen konnten – inoffiziell, weil Nele und Theresa dieselbe Marke trugen. Irgendwie sahen die Boots zu Shorts und Leggings völlig abgefahren aus, stellte Sara zufrieden fest.

Gerade, als Theresa aufreizend ihre Brust herausdrückte und mit verzückter Miene an einer Geranienblüte schnupperte – ihre ungefähr dreizehnte Pose, die Sara für die Nachwelt festhalten musste –, schlenderte gemächlich ein bayrischer Indiana Jones um die Ecke. Frau Neuhaus fing prompt an, mit einem ihrer Wanderstöcke zu fuchteln und laut zu rufen: »Huuuhu, Herr Geiger, hier sind wir!« Entzückt rauschte sie auf ihn zu und streckte ihm die Hand entgegen.

Alle anderen erstarrten in Ehrfurcht. Indiana Jones als Bergführer? Damit hatte niemand gerechnet! Theresa riss Sara die Digicam aus der Hand und knipste, was das Zeug hielt.

»Der hat’s drauf«, flüsterte Nele hingerissen. »Das ist einer, der sich auskennt, das erkenne ich auf den ersten Blick.«

Sara sah nur eine große, hagere Gestalt in einer bemerkenswerten Aufmachung: Unter einem breitkrempigen Lederhut schaute nicht nur ein braun gebranntes Gesicht mit Dreitagebart und strahlenden bayrisch-blauen Augen hervor, sondern auch ein langer, grauer Zopf. Und die Klamotten! Ohne Kommentar. Mal abgesehen von den interessanten Lederhosen, sahen seine Stiefel und sein Hemd einfach nur abgetragen aus. Gar nicht sündhaft teuer und zudem überhaupt nicht nach Profi-Funktions-Technik-Tralala-Ausstattung, ohne die man sich laut ihrem Verkäufer, der die Abteilung ›Outdoor-Equipment‹ betreute, unmöglich in die Nähe von Bergen wagen durfte.

»Er hat Krachlederne an! Total kultig.« Auch Theresa war begeistert. Das war ein Mann, der ihr gefiel. Die Jungs in ihrer Wandergruppe fand sie nämlich total langweilig und öde, wie sie Sara bereits mitgeteilt hatte.

»Ist der nicht ein bisschen alt für dich?«, fragte Sara stirnrunzelnd. Theresa starrte den Bergführer so verklärt an, dass Sara befürchtete, sie würde sich Hals über Kopf in eine ihrer berühmten Lovestorys stürzen, von denen sie so gerne ausführlich erzählte.

»Sicher, bin doch keine Lolita. Trotzdem, für so einen Opa ist das ein scharfer Typ.« Theresa seufzte sehnsüchtig. Dann stupste sie Sara kichernd in die Seite. »Schau dir mal die Frau Neuhaus an, die ist jetzt schon verknallt.«

Tatsächlich schien sich Frau Neuhaus’ Laune drastisch gehoben zu haben, seit der fesche Bayer aufgetaucht war. Die eben noch so resolute und toughe Sportlehrerin sprühte plötzlich vor Charme.

»Sie flirtet«, stellte Theresa genüsslich fest.

»Sie ist nur froh, dass sie endlich einen Erwachsenen als Unterstützung an ihrer Seite hat«, verteidigte Nele ihre Lieblingslehrerin, was ihr jedoch nur ein zweifelndes Schnauben ihrer Freundinnen einbrachte.

»Die ist einfach nur high, weil das so ein Typ ist, bei dem wir alle springen, wenn er nur mit der Augenbraue zuckt«, erklärte Benno und fügte herablassend hinzu: »Nur bei mir klappt’s nicht. Hundertpro!«

»Pfff, dich macht der allein durchs Ein- und Ausatmen nieder, das sag ich dir.« Daniel gab dem schwabbelig-dicken Benno einen Nackenklatscher, der ihn fast von der Holzbank schmiss, auf deren Lehne er sich niedergelassen hatte.

Bevor eine Rangelei entstehen konnte, erreichte der Krachlederne die Gruppe und warf schwungvoll seinen riesigen Rucksack direkt vor Daniels Füße. Von der Acht-Kilo-Regel hatte der auch noch nichts gehört, das Ding wog mindestens das Vierfache. Apropos acht Kilo – Sara hätte nie gedacht, dass sie es schaffen würde, mit so wenig Ausrüstung in eine zweiwöchige Tour zu starten. Es hatte mindestens fünf Anläufe gebraucht, bis ihre Gepäckmenge auf das vorgeschriebene Gewicht geschrumpft war.

Inzwischen wandten sich Frau Neuhaus und Herr Geiger wieder an ihre Schützlinge. »Alle mal herhören, Herr Geiger möchte ein paar Worte sagen. Nico, Tim, das gilt auch für euch! Ina und Marcel, könntet ihr mal die Hände voneinander lassen und herkommen?«, rief Frau Neuhaus.

Ein paar Mädchen kicherten. Bis vor Kurzem war die Liebesgeschichte zwischen Ina und Marcel das heißeste Thema an Saras Schule gewesen. Inzwischen hatten sich aber alle daran gewöhnt, dass die beiden ständig aneinanderklebten wie zwei Brötchenhälften mit Butter in der Mitte.

Nur manchmal nervte Sara diese ständige Knutscherei und Fummelei. Echt, als ob man das nicht irgendwo in Ruhe erledigen konnte! So in aller Öffentlichkeit fand sie das megapeinlich.

Hand in Hand gesellten sich die beiden zum Rest der Gruppe. Sogar Eric stand ganz hinten und betrachtete mit zusammengekniffenen Augen den Mann, der hier das Sagen haben würde. Sicher würde er sich gerne mit ihm anlegen. Eric suchte eigentlich ständig Ärger. Er und noch ein paar andere Schüler sollten die Wanderung als ihre »letzte Chance« verstehen, wie sich ihr Schulleiter ausgedrückt hatte. Sie sollten soziales Verhalten lernen und begreifen, dass man sich auf andere verlassen konnte und sich Berge weder durch blöde Sprüche noch durch erhobene Fäuste einschüchtern ließen. Sara hoffte inbrünstig, dass sie sich umgekehrt nie auf Eric oder eine der anderen Knalltüten verlassen musste.

Indi-Almöhi-Jones scannte inzwischen seine Schäfchen – oder besser gesagt, seine Gämschen. Das konnte er ziemlich gut, das Scannen, und Sara war sich sicher, dass jeder Einzelne von ihnen in der richtigen Schublade landete.

Eric, der den intensiven Blick kampfeslustig erwiderte, der schlaksige Daniel, der betont cool die Hände in die Hosentaschen steckte und mit seinen weißblonden Haaren aussah, als wäre er mit dem Kopf in einen Schneesturm geraten, Nico, der frech grinste, oder Sofia, die verführerisch mit den Augen klimperte. Genauso wie Theresa. Hatte die nicht eben noch gesagt, dass sie von so einem Opa nichts wissen wollte? Musste sie wirklich jede Gelegenheit ausnutzen, um ihren Charme bei Männern zu testen? Sara verkniff sich einen Kommentar und stieß ihre Freundin lieber mahnend in die Seite.

Ob dieser Herr Geiger schon bemerkt hatte, wie übergewichtig Benno war oder dass Marisa, die Zierlichste unter ihnen, den größten Rucksack schleppte? Wie er wohl die Sneakers fand, die die Jungs trugen? Oder das dicke Make-up von Jenny und Sofia, ging es Sara durch den Kopf.

Als der forschende Blick sie selbst traf, schaute Sara verlegen zu Boden. Bei ihr gab’s nicht viel zu durchschauen. Es stand ja nicht auf ihre Stirn gemeißelt, dass sie vor ihren fiesen Geschwistern geflohen war, die ihr zum fünfzehnten Geburtstag ein peinliches Aufklärungsbuch und ein T-Shirt mit dem Aufdruck »Jungfrau, aber nicht mehr lange« geschenkt hatten. Sie lief bei dem Gedanken rot an. Natürlich hatte sie das T-Shirt sofort weggeworfen – das Buch allerdings erst einmal behalten, nur um mal darin zu blättern und um im Zweifelsfall Bescheid zu wissen. Außerdem konnte sie Bücher unmöglich wegwerfen, ihre Regale zu Hause fielen unter der Bücherlast fast von der Wand. Aber dass ihre Geschwister, allen voran LeLe, wie ihre Zwillingsschwestern Leyla und Lenni genannt wurden, einfach nicht akzeptieren konnten, dass Jungs kein Thema für sie waren, nervte schon. Konnte man die Sache nicht langsam und mit Bedacht angehen und auf Mr Right warten, ohne gleich Hänseleien ausgesetzt zu sein? Das hatte doch nichts mit »Nonne«, »Miss Eiskalt« oder »arroganter Tussi« zu tun, wie man in der Schule über sie lästerte, und lesbisch war sie ziemlich sicher auch nicht, wie ihr Leyla einmal unterstellt hatte. Also wirklich, schon allein der Gedanke daran trieb ihr wieder die Hitze ins Gesicht, so unangenehm war ihr die Sache.

»So, da samma ja fast alle beisam«, stellte Herr Geiger jetzt fest. »Grüß Gott miteinander, ich bin euer Bergführer, der Leopold oder Leo. Wenn mich einer Poldi nennt, schick ich ihn unfrankiert zum nächsten Gipfel. Das gilt auch für alle anderen Verstöße, klar? Die gibt’s nämlich nicht, keine Extrawürste, keine Umkehrer, Heimkehrer oder Abweichler. Das ist lebensgefährlich – genauso wie eure Turnschuhe, übrigens. Wenn einer ein Problem hat, kommt er zu mir oder zur Frau Neuhaus. Lösungen gibt’s immer. Verletzungen, Blasen oder sonstige Nöte bitte sofort anzeigen. Meist kann man dann noch was tun, zum Beispiel die Schuhe wechseln. So, jetzt fehlt nur noch der Toni.«

Es war nicht so, dass er die drei Turnschuhträger extra deutlich anschaute, das brauchte er auch gar nicht, denn alle wussten genau, wer gemeint war. Keiner traute sich, etwas zu sagen, als Leo noch einmal jeden Einzelnen musterte, so als wollte er sich vergewissern, dass seine vorige Einschätzung richtig war. Sara stellte erstaunt fest, dass die klare Ansage selbst Eric und Co. beeindruckt hatte und deren anfängliche Aggression aufmerksamer Neugier gewichen war.

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»Toni? Mach mal Tempo, wir brechen auf!« Leo rief quer über den Dorfplatz und übertönte locker die vielen herumwuselnden Touristen samt der Jodelmusik, die inzwischen fröhlich aus unzähligen Restaurants und Geschäften dudelte. Gemeinsam mit einem intensiven Pommes- und Schweinebratenduft, der Sara daran erinnerte, dass es höchste Zeit für einen Imbiss war.

»Hoffentlich kommt dieser Toni bald«, seufzte sie und bot ihren Freundinnen einen Müsliriegel an.

»Eine Brezel mit Weizenbier wäre zwar passender, aber danke«, meinte Theresa und biss herzhaft ab.

»Ich hätte Lust auf einen großen Eisbecher«, mischte sich Nele ein und blinzelte in die Sonne. »Nee, lieber doch nicht. Ich möchte so schnell wie möglich aus diesem Touristennest raus und rein in die Berge. Ist ja nicht zum Aushalten, diese ganzen pseudo-alpinen Wichtigtuer hier«, lästerte sie und musterte abschätzig eine Rentnergruppe, die sich um einen Souvenirladen drängte.

Aufgeregtes Gekicher lenkte die drei Freundinnen ab. Sofia und Marisa hatte es besonders erwischt, die bekamen kaum noch Luft. Jenny gaffte, dann begannen sie wie auf ein geheimes Zeichen hin mit dem typischen »Achtung, hier ist ein toller Typ in der Nähe«-Getue. Haare nach hinten, angeregte Unterhaltung, aufspritzendes Lachen, massives Augengeklimper, leicht geöffnete Lippen, vorteilhafte und möglichst anmutige Haltung. Es musste also wirklich ein toller Typ in der Nähe sein. Sogar Ina und Marcel guckten in dieselbe Richtung wie die Mädchen, die Hände fest ineinander verschlungen. An den beiden könnte eine Parade pinkfarbener Traktoren mit himmelblauen, winkenden Kühen vorbeiziehen, die würden sich nicht loslassen, dachte Sara kopfschüttelnd.

Aber neugierig war sie auch und schaute sich um. Mitten durch die Rentnergruppe, zwischen Wanderkarten und Plüsch-Bierseideln hindurch, drängte sich das breiteste, hübscheste und aufregendste Lächeln, das Sara jemals gesehen hatte. Es gehörte keinem tollen, sondern einem überwältigend aussehenden Typen, der mit seiner 1-a-Outdoorkleidung direkt aus einem Werbeprospekt entsprungen zu sein schien. Es konnte sich nur um einen Scherz des Fremdenverkehrsamtes handeln. Oder um ein Geburtstagsgeschenk für eines der anwesenden Mädchen.

Peinlich berührt bemerkte Sara, dass ihr Gesichtsausdruck von der Art »glotzende Kuh« sein musste. Schnell schloss sie den Mund, schob die Sonnenbrille über die Augen und musterte den blonden »Superman« flüchtig aus den Augenwinkeln. Ehrlich, er war zum Niederknien schön. Und wenn ihr jetzt jemand in die Kniekehle stupsen würde, dann würde genau das geschehen. Sie blickte schnell zur Seite, um Theresa ihre Meinung zuzuflüstern, doch die stand versteinert und mit leicht geöffneten Lippen neben ihr und sah aus wie eine Fünfjährige in einem amerikanischen Candy Shop.

»Lieber Gott, lass das bitte nicht Toni sein«, flüsterte Nele.

»Warum?«, meinte Sara abwesend und überlegte, wie sie Theresa unauffällig aus ihrer Erstarrung retten konnte.

»Na, hör mal, was glaubst du, was hier los ist, wenn der mitkommt? Schau dir nur mal die ganzen Tussen an.« Daran hatte Sara gar nicht gedacht. Wenn schon sie zugeben musste, dass dieser Typ einfach nur fantastisch aussah, obwohl ihr das normalerweise so was von egal war, wie musste es dann erst den anderen ergehen?

»Na, da samma doch komplett«, dröhnte im selben Moment Leo und nahm seinen Rucksack so locker auf wie eine kleine Handtasche. Selbst die Jungen starrten ungeniert. Allerdings weniger begeistert, sondern eher absolut perplex. Nicht einmal Nico, der sonst für alles und jeden einen Joke parat hatte, machte einen seiner überflüssigen Sprüche.

Nur Luca und Eric nahmen die übermäßige Konkurrenz gelassen. Eric, weil er sowieso kilometerweit über allem stand und cool wie Gletschereis war, und Luca, weil … ja, warum eigentlich? Über Luca hatte Sara noch nicht so richtig nachgedacht. Er ging in eine der Parallelklassen und war ihr nie sonderlich aufgefallen. Dabei sah er gar nicht mal so übel aus, ziemlich nett sogar. Bei Tonis Ankunft zuckte er jetzt nur die Schultern, nickte zur Begrüßung und widmete sich seinem Gepäck, an dem nicht nur unten dran der Schlafsack, sondern oben drauf noch eine zusätzliche Tasche befestigt war. Irgendetwas schien ihm dort nicht zu gefallen, denn während er an seinen Sachen nestelte, wischte er sich immer wieder die etwas zu langen, dunklen Locken aus dem Gesicht und brummte ungehalten Flüche vor sich hin. Sara ließ ihn brummen und widmete sich wieder den interessanten Ereignissen um sie herum.

»So, jetzt aber.« Leo nickte dem Wahnsinnstypen tatsächlich zu. »Hast alles? Dann gehn wir los. Jungs, Mädels, das hier ist der Anton, mein Sohn.« Sein scharfer Blick sorgte dafür, dass niemand einen Mucks von sich gab. »Anton macht gerade seine Prüfung zum Bergführer und wird uns begleiten«, fügte er dann hinzu.

Es war ein Wunder, dass die Hälfte der Mädchen nicht auf der Stelle ohnmächtig wurde. Sofia verdrehte tatsächlich theatralisch die Augen, sie sah aus wie ein Rhesusäffchen im Zoo, dem jemand eine Erdnuss vor das Gitter hielt. Jenny machte ein Gesicht wie Schneewittchen, das nach dem vergifteten Apfel griff – wobei Anton der Apfel war –, und Theresa war noch immer starr wie ein Zaunpfosten. Es fehlte nicht viel und Frau Neuhaus hätte ihr Erste-Hilfe-Set auspacken müssen. Der Wettlauf um Antons Gunst hatte ganz offensichtlich begonnen.

»Servus, ich bin der Toni«, grüßte der Kerl mit samtiger Stimme. Er zwinkerte den Mädels einer nach der anderen zu, und als er sich Sara zuwandte, schaute sie demonstrativ zum Kreuz auf dem Kirchturm. Sie nicht, nahm sie sich schnell vor, so einer wickelte sie nicht um den kleinen Finger. Dieser Toni hier sah zwar aus, als könnte er ihr ganz persönlicher Prinz sein, aber ob er wirklich hielt, was sein Aussehen versprach, das müsste er ihr erst beweisen. Außerdem hatte sie keinen Bock, sich dem allgemeinen Anschmachten anzuschließen. Es war ja völlig klar, dass ihr die inneren Werte eines Menschen viel wichtiger waren als ein blendendes Lächeln.

»Mann, das ist ja nicht auszuhalten mit den Weibern«, tönte es an ihrem linken Ohr. Ach, Nele. Auf die konnte man sich verlassen. Die interessierte sich für Jungs genauso wenig wie Sara. Nein, stimmte ja gar nicht. Die interessierte sich nur jetzt nicht für Jungs. Sonst schon. Aber sie redete nicht andauernd darüber, so wie Theresa, und sie gab nicht mit ihren Eroberungen an, so wie Sofia. Für Nele waren ihre Freundschaften und Beziehungen Selbstverständlichkeiten wie das tägliche Aufstehen und Zähneputzen, über die man keine Worte verlieren musste.

»Die schauen alle wie die Kühe, wenn ein Stier auf die Weide gelassen wird«, meinte Nele jetzt spöttisch.

»Nee«, grinste Sara, »die schauen wie ein Haufen Omis, wenn Florian Silberaluminium um die Ecke biegt.«

»Auch kein schlechter Spruch«, urteilte Nele. »Ich persönlich finde so Typen ja viel zu glatt. Ich mag’s lieber mit Ecken und Kanten, mit Profil und mit Persönlichkeit. Der ist vielleicht süß, aber mal ehrlich, der sieht nicht so aus, als ob er hier viel …« Nele tippte vielsagend mit dem Zeigefinger an ihren Kopf.

»Du kennst ihn doch noch gar nicht. Allein sein Kinn und seine Nase haben Ecken und Kanten, die reichen für einen ganzen Bus«, schmachtete Theresa, die langsam wieder zum Leben erwachte. Sara, die Toni mit zusammengekniffenen Augen noch einmal genauer unter die Lupe nahm, musste ihr zustimmen. Mannomann, der haute der Oma wirklich den Wanderstock aus der Hand. Aber zugeben würde sie das lieber nicht.

»Und seine Arme reichen für eine ganze Frauen-Handballmannschaft«, lästerte Nele und deutete auf Tonis feste Muskeln, die fast die Ärmel seines T-Shirts sprengten.

»Ich dachte, du magst sportliche Typen«, kicherte Sara.

»Und ich dachte, du wartest auf den Prinzen«, stichelte Nele, bevor sie lässig auf Toni zusteuerte.

»Hi, ich bin Nele.« Sie streckte ihm die Hand entgegen und sorgte dafür, dass die anderen Mädels vor Neid Schnappatmung bekamen. »Ich bin im Alpverein, Jugend-Vizemeisterin im Speedklettern, habe schon bei einem Triathlon mitgemacht und freue mich auf ein bisschen Bewegung.« Wow, sie verteilte ihre Angeberei wie kräftige Ohrfeigen.

»Servus, Nele. Des passt scho.« Toni grinste nur lieb zurück, als wäre Nele die einzige Frau der Welt, mit der er sich trauen würde, den Kilimandscharo zu besteigen. Bevor sie eine passende Antwort geben konnte, waren Sofia, Theresa und die anderen bei ihm und stellten sich ebenfalls vor. Und im Nu liefen sie wieder auseinander und sammelten ihre Rucksäcke ein, denn Leo bereitete dem Zirkus kurzerhand ein Ende.

»Verabschiedet euch von der zivilisierten Welt, Leute, es geht los.« Er griff nach seinem Holzknüppel – und erinnerte Sara nun ein wenig an Moses mit dem Wanderstab –, suchte sich Frau Neuhaus als Weggefährtin, da sie noch ein paar Grundsätzlichkeiten zu bereden hatten, und stapfte am Brunnen vorbei zur Kirche, ohne sich noch einmal umzuschauen.

Wie schaffte es Sofia nur wieder, dass sie mit Toni das Schlusslicht bildete, und wie kam es, dass Theresa über einen Randstein stolperte und sich in letzter Sekunde mit einem erschrockenen Aufschrei an Toni festhalten konnte, um nicht auf den Boden zu knallen? Sara schüttelte den Kopf, nahm die Beine in die Hände und spurtete Nele hinterher, die an Leos Fersen klebte, als sei sie ein Spürhund auf frischer Fährte.

»Ich hab gehört, dass man fast bis zur Hütte mit dem Auto fahren kann«, fing Daniel nach zehn Schritten an zu schimpfen, obwohl noch nicht einmal das Ortsende in Sicht war.

»Und ich hab gehört, es gibt eine Bergbahn, die einem zwei Stunden Weg spart«, meinte Nico und lachte dabei, als wäre ihm ein besonders guter Witz gelungen.

»Stimmt, es gibt eine Bergbahn. Dort drüben, wo sich die Menschen drängeln, da ist die Talstation. Wir gehen natürlich zu Fuß. Bergbahnen sind für Rentner und Fußkranke und Kinder unter sechs Jahren – oder als Belohnung, wenn’s mal echt hart war. Heute müsst ihr aber zeigen, was ihr könnt.«

Leo hatte anscheinend Ohren wie ein Bergluchs, das stand schon mal fest. Er konnte sich angeregt mit Frau Neuhaus unterhalten und doch noch mitbekommen, was hinter ihm abging. Dabei trotteten alle brav der hochgewachsenen Gestalt hinterher wie die Kinder dem Rattenfänger von Hameln.

Nur ein paar wehmütige Blicke folgten einer Gondel, die sich eben aus der Talstation schwang, ein wenig hin und her schaukelte, als wolle sie zum Abschied winken, und dann zügig bergauf gezogen wurde. Davon unbeirrt bog Leo auf einen breiten Schotterweg, der in stetigen Bögen durch einen dichten Tannenwald nach oben führte. Schon bald schnauften die Ersten – und nicht nur Benno, der schon beim Schuheanziehen außer Atem kam. Es war Sara schleierhaft, wieso sich so einer für das Projekt »Alpenüberquerung« gemeldet hatte. Sie nahm ja nicht an, dass er einer der »Last Chance«-Kandidaten war. Er würde wohl auch nicht aus romantischen Gründen mitlaufen, so wie Theresa, oder aus Freundschaft, so wie Sara, oder weil er eigentlich auf kein einziges Schulprojekt Bock hatte, so wie Tim.

Eilig ging sie weiter und geriet neben Nico, der im Rhythmus seiner Schritte Rapverse vor sich hin murmelte und mit seinen Blicken den Pobewegungen von Jenny und Marisa folgte, die vor ihm gingen. Er war ein fürchterlicher Schwachkopf. Sara schnaubte und konzentrierte sich auf ihre Füße. Am besten hielt sie sich von Nico fern und ignorierte ihn. Genauso wie Eric und Daniel und überhaupt alle Jungs.

Der Kies knirschte unter ihren Schuhen. Boah, so langsam bemerkte Sara, wie anstrengend Wandern war. Vor allem ihre Oberschenkel begann sie deutlich zu spüren. Sie seufzte, aber das verbrauchte zu viel Atem. Ihre Lungen keuchten und röchelten, als wäre sie ein altersschwacher Gaul. »Pause«, schrien alle ihre Körperteile. Unauffällig schob sie sich in eine sichere Entfernung von Nico und schielte zu Theresa, die sich tapfer neben Toni in die Höhe kämpfte.

Ihr verkniffenes, hochrotes Gesicht zeigte allerdings, dass sie sich lieber ein Beispiel an Sofia genommen hätte, die weit zurückgefallen war und in diesem Moment erschöpft auf einen gefällten Baumstamm sank. Vielleicht hoffte sie, dass Toni ihr zur Hilfe eilte? Doch vergebens. Toni winkte nur und strebte mit ausladenden Schritten munter voran. Schnell hatte er seinen Vater und Nele eingeholt, die mittlerweile den Platz der Lehrerin eingenommen hatte und Leo mit Fragen löcherte.

Frau Neuhaus hingegen musste sich mit Benno und Tim herumärgern. Jetzt, eine Stunde nach dem Aufbruch, bemerkten die beiden, dass die Veranstaltung doch nicht in ihrem Sinne verlief, und starteten eine Art Sitzdemo.

Sara nutzte diese Gelegenheit, um Luft zu schnappen, und starrte zurück ins Tal. Mann, sie waren schon unglaublich hoch gekommen. In so kurzer Zeit! Durch die Baumwipfel konnte sie das goldene Kirchturmkreuz blitzen sehen. Es sah von dieser Entfernung aus, als gehöre es zu einer winzigen Spielzeuglandschaft.

»Alter, ey, das ist voll der Stress«, schimpfte Benno. »Bin doch keine Ziege, die hier den Berg raufhüpft.«

»Das hättest du dir vorher überlegen müssen. Wir haben alles genau durchgesprochen. Los jetzt, hier gibt es noch keine Pause. Ein Schluck Wasser und weiter geht’s.« Frau Neuhaus kämpfte sichtlich gegen die Versuchung, den Jungs mit ihren Wanderstöcken auf die Beine zu helfen.

»Vergessen Sie’s, es ist super hier, wir kommen später nach – oder vielleicht auch nicht.« Demonstrativ plumpste Tim nach hinten ins Gras. Er gehörte zu den Typen, bei denen alles, was sie anstellten, irgendwie falsch und aufgesetzt wirkte. So wie jetzt wollte er andauernd seine Unsicherheit überspielen und den coolen Mann geben. Sara stieß verächtlich die Luft aus. Sie würde nicht aufgeben. Wenn man sich für so eine Sache entschieden hatte, dann sollte man die auch durchziehen. Schluss.

»Tim, Benno, reißt euch zusammen. Ihr seid doch keine Memmen.« Ui, jetzt packt sie die beiden bei der Ehre, dachte Sara, aber natürlich ohne Erfolg.

»Ich glaub, ich dreh wieder um. Ist besser für alle.« Benno streckte die Füße aus und stellte seinen Rucksack ab. Herausfordernd begann er, darin herumzuwühlen. »Bin doch nicht das Opfer hier«, maulte er, während er die Dose eines Energydrinks öffnete.

Tim holte sich eine Zigarette aus den Tiefen seiner Jackentasche und fummelte nach einem Feuerzeug. »Hier bleib ich erst mal. Ziggipause, Frau Neuhaus.«

Die holte tief Luft, um ihre Nerven zu beruhigen, schnaubte wie ein alter Ochse, rammte dann aber ihre Stöcke in den unschuldigen Boden und stampfte weiter bergauf. Zum Wutabbauen war so ein Berg goldrichtig.