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Wie dieses Schuljahr begann …

Es war der Abend vor dem ersten Schultag. Mom kam in mein Zimmer und erwischte mich mit Ken im Bett. Ich knabberte gerade an seinem Hals, und er flüsterte mir Schmeicheleien ins Ohr, als die Tür aufging.

Ich versteckte ihn unter der Bettdecke, war aber nicht schnell genug.

Mom sah Ken in voller Pracht.

»Teresa«, sagte sie, »was hat die Barbiepuppe in deinem Bett verloren?«

Der wirkliche Grund

Ich hatte mir Ken geschnappt, weil ich ausprobieren wollte, wie es war, neben einem Jungen im Bett zu liegen. Falls ich einmal in eine solche Situation geraten sollte. Ich habe zwar keinen Freund und mit Sex will ich eigentlich auch noch warten … aber man weiß ja nie.

Deshalb hatte ich Ken aus der hintersten Schrankecke hervorgewühlt – und bei dieser Gelegenheit das süße Top gefunden, das ich schon seit Ewigkeiten vermisst hatte. Aber das konnte ich Mom unmöglich erzählen!

Der Grund für Mom

»Äh … ich habe mich so down gefühlt und ein bisschen Gesellschaft gebraucht.«

Ich setzte eine möglichst traurige, jammervolle Miene auf, die zum Teil sogar meine wahre Stimmung widerspiegelte. Ich fühlte mich tatsächlich ein wenig niedergeschlagen und das war überhaupt kein Wunder. Wie würde es euch gehen, wenn ihr tief in eurem Herzen wüsstet, dass euer Ken eigentlich scharf auf Barbie und ihre riesigen Plastikbrüste ist? Das hat er zwar nicht gesagt, aber ich bin mir da ziemlich sicher. Anscheinend ist das bei allen Jungen so. Ich meine, dass sie große Brüste mögen, wenn auch nicht unbedingt welche aus Plastik. Aber manchen Jungen ist sogar das egal.

Verwirrt? Willkommen in meinem Leben.

Letztes Jahr, in der 9. Klasse, wollte ich herausfinden, was Jungen an Mädchen mögen. Ich hatte behauptet, ich müsste ein Referat über Geschlechterrollen halten, und hatte meinen großen Bruder Hugo gefragt, welche Eigenschaften ihm wichtig seien.

»Köpfchen«, hatte er geantwortet, »eine, mit der ich über Politik, Religion und Enthaltsamkeit diskutieren kann.«

Und dann hatte er gegrinst und zwischen seinen Zähnen war Sahne hervorgequollen, weil er gerade einen Windbeutel gegessen hatte. Es hatte ausgesehen, als würde er aus dem Mund schäumen. Echt eklig. Ich frage mich ernsthaft, warum Mädchen sich für diese kindischen Schwachköpfe überhaupt interessieren.

»Ja«, hatte er hinzugefügt, »ich mag Frauen mit Köpfchen.«

»Frauen bestehen nicht nur aus Köpfchen!«, hatte ich entgegnet.

»Woher willst du das wissen? In Bezug auf Köpfchen bist du ein bisschen unterbelichtet.« Hugo hatte ein breites Lächeln aufgesetzt.

Okay, das hatte wehgetan.

»Bin ich froh, dass ich kein Junge bin. Ihr seid echte Blödiane!«

Das war eine ziemlich schwache Retourkutsche gewesen, aber etwas Besseres war mir in dem Moment nicht eingefallen. Jungen sind so was von dumm. Außer natürlich AAA – Absolut Atemberaubender Adam. Er geht in meine Parallelklasse und ist fantastisch. Also, ich habe zwar noch nie mit ihm gesprochen, aber er sieht fantastisch aus.

Problem

Mein Traummann weiß nicht, dass es mich gibt. Noch nicht.

Aber zurück zum Thema.

Mom stand in meinem Zimmer und sah mich an. »Teresa, mein Schatz, vielleicht willst du mit jemandem reden?«

Ich machte im Geist eine Liste, wer dieser Jemand sein könnte.

1. Dad – zu schwer von Begriff.

2. Dads Mutter, Großmama T – kann nicht mal das Wort »Liebe« aussprechen, ohne rot zu werden.

3. Moms Eltern, Nanna P oder Nannu P – viel zu alt.

4. Hugo – der taucht hier nur zum Spaß auf. Mit diesem Trottel würde ich niemals reden.

5. Sophia, meine große Schwester. Die interessiert sich zurzeit nur für ihre Hochzeit im Februar.

6. Pater Bernie – habe ich eine moralische Verfehlung begangen?

7. Biff – meine beste Freundin. Ah!

»Ich rede mit Biff«, sagte ich.

»Ich meine jemanden, der weiß, was du gerade durchmachst. Jemand, der dich durch dein Gefühlschaos führen kann. Die Pubertät ist eine schwierige Phase«, erwiderte Mom.

Achgodogod! (Merke: In dieser Schreibweise ist das keine Gotteslästerung.) Sie sprach von einem Seelenklempner! Seit Mom an der Volkshochschule einen Einführungskurs in Psychologie gemacht hatte, wartete sie darauf, dass einer aus der Familie Probleme bekam. Sie wollte endlich einen echten Therapeuten bei der Arbeit erleben. Und ich hatte ihr den perfekten Anlass geboten.

»Nein, Mom, ich bin okay. Mir geht es wirklich gut.« Ich grinste von einem Ohr zum anderen. Jemand, der sich schlecht fühlte, konnte unmöglich so breit grinsen.

Anschließend gähnte ich und warf Ken in die Ecke. »Ich bin müde. Und morgen beginnt die Schule. Ich muss schlafen, sonst bin ich nicht fit.«

Bildung hat bei meinen Eltern immer Vorrang. Sie schicken uns zu den unmöglichsten Zeiten ins Bett, damit wir für die Schule »fit« sind.

»Wenn du meinst«, sagte Mom zögernd.

»Klar. Alles im grünen Bereich. Kannst du bitte das Licht zumachen?« Das sagt Nannu P immer. Er stammt aus Malta und bringt die Worte manchmal durcheinander, weil er unsere Sprache nicht so gut spricht.

Ich deckte mich umständlich zu, während Mom die Lampe ausschaltete und ging.

Ich wartete ein paar Minuten, bevor ich aufstand, Ken aus der Ecke holte und ihn neben Barbie auf die Kommode setzte.

»Ich glaube, du solltest mit ihr sprechen«, sagte ich streng, »du hast sie betrogen.«

Dann legte ich mich hin und fühlte mich gut. Barbie hatte zwar große Plastikbrüste, aber ich war die andere in Kens Leben.

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Der erste Tag im neuen Schuljahr und was passierte mir? Ein Vulkanausbruch mitten auf der Stirn! Vielleicht war das eine der Prüfungen, von denen Großmama T immer spricht. Sie glaubt, man müsse irgendwann im Leben durchs Feuer gehen, um auf der anderen Seite mit einer eisernen Rüstung wieder herauszukommen oder so ähnlich. Ich weiß, das klingt verrückt, aber wie gesagt, Großmama T behauptet das, nicht ich. Es gab nur einen Menschen, der mir in diesem Moment helfen konnte, und dieser Mensch war Biff, meine beste Freundin.

E-Mail

7:00 Uhr

An: Biff

Von: T.

Betreff: Eilt! Vulkanausbruch!

Biff! Bist du da?

Notfall!

Riesenpickel auf Stirn. Hilfe!

Ich drückte auf Senden und kreuzte die Finger. Hoffentlich war Biff online.

Sie ist klug. Richtig klug. Wenn sie mit der Uni fertig ist, will sie Anthropologin werden. Für die, die nicht wissen, was das ist, hier die Erklärung (okay, ich gebe zu, dass ich zuerst auch keine Ahnung hatte):

Aus dem Internet, der Quelle der Weisheit

Anthropologie ist die Wissenschaft vom Menschen sowie von den menschlichen Verhaltensweisen in der Auseinandersetzung mit der Umwelt.

Und das bitte fünf Mal schnell hintereinander sagen!

Meine Definition

Die Anthropologie untersucht, warum Menschen spinnen.

Hugo stürmte ins Wohnzimmer, stieß mich vom Stuhl und setzte sich vor den Computer.

»He! Da bin ich gerade dran!«, schrie ich.

»Jetzt nicht mehr«, sagte er.

Ich versuchte, ihn vom Stuhl zu schubsen. Vergeblich. Seit Hugo sechzehn ist, ist alles an ihm riesig. Füße, Hände, Arme, Mund – vor allem der Mund! Der ist so laut. Seine Stimme ist tiefer geworden und donnert. Mir blieb nur noch eine Möglichkeit, ihn loszuwerden.

»Mom«, kreischte ich, »Hugo hat mich gehauen!«

Unsere Mutter verabscheut jegliche Gewalt.

»Hab ich nicht!«, brüllte Hugo und meine Ohren dröhnten. »Ich habe sie weggestoßen.«

Mom kam ins Zimmer und lehnte sich an die Wand. Sie sah blass aus. »Hört sofort auf. Beide! Mir ist egal, wer wen gehauen oder gestoßen hat. Ihr kennt die Regel. Kein Computer vor der Schule.«

»Das ist ein Notfall, Mom. Ich habe einen riesigen Pickel.« Ich strich mir die dunklen Locken aus der Stirn und zeigte ihr die Stelle. »Und ich warte darauf, dass Biff mir sagt, was ich tun soll.«

»Ich muss eben checken, wo wir uns vor der Schule treffen«, donnerte Hugo gleichzeitig.

»Ausschalten, habe ich gesagt. Sofort!«, übertönte uns Mom.

Ich sah sie überrascht an. Das passte gar nicht zu ihr. In ihrem Kurs »Teenager richtig erziehen« hatte sie gelernt, dass sie ihren Kindern zuhören muss, um herausbekommen, was sie in Wirklichkeit sagen wollen. Mom setzt dann so eine konzentrierte, besorgte Miene auf und wiederholt wortwörtlich, was man gerade von sich gegeben hat! Genau wie bei einem Echo. Das nervt! Aber heute war es anders. Heute schrie sie uns einfach an. Wäre ich wegen des Pickels nicht so gestresst gewesen, hätte ich mir wahrscheinlich Sorgen um sie gemacht.

»Aber Mom«, jammerte ich, »ich kann unmöglich so zur Schule gehen. Ich bin verunstaltet!«

»Teresa, du hast eine winzige rote Stelle auf der Stirn. Alle Teenager haben rote Stellen im Gesicht. Kämm dir deine Haare darüber und mach dich fertig. Und du auch, Hugo. Sonst kommt ihr am ersten Schultag zu spät!«

Hugo und ich sahen uns an. Das Bad.

Gleichzeitig sprinteten wir zur Treppe, aber Hugo nahm immer zwei Stufen auf einmal und ließ mich weit hinter sich zurück. Seine Beine waren ebenfalls während des Sommers gewachsen.

Als ich vor der Badezimmertür ankam, hörte ich gerade noch, wie der Schlüssel im Schloss umgedreht wurde. Mist! Jetzt blieb mir nicht genug Zeit, mich in aller Ruhe fertig zu machen. Ausgerechnet am ersten Schultag, der besonders viel Vorbereitung erforderte.

Ich stand wütend im Flur. Da bemerkte ich, dass Sophias Zimmertür einen Spalt offen stand. Meine Schwester war schon zur Arbeit gegangen. Sie war in einer Versicherungsfirma angestellt. Vielleicht fand ich in ihrem Schminkzeug etwas zum Kaschieren von Pickeln.

Ich schlich auf Zehenspitzen, die Arme an den Körper gepresst, in ihre heiligen vier Wände. Ich durfte keine Spuren hinterlassen. Sophia besitzt die erstaunliche Fähigkeit, sofort zu merken, wenn jemand unerlaubt ihr Reich betreten hat. Vorsichtig und ohne etwas zu berühren, musterte ich ihren Schreibtisch und Hurra! Ich fand genau das, wonach ich gesucht hatte – eine Tube Abdeckcreme. Ich steckte sie in die Tasche meiner Jeans und schlich wieder hinaus. Die Tür ließ ich haargenau so weit offen stehen, wie ich sie vorgefunden hatte. Sophia konnte unmöglich etwas merken.

Zurück in meinem Zimmer sah ich schnell die Klamotten durch, die ich auf meinem Stuhl bereitgelegt hatte. Biff und ich hatten uns den gesamten August darüber Gedanken gemacht, wie unser Styling am ersten Schultag aussehen sollte. Genauer gesagt, ich hatte mir den Kopf darüber zerbrochen und Biff hatte mich beraten. Sie ist eben meine beste Freundin.

Wir hatten Zeitschriften gewälzt, Modesendungen geguckt, jede Menge Klamottenläden durchforstet. Ich hatte Listen geschrieben (Listen sind meine Spezialität), in welchen Läden die besten Tops und in welchen die besten Hosen zu finden waren. Dann hatten wir alles in den Computer eingegeben und miteinander verlinkt, bevor wir entschieden hatten, welche Jeans am besten zu welchem Top passte. Anschließend waren wir einkaufen gegangen.

Alles hatte prima geklappt, nur dass ich mein Outfit jetzt schrecklich fand. Total daneben!

Ein Pickel und die falschen Klamotten. Schlimmer konnte es kaum noch werden.

Ich riss sämtliche Schubladen auf und warf ein Shirt nach dem anderen auf mein Bett. Wenn ich nicht die perfekte Kombination fand, würde ich am ersten Schultag auf die Stufe der Sub-Normalos absinken!

Das Schulklassensystem

Okay. Jetzt kommt eine wahnsinnig wichtige Information, ohne die sich ein Mädchen ihre Schulzeit und letztlich ihr ganzes Leben vermasseln kann. Die Teenagergesellschaft ist in drei Klassen eingeteilt.

Normalos (N)

Das sind normale Jugendliche – so wie ich. Wir bemühen uns, nicht aufzufallen, sprechen leise und lachen an der richtigen Stelle. Nur kein herzhaftes, dröhnendes Lachen, das die Aufmerksamkeit der anderen auf sich ziehen könnte. Wir tragen neutrale Klamotten, die mit den Farben der Schule harmonieren (Jeansblau, Khaki, Beige). Und wir überlassen die besten Plätze im hinteren Teil des Klassenzimmers den Über-Normalos.

Über-Normalos (ÜN)

Die Über-Normalos sind eine privilegierte Gruppe. Die Mädchen haben weiße Zähne, glänzendes Haar und einen Freund! Sie haben einen eigenen Tisch in der Cafeteria und immer – absolut immer – das richtige Outfit. Das mit den Klamotten ist mir ein Rätsel. Wieso kennen sie die Modetrends, bevor alle anderen davon erfahren? Die ÜN-Jungs sind süß. Alles dreht sich bei ihnen um Sport, Sport und noch mal Sport. Und sie sitzen ständig mit den ÜN-Mädchen zusammen. Die meisten besitzen ein Auto und fast alle haben eine Freundin.

Sub-Normalos (SN)

In diese Gruppe abzurutschen, ist für mich die größte Horrorvorstellung. Die ÜNs müssen sich keine Sorgen machen, weil die SNs zwei Stufen unter ihnen stehen. So tief können ÜNs gar nicht sinken, außer sie würden etwas ganz außergewöhnlich Bescheuertes tun. Dagegen kann ein N ziemlich schnell zum SN werden: Da genügt schon ein riesiger Pickel auf der Stirn. Oder die falschen Klamotten! Typische Merkmale für SNs sind Hängeschultern, immer an der Wand zu kleben und jedes Mal, wenn ein ÜN vorbeikommt, zusammenzuzucken.

Ich weiß, eigentlich müsste ich gegen dieses ungerechte Schulklassensystem protestieren, blablabla. Aber was soll’s, habe ich etwa diese Regeln erfunden?

Und jetzt kommt das Merkwürdigste: Biff ist gar nichts. Sie spricht mit den ÜNs, den Ns und den SNs. Sie ignoriert das Klassensystem und das bringt alle von der Rolle. Sie ist eine Aberration (kompliziertes Wort, schaut es nach – musste ich auch), zu blond (natur) für eine SN, zu klug für eine ÜN, außerdem trägt sie eine Brille, was ÜNs niemals tun würden, mit Ausnahme von Designersonnenbrillen.

Biff findet das Klassensystem in unserer Schule faszinierend. Sie schreibt einen Aufsatz darüber, den sie in der Zeitschrift für Anthropologie veröffentlichen will. Hin und wieder schaut sie mich so komisch an, dass ich denke, sie benutzt mich als Forschungsobjekt. Einmal habe ich sie darauf angesprochen, aber sie hat gemeint, das würde sie nicht tun. Trotzdem komme ich mir von Zeit zu Zeit wie unter einem Mikroskop vor.

Übrigens, der Absolut Atemberaubende Adam ist ein Vertreter der Über-Über-Normalos.

Die Tür vom Badezimmer flog auf. Hugo stürmte heraus und wickelte mir im Vorbeigehen sein nasses Handtuch um den Kopf.

»Idiot!«, schrie ich, schälte mir das Handtuch vom Gesicht und stopfte es in den Wäschekorb.

»Zweimal Idiot«, sagte ich mit Blick ins Waschbecken.

Der Abfluss war von Zahnpastaklumpen und winzigen Barthaaren aus Hugos Rasierer verstopft. Außerdem war die Klobrille hochgeklappt.

Anmerkung für Ahnungslose

Falls ihr mit einem männlichen Wesen zusammenlebt oder eine Freundin besucht, die einen Bruder hat, seht genau hin, bevor ihr aufs Klo geht. Sonst könntet ihr mit dem Hintern im Abfluss stecken bleiben!

Ich pfefferte die Klobrille nach unten. Hugo hatte so lang gebraucht, dass ich nur noch kurz duschen konnte. Ich würde also mit nassen Haaren in die Schule gehen müssen und hatte spätestens in der zweiten Stunde eine schreckliche Kräuselmähne.

»Mom!«, schrie ich in den Flur, »wir brauchen ein zweites Badezimmer. Du kannst nicht verlangen, dass wir uns alle ein einziges teilen.«

Im Erdgeschoss haben wir eine Gästetoilette, in der es aber nur ein Waschbecken und ein Klo gibt.

»Teresa, beeil dich. Ich muss auch ins Bad«, tönte es von unten herauf.

»Wenn wir noch eins hätten, könnten wir uns gleichzeitig fertig machen.«

»Teresa!« Moms Stimme hatte einen drohenden Unterton angenommen.

»Na ja, vielleicht könnten wir stattdessen Hugo loswerden?« Ich drehte den Wasserhahn auf, um Moms Antwort nicht hören zu müssen.

Beim Duschen ging ich im Geist die Zimmer unseres Hauses durch. Wir wohnen in einer Doppelhaushälfte. Für die, die nicht wissen, was das ist: Zwei aneinandergebaute Häuser mit einer gemeinsamen Wand dazwischen nennt man so. Die meisten Häuser in unserer Straße sind Doppelhäuser. Sie sehen alle gleich aus: Klinkervorbau, winziger Vorgarten, keine Garage, eine asphaltierte Einfahrt.

Unsere Nachbarn sind die Middletons. Sie haben sechsjährige Zwillingsjungs, Daniel und Denton, auch D & D genannt. Wir hören sie den ganzen Tag durch die Trennwand hindurch.

Manchmal passe ich auf sie auf und mache mir ernsthaft Sorgen, dass sie einmal Terroristen werden könnten.

Im ersten Stock unseres Hauses gibt es drei Zimmer: das von Mom und Dad, Sophias und meins. Hugos Raum, den Dad für ihn ausgebaut hat, ist im Keller. Sophia und ich hatten bis vor zwei Jahren ein gemeinsames Zimmer, aber dann bekam Sophia ihren Heiratskoller und Mom sagte, sie könnte unsere Streitereien nicht mehr ertragen. Deshalb das Extrazimmer für Hugo. Ich glaube aber, der eigentliche Grund ist, dass mein Bruder von den normalen Familienmitgliedern ferngehalten werden soll …

Ich beugte den Kopf nach vorn und rubbelte die Haare mit dem Handtuch trocken. Dadurch strömte wahrscheinlich so viel Blut in meinen Kopf, dass ich einen Genialitätsschub bekam und eine fantastische Idee hatte!

Wenn Sophia fort war, könnte Dad die Wand zwischen Sophias und meinem Zimmer rausbrechen und ein Badezimmer einbauen – wie in einer richtigen Suite! Mit Whirlpool und Duftkerzen. Dad, Mom und Hugo konnten dann das andere Bad benutzen.

Dank Hugo war ich so spät dran, dass ich die Haustürstufen in einem einzigen Satz nahm und prompt über ein Fahrrad stolperte, das mitten auf der Einfahrt lag. D & D! Überall lassen sie ihr Zeug herumliegen. Ein typisches Merkmal einer Terroristenpersönlichkeit: Missachtung anderer. Ich rieb an den Grasflecken herum, die meine neuen Jeans in Kniehöhe verunstalteten und sprintete um die Ecke.

Biff wohnt zwei Blocks weiter in einem Haus, das eine eigene Garage hat und nicht an ein anderes angebaut ist. Wir treffen uns immer an der Kreuzung von Hincks Street (Biffs Straße) und Jones Street (meine Straße). Eine heiße Welle der Erleichterung erfasste mich, als ich Biff sah. Meine beste Freundin.

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Beste Freundinnen sind etwas Besonderes.

Merkmale einer besten Freundin

1. Sie wartet immer auf dich, auch wenn sie deshalb selbst zu spät kommt!

2. Sie mag dich sogar in PMS-geschädigtem Zustand (PMS wie prämenstruelles Syndrom).

3. Sie liebt dieselbe Musik. (Und manchmal tanzt sie besser als du, lässt dich das aber nicht spüren.)

4. Sie ist immer auf deiner Seite, auch wenn du unrecht hast. (Was bei mir selten der Fall ist.)

5. Kichert wie verrückt über deine blödesten Witze.

6. Sie sagt, du siehst fantastisch aus, obwohl du Pickel im Gesicht und einen Krauskopf hast.

7. Sie versteht, dass sie hinter einem Freund zurücktreten muss (und ist dir deshalb nicht böse).

8. Und sie spannt dir nie, niemals deinen Freund aus. (Da keine von uns bisher einen Freund hatte, haben wir die beiden letzten Punkte noch nicht überprüfen können.)

»Du hast ja gar nicht das Top an, das wir ausgesucht haben«, sagte Biff.

»Ich fand es doch nicht so passend.«

»Oh!«

»Was meinst du mit ›Oh‹?«, fragte ich argwöhnisch. »Meinst du damit: ›Oh, das ist ein großer Fehler‹? Oder: ›Oh, du siehst super aus‹? Was? Sag schon! Soll ich mich umziehen?«

»Ich meinte: ›Oh, du trägst nicht das Top, das wir ausgesucht haben.‹ Mehr nicht. Zum Umziehen ist keine Zeit. Du siehst gut aus«, sagte Biff.

»Gut?!!??« Gut war mein Todesurteil!

Wenn die Leute gut sagen, meinen sie in Wahrheit furchtbar. Einfach unvorstellbar, am ersten Schultag nur GUT auszusehen.

»Das Top ist gut«, versicherte Biff mir.

Ich stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch. »Du trägst die Sachen, die wir ausgesucht haben«, sagte ich schnell, um mich auf andere Gedanken zu bringen.

»Hey, wir haben uns schließlich den ganzen August damit beschäftigt«, erwiderte Biff. »Interessant finde ich allerdings«, fügte sie hinzu, »dass du dich so kurzfristig noch einmal umentschieden hast.«

Da war er wieder, dieser Röntgen-Anthropologen-Blick …

»Du siehst wirklich fabelhaft aus«, lenkte ich ab. Bis auf die eine Sache.

»Wann schaffst du dir eigentlich Kontaktlinsen an?«

»Wieso? Ich bin mit meiner Brille voll zufrieden«, antwortete sie.

Biffs Brille

Zentimeterdicke Gläser und schwarzes Gestell.

»Außerdem sind Kontaktlinsen nur eine Verkaufsmasche der Optikkonzerne.«

Ich würde wetten, sie hat ein Problem damit, sich ins Auge zu fassen.

»Hast du Angst, sie dir einzusetzen?«, fragte ich und bemühte mich um einen mitfühlenden, freundlichen Ton.

»Hast du meine Antwortmail gelesen?«, wollte sie wissen, ohne auf meine Frage einzugehen.

Ich verzog das Gesicht. »Hugo hat mich vom Computer weggeschubst und dann hat Mom uns beide verjagt.«

Biff musterte mein Gesicht. »Ich kann keinen Pickel entdecken.«

»Ich habe Sophias Abdeckcreme benutzt.« Die Tube, die immer noch in meiner Jeanstasche steckte, musste ich unbedingt zurücklegen, bevor meine Schwester sie vermisste. »Aber der Pickel ist echt groß. Riesig. Vielleicht bleibt eine Narbe zurück.«

Biff und ich diskutierten über meinen Pickel und über verschiedene Behandlungsmethoden, bis wir die Schule erreichten. Dort herrschte das typische Erster-Schultag-Gewimmel. Wir steuerten direkt auf die Turnhalle zu, wo die Klassenlisten hingen. Ich quietschte vor Freude, als ich Biffs und meinen Namen auf derselben Liste entdeckte. Wir waren beide in der Klasse von Monsieur Papineau. Ich hatte ihn im vergangenen Jahr schon in Französisch gehabt und fand ihn ganz in Ordnung. Er war groß und dünn wie eine Bohnenstange und hatte borstige rote Haare. Ich fand, er sah aus wie ein Bleistift mit Radiergummikopf. Er trug immer Hemd und Krawatte, im Gegensatz zu den meisten anderen Lehrern, die es cool fanden, in T-Shirts und Jeans herumzulaufen. Wie zum Beispiel Miss Cook, meine zukünftige Sportlehrerin. Also, wenn man die fünfundzwanzig erreicht hat, sollte man den Jugendlook schleunigst aufgeben. Monsieur Papineau versuchte gar nicht erst, cool auszusehen, und war gerade deshalb cool.

Unser Klassenzimmer war hauptsächlich mit Ns bevölkert, einem Häufchen ÜNs (eigentlich müssten es doch die Ns, als größte Gruppe, mit den ÜNs aufnehmen können, aber so funktioniert das nicht) und ein paar wenigen SNs, darunter auch – Achgodogod! (keine Gotteslästerung) – Phillip White! Was machte der denn hier? Ich duckte mich hinter Biff, bis wir auf unseren Plätzen waren. Dann stapelte ich meine Bücher vor mir auf und ging auf Tauchstation. Ihr fragt euch, warum?

Ein paar Hintergrundinformationen

Bevor die Middletons ins Nachbarhaus gezogen sind, hat Phillips Familie zehn Jahre lang neben uns gewohnt. Und sieben Jahre davon waren er und ich die besten Freunde. Er war ein richtiger Strebertyp, das war mir damals jedoch egal, weil er bei allen verrückten Sachen mitgemacht hat, die ich mir ausgedacht habe. Aber in der fünften Klasse fiel mir plötzlich auf, dass die anderen ihn entweder links liegen ließen oder hänselten.

Na ja und irgendwie hatten Phillip und ich von da an so ein stillschweigendes Übereinkommen, dass er mich in der Schule nicht ansprach, obwohl wir zu Hause ständig zusammen herumhingen. Und dann war es mit der Freundschaft irgendwann ganz vorbei gewesen.

Ich spähte hinter meinen Büchern hervor. Phillip war ziemlich gewachsen. Er war lang und dünn und an seinem Hals hüpfte ein riesiger Adamsapfel auf und ab. Ach du meine Güte! Manche hässlichen Entlein verwandeln sich irgendwann in schöne Schwäne. Phillip gehörte ganz klar nicht dazu!

Papineau ging die Anwesenheitsliste durch. Ich murmelte »Hier«, als ich aufgerufen wurde, und sackte gleich wieder in mich zusammen. Aus dem Augenwinkel sah ich Ashlee, sie ist eine ÜN und gehört zu der Mädchenclique an unserer Schule – den Chicas.

Weitere Mitglieder der Chicas

Melanie. Hübsch, mit langen braunen Haaren, aber ziemlich beschränkt.

Stephanie. Unscheinbar, aber das Hirn der Truppe, was nicht viel heißt.

Kara. Angeblich lässt sie nach ein paar Bierchen jeden an sich heran.

Die Wahrheit

Ich würde sofort ein hirnloser Zombie werden, wenn ich bei den Chicas mitmachen dürfte.

Wir füllten eine Stunde lang Formulare aus, dann teilte uns Papineau die Schließfächer zu und gab die Stundenpläne aus. Wie immer am ersten Schultag drehten wir anschließend eine Runde durch die Klassenzimmer, um die anderen Lehrer kennenzulernen und die Listen mit dem Schulbedarf in Empfang zu nehmen. Um den ganzen Kram zu besorgen, war der Unterricht an diesem Tag verkürzt.

Mein Stundenplan heute

Englisch

Mrs Ramel. Die Jungen kichern ständig über ihren Namen, obwohl sie uralt ist – mindestens dreißig – und außerdem wird der Name Raamel ausgesprochen.

Mathe

Mr Bolton. Er hat einen dünnen Schnauzbart und trägt jeden Tag denselben roten Pullover. Das darf man ihm aber nicht sagen. Er ist fies und lässt einen nur zum Spaß durchfallen. Zum Spaß für ihn.

Geschichte (Schlafstunde)

Mr Timber. Er ist so begeistert von seinem Fach, dass er seine antiken Geschichten auch vor einem leeren Klassenzimmer erzählen würde.

Sport und Sexualkunde (die letzte Stunde)

Miss Cook mit der Trillerpfeife. Wetten, dass sie die auch außerhalb der Schule benutzt? Es gibt kaum etwas, was ich so hasse wie Sport. Nein, falsch! Es gibt nichts, was ich so hasse wie Sport. Aber leider ist Sport ein Pflichtfach, das ich nicht abwählen kann.

Biff und ich waren in drei Kursen zusammen, aber weil sie so klug ist, muss sie in der letzten Stunde nicht in Sport schwitzen, sondern nimmt am Biounterricht der elften Klasse teil. Wir hatten uns nach Schulschluss verabredet.

Nachdem uns Miss Cook die positiven Eigenschaften des Turnens (langweilig) und die Bedeutung des Sexualkundeunterrichts (mäßig interessant) erläutert hatte, suchte ich mein Schließfach, stopfte meine Bücher hinein und rannte zum Ausgang.

Dort wartete Biff bereits auf mich. Ich drückte mich an den Chicas vorbei, die die Treppe blockierten, um sich gegenseitig ihre gebräunten Unterarme zu zeigen, als ich wie angewurzelt stehen blieb. Zwischen Ashlee und Co. stand Hugo! Er lachte. Ein herzhaftes, dröhnendes Lachen. Ich kam mir vor, als würde ich gegen eine Wand rennen. Es verschlug mir den Atem. Mein Bruder war ein ÜN!

Es heißt, die Familie erfährt es immer als Letztes. Man hockt so eng aufeinander, dass man die entscheidenden Dinge nicht mitbekommt, oder man will einfach nicht wahrhaben, was vor den eigenen Augen abläuft – den ganzen Sommer lang die ständigen Anrufe von Mädchen, das Lächeln der Kassiererinnen im Supermarkt, die Freunde, die ihn mit Autos abholten.

Ich packte Biff am Arm. »Hugo ist ein ÜN!«

»Hochinteressant.« Biff kritzelte eifrig in ihren Block.

»Ich hatte keine Ahnung.«

»Es heißt, die Familie erfährt es immer als Letztes«, sagte Biff.

(Habe ich es nicht gesagt? Beste Freundinnen.)

»Aber müsste ich dann nicht automatisch auch ein ÜN sein?«, fragte ich. »Er ist mein Bruder.«

»Ich glaube nicht, dass diese Stellung vererbbar ist«, erwiderte Biff. »Wahrscheinlich wirst du das nur aufgrund eigener Verdienste.«

»Und wie bitteschön hat sich Hugo diese Stellung verdient?«

»Seine Klassenzugehörigkeit ist nicht so abwegig, wie du denkst«, säuselte Biff. »Er spielt in der Hockeymannschaft der Schule und …« Sie betrachtete ihn über ihre Brillenränder hinweg, »über den Sommer ist er, hm, echt heiß geworden!«

»Heiß?« I pfui. »Biff! Das ist ekelig. Wie kannst du so etwas sagen?«

Biff steckte ihren Block und ihren Stift in den Schulrucksack. »Und das Beste daran ist, ich kann Hugo durch deine Person studieren. Die Nahaufnahme eines ÜN in Interaktion mit einem N.«

Mir war diese Vorstellung nicht ganz geheuer.

»Also«, fuhr Biff fort, »hast du die Liste?«

»Hä?« Ich dachte noch über Biffs Worte nach. Sie ist ein Einzelkind, kann also nicht wissen, wie das Zusammenleben mit Geschwistern ist. Wir streiten uns, werfen uns Beleidigungen an den Kopf, versauen einander das Leben, aber eins tun wir ganz bestimmt nicht – interagieren.

»Die Liste mit den Schulsachen?«, sagte Biff.

»Äh, ja, natürlich«, erwiderte ich.

»Also, dann los!«

»Ich muss erst noch Mom anrufen und ihr Bescheid sagen, dass ich einkaufen gehe. Kannst du mir eben dein Handy leihen?«

Ich finde es total peinlich, dass ich mir immer Biffs Handy borgen muss. Alle haben ein Handy – nur ich nicht. Mom ist dagegen.

Moms Begründung

Handys verursachen Hirnschäden, weil die ganzen radioaktiven Wellen direkt vom Ohr ins Gehirn gehen.

Biff reichte mir ihr Handy.

»Blöderweise ist mein Akku leer«, sagte ich laut und wählte Moms Nummer bei der Arbeit. Die Leute sollten nicht wissen, dass ich kein Handy besaß.

Biff verdrehte ihre Augen. »Hat Hugo ein Handy?«

»Nein«, sagte ich. »Aber einen Hirnschaden. Deshalb denken alle, er hätte auch ein Handy.«

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