1

So ruhig sollte es in keiner Schule sein. Ich schlüpfe die Treppe hinunter, Hex folgt mir wie ein Schatten, passt sich meinen betont vorsichtigen Schritten an. Bei plötzlichen Bewegungen oder Geräuschen schalten sich nämlich die Kameras ein. Ich atme möglichst lautlos, aber ich fürchte, dass mein wild hämmerndes Herz gleich die Videoüberwachung auslösen wird. Nichts passiert.

Wir kommen an den Räumen für die Schüler des Abschlussjahrgangs vorbei. Grabesstille schlägt uns entgegen, über jeder Tür brennt eine rote Lampe als Zeichen, dass die jeweilige Kabine belegt ist. Verunsichert drehe ich mich zu Hex um, er wirkt besorgt. Kann doch nicht sein, dass wir den einzigen Tag im Jahr erwischt haben, an dem alle Schüler da sind! Zum Glück finden wir dann noch einen leeren Raum. Hex verzieht das Gesicht, weil es ausgerechnet Jezzamines ist. Wenn sie den Hack bis hierhin zurückverfolgen, wird es mächtig Ärger geben. Aber Hex hält Wort, macht sich am Schloss zu schaffen und ist im Nullkommanichts drin, hängt sich in den Plugin-Point und ist auch schon ein geloggt.

Nun liegt es an mir. Komm schon, Luna, du schaffst das! In Zeitlupe arbeite ich mich bis zum nächsten Gang vor. An der Tür bleibe ich stehen und warte. Durch das Fenster sehe ich das grüne Kameralämpchen. Die Sicherheitsvorkehrungen sind hier strenger, die Kameras filmen rund um die Uhr. Also brauche ich gar nicht weiterzugehen, wenn Hex nicht …

Und da verabschiedet sich das grüne Licht.

Ich grinse und denke in letzter Sekunde noch daran, bei den Sensoren im Flur ja keine abrupten Bewegungen zu machen. Aber kaum schlägt die Tür hinter mir zu, rase ich quer durchs Zimmer zur nächsten Tür, die im selben Moment auch schon aufspringt. Hex, du bist genial!

Da fällt mir ein, dass Hex sich nicht sicher war, wie lange er die Tür offen halten kann. Ich sehe mich in dem Büro nach irgendetwas um, das ich dazwischenklemmen könnte, und entscheide mich schließlich für meinen Schuh. Dann trete ich ein.

Nun bin ich im Herzen des Bösen.

Sieht eigentlich wie jeder andere Plugin-Point aus, nur dass an diesem PIP Beatrice Annabel Goodwin angeschlossen ist – Schuldirektorin und Schülerquälerin. Ihre sonst so verächtliche Miene ist ausdruckslos, ihr Körper befindet sich vor mir auf dem PIP-Sofa, während der Rest auf der virtuellen Versammlung ist. Hex und ich haben den einen Moment in der Woche gewählt, in dem alle regulären Schüler und Lehrer dort sind und außerstande, sich auszuloggen.

Der Direktorin so nahe zu sein, macht mich nervös. Ich wedele vor ihrem Gesicht herum, keine Reaktion. Hab dich nicht so, Luna. Du verlierst nur Zeit.

Ich ziehe mir die Handschuhe über, hole die Farben aus dem Rucksack und mache mich an die Arbeit.

Sobald ich fertig bin, verdrücke ich mich. Das Kameralämpchen ist nach wie vor aus. Ich bücke mich nach meinem Schuh, und nachdem ich ihn aus der Tür gezogen habe, fällt sie schnappend ins Schloss. Einen Moment lang stehe ich unschlüssig mit dem Schuh in der Hand da. Das Paar, das ich heute trage, ist lila, und ich habe es eigenhändig mit Schmetterlingen bemalt. Das gibt es nur einmal.

Ich verstecke den Schuh hinter einer Pflanze im Vorzimmer. Diesmal gibt es kein Entkommen.

Rachel hebt eine Augenbraue, als ich mich auf meinen Platz neben sie setze. »Wo warst du?«

»Nirgends.« Doch ich kann mir das Grinsen nicht verkneifen. Anderson, unser Aufpasser, hängt noch immer schlafend über dem Pult und in unserer Verweigerer-Klasse herrscht das übliche Chaos.

Rachel schüttelt den Kopf. »Den Blick kenne ich, das gibt Ärger. Und nirgends bedeutet, dort, wo du nichts zu suchen hast. Wo ist überhaupt dein Schuh?«

Ich schaue an mir herunter: links ein lila Schmetterlingsschuh, rechts barfuß. »Der ist mir irgendwie abhandengekommen.«

Gute Idee oder ganz schlecht? Das wird sich zeigen, aber mir schnürt sich vor Aufregung der Magen zu. Vielleicht habe ich doch zu vorschnell gehandelt.

Wie verabredet erscheint Hex ein paar Minuten nach mir im Klassenraum und setzt sich nach hinten. Ich drehe mich zu ihm um, was ich eigentlich nicht sollte. Hex ist vollkommen cool – er hat ja auch keinen Schuh zurückgelassen.

»Du hast nicht zufällig noch Ersatzschuhe dabei?«, frage ich Rachel leise.

»Nein. Und selbst wenn …« Sie zuckt die Achseln, braucht den Satz aber nicht zu Ende zu bringen. Rachel ist eine RG: eine Verweigerin aus religiösen Gründen. Ihre Kirche lehnt Technik und Mode ab. Ihre klobigen schwarzen Schuhe würden bei mir total auffallen. »Was ist denn mit deinen Sportschuhen?«

Ob ich es noch schnell zum Spind schaffe, bevor …

Die Tür geht auf. Nein. Schaffe ich nicht.

Mrs Goodwin erscheint, aber nicht so, wie wir sie kennen. Ihrem gelassenen Ausdruck nach zu urteilen, hat sie keine Ahnung. So gelassen, wie man mit kunstvoller Schminke im Gesicht eben aussehen kann. Sie hat ein Clownsgesicht, und zwar ein richtig gruseliges. Der gigantische Grinsemund und die knallrote Nase heben sich stark gegen die kalkweißen Wangen ab, doch das Beste sind die Schlangen, die sich wie bei einer verrückten Medusa aus ihren Haaren winden. Irgendwie verleihen sie ihrem Gesicht etwas Teuflisches. Genial. Endlich passen Äußeres und Inneres bei ihr mal zusammen.

Als Rachel aufschaut, schnappt sie nach Luft, und ich spüre Hex’ bohrenden Blick im Nacken. Abgemacht war eigentlich nur, dass ich in Goodwins Büro ein paar Sprüche über die Schule an die Wand sprühen sollte. Aber mit Bodypainting-Farbe, die erst nach wochenlangem Schrubben abgeht, lässt sich viel anschaulicher argumentieren!

Ohne mich oberhalb des Tisches zu bewegen, streife ich den verbliebenen Schuh ab und verberge die Füße unter meinem Rucksack.

Goodwin wendet sich dem Lehrerpult zu und schlägt kräftig darauf. Anderson schreckt aus dem Schlaf, beginnt, sich zu entschuldigen, und sieht dann zu ihr hoch. Er verstummt augenblicklich.

»Was ist denn?«, keift sie, doch er glotzt nur und klappt den Mund auf und zu wie ein Fisch. Als er nicht sofort antwortet, wendet sich Goodwin kopfschüttelnd ab.

Anderson ist total verdutzt, wahrscheinlich wähnt er sich noch in einem schlafpulverschweren Traum. Nicht dass er von dem Schlafpulver in seinem Tee wusste. Obwohl Anderson vormittags, nachdem er uns unsere Aufgaben gegeben hat, eigentlich so gut wie immer schläft, wollte ich heute kein Risiko eingehen.

Goodwin sieht uns an. Unter der Clownsschminke kommt die vertraute Verachtung zum Vorschein, die sie mit einem Hauch Gönnerhaftigkeit übertüncht.

»Guten Morgen. Da ihr schon wieder die Versammlung verpasst habt und wir nicht möchten, dass euch noch mehr Wichtiges entgeht, bin ich höchstpersönlich hier. Auch wenn ich noch so beschäftigt bin, liegt mir der Lernerfolg jedes einzelnen Schülers am Herzen.«

Und während sie lang und breit von den Neuerungen an der Schule und den jüngsten Upgrades spricht, sehe ich mich verstohlen zu meinen Mitschülern um. Auf unsere Highschool gehen über 600 Schüler und unsere Verweigerer-Klasse ist auf etwa zwanzig geschrumpft, darunter sind alle Jahrgänge vertreten. Den Rest hat man im Lauf der Zeit so unter Druck gesetzt, dass sie dem virtuellen Unterricht schließlich zugestimmt haben. Es gibt ein paar Ausnahmen, die wie Hex unfreiwillig hier sind, weil sie virtuellen Mist gebaut haben und deshalb für kurze Zeit ausgeschlossen wurden. Bei Hex ging es um FSK-18-Spiele, die er gehackt hatte, sodass sich die gesamte Schule in virtuellen Welten herumtrieb, die von Eltern und Lehrern definitiv nicht abgesegnet worden waren. Die meisten anderen Schüler sind RGs wie Rachel und nach dem ersten Schock haben sie sich wieder gefasst und sehen den bösen Clown mit gewohntem Gleichmut an.

Ein Risiko geht eigentlich nur von den sechs MGs aus, die verstreut in der Klasse sitzen. Die Verweigerer aus medizinischen Gründen sind unberechenbar. Die meisten von ihnen starren Goodwin mit ängstlich aufgerissenen Augen an, doch die jüngeren tuscheln und können sich das Lachen kaum verbeißen.

»Ruhe!«, brüllt die Direktorin und sofort wird es mucksmäuschenstill. »Ich erwarte eure ungeteilte Aufmerksamkeit.« Sie geht durch die Reihen und sieht jedem Schüler ins Gesicht. An meinem Tisch bleibt sie stehen.

»Na, Luna, du wirkst ja so zufrieden heute«, sagt sie und zieht eine Braue hoch. Dadurch teilt sich eine der gemalten Schlangen auf ihrer Stirn.

Goodwin hasst alle Verweigerer, aber mich besonders, weil ich ihrer Meinung nach keine Entschuldigung habe. Mich hindern weder Religion noch Gesundheit daran, am virtuellen Unterricht teilzunehmen. Dabei verbürgen sich die Neuen Vereinten Nationen in ihrer Kinderrechtskonvention dafür, dass es jedem Schüler freisteht, Lernimplantate abzulehnen. Schüler können auf altmodischem, nicht-virtuellem Unterricht bestehen. Selbst Goodwin kann sich nicht über die Anweisungen der NUN hinwegsetzen, aber sie hält den Standard so niedrig wie möglich und lässt keine Gelegenheit aus, uns zu schikanieren. Auf mich hat sie es speziell abgesehen, weil sie meint, ich wolle sie mit meiner Verweigerung bloß ärgern und Zeit und Mittel verschwenden.

Wäre auch ein guter Grund. Stimmt nur nicht.

Vor so vielen Zeugen kann sie schlecht auf mich losgehen, trotzdem halte ich lieber den Mund und sehe sie ruhig an. Ich versuche, weder besonders glücklich noch besonders wütend dreinzuschauen, um sie ja nicht zu provozieren.

Schließlich löst sie den Blick von mir und schaut sich im Klassenzimmer um. »Gemäß NUNO 92 bin ich verpflichtet, euch darauf hinzuweisen, dass ihr mit eurer Weigerung, an PareCos virtuellem Lernen teilzunehmen, nicht automatisch von PareCos Prüfungen ausgeschlossen seid.« Goodwin stößt die Worte hinter zusammengebissenen Zähnen hervor, als würden sie ihr körperliche Schmerzen bereiten. »Alle Schüler des Abschlussjahrgangs wurden von der Schule gemeldet, diejenigen, die einen Prüfungstermin bekommen haben, werden morgen früh über den Schul-Newsfeed informiert.«

Die beiden Jungs vorne kichern schon wieder hinter vorgehaltener Hand.

Goodwin fährt herum und stützt sich demonstrativ auf ihren Tisch. »Was. Denn. Nun. Schon. Wieder?«, fragt sie mit lauter Stimme.

Als sich der eine Hilfe suchend umsieht, schlägt sie mit der Hand auf die Tischplatte. »Du! Antworte gefälligst!«

Der Junge schluckt. »Sie … Sie haben da was im G-G-G-Gesicht.«

»Was?« Die Direktorin tritt einen Schritt zurück und wischt sich vermeintliche Krümel aus dem Gesicht. Da erhebt sich Mr Anderson. Offenbar hat ihn der Junge davon überzeugt, dass er nicht unter Wahnvorstellungen leidet. Er holt aus einem Schrank mit Versuchsgegenständen einen Spiegel und hält ihn der Direktorin hin.

Erst macht es den Anschein, als wollte sie nicht hineinsehen und den Spiegel entweder zurückgeben oder gleich auf den Boden schmettern. Aber dann siegt die Neugier und sie riskiert einen Blick. Im Klassenzimmer ist es so still, dass ich heute schon zum zweiten Mal mein Herz klopfen höre.

Wortlos legt Goodwin den Spiegel aufs Pult und verlässt den Raum.

Als die Tür ins Schloss fällt, atmen alle gemeinsam auf. Kurz darauf läutet es zum Mittagessen, so schnell schafft Goodwin es nicht zurück ins Büro. Alle werden in die Flure strömen und sie sehen.

Anderson wendet sich an die Klasse. Zwinkert er uns etwa zu? »Ich nehme mal an, dass keiner von euch was darüber weiß?« Stille. »Nein? Wenn doch, dann bekommt ihr noch früh genug was zu hören. Nun, ab mit euch in die Pause.«

Die Turnschuhe passen nicht so ganz zu dem lila Kleid, das ich nach meinem Geschmack abgewandelt habe, aber als Verweigerer kann man tragen, was man will. Wenigstens ein Vorteil. Trotzdem liegt man ständig daneben. Im Speisesaal des zwölften Jahrgangs wimmelt es nur so von siebzehnjährigen Mädchen in Jeans und roten Oberteilen. Obwohl es im Prüfungsjahr keine Kleidervorschriften gibt, ziehen sich alle dauernd gleich an; außer den Hackern, die machen ihr eigenes Ding. Mir war das immer schleierhaft, bis Hex mir mal verraten hat, dass die sich vor der Schule über Realtime absprechen.

Traditionsgemäß haben wir Verweigerer unsere eigene Ecke im Speisesaal, und selbst wenn es noch so voll ist, verirrt sich nie eine Jeans-und-rotes-Oberteil-Trägerin zu uns. Hex erscheint verspätet, und statt sich gleich zu seinen Hackerfreunden zu gesellen, bleibt er bei Rachel und mir stehen. Er hebt die Braue seines linken Auges, das von einem Tattoo umrankt wird. Ist da noch ein schwarzer Schnörkel hinzugekommen? Das ging ja schnell. »Und, bist du gut in Kunst?«, fragt er.

Rachel steht vom Tisch auf. »Ich höre mir das lieber nicht an.« Sie geht sich ein Glas Wasser holen, mir egal.

»Du hättest es mir sagen sollen«, schimpft er.

»Bist du sauer?«

»Nein.« Er grinst. »Dafür, dass es nicht mal virtuell war, fand ich’s super.«

Ich lächle zurück. Genau darüber hatten wir nämlich diskutiert. Hex verbringt fast sein gesamtes Leben eingeloggt, sodass er sich nicht vorstellen konnte, wie wirkungsvoll es sein kann, in der realen Welt Hand anzulegen. Deshalb war er davon überzeugt, sich nur auf virtuellem Weg für seinen Ausschluss rächen zu können.

»Aber sie wird alles daransetzen, einen Schuldigen zu finden«, sagt er.

»Hast du deine Spuren verwischt?«

»Oh ja. Sie kann mir rein gar nichts nachweisen. Trotzdem wird sie wahrscheinlich auf mich tippen. Irgendjemand muss ja die Kameras und den Schließmechanismus der Tür gehackt haben. Dafür kommen nicht viele infrage.«

»Sind wir mal wieder bescheiden? Und wenn sie nun das neue Mal an deinem Auge sieht?«

»Mist. Das hast du gemerkt? Ich dachte, es fällt nicht auf.« Aber er grinst, denn er ist sichtlich stolz auf das neue Hacker-Mal. Als Hacker kann man ja schlecht mit Dingen angeben, die verboten sind. »Jedenfalls wird sie wissen, dass mehr als eine Person beteiligt war. Hast du denn deine Spuren verwischt?«

Auf einmal bekomme ich ganz fürchterliche Schuldgefühle – in etwa schuhgroß. »Wenn sie einen von uns schnappen, hält der andere dicht, so war es abgemacht. Von mir erfährt keiner was. Jetzt hau lieber ab, bevor jemand sieht, dass du dich unters gemeine Volk mischst.«

Rachel kehrt auf ihren Platz zurück. Um mich herum gibt es nur ein Gesprächsthema: Goodwin. Der gesamte Jahrgang hat ihr Gesicht gesehen. Nervös schiebe ich das Essen auf meinem Teller hin und her, kriege keinen Bissen herunter. Ob mein Plan aufgeht?

Das Mittagessen ist fast vorbei, als es endlich passiert. Rachel stupst mich an. Ich schaue auf, alle starren in Richtung der Tür. Die Gespräche verstummen.

Robson, der Chef vom Wachdienst, marschiert quer durch den Saal und bleibt hinter mir stehen. Mit seiner fleischigen Pranke packt er mich bei der Schulter und zerrt mich vom Stuhl.

2

Als ich ins Büro der Direktorin geführt werde, liegen meine lila Schuhe beide auf ihrem Schreibtisch. Goodwin sitzt dahinter auf einem Stuhl, ihr Gesicht ist von einem Schal verhüllt.

»Lassen Sie uns allein!«, fährt sie Robson an.

Keine Zeugen, gar nicht gut.

Sie hält meinen rechten Schuh hoch. »Beweisstück Nr. 1. Gefunden am Tatort.« Dann hält sie den linken Schuh hoch. »Beweisstück Nr. 2. Gefunden in deinem Spind.«

Ich sage nichts, schaue sie nur an.

Goodwin reißt sich den Schal vom Kopf. Offenbar hat sie versucht, sich die Schminke abzuwaschen, aber sie ist noch deutlich zu sehen. »Gestehst du gleich oder möchtest du wie Aschenputtel die Schuhe anprobieren?« Dabei bleibt sie unheimlich ruhig.

»Das sind meine Schuhe.« Ich kann es nicht ausstehen, wenn meine Stimme zittert.

Sie deutet mit dem Kopf auf den Stuhl vor ihrem Schreibtisch. »Setz dich, Luna.« Ich hocke mich auf die äußerste Kante. »Du hältst dich wohl für ausgesprochen klug. Was du ja auch bist – und genau da liegt das Problem … und das Rätsel.«

»Ich verstehe nicht, was …«

»Schweig.« Goodwin durchbohrt mich mit ihrem Blick. »Ich habe mir deine Unterlagen angesehen. In der Grundschule hattest du in allen Fächern Einsen. Seit du auf der weiterführenden Schule bist und dich dem virtuellen Lernen verweigerst, bist du durch die Bank mittelmäßig. Mitunter hast du mal eine gute Note in Mathe, als könntest du’s nicht lassen, doch dann folgt gleich darauf eine Fünf, um den Schnitt sorgsam wieder nach unten zu korrigieren.«

»Nein, ich gebe in allen Fächern immer mein Bestes.« Die Lüge schwebt so deutlich im Raum wie Rauchbuchstaben am wolkenlosen Himmel.

Goodwin lächelt hämisch. »Dir brauche ich sicher nicht noch extra die wichtigsten NUN-Richtlinien zu erklären, die erlassen wurden, nachdem menschliche Dummheit und der Dritte Weltkrieg unseren Planeten fast vernichtet haben. Aber bist du auch mit dem dualen Testverfahren von PareCo vertraut?« Da es keinen Zweck hat, etwas zu leugnen, was alle Welt weiß, nicke ich.

»Lass hören.«

»Es gibt zwei Tests. Beim ersten geht es um den Intelligenzquotienten. Und beim zweiten um den Rationalitätsquotienten.«

»Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Ich erzähle dir jetzt mal was, was ihr in der Schule nicht lernt, und clever, wie du bist, hast du das bestimmt schon längst selbst herausgefunden. Daher rühren sicher auch deine sehr durchschnittlichen Leistungen in der Schule.«

»Ich weiß nicht, was Sie meinen.«

»Dann sperr die Ohren auf. Offiziell geht es bei den IQ- und RQ-Tests darum, die besten Kandidaten für die Universitäten und PareCo-Stellen zu finden. Solche, die nicht nur brillant, sondern auch rational sind. Inoffiziell will man aber auch die gefährlichen Individuen herausfiltern. Auf die klugen, die zugleich irrational sind, müssen wir achtgeben. Wir dürfen ihnen keine Verantwortung übertragen. Zum Schutz aller. Nie wieder dürfen die Intelligenten, aber Irrationalen die Kontrolle über irgend etwas erhalten. Nicht einmal über ihr eigenes Leben. Darum haben die Neuen Vereinten Nationen Eingriffsbefugnisse, die weit über die Rechte der damaligen UN hinausgehen. Weil die Klugdummen, wie ich sie gerne nenne, eine Gefahr für sich selbst und die Gesellschaft darstellen – ein Problem, das du von deiner Mutter ja kennen solltest.«

Darauf reagiere ich erst gar nicht. Früher hat mich Goodwin mit solchen Sprüchen zum Weinen gebracht. Doch die Zeiten sind vorbei. Ich reiße mich zusammen und lasse mir den Schmerz nicht anmerken, auch wenn sie mich sicher durchschaut.

Mit einem Lächeln nimmt sie meinen rechten Schuh in die Hand. »Und dann kommen wir zu dem originell verzierten Gegenstand, der ganz zufällig in meinem Vorzimmer zurückgelassen wurde. Hinter einer Pflanze, wo er zwar nicht sofort gefunden wurde, aber bei näherer Inspektion leicht zu entdecken war. Mitsamt deinen Fingerabdrücken. Warum?«

»Ist mir aus der Hand gefallen. Das ist alles!«

Goodwin schüttelt den Kopf. »Gib dir keine Mühe, Luna. Mein erster Gedanke war: Wie dumm von ihr. Dann habe ich gedacht, wie irrational. Oder etwa nicht? Was würde es dir bringen, gewaltsam in mein Büro einzudringen, mich anzumalen und dann einen eindeutigen Beweis zurückzulassen? Und ich bin zu der Schlussfolgerung gelangt, dass du erwischt werden wolltest. Nur warum?« Sie hält inne, als warte sie auf eine Erklärung, aber ich bin viel zu überrascht, dass sie mir auf die Schliche gekommen ist, als dass ich etwas sagen könnte.

»Die Antwort ist offensichtlich. Bloß bekommst du nicht, was du willst. Dein ausgefeilter Plan ist schiefgegangen. Du wirst nicht von der Schule verwiesen.«

»Was

»Du hast ganz richtig gehört. Doch das heißt nicht, dass du der Strafe entgehst, oh nein. Sobald es nächste Woche mit den Prüfungen losgeht, suchen wir schöne, interessante Aufgaben für dich, mit denen du dann das restliche Schuljahr verbringen wirst. Ich habe mich noch nicht genau entschieden, aber es wird sehr … interessant werden. Sag mir, wer dir geholfen hat, und ich erlasse dir einen Teil der Strafe.«

»Ich war allein.«

»Ach ja? Du willst dich also ins Sicherheitssystem der Schule gehackt haben? Und zur gleichen Zeit bist du bei mir ins Büro eingebrochen?« Die Direktorin schüttelt den Kopf. »So clever bist nicht mal du. Jetzt geh zurück in den Unterricht.«

Robson geleitet mich zum Klassenraum. Als ich eintrete, sehen mich alle entgeistert an. Offenbar hat niemand mehr damit gerechnet, mich je wiederzusehen. Ich setze mich und Rachel drückt meinen Arm.

Ich bin eine kleine Berühmtheit. Obwohl ich es weder bestätige noch abstreite, scheinen die anderen zur Abwechslung richtig kombiniert und Goodwins Clownsgesicht mit dem Zwischenfall im Speisesaal in Verbindung gebracht zu haben. Schüler, die mich nie eines Blickes gewürdigt haben, applaudieren spontan, als ich neben ihnen die Treppe hinunterlaufe.

Auch wenn ich mir auf Goodwins Worte so gar keinen Reim machen kann, mir vor nächster Woche graut und ich mich total ärgere, dass ich nicht geflogen bin, um wenigstens noch die letzten sinnlosen Monate vor den Stellenvergaben fernab der Schule zu verbringen: Es ist eigentlich ganz lustig.

Bis ich nach Hause komme.

3

Meine Stiefmutter Sally wartet schon an der Tür auf mich.

»Bea meint, du hast es darauf angelegt, von der Schule zu fliegen. Spinnst du?«

Es ist ein Riesennachteil, wenn die Stiefmutter das gleiche virtuelle Fitnesscenter besucht wie die Direktorin. Ich gehe in die Küche, um etwas zu trinken. Sally folgt mir.

»Was hast du dir bloß dabei gedacht?«, will sie wissen. »Ich hätte nicht übel Lust, deinen Vater zu holen, dann …«

Ich funkele sie herausfordernd an. Alles nur leere Drohungen. »Mach doch. Ich habe ihn schon seit Wochen nicht mehr gesehen.«

Aus der Ecke ertönt ein Kichern und ich wende mich von Sally ab und gehe zu meiner Nanna. Sanft lege ich ihr den Arm um die Schultern. Daraufhin summt sie wieder leise und wiegt sich vor und zurück.

Meine Stiefmutter lässt sich uns gegenüber auf einen Stuhl fallen. »Ich verstehe dich nicht, Luna. Warum willst du denn von der Schule fliegen?«

Sie wirkt aufrichtig besorgt und ich habe sofort ein schlechtes Gewissen.

»Tut mir leid, Sally. Ich will dir keinen Stress machen. Aber was soll die Schule noch bringen? Bei meinen Noten bekomme ich keinen Testtermin. Den Rest des Schuljahres müssen wir Loser nur noch rumbringen, bis man uns einen miesen Job zuteilt.«

»Wenn sie dich rausgeworfen hätte, wäre das für immer in deiner Akte, Luna. Unsere Familie hat schon genug Probleme, da musst du nicht noch weitere schaffen.«

Ich erstarre. Kaum denke ich, dass Sally vielleicht doch menschliche Gefühle in sich hat, läuft es letztlich nur darauf hinaus: Sie schämt sich dafür, dass sie mit uns verwandt ist und dass ihr Sohn für immer mit diesem Makel leben muss. Mit dem Makel einer Verweigerer-Halbschwester und einer irren Großmutter, die im Reich der Feen lebt. Und dann gibt es da noch meine berühmtberüchtigte Mutter.

Sally erhebt sich. »Ganz egal, warum du das gemacht hast, du hast Hausarrest. Für immer.«

»Das trifft mich natürlich hart, wo ich doch sonst so ein Wahnsinnssozialleben habe. Was hast du denn noch so auf Lager? Verbietest du mir, mich einzuloggen?«

Daraufhin stampft sie davon. Nanna streckt ihr die Zunge raus und ich muss mir das Lachen verkneifen.

Beim Abendessen ist Dad mal wieder nicht anwesend und Sally straft mich mit eisigem Schweigen, aber Jason merkt von alldem nichts. Wie eine dermaßen spaßbefreite Frau einen so süßen Jungen auf die Welt bringen konnte, bleibt mir ein Rätsel.

Jason plaudert über die virtuelle Harry-Potter-Welt. Als er vor ein paar Monaten zehn geworden ist, bekam er endlich Zugang zu weiteren Leveln. Und er hatte sich ja schon sooo gefreut, Luna zu treffen. Meine Namensschwester. Er versteht nicht, warum ich mich nicht einlogge und mit ihm spiele.

»Könntest du nicht, nur dieses eine Mal …«, sagt Sally und bricht schließlich das Schweigen.

»Nein, kann ich nicht. Darum geht es doch beim Verweigern, falls du das noch nicht mitbekommen hast.«

»Aber es macht so einen Spaß, Luna«, sagt Jason und erzählt mir für den Rest des Abendessens alles über Quidditch, bis er schließlich aufspringt, um weiterzuspielen.

Bevor ich ins Bett gehe, schaue ich noch in Dads Büro vorbei. Kontrolliere seine Vitalfunktionen. Er ist blass, viel zu blass. Wie lange hat er sich schon nicht mehr ausgeloggt? Auf dem Bildschirm sehe ich, dass es Wochen her ist. Soll ich einen Notfall-Logout riskieren? Nur womit sollte ich mich herausreden? Wenn ich ihn gewaltsam aus einem Spiel zerre, durch das er gerade Neulinge führt, hätte er eine Stinklaune. Diese Abendstunden sind die beste Zeit für zahlende Kunden.

Ich werfe ihm eine Kusshand zu und lösche das Licht.

In der Nacht habe ich wieder den gleichen Albtraum, aber nur weil ich das weiß, hört es nicht auf. Ich bin ihm ausgeliefert.

Ich liege ganz still. Mir ist wohlig warm. Ich möchte schlafen, wegdriften, mich einloggen und von allem anderen lösen. Endlich Teil des Spiels werden.

Klick. Vor mir schillert die virtuelle Welt, meine Augen stellen sich auf die verschwommenen Konturen ein. Aber ich bin nicht drin, jedenfalls nicht ganz, denn ich nehme den Bildschirm und das Zimmer ringsum noch wahr. Doch der virtuelle Korridor lockt. Mir dreht sich der Magen um, und ich gebe alles, um die Wirklichkeit auszublenden. Es ist schrecklich.

Ich betrete den Korridor. Gehe ein, zwei Schritte. Und blöderweise keimt Hoffnung in mir auf. Diesmal wird alles anders. Diesmal gehöre ich dazu. Stimmen und Gelächter dringen verheißungsvoll durch die Türen und ich stoße eine auf.

Dann flimmert der Boden unter mir und verschwindet.

Hektisch greife ich um mich, aber alles löst sich in Rauch auf und ich falle. Stürze immer schneller. Schreie dringen an mein Ohr, während die virtuelle Welt zusammenbricht und zerfällt. Ich weiß, dass ich weiter fallen werde, schneller und schneller, bis es Adern, Haut und Organe zerfetzt, bis ich kein Mensch mehr bin, sondern nur noch ein verschwommener Fleck.

Doch dann greift eine Hand nach mir.

Packt mich fest am Arm wie eine Schraubzwinge. Dabei wird mir fast der Arm ausgerissen, aber nur fast, und ich stoppe, als würde ich gegen eine Mauer prallen. Vom freien Fall zum Stillstand, in einem Augenblick.

Der Schmerz ist so heftig, dass ich aufwache.

Doch kein Traum, jedenfalls nicht der Teil, wo sich schmerzhaft Finger in meine beiden Unterarme graben.

Fahles Morgenlicht fällt durchs Fenster auf ein Paar wild umherblickender Augen. Dunkle Büschel verfilzter Haare mit grauen Strähnen umrahmen ein ausgemergeltes Gesicht.

»Du bist in Gefahr, Luna«, zischt es leise. »Versteck dich. Du musst leben. Von dir hängt so viel ab.«

Vom Fall und dem plötzlichen Ende des Traums klopft mein Herz wie verrückt. Ich atme tief durch, um mich zu beruhigen, damit ich sie beruhigen kann.

Ich löse ihre Finger vorsichtig, einen nach dem anderen, bis sie den Griff lockert, dann halte ich ihre Hände. »Ist ja gut, Nanna. Mach dir keine Sorgen.«

»Du darfst nicht auffallen, sonst ist alles verloren.« Ihre Augen blicken mich wach und eindringlich an. So präsent ist sie selten, und obwohl ich weiß, dass sie nicht mehr wirklich sie selbst ist und kaum begreift, was sie sagt, hoffe ich trotzdem. Hoffe, dass sie eines Tages zu mir zurückkommen und wieder der Mensch sein wird, der sich verrückte Abenteuergeschichten für mich ausgedacht und mich die Schönheit der Zahlen gelehrt hat – mit dem jeder Tag einfach wundervoll war. Nanna hat mir eingeschärft, dass ich mein Geheimnis für mich behalten und es wie meinen Augapfel hüten muss.

Nanna zittert, ich richte mich auf und drücke sie an mich, lege den Arm um sie. Auf einmal wirkt sie so schmal und zerbrechlich. Woher hat sie bloß die Kraft genommen, so fest zuzupacken, dass ich ihren Griff immer noch spüre? Bestimmt haben ihre Hände Male auf meinen Armen hinterlassen, dann haben die Idioten in der Schule wenigstens wieder etwas zu lachen.

»Hast du gestern Abend deine Tabletten genommen?«, frage ich, aber sie ist schon wieder weg. In ihrer eigenen Welt. Dann summt sie, lächelt und schaukelt sanft zu einer Musik, die nur sie hört.

»Komm, Nanna.« Ich helfe ihr auf und führe sie zurück in ihr Zimmer. Dort lege ich sie ins Bett und decke sie zu. Kurz darauf schließt sie die Augen, ihr Atem geht gleichmäßig und ich schleiche hinaus. In der Tür bleibe ich zögerlich stehen.

Der Arzt sagt, wir sollen sie nachts einschließen. Und dass wir ihm Bescheid geben sollen, wenn es zu weiteren »Episoden« kommt. Damit er ihre Medikamentendosis erhöhen kann.

Von den Medikamenten driftet sie immer häufiger summend in ihre eigene Welt, aus der sie kaum noch auftaucht.

Der Arzt kann mich mal.

4

In Jeans und langärmeligem Pulli, der die blauen Flecke an meinen Armen verdeckt, komme ich mir heute total auffällig vor. Die anderen Mädchen tragen schwarze Röcke und dazu Strumpfhosen und Oberteile mit wilden Tiermustern. Die Jungen sind als Jäger erschienen, mit Pfeil und Bogen. Welche Intelligenzbestie hat sich denn dieses Freitagsthema auf Realtime ausgedacht?

Nur irgendetwas stimmt nicht. Vom Applaus gestern keine Spur mehr, ich werde von meinen Mitschülern mit feindseligen Blicken bedacht. Schnell eile ich an ihnen vorbei, die Treppen hinauf.

»Hey, Loony. Warte mal«, ruft mir jemand hinterher. Ich gehe einfach weiter.

»Luna?« Die Stimme kommt mir bekannt vor. Melrose. Früher sind wir befreundet gewesen, doch das ist lange her. Inzwischen behandelt sie mich eher wie alle anderen auch: wie eine Aussätzige, bei der sie Gefahr läuft, sich anzustecken.

»Luna, bitte«, sagt sie.

Der sanfte Klang ihrer Stimme lässt mich innehalten. Mel lächelt. Die anderen um uns herum nicht.

»Was willst du?«

»Hast du den Newsfeed noch nicht abgerufen?«

Ich zucke die Achseln. Was soll ich darauf antworten? Verweigerer loggen sich nicht schon vor dem Frühstück ein. »Wieso?«

»Heute wurden die Termine für die Tests veröffentlicht.«

»Und?« Ich funkle sie an, ahne schon, was gleich kommt, trotzdem verletzt es mich, dass Mel so weit gesunken ist und sich vor allen über mein Versagen lustig macht. Hat Jezzamine, die ihr feixend über die Schulter sieht, sie dazu angestiftet?

»Du hast einen.«

»Was?« Nun schaue ich genauso schockiert wie die anderen drein. »Das muss ein Irrtum sein.«

»Ganz sicher«, mischt sich Jezzamine ein. »Die lassen doch nicht so eine Bekloppte wie dich …«

»Das reicht, Jezzamine«, sagt eine Stimme von hinten. Die Gruppe teilt sich, um Mr Sampson, unseren Testkoordinator, durchzulassen. »Du hast hier einfach eine Behauptung aufgestellt, die weder Hand noch Fuß hat. Mit solchen Vorurteilen solltest du dich beim Rationalitätstest besser zurückhalten. Falls du überhaupt so weit kommst. Nun geht bitte alle zum Unterricht. Und du, Luna, folgst mir.«

Er marschiert auf Goodwins Büro zu, ich ihm hinterher. Was hat das zu bedeuten? Mir schwirrt der Kopf. Goodwin hat mir gestern interessante Aufgaben angedroht, ist ihr etwa noch etwas Schlimmeres eingefallen? Hat sie mir einen Testtermin besorgt, damit ich mich vor aller Augen ganz fürchterlich blamiere? Sodass man mich als irrational brandmarken und für alle Zeit in die Klapsmühle sperren kann?

Kann nicht sein. Nicht einmal Goodwin hat so viel Macht. Das ist ja wohl alles ein schlechter Scherz.

Ich folge Mr Sampson ins Büro. Dort sitzt Goodwin mit ein paar anderen Lehrern. Sampson deutet auf einen einsamen Stuhl gegenüber der Lehrerreihe. Als ich mich hinsetze, klingelt es gerade.

Goodwin wirkt weniger clownsmäßig als erwartet. Ihr Haar ist so ins Gesicht frisiert, dass man die Schlangen nicht sieht. Als sie eine Grimasse schneidet, bilden sich dünne Risse auf der Haut. Ah, eine dicke Schicht Camouflage-Make-up.

»Luna.« Ihre Stimme ist voller Verachtung. »Erklär uns das mal.« Heute ist sie nicht so ruhig und selbstbeherrscht wie gestern. Zum Glück bin ich nicht allein mit ihr.

»Was soll ich erklären?«

»Den Testtermin.«

Ungläubig sehe ich sie an. »Dann stimmt das also? Ich dachte, die anderen machen Witze.«

»Natürlich hast du den Schulnewsfeed heute Morgen nicht gelesen?«, fragt Sampson. Er tippt auf einen kleinen Bildschirm und hält ihn mir hin.

PareCo-Test: Luna Iverson. Montag 9.00 Uhr im NUN-Test-Center 11 in London.

Ich starre so lange auf den Bildschirm, bis die Worte vor meinen Augen flimmern. Also ist es wahr. Mir kriecht eine Gänsehaut über den Rücken.

»Im Ernst?«

»Ja«, antwortet er.

»Das verstehe ich nicht. Nur das oberste Drittel bekommt einen Termin und davon bin ich weit entfernt.«

»Über deine Teilnahme hat es hier schon ein paar Diskussionen gegeben«, sagt Goodwin, und obwohl die Medusenschlangen, die ich ihr auf die Stirn gemalt habe, verdeckt sind, so sind sie dennoch voll einsatzbereit: Ihr Blick lässt den Unachtsamen zu Stein werden. »Und du sagst mir jetzt gefälligst, ob du deine Hände da im Spiel hattest, sonst …«

»Wie sollte ich?«

»Dein Hackerfreund vielleicht?«

»Ins System von PareCo hacken? Das ist nicht Ihr Ernst!« Ich suche Sampsons Blick. »Ich weiß nicht, wie das passiert ist.«

»Wir auch nicht. Es wurde schon nachgeprüft. Du hast wirklich einen Termin.«

»Aber meine Noten …«

»Noten sind nicht das einzige Kriterium. Dazu kommen Algorithmen und eine ganze Reihe von Faktoren wie Umfeld und Erbanlagen …« Plötzlich verstummt er, weil ihm klar wird, was er da sagt und zu wem. Ich werde rot und er sieht mich mitleidig an.

Goodwin schnaubt. »Du bist in jeder Hinsicht eine Enttäuschung, Luna. Du leugnest also, dich ins Auswahlverfahren von PareCo gemischt zu haben?«

»Was? Ich leugne, mich überhaupt irgendwo eingemischt zu haben.«

»Raus mit dir. Das wird noch ein Nachspiel haben.«

Sampson begleitet mich. »Komm doch bitte noch kurz mit zu mir, Luna.« In seinem Büro deutet er auf einen Stuhl. Die Schulglocke läutet ein letztes Mal zum Unterricht.

Sampsons Blick verliert sich für einen Augenblick im Leeren, dann sieht er mich wieder direkt an. »Mach dir keine Sorgen, ich habe deinem Lehrer gerade eine Nachricht geschickt. Du kriegst keinen Ärger fürs Zuspätkommen.« Als er mich aufmunternd anlächelt, fühle ich mich noch unwohler.

»Du hast eine echte Chance, Luna. Einen Testtermin.«

»Ich kapier’s einfach nicht. Wie bin ich da rangekommen?«

»Vielleicht durch einen Fehler im Computersystem.«

»Einen Fehler? In PareCos neuestem und wichtigstem Auswahlverfahren? Niemals!« Mir steht immer noch der Mund offen.

Sampson zwinkert mir zu. »Alles ist möglich. Aber jetzt hör mir gut zu, Luna.« Er wird mit einem Mal todernst. »Egal wie oder warum du an diesen Termin gelangt bist, nutze ihn.«

Mehr braucht er nicht zu sagen, denn ich weiß es ja. An die besten Universitäten und Ausbildungsplätze gelangt nur, wer im Test gut abschneidet. Wie gern würde ich nach diesem Strohhalm greifen. Bekomme ich wirklich eine Chance? Eine einzige Chance? Die Eins war immer Nannas Lieblingszahl: Eins steht für Handeln, Hoffnung und einen Neuanfang. Doch ich mache mir lieber nicht zu viele Hoffnungen.

»Mrs Goodwin lässt mich nie im Leben …«

»Darüber hat sie nicht zu entscheiden. Lass sie einfach rasen und toben, sie kann dagegen nichts tun. Einzig PareCo entscheidet, wer einen Termin erhält. Als sie von deinem erfuhr, hat sie sogar noch versucht, dich nachträglich von der Schule zu verweisen. Vergeblich. Eine Sache noch.« Er zögert. »Ich weiß, dass du kein RG bist. Und auch kein MG.«

Fragend sehe ich ihn an. In meiner Klasse aus RGs, MGs und zur Strafe Ausgeschlossener gibt es nur eine, die sich nicht einordnen lässt: Loony Luna, die Verrückte.

»Und?«

»Den Test mit Stift und Papier zu bestehen, ist schwerer. Beim virtuellen Test kann man Grafiken manipulieren, auf Fragen mit einem Klick antworten, das geht viel schneller. Bei richtigen Antworten wird dir Zeit gutgeschrieben, bei falschen abgezogen. Lass es dir mal durch den Kopf gehen, Luna.«

Bei Sampson fällt es mir wesentlich schwerer, nichts zu sagen. Goodwin provoziert mich einfach, und auch wenn ich keinen guten Grund hätte, den Mund zu halten, würde ich mich weigern, irgendetwas zu erklären. Da poche ich auf meine Rechte und sehe zu, wie sie sich über verschwendete Ressourcen ereifert. Zu Sampson hingegen würde ich gern etwas sagen, damit er mich versteht. Doch wenn ich das täte, würden wir ein ganz anderes Fass aufmachen und nicht mehr nur über mögliche erbliche Veranlagungen sprechen. Manche Dinge sollte man lieber für sich behalten.

Also schweige ich und gehe zum Unterricht.

An dem Abend ist Sally nicht zu Hause. Anscheinend hat ihr ihre gute Freundin Bea nichts von meinem Termin gesagt. Denn sonst wäre sie sicher da gewesen, als ich aus der Schule gekommen bin. Bea gibt wohl nur die schlechten Nachrichten weiter.

Ich mache Abendbrot für Nanna und Jason, aber selbst traue ich mich nicht zu essen. Nanna geht schlafen und Jason loggt sich ein, um Quidditch zu spielen. Jetzt ist der perfekte Zeitpunkt, es nach all der Zeit mal wieder auszuprobieren.

In meinem Zimmer steht noch ein PIP. Da ich kein Implantat habe, muss ich mich auf die althergebrachte Weise einloggen. Als ich ins formbare Sofa sinke, passt es sich sofort meinem Körper an. Beim letzten Mal war ich noch wesentlich kleiner. Ich mache die Augen zu und versuche, mich zu entspannen, während sich das Neuralnetz wie ein weicher Pelz um mich schließt und sich die Verbindungen zu den Sinnes- und Nervenzellen aufbauen. In meinem Zimmer habe ich alles abgedunkelt. Sogar den Stecker vom Bildschirm habe ich gezogen, damit das Stand-by-Lämpchen nicht leuchtet, und ein Handtuch unter die Tür gestopft, um kein Licht vom Flur hereinzulassen.

Klick.

Vor mir schillert die virtuelle Welt, meine Augen stellen sich um. Das dunkle Zimmer ist zwar noch vorhanden, aber ich kann es fast ganz ausblenden.

Mir ist schwindelig. Zögernd taumle ich in den Realtime-Korridor. Hier ist einfach alles falsch. Ich kann mich zwar vorwärtsbewegen, aber seltsam ruckartig, als wäre nur ein Teil von mir hier, während ein anderer per Fernbedienung gesteuert wird. Für mich gibt es keinen unechteren Ort. Und ausgerechnet diesen Zugang zu den virtuellen Welten hat PareCo Realtime genannt! Soll das etwa schwarzer Humor sein?

Ich wandere an all den Türen der Gruppen vorbei, zu denen ich eigentlich gehöre, darüber leuchtet die Anzahl meiner ungelesenen Nachrichten. Die meisten stammen von der Schule oder der Bibliothek, wo ich als Schülerin automatisch Mitglied bin, auch wenn ich die Dienste gar nicht nutze. Es gibt einige Einladungen zu Gruppen – Fanclubs meiner Mutter –, die ich mit einer Handbewegung ablehne, woraufhin die Türen sofort verschwinden. Wie finden mich die Irren bei all den Schutzfiltern nur? Und ein paar Freundschaftsgruppen von früher sind übrig geblieben. Melrose’ Tür ist noch da, keine Schlösser, lachende Stimmen sind zu hören. Komisch, dass sie mich noch nicht geblockt hat, aber wieso sollte sie auch? Ich bin ja ohnehin nie hier.

Und dann ist da noch die eine Tür, auf die ich zusteuere.

Ich atme tief ein und aus und laufe ganz langsam, um die Übelkeit in Schach zu halten. Jahrelang habe ich geglaubt, dass es allen so geht. Als ich herausgefunden habe, dass bei den anderen die reale Welt komplett verschwindet und die virtuelle Welt mit allem, was dazugehört, real wird, hätte ich es fast ausgeplaudert. Doch Nanna meinte, dass es ein Geheimnis bleiben muss. Damals habe ich nicht verstanden, warum. Wie alt mag ich gewesen sein? Vielleicht sechs oder sieben. Erst Jahre später habe ich begriffen, dass anders manchmal nicht gut ist.

Da ist ja Dads Tür. Ich klopfe an und gehe hinein. Niemand da. Beim Anblick des alten Sofas kommen mir fast die Tränen, nur die Farbe hat sich von Rot zu Blau geändert. Ich lasse mich hineinfallen und schließe die Augen. Das ist der allerbeste Ort, dieses Sofa fühlt sich fast so an wie das, in dem ich wirklich sitze, so driften die beiden Welten – real und virtuell – wenigstens nicht zu sehr auseinander.

»Dad?«, rufe ich zögerlich. »Ich bin’s. Luna.«

Sekunden verstreichen, und ich weiß nicht, wie lange ich es noch aushalten kann. Der Schwindel und das Gefühl des Losgelöstseins sind schlimmer als beim letzten Mal. Bei mir dreht sich alles, ich schaue über einen Abgrund und stürze mich gleich hinunter. Wie in meinem Traum.

»Luna?«

Vorsichtig öffne ich die Augen. Dad. Im Moment sieht er zwar aus wie Doktor Who Nr. 32, aber ich kenne ihn ja. Als ahnte er, dass ich nicht lange bleiben werde, stürzt er sich auf mich, nimmt mich in den Arm und küsst mich.

»Dad!«

»Tut mir leid. Ich freue mich nur so, dich zu sehen.«

»Das kannst du öfter haben. Logg dich einfach mal aus und lass dich in der echten Welt blicken. Da findest du mich meistens.«

»Stimmt was nicht?«

Er weiß, wie ungern ich hier bin, nur kennt er den wahren Grund nicht. Dad glaubt, es hätte mit Astras Tod zu tun. Nanna hat mir geraten, ihm nichts zu sagen, also habe ich ihn in dem Glauben gelassen. Ob das ein Fehler war? Aber für die Wahrheit scheint es jetzt zu spät.

»Nein. Zur Abwechslung stimmt mal etwas.«

»Was denn?«

»Ich habe einen Termin für den Test. Nächste Woche.«

Er macht große Augen. »Wirklich? Das gibt’s doch gar nicht.«

»Gibt’s wohl.«

»Ich bin stolz auf dich.«

Ich blinzle die Tränen weg. »Bloß nicht. Ich wette, das mit dem Termin war ein Irrtum. Wahrscheinlich falle ich durch.«

»Das glaube ich nicht. Du bist so gescheit und schön wie deine Mutter.«

Ich schüttle den Kopf. »Von wegen. Kannst du Sonntag nicht mal zum Abendessen kommen?«

Einen Moment lang scheint er ganz woanders zu sein. »Ich habe einige Termine, aber vielleicht zum Mittag, ich versuch’s. Das ist das Gute daran, wenn man ein Herr der Zeiten ist.« Er zwinkert mir zu.

»Weißt du schon, dass Jason jetzt Quidditch spielt?«

»Ach, echt? Da könnte ich ja nachher mal als Dumbledore reinschneien.«

Ich lache, doch dann schlingert die Welt einmal zu viel und mir kommt alles hoch. »Muss los, Dad. Bis morgen?« Ich logge mich aus, Dad flimmert, winkt. Dann ist er weg.

Hektisch atme ich ein und aus, ein und aus. Hyperventiliere. Versuche, mich zu beruhigen. Ich mache das Licht wieder an, um mein richtiges Zimmer zu sehen. Berühre Dinge, die auch tatsächlich da sind: meine Bücher, den Bildschirm; das gerahmte Bild von Astra, das ich immer wieder in der Schreibtischschublade verschwinden lasse, um es erneut herauszuholen. Und allmählich normalisiert sich meine Atmung wieder, dennoch dreht sich alles, schließlich gebe ich auf und übergebe mich in den Mülleimer.

Fünf Minuten in Realtime und anschließend ist mir zwei Stunden lang schlecht. Wenn das kein Grund ist zu verweigern!