image

image

image

image

ISBN 978-3-649-60998-8 (eBook)

Inhalt

Ein total blöder Streuselkuchen

Doktor Silberfisch

Alles kaputt

Unter der Zimmerdecke

Aus Spaß wird Ernst

Karla kann zaubern

Große Verwirrung

Ganz schön schwer

Ein echter Magia-Zauber

Alles ist anders

Doktor Silberfisch steckt fest

Gerade noch rechtzeitig

Vergebliche Suche

Ein verhängnisvoller Fehler

Ein irrer Zauber

Gefahr gebannt

Pollys Prüfung

Ein total blöder Streuselkuchen

Karla, die dicke Köchin der Rottentodds, drehte die alte Eieruhr ein letztes Mal um. Noch zwei Minuten musste Pollys Medizin auf dem verrosteten Kohleherd vor sich hin blubbern. Hannibal, Karlas kleiner Yorkshireterrier, sprang auf die Anrichte, schnupperte neugierig an der gelblichen Dampfwolke, die aus dem verbeulten Topf aufstieg, und jaulte angewidert.

image

»Hannibal, du Hundchen dummes!«, lachte Karla kopfschüttelnd. Die Köchin war vor einigen Hundert Jahren aus einem fernen Land zu den Rottentodds gekommen und sprach noch immer den lustigen Dialekt ihrer Heimat. »Ist Medizin für armes, krankes Pollyxenia – und nicht Leckerli für mein Hundilein süßes!«

Karla rührte das Gebräu ein weiteres Mal mit der löchrigen Kelle um und schöpfte es schließlich vorsichtig in eine große schwarze Tasse.

»So«, sagte sie zufrieden zu Hannibal, der seinen Kopf neugierig zur Seite neigte. »Jetzt wir machen armes, krankes Pollyxenia wieder gesund.«

Mit der Tasse in den speckigen Fingern schritt sie entschlossen aus der Küche – gefolgt von Hannibals aufgeregtem »Wuff«. Im ersten Stock des großen Hauses der Rottentodds musste Karla erst einmal verschnaufen. »Oyjoyjoyjoyjoy! Mit 650 Jahren Karla auch nicht mehr die Jüngste! Oyjoyjoy!« Sie stützte sich erschöpft auf einen Blumenständer, aus dem die vertrockneten Blätter einer Topfpflanze ragten.

In diesem Augenblick kam Pollys Mutter, Prospera Rottentodd, aus ihrem Zimmer stolziert. Ihr Gesicht sah dermaßen furchterregend aus, dass Karla vor Schreck beinahe die Tasse fallen gelassen hätte, während Hannibal winselnd in die Küche zurückflüchtete.

image

»Oje, gnädige Frau sind lila in Gesicht. Gnädige Frau vielleicht auch krank wie kleines Pollyxenia?«

»Aber Karla …«, Frau Rottentodd lächelte, »mir geht es ganz hervorragend. Ich teste gerade eine neue Gesichtsmaske. Eine Mischung aus ranzigem Sauerrahm, verschimmelter Buttermilch, dem gegorenen Speichel eines Feuerechsenweibchens und einem Schuss 120 Jahre alten Krötenmatschlikörs. Das Ganze antrocknen lassen, nach zwei Stunden mit warmem Distelsud wieder abnehmen … und die Haut fühlt sich an wie ein frisch gepuderter Kinderpopo.«

image

Karla schüttelte verständnislos den Kopf. »Wozu Rottentodds brauchen Kinderpopohaut? Rottentodds werden zehnmal so alt wie diese Menschen, können sehen im Dunkeln … Falten in Gesicht egal!«

»Na ja«, entgegnete Frau Rottentodd, »wenn wir noch zaubern könnten wie unsere Vorfahren und ich meine Fältchen einfach weghexen könnte, dann wäre ich ganz Ihrer Meinung, aber leider, leider haben wir diese Fähigkeit ja im Laufe der Jahrhunderte verloren. Stattdessen können wir diese unschönen Alterserscheinungen sogar noch im Dunkeln sehen. Ist das nicht ganz fürchterlich schrecklich?«

Karla zuckte mit den Schultern. »Ganz wie die gnädige Frau meinen! Muss Karla jetzt gehen zu armes Pollyxenia, machen gesund.«

»Richten Sie meiner Tochter bitte aus, dass ich nach ihr schaue, sobald ich die Maske abgenommen habe – falls sie bis dahin nicht schon wieder auf den Beinen sein sollte.« Prospera Rottentodd stelzte in ihrem langen schwarzen Morgenmantel und hochhackigen schwarzen Pantoletten weiter in Richtung Badezimmer.

»Einen guten Morgen wundervollen!«, trompetete Karla, als sie Pollys Zimmer betrat. Und wieder erschrak sie so sehr, dass ihr dickes Doppelkinn wackelte wie Götterspeise. »Oyjoyjoy!«, rief sie entsetzt. »Kleines Pollyxenia sehen aus wie Streuselkuchen aus ferner Heimat von Karla! Muss schnell nehmen Medizin – dann kleines Pollyxenia wieder gesund ruck und zuck!«

Polly stöhnte laut auf. »Karla! Ich bin ein Mensch und kein Rottentodd. Also werde ich auf gar keinen Fall dieses ekelhaft stinkende Gebräu trinken, das einen Rottentodd vielleicht gesund macht, mich aber wahrscheinlich umbringen würde. Und wieso eigentlich Streuselkuchen

»Was redet kleines Pollyxenia denn da für Zeug dummes?!«, empörte sich Karla, ohne auf den Streuselkuchen einzugehen. »Pollyxenia ist Tochter von Rottentodds!« »Ach ja«, entgegnete Polly, der überhaupt nicht nach einer Streiterei zumute war. »Und warum bin ich dann blond und nicht wie der Rest der Familie schwarzhaarig? Außerdem kann ich nicht im Dunkeln sehen, werde nicht so alt wie ihr und hasse Blutegelsuppe mit geschmorten Schmeißfliegenbeinen und gebratene Kakerlaken in Kellerasselsoße. Ich mag auch keine Disteln und Brennnesseln. Und ich werde dieses Zeug, in dem wahrscheinlich irgendwelche Spinnen und Tausendfüßler schwimmen, auf gar keinen Fall anrühren!«

image

Karla stellte die Tasse auf den Tisch und stemmte ihre Fäuste in die breiten Hüften.

»Spinnen und Tausendfüßler? Was denken kleines Pollyxenia eigentlich?! Hat Karla nur gekocht ein paar wenige Kellerasseln wegen das gute Eiweiß – und etwas von die süßen, leckeren Küchenschaben, damit Medizin nicht so bitter. Sehr, sehr gesund!«

Polly verzog angewidert das Gesicht.

»Oyjoyjoy!« Verständnislos schüttelte die Köchin den Kopf.

»Wie siehst du denn aus?!« Nachdem Pollys Freund Pit eine ganze Weile vor dem Haus der Rottentodds auf Polly gewartet hatte, um sie zur Schule abzuholen, war er schließlich durch die nie abgeschlossene Haustür in den ersten Stock der alten Villa hinaufgegangen. Jetzt stand er mit offenem Mund in der Tür von Pollys Zimmer.

»Wäre schrecklich vielleicht zutreffend?«, antwortete Polly geknickt. »Pit, ich glaube, ich bin krank. Und jetzt soll ich auch noch so ein ekelhaftes Zeug zu mir nehmen – als wäre mir nicht schon übel genug!«

»Irgendwie hast du was von einem Streuselkuchen«, sagte Pit blinzelnd.

»Was redet ihr da bloß alle von Streuselkuchen?«, fragte Polly genervt.

»Hast du schon mal in einen Spiegel geschaut?«

image

»Wozu? Außerdem bin ich viel zu schwach für so was. Und mir ist total heiß. Was soll das also mit dem Streuselkuchen?«

»Karla!« Pit wandte sich an die dicke Köchin. »Wir brauchen einen Spiegel.«

»In meiner Kommode«, kam Polly Karla zuvor. »Oberste Schublade. Aber …«

»Kein Aber!« Pit nahm den Spiegel aus dem Nachttisch und hielt ihn seiner Freundin vor das Gesicht.

Augenblicklich stieß Polly einen schrillen Schrei aus – das heißt, sie versuchte, einen schrillen Schrei auszustoßen, aber ihre Stimme versagte, sodass nur ein heiseres Röcheln aus ihrem Mund kam. Sie sank noch tiefer in die Kissen und zog sich die Decke über den Kopf.

»Raus! Alle beide!«, keuchte sie dumpf aus den Untiefen ihres Bettes hervor. »Keiner darf mich so sehen! Niemand! Überhaupt niemand!« Polly traten Tränen in die Augen. Ihr ganzes Gesicht war mit pustelartigen roten Flecken übersät.

Doktor Silberfisch

»Wir müssen sofort Doktor Silberfisch anrufen!«, rief Pit aufgebracht.

»Wen?«, schniefte Polly.

»Doktor Silberfisch. Meinen alten Kinderarzt. Der hat mir immer geholfen – egal, welche Krankheit ich hatte. Und jetzt komm endlich wieder unter der Decke hervor, Polly!«

»Niemals!«

»Aber kleines, dummes Pollyxenia kriegen keine Luft«, mahnte Karla und bohrte ihren Zeigefinger in die Bettdecke.

»Egal!«

»Okay«, seufzte Pit. »Wir gehen jetzt raus, und ich rufe Doktor Silberfisch an, damit …«

»Pit!« Polly hatte die Bettdecke ein wenig angehoben. »Du solltest eigentlich wissen, dass wir weder Strom noch Telefon haben.«

»Oh! Ja, das sollte ich tatsächlich wissen. Aber dann hol ich ihn eben!«

»Du musst in die Schule!« Doch Pit hörte Pollys Einwand schon nicht mehr.

Doktor Silberfisch war für seine 71 Jahre noch außergewöhnlich fit. Dort, wo in seinem Haus bis vor drei Jahren seine Kinderarztpraxis gewesen war, hatte er sich inzwischen ein kleines Labor eingerichtet. Denn der Doktor wünschte sich nichts sehnlicher, als berühmt zu werden. Und um das zu erreichen, schien es ihm am einfachsten, etwas zu erfinden, das die Welt verändern würde.

Gerade war Doktor Silberfisch dabei, eine zusammengemixte braune Flüssigkeit in einem seiner vielen Reagenzgläser zu erhitzen. Der kleine Finger des Erfinders zitterte nervös, während er aufgeregt beobachtete, wie sich langsam die ersten Luftbläschen bildeten. Kurze Zeit später begann die Flüssigkeit zu dampfen. Der Doktor