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Ellen Alpsten
Eine Liebe in Paris

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On ne naît pas femme, on le devient.

Simone de Beauvoir

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PARIS. Also: Panik, Aufregung, Reißaus nehmen In letzter Sekunde? – Nein.

Pure, Absolute, Riesige, Immense Spannung, sonst nichts, entschied ich, als meine Mutter den Blinker setzte, um am Flughafen München auf die Parkspur vor dem Terminal zu biegen. Von meinen Gedanken ahnte sie dabei nichts und sollte es auch nicht tun, denn schließlich war sie es, die mich wegschickte. Dabei hatten wir beide in unserem reinen Frauenhaushalt doch nur einander: Du und ich, wir sind wie Amazonen und halten zusammen wie Pech und Schwefel, sagte sie oft.

»Also, wenn ich in deinem Alter einfach so einen Monat nach Paris gekonnt hätte, ich wäre vor Freude an die Decke gesprungen! Außerdem wohnen die Lefebvres in Montparnasse, ganz in der Nähe von Picassos ehemaligem Atelier. Das ist doch toll für meine kleine Künstlerin.« Meine Mutter strich mir kurz und zärtlich über die Haare. »Vielleicht gehen sie mit dir im La Coupole essen. Dort ist jede Säule von einem anderen Künstler bemalt und es gibt tolle Schweinsrüssel in Aspik zu essen.«

»Hör auf, Susanne, mir kommt gleich alles hoch«, mischte Mogens sich fröhlich von hinten ein. »Da esse ich ja noch lieber Schnecken oder Froschschenkel.«

»Die gibt es nicht mehr, zumindest keine französischen. Das hat der Artenschutz den Franzosen vermiest«, entgegnete meine Mutter und schob sich die Sonnenbrille in ihr sorgfältig gesträhntes blondes Haar, um nach einem Parkplatz Ausschau zu halten. Wie man einmal im Monat an die 200 Euro für den Besuch beim Friseur ausgeben konnte, war mir ein Rätsel. Aber deshalb sahen meine Haare (die ich gerade in Heimarbeit pechschwarz gefärbt hatte) auch so aus, als könnten Vögel darin nisten. Das behauptete zumindest meine Mutter.

»Ava, andere in deinem Alter wären froh …«, begann sie wieder, worauf ich ihr patzig das Wort abschnitt: »Dann lass doch mal die anderen fahren.«

Meine Mutter schwieg verletzt.

Sie in meinem Alter hatte im Friseursalon meines Großvaters gestanden und fremden Damen die Haare auf Lockenwickler gedreht, ehe sie gegen den Wunsch ihrer Eltern an der Abendschule das Abitur nachgemacht und dann Architektur studiert hatte. Daher wohl auch ihre Vorliebe für teuer gesträhnte Haare: die Stimme des Blutes, für die ich anscheinend vollkommen taub war.

»Mach nicht so ein Gesicht, Ava«, sagte sie schließlich.

»Was für ein Gesicht mache ich denn? Ich habe doch nur eins. Und das hast du mir vererbt.«

»Du ziehst eine Flunsch.« Sie sah auf ihre Uhr. »Verdammt, ist hier wieder viel los. Sieh dir doch nur mal all die Autos an. Als ob sie eine Büchse geöffnet hätten. Können die Leute denn nicht einfach zu Hause bleiben? Es muss doch nicht jeder fliegen!« Ihr Fuß, der in einem teuren Stiletto steckte, federte ungeduldig auf dem Gaspedal auf und ab. »Glück gehabt, Parkplatz«, sagte sie, ehe sie scharf und ohne zu blinken nach rechts in eine Lücke direkt vor dem Terminal bog. Ein Auto, das es ebenfalls auf den Platz abgesehen hatte, musste scharf bremsen, und hinter uns drückte jemand wütend auf die Hupe. Meine Mutter sah kurz und unbeteiligt in den Rückspiegel. Ich wandte mich um. Der Fahrer des Wagens schrie mit rotem Gesicht und schüttelte drohend seine Faust. Meine Mutter winkte ihm lächelnd zu und meinte: »Die Leute sollten sich nicht so aufregen. Das ist ganz schlecht für den Blutdruck.«

Mogens lachte. Er mochte meine Mutter und sie mochte ihn. Eigentlich sollte ihn das als meinen ersten Freund augenblicklich und endgültig disqualifizieren. Aber bisher hatte er sich tapfer gehalten, obwohl ich meistens nicht so nett zu ihm war, wie ich es sein sollte. Aber je kratzbürstiger ich war, umso anhänglicher wurde er.

»Es gibt kein größeres Glück für einen jungen Menschen, als einige Zeit in Paris zu verbringen«, sagte er gerade und klang dabei wie unser Lehrer.

Ich verdrehte die Augen. »Wer sagt das?«, fragte ich ihn, nachdem ich gerade noch ein Stöhnen hatte unterdrücken können. Ich griff nach meiner Handtasche, deren Verschluss sich geöffnet hatte. Tampons, Lippenstifte, Geldstücke, ein angebissener und dann vergessener Schokoladenriegel, mittlerweile klebrige Bonbons, ein mit vielen Eselsohren versehener Roman, eine Haarbürste voll schwarzer Haare, viel zu viele zerknüllte Kassenzettel, mein iPod und mein Handy lagen bunt auf der Fußmatte verstreut.

»Wer sagt das?«, fragte ich noch einmal, als ich mich bückte und alles mit einer Handbewegung zurück in die Tasche wischte.

»Stefan Zweig.«

»Wer?«

»Na, du weißt doch, der Typ, von dem wir die Schachnovelle in der Schule gelesen haben.«

»Ach, der.« Mir hatte das Buch gefallen, und ich erinnerte mich, dass der Kerl in dem Roman am Ende durchgedreht war.

»Gehen wir? Hast du alles?«, fragte meine Mutter und öffnete bereits die Fahrertür.

»Ja.«

Mogens sah auf seine schwarze Swatch. »Lasst uns nach dem Einchecken doch noch einen Kaffee zusammen trinken. Die Zeit haben wir.«

»Gute Idee«, antworteten meine Mutter und ich gleichzeitig und lachten dann. Sie legte mir den Arm um die Schulter und ich schmiegte mich kurz an sie. Mogens hatte wie so häufig das Richtige gesagt, dachte ich. Mit seiner ruhigen und gelassenen Art gelang es ihm immer wieder, die Spannung aus manchen Gesprächen zu nehmen. Und Spannung gab es sowohl zwischen Mogens und mir als auch zwischen meiner Mutter und mir leider allzu oft.

Ich kannte Mogens schon seit der Grundschule, als seine Familie in unser Nachbarhaus gezogen war. Schon den ersten Sommer verbrachte ich beinahe jeden Nachmittag dort, denn sie hatten ein Schwimmbad im Garten, und es war so gemütlich bei seiner Familie. Das Wohnzimmer duftete stets nach frisch gebackenen Zimtrollen, die Sonne zeichnete Muster auf die blanken Holzdielen und an den Wänden hingen bunt gewebte Teppiche. Jeden Tag gingen wir zusammen zur Schule, und irgendwann im letzten Sommer, als wir von einem Konzert kamen, hatte er meine Hand genommen und sie nicht mehr losgelassen. Seine Finger hatten sich warm und fest zwischen meine gewoben, und ich hatte ihn kaum ansehen können, nur einmal, ganz kurz, hatte ich unter meinem Pony hervor zu ihm hinübergeschielt. Mogens hatte mich dabei erwischt und gelächelt, ehe er meine Hand an seine Lippen gehoben und sie geküsst hatte, sodass meine Haut unter seiner Berührung brannte.

Als wir dann an unserem Haus angekommen waren, fand ich den Haustürschlüssel nicht sofort.

»Lass mich dir helfen«, hatte Mogens gesagt. Wir griffen beide gleichzeitig in die Tasche, und unsere Köpfe kamen dabei einander sehr nahe, viel näher als je zuvor und viel zu nahe, als dass ich hätte ruhig bleiben können. Mir wurde der Mund trocken. Mogens schwieg, seine Finger strichen zärtlich über meine Wange und legten sich unter mein Kinn. Am Himmel stieg gerade erst der Abendstern auf, doch in Mogens’ Augen glitzerte bereits ein ganzes Firmament.

»Mogens«, flüsterte ich. »Nicht.«

»Doch. Bitte«, hatte er in mein Haar gemurmelt, mir so nahe und so vertraut. Ich hob den Kopf, um etwas zu erwidern, und irgendwie senkte Mogens seinen im selben Augenblick. Es war wohl einfach einer dieser irren Zufälle. Aber nein, bei Mogens gab es keine Zufälle.

Sein Gesicht war so dicht an meinem, als er mein Kinn anhob und seine Lippen auf meine legte, tastend und vorsichtig. Ich vergaß zu atmen und mein Herz schlug hart in meiner Brust. Er küsste mich wieder und wieder, bis meine Lippen mit seinen verschmolzen, als seien sie füreinander geschaffen. Sein Atem schmeckte frisch und alles passte zusammen und schmiegte sich aneinander: meine Beine an seine, seine Brust an meine und seine Hände, die sich sanft um mein Gesicht legten, als sei es ein Wertstück. In meinem Bauch flatterten unzählige Schmetterlinge.

»Ava«, hatte Mogens in mein Ohr geflüstert. Sonst nichts. Nur meinen Namen, ehe wir zusammen schwiegen. Wir standen lange vor der Haustür, so lange, bis der Abendstern dort oben am samtenen Nachthimmel unter all dem Schimmern der anderen Sterne nicht mehr zu finden war. So lange, bis es mich fröstelte und selbst Mogens’ Arme mich nicht mehr hatten wärmen können.

Danach war anscheinend allen schon immer klar gewesen, dass Mogens und ich zusammenkommen würden.

Allen, außer mir.

Denn die Schmetterlinge waren nicht wiedergekommen. Obwohl wir uns beinahe täglich sahen, gemeinsam Hausaufgaben machten, im Sommer ins Freibad radelten und uns im Winter zum Schlittschuhfahren verabredeten. Obwohl wir Händchen hielten und uns so küssten, wie wir uns an dem Abend vor der Haustür geküsst hatten.

Aber Mogens drängte mich nicht, sondern wartete geduldig und vertrauensvoll darauf, dass ich bereit sein würde, ganz und gar ihm zu gehören. Denn so weit war ich bisher mit ihm nicht gegangen und inzwischen konnte ich es mir auch gar nicht mehr vorstellen. Mogens war wirklich nett, aber … aber, ich wusste selber nicht so genau. – Das war immerhin ein Vorteil meines Parisaufenthalts: Ich würde viel Zeit zum Nachdenken haben.

»Was hast du denn da eingepackt, Steine?«, fragte meine Mutter, als sie meinen Koffer aus dem Kofferraum hievte.

»Lass mich das machen. Schöne Mädchen haben immer schwere Taschen«, sagte Mogens und hob mühelos das Gepäck auf. »Komm.« Er griff meine Hand und führte mich in den Terminal, der voller Menschen war. Vor den Schaltern der Air France standen die Reisenden Schlange, um einzuchecken; im Zeitschriftenladen lasen die Leute, ohne zu kaufen, unter dem Schild, auf dem in roten Buchstaben geschrieben stand: »Erst kaufen, dann lesen«, und auf der Anzeige hoch über unseren Köpfen ratterten die Zeiten der Abflüge durch. Bis zum Elf-Uhr-Flug nach Paris blieben uns noch zwei Stunden Zeit.

Als ich meinen Koffer abgegeben hatte, sah meine Mutter sich um.

»Lass uns dahin gehen«, schlug sie vor und zeigte auf ein kleines Café, das zwischen zwei Luxusboutiquen versteckt lag.

»Wollt ihr stehen oder sitzen?«, fragte Mogens, als wir das Café betraten.

»Stehen«, entschied ich. »Bringst du mir bitte einen Espresso mit? Ohne Zucker. «

Eigentlich hatte ich eher Lust auf eine heiße Schokolade mit Sahne, aber das ging nur auf die Hüften, und die waren bei mir sowieso schon zu rund.

»Fehlt nur noch die Zigarette, dann ist das Artistenfrühstück komplett«, meinte meine Mutter und stellte sich ihre Tasche zwischen die Füße. Mogens und ich tauschten einen schnellen Blick aus, den sie dennoch auffing. Ich unterdrückte ein Lachen und meine Mutter runzelte die Stirn. »Du rauchst doch nicht etwa, Ava?«

Ich schüttelte den Kopf, während Mogens plötzlich ganz dringend sein Handy kontrollieren musste.

»Na ja. Für mich einen Latte, bitte«, sagte sie und sah Mogens nach, wie er zum Tresen ging. Wir beide schwiegen einen Augenblick.

»Und wann fliegst du genau nach Dubai?«, fragte ich dann.

»Am Montag um elf. Je eher ich anfange, desto schneller bin ich fertig, und wenn ich den Auftrag bekomme, dann ist das ein Wahnsinnserfolg für mein Büro.«

Ein Wahnsinnserfolg für ihr Büro, das sie vor einigen Jahren auf Augsburgs feiner Maximilianstraße gekauft hatte und in dem nun zwanzig andere Architekten für sie arbeiteten. Die Einladung, sich in Dubai um den Bau eines Einkaufszentrums dort zu bewerben, war ihr im Juli ganz überraschend in den Briefkasten geflattert. Den September, den ich in Paris verbringen würde, war sie in Dubai, um alle wesentlichen Personen zu treffen und sich ein Bild von dem Terrain zu verschaffen. Mich wollte sie nicht einen Monat lang allein lassen und mitnehmen konnte sie mich auch nicht. Oh ja, ich wusste genau, wie die Einladung der Lefebvres aus Paris an mich zustande gekommen war!

»Ich bin froh, dass wir das mit Paris so arrangieren konnten. Bitte, versprich mir, dass du dich bei den Lefebvres benimmst. Marie ist eine alte Brieffreundin von mir. Sie war früher mal eine Balletttänzerin, also hat sie auch eine künstlerische Ader wie du. Und Camille ist in deinem Alter. Ihr werdet euch bestimmt gut verstehen.«

Camille, so hieß Marie Lefebvres Tochter. Das arme Kind, denn wie konnte man nur wie der fadeste Tee der Welt heißen? Ich selber war nach einem Filmstar benannt, nach Ava Gardner, der coolsten und schönsten Frau der Leinwand, die Männern reihenweise und gnadenlos das Herz gebrochen hatte. Wie sollten Camille und ich uns da gut verstehen? Zudem war sie mit ihren vierzehn Jahren noch zwei Jahre jünger als ich. Also waren wir nicht im selben Alter, sondern sie war ein nerviger pubertierender Fratz. Uns trennten Welten, das war schon mal klar.

»Brieffreundin. Das klingt so altmodisch«, sagte ich.

Meine Mutter lächelte. »Das ist es auch. Leider. Was schreibt man heutzutage noch mit der Hand? Dabei fließen die Gedanken beim Briefeschreiben ganz anders. Aber bei euch gibt es nur noch Mails und SMS. Wann hast du den letzten Brief geschrieben?«

Ich überlegte. »Als ich das letzte Mal die Schule geschwänzt habe. Der Lehrer wollte eine von dir unterschriebene Entschuldigung haben. Also habe ich sie ihm geschrieben.«

Da musste sogar meine Mutter lachen.

»Voilà, Mesdames«, sagte Mogens, als er die Kaffeetassen auf dem hohen Tischchen vor uns abstellte. Mein Espresso sah zum Magenumdrehen bitter und stark aus. »Un café au lait pour Susanne et un espresso sans de la lait pour Ava

»Sans de la lait. So ein Quatsch. Sans du lait«, verbesserte ich ihn, und er sah mich beleidigt an. Weshalb sind Jungen nur immer so empfindlich?

Wir standen vor den hohen Glastüren der Sicherheitskontrolle und lange Menschenschlangen schoben sich im Schneckentempo zwischen den Absperrungen nach vorn. Ein Dreijähriger hatte sich auf den Boden gesetzt und weigerte sich, wieder aufzustehen, was die Schlange komplett zum Stillstand brachte, während seine Mutter alle Register zog, um ihn wieder auf die Füße zu bringen.

Meine Mutter umarmte mich und sagte: »Pass auf dich auf, okay? Lass dich nicht ansprechen. Paris ist nicht Augsburg. Warte am Flughafen, bis Henri Lefebvre dich abholt. Versprich mir das, ja?«

Ich nickte und zückte meinen Pass und meine Bordkarte. Dann umarmte mich Mogens und seine Augen schimmerten gefährlich. Oh nein, er würde doch jetzt bitte nicht weinen! Wenn jemand, den ich mochte, weinte, musste ich sofort mitweinen, ob ich nun traurig war oder nicht. Mogens schluckte hart und zog mich an sich.

»Das wird schon klappen und du hast sicher eine tolle Zeit. Sag, wenn ich dich besuchen kommen kann. Du wirst mir fehlen. Sehr sogar. Das weißt du doch, oder?«

Er neigte seinen Kopf nach vorn und meine Mutter drehte sich taktvoll weg, aber dennoch erlaubte ich ihm nur einen kurzen Kuss.

»Was ist denn los?«, fragte er mich und sah traurig aus, als ich ihn leicht von mir schob.

»Ich werde lieber abgeholt als weggebracht. Abschiede sind zu lang«, sagte ich.

»Dann fassen wir uns kurz, mein Liebling«, sagte meine Mutter und umarmte mich ein letztes Mal. »Viel Spaß. Ruf mich an, wenn du gut angekommen bist. Und grüß mir Marie und Henri. Und Camille natürlich. Sei nett zu den Lefebvres und blamiere mich nicht.«

Mogens umarmte mich ebenfalls noch einmal. »Versprich mir, dass du ein großes Mädchen bist und nicht an Märchen glaubst.«

Ich lachte. »Klar bin ich schon groß, ich kann sogar ganz allein auf mich aufpassen. Aber was meinst du denn mit nicht an Märchen glauben?«

»Na, dann weißt du, dass es nichts bringt, Frösche zu küssen. Sie werden nicht zu Prinzen. Niemals. Ein Prinz ist ein Prinz und ein Franzose ist ein Frosch.«

»Oh Mann.« Mogens konnte manchmal wirklich schrecklich eifersüchtig sein. »Mogens, wirklich.« Ich verdrehte die Augen.

»War nur ein Scherz. Ich hab dich lieb, Ava«, sagte Mogens, der plötzlich unter seinem Wust an dunkelblondem Haar sehr blass aussah. Seine blauen Augen waren vor Sehnsucht dunkel, und ich spürte, dass er auf eine Antwort von mir wartete.

Ich hab dich lieb.

Aber das waren für diesen Augenblick viel zu große Worte für mich, und ehe ich ihm antworten musste, schoben mich Gott sei Dank andere Reisende vorwärts, in die Schlange der Wartenden hinein, die sich nun wieder bewegte, denn der bockige Dreijährige war endlich vom Boden aufgestanden. Ich war gerettet, doch in Mogens’ Augen las ich noch immer seine Trauer über den Abschied und den brennenden Ernst, mit dem er Ich hab dich lieb gesagt hatte.

Ich zeigte an der Kontrolle meinen Pass und meine Bordkarte vor und drehte mich dann ein letztes Mal um. Mogens hob seine Hand und auch meine Mutter winkte mir noch einmal zu. Ich erwiderte die Geste und zwang die Tränen zurück.

Auf der anderen Seite ging es mir schon etwas besser, aber ich hatte dennoch keine Lust, mir im Duty Free bunte Lippenstiftstreifen auf den Handrücken zu schmieren oder mich mit dem neuesten Parfum einzunebeln. Ich benutzte sowieso seit Jahren Anaïs Anaïs, obwohl es jetzt vielleicht mal an der Zeit für etwas Erwachseneres wäre. Aber ich mochte das Parfum, denn das Mädchen, das dafür Werbung machte, hatte ein Ballettgesicht wie ich, sagte Mogens immer.

Am Gate angekommen, beachtete ich die anderen Reisenden nicht, sondern setzte mich und steckte mir die Hörer meines iPods in die Ohren. Mogens hatte mir die Musik seiner neuen Lieblingsband aufgeladen: fünf junge Franzosen, die unter dem Namen Neige de Juilliet spielten. Ihr Rhythmus gefiel mir, der schnelle Trommelschlag und die freien, frechen, mit dem Englischen gemischten Texte in Französisch. Ob diese Camille wohl Neige de Juilliet kannte?, überlegte ich und stellte den Sound lauter. So war ich vollkommen taub, und eine Stewardess musste mich an der Schulter rütteln, bis ich endlich den Kopf hob. Ich nahm die Hörer aus den Ohren und sah zu ihr hoch.

»Entschuldigung.«

»Sind Sie Ava Hofmann?«, fragte sie mich. Sie war stark geschminkt, und beim Sprechen sah es aus, als bekäme die Schicht aus Make-up auf ihrem Gesicht Risse. So ein Leben als Saftschubse musste hart sein, dachte ich mir. Immer freundlich bleiben und dann die trockene Luft in den Fliegern.

»Ja, weshalb?«

»Unser Flug ist überbucht. Und weil Sie allein reisen, habe ich Ihnen ein Upgrade in die erste Klasse gegeben. Ist das in Ordnung?«

Ich setzte meine Pokermiene auf und sagte todernst: »Ja, das ist in Ordnung.« Dann sandte ich Mogens eine triumphierende SMS.

Von jetzt an wollte ich nur noch erste Klasse fliegen, entschied ich, als ich meine Handtasche über meinem Kopf verstaut hatte und eine Stewardess sich mit einem Tablett in der Hand zu mir herunterbeugte.

»Darf ich Ihnen ein Glas Champagner anbieten?«

»Gerne«, sagte ich und nahm das vollste Glas, denn wenn ich es nicht nahm, dann tat es ein anderer. Als ich es an meine Lippen setzte, sah ich kurz auf und vergaß zu trinken.

Mein Blick begegnete den Augen des Mannes, der in der Sitzreihe neben mir am Fenster saß. Seine Augen waren dunkel wie Zartbitterschokolade und ihr Glanz erinnerte mich an das schimmernde Wasser unserer Badeseen, wenn wir in Sommernächten dort grillten und badeten. Wow! Er war vom Sommer noch braun gebrannt und seine schulterlangen, lockigen braunen Haare fielen auf ein lässiges blaues Hemd, das am Hals offen stand und das er über einer Jeans trug.

Mein Herzschlag stolperte bei seinem Anblick. War er vorhin am Gate auch schon da gewesen? Nein, sicher nicht. Schade, dass mein Skizzenblock in der Klappe über meinem Kopf verstaut war. Ich hätte gern eine rasche Zeichnung von ihm gemacht.

Er hatte mich bei der Wahl des Champagnerglases beobachtet und hob jetzt sein Glas, ehe er leise sagte: »Santé

Ich erwiderte seine Geste stumm und nippte mit gesenkten Lidern an dem Champagner, dessen Perlen mir in die Nase stiegen und sie wie bei einer Vorahnung kribbeln ließen.

Als ich wieder aufsah, lächelte er mir noch einmal zu. Zwei seiner Zähne liefen so spitz wie bei einem Wolf zu. Als er die Zeitschrift in seiner Hand aufschlug, war mir klar: Man kann auch als großes Mädchen noch an Märchen glauben.

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Ich war schon mehrere Male geflogen, aber das Gefühl, so hoch über den Wolken zu schweben, hatte seinen Reiz noch nicht verloren. Ich wollte nie so betont gleichgültig wegschauen, wenn die Stewardess mir erklärte, wie ich mich im Notfall zu verhalten hatte, schwor ich mir, und ich wollte auch nie während des Fluges kein einziges Mal aus dem Fenster sehen, wie all die anderen in grauen Flanell gekleideten Geschäftsreisenden, die um mich herum saßen, es taten. Vor den grauen Anzügen leuchteten die roten Converse All Star des jungen Mannes in der Reihe neben mir wie ein Fliegenpilz auf dunklem Moos.

Ich sah wieder nach draußen und kniff geblendet die Augen zusammen. Oh, Mann – Wolken! Gab es auf der Welt etwas Einmaligeres? Wer sich das hat einfallen lassen, war gewiss kein schlechter Typ. Vor allen Dingen, wenn er in die Reihe neben mir solche Männer wie diesen setzte, obwohl der mich seit seinem gemurmelten »Santé« vor gut zwanzig Minuten nicht wieder angesehen hatte. Stattdessen blätterte er mit gerunzelter Stirn in einem Magazin. Mit gerunzelter Stirn war eigentlich übertrieben gesagt, denn er hatte nur die eine Augenbraue kunstvoll hochgezogen, was seinem Gesicht einen konzentrierten und ernsten Ausdruck verlieh. Nicht dass ich hinübergeschaut hätte, um das festzustellen. Nein, nein. Aber gerade weil er mich jetzt vollständig ignorierte, wünschte ich mir, er möge mich immerzu ansehen und mich vielleicht fragen, wohin meine Reise denn gehe. Blöde Frage, rügte ich mich, denn schließlich saß ich hier in einem Flugzeug und stand nicht auf einer Kreuzung. Ich fliege nach Paris, und Sie? Rom vielleicht, oder Hamburg?

Ich schaute weiter aus dem Fenster und versuchte dabei, meine Augenbraue ebenso gekonnt, wie er es tat, hochzuziehen. Als ich mich wieder umdrehte, trafen sich unsere Blicke, und vor Schreck rutschte mir die Augenbraue zurück an ihren angestammten Platz.

»Woran denken Sie, wenn Sie nach draußen sehen?«, fragte er mich mit einer überraschend tiefen Stimme.

Vous, sagte er – Sie. Tatsächlich, er siezte mich, als wäre das die normalste Sache der Welt, obwohl ich doch offensichtlich noch ein Teenager und er nicht viel älter als ich war. Ein albernes, sehr un-sieziges Lachen stieg in meiner Kehle hoch, und ich räusperte mich rasch, um es zu unterdrücken. Er stützte den Ellenbogen auf die Lehne und das Kinn in seine Hand und schaute mich abwartend an. Die beeindruckend geschwungene Augenbraue stieg noch ein Grad höher, aber nun lächelte er wieder und sah aus wie ein Schuljunge, dem gerade eine gute Idee gekommen war, wie er den Lehrer ärgern konnte.

»Ich denke darüber nach, wo all die Frauen sind«, platzte ich heraus und war dankbar für jede Französischstunde, die ich nicht geschwänzt hatte. Denn sonst hätte ich nun ohne Worte dagestanden, obwohl ich sicher noch immer in jedem Satz tausend Fehler machte.

Er lachte ein angenehmes Lachen, das tief aus seinem Bauch kam. »Sie überlegen sich, wo all die Frauen sind? Ist das nicht eigentlich Männersache?«

Ich ärgerte mich über meine Ehrlichkeit, aber nun blieb mir nur die Flucht nach vorn. Im Stillen schickte ich ein Dankesgebet an meine Mutter, die mich nie irgendeine Meinung äußern ließ, ohne sofort nachzuhaken. Jetzt machte ich es wie sie.

»Gibt es das denn noch, Männersachen?«, fragte ich ihn zurück. Sein Lächeln vertiefte sich und zwei Grübchen erschienen auf seinen Wangen, während er überlegte, bevor er mir antwortete.

»Vielleicht gibt es sie noch, vielleicht auch nicht mehr. Das werden Sie in Ihrem späteren Leben entscheiden müssen. Also, wo sind all die Frauen? Was meinen Sie, Mademoiselle?«

Ich verzog wie zufällig meinen zartrosa Cardigan und zeigte dabei meine nackten, vom Sommer noch gebräunten Schultern, die aus einem weißen Feinripptop hervorsahen. Ich trug keinen BH und im Flugzeug war es kühl.

Der Mann zwinkerte einmal zu viel, ließ aber sonst seinen Blick auf meinem Gesicht haften und wiederholte seine Frage.

»Wo sind all die Frauen? Cherchez la femme, so sagen wir zumindest in Paris.«

»Na ja – sehen Sie sich doch mal hier um. Wir sitzen in der ersten Klasse in einem Flugzeug«, sagte ich.

»Und?«

»Außer mir selber ist nur noch ein weibliches Wesen hier und das ist bestimmt eine Ehefrau.« Ich zeigte diskret mit dem Kinn hin zu der Dame, die in karamellfarbenem Kaschmir in der ersten Reihe saß und eine Frauenzeitschrift las.

»Noch kann ich Ihnen folgen«, sagte er freundlich.

»Die Schulen und Unis sind voll mit Mädchen und jungen Frauen, die alle Karriere machen wollen. Wo sind sie also? Sollten sie nicht genau wie die Männer geschäftlich in aller Welt unterwegs sein und hier mit uns sitzen?«

Er schüttelte den Kopf. »In Ihrem Land werden diese Frauen leicht an die dreißig, ehe sie mit einer Karriere beginnen können. Und dann müssen sie Kinder bekommen, denn sonst ist es zu spät. Und das ist noch immer Frauensache und wird es voraussichtlich auch immer bleiben.«

»Okay. Das stimmt für das Kinderbekommen. Sich aber nachher um diese Kinder zu kümmern, ist das dann auch unbedingt Frauensache? Kann ein Mann das nicht genauso gut tun?«, erwiderte ich kämpferisch. »Müssen denn unbedingt die Frauen alles dafür aufgeben?«

Er sah mich nachdenklich an, aber in seinen Augen glitzerte noch immer dieses Licht. Offensichtlich machte ihm unsere Unterhaltung großen Spaß. Oder nahm er mich etwa kein bisschen ernst? In meinem Inneren stellten sich Stacheln auf. Mogens nannte das meinen inneren Igel, wenn er mich ärgern wollte.

»Wer hat Sie erzogen? Ihr Vater? Oder Ihre Mutter?«, fragte mich der Mann.

»Meine Mutter«, sagte ich kurz. Dass ich nicht einmal wusste, wer mein Vater war, tat hier nichts zur Sache. Erzogen hatte mich meine Mutter. Wenn man das so ausdrücken konnte: erzogen. Sie hatte mich eher in ihr Leben genommen, ob ich das nun wollte oder nicht, und mich als Säugling in der Tragetasche mit in den Hörsaal geschleppt.

»Und wie kommt es, dass Sie hier in der ersten Klasse sitzen? Hat Ihr Vater mit seiner erfolgreichen Karriere dafür bezahlt?«, fragte er weiter.

Seine Frage war unverschämt offen und provokant. Aber gut, entschied ich, ich hatte das Thema schließlich selbst heraufbeschworen. Ich wurde rot, als ich ehrlich antwortete: »Ich habe einen Upgrade bekommen, weil der Flieger überbucht war.«

Er lachte. »Das gefällt mir. Vor allen Dingen, dass Sie das so offen zugeben. Glück muss man haben im Leben, sonst bringt man es zu gar nichts.«

»Und Sie?«, fragte ich frech zurück. »Wer zahlt für Ihr Ticket?« Ich betonte das Ihr bewusst. Votre billet. Im Deutschen wäre es mir albern vorgekommen, ihn zu siezen, denn er war sicher nicht mehr als sechs oder sieben Jahre älter als ich. Im Französischen aber löste diese Anrede etwas Seltsames aus: einen Abstand, der uns nahebrachte und der unser Gespräch noch interessanter machte.

»Ich bin geschäftlich unterwegs«, erwiderte er und klappte nun die Kunstzeitschrift zu, die bis dahin offen aufgeschlagen auf seinen Oberschenkeln gelegen hatte. Er sah einen Augenblick auf das Cover und dann aus dem Fenster. Mein Blick fiel auf seine Hände, die das Magazin einrollten. Seine Fingernägel waren kurz geschnitten und peinlich sauber, aber an seinen langen feingliedrigen Fingern klebte – Farbe. Ich musste zweimal hinsehen, um mich zu vergewissern. Aber ja, es war Farbe: lauter bunte Kleckse.

Schade, dass seine Antwort so knapp gewesen war, dass sich die Frage Und was tun Sie geschäftlich eigentlich verbot. Das Gespräch mit ihm hatte auch mir Spaß gemacht. Mogens sagte immer, Frauen seien Ohrentiere und ihre Herzen nur über ein gutes Gespräch und Gelächter zu gewinnen. Das Zitat war natürlich geklaut, und zwar aus Oskar Wildes Roman Das Bildnis des Dorian Gray. Wilde konnte sich nicht irren, entschied ich, aber gerade jetzt wollte ich nicht an Mogens denken.

Ehe ich noch etwas sagen konnte, ging über unseren Köpfen das Anschnallzeichen an. Ich schloss den Gurt über meinen Hüften, die in engen schwarzen Jeans steckten, und bemerkte aus den Augenwinkeln, dass er mich dabei beobachtete. Meine Haut prickelte wie unter einer Berührung, ich sah nicht auf, als ich mir meinen Cardigan wieder zurechtzog und das Flugzeug sich im Landeanflug senkte.

»Sehen Sie aus dem Fenster«, sagte er zu meiner Überraschung auf Deutsch.

»Weshalb?«

»Tun Sie es einfach.«

Ich gehorchte und mein Herz schlug vor Aufregung schneller. Tief unter uns zog sich die Seine wie ein silbernes Band zwischen ihren beiden Ufern hindurch und trennte und einte die Stadt mit ihrer Unzahl an grauen Häusern. Ich machte den Triumphbogen aus, von dem sternförmig die Avenuen um die Champs-Élysées abgingen. Auf einem grünen Hügel schimmerten weiß die Zuckerbäckerkuppeln von Sacré Cœur, so, wie ich sie auf dem Umschlag meines Französischbuches gesehen hatte. In Echt sahen sie aber selbst im Miniaturformat noch viel besser aus.

»Wunderschön«, sagte ich leise.

»Schauen Sie nach rechts.« Es klang, als halte er eine besondere Überraschung für mich bereit.

Ich wandte den Kopf. Der Eiffelturm ragte mir steil aus der grünen Weite eines Marsfeldes entgegen und schien mich zu grüßen. Beinahe hätte ich zurückgewunken, aber ich ließ die Hand gerade noch auf der Armlehne ruhen.

Der Mann lächelte noch immer, als ich wieder zu ihm sah. Seine langen lockigen Haare waren wie bei einem Jungen verstrubbelt und die Grübchen auf seinen Wangen sehr tief, er sagte: »Der Anblick nimmt mir immer wieder den Atem. In dieser Stadt kann in jedem Augenblick alles passieren. Es gibt auf der ganzen Welt keinen anderen Ort wie diesen.«

Der Flieger setzte mit einem harten Schlag auf und die Bremsen verursachten ein sausendes Geräusch. Am Fenster flog das Grün von Baumspitzen vorbei, wie bei einem Film, der viel zu schnell abgespielt wurde. Dann verlangsamten sich die Bilder und um uns waren nur noch die Wiesen von Roissy: Kleine Grünflächen, auf denen sich Hunderte von Hasen tummelten.

»Eines Tages bricht dieser ganze Flughafen einfach weg, so viele Hasen haben hier ihren Bau«, sagte der Mann, als er aufstand, um seine Tasche aus dem Fach über seiner Sitzreihe zu holen.

»Weshalb tut niemand etwas gegen die Hasen?«

Er zuckte mit den Schultern und wechselte wieder ins Französische. »Leben und leben lassen. Bienvenue à Paris, Mademoiselle. Wie heißen Sie eigentlich?«

»Ava.«

»Was für ein schöner Name. Das hat Klasse. Ich heiße Jean-Loup.«

Wir verließen das Flugzeug vor all den anderen Passagieren, die alle gleichzeitig ihr Handy einzuschalten schienen, denn die Luft war von einem vielstimmigen Piepsen erfüllt. Jean-Loup ging mir voran, ohne sich noch einmal nach mir umzudrehen, und befragte ebenfalls sein Handy nach verpassten Anrufen oder Nachrichten. Ich steckte mir wieder die Hörer meines iPods in die Ohren. Die besorgte SMS von Mogens, ob ich denn auch gut angekommen sei, konnte ich auch später noch beantworten. Nun musste ich zuerst an meinen Koffer kommen.

Ich war mit einem Mal erleichtert, dass Henri Lefebvre mich abholte, denn schon der Anblick dieser Stadt von hoch oben in der Luft hatte mich überwältigt. Ich wollte mich ihr nicht sofort ohne Schutz und Begleitung nähern.

Als wir den Gang betraten, in dem Schilder zur Gepäckausgabe wiesen, drehte Jean-Loup sich plötzlich um und wartete auf mich. Seine Tasche hatte er dabei über seine Schulter geworfen. Sie war zwar eine dieser Monogramm-Gepäckstücke, die ich eigentlich nicht ausstehen konnte, aber diese Tasche war wie ein Seesack geschnitten, durch dessen Ösen er einen Strick gezogen hatte, und sie sah so aus, als hätte er sie von seinem Großvater geerbt. Abgewetzt und echt und keine Billigkopie aus Thailand – cool!

»Ich habe es eilig. Viel Glück, Ava. Schön, dass wir uns kennengelernt haben. Sie sind anders«, sagte er.

»Wie anders?«, fragte ich und ärgerte mich, wie erstaunt meine Frage klang. Eine französische Dame von Welt hätte nur die langen Wimpern niedergeschlagen und mit geschlossenen Lippen ein feines und geheimnisvolles Merci gelächelt, statt so direkt nachzufragen.

»Das werden Sie noch herausfinden. Ich muss los. A bientôt

A bientôt? Auf bald? Wie denn und wo denn? Er hatte ja nicht einmal meine Telefonnummer und ich nicht seine. Aber ehe ich danach fragen konnte, hatte er sich schon auf dem Absatz umgedreht und schob sich mit vielen gemurmelten Pardon, Pardon zwischen den anderen Reisenden, die ihm widerwillig Platz machten, hindurch. Dann war er verschwunden, und in der Luft blieb ein Loch zurück, das seinen Umriss hatte.

Der Flughafen von Roissy war an dem Tag meiner Ankunft ein Umschlagplatz der großen Gefühle. Noch nie hatte ich so viele sich umarmende, küssende Leute auf einem Haufen gesehen wie hier. Menschen aller Hautfarben sprachen miteinander und unter das meist mit starkem Akzent gesprochene Französisch mischten sich so viele Wortfetzen anderer Sprachen, dass ich an den Turmbau zu Babel dachte, nur hier schienen sich alle miteinander zu verstehen. Ganze vietnamesische Sippen erwarteten lautstark die Ankunft ihrer Verwandten; hochgewachsene Männer aus Afrika überlegten im letzten noch offenen Duty Free Shop vor der Gepäckausgabe, welche goldene Uhr auf ihrer Haut am meisten funkelte; eine Gruppe tief verschleierter Frauen huschte aus einem Gate, an dem gerade der Flug aus Algier angekommen war, und zwei dicke afrikanische Mamas standen in der Schlange an der Passkontrolle vor mir und unterhielten sich. Die Selbstsicherheit, mit der sie ihre beachtlichen Hinterteile in enge, lange und kreischend bunt gemusterte Röcke gezwängt hatten, beeindruckte mich ebenso wie die Eleganz, mit der sie den passend gemusterten Turban und die großen Kreolenohrringe trugen.

»Sehen Sie mich an«, forderte mich der Beamte an der Passkontrolle streng auf, als ich ihm meinen Personalausweis auf den Schalter legte. Ich gehorchte verschüchtert. Er aber lächelte mich an und schob mir den Ausweis wieder über das Glas zurück. »Wusste ich es doch. Sie haben schöne Augen, Mademoiselle. Bienvenue à Paris

Ich musste lachen, denn meine Augen waren wirklich schön: ganz hellgrün und so mandelförmig wie die einer Katze. Ich musste sie von meinem Vater geerbt haben.

Als sich die Glastüren nach dem Passieren des Zolls vor mir öffneten, schlug mein Herz schneller.

Ich hatte Henri Lefebvre, den Vater meiner Gastfamilie, schon einmal gesehen, aber das war so lange her, dass ich mich beim besten Willen nicht mehr an ihn erinnern konnte. War er blond oder braunhaarig? Groß oder klein? Trug er Schnurrbart oder war er glatt rasiert? Hoffentlich wusste er überhaupt, wie ich aussah!

Ich setzte mich in der Ankunftshalle auf meinen Koffer und schaute mich um. Nun konnte es mit meinem Leben losgehen, und zwar schnell!

Eine Stunde später saß ich immer noch da, denn niemand, der auch nur entfernt Henri Lefebvre hätte sein können, war zu sehen. Alle anderen Passagiere meines Fluges waren schon längst verschwunden und der Ausgang der Gepäckausgabe spuckte unablässig neue Ankömmlinge aus. Den Zettel, auf dem meine Mutter mir Henri Lefebvres Handynummer notiert hatte, hatte ich natürlich verloren, und sie selber ging nicht ran, als ich sie anrief. Die großen Gefühle der anderen Reisenden, die alle, so kam es mir jedenfalls vor, überschwänglich begrüßt wurden, stimmten mich jetzt missmutig. Ich wollte auch willkommen geheißen werden und mich ebenfalls zugehörig fühlen.

»Ava?«, fragte da eine männliche Stimme von hinten und ich wandte den Kopf. Henri Lefebvre musste gelaufen sein, denn der Schweiß rann ihm über die Stirn bis in die grauen Augen, die mich klug und freundlich hinter dicken Brillengläsern ansahen. Er wischte sich das Gesicht mit seinem blauen Hemdsärmel ab, in dessen weiße Manschetten seine Initialen eingestickt waren.

»Komme ich zu spät? Wartest du schon lange?«, fragte er erstaunt und sah auf seine Uhr. »Mon Dieu, das dumme Ding ist stehen geblieben. Wie mir das passieren konnte. Ich war so in die Lektüre des neuen Falls vertieft, dass ich gar nicht darauf geachtet habe. Entschuldige …«

»Schon gut. Jetzt sind Sie ja da«, sagte ich halbherzig und erhob mich von meinem Koffer, um meine Beine zu strecken. Dabei fiel mir auf, dass ich gut fünf Zentimeter größer war als Henri Lefebvre. Er fasste dennoch tapfer nach dem Griff meines Koffers.

»Ja, jetzt bin ich da. Lass uns gehen, ich habe im Halteverbot geparkt und die Flics verstehen hier keinen Spaß. Ich glaube, die arbeiten auf Kommission, so fix wie sie mit dem Ausstellen von Strafzetteln sind«, sagte er und schleifte den Koffer mehr, als dass er ihn zu einem der Ausgänge trug. Ich folgte ihm, und als sich die Schiebetür öffnete, traf mich die Luft von Paris wie ein Schlag auf meine Lungen, denn sie schmeckte dick, grau und schmutzig. Ich musste ein keuchendes Geräusch gemacht haben, denn Henri Lefebvre drehte sich erstaunt nach mir um.

»Ist alles in Ordnung?«